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Archive for Juni 2010

Stop being a color – Verspätete Grußformel anlässlich des 1. Todestages von Michael Jackson

Juni 24, 2010 2 Kommentare

„I‘m not going to spend
My life being a color.“

Michael  Jackson, Black Or White (Dangerous, 1991)

Als Michael Jackson gestorben ist habe ich ehrlich getrauert. Für mich war er ein Idol seit meiner Kindheit. Es war nicht immer leicht ein bedingungsloser Fan zu sein, aber selbst als er nur noch mit Skandalen und schlechter Presse in die Nachrichten gelangte, bestand mein erster Impuls immer darin, für ihn Partei zu ergreifen. Es wird vielen anderen auch so gegangen sein, aber für die Mehrheit war MJ eine Witzfigur, jemand über den man dumme und geschmacklose Scherze machen konnte. Aber mehr noch war MJ eine Hassfigur für Intellektuelle. Ob er sich wirklich des Missbrauchs von Kindern schuldig gemacht hat, erscheint bis heute fraglich, er wurde jedenfalls nie deswegen verurteilt. Und dies gilt auch angesichts der Tatsache, dass jeder weiß, dass Reiche vor Gericht bessere Chancen haben. Aber schon lange vor diesen schwerwiegenden Vorwürfen hatten die allermeisten MJ Hasser den Sänger in ihrem Visier und bedachten ihn mit Hohn und Spott. Fast jeder kennt die dummen Sprüche, die sich um sein unorthodoxes Haustier, einen Schimpansen namens Bubbles drehten. Die geschmacklosesten und dümmsten Witze unterstellten MJ eine Art sexuelles Verhältnis zu dem Tier, wohl wissend, welche merkwürdigen rassistischen Projektionen hinter solchen Phantasien steckten.

Linke Intellektuelle oder solche, die sich dafür hielten hatten mit Michael Jackson immer ihre Schwierigkeiten. Man konnte in den Milieus, die von linken Intellektuellen bevölkert werden,  ein Fan von Bob Dylan,  Johnny Cash oder auch David Bowie sein, aber wenn man sich wie der Autor dieser Zeilen unter studentischem Publikum als Michael Jackson Fan outete, wurde man zumeist belächelt und nicht für voll genommen. Man galt vor allem Anfang der 90er einfach als uncool. Victor Adler, dem Mitbegründer der österreichischen Sozialdemokratie, wird der Satz zugeschrieben: „Lieber mit den Massen irren als gegen sie recht behalten.“ In diesem Fall wollte man unbedingt gegen die Massen recht behalten und auf gar keinen Fall mit ihnen irren.

Michael Jackson war niemals ein Popstar für Intellektuelle. Und dies hat nicht mit kommerziellem Erfolg zu tun, sonst würden jene linken Zeitgenossen weder für Bob Dylan noch Johnny Cash schwärmen, die beide in dieselbe Liga gehören, was verkaufte Tonträger angeht. Michael Jackson ist ein Popstar der Massen gewesen, weniger der „King of Pop“ als ein globaler Volkstribun, dessen schiere körperliche Präsenz alle sprachlichen und kulturellen Barrieren aufhob.  Seine Fans waren Menschen, die keine Distanz brauchten, sondern Identifikation. Eine Sache mit der die Intellektuellen (und der Autor nimmt sich da nicht aus) immer ein wenig zu kämpfen haben. „Pop ist nicht Code, sondern die Veränderung von Codes; nicht Form, sondern die Veränderung von Form.“, schrieb Georg Seesslen einmal und Michael Jackson war ein Künstler, der alle Formen und Codes über seinen Körper transformierte und die Codes veränderte mit denen in Pop Politik gemacht wird. Da war zum einen immer die Geschichte mit seiner Hautfarbe. Als im Oktober 1991 die erste Singleauskoppelung aus Michael Jackson’s Album „Dangerous“  die Radios und Hitparaden dieser Welt eroberte,  war sein Interpret bereits seit längerer Zeit Gegenstand eines sehr merkwürdigen Diskurses unter Journalisten und Publikum. Sein Hit „Black Or White“ hatte eine scheinbar einfache (und harmlose) Botschaft mit dem eingängigen Refrain „It don’t matter if you’re black or white“ anzubieten, deren naive Selbstverständlichkeit jedoch von einem anderen Thema überschattet wurde.

Schon seit Ende der 80er Jahre hatte es im Hintergrund des öffentlichen Bewusstseins  immer wieder auftauchende Fragen um Michael Jacksons Hautfarbe gegeben. Zum Teil verwunderte, zum Teil hämische Berichte und Bilder in Yellow Press und Fernsehen schilderten ungläubig Michaels Transformation vom deutlich erkennbaren Schwarzen aus seiner Jackson 5 Zeit zum blassen albinoartigen Mischwesen, in das er sich während seiner Solokarriere verwandelte hatte. Alle möglichen Gerüchte über Gesichts und Schönheitsoperationen, Hautbleichungen und Pigmentstörungen waren Bestandteil des Mythos um den „King of Pop“, und als er im Oktober 1991 darüber sang, dass es egal sei, ob man schwarz oder weiß wäre, brachen in zahlreichen Köpfen alle Dämme, die der Anstand bis dahin noch aufrecht erhalten hatte.

Michael Jackson, so konnte man in musikjournalistischen Ergüssen jeder Couleur lesen, sei ein Verräter an den Schwarzen. Er verleugne seine Herkunft, seine „Rasse“ (auch wenn sich die wenigsten trauten das so zu schreiben, aber es war durchaus in der Luft). Er versuche ein Weißer sein, indem er sich die Haut (angeblich) bleichen ließ. Michael war ein Affront, und dann sang er auch noch schamlos „It don’t matter if you’re black or white“. Es wurde als ein Affront empfunden, dass ein Künstler zwar davon sprach dass es keine Rolle spielte ob man schwarz oder weiß sei, aber selbst – so die Unterstellung – in Wirklichkeit lieber weiß sein wollte. Vor allem Intellektuelle betrachteten das als Doppelmoral, weil ein ursprünglich dunkelhäutiger Sänger nicht mehr länger einem schicksalhaft angeborenen Kollektiv zugeschrieben werden konnte.

Interessanterweise hatte ein Großteil der afroamerikanische Community mit diesen farblichen Veränderungen kaum Probleme, auch die überwältigende Masse der Fans weltweit schien sich davon nicht beirren zu lassen. Das Problem mit Michaels Hautfarbe schienen paradoxerweise vor allem die Intellektuellen zu haben. Es gehörte zu den Merkwürdigkeiten des Diskurses, dass sich vor allem Menschen, die sich selbst als antirassistisch betrachteten, den ganzen Dreck vom Verrat an der schwarzen Hautfarbe reproduzierten.

Was Michael Jackson in den Zeiten vor Political Correctness aber offenbar besser verstand, (und mit ihm jene Massen, gegen die man unbedingt recht behalten wollte) war, dass man nicht dabei stehen bleiben durfte, nur zu sagen, dass es keine Rolle spielte, ob man schwarz oder weiß war, sondern dass man das selbst verändern musste. All die Fans und Menschen von der Straße, denen man ihr ganzes Leben zu verstehen gegeben hatte, dass ihr Schicksal und ihre Bestimmung feststand, wurden von einem Popstar darauf aufmerksam gemacht, dass Veränderung möglich ist. Stop being a color. Der Skandal bestand also darin, dass sich jemand nicht auf ein zahnloses humanistisches Ethos verließ, dass es keine Rolle spielen würde, ob man schwarz oder weiß war, solange man auch eindeutig schwarz oder weiß blieb, sondern sich aus der Identitätspolitik und ihrem Dilemma verabschiedete. Das Dilemma kann man im schönen Satz zusammenfassen: „Vergiss dass ich schwarz bin, aber vergiss nie dass ich schwarz bin“. (Er könnte von bell hooks stammen, aber ich weiß es nicht mehr genau.) Es gab natürlich auch afroamerikanische Stimmen, die Michael Jacksons Veränderung als Verrat auffassten, aber den stärksten Widerhall fand dieser Diskurs absurderweise bei den (weißen) Gebildeten, den Menschen, die sich gewohnheitsmäßig als antirassistisch definieren. Michael durchbrach einfach die Grenzen der „Rasse“, ohne dies politisch zu begründen, als rein ästhetische Performance körperlicher Präsenz und dies führte zu unglaublichen Verwirrungen.

Es verwundert niemand, wenn Rechtsextreme und Nazis einen Künstler, der die „natürlichen“ Schranken von Hautfarbe und Geschlecht in Frage stellt, diffamieren. Viel verwunderlicher ist aber, wenn Linke das tun.  Es mag ebenfalls nicht verwundern, wenn Identitätspolitik wie sie von afroamerikanischer Seite in den 90er betrieben wurde, sich bedroht fühlt, wenn ein Künstler diese Grenzen zwischen den „Rassen“ auf denen Politik und vor allem auch antirassistische Politik aufsetzen muss, verwischt, aber warum sich weiße Mittelstandsintellektuelle davon bedroht fühlen, ist doch ein merkwürdiges Rätsel. Der französische Autor Alain de Benoists, der ein wichtiger Stichwortgeber des politischen Phänomens der „Neuen Rechten“ gewesen ist, hatte ja empfohlen, nicht auf der „Überlegenheit der weißen Rasse“ zu beharren, sondern auf einem kulturellen Unterschied der zwischen den Kulturen herrschen soll auszuweichen. Die jeweilige Klientel würde das dann so interpretieren, wie es tatsächlich gemeint war.

Oder vielleicht doch nicht. Wenn man Identitätspolitik als ein Konzept definiert, das darauf aus ist, Menschen als kollektives Phänomen, wie „die Schwarzen“ oder in PC Zeiten „die Afroamerikaner“ zu begreifen und politisch zu formieren, dann verwundert es wohl nicht, dass man es dem übel nimmt, der versucht aus diesem Kollektiv auszusteigen. Und zwar unabhängig davon ob es ein gutes, politisch notwendiges Kollektiv war oder ein ganz böses. Michael Jacksons Kunst war auf eine bestimmte Art nicht kollektivierbar als Gruppenidentität, sondern universal. Seinen astronomischen Verkaufszahlen trauert die Musikindustrie bis heute nach, weil es seit MJ keinen Popstar mehr gibt, der weltweit ohne wesentliche Änderungen des Images vermarktbar wäre. Michael Jackson war als Popstar  eine Cashcow, deren einmalige Fähigkeit bestand tatsächlich (fast) alle Segmente der Gesellschaft ansprechen zu können.

Sie behauptete keine bestimmte Identität mit einem Genre und einem Stil, sie war schwarz und weiß, männlich und weiblich, immer androgyn und polymorph. Eines der auffälligsten Mitglieder seiner Tourband aus den 80er Jahren war eine extrem gestylte Gitarristin zwischen Punk und Speed Metal, (sie taucht z.B. im Video von „Dirty Diana“ auf), die wie eine Parodie auf alle Klischees eines Machorockers aussah.  Und die weißen bürgerlichen Leuchter stellten sich die Frage: Warum ist der so populär?

Eine Antwort auf diese Frage liefert vielleicht ein weiterer Geniestreich des Michael Jackson aus dem Jahre 1995, ein Song und Video namens „They don’t care about us“. Gedreht unter der Regie von Spike Lee in einer Favela in Rio, sorgte allein die Produktion schon für Aufregung. So soll die Produktionsleitung mit den örtlichen Verbrecherbossen an den staatlichen Organen vorbei verhandelt haben, um eine sichere Durchführung der Dreharbeiten zu ermöglichen. Was man sieht sind die begeisterten Kinder und Jugendlichen, die tanzend und trommelnd mit ihrem Idol den Refrain singen: „All I wanna say is that, they don’t really care about us“. „They“, das sind die Intellektuellen, die Vertreter des Establishments, die gleichgültigen herzlosen Bastarde, die sich einen Dreck darum scheren, was diese Verlierer wirklich denken, aber alles dafür tun, sie zu instrumentalisieren. Das Leben ist kein Schicksal, das eigene Verlangen nach Veränderung ist keine Utopie. Es kann hier und jetzt realisiert werden, durch den eigenen Körper hindurch. Michael, das war eine seiner Qualitäten, konnte glaubwürdig vermitteln, dass dies für ihn nicht nur leere Worte waren. In einer alternativen Version des Videos befindet sich Michael in einem Gefängnis und organisiert im Rhythmus der Grooves eine Art tänzerischen Aufstand. Die Mauern um uns herum sind überall, aber sie können zerbrochen werden. Wir wissen nicht, was der Körper alles kann, so lehrt uns schon Spinoza, seine Affekte sind weitaus mächtiger als alles, was die Diskurse über den Geist und die Seele uns einzureden vermögen. Die Unterdrückten und Verlorenen haben nichts anderes als die Mächte ihrer eigenen Körper zur Verfügung, und ihnen berichtet Michael Jackson:

„Hit me, kill me, you can never break me!“

Über seinen Tod hinaus konnte er uns deutlich zeigen, dass es einzig und allein darum geht.

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Kategorien:Culture and War

Zum Begriff der Demokratie (1)

Kein anderes Wort hat eine so inflationäre Geschichte wie der Begriff der Demokratie. Zu den Paradoxien des Diskurses über die Demokratie gehört, dass in den Präambeln unserer Verfassungen zwar alle Macht vom Volk ausgeht, und man zur Begründung dieses Umstands sich auf antike Vorbilder beruft, aber die Zusammensetzung der Worte Demos und Kratos in den antiken Quellen eine überwiegend negative Beurteilung erfährt. Die Erfinder der Demokratie hielten nicht viel von ihr, trotzdem glauben wir unsere Gesellschaft aus einem Modell der griechischen Polis ableiten zu können, das vor 2500 Jahren die europäische Zivilisation begründete. Die Paradoxie geht noch weiter, wenn wir anerkennen, dass es prinzipiell keineswegs falsch ist, sich das so vorzustellen, uns aber gleichzeitig bewusst machen müssen, dass die mythologische Dimension dieses Gedankens seine tatsächliche historische Relevanz bei weitem in den Schatten stellt. Eine Zielsetzung dieser Serie wird darum sein, die unmittelbare Konfliktgeladenheit der heutigen Demokratie in ihrer heteronomen Gestalt deutlich zu machen.

Zwei faszinierende Bücher, die sich damit beschäftigen, aber wenig Resonanz erfahren haben, möchte ich im Lauf dieser Serie besprechen und die Konsequenzen ihrer spannendsten Inhalte  zur Diskussion stellen. Da wäre zum einen Luciano Canforras „Geschichte der Demokratie“ (La Democrazia. Storia di un‘ ideologia, Rom-Bari 2004), das einige Schwierigkeiten hatte einen deutschen Verleger zu finden, und zum anderen Jacques Rancieres großartiger Text „Das Unvernehmen“ (La Mésentente. Politique et Philosophie, Paris 1995). Beide Arbeiten leisten eine fundierte Kritik der antiken Traditionen und beleuchten die Konflikte, die sich aus der unkritischen Bezugnahme darauf ergeben. Während Canforra, ein Historiker und klassischer Philologe, sein Augenmerk darauf legt die Geschichte des Begriffs auch als Geschichte der Politik und politischen Akteure zu schildern, die seit Renaissance und Aufklärung daran arbeiten, die Grundlagen des modernen Gemeinwesens in die kapitalistische Moderne einzuarbeiten, konzentriert sich der Althusser Schüler Ranciere auf die philosophischen Konsequenzen, die sich aus einem ungelösten Konflikt ergeben, die seit der Antike das Gemeinwesen dominiert. Ich werde auf beide zurück kommen.

Eine Auseinandersetzung mit der Demokratie als politischem Kampfbegriff trifft jedoch in meinem Fall auf ein anderes Interesse, deren Ausarbeitung ich vorerst nur ankündigen kann. Dies ist der innere Zusammenhang, der zwischen (westlicher) Demokratie und Krieg besteht. Zu diesem Zweck werde ich, wenn die Zeit es zulässt, Canforras und Rancieres gründliche Kritik mit dem Werk eines zeitgenössischen Amerikaners konfrontieren, dessen Bücher einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben: Victor Davis Hansen. Der konservative Miltärhistoriker erforscht seit mehreren Jahrzehnten antike Quellen zur Kriegsführung und machte sich mit Arbeiten über den Zusammenhang zwischen antiker griechischer Polis und ihrem System der Landwirtschaft einen Namen in seiner Zunft.

Hansen ist ein republikanischer Konservativer, der den Irakkrieg und die Doktrine der Bushadministration leidenschaftlich verteidigt, für äußerst polemische Kritiken gegen Obamas Regierung bekannt ist (http://victorhanson.com/) und das Studium der antiken Traditionen ausschließlich als Anleitung und Geschichte der Kriegsführung betrachtet. Seine eindeutige Parteinahme für ein Modell westlicher Dominanz erscheint zwar durchaus kritikwürdig, bietet aber höchst aufschlussreiche Momente, wenn man sie mit einem Ansatz wie dem Canforras vergleicht. Canforra stellt in einem der ersten Kapitel seiner „Geschichte der Demokratie“ fest, dass die unterschiedlichen Entwicklungen in der amerikanischen und französischen Revolutionen der Tatsache geschuldet sind, dass sich die Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung auf die Bibel bezogen, um die Rechtmäßigkeit ihrer politischen Manöver zu stabilisieren, die Aufklärer Frankreichs sich unter dem Einfluss der Enzyklopädisten aber in die Tradition einer Idealisierung der athenischen Demokratie stellten. Während der religiösen Doktrin der Amerikaner die Ablehnung der katholischen Zentralherrschaft als emanzipatorisches Ideal vorschwebte, wollten die Franzosen eine nicht auf Religion gegründete Basis für die neue Gesellschaft entwickeln. Beiden ist gemeinsam, dass sie auf das Problem der Sklaverei, das sich ihnen jeweils unter verschiedenen Bedingungen stellte, reagieren mussten, und beide verschoben wie Canforra deutlich macht den Konflikt, um ihm nicht begegnen zu müssen.

Hansen ist nun ein Autor, der die strikt dem griechischen Ideal der Polis verpflichteten politischen Theorie einer amerikanischen Tradition der religiösen auf die Bibel bezogenen Ursprungsmythen vorzieht und auf eine sehr eloquente Weise sowohl amerikanische als auch europäische Momente in seinem Werk verarbeitet. Die überragende Bedeutung, die er der Kriegsführung und dem militärischen Charakter der Gesellschaft beimisst dürfte für Mitteleuropäer, die seit zwei Generationen Kriege nur als Fernsehbilder kennen, höchst befremdlich sein, aber es sind gerade diese ungewohnten Blickrichtungen, die Hansen zu einem faszinierenden und klugen Autor machen.

Als jemand, der keine Heimat und keine Partei die seine nennt, erscheint es mir notwendig neue Ressourcen zu finden, mit denen sich die politischen Widersprüche unserer Zeit aus anderen Blickwinkeln erfahrbar machen lassen, als die Gewohnheit uns vorschreibt. Das Studium konservativer und nicht-marxistischer AutorInnen kann darum als eine Aufgabe verstanden werden, die verrotteten und verfaulten Strukturen der linken Selbstvergewisserung zu verlassen. Wer sich meine letzten Beiträge zur Kritik des Antizionismus durch gelesen hat, wird – ob mit Sympathie oder nicht – sehr rasch zum Schluss kommen, dass das „nicht links ist“ oder „nicht mehr links ist“, egal welche Bedeutung man dem Wort „links“ persönlich geben mag. Sollten sich tatsächlich die anti-imperialistischen und antizionistischen Kräfte als neuer linker Mainstream etablieren, heißt dies für mich, dass „links“ und „rechts“ keinerlei Bedeutung fürs politische Bewusstsein haben, und neue Begriffe gefragt sind, mit denen sich Gesellschaft und Politik denken lassen. Dazu gehört, dass sich diese Nicht-mehr-Linken damit befassen müssen, ob und wie ihre Strukturen die Konsequenzen einer strikten Parteinahme für Israel und damit die Veränderung ihrer Position hin zu einer europäisch situierten Kraft zu reflektieren im Stande sind. Wer aus einem linken Kontext kommt und durch die oben beschriebene Tatsache „nicht mehr links ist“ wird sich nicht unbedingt eine neue Heimat suchen müssen, aber anerkennen, dass man sich nicht mehr auf eine Tradition berufen kann, die ihre Wurzeln mit antisemitischem Fallout  verraten hat. Die nicht immer mit feiner Klinge geführte Auseinandersetzung mit islamischer Immigration und ihren teilweise bedrohlichen Allianzen mit dem antizionistischen Mainstream hat eine Richtungsänderung in der politischen Debatte bewirkt, die man bis jetzt zu wenig zur Kenntnis genommen hat. Trotz ihres eigenen Anspruchs auf Emanzipation und Fortschritt befinden sich die Verteidiger der israelischen Staatlichkeit auf dem selben Terrain, das auch rechtsextreme und faschistische Agitatoren dazu benutzen die Lebensrealität eindeutig identifizierbarer MigrantInnen negativ zu beeinflussen. Abgrenzungen der „falschen“ von der „richtigen“ Islamkritik werden nicht dazu betragen, die Verwundbarkeit gegen Vorwürfe des Rassismus und der rechten Gesinnung geringer werden zu lassen, wenn man sich nicht darüber klar wird, dass man sich mit der Kritik des Antisemitismus keinesfalls auf eine Tradition der Aufklärung stützen kann, sondern in einem ganz anderen Territorium steht. Der Kritik an europäischem Kolonialismus, Rassismus und Imperialismus steht zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Sowjetunion die Notwendigkeit gegen über, die Dialektik der europäischen Entwicklung selbst neu bestimmen zu müssen. Wenn wir die Staatlichkeit Israels verteidigen und die Gefahr islamistischer Ideologie für die Existenz derselbigen betonen, stellen wir uns in eine Tradition die der Entwicklung Europas, des Westens und aller damit zusammenhängenden Gegenstände überragende Bedeutung einräumt. Zur Kritik auch wie sie Adorno verstand kommt eine positive Dimension hinzu, wie sie etwa Karl Marx mit seiner Einschätzung der Kolonisierung Indiens durch den englischen Imperialismus als „einziger sozialen Revolution, die es jemals in Asien gab“ (MEGA Bd. 12, S. 172) teilte. Das Bild einer antikapitalistischen gesellschaftlichen Kraft verändert sich zugunsten einer globalen Perspektive, deren grundlegende Verortung zwar immer noch das „Kommunistische Manifest“ ist, das aber die Worte von Marx und Engels über die revolutionäre Rolle der Bourgeoisie völlig ernst nimmt und ihre historische Relevanz als notwendigen Entwicklungszusammenhang deutet. Wenn die kapitalistische Ausdehnung des Weltmarktes dazu führt, dass wie Marx und Engels im Manifest sagen „alles Heilige und Ständische verdampft“, dann ist die Dialektik dahinter nicht mehr strikt antikapitalistisch (und sagen wir es gleich: anti-zionistisch) , sondern sie begreift die Dynamik der Globalisierung als alternativlos und irreversibel. Das begriffliche Instrumentarium dieses Denkens müsste sich also an dem orientieren, was Gilles Deleuze mit Territorialisierung/Deterritorialisierung bezeichnet hat, als ein Ende der Geschichte, das die nomadische Ausdehnung menschlicher Lebensweisen unterstützt. Das letzte Element linker Identität, die antikapitalistische Ressentimentbildung, wäre somit ebenfalls ans Ende gelangt, die antideutsche Wertkritik ein Modell der Vergangenheit. Deutlich muss hier gesagt werden, dass diese radikale Schlussfolgerung nicht zwingend zur Wahrheit werden muss, aber sie liegt in Bereichen des Möglichen und genau das ist ja das Ziel dieses Beitrags.

Einen möglichen Ausweg aus dieser bestürzenden Lage bietet eine Neudefinition und grundlegende alternative Deutung des Begriffs „Kommunismus“, und wichtiger eine Präzisierung der Bezeichnung „Kommunist/in“. Kommunismus muss ein „Beware of Utopia“ beinhalten, die Absage an die Slogans, die mit „Eine andere Welt ist möglich“ beginnen und mit einer „World without Zionism“ aufhören. Die Revolution der kapitalistischen Umgestaltung der Erde in einen globalen Markt ist nicht nur unausweichlich, sie erschlägt die naiven Vorstellungen linker Revolutionsphantasien durch ihre pure Geschwindigkeit, ihre immense technologische Macht und durch ihre lückenlose Vernetzung wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Potentiale. Es gibt deshalb keine Chance auf „nationale Befreiung“ oder die „Organisation der Arbeiterklasse“, weil unsere Welt bereits im Griff einer ständigen Revolutionierung ihrer Produktivkräfte und Produktionsweisen lebt. Sie ist derart mächtig, dass sie keine Konkurrenz duldet und auf lange Sicht keine Türen offen lässt mit denen sie quasi von außen veränderbar wäre. Wer diese Tatsache als Defätismus deutet, mag recht haben, aber wir leben nur in dieser Welt und eine andere ist eben nicht möglich.

Die KommunistInnen der Zukunft werden sich nur mit dieser Welt beschäftigen.  Kommunismus wie ich ihn verstehe wird ein politischer Auftrag an die Demokratie sein, sich zu europäisieren, das heißt, den tief in der europäischen Entwicklung verankerten Dispositiven Rechnung zu tragen, die man mit Wissenschaft, Repräsentation von Differenz und überlegener Feuerkraft identifizieren kann. Es sind nicht Konzepte von Yin und Yang, die durch ihre unscharfen Strukturen ein vielleicht weniger eindeutiges Bedeutungssystem hervor bringen, sondern die Boole’schen Zahlen 0 und 1, die Computer möglich machen. Es ist die hermeneutikresistente empiristische Experimentwissenschaft, die Leben verlängert und Kindersterblichkeit senkt. Die Reaktion auf die Verunstaltung der Menschenrechte durch autoritäre Potentate und ihre Verächtlichmachung der Demokratie als „westliches Konstrukt“ wird uns nicht davon abbringen, mehr Menschenrechte zu fordern, oder die Implementierung formeller Repräsentation demokratischer Parlamente nicht als Fortschritt zu begreifen. Europa ist die Kultur, in deren Mittelpunkt seit Homer das Individuum steht. Die Rechte des Individuums als universalistische Macht zu verteidigen ist die Aufgabe europäischer Demokratie und das Ziel, an dem sich alle anderen messen müssen.

Dass wir glauben damit noch keineswegs ans Ende gekommen zu sein, und dass das Zeitalter eines Kommunismus der individuellen Menschenrechte und der radikalen Demokratie ein Kampf sein wird, dessen letzte Stunde niemals schlägt, macht ihn deswegen nicht weniger notwendig. Wer diesen Kampf führen, besser: welche Form eine politische Kraft annehmen muss, um mit den inneren Widersprüchen dieser Politik wachsen zu können, vermögen wir nicht zu sagen. Die KommunistInnen, die ihn führen werden, müssen lernen unsichtbar zu sein, „‘Unsichtbar’, weil sie weder Armee, noch Lager, Partei oder Kirche haben. Es ist ihre Art zu existieren“. (Etienne Balibar)

Kategorien:Common Interest

The Neighborhood Bully oder Warum ist Antizionismus bei Linken so populär? (5)

Juni 10, 2010 1 Kommentar

Hier geht es zu den ersten vier Teilen dieser Serie:

https://dieweltohneuns.wordpress.com/2010/06/08/the-neighborhood-bully-oder-warum-ist-antizionismus-bei-linken-so-popular-1/

https://dieweltohneuns.wordpress.com/2010/06/08/the-neighborhood-bully-oder-warum-ist-antizionismus-bei-linken-so-popular-2/

https://dieweltohneuns.wordpress.com/2010/06/08/the-neighborhood-bully-oder-warum-ist-antizionismus-bei-linken-so-popular-3/

https://dieweltohneuns.wordpress.com/2010/06/08/the-neighborhood-bully-oder-warum-ist-antizionismus-bei-linken-so-popular-4/

Zum Abschluss dieser Serie möchte ich nochmals die wesentlichsten Ergebnisse zusammen fassen, die sich zu diesem Komplex sagen lassen, und nochmals die Frage zur Diskussion stellen: Was macht den antizionistischen Diskurs gerade für den linken und gebildeten Mainstream so attraktiv? Wenn wir das Bisherige also nochmals Revue passieren lassen, dann gibt es drei äußerst banale Gründe für die Popularität des Antizionismus bei Linken.

I.

Der Charakter einer Eventkultur der sich seit Ende der 90er Jahre in den globalisierungskritischen Paraden zwischen Seattle, Prag und Porto Allegre als dominante Protestform durch gesetzt hatte, führte zu einem Verständnis von Politik, das mediale Aufmerksamkeit und Schlagwortpräsenz über die diskursive Organisation traditioneller Parteien stellt. Der Autor möchte damit nicht ausdrücken, dass traditionelle Parteien  die bessere Organisation sind, sondern nur darstellen, dass die Alternativen und ihre neuen Bewegungsformen ebenfalls erhebliche Schattenseiten aufweisen. Wo traditionelle Parteien schwerfällige und patriarchische Karrierestrukturen auch dafür nutzen intellektuelle Potentiale aufzubauen, verschwinden intellektuelle Strukturen bei der aktionsverliebten und eventgesteuerten Globalisierungskundschaft oder werden durch pseudodemokratische Konsensbildungen eingeebnet. Neue demokratische Modelle entstanden jedenfalls nicht. Der institutionellen Unbeweglichkeit sozialdemokratischer Klientelbewirtschaftung stellen sie eine angeblich strukturlose flüssige Bewegung großer Massen entgegen, die ihre organisatorische Orientierung rein aus dem Energieflow der Teilnehmer gewinnt. Dass dies nicht stimmen kann, verraten allein schon die ab 2003 dominant auftauchenden antizionistischen Schlagseiten der größeren und kleineren Meetings diverser Sozialforen. Vor allem trotzkistische Gruppen übernahmen seit 2001 wesentliche organisatorische Teilaufgaben und setzten durch unermüdliche Arbeit den Charakter der Globalisierungskritiker als antiisraelische Pamphletmaschine durch. Der farbenfrohe Aspekt dieser Veranstaltungen, ihre mitunter auch sehr sympathische Kreativität Protest auszudrücken bewirkte aber zugleich auch ihren intellektuellen und politischen Niedergang. Schlagworterprobte Propagandisten konnten ohne Probleme die großen Meetings dominieren, und dem Eventcharakter jenen Spin verleihen, der die große Menge dazu veranlasste sich in großen Demonstrationen mit humanistischen Slogans auszuleben, z.B. bei einem Sozialforum im Salzburgischen Hallein, als Mitglieder einer trotzkistischen Vereinigung „Nieder mit dem Zionismus“ riefen, als der Demozug an den Resten eines ehemaligen KZs vorbeikam. Bei derselben Veranstaltung schlugen diese Gruppen auch vor, Waffen für den antizionistischen Widerstand zu kaufen. Die Abstimmung ging knapp dagegen aus.

Die Kultur dieser Politgeneration bewirkte, dass Kufiya und Antizionismus modische Accessoires eines Lifestyle wurden, der keinerlei intellektuelle Kompetenz voraussetzt. Die geschickte Steuerung dieses Popantisemitismus durch fähige Kaderorganisationen ersetzte traditionelle Politikrezeption und wandelte sie in ein mit modernen webbasierten Massenmedien kompatibles Freizeitverhalten um, in dem antizionistische Agitation auf dieselbe Weise gelebt wird, wie in einer Wellnessoase Urlaub zu machen. Wir wollen damit nicht sagen, dass sozialdemokratische oder kommunistische Parteiorganisationen eine bessere Arbeit leisten oder dass ihr Verschwinden bedauerlich wäre, aber ihre Ersetzung durch den globalisierungskritischen Freizeitantizionisten macht eher deutlich wie tiefgreifend und prinzipiell die großen politischen Bewegungen der Linken versagt haben. Das ist allerdings nichts wirklich Neues.

II.

Alle islamistischen Organisationen haben von den Demonstranten in Seattle gelernt, dass spontane Massenerhebungen im Namen der Menschenrechte konsequent von einer strukturiert operierenden Kaderelite getragen werden müssen. Die langen seit den 60er Jahren immer wieder auftauchenden Querverbindungen zwischen islamistischen Rebellen und linken Extremisten haben in den Zeiten der globalisierungskritischen Massenveranstaltungen jedoch ein anderes Gesicht bekommen.

Durch die Rassismuskonferenz in Durban, und später die Sozialforen in Beirut und Kairo lernten europäische Linke die arabischen Linken und islamischen Oppositionellen kennen. In Beirut schlossen sich bei mehreren Gelegenheiten europäische Antiimperialisten mit der Hizbullah kurz, die vor den Augen der linken Teilnehmer auf ihren Bücherständen in einem Dutzend Sprachen „Mein Kampf“ verkaufte. Obwohl das Instrument Social Forum einen universalistischen Anspruch hat, verkommt es in den Händen dieser Hasardeure ganz egal wo es stattfindet zu einem reinen antizionistischen Bündnistreffen,  bei dem Aktivisten, die sich nicht an der Abschaffung Israels beteiligen wollen,  als zionistische definierte Außenseiter das Feld räumen müssen. Eine ähnliche Veranstaltung in Kairo macht mittels einer antizionistischen Stoßrichtung die Verbundenheit ihrer Teilnehmer deutlich. Europäische Linke und Trotzkisten diskutieren mit islamischen Widerstandskämpfern und kopftuchtragenden Aktivistinnen einer Damenriege der Muslimbrüderschaft über die Verbrechen Israels und den Widerstand gegen den Zionismus, sahen sich aber aus Rücksicht auf die Gefühle der Gastgeber nicht in der Lage den Mangel an Demokratie in arabisch-muslimischen Ländern anzusprechen. Die anti-imperialistische Deutung dieser offenen Beziehung träumt davon „den Widerstand zu unterstützen und ihn so weit wie möglich expandieren zu lassen, wodurch alle Volksbewegungen weltweit das Recht auf Widerstand besonders gegen die amerikanische und zionistische Besatzung verteidigen könnten.“ (aus einer AIK Erklärung) Man muss sich das wirklich in seiner ganzen Dimension vorstellen: Für diese Linken ist der Widerstand gegen den Zionismus ein weltweites quasi von allen als Recht in Anspruch zu nehmendes Tool, der Antizionismus darum eine globale Protestform, der sich offenbar nicht um lokale Konflikte und Historien schert. Jetzt wird vielleicht verständlicher warum Hugo Chaves und Mahmud Ahmedinejad gemeinsam mit Recep Erdogan und Lula begleitet vom Applaus linker Sympathie die Charts der anti-imperialistischen Hitparaden stürmen konnten. Feuchte anti-imperialistische Träume einer globalen Intifada sind zwar gegenstandslos, aber die Attraktivität des Antizionismus für Linke aller Art hängt eben mit seiner Bedeutung in der globalisierungskritischen Politikblase zusammen. Der Zionismus und die israelische Politik  ist darin kein lokales Phänomen, sondern ihn zu bekämpfen eine weltweite humanitäre Aufgabe. Wir erkennen sehr leicht seine problemlose Kompatibilität mit dem antisemitischen Narrativ, betonen aber dass der klassische Antisemitismus nicht in einem ursächlichen Zusammenhang steht, sondern in einem instrumentalen Verhältnis. Der Antizionismus und sein Diskursmanagement bewegen sich in der modernen Eventkultur der Globalisierungskritiker, die multikulturelle Mobilität dieser ideologischen Schachzüge würde ein völkischer Rassenantisemitismus niemals zustande bringen, wenngleich er nicht ganz außerhalb des Diskurses stehen muss, wenn man wie Judith Butler arabische Nazis als „parts of a global left“ betrachtet. Wenngleich der Kampf gegen antisemitisches Ressentiment aussichtslos erscheint, ist es die Aufgabe schlechte Politik als solche zu disqualifizieren keineswegs. Antisemitismus ist nicht das Schicksal der Juden, sondern jenes der Antisemiten. Es kommt darauf an, sie auch den Preis dafür bezahlen zu lassen, den ihre Unfähigkeit hinterlassen hat. Die Aufgabe der linken Antiimperialisten war es den antisemitischen genozidalen Impuls in ein globales humanitäres Engagement zu verwandeln. Dies scheint ihnen zwar gelungen, aber noch nicht zu einem Ende gebracht. Dieser Kampf ist keineswegs entschieden und trotz einiger schmerzhafter Feldgewinne hat der Feind seine Ziele nicht erreicht, solange ein demokratischer Staat Israel sich am Leben halten kann. Der Krieg ist also keineswegs verloren, und bei objektiver Betrachtung steht es höchstens Unentschieden.

III.

Wie wir gesehen haben ist der Antizionismus zwar sehr erfolgreich gewesen Massen zu mobilisieren, aber gemessen an seinen Zielen doch deutlich unter seinen eigenen Erwartungen geblieben. Vor allem das Elend der Palästinenser und ihre völlige Auslieferung an Interessen und Machtkalküle jeder Art (an deren Entwicklung ihre Führungen nicht ganz unschuldig sind, wie sich von selbst versteht) stehen den großmäuligen Feldzügen gegenüber, die humanitäre Hilfstransporte als bloße Propagandacoups verstehen. Dies, das muss unbedingt betont werden, ist auch die große Schwäche der antizionistischen Propaganda, die bisher nicht genügend genutzt wurde. Ob und wie ein gerechter Frieden in Nahost aussehen mag kann niemand mit Sicherheit sagen. Aber fest steht, dass die gewaltigen Energien, die diesen Konflikt tragen vor allem durch den gewaltigen Betrug an den palästinensischen Bevölkerungen zustande kam, der sie nicht und nicht aus der Umklammerung lässt. Der antizionistische Politikcluster hat die Objekte seiner angeblichen humanitären Mission ins Elend, in die Isolation und in todbringende Zwänge gestürzt. Seine völlige Unfähigkeit auch nur ein einziges greifbares Ergebnis für die arabische Bevölkerung der ehemalig besetzten und jetzt blockierten Gebiete zu erzielen muss auf lange Sicht auch den Massen, die unter Hamas und Fatah leiden deutlich vor Augen treten. Wer also in der Lage ist, den Mindestbedürfnissen einer von Gewalt, Verrohung und Hass zerstörten Gesellschaft Rechnung zu tragen, wird mit einer reichen Ernte rechnen können. Wir hoffen, dass die immer noch intakte Demokratie Israels in der Lage sein wird, diese wahrhaft humanitäre Mission in das Herz des Feindes tragen zu können. Wenn man das Motto der Globalisierungskritiker „Eine andere Welt ist möglich“ einer genauen Analyse unterzieht, wird man bemerken, dass die Utopie, die viele ihrer Protagonisten im Sinn hatten, auch als antisemitische Utopie von einer „World without Zionism“ vereinnahmbar gewesen ist. Diese fatale Dialektik nicht reflektiert zu haben, hat dazu beigetragen die Hoffnungen, die damit verbunden waren zu begraben und die zweifelsohne interessante politische Dynamik der Seattletage in den Abgründen einer antizionistischen Diskurshölle zu versenken. Wir wissen, dass nur diese Welt möglich ist, keine andere. Beware of Utopia. Wir können und werden nur in dieser Welt etwas verändern können, aus dieser Welt eine andere machen zu wollen kann nur in einem fürchterlichen Massaker enden. Nur in einer Welt, in der es auch Zionismus gibt, so wenig sympathisch das vielen scheinen mag, wird es auch es auch eine Chance geben, aus der zynischen Praxis des Redens von Menschenrechten, wenn man Vernichtung meint, gute Politik zu machen. Die französischen Philosophen Deleuze und Guattari schreiben in ihrem Buch über Kafka: „Es geht nicht darum den Vater zu überwinden, sondern da Wege zu finden, wo er keine gefunden hat.“ Die Lektionen aus dem Fehlschlag der Globalisierungsbewegten gelernt zu haben, sollte ein erster Schritt dazu sein.

Kategorien:Culture and War

Gaza Coast, a few days ago…

Kategorien:Allgemeines

The Neighborhood Bully oder Warum ist Antizionismus bei Linken so populär? (4)

Juni 8, 2010 3 Kommentare

Hier findet man die ersten drei Beiträge:

https://dieweltohneuns.wordpress.com/2010/06/08/the-neighborhood-bully-oder-warum-ist-antizionismus-bei-linken-so-popular-1/

https://dieweltohneuns.wordpress.com/2010/06/08/the-neighborhood-bully-oder-warum-ist-antizionismus-bei-linken-so-popular-2/

https://dieweltohneuns.wordpress.com/2010/06/08/the-neighborhood-bully-oder-warum-ist-antizionismus-bei-linken-so-popular-3/

In einem Beitrag des ZDF zur jüngsten Krise um das aufgebrachte Schiff vor den Küsten Gazas konnte man einen ranghohen Vertreter jener federführenden Organisation lächelnd in die Kamera blicken sehen, der sich äußerst zufrieden mit dem Ergebnis der Aktion zeigte. Das Ziel der Reise war „Israel zu desavouieren“. Dass neun seiner Leute dabei getötet wurden schien ihn nicht im Geringsten zu stören, schließlich war ihr Tod ja der Grund, warum Israel desavouiert werden konnte. Man entdeckt keine Trauer, keine Empathie oder auch nur eine Spur menschlicher Anteilnahme in solchen Figuren. Solcher Zynismus wird von linken Antizionisten konsequent ignoriert. Der Preis, den sie dafür zahlen ist allerdings hoch. Die Negierung Israels als Partner in einem Frieden hat dazu geführt, dass die palästinensische  Bevölkerung fast 20 Jahre nach Oslo noch keinen Schritt weiter ist. Sie haben keinen eigenen Staat, sie haben keine Zukunft und werden von Israelis und arabischen Staaten nur als Problem behandelt. Die Doublestandards, die von westlichen Regierungen Israel gegenüber angeblich an den Tag gelegt werden, spiegeln nur das eigene Versagen der antizionistischen Ideologie wieder. Seit über 60 Jahren werden die Kinder und Enkel der Flüchtlinge in Lagern im Libanon, in Syrien und anderswo als Underdogs gehalten, sie haben keine Chance auf Integration in den Ländern in denen sie geboren wurden, keine Aussicht auf Arbeit oder Bildung. Diktaturen und autoritäre Abenteurer benutzen sie als Verschubmasse für antizionistische Propaganda, die letztlich nur dazu dient innenpolitische Spannungen zu überbrücken. Der Kampf um die feindlichste Haltung Israel gegenüber ist ein Wettbewerb muslimischer Autokraten, mit denen sie sich auf Kosten der palästinensischen Zivilbevölkerung als Führungsmacht der islamischen Welt profilieren wollen. Menschenrechte, die zu Hause keinen Pfifferling wert sind, werden auf einmal zur Propagandawaffe  mit der sich trefflich gegen den Westen, die USA oder den Zionismus polemisieren lassen, wenn man die Lage der Palästinenser auf die Agenda setzt, mit einberechnend, dass diese nur dann einen Wert haben, wenn man sie als Unterdrückte und Objekte einer muslimischen Solidarität verkaufen kann. Was wiederum bedeutet, dass das Elend der Palästinenser unbedingt verlängert werden muss. Sonst haben sie keine Wert mehr. Versteht man das, versteht man auch, warum es bis heute keine Verständigung und keinen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern gibt. Die UNO ist eine Agentur antiisraelischer Propaganda, in der sich  Staaten wie der Sudan mit der Hilfe Chinas erfolgreich von jeder Verantwortung von ihren Massenmorden verabschieden können, während man sich die zionistische Aggression herbei phantasiert.

Ist es wirklich von Bedeutung, ob die tragenden Akteure solcher Entsetzlichkeiten Antisemiten sind oder einfach nur miese Arschlöcher? Wir sollten uns ganz klar dazu bekennen, dass wir den Antizionismus als einen Feind betrachten. Er ist ein Feind jedes Friedens in Nahost, er ist Instrument und Katalysator all jener kriegslüsternen Mörderbanden, die die Gesellschaften der Region terrorisieren. Der Antizionismus ist eine ökologische Katastrophe für Politik, die Menschenrechte und ein Mindestmaß an Demokratie und Meinungsfreiheit garantieren will. Er ist ein Feind jeder Art von Gleichberechtigung und Emanzipation, weil er sich mit Haut und Haar den schlimmsten religiösen Fanatikern ausliefert und ihren Hass auch noch unterstützt. Antizionistische Politik ist das Ende jeder Politik.

Es ist hoch an der Zeit, dass sich die halbwegs noch bei Sinnen befindlichen Linken, Rechten, Aufgeklärten oder einfach nur Abgeklärten darauf konzentrieren, diesem Wahnsinn zu begegnen. Nicht durch gesteigerte Frequenzen von Antisemitismusvorwürfen wird man diesen moralischen Zweitligisten beikommen, sondern durch die Sichtbarmachung ihrer totalen Unfähigkeit. Es ist Zeit zu hinterfragen, ob ihr Engagement für die Palästinenser wirklich dem Wohl der Palästinenser gilt. Nicht mehr länger dürfen diese menschenverachtenden zynischen Bastarde rhetorische Floskeln von „humanitärer Hilfe“ im Mund führen, ohne dass man ihre prinzipielle Menschenfeindlichkeit und ihren Hass auf alles Lebendige denunziert.

Kategorien:Culture and War

The Neighborhood Bully oder Warum ist Antizionismus bei Linken so populär? (3)

Hier geht es zu Teil 1 und 2:

https://dieweltohneuns.wordpress.com/2010/06/08/the-neighborhood-bully-oder-warum-ist-antizionismus-bei-linken-so-popular-1/

https://dieweltohneuns.wordpress.com/2010/06/08/the-neighborhood-bully-oder-warum-ist-antizionismus-bei-linken-so-popular-2/

Die meisten Antizionisten zumindest in Europa und den USA weisen den Vorwurf Antisemiten zu sein empört von sich. Diese Selbstwahrnehmung sollte man sehr ernst nehmen. Ein Teil dieses Vorwurfs wird vor allem dadurch scheinbar entkräftet, dass viele antizionistische Fürsprecher selbst aus jüdischen Milieus kommen und deshalb oft mit sehr einfachen Tatsachen argumentieren können, die unmittelbar einleuchten. Man sollte aber dazu sagen, dass dies eine Minderheit ist. Die Mehrheit antizionistischer Rechtfertigung benutzt die jüdischen Kritiker Israels als Feigenblatt und zur Kritikabwehr. So wird aus der Kritik eines jüdischen Zeitgenossen an der israelischen Politik, das Jüdische an ihm zum Zentrum seiner Glaubwürdigkeit, und nicht mehr seine richtigen oder falschen Argumente. Übrigens gilt dies natürlich nur für Kritiker Israels, niemals umgekehrt. Antizionistische Linke die sich verzweifelt und emotional durchaus glaubwürdig dagegen wehren antisemitischer Ressentiments bezichtigt zu werden, beginnen unter Druck auf einmal die Nürnberger Rassengesetze rhetorisch zu implementieren, indem sie ihre jüdischen Kronzeugen einen nach dem anderen aufrufen, ohne zu bemerken wohin sie sich da selbst gebracht haben. Nicht allen kann Absicht unterstellt werden, aber den meisten Dummheit.

Während man sich in arabischen und muslimischen Gegenden historisch unbelastet fühlt (ob zurecht oder nicht sei einmal dahin gestellt) und sich durch die antikolonialistische Tradition durchaus zu Recht als Opfer betrachten kann, haben europäische Linke mit dem Problem zu kämpfen, durch ihre eigene politische Sozialisation bedingt, sich immer noch als Nachfahren jener aggressiven, rassistischen Massenmörder und Kolonialherren zu erfahren, die jene Situation mit erschufen, die wir heute mit dem Begriff „Dritte Welt“ bezeichnen. Und in Deutschland und Österreich sind die Verbrechen der Nazis trotz massiver Bemühungen immer noch nicht restlos entsorgbar und zwingen die Mainstreampolitik nach wie vor in einen minimalen antifaschistischen Konsens. Der massive Modernisierungsschub der mit den Studentenprotesten von 1968 begann und durch die Präsenz der Sowjetunion von den hegemonialen Kräften Zugeständnisse sozialer und politischer Art erzwang, führte einen neuen Diskurs in die westlichen Gesellschaften ein, der Eliten und Massen zwang sich zumindest oberflächlich mit der Vergangenheit als Kolonialmacht auseinander zu setzen, die Franzosen und Engländer ein wenig mehr als die Italiener, Spanier und Deutschen. Nichtsdestotrotz konnte sich eine hartnäckige wenn auch recht bescheidene Doktrin durchsetzen, die besagte, dass europäische Gebildete ihre eigene Geschichte kritisch zu betrachten hätten, auch wenn diese Kritik mit jeder Generation aufs Neue ins Bewusstsein gerufen werden muss. Die Linke war lange Zeit (sagen wir bis 1989) jener Teil der Gesellschaft, der sich dazu berufen fühlte die problematische Seite des Wohlstands anzusprechen und das Gefühl zu vermitteln, es gebe so etwas wie Verantwortung den Ausgebeuteten gegenüber. Seit die Sowjetunion nicht mehr existiert haben paradoxerweise jene Linke den meisten Einfluss verloren, die schon vor 1989 beide Großmächte des Kalten Kriegs ablehnten, vor allem trotzkistische Organisationen und Trikontsolidaritätsgruppen. Man kann einen sehr deutlichen Zusammenhang zwischen dem Verlust an gesellschaftlicher Relevanz und der Wichtigkeit des Nahostkonflikts beobachten, wenn es um die linken Traditionen seit dem Fall der Berliner Mauer geht. Wenn man das kurze Glühen der sogenannten Globalisierungsgegner mit einbezieht und mit dem Aufstieg der netzbasierten Massenmedien zusammendenkt, erhält man einen sehr merkwürdigen Cocktail aus eventgesteuerter Aktionsfixierung und kompletter politischer Bedeutungslosigkeit. Statt Politik betreiben diese Linken eine medienkompatible Eventagentur, die sich in aggressiver Rhetorik gefällt und die medienwirksame  Tatmenschen bevorzugt. Vielleicht lässt sich so am besten Judith Butlers unfassbare Dummheit in einen Kontext stellen, als sie meinte, man könnte : „(…) Hamas, Hezbollah as social movements that are progressive, that are on the Left, that are part of a global Left (…)“ verstehen. Sie hätte noch mit einem Werbeslogan hinzufügen müssen: Die tun was.

Egal welche Haltung man zu Hamas und Hizbollah hat: Sie als „social movements that are progressive“ zu verstehen, leugnet vor allem das Selbstverständnis dieser Gruppen als islamische Parteien einer globalen Intifada. Dass sie islamisch und äußerst reaktionär sind, macht sie deswegen noch nicht antimodern oder negiert ihre strategische Intelligenz. Islamistische Parteien wie die Sadristen im Irak und auch die ägyptische Muslimbrüderschaft oder die türkischen Netzwerke der AKP sind moderne und hoch entwickelte Konzerne mit vielseitigen Produkten, sie betreiben Tankstellen und islamisches Banking und bieten zum Teil die einzigen sozialen Dienste, wie Bildung und medizinische Versorgung in unterentwickelten Regionen an und sorgen dafür, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung noch intakte Karrierechancen hat. Sie sind also genau so wie jene multinationalen Konzerne und kapitalistischen Agenturen, die Naomi Klein als Verbrecher verurteilt. Es kommt wirklich nur auf den Standpunkt an.

Hamas und Hizbollah verstehen vermutlich besser als Judith Butler und Naomi Klein das tun, dass moderne Politik ein mediales Ereignis ist. Und sie produzieren die wesentlich bessere Show, als die konsumkritischen, ökologisch bewegten und gegen Unterdrückung und Ausbeutung polemisierenden Linken, die ihre Selbstzweifel und ihre depressiven Gemütszustände für Empathie mit dem Elend der Welt halten. Die Sympathie linker Antizionisten mit den Masterminds islamischer Extremismen ist absurderweise denselben Qualitäten geschuldet, die ihre Ablehnung israelischer Politik ausmachen. Der durchschnittliche Bürger verkennt im Allgemeinen die enorme strategische Intelligenz und technische Versiertheit mit denen Staaten wie der Iran und Organisationen wie die Hamas oder Hizbollah ihre politischen Ziele verfolgen. Die Monstrosität ihrer Vernichtungsphantasien spiegelt sich wie Bob Dylan schon vor 27 Jahren genial erkannte in der Skrupellosigkeit des Neighborhood Bully, der sich die Messlatte seiner Taten von seinen Feinden vorschreiben lassen muss, wenn er überleben will. Der Medienkonsument hört also von erhörten israelischen Verbrechen, weil er die Palästinenser und ihre Verbündeten für einen Haufen unterernährter Favelabewohner hält. Dass sich gerade im arabischen Raum ungeheurer Reichtum mit einer sehr alten Zivilisationsgeschichte verknüpft, wird eher verdrängt, bzw. durch die antizionistische Trickserei praktisch geleugnet. Als die Rassismuskonferenz in Durban 2001 zu einem antiisraelischen Tribunal verkam, bei dem der Zionismus zum Menschheitsverbrechen hochgelogen wurde, wurde ein ganz anderer Aspekt völlig darunter begraben. Durban sollte eine Resolution vorbereiten bei der afrikanische Staaten den ehemaligen europäischen Kolonialmächten Schadenersatzforderungen für Sklaverei und Ausbeutung stellen sollten. Die Geschichte der Sklaverei ist nun wahrlich ein historisches Verbrechen aber kein genuin europäisches. Jahrhunderte vor der terroristischen Ausbeutung Afrikas durch die Europäer etwa war der Sklavenhandel mit Afrikanern, Osteuropäern und was sich sonst fangen ließ ein muslimisches Geschäft, das keinen Vergleich mit späteren Entwicklungen zu scheuen braucht. (siehe dazu auch: Bernard Lewis, Race and Slavery in the Middle East, New York 1990) Der muslimisch-arabische Sklavenhandel war eine Grundbedingung dafür, dass die Europäer überhaupt so vieler Menschen habhaft werden konnten, die sie nach Amerika oder sonst wo hin deportierten. Schadensersatzforderungen an ehemalige Sklavenhändler würden sich also nicht nur auf die ehemaligen imperialistischen Mächte beziehen, sondern auch Staaten wie Saudi Arabien betreffen, die die Sklaverei erst 1962 abgeschafft hatten. Es ist unwahrscheinlich, dass eine generelle Selbstkritik der arabisch muslimischen Rolle im Sklavenhandel der letzten 1000 Jahre ein nachhaltiges Interesse antiimperialistischer Politik ist. Um die arabischen Brüder und Schwestern davor zu schützen sich auf eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte einzulassen, bastelte man gemeinsam am Opfermythos der islamischen Gesellschaften, deren größter Unterdrücker offenbar der zionistische Brückenkopf im Nahen Osten ist.

Bevor sich also antisemitische Motive ins Narrativ mischen ist der gemeine Antizionist von seinen Spiegelungen umgeben, in der er Israel für genau das verurteilt, was er an dessen Feinden so gut findet: Skrupellosigkeit, taktische Intelligenz und politische Flexibilität. Das scheinbar grenzenlose Verständnis für Selbstmordattentäter, kombiniert mit dem Mythos,  es sich würde sich um antikapitalistische Befreiungsbewegungen handeln, deren objektive Rolle aus irgendeinem Grund fortschrittlich sein soll, hatte schon bei der iranischen Revolution nicht funktioniert. Aus einer linken (oder dafür gehaltenen) antiimperialistischen sozialen Bewegung gegen die Bevormundung durch die USA und europäische Mächte, war eine religiös fanatisierte Diktatur geworden, die zum Zentrum der antisemitischen Wahnproduktion wurde. Antiimperialistische Protagonisten weigern sich bis heute das zuzugeben. Sie lügen den Charakter des Regimes in eine „objektiv fortschrittliche“ Rolle um, solange sie die Politik des Iran als Antwort auf den Zionismus verstehen können, also nationale Befreiung plus antiimperialistischen Widerstand.  Der durchaus peinliche Antisemitismus diverser muslimischer/arabischer Aktivisten wird zwar nicht geteilt, oder schlicht ergreifend nicht als solcher wahrgenommen, wenn man ihn als Reaktion auf die Bluttaten des  zionistischen Kolonialprojekts deuten kann. Diese Linken sind also keine aktiven antisemitischen Hasardeure. Antizionistische Agitatoren nutzen und instrumentalisieren eher den Antisemitismus ihrer Bündnispartner oder versuchen bestehende Ressentiments (die es in allen Bevölkerungen Europas gibt) produktiv für ihre eigene politische Karriere zu nutzen. (Willi Langthaler von der Wiener Antiimperialistischen Koordination wäre so ein Fall. Man könnte ihn auch als den Jürgen Elsässer Österreichs bezeichnen.) Das Spiel mit den antisemitischen Ressentiments anderer ist ihr Geschäft, nicht die Verbreitung der Protokolle.

Antizionistische Selbsteinschätzungen keine antisemitischen Motive zu haben sind also insofern wahr, als es Bewunderung für den Antisemitismus anderer ist, den man nicht zu bemerken glaubt. (Fragen sie Henning Mankell, der weiß es auch nicht.) Die Rhetorik, die das effektive Management israelischer Militärstrategen als Verbrechen wider die Humanität (oder was auch immer) hinaus blökt ist gleichermaßen fasziniert von der äußerst kompetenten medialen Nadelstichelei, mit der das palästinensische Desaster quotentechnisch vermarktet wird. Antizionisten wollen Bilder, die im Fernsehen funktionieren und jene Massen mobilisieren, die sie nicht erreichen können. Der Mehrwert dieser Aufmerksamkeitsökonomie fällt so stellen sie sich vor auch auf sie ab. Mit der Kufiya um den Hals, eine doppelläufige Waffe in der einen und eine Friedenstaube in der anderen Hand so stellt sich der gemeine Antizionist seinen Pinup Helden vor, der ihn endlich aus der genormten Langeweile seiner bürgerlichen Existenz ins Land der direkten Aktion führt. Die Attraktivität des sich bewegenden Guerillakriegers ist unbestritten tief in das emotionale Strickmuster des Che Guevara T-Shirt eingearbeitet. Die tun was, wo wir nur blöd labern. Wo zuvor Politik war, soll Aktion werden, so lässt sich ein reflexives Selbstwahrnehmungsmoment des Antizionismus am besten beschreiben, das den Prozess zu radikaler Selbstverblödung in Gang setzt.

Sind Antizionisten also auch Antisemiten? Kommt darauf an was man unter Antisemit versteht. Das Schwierige an dieser Frage ist nicht, dass man sie nicht sofort mir ja oder nein beantworten könnte, sondern dass antizionistische Politik gar keinen Antisemitismus braucht um nicht dieselben verheerenden Effekte zu erzielen. Auch ganz ohne Antisemitismus hat der Antizionismus nichts von seiner widerlichen Ignoranz verloren. Sein wichtigstes Anliegen ist ja wie wir gesehen haben, die israelische Seite als Partner in einem Friedensprozess zu negieren. Wer nicht vom „Saujud“ im Maul trieft und keinen Wunsch äußert den Holocaust zu wiederholen, aber trotzdem ein freies Palästina unter arabischer Herrschaft wünscht, ist darum nicht unbedingt ein Antisemit, sondern ein Idiot (oder heißt John Pilger). Aber sind Idioten nicht viel gefährlicher?

(Fortsetzung folgt)

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The Neighborhood Bully oder Warum ist Antizionismus bei Linken so populär? (2)

Teil 1 findet man hier:

https://dieweltohneuns.wordpress.com/2010/06/08/the-neighborhood-bully-oder-warum-ist-antizionismus-bei-linken-so-popular-1/

Warum sind so viele Linke heute Antizionisten? Was macht die ideologische Bezeichnung „Antizionist“ eigentlich inhaltlich aus und warum wurde sie so bedeutend? Vielleicht bekommt man einen besseren Blick auf die Sache, wenn man die Frage aus der umgekehrten Perspektive stellt: Warum ist es so unpopulär ein Unterstützer Israels zu sein?

Obwohl eindeutig in der Minderzahl rufen vereinzelte Grüppchen, die auf Demos mit Israelfahnen zu finden sind oder in Fenster gehängte Flaggen so unerhörte Aggressionen aus, dass die Polizei bei jeder sich bietenden Gelegenheit den wütenden Mob zu beruhigen versucht, anstatt ihn wie sonst üblich mit Wasserwerfern und Schlagstöcken zurück zu drängen. Die großen Demonstrationen gegen die Gazaoffensive der israelischen Armee Anfang 2009 brachten Millionen Menschen dazu auf die Straße zu gehen, so viel wie seit den Protesten 2003 gegen den Irakkrieg nicht mehr. Aber während man den Gegnern der israelischen Politik selbstverständlich ihr Recht auf freie Meinungsäußerung zugesteht, wird die Freiheit eine andere Sicht der Dinge vertreten zu dürfen mittlerweile nicht einmal mehr von der Justiz unterstützt. Die Irrationalität der antiisraelischen Demagogie zeigt sich in absurdesten Angriffen und Unterstellungen. Stellvertretend für eine ganze Generation von Israelkritikern behauptete der Schweizer Islamvermittler Tariq Ramadan Anfang 2009 im „Guardian“, dass die ganze Welt zu Israels Politik schweigen würde, während gleichzeitig an jeder Ecke Europas eine Protestkundgebung statt fand und in allen großen Städten hundertausende auf die Straße gingen. Er phantasierte dass  Israel „a state of intellectual terror“ etabliert hätte, der „presidents and kings“ zum Schweigen verurteilen würde, während in den Gremien der UN der Nahostkonflikt zum einzigen Thema, in nationalen Parlamenten der EU wütende Reden mit Aufrufen zum Israelboykott gehalten oder durch Verlautbarungen der Pressebüros diverser Staatschefs die Kanäle der Nachrichtenagenturen verstopft wurden. Obwohl Ramadan natürlich der Etikette Genüge tat und sich von offenem Antisemitismus distanzierte („antisemitism is anti-Islamic“), tat er so als wäre eine gigantische zionistische Verschwörung in Gange, während man gegen Israel sogar in den  schärfsten Diktaturen protestieren darf. Nicht nur, dass Demonstrationen und Kundgebungen auch wenn man ihre Zielsetzung ablehnt als Teil der Meinungsfreiheit akzeptiert werden müssen, sogar wenn sie stattfinden und ihr unübersehbares Potential auf der ganzen Welt sichtbar wird, reden Leute wie Ramadan (und nicht nur er) davon, dass Kritik an Israel verboten sei oder durch „intellektuellen Terror“ an seinem Ausdruck gehindert werden würde. Es gibt keinen Israelkritiker, der mir jemals erklären konnte, warum die Empörung über angebliche oder tatsächliche Menschenrechtsverletzungen der israelischen Politik immer dazu führt sich trotz einer überwältigenden Mehrheit als Opfer einer weltweiten Verschwörung zu fühlen. Noch jede weltweite Empörung über israelische Politik, ganz egal ob sie nun berechtigt ist oder nicht, wird von wehleidigen Kommentaren begleitet, in denen sich israelkritische Mimosen davor fürchten als „Antisemiten bezeichnet zu werden“, weil sie die israelische Politik kritisieren. Obwohl also ihre Zahl überwältigend ist fürchten sich die Israelkritiker ungeheuer davor, dass ein kleiner zionistischer Bully sie des Judenhasses bezichtigt. Diese Angst geht so weit, dass jede sichtbare Demonstration israelischer Sympathie als ungeheurer Affront empfunden wird, der über jede rational begründbare politische Sichtweise hinaus geht. Man fühlt sich als Opfer einer zionistischen Lobby, und möchte gleichzeitig jede sichtbare Demonstration einer anderen Meinung zum Verschwinden bringen. Dass es dabei um so ziemlich alles geht, nur nicht darum palästinensischem Elend abzuhelfen ist ein kleiner Treppenwitz der Geschichte. Antizionistische Agitation gibt es länger als Israel, das Palästinenserproblem als Thema einer öffentlichen Empörung aber erst seit 1967. Und seit es antizionistische Politik gibt hat sie nichts anderes getan, als die Situation der Palästinenser zu verschlimmern. Seit mehr als 50 Jahren sind antizionistische Agitatoren die erfolglosesten Schreihälse der jüngeren Geschichte wenn es um die Erreichung realpolitischer Ziele geht, aber die erfolgreichste Organisation in der Mobilisierung von Menschenmassen zu Zwecken des sinnentleerten Protestes.

Antizionismus ist keine homogene Entität. Es gibt sehr viele antizionistische Aktivisten in Israel selbst, die mit den staatlichen Repressionen, die einer militärischen Problembewältigungsstrategie unweigerlich folgen müssen, sehr unglücklich sind und diesen Missstand durch Solidaritätsaktionen und zivilen Widerstand begegnen. Ihre Arbeit in Menschenrechtsfragen und ihr Engagement ist unschätzbar viel wert, auch wenn sie – vor allem von Antizionisten – außerhalb Israels kaum wahrgenommen werden. (Ein paar Projekte und Initiativen findet man z.B. auf www.ritesinstitute.org .)

Die wirklich bekannten Antizionisten sind jene, die als prominente Figuren durch Europa reisen und dort wissentlich oder nicht ihre derbe Rhetorik an ein Publikum bringen, das begierig darauf wartet Neuigkeiten über den „Apartheidstaat“ zu hören und an die historische Verantwortung der Deutschen erinnert zu werden, israelische Politik mit Nazivergleichen zu beehren, in denen Gaza mit dem Warschauer Ghetto identifiziert wird. Der bekannte australische Journalist John Pilger etwa, der mit Reportagen über Kambodscha bekannt wurde, ist ein redegewandter Autor, der für seine Berichterstattung über Gaza ständig mit Holocaustvergleichen und Genozidvorwürfen um sich schmeißt. Interessant daran ist, dass ein Mann, der die Killing Fields der Roten Khmer mit eigenen Augen gesehen hat, Bergen Belsen oder das Warschauer Ghetto  aber nur aus Erzählungen kennt, ausschließlich letztere als Narrativ für seine Beschreibung israelischer Politik benutzt, obwohl ihm mit Kambodscha und Vietnam große Greuelressourcen eigener Erfahrung zur Verfügung stünden. Pilgers pseudohumanitärer Journalismuskitsch vergleicht aber nirgendwo die israelische Politik mit den Roten Khmer, die sicher nicht weniger unsympathisch als die Nazis gewesen sind. Er tut das vermutlich deshalb nicht, weil die Nazi und Holocaustvergleiche keinem Realitätscheck standhalten müssen, kambodschanische Leidenswege aber schon. Und dann erzählt Pilger wie Ramadan dieselbe Geschichte, dass Israel von westlichen Medien und Politikern bevorzugt behandelt werden würde. Selbst sehr wohlmeinende Kommentatoren (der Autor gehört nicht zu diesen) würden sich sehr schwer tun immer wieder auftauchende Argumentationsmuster über den Zionismus in ein Modell rationaler Kritik an der israelischen Politik einzuordnen. Antizionismus beim Wort genommen ist absurderweise sehr selten eine Ablehnung der israelischen Gründungsmythen, also eine historische Verortung der zionistischen Siedlerbewegungen, die ab 1900 ins Heilige Land kamen, sondern die strikte Ablehnung, Leugnung und Denunzierung eines jüdischen Anspruchs auf das Land im Nahen Osten. Das Feindbild, das sich die antizionistische Agitation dabei zusammen bastelt zielt dabei weniger auf eine Ideologie namens Zionismus als historische Kritik ab. Selbst diese Aufgabe erledigen die israelischen Historiker von Ilan Pape bis Benny Morris (um zwei sehr gegensätzliche Autoren zu nennen) in innerisraelischen Diskursen kritischer und mutiger als irgendeine Macht von außen das könnte. Der problematische Aspekt des antizionistischen Narrativs ist daher nicht seine tatsächliche oder angebliche Kritik an der israelischen Politik, sondern seine Negierung des Gegenübers. Es sind vor allem die Linken in den europäischen Dependancen des antiimperialistischen Diskurses, die von einer Anerkennung des israelischen Existenzrechts nicht wissen wollen und die Hamas oder Fatah darin bestärken dies auch nicht in Betracht zu ziehen. Antizionistische Agitation (und wir beharren darauf, dass wir ganz explizit nicht von antisemitischer Agitation sprechen) will nicht Israels Politik verändern, sondern seine Politik besteht darauf, dass Israel als Ganzes verschwinden muss. Es ist seine Anwesenheit als Staat, das in seiner ganzen Präsenz entfernt werden soll. Es ist abhängig von Standpunkt oder Beobachter ob mit diesem Ziel ein organisierter Massenmord verbunden ist oder nicht. Es gibt viele Antizionisten, die sich ein Verschwinden Israels vorstellen ohne einen Genozid anzustreben oder das für wünschenswert halten, aber ihre Naivität, und man kann das am Beispiel Henning Mankells demonstrieren, entlarvt den Charakter dieser Negierung des Gegenübers umso deutlicher. Je aggressiver die Rhetorik wird, je empörter die Aufschreie über angebliche oder tatsächliche Untaten (von denen der israelische Staat ja eine ganze Menge begangen hat), desto gründlicher verneinen Antizionisten die Auseinandersetzung mit der faktischen Realität Israels als souveränem Staat und vor allem eine Auseinandersetzung mit Menschen in Israel selbst. Jeder Bürger Israels mutiert zu einem Unterdrücker, der durch seine schiere Anwesenheit palästinensische Kinder zu Hunger und Verzweiflung verurteilt.  Genau wie die Anwesenheit prozionistischer Grüppchen bei Massendemonstrationen für Furor und Aggression sorgt, bleibt die politische Dynamik bei den Akteuren stecken, die ihr politisches Kleingeld mit antiisraelischer Rhetorik verdienen. In der rhetorischen Diskurshölle des Antiimperialismus werden Begriffe wie „zionistisches Gebilde“, „imperialistischer Brückenkopf“ oder „illegales Besatzungsregime“ zum Leitbild einer humanistischen Rhetorik, die zwar von Menschenrechten und zivilem Widerstand redet, aber politisch nur totalen Krieg meint. Selbst wenn es stimmen würde, dass die israelische Staatsgründung an sich ein Verbrechen gegen die palästinensische Bevölkerung darstellt, wäre es völlig kontraproduktiv seine Beseitigung fordern zu wollen, weil die jüdische Bevölkerung dort nicht freiwillig gehen wird. Auch die europäische Bevölkerung des oft zu Vergleichen heran gezogenen Südafrika musste nach Ende der Apartheid nicht das Land verlassen oder sollte als Bürger zweiter Klasse in einer vom ANC organisierten Diktatur leben. Die afrikanische Mehrheit empfand keinen Wunsch die Unterdrücker ins Meer zu treiben, ihre Kultur auszulöschen oder ihre Degradierung zu Sklaven als Revancheakt zu betreiben. Obwohl Nelson Mandela gerne als Kronzeuge antizionistischer Befreiungstheologie gehandelt wird, hat die Entwicklung Südafrikas keinerlei Ähnlichkeiten mit den Forderungen antizionistischer Rhetorik. Aus anderer Perspektive sieht man am Beispiel Zimbabwes welche katastrophalen Auswirkungen eine rücksichtslose Afrikanisierungspolitik auf die gesellschaftliche Stabilität hat. Die totale Erfolglosigkeit des Antizionismus beruht nicht zuletzt auf der Tatsache, dass die gekränkten Seelen antizionistischer Hasardeure es nicht zustande bringen von der Rhetorik des empörten Aufschreis zu rationalen Kalkülen überzugehen, die es erlauben könnten sich mit der Realität eines jüdischen Nationalismus abzufinden. Ihr Credo lautet heute wie vor 60 Jahren, dass Israel als solches nicht sein darf. Die Ironie dabei ist, dass die aggressivsten und hasserfülltesten politischen Protagonisten jene linken antiimperialistischen Sektierer sind, die sich das Selbstbestimmungsrecht der Völker auf die Fahnen geschrieben haben und die nationale Befreiung als wesentlichste Entwicklung der der Dritten Welt unterstützen. Während man also dem jüdischen Nationalismus die Gefolgschaft verweigert, mutierte die antikolonialistische Tradition zu einem Rechtfertigungsszenario für die schlimmsten  Verbrecher und Massenmörder, von Pol Pot über Enver Hoxha bis Idi Amin, deren Projekte allesamt nationale Anstrengungen und Befreiungsschläge gewesen sein sollen, mit denen man sich von der imperialistischen Umklammerung lösen wollte. Viele europäische Linke haben das in den 70ern zumindest so gesehen. Die verheerenden Auswirkungen dieser Tradition auf die intellektuelle Reflexionsfähigkeit sind an den katastrophalen Pamphleten ablesbar, die von einschlägigen Interessensvertretern zu diversen antiisraelischen Anlässen veröffentlicht werden, in denen sich islamische Wut und linker antikolonialistischer Impuls vereinigen. Die erfolgreiche Promotion der Hamas und auch der Hizbollah als Widerstandsbewegung verdankt sich ihrer geschickten Verkaufsstrategie, Parteien einer nationalen Befreiung vom Joch des Imperialismus zu sein, obwohl ihre Programme und ihre Politik aber vor allem ihren Charakter als islamische Organisationen betonen, denen nationale Befreiung genau so wichtig ist, wie das Wetter in Budapest. Der linke Antiimperialismus und der islamische Extremismus haben sich darum darauf geeinigt, je nach Kontext den Charakter der Islamisten als nationale Befreier zu definieren wenn es für europäische und amerikanische Ohren opportun klingt. Dieser einfache Trick hat sich als höchst erfolgreich erwiesen. Womit wir wieder bei der anfangs gestellten Frage wären: Warum sind so viele Linke Antizionisten?

(Fortsetzung folgt)

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