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The Neighborhood Bully oder Warum ist Antizionismus bei Linken so populär? (2)

Teil 1 findet man hier:

https://dieweltohneuns.wordpress.com/2010/06/08/the-neighborhood-bully-oder-warum-ist-antizionismus-bei-linken-so-popular-1/

Warum sind so viele Linke heute Antizionisten? Was macht die ideologische Bezeichnung „Antizionist“ eigentlich inhaltlich aus und warum wurde sie so bedeutend? Vielleicht bekommt man einen besseren Blick auf die Sache, wenn man die Frage aus der umgekehrten Perspektive stellt: Warum ist es so unpopulär ein Unterstützer Israels zu sein?

Obwohl eindeutig in der Minderzahl rufen vereinzelte Grüppchen, die auf Demos mit Israelfahnen zu finden sind oder in Fenster gehängte Flaggen so unerhörte Aggressionen aus, dass die Polizei bei jeder sich bietenden Gelegenheit den wütenden Mob zu beruhigen versucht, anstatt ihn wie sonst üblich mit Wasserwerfern und Schlagstöcken zurück zu drängen. Die großen Demonstrationen gegen die Gazaoffensive der israelischen Armee Anfang 2009 brachten Millionen Menschen dazu auf die Straße zu gehen, so viel wie seit den Protesten 2003 gegen den Irakkrieg nicht mehr. Aber während man den Gegnern der israelischen Politik selbstverständlich ihr Recht auf freie Meinungsäußerung zugesteht, wird die Freiheit eine andere Sicht der Dinge vertreten zu dürfen mittlerweile nicht einmal mehr von der Justiz unterstützt. Die Irrationalität der antiisraelischen Demagogie zeigt sich in absurdesten Angriffen und Unterstellungen. Stellvertretend für eine ganze Generation von Israelkritikern behauptete der Schweizer Islamvermittler Tariq Ramadan Anfang 2009 im „Guardian“, dass die ganze Welt zu Israels Politik schweigen würde, während gleichzeitig an jeder Ecke Europas eine Protestkundgebung statt fand und in allen großen Städten hundertausende auf die Straße gingen. Er phantasierte dass  Israel „a state of intellectual terror“ etabliert hätte, der „presidents and kings“ zum Schweigen verurteilen würde, während in den Gremien der UN der Nahostkonflikt zum einzigen Thema, in nationalen Parlamenten der EU wütende Reden mit Aufrufen zum Israelboykott gehalten oder durch Verlautbarungen der Pressebüros diverser Staatschefs die Kanäle der Nachrichtenagenturen verstopft wurden. Obwohl Ramadan natürlich der Etikette Genüge tat und sich von offenem Antisemitismus distanzierte („antisemitism is anti-Islamic“), tat er so als wäre eine gigantische zionistische Verschwörung in Gange, während man gegen Israel sogar in den  schärfsten Diktaturen protestieren darf. Nicht nur, dass Demonstrationen und Kundgebungen auch wenn man ihre Zielsetzung ablehnt als Teil der Meinungsfreiheit akzeptiert werden müssen, sogar wenn sie stattfinden und ihr unübersehbares Potential auf der ganzen Welt sichtbar wird, reden Leute wie Ramadan (und nicht nur er) davon, dass Kritik an Israel verboten sei oder durch „intellektuellen Terror“ an seinem Ausdruck gehindert werden würde. Es gibt keinen Israelkritiker, der mir jemals erklären konnte, warum die Empörung über angebliche oder tatsächliche Menschenrechtsverletzungen der israelischen Politik immer dazu führt sich trotz einer überwältigenden Mehrheit als Opfer einer weltweiten Verschwörung zu fühlen. Noch jede weltweite Empörung über israelische Politik, ganz egal ob sie nun berechtigt ist oder nicht, wird von wehleidigen Kommentaren begleitet, in denen sich israelkritische Mimosen davor fürchten als „Antisemiten bezeichnet zu werden“, weil sie die israelische Politik kritisieren. Obwohl also ihre Zahl überwältigend ist fürchten sich die Israelkritiker ungeheuer davor, dass ein kleiner zionistischer Bully sie des Judenhasses bezichtigt. Diese Angst geht so weit, dass jede sichtbare Demonstration israelischer Sympathie als ungeheurer Affront empfunden wird, der über jede rational begründbare politische Sichtweise hinaus geht. Man fühlt sich als Opfer einer zionistischen Lobby, und möchte gleichzeitig jede sichtbare Demonstration einer anderen Meinung zum Verschwinden bringen. Dass es dabei um so ziemlich alles geht, nur nicht darum palästinensischem Elend abzuhelfen ist ein kleiner Treppenwitz der Geschichte. Antizionistische Agitation gibt es länger als Israel, das Palästinenserproblem als Thema einer öffentlichen Empörung aber erst seit 1967. Und seit es antizionistische Politik gibt hat sie nichts anderes getan, als die Situation der Palästinenser zu verschlimmern. Seit mehr als 50 Jahren sind antizionistische Agitatoren die erfolglosesten Schreihälse der jüngeren Geschichte wenn es um die Erreichung realpolitischer Ziele geht, aber die erfolgreichste Organisation in der Mobilisierung von Menschenmassen zu Zwecken des sinnentleerten Protestes.

Antizionismus ist keine homogene Entität. Es gibt sehr viele antizionistische Aktivisten in Israel selbst, die mit den staatlichen Repressionen, die einer militärischen Problembewältigungsstrategie unweigerlich folgen müssen, sehr unglücklich sind und diesen Missstand durch Solidaritätsaktionen und zivilen Widerstand begegnen. Ihre Arbeit in Menschenrechtsfragen und ihr Engagement ist unschätzbar viel wert, auch wenn sie – vor allem von Antizionisten – außerhalb Israels kaum wahrgenommen werden. (Ein paar Projekte und Initiativen findet man z.B. auf www.ritesinstitute.org .)

Die wirklich bekannten Antizionisten sind jene, die als prominente Figuren durch Europa reisen und dort wissentlich oder nicht ihre derbe Rhetorik an ein Publikum bringen, das begierig darauf wartet Neuigkeiten über den „Apartheidstaat“ zu hören und an die historische Verantwortung der Deutschen erinnert zu werden, israelische Politik mit Nazivergleichen zu beehren, in denen Gaza mit dem Warschauer Ghetto identifiziert wird. Der bekannte australische Journalist John Pilger etwa, der mit Reportagen über Kambodscha bekannt wurde, ist ein redegewandter Autor, der für seine Berichterstattung über Gaza ständig mit Holocaustvergleichen und Genozidvorwürfen um sich schmeißt. Interessant daran ist, dass ein Mann, der die Killing Fields der Roten Khmer mit eigenen Augen gesehen hat, Bergen Belsen oder das Warschauer Ghetto  aber nur aus Erzählungen kennt, ausschließlich letztere als Narrativ für seine Beschreibung israelischer Politik benutzt, obwohl ihm mit Kambodscha und Vietnam große Greuelressourcen eigener Erfahrung zur Verfügung stünden. Pilgers pseudohumanitärer Journalismuskitsch vergleicht aber nirgendwo die israelische Politik mit den Roten Khmer, die sicher nicht weniger unsympathisch als die Nazis gewesen sind. Er tut das vermutlich deshalb nicht, weil die Nazi und Holocaustvergleiche keinem Realitätscheck standhalten müssen, kambodschanische Leidenswege aber schon. Und dann erzählt Pilger wie Ramadan dieselbe Geschichte, dass Israel von westlichen Medien und Politikern bevorzugt behandelt werden würde. Selbst sehr wohlmeinende Kommentatoren (der Autor gehört nicht zu diesen) würden sich sehr schwer tun immer wieder auftauchende Argumentationsmuster über den Zionismus in ein Modell rationaler Kritik an der israelischen Politik einzuordnen. Antizionismus beim Wort genommen ist absurderweise sehr selten eine Ablehnung der israelischen Gründungsmythen, also eine historische Verortung der zionistischen Siedlerbewegungen, die ab 1900 ins Heilige Land kamen, sondern die strikte Ablehnung, Leugnung und Denunzierung eines jüdischen Anspruchs auf das Land im Nahen Osten. Das Feindbild, das sich die antizionistische Agitation dabei zusammen bastelt zielt dabei weniger auf eine Ideologie namens Zionismus als historische Kritik ab. Selbst diese Aufgabe erledigen die israelischen Historiker von Ilan Pape bis Benny Morris (um zwei sehr gegensätzliche Autoren zu nennen) in innerisraelischen Diskursen kritischer und mutiger als irgendeine Macht von außen das könnte. Der problematische Aspekt des antizionistischen Narrativs ist daher nicht seine tatsächliche oder angebliche Kritik an der israelischen Politik, sondern seine Negierung des Gegenübers. Es sind vor allem die Linken in den europäischen Dependancen des antiimperialistischen Diskurses, die von einer Anerkennung des israelischen Existenzrechts nicht wissen wollen und die Hamas oder Fatah darin bestärken dies auch nicht in Betracht zu ziehen. Antizionistische Agitation (und wir beharren darauf, dass wir ganz explizit nicht von antisemitischer Agitation sprechen) will nicht Israels Politik verändern, sondern seine Politik besteht darauf, dass Israel als Ganzes verschwinden muss. Es ist seine Anwesenheit als Staat, das in seiner ganzen Präsenz entfernt werden soll. Es ist abhängig von Standpunkt oder Beobachter ob mit diesem Ziel ein organisierter Massenmord verbunden ist oder nicht. Es gibt viele Antizionisten, die sich ein Verschwinden Israels vorstellen ohne einen Genozid anzustreben oder das für wünschenswert halten, aber ihre Naivität, und man kann das am Beispiel Henning Mankells demonstrieren, entlarvt den Charakter dieser Negierung des Gegenübers umso deutlicher. Je aggressiver die Rhetorik wird, je empörter die Aufschreie über angebliche oder tatsächliche Untaten (von denen der israelische Staat ja eine ganze Menge begangen hat), desto gründlicher verneinen Antizionisten die Auseinandersetzung mit der faktischen Realität Israels als souveränem Staat und vor allem eine Auseinandersetzung mit Menschen in Israel selbst. Jeder Bürger Israels mutiert zu einem Unterdrücker, der durch seine schiere Anwesenheit palästinensische Kinder zu Hunger und Verzweiflung verurteilt.  Genau wie die Anwesenheit prozionistischer Grüppchen bei Massendemonstrationen für Furor und Aggression sorgt, bleibt die politische Dynamik bei den Akteuren stecken, die ihr politisches Kleingeld mit antiisraelischer Rhetorik verdienen. In der rhetorischen Diskurshölle des Antiimperialismus werden Begriffe wie „zionistisches Gebilde“, „imperialistischer Brückenkopf“ oder „illegales Besatzungsregime“ zum Leitbild einer humanistischen Rhetorik, die zwar von Menschenrechten und zivilem Widerstand redet, aber politisch nur totalen Krieg meint. Selbst wenn es stimmen würde, dass die israelische Staatsgründung an sich ein Verbrechen gegen die palästinensische Bevölkerung darstellt, wäre es völlig kontraproduktiv seine Beseitigung fordern zu wollen, weil die jüdische Bevölkerung dort nicht freiwillig gehen wird. Auch die europäische Bevölkerung des oft zu Vergleichen heran gezogenen Südafrika musste nach Ende der Apartheid nicht das Land verlassen oder sollte als Bürger zweiter Klasse in einer vom ANC organisierten Diktatur leben. Die afrikanische Mehrheit empfand keinen Wunsch die Unterdrücker ins Meer zu treiben, ihre Kultur auszulöschen oder ihre Degradierung zu Sklaven als Revancheakt zu betreiben. Obwohl Nelson Mandela gerne als Kronzeuge antizionistischer Befreiungstheologie gehandelt wird, hat die Entwicklung Südafrikas keinerlei Ähnlichkeiten mit den Forderungen antizionistischer Rhetorik. Aus anderer Perspektive sieht man am Beispiel Zimbabwes welche katastrophalen Auswirkungen eine rücksichtslose Afrikanisierungspolitik auf die gesellschaftliche Stabilität hat. Die totale Erfolglosigkeit des Antizionismus beruht nicht zuletzt auf der Tatsache, dass die gekränkten Seelen antizionistischer Hasardeure es nicht zustande bringen von der Rhetorik des empörten Aufschreis zu rationalen Kalkülen überzugehen, die es erlauben könnten sich mit der Realität eines jüdischen Nationalismus abzufinden. Ihr Credo lautet heute wie vor 60 Jahren, dass Israel als solches nicht sein darf. Die Ironie dabei ist, dass die aggressivsten und hasserfülltesten politischen Protagonisten jene linken antiimperialistischen Sektierer sind, die sich das Selbstbestimmungsrecht der Völker auf die Fahnen geschrieben haben und die nationale Befreiung als wesentlichste Entwicklung der der Dritten Welt unterstützen. Während man also dem jüdischen Nationalismus die Gefolgschaft verweigert, mutierte die antikolonialistische Tradition zu einem Rechtfertigungsszenario für die schlimmsten  Verbrecher und Massenmörder, von Pol Pot über Enver Hoxha bis Idi Amin, deren Projekte allesamt nationale Anstrengungen und Befreiungsschläge gewesen sein sollen, mit denen man sich von der imperialistischen Umklammerung lösen wollte. Viele europäische Linke haben das in den 70ern zumindest so gesehen. Die verheerenden Auswirkungen dieser Tradition auf die intellektuelle Reflexionsfähigkeit sind an den katastrophalen Pamphleten ablesbar, die von einschlägigen Interessensvertretern zu diversen antiisraelischen Anlässen veröffentlicht werden, in denen sich islamische Wut und linker antikolonialistischer Impuls vereinigen. Die erfolgreiche Promotion der Hamas und auch der Hizbollah als Widerstandsbewegung verdankt sich ihrer geschickten Verkaufsstrategie, Parteien einer nationalen Befreiung vom Joch des Imperialismus zu sein, obwohl ihre Programme und ihre Politik aber vor allem ihren Charakter als islamische Organisationen betonen, denen nationale Befreiung genau so wichtig ist, wie das Wetter in Budapest. Der linke Antiimperialismus und der islamische Extremismus haben sich darum darauf geeinigt, je nach Kontext den Charakter der Islamisten als nationale Befreier zu definieren wenn es für europäische und amerikanische Ohren opportun klingt. Dieser einfache Trick hat sich als höchst erfolgreich erwiesen. Womit wir wieder bei der anfangs gestellten Frage wären: Warum sind so viele Linke Antizionisten?

(Fortsetzung folgt)

Kategorien:Culture and War
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