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The Neighborhood Bully oder Warum ist Antizionismus bei Linken so populär? (3)

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Die meisten Antizionisten zumindest in Europa und den USA weisen den Vorwurf Antisemiten zu sein empört von sich. Diese Selbstwahrnehmung sollte man sehr ernst nehmen. Ein Teil dieses Vorwurfs wird vor allem dadurch scheinbar entkräftet, dass viele antizionistische Fürsprecher selbst aus jüdischen Milieus kommen und deshalb oft mit sehr einfachen Tatsachen argumentieren können, die unmittelbar einleuchten. Man sollte aber dazu sagen, dass dies eine Minderheit ist. Die Mehrheit antizionistischer Rechtfertigung benutzt die jüdischen Kritiker Israels als Feigenblatt und zur Kritikabwehr. So wird aus der Kritik eines jüdischen Zeitgenossen an der israelischen Politik, das Jüdische an ihm zum Zentrum seiner Glaubwürdigkeit, und nicht mehr seine richtigen oder falschen Argumente. Übrigens gilt dies natürlich nur für Kritiker Israels, niemals umgekehrt. Antizionistische Linke die sich verzweifelt und emotional durchaus glaubwürdig dagegen wehren antisemitischer Ressentiments bezichtigt zu werden, beginnen unter Druck auf einmal die Nürnberger Rassengesetze rhetorisch zu implementieren, indem sie ihre jüdischen Kronzeugen einen nach dem anderen aufrufen, ohne zu bemerken wohin sie sich da selbst gebracht haben. Nicht allen kann Absicht unterstellt werden, aber den meisten Dummheit.

Während man sich in arabischen und muslimischen Gegenden historisch unbelastet fühlt (ob zurecht oder nicht sei einmal dahin gestellt) und sich durch die antikolonialistische Tradition durchaus zu Recht als Opfer betrachten kann, haben europäische Linke mit dem Problem zu kämpfen, durch ihre eigene politische Sozialisation bedingt, sich immer noch als Nachfahren jener aggressiven, rassistischen Massenmörder und Kolonialherren zu erfahren, die jene Situation mit erschufen, die wir heute mit dem Begriff „Dritte Welt“ bezeichnen. Und in Deutschland und Österreich sind die Verbrechen der Nazis trotz massiver Bemühungen immer noch nicht restlos entsorgbar und zwingen die Mainstreampolitik nach wie vor in einen minimalen antifaschistischen Konsens. Der massive Modernisierungsschub der mit den Studentenprotesten von 1968 begann und durch die Präsenz der Sowjetunion von den hegemonialen Kräften Zugeständnisse sozialer und politischer Art erzwang, führte einen neuen Diskurs in die westlichen Gesellschaften ein, der Eliten und Massen zwang sich zumindest oberflächlich mit der Vergangenheit als Kolonialmacht auseinander zu setzen, die Franzosen und Engländer ein wenig mehr als die Italiener, Spanier und Deutschen. Nichtsdestotrotz konnte sich eine hartnäckige wenn auch recht bescheidene Doktrin durchsetzen, die besagte, dass europäische Gebildete ihre eigene Geschichte kritisch zu betrachten hätten, auch wenn diese Kritik mit jeder Generation aufs Neue ins Bewusstsein gerufen werden muss. Die Linke war lange Zeit (sagen wir bis 1989) jener Teil der Gesellschaft, der sich dazu berufen fühlte die problematische Seite des Wohlstands anzusprechen und das Gefühl zu vermitteln, es gebe so etwas wie Verantwortung den Ausgebeuteten gegenüber. Seit die Sowjetunion nicht mehr existiert haben paradoxerweise jene Linke den meisten Einfluss verloren, die schon vor 1989 beide Großmächte des Kalten Kriegs ablehnten, vor allem trotzkistische Organisationen und Trikontsolidaritätsgruppen. Man kann einen sehr deutlichen Zusammenhang zwischen dem Verlust an gesellschaftlicher Relevanz und der Wichtigkeit des Nahostkonflikts beobachten, wenn es um die linken Traditionen seit dem Fall der Berliner Mauer geht. Wenn man das kurze Glühen der sogenannten Globalisierungsgegner mit einbezieht und mit dem Aufstieg der netzbasierten Massenmedien zusammendenkt, erhält man einen sehr merkwürdigen Cocktail aus eventgesteuerter Aktionsfixierung und kompletter politischer Bedeutungslosigkeit. Statt Politik betreiben diese Linken eine medienkompatible Eventagentur, die sich in aggressiver Rhetorik gefällt und die medienwirksame  Tatmenschen bevorzugt. Vielleicht lässt sich so am besten Judith Butlers unfassbare Dummheit in einen Kontext stellen, als sie meinte, man könnte : „(…) Hamas, Hezbollah as social movements that are progressive, that are on the Left, that are part of a global Left (…)“ verstehen. Sie hätte noch mit einem Werbeslogan hinzufügen müssen: Die tun was.

Egal welche Haltung man zu Hamas und Hizbollah hat: Sie als „social movements that are progressive“ zu verstehen, leugnet vor allem das Selbstverständnis dieser Gruppen als islamische Parteien einer globalen Intifada. Dass sie islamisch und äußerst reaktionär sind, macht sie deswegen noch nicht antimodern oder negiert ihre strategische Intelligenz. Islamistische Parteien wie die Sadristen im Irak und auch die ägyptische Muslimbrüderschaft oder die türkischen Netzwerke der AKP sind moderne und hoch entwickelte Konzerne mit vielseitigen Produkten, sie betreiben Tankstellen und islamisches Banking und bieten zum Teil die einzigen sozialen Dienste, wie Bildung und medizinische Versorgung in unterentwickelten Regionen an und sorgen dafür, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung noch intakte Karrierechancen hat. Sie sind also genau so wie jene multinationalen Konzerne und kapitalistischen Agenturen, die Naomi Klein als Verbrecher verurteilt. Es kommt wirklich nur auf den Standpunkt an.

Hamas und Hizbollah verstehen vermutlich besser als Judith Butler und Naomi Klein das tun, dass moderne Politik ein mediales Ereignis ist. Und sie produzieren die wesentlich bessere Show, als die konsumkritischen, ökologisch bewegten und gegen Unterdrückung und Ausbeutung polemisierenden Linken, die ihre Selbstzweifel und ihre depressiven Gemütszustände für Empathie mit dem Elend der Welt halten. Die Sympathie linker Antizionisten mit den Masterminds islamischer Extremismen ist absurderweise denselben Qualitäten geschuldet, die ihre Ablehnung israelischer Politik ausmachen. Der durchschnittliche Bürger verkennt im Allgemeinen die enorme strategische Intelligenz und technische Versiertheit mit denen Staaten wie der Iran und Organisationen wie die Hamas oder Hizbollah ihre politischen Ziele verfolgen. Die Monstrosität ihrer Vernichtungsphantasien spiegelt sich wie Bob Dylan schon vor 27 Jahren genial erkannte in der Skrupellosigkeit des Neighborhood Bully, der sich die Messlatte seiner Taten von seinen Feinden vorschreiben lassen muss, wenn er überleben will. Der Medienkonsument hört also von erhörten israelischen Verbrechen, weil er die Palästinenser und ihre Verbündeten für einen Haufen unterernährter Favelabewohner hält. Dass sich gerade im arabischen Raum ungeheurer Reichtum mit einer sehr alten Zivilisationsgeschichte verknüpft, wird eher verdrängt, bzw. durch die antizionistische Trickserei praktisch geleugnet. Als die Rassismuskonferenz in Durban 2001 zu einem antiisraelischen Tribunal verkam, bei dem der Zionismus zum Menschheitsverbrechen hochgelogen wurde, wurde ein ganz anderer Aspekt völlig darunter begraben. Durban sollte eine Resolution vorbereiten bei der afrikanische Staaten den ehemaligen europäischen Kolonialmächten Schadenersatzforderungen für Sklaverei und Ausbeutung stellen sollten. Die Geschichte der Sklaverei ist nun wahrlich ein historisches Verbrechen aber kein genuin europäisches. Jahrhunderte vor der terroristischen Ausbeutung Afrikas durch die Europäer etwa war der Sklavenhandel mit Afrikanern, Osteuropäern und was sich sonst fangen ließ ein muslimisches Geschäft, das keinen Vergleich mit späteren Entwicklungen zu scheuen braucht. (siehe dazu auch: Bernard Lewis, Race and Slavery in the Middle East, New York 1990) Der muslimisch-arabische Sklavenhandel war eine Grundbedingung dafür, dass die Europäer überhaupt so vieler Menschen habhaft werden konnten, die sie nach Amerika oder sonst wo hin deportierten. Schadensersatzforderungen an ehemalige Sklavenhändler würden sich also nicht nur auf die ehemaligen imperialistischen Mächte beziehen, sondern auch Staaten wie Saudi Arabien betreffen, die die Sklaverei erst 1962 abgeschafft hatten. Es ist unwahrscheinlich, dass eine generelle Selbstkritik der arabisch muslimischen Rolle im Sklavenhandel der letzten 1000 Jahre ein nachhaltiges Interesse antiimperialistischer Politik ist. Um die arabischen Brüder und Schwestern davor zu schützen sich auf eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte einzulassen, bastelte man gemeinsam am Opfermythos der islamischen Gesellschaften, deren größter Unterdrücker offenbar der zionistische Brückenkopf im Nahen Osten ist.

Bevor sich also antisemitische Motive ins Narrativ mischen ist der gemeine Antizionist von seinen Spiegelungen umgeben, in der er Israel für genau das verurteilt, was er an dessen Feinden so gut findet: Skrupellosigkeit, taktische Intelligenz und politische Flexibilität. Das scheinbar grenzenlose Verständnis für Selbstmordattentäter, kombiniert mit dem Mythos,  es sich würde sich um antikapitalistische Befreiungsbewegungen handeln, deren objektive Rolle aus irgendeinem Grund fortschrittlich sein soll, hatte schon bei der iranischen Revolution nicht funktioniert. Aus einer linken (oder dafür gehaltenen) antiimperialistischen sozialen Bewegung gegen die Bevormundung durch die USA und europäische Mächte, war eine religiös fanatisierte Diktatur geworden, die zum Zentrum der antisemitischen Wahnproduktion wurde. Antiimperialistische Protagonisten weigern sich bis heute das zuzugeben. Sie lügen den Charakter des Regimes in eine „objektiv fortschrittliche“ Rolle um, solange sie die Politik des Iran als Antwort auf den Zionismus verstehen können, also nationale Befreiung plus antiimperialistischen Widerstand.  Der durchaus peinliche Antisemitismus diverser muslimischer/arabischer Aktivisten wird zwar nicht geteilt, oder schlicht ergreifend nicht als solcher wahrgenommen, wenn man ihn als Reaktion auf die Bluttaten des  zionistischen Kolonialprojekts deuten kann. Diese Linken sind also keine aktiven antisemitischen Hasardeure. Antizionistische Agitatoren nutzen und instrumentalisieren eher den Antisemitismus ihrer Bündnispartner oder versuchen bestehende Ressentiments (die es in allen Bevölkerungen Europas gibt) produktiv für ihre eigene politische Karriere zu nutzen. (Willi Langthaler von der Wiener Antiimperialistischen Koordination wäre so ein Fall. Man könnte ihn auch als den Jürgen Elsässer Österreichs bezeichnen.) Das Spiel mit den antisemitischen Ressentiments anderer ist ihr Geschäft, nicht die Verbreitung der Protokolle.

Antizionistische Selbsteinschätzungen keine antisemitischen Motive zu haben sind also insofern wahr, als es Bewunderung für den Antisemitismus anderer ist, den man nicht zu bemerken glaubt. (Fragen sie Henning Mankell, der weiß es auch nicht.) Die Rhetorik, die das effektive Management israelischer Militärstrategen als Verbrechen wider die Humanität (oder was auch immer) hinaus blökt ist gleichermaßen fasziniert von der äußerst kompetenten medialen Nadelstichelei, mit der das palästinensische Desaster quotentechnisch vermarktet wird. Antizionisten wollen Bilder, die im Fernsehen funktionieren und jene Massen mobilisieren, die sie nicht erreichen können. Der Mehrwert dieser Aufmerksamkeitsökonomie fällt so stellen sie sich vor auch auf sie ab. Mit der Kufiya um den Hals, eine doppelläufige Waffe in der einen und eine Friedenstaube in der anderen Hand so stellt sich der gemeine Antizionist seinen Pinup Helden vor, der ihn endlich aus der genormten Langeweile seiner bürgerlichen Existenz ins Land der direkten Aktion führt. Die Attraktivität des sich bewegenden Guerillakriegers ist unbestritten tief in das emotionale Strickmuster des Che Guevara T-Shirt eingearbeitet. Die tun was, wo wir nur blöd labern. Wo zuvor Politik war, soll Aktion werden, so lässt sich ein reflexives Selbstwahrnehmungsmoment des Antizionismus am besten beschreiben, das den Prozess zu radikaler Selbstverblödung in Gang setzt.

Sind Antizionisten also auch Antisemiten? Kommt darauf an was man unter Antisemit versteht. Das Schwierige an dieser Frage ist nicht, dass man sie nicht sofort mir ja oder nein beantworten könnte, sondern dass antizionistische Politik gar keinen Antisemitismus braucht um nicht dieselben verheerenden Effekte zu erzielen. Auch ganz ohne Antisemitismus hat der Antizionismus nichts von seiner widerlichen Ignoranz verloren. Sein wichtigstes Anliegen ist ja wie wir gesehen haben, die israelische Seite als Partner in einem Friedensprozess zu negieren. Wer nicht vom „Saujud“ im Maul trieft und keinen Wunsch äußert den Holocaust zu wiederholen, aber trotzdem ein freies Palästina unter arabischer Herrschaft wünscht, ist darum nicht unbedingt ein Antisemit, sondern ein Idiot (oder heißt John Pilger). Aber sind Idioten nicht viel gefährlicher?

(Fortsetzung folgt)

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