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Archive for the ‘Culture and War’ Category

The Climb We Hill

Amanda Gorman oder Die Kunst einen Hügel hinauf zu steigen, der vollkommen flach ist.

„Don’t believe the hype!“ (Public Enemy)

 

1.

Seit die junge Poetin Amanda Gorman ihr Gedicht „The hill we climb“ bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden einem Millionenpublikum vorlas, kann sie vermutlich als die berühmteste Autorin der Welt gelten. Mehrere Millionen Follower auf Twitter, lukrative Verträge mit prominenten Verlagen, die Stilisierung zur Fashion-Ikone und eine weltweite Aufmerksamkeit in den Feuilleton Seiten der wichtigsten Zeitungen und Magazine sind der Lohn für einen knapp sechs Minuten langen Vortrag von 53 Zeilen.

Große Verlage außerhalb der Vereinigten Staaten bemühten sich sofort um die Übersetzungsrechte für den schmalen Text und setzten ihre besten Leute darauf an. In den Niederlanden wurde die Transperson Marieke Lucas Rijneveld mit der Übertragung betraut, aber ihr wurde der Auftrag kurz darauf wieder entzogen, weil ein Twittermob entschied, dass die Hautfarbe von Rijneveld einfach zu hell ist. Dasselbe Schicksal ereilte den katalanischen Übersetzer von Gormans Gedicht, Victor Obiois, einem prominenten Shakespeare Experten, dem von seinem Verlag mitgeteilt wurde, das „falsche Profil“ zu haben.

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Kategorien:Culture and War

Writings on the wall. Reflexionen zum Terroranschlag in Wien

November 8, 2020 5 Kommentare

 

“You can’t depend on the goodly hearted
The goodly hearted are made lamp-shades and soap…”

Lou Reed, Busload of Faith

 

In seinem auf MEMRI veröffentlichten Bekennervideo fuchtelt der junge Mann mit seiner Handfeuerwaffe in der rechten Hand ein wenig herum, während er mit der Linken eine Machete und den Lauf der AK-47 eng an sich drückt. Er murmelt in schlechtem Arabisch die traditionellen Formeln des islamischen Glaubensbekenntnisses herunter und schwört dem derzeitigen Anführer der Terrorbande „Islamischer Staat“ (Daesh) seine Gefolgschaft. Wenig später wird er in der Wiener Innenstadt fünf Menschen mit Schüssen aus seiner AK-47 ermorden, um wenig später selbst durch die Waffe eines Polizisten tödlich getroffen zu werden.

Der Täter, ein 20-jähriger Mann und österreichischer Staatsbürger, der ursprünglich aus dem albanisch sprechenden Teil Nordmazedoniens stammt, ist behördlich bekannt gewesen, hat bereits eine Haftstrafe verbüßt, weil er versucht hat, sich in Syrien dem IS anzuschließen und wurde sogar von slowakischen Behörden dabei erwischt, wie er sich Munition für die AK-47 verschaffen wollte. Die österreichischen Autoritäten sollen die Warnung der Slowaken mehr oder weniger ignoriert haben. Anscheinend hatte man volles Vertrauen in das Deradikalisierungsprogramm[1], das den jungen Mann unter seine Fittiche genommen hatte und durch das er die 22 Monate lange Haftstrafe auf einen 7-monatigen Aufenthalt im Gefängnis reduzieren konnte.

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Nicht-Identitätspolitik. Ein Aufruf zum Widerstand gegen die linke Hegemonie

Juli 23, 2020 53 Kommentare

Do I understand your question, man, is it hopeless and forlorn?

Bob Dylan, Shelter from the storm

Hier ist nicht Jude noch Grieche,
Hier ist nicht Sklave noch Freier,
Hier ist nicht Mann noch Frau;
Denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

Galater 3,28

Intro: Ist #blacklivesmatter ein Produkt der Kritischen Theorie?

„What we’re trying to do in this revolution, in this televised revolution is that I’m saying this not in the literal sense, but in the sense of ‘Burn it all down. Start over.‘

(Linda Sarsour)[1]

Die jüngsten Ereignisse in den Vereinigten Staaten lassen uns zwischen den revolutionsschwangeren Rauchschwaden verwüsteter Innenstädte einen Blick darauf werfen was passieren könnte, wenn die bürgerliche Gesellschaft, ihre Demokratie und die von ihr rechtsstaatlich garantierte Meinungsfreiheit scheitern sollten. Was seit Jahrzehnten als „humanities“ an europäischen Universitäten und den Colleges der amerikanischen Bildungseliten gelehrt wird, ein philosophisch und ideologisch dezentral geführter Totalangriff poststrukturalistisch beeinflusster Theorien von „critical whiteness“ über „postcolonial theory“ bis zu „gender studies“ auf die Substanz der jüdisch-christlichen Zivilisation, steht kurz davor sich gesamtgesellschaftlich durchzusetzen. Der von den Eliteuniversitäten ausgehende und von den Mainstream Medien und den großen Tech-Corporations unterstützte Aufstand gegen eine imaginäre „white supremacy“, die einen „systemischen Rassismus“ praktizieren soll, ist ein postmodern aufgeladener stalinistischer Krieg gegen die zivilisatorischen Minimalanforderungen bürgerlicher Gesellschaft. Er könnte erfolgreich sein. Die Angst vor einem Untergang der Vereinigten Staaten wirft eine scheinbar weniger wichtige aber deswegen nicht weniger brisante Frage auf. Wenn man die Aufforderung von Adorno und Horkheimer ernst nimmt, dass es unerlässlich sei die zivilisatorischen Mindeststandards bürgerlicher Gesellschaft gegen die Barbarei zu verteidigen, dann stellt sich die Frage, ob mit der möglichen Abdankung der spätkapitalistischen Demokratie, deren Kritik stets auch ihr eigenes Anliegen gewesen ist, nicht auch Kritische Theorie an sich als gescheitert betrachtet werden muss.
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Kategorien:Culture and War

Die 10 reaktionärsten Popsongs

März 1, 2020 2 Kommentare

Doch was immer man von Pop sagen und denken mag, bleibt eines niemandem verborgen, selbst wenn es sich schwer in Begriffe fassen lässt: Etwas verändert sich, was weit über die zyklischen Veränderungen, die dynamischsten Crossovers, die unentwegten Verbindungen mit politischen und ökonomischen und technologischen Impulsen hinausgeht.

Georg Seeßlen

In seinem legendären Text „Die Sonnenbrille der Philosophie“ aus dem Jahre 2006 fasst Georg Seeßlen einige seiner grundlegenden Gedanken zum Charakter der Popkultur in dem Satz zusammen: „Pop ist nicht Code, sondern die Veränderung von Codes; nicht Form, sondern die Veränderung von Form. Weil jede konsequente Bewegung zur Selbstaufhebung führt und das Repertoire von Veränderungen limitiert ist, tendiert diese Bewegung dazu, sich kreis- oder spiralförmig zu gestalten.“ Die vielfältigen paradoxen Implikationen dieses einen Satzes (und Seeßlen bemüht sich nach Kräften eine Menge weiterer solcher Sätze zu produzieren) führen dazu, dass sich der Gegenstand Pop jeder Kulturkritik recht umstandslos entledigt. Was Seeßlen die „konsequente Bewegung zur Selbstaufhebung“ nennt, bezieht sich weniger auf Pop als kulturelles Phänomen selbst, sondern viel mehr auf seine journalistische, oder wenn man möchte „kritische“ Aufbereitung für das Publikum. Popjournalismus oder Popkritik ist selbst Pop und nicht Journalismus oder Kritik. Die „Bewegung zur Selbstaufhebung“ führt dazu, dass Pop sehr viel Müll produziert, physisch, psychologisch wie ästhetisch, weil das Telos, das im Hegel’schen Begriff der Aufhebung steckt, also Kunst mit einer Bestimmung zu versehen, die es zum Kunstwerk macht, für die Bewegung selbst aufgegeben wird. Popkultur produziert Kunst und große Kunstwerke, aber nicht weil es das Ziel der Aufhebung ist, sondern als Abfallprodukt der Bewegung an sich, die ständig dazu tendiert sich selbst in Schleifen zu wiederholen. Wenn die Wiederholung zum Telos wird, ist die einzige begriffliche Kategorie Differenz, gedacht als Diversity und Vielheit. Die Differenz ersetzt das Subjekt und die Vielheit das Individuum und bildet so den Spannungsraum der popkulturellen Ästhetik, in der Geschichte nur als Unbewusstes existieren kann.

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Die Silhouette im Spiegel. Über Mohammed Abed Al-Jabri’s „Kritik der arabischen Vernunft“

März 3, 2018 4 Kommentare

Die Vernunft ist ein Licht, das gewiss die Finsternis erhellen soll, mitunter aber auch am hellichten Tag gebraucht wird.

(Mohammed Abed Al-Jabri)

Für meinen Vater

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1.

Der marokkanische Philosoph und Hochschullehrer Mohammed Abed Al-Jabri (1935–2010) gilt als bedeutendster arabischer Denker der Gegenwart, auch wenn er außerhalb der islamischen Welt kaum bekannt ist. Die 2009 auf Deutsch veröffentlichte und leider viel zu wenig beachtete Einführung (im Folgenden: EINF) in sein Hauptwerk Kritik der arabischen Vernunft, gewährte erstmals einen Einblick in dieses wichtige Buch, das eine rege Debatte im Nahen und Mittleren Osten darüber ausgelöst hat, wie sich die politischen und kulturellen Krisen der arabischen/islamischen Welt positiv verändern ließen. Die Kritik der arabischen Vernunft, die zwischen 1984 und 2001 in vier Bänden in Marokko erschien machte seinen Autor zu einem Mittler zwischen Sunniten und Schiiten, Araber und Persern beziehungsweise Arabern und Türken und als der viel geachtete Literaturprofessor der Universität von Rabat in Marokko 2010 überraschend verstarb hinterließ er eine schwer zu füllende Lücke.[1]

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Die islamistische Moderne

Dezember 15, 2016 7 Kommentare

“There is a war between the ones who say there is a war
and the ones who say there isn’t.”

Leonard Cohen, There is a war

1.

Es gehört zu den am häufigsten wiederholten Mythen der neueren Geschichte, dass islamistische Terroristen und die ideologischen Brandstifter, die ihnen vorausgingen eine Abwehrreaktion auf und ein religiös motivierter Krieg gegen den Einbruch der Moderne sein sollen. Islamisten, so wird behauptet, seien davon beseelt die Geschichte zu einem Punkt null im 7. Jahrhundert nach Christus zurück zu drehen, in eine Welt die jeder Form von Aufklärung und Renaissance Humanismus voraus ging. Es erscheint jedoch angesichts eines Phänomens wie dem Islamischen Staat höchst notwendig sich von solch einer Idee zu verabschieden. Man sollte stattdessen versuchen sich die islamistische Ideenwelt als alternative Modernisierung vorzustellen, die sich in Form des Globalen Djihads als politisches Modell realisieren will. Ein starker Grund dies zu tun ist die Tatsache, dass der Islam einen Universalismus propagiert, der sich zwar wesentlich vom europäischen Aufklärungsuniversalismus unterscheidet, aber dennoch einen Anspruch auf globale Gültigkeit hat.

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Der postmoderne Systemabsturz. Über die „Critical Whiteness“ und ihre Folgen

März 2, 2016 2 Kommentare

The camouflaged parrot he flutters from fear
When something he doesn’t know about suddenly appears
What cannot be imitated perfect must die…

Bob Dylan, Farewell Angelina

 

Was man heutzutage Postmoderne nennt ist eine Haltung zur Welt, die ausschließlich Narrative sieht. Wissenschaft, Kultur oder Politik bestehen zur Gänze aus sprachlichen Operationen, die in Macht und Gegenmacht Konfigurationen politische Master Narrative durch zu setzen versuchen. Das gilt für irgendeinen körperpolitischen Rassismus, der höhere und niedere Rassen behauptet ebenso wie für wissenschaftliche Modelle vom Universum. Alles ist endlose Relativität, in der jede Äußerung neben der anderen steht und vorgeblich nichts existiert, was sich außerhalb befände und damit Sinn und Deutungshoheit beanspruchen könnte. Es gibt keine Äußerung, kein Zeichen und keine politische Form, die nicht in irgendeiner Art und Weise als ein um Macht zentriertes Spiel erscheint, aber in dem es paradoxerweise trotzdem Absoluta gibt: Alles ist Politik und steht im Zeichen einer Macht, die Unterdrücker und Unterdrückte als Subjekte produziert. Dass man die Selbstbeschreibungen derer die sich als Unterdrückte sehen oder als vom Kolonialismus und Imperialismus Subjektivierte ebenfalls bloß als Narrative betrachten kann, denen Deutungshoheit ebenso wenig zukommt wie die deren angebliche oder tatsächliche Deutungshoheit man bekämpft scheint dabei aus dem Blick zu geraten.

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Spiel mir das Ende vom Lied. Über Quentin Tarantinos neuen Film “The Hateful Eight”

Dieser Text enthält Spoiler.

Es ist gut möglich, dass spätere Generationen diesen Film als bedeutenden Beitrag zur Kinogeschichte und raffinierten politischen Kommentar betrachten werden, aber heute, im Jahr 2016, scheint Tarantinos „The Hateful Eight“ ein weiterer missglückter Film des kalifornischen Regisseurs zu sein. Als Zuschauer wird man von Tarantino mit vielen Fragen allein gelassen, erst nach längerem Nachdenken und genauerer Analyse kann man in Umrissen ausmachen, worum es eigentlich geht. Wie schon in seinen beiden letzten Filmen, „Inglorious Bastards“ und „Django Unchained“ lässt Tarantino sein Publikum mit den formalen Brüchen in der Erzählweise und den Arthouse Spielereien in Sachen Dramatik und Handlungsaufbau oft ratlos zurück. Eine User Kritik auf IMDB nennt den Film „seelenlos“, und beklagt, dass Tarantino ein 70mm Panavision Format benutzt, obwohl der größte Teil der Handlung in einem einzigen überschaubaren Raum spielt. Kein schlechter Einwand wie ich meine.

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Die Schlacht um Jerusalem

The Hebrew seers announce in time
The return of Judah to her prime;
Some Christians deemed it then at hand.
Here was an object: Up and do!
With seed and tillage help renew–
Help reinstate the Holy Land.
Some zealous Jews on alien soil
Who still from Gentile ways recoil,
And loyally maintain the dream,
Salute upon the Paschal day
With Next year in Jerusalem!

Herman Melville, Clarel (Part 1, Canto XVII)

 

Jerusalem

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Kategorien:Culture and War

In Memoriam Amy Winehouse

Am 23. Juli jährt sich der Todestag von Amy Winehouse zum zweiten Mal. Ein verspäteter Nachruf.

I thought there’d be fireworks
I expected changes
I thought there’d be trumpets
Sweetest soul sensations

Lightning Seeds, Sweetest soul sensations

1.

In Lara Del Rays Video zu ihrem Song „Born to Die“ brennt die prinzessinnenhafte Sängerin mit einem jungen Mann durch, der aussieht wie ein Heroinsüchtiger: hager, mit Tätowierungen auf den nackten Oberarmen, gepiercten Ohrringen und einer undefinierbaren Frisur. Der Sturm zwischen Prinzessin und Junkie endet natürlich tödlich, in einem Verkehrsunfall, untermauert von Lara Del Rays Bekenntnis, sie wären geboren zu sterben. Die Phantasie, die dahinter steckt ist für mich zumindest sehr rätselhaft, aber wegen des großen Erfolgs dieser Popoper scheinbar weit verbreitet. Die magische Anziehungskraft ausgemergelter Heroinaddicts auf so ausnehmend schöne Frauen wie Lara Del Ray und solche, die sich in diesem System imaginärer Repräsentationen wiederfinden, muss jedenfalls groß sein. Ich musste an dieses Video immer wieder denken, als ich letztens die beiden offiziellen Studioalben von Amy Winehouse, „Frank“ und „Back to Black“ zu Hause und auf meinem MP3 Player genauer untersuchte.

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Kategorien:Culture and War