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The Neighborhood Bully oder Warum ist Antizionismus bei Linken so populär? (5)

Hier geht es zu den ersten vier Teilen dieser Serie:

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Zum Abschluss dieser Serie möchte ich nochmals die wesentlichsten Ergebnisse zusammen fassen, die sich zu diesem Komplex sagen lassen, und nochmals die Frage zur Diskussion stellen: Was macht den antizionistischen Diskurs gerade für den linken und gebildeten Mainstream so attraktiv? Wenn wir das Bisherige also nochmals Revue passieren lassen, dann gibt es drei äußerst banale Gründe für die Popularität des Antizionismus bei Linken.

I.

Der Charakter einer Eventkultur der sich seit Ende der 90er Jahre in den globalisierungskritischen Paraden zwischen Seattle, Prag und Porto Allegre als dominante Protestform durch gesetzt hatte, führte zu einem Verständnis von Politik, das mediale Aufmerksamkeit und Schlagwortpräsenz über die diskursive Organisation traditioneller Parteien stellt. Der Autor möchte damit nicht ausdrücken, dass traditionelle Parteien  die bessere Organisation sind, sondern nur darstellen, dass die Alternativen und ihre neuen Bewegungsformen ebenfalls erhebliche Schattenseiten aufweisen. Wo traditionelle Parteien schwerfällige und patriarchische Karrierestrukturen auch dafür nutzen intellektuelle Potentiale aufzubauen, verschwinden intellektuelle Strukturen bei der aktionsverliebten und eventgesteuerten Globalisierungskundschaft oder werden durch pseudodemokratische Konsensbildungen eingeebnet. Neue demokratische Modelle entstanden jedenfalls nicht. Der institutionellen Unbeweglichkeit sozialdemokratischer Klientelbewirtschaftung stellen sie eine angeblich strukturlose flüssige Bewegung großer Massen entgegen, die ihre organisatorische Orientierung rein aus dem Energieflow der Teilnehmer gewinnt. Dass dies nicht stimmen kann, verraten allein schon die ab 2003 dominant auftauchenden antizionistischen Schlagseiten der größeren und kleineren Meetings diverser Sozialforen. Vor allem trotzkistische Gruppen übernahmen seit 2001 wesentliche organisatorische Teilaufgaben und setzten durch unermüdliche Arbeit den Charakter der Globalisierungskritiker als antiisraelische Pamphletmaschine durch. Der farbenfrohe Aspekt dieser Veranstaltungen, ihre mitunter auch sehr sympathische Kreativität Protest auszudrücken bewirkte aber zugleich auch ihren intellektuellen und politischen Niedergang. Schlagworterprobte Propagandisten konnten ohne Probleme die großen Meetings dominieren, und dem Eventcharakter jenen Spin verleihen, der die große Menge dazu veranlasste sich in großen Demonstrationen mit humanistischen Slogans auszuleben, z.B. bei einem Sozialforum im Salzburgischen Hallein, als Mitglieder einer trotzkistischen Vereinigung „Nieder mit dem Zionismus“ riefen, als der Demozug an den Resten eines ehemaligen KZs vorbeikam. Bei derselben Veranstaltung schlugen diese Gruppen auch vor, Waffen für den antizionistischen Widerstand zu kaufen. Die Abstimmung ging knapp dagegen aus.

Die Kultur dieser Politgeneration bewirkte, dass Kufiya und Antizionismus modische Accessoires eines Lifestyle wurden, der keinerlei intellektuelle Kompetenz voraussetzt. Die geschickte Steuerung dieses Popantisemitismus durch fähige Kaderorganisationen ersetzte traditionelle Politikrezeption und wandelte sie in ein mit modernen webbasierten Massenmedien kompatibles Freizeitverhalten um, in dem antizionistische Agitation auf dieselbe Weise gelebt wird, wie in einer Wellnessoase Urlaub zu machen. Wir wollen damit nicht sagen, dass sozialdemokratische oder kommunistische Parteiorganisationen eine bessere Arbeit leisten oder dass ihr Verschwinden bedauerlich wäre, aber ihre Ersetzung durch den globalisierungskritischen Freizeitantizionisten macht eher deutlich wie tiefgreifend und prinzipiell die großen politischen Bewegungen der Linken versagt haben. Das ist allerdings nichts wirklich Neues.

II.

Alle islamistischen Organisationen haben von den Demonstranten in Seattle gelernt, dass spontane Massenerhebungen im Namen der Menschenrechte konsequent von einer strukturiert operierenden Kaderelite getragen werden müssen. Die langen seit den 60er Jahren immer wieder auftauchenden Querverbindungen zwischen islamistischen Rebellen und linken Extremisten haben in den Zeiten der globalisierungskritischen Massenveranstaltungen jedoch ein anderes Gesicht bekommen.

Durch die Rassismuskonferenz in Durban, und später die Sozialforen in Beirut und Kairo lernten europäische Linke die arabischen Linken und islamischen Oppositionellen kennen. In Beirut schlossen sich bei mehreren Gelegenheiten europäische Antiimperialisten mit der Hizbullah kurz, die vor den Augen der linken Teilnehmer auf ihren Bücherständen in einem Dutzend Sprachen „Mein Kampf“ verkaufte. Obwohl das Instrument Social Forum einen universalistischen Anspruch hat, verkommt es in den Händen dieser Hasardeure ganz egal wo es stattfindet zu einem reinen antizionistischen Bündnistreffen,  bei dem Aktivisten, die sich nicht an der Abschaffung Israels beteiligen wollen,  als zionistische definierte Außenseiter das Feld räumen müssen. Eine ähnliche Veranstaltung in Kairo macht mittels einer antizionistischen Stoßrichtung die Verbundenheit ihrer Teilnehmer deutlich. Europäische Linke und Trotzkisten diskutieren mit islamischen Widerstandskämpfern und kopftuchtragenden Aktivistinnen einer Damenriege der Muslimbrüderschaft über die Verbrechen Israels und den Widerstand gegen den Zionismus, sahen sich aber aus Rücksicht auf die Gefühle der Gastgeber nicht in der Lage den Mangel an Demokratie in arabisch-muslimischen Ländern anzusprechen. Die anti-imperialistische Deutung dieser offenen Beziehung träumt davon „den Widerstand zu unterstützen und ihn so weit wie möglich expandieren zu lassen, wodurch alle Volksbewegungen weltweit das Recht auf Widerstand besonders gegen die amerikanische und zionistische Besatzung verteidigen könnten.“ (aus einer AIK Erklärung) Man muss sich das wirklich in seiner ganzen Dimension vorstellen: Für diese Linken ist der Widerstand gegen den Zionismus ein weltweites quasi von allen als Recht in Anspruch zu nehmendes Tool, der Antizionismus darum eine globale Protestform, der sich offenbar nicht um lokale Konflikte und Historien schert. Jetzt wird vielleicht verständlicher warum Hugo Chaves und Mahmud Ahmedinejad gemeinsam mit Recep Erdogan und Lula begleitet vom Applaus linker Sympathie die Charts der anti-imperialistischen Hitparaden stürmen konnten. Feuchte anti-imperialistische Träume einer globalen Intifada sind zwar gegenstandslos, aber die Attraktivität des Antizionismus für Linke aller Art hängt eben mit seiner Bedeutung in der globalisierungskritischen Politikblase zusammen. Der Zionismus und die israelische Politik  ist darin kein lokales Phänomen, sondern ihn zu bekämpfen eine weltweite humanitäre Aufgabe. Wir erkennen sehr leicht seine problemlose Kompatibilität mit dem antisemitischen Narrativ, betonen aber dass der klassische Antisemitismus nicht in einem ursächlichen Zusammenhang steht, sondern in einem instrumentalen Verhältnis. Der Antizionismus und sein Diskursmanagement bewegen sich in der modernen Eventkultur der Globalisierungskritiker, die multikulturelle Mobilität dieser ideologischen Schachzüge würde ein völkischer Rassenantisemitismus niemals zustande bringen, wenngleich er nicht ganz außerhalb des Diskurses stehen muss, wenn man wie Judith Butler arabische Nazis als „parts of a global left“ betrachtet. Wenngleich der Kampf gegen antisemitisches Ressentiment aussichtslos erscheint, ist es die Aufgabe schlechte Politik als solche zu disqualifizieren keineswegs. Antisemitismus ist nicht das Schicksal der Juden, sondern jenes der Antisemiten. Es kommt darauf an, sie auch den Preis dafür bezahlen zu lassen, den ihre Unfähigkeit hinterlassen hat. Die Aufgabe der linken Antiimperialisten war es den antisemitischen genozidalen Impuls in ein globales humanitäres Engagement zu verwandeln. Dies scheint ihnen zwar gelungen, aber noch nicht zu einem Ende gebracht. Dieser Kampf ist keineswegs entschieden und trotz einiger schmerzhafter Feldgewinne hat der Feind seine Ziele nicht erreicht, solange ein demokratischer Staat Israel sich am Leben halten kann. Der Krieg ist also keineswegs verloren, und bei objektiver Betrachtung steht es höchstens Unentschieden.

III.

Wie wir gesehen haben ist der Antizionismus zwar sehr erfolgreich gewesen Massen zu mobilisieren, aber gemessen an seinen Zielen doch deutlich unter seinen eigenen Erwartungen geblieben. Vor allem das Elend der Palästinenser und ihre völlige Auslieferung an Interessen und Machtkalküle jeder Art (an deren Entwicklung ihre Führungen nicht ganz unschuldig sind, wie sich von selbst versteht) stehen den großmäuligen Feldzügen gegenüber, die humanitäre Hilfstransporte als bloße Propagandacoups verstehen. Dies, das muss unbedingt betont werden, ist auch die große Schwäche der antizionistischen Propaganda, die bisher nicht genügend genutzt wurde. Ob und wie ein gerechter Frieden in Nahost aussehen mag kann niemand mit Sicherheit sagen. Aber fest steht, dass die gewaltigen Energien, die diesen Konflikt tragen vor allem durch den gewaltigen Betrug an den palästinensischen Bevölkerungen zustande kam, der sie nicht und nicht aus der Umklammerung lässt. Der antizionistische Politikcluster hat die Objekte seiner angeblichen humanitären Mission ins Elend, in die Isolation und in todbringende Zwänge gestürzt. Seine völlige Unfähigkeit auch nur ein einziges greifbares Ergebnis für die arabische Bevölkerung der ehemalig besetzten und jetzt blockierten Gebiete zu erzielen muss auf lange Sicht auch den Massen, die unter Hamas und Fatah leiden deutlich vor Augen treten. Wer also in der Lage ist, den Mindestbedürfnissen einer von Gewalt, Verrohung und Hass zerstörten Gesellschaft Rechnung zu tragen, wird mit einer reichen Ernte rechnen können. Wir hoffen, dass die immer noch intakte Demokratie Israels in der Lage sein wird, diese wahrhaft humanitäre Mission in das Herz des Feindes tragen zu können. Wenn man das Motto der Globalisierungskritiker „Eine andere Welt ist möglich“ einer genauen Analyse unterzieht, wird man bemerken, dass die Utopie, die viele ihrer Protagonisten im Sinn hatten, auch als antisemitische Utopie von einer „World without Zionism“ vereinnahmbar gewesen ist. Diese fatale Dialektik nicht reflektiert zu haben, hat dazu beigetragen die Hoffnungen, die damit verbunden waren zu begraben und die zweifelsohne interessante politische Dynamik der Seattletage in den Abgründen einer antizionistischen Diskurshölle zu versenken. Wir wissen, dass nur diese Welt möglich ist, keine andere. Beware of Utopia. Wir können und werden nur in dieser Welt etwas verändern können, aus dieser Welt eine andere machen zu wollen kann nur in einem fürchterlichen Massaker enden. Nur in einer Welt, in der es auch Zionismus gibt, so wenig sympathisch das vielen scheinen mag, wird es auch es auch eine Chance geben, aus der zynischen Praxis des Redens von Menschenrechten, wenn man Vernichtung meint, gute Politik zu machen. Die französischen Philosophen Deleuze und Guattari schreiben in ihrem Buch über Kafka: „Es geht nicht darum den Vater zu überwinden, sondern da Wege zu finden, wo er keine gefunden hat.“ Die Lektionen aus dem Fehlschlag der Globalisierungsbewegten gelernt zu haben, sollte ein erster Schritt dazu sein.

Kategorien:Culture and War
  1. tarzun
    September 26, 2010 um 19:53

    Linke, Rechte, Schwarze, Weiße, Juden, Moslems, Christen, Schwule, Arbeitslose und so weiter…..

    Wohin führt denn das? Jeder sieht ein Detail und ist überzeugt, dass es das ist, worauf es ankommt.
    Die zionistische Bewegung ist, so hoffe ich, nicht die letzte Chance auf gute Politik im Sinne des Blogautors.

    Um es ganz klar zu sagen: Ich babe nichts gegen Nationalstaaten mit dem Namen Israel oder Usa oder China.

    Es ist und scheint eines der absoluten Grundbedürfnisse des Menschen zu sein, Gruppen zu bilden, sich Gruppen anzuschließen.
    Die Erklärung dafür habe ich in folgendem Satz gefunden:

    Die Summe der zusammen wirkenden Teile ergibt mehr als die Summe der einzelnen Teile.
    Der Mensch fühlt sich in der Gruppe wohl, weil er eben als Gruppe energetisch von dem höheren Organisationgrad profitiert.

    Tatsache ist aber, dass selten allen Individuen gleichermassen aus ihrer Gruppenmitgliedschaft Vorteile zukommen.
    Gruppenbildung ist ein soziales Ereignis, aber nicht sozial.

    Gruppenbildungen wachsen aus der Notwendigkeit und sind nicht für die Ewigkeit bestimmt. Sie sind dazu bestimmt, bestimmte
    Aufgaben zu lösen, die das Leben eben so mit sich bringt.

    Daher warne ich davor, irgendeiner Gruppe die Fähigkeit oder den Anspruch einzuräumen, die Welt verbessern zu können.
    Jede Gruppe sollte sich um ihre eigenen Aufgaben kümmern, die sie überhaupt zu einer Gruppe zusammen geführt hat.

    Anzumerken ist mir aber jetzt wichtig, dass es nicht unbedingt einen „Nationalstaat“ benötigt, um Aufgaben des Lebens
    zu bewerkstelligen.

    Und ganz unangenehm wird es mit Gruppen, wenn die Gruppenmitglieder nicht mehr wissen, was denn der eigentliche Zweck
    ihres Gruppendaseiens ist.
    Dann werden sie zu Lippenlesern, zu Schafen, welche von ihren Gruppenleitern schamlos ausgebeutet werden und unter
    Vorspiegelung falscher Tatsachen an ihre Gruppe gebunden werden.

    Alle jene Gruppen gehören zerschlagen oder aufgelöst. Das ist Sozial.

    Mit besten Grüssen,

    tarzun

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