Neil Young auf Burg Clam am 23. Juli 2016

Große Erwartungen werden sehr oft enttäuscht, diesmal wurden sie mehr als übertroffen.

Nach einer anstrengenden Fahrt, langen Wartezeiten in der Schlange vor dem Einlass und einer noch längeren nicht enden wollenden Geduldsprobe bis zum Beginn der Show, kam Neil Young kurz vor 20:30 endlich auf die Bühne, entspannt und mit einem „EARTH“ T-Shirt und fing einfach an.

Auf dem Piano spielte er „After the Gold Rush“, und nach wenigen Sekunden waren alle Zweifel verflogen und der Abend versprach (und hielt) Großartiges. (Die komplette Setlist findet sich hier.) Neils Stimme war klar und kraftvoll, der Sound über jeden Zweifel erhaben, seine Präsenz auf der Bühne machtvoll und gut gelaunt.

Nach „Heart of Gold“ und „The Needle and the Damage done” kam seine neue Band auf die Bühne, die “Promise of the Real” heißt und bis auf den Perkussionisten alle seine Enkel hätten sein können. Die jungen Burschen Mitte 20, darunter zwei Söhne von Folk Legende Willie Nelson, unterstützen Neils Sound mit einer Begeisterung und Energie,  die den mittlerweile 71–Jährigen um Jahrzehnte jünger wirken ließ. Unser persönlicher Höhepunkt war zweifelsohne „Love to burn“, ein knapp 20 Minuten langes Stromgitarren Orkangewitter, das Neil Youngs großartige Gitarrenbehandlung demonstrierte und mit Macht in Erinnerung rief, dass Rock’n’Roll wirklich niemals sterben wird, wenn es Leute wie ihn gibt.

Wir wünschen viel Vergnügen:

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Der Aufstand der Idioten. Post Brexit Splitter und andere Populismen

Juli 14, 2016 2 Kommentare

You’re an idiot, babe
It’s a wonder that you still know how to breathe…”

(Bob Dylan, Idiot Wind)

 

Die knappe Mehrheit für den Austritt aus der EU, die bei einem Referendum im Vereinigten Königreich Großbritannien Ende Juni 2016 erhoben wurde, hat Schockwellen auf Börsenmärkten und in den Kanzleien politischer Führungen auf der ganzen Welt ausgelöst. Obwohl niemand seine demokratiepolitische Legitimität bestreiten kann ist doch höchst fragwürdig wie das Ergebnis zustande kam. Die Slogans und Daten, die von den Betreibern der „Leave“ Kampagne ins Treffen geführt wurde sind entweder falsch, frei erfunden oder beruhen auf Übertreibungen und werden nicht einmal von den Befürwortern des „Leave“ selbst ernst genommen. Dominc Cummings, der Kampagnenleiter der „Leave“ Kampagne antwortete auf entsprechende Vorwürfe, dass die Fakten und Statistiken seines politischen Camps schlicht unwahr seien mit dem entwaffnenden Satz: „Accuracy is for snake oil pussies!“ (Übersetzung: Genauigkeit interessiert uns schlicht und ergreifend nicht.) Es ging darum dieses Votum zu gewinnen und für alles danach war keine Zeit, darum es gibt auch bis heute keine politische Vision, wie so eine Zukunft für das UK aussehen soll. Sieht man sich die Reaktionen in der britischen Politik an, ist das „Remain“ Camp in Schockstarre und das „Leave“ Camp, das selbst nicht mit einem Sieg gerechnet hat ist damit beschäftigt, die folgenschweren Konsequenzen herunter zu spielen. Man glaubt in erster Linie, dass die EU wie so oft einknicken wird und man für das UK irgendwelche Bedingungen aushandeln zu können glaubt, bei der sich nichts Wesentliches ändert, weil das UK und seine Wirtschaft einfach unverzichtbar seien. Das Dilemma, in dem sich die EU Bürokratie durch dieses Votum befindet ist faktisch unlösbar.

Lässt man die Briten gewähren und einigt sich auf einen Kompromiss bei dem die Briten ihre Rosinenpickerei durchsetzen, ermutigt man all jene zentrifugalen Kräfte, die jetzt schon die Auflösung und Zerstörung des EU Projektes betreiben, bleibt sie hart und zieht die Konsequenzen eines Austritts durch wird sie brutale Auswirkungen auf den Welthandel und die wirtschaftspolitische Stabilität Europas aushalten müssen, was wiederum jene Kräfte unterstützen wird, die aus der EU ein Europa der Vaterländer machen wollen. Obwohl die Motive der Befürworter eines Brexit sehr unterschiedlich waren, kristallisiert sich dennoch heraus, dass das Immigrationsthema eines seiner wesentlichen Faktoren gewesen ist. In den Tagen nach dem Referendum wurden hunderte Vorfälle gemeldet, in denen wütende britische Autochthone solchen, die sie für Ausländer hielten empfahlen umgehend das Land zu verlassen. Obwohl auch Muslime und Asiaten davon betroffen waren, richtete sich der Volkszorn am allermeisten gegen osteuropäische Einwanderer aus Polen und Rumänien. Da die britischen Regierungen der Vergangenheit aus politischen Motiven zur Schwächung Brüssels und aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten die EU Osterweiterung voran getrieben hatten, um Arbeitskräfte ins Land zu holen und der damals gerade im Hoch befindlichen britischen Wirtschaft zu helfen, hatte sie auf Übergangsfristen wie die meisten mitteleuropäischen Staaten verzichtet. Gut ausgebildete und vor allem billiger arbeitende osteuropäische Migranten konnten auf einem Markt, der sie (zumindest damals) dringend benötigte, ihre eigenen Erfolgsgeschichten schreiben, auch wenn man in Filmen wie „It’s a free world“ (2007) von Ken Loach die Schattenseiten des kapitalistischen Booms in seinen düstersten Facetten betrachten konnte. Knappe 10 Jahre später ist man in Großbritannien wieder auf dem Boden wirtschaftlicher Realitäten gelandet und die Arbeits und Perspektivlosigkeit hat das Land eingeholt. Dabei hat die schlechte Lage für einheimische Arbeitskräfte sehr wenig mit EU Politik zu tun, sondern ist ein hausgemachtes Problem des britischen Erziehungssystems, das keine Standards für freie Dienstleister vorschreibt und auch schlecht bis gar nicht ausgebildete Anbieter auf den Markt lässt. Die offensiv marktorientierte Logik der britischen Politik hat also Konsequenzen für die heimische Bevölkerung, die im „Vote Leave“ Referendum jedoch einem äußeren Feindbild dafür die Schuld gab, und mit der sich die britischen Eliten erfolgreich davor drückten Verantwortung für die eigenen Fehler zu übernehmen. Einer der prominentesten Politiker Großbritanniens, die sich in der „Leave“ Kampagne engagierten, der ehemalige Bürgermeister von London Boris Johnson war vom Ja zum Austritt so überrascht, dass er seine eigenen Karriere beinahe darunter hätte begraben können. Hätten die Briten für „Remain“ gestimmt, wäre seine politische Stunde gekommen und er hätte sich für das Amt des Premierministers und den Vorsitz der Konservativen beworben. Wenige Tage später verzichtete er darauf, weil ihn die Aussicht abschreckte die Konsequenzen des Brexit politisch verantworten zu müssen. Nun darf er wieder als Außenminister das Land bei den Verhandlungen vertreten. Die zögerliche Haltung der Brexit Politiker den Austritt aus der EU durch Anwendung des Artikels 50 des EU Vertrags offiziell in Gang zu setzen und ihre Ausflüchte den Schritt möglicherweise erst in mehreren Jahren überhaupt zu vollziehen, obwohl sie bis zum Referendum gar nicht schnell genug austreten konnten, zeigt die Substanzlosigkeit mit der diese Kampagne arbeitete. Nigel Farage, der großmäuligste Anti-EU Politiker Großbritanniens, der mit seiner UK Independence Party die Lösung aller Probleme durch einen EU Austritt propagiert, gab am Morgen nach dem Referendum zu, dass einer der wichtigsten Slogans der Kampagne, das Geld, das nach Brüssel geschickt würde für die Finanzierung des maroden Gesundheitssystems zu verwenden, nicht einhalten zu können. Es tat seinem Selbstbewusstsein und seiner Popularität jedoch keinen Abbruch und anstatt von seinen Wählerinnen und Wählern mit nassen Fetzen aus dem Land gejagt zu werden, begeisterte er diese mit einem Auftritt im Europäischen Parlament, indem er die Abgeordneten verhöhnte. Populistische Politik braucht sich nicht um Fakten zu kümmern, ihre Wählerinnen und Wähler honorieren das auch noch, weil sie kein Interesse daran haben das Ressentiment aufzugeben oder die Zustände, die sie angeblich beklagen zu verändern.

Dieses Muster zieht sich durch die gesamte rechtspopulistische Bewegung in den westlichen Demokratien, die ihre Wahlerfolge allesamt durch die Mobilisierung von Zorn und Existenzängsten gewinnen, ohne jedoch diese verändern zu können. Aus der Tatsache, dass Menschen zornig sind und Existenzängste haben leitet der populistische Impuls ab, dass alle Äußerungen dieses Zorns grundsätzlich legitim sind und nicht mit Fakten und normativen Zwängen behelligt werden dürfen. Die von Populisten häufig zitierten Feindbilder wie die „Lügenpresse“, die „Systemmedien“, die „Eliten“, der „Mainstream“ et al. sind redundante Invektiven ohne Konsistenz, deren Zweck es ist das System an sich zu schwächen, nicht seine Fehler zu beheben. Das Geschrei, das sich über korrupte Politiker beschwert und die Unwahrheiten die sie tatsächlich oder angeblich erzählen, führt sich ad absurdum, wenn die lautesten Lügner genau deswegen an die Macht gewählt werden. Die zynische Konsequenz der etablierten Politik besteht darum den Wettbewerb wer am unverschämtesten lügt zu verschärfen.

Der griechische Historiker Polybios (200 bis 120 v. Chr) bezeichnete diesen Zustand sehr hellsichtig als „Ochlokratie“, als Herrschaft des Pöbels. Die Bedingung der Demokratie ist, dass sich das Staatsvolk in einem öffentlichen Raum artikulieren soll. Die antike Agora als ihre Urform sollte den Bürgern das Forum geben, ihren Interessen und ihrem Willen Gehör zu verschaffen, aber sie ist auch ein Ort an dem Politiker dieses Volk manipulieren können, um ihre eigenen Ambitionen durch zu setzen und so die Mechanismen der Volksherrschaft außer Kraft zu setzen. Das Problem ist sehr alt und hat alle bedeutenden Denkrichtungen über das politische Gemeinwesen mit bestimmt. Der Amerikaner Walter Lippmann widmete ihm in seinem Buch „The Public Opinion“ (1922) seine Aufmerksamkeit, in dem er darüber nachdachte wie sich eine moderne Demokratie gegen die irrationalen und destruktiven Elemente seiner politischen Praxis behaupten könnte. Lippmanns grundsätzlicher Gedanke ist, dass sich alle Politik auf Vermittlungen berufen muss, auf institutionelle Verankerungen der Parlamente, Behörden und staatlichen Einrichtungen und Plebiszite auf ein notwendiges Minimum beschränken soll. Populisten wollen jedoch genau das ändern: statt den mühsamen und aufwändigen Prozessen verfassungskonformer Langsamkeit zu folgen, wollen sie mittels pseudodemokratischer Rhetorik die Vermittlungen zwischen den wahlberechtigten Bürgern und ihren Institutionen umgehen, aushebeln oder schlicht abschaffen. Das am meisten bevorzugte Instrument dafür ist die Denunziation der politischen Einrichtungen als feindlicher Bunker der „Eliten“, der „Lügenpresse“ und ganz allgemein als Verschwörung obskurer Anderer, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben als dem Wahlvolk sein Recht aufs Ressentiment zu verbieten. Der häufige Verweis auf das Schweizer Modell, das zahlreiche plebiszitäre Elemente enthält ist deshalb nicht geeignet, weil die politische Realverfassung der Schweiz zwar genug Populismen kennt, aber kein Außen wie die EU besitzt, um den tatsächlichen Problemen auszuweichen. In einer suprastaatlichen Institution wie der Europäischen Union können die komplexen juristischen und verwaltungstechnischen Details jedoch mühelos auf das Feindbild Brüssel projiziert werden, ohne dass Politiker dafür Verantwortung übernehmen müssen.

Fragt man sich, wie die Demokratie zu verbessern sei, sollte man sich auf die Checks und Balances der vermittelnden Institutionen konzentrieren und nicht auf die populistischen Kurzzeitgedächtnisse dauernd wütender Kleingeister, die hauptsächlich daran interessiert sind ihrer Frustration ein Ventil zu schaffen, aber nichts zu Lösungen beitragen wollen und vor allem ihre Eigeninteressen einem Kult des Wutbürgertums opfern. Der Aufstand der Idioten findet genau dort statt, wo das Ressentiment wichtiger ist, als der Konsens über das Gemeinwohl.

Update: Der Zusammenhang zwischen Populismus und der Denunziation von Intellektualität als Merkmal der „Eliten“ ist übrigens auch anderen schon aufgefallen.

First, They Came for the Experts

It’s Time for the Elites to Rise Up Against the Ignorant Masses

James Traub schreibt in „Foreign Policy“: „The schism we see opening before us is not just about policies, but about reality. The Brexit forces won because cynical leaders were prepared to cater to voters’ paranoia, lying to them about the dangers of immigration and the costs of membership in the EU. Some of those leaders have already begun to admit that they were lying. Donald Trump has, of course, set a new standard for disingenuousness and catering to voters’ fears, whether over immigration or foreign trade or anything else he can think of. The Republican Party, already rife with science-deniers and economic reality-deniers, has thrown itself into the embrace of a man who fabricates realities that ignorant people like to inhabit.“

 

 

 

 

 

 

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Die Livingston Formel

Von heimischen Medien bis auf wenige Ausnahmen unbeachtet, hat sich die in Opposition befindliche Labour Party Großbritanniens gerade an den Rand des politischen Bankrotts geredet.

Der ehemalige Bürgermeister von London und Politpensionär Ken Livingston, der bis vor kurzem immer noch im Executive Board der Partei saß und nun ausgeschlossen wurde, gab in einem Interview zu Protokoll: „When Hitler won his election in 1932, his policy then was that Jews should be moved to Israel. He was supporting Zionism before he went mad and ended up killing six million Jews.“ Dass Hitlers NSDAP keineswegs die Wahlen von 1932 gewonnen hat ist nur ein Detail, das uns vorerst nicht zu kümmern braucht. Auch Livingstons Auffassung von Hitlers Geisteszustand, nämlich dass es einen gab, „before he went mad“ ist nicht unser Thema. Der für uns relevante Hintergrund dieser Aussage ist eine Welle von Ausschlüssen aus der Labour Party, bei der Funktionäre und Mitglieder auf ihren Facebook und Twitter Accounts oder anderen sozialen Medien durch haarsträubende antisemitische Aussagen aufgefallen waren.

Livingston wollte mit seinem bizarren Auftritt eine mittlerweile ebenfalls ausgeschlossene Parteikollegin, die Angeordnete von Bradford Naz Shah verteidigen, die nach Bekanntwerden von nicht weniger problematischen Vorschlägen zum Transfer des israelischen Staates auf das Territorium der USA auf ihrer Facebook Seite vor rund einem Jahr in den Mittelpunkt medialen Interesses geraten war. Naz Shah hat sich mittlerweile sehr ausführlich und durchaus glaubhaft entschuldigt, konnte ihren Ausschluss aber nicht mehr verhindern. Parteichef Jeremy Corbyn, der nach seiner überraschend deutlichen Wahl zum Vorsitzenden Mitte 2015 eine linke Wende in Großbritannien einleiten wollte, kann sich genau jene Leute, die durch seinen Amtsantritt massenhaft in seine Partei eingetreten sind politisch nicht mehr leisten. Corbyn, der selbst niemals durch antisemitische Aussagen aufgefallen ist, war vor allem deshalb ins Zwielicht geraten, weil er zum einen seine ideologische Nähe zum antiimperialistischen und antizionistischen Lager der Linken Großbritanniens nie verheimlicht hat und zum anderen bei diversen Gelegenheiten Hamas und Hisbollah Vertreter ins britische Unterhaus einlud und sie dort als seine „Freunde“ bezeichnete. Corbyns Projekt, eine politische Wende im Gewand eines linken sozialdemokratischen Reformprogramms einzuleiten ist deshalb nicht nur ernsthaft in Gefahr, sondern könnte durch den anhaltenden Druck von Presse und politischen Gegnern an sein Ende gelangt sein, bevor es überhaupt angefangen hat. Labours Chancen bei Wahlen überhaupt nur in die Nähe einer ernsthaften Konkurrenz zu den regierenden Konservativen zu gelangen sind nicht nur sehr gering, seine zögerliche und widerwillige Haltung sich mit dem Problem näher zu beschäftigen könnte die Labour Party auf Jahre hinaus nachhaltig desavouiert haben.

Anders als in Österreich wo dutzende Einzelfälle in der FPÖ zu Ausschlüssen aus der Partei führten, die als rechtsextrem gilt und der viel eher eine Nähe zu faschistischen Traditionen attestiert werden kann, findet die extreme Rechte in Großbritannien kaum Potential vor, weil der Antifaschismus eine Art patriotische Pflicht darstellt. Robert Rotifers Beitrag auf FM4 hält fest, dass man in England „das Gefühl (hat), dass man als jene westeuropäische Nation, die den Nazis die Stirn bot, auf der richtigen Seite der Geschichte steht.“

Während sich die deutsche und österreichische Linke zwar keineswegs eines weniger rabiatem Anti-Zionismus enthält, aber durch gewisse historische Ereignisse stärker an einen Common Sense gebunden fühlt, der manche Absurdität von vornherein verhindert, gibt es – oder gab es – bis vor kurzem einen solchen Druck innerhalb der englischen Linken nicht. Eine der prominenten trotzkistischen Gruppen Großbritanniens, die „Socialist Unity“ postete zur Verteidigung Ken Livingstons in Person eines ihrer Anführer, John Wight, etwa: Israel betreibe „the most sustained oppression of any people in modern history.“ Nicht Nordkorea oder Syrien, sondern Israel. Der notorische Diskurs einer von Palästinasolidarität, BDS Kampagnen und Antiimp Rhetorik getragenen Anti-Israel Politik, die vor keiner noch so absurden Verbalinjurie zurück schreckt, hat sich in Großbritannien vor allem auf Seiten der Linken zu einer Pandemie entwickelt, der Livingston mit seiner Behauptung der Zionismus sei so etwas wie das wichtigste Anliegen Hitlers gewesen nur einen weiteren Höhepunkt hinzugefügt hat, jedoch keineswegs neu ist.

Wer sich über die antisemitischen Ausfälle in den Reihen der Labour Party informieren will, sollte sich bei der als konservativ oder rechts populistisch angesehenen Website von Guido Fawkes kundig machen. Die Aufmachung ist zwar furchtbar, aber die Fakten sind größtenteils korrekt und der populistische Stil entspricht dem Niveau der enthüllten Skandale.

Interessanter erscheint es für mich Ken Livingstons Bemerkungen über die Verbindungen von Zionisten und Nazis etwas näher auf den Grund zu gehen. In einer seiner daran anschließenden verzweifelten Verteidigungen nannte Livingston als Quelle für seine Ansichten das Buch „Zionism in the age of dictators“ des amerikanischen Trotzkisten Lenny Brenner aus dem Jahre 1983. Die deutsche Ausgabe erschien 2007 unter dem Titel „Zionismus und Faschismus. Über die unheimliche Zusammenarbeit von Faschisten und Zionisten“ im Kai Homilius Verlag. Kai Homilius gehört übrigens gemeinsam mit Jürgen Elsässer zu den Gründungsmitgliedern des COMPACT Verlages, der den Österreich Launch seines Magazins mit der aus der FPÖ ausgeschlossenen Susanne Winter bestreiten will. Ob Brenner, der als militanter Trotzkist politisch eigentlich ganz woanders steht (oder stehen sollte) sich der Umgebung bewusst ist in der seine Arbeit erscheint, ist unbekannt. Jedenfalls hat sein Buch weite Verbreitung gefunden, unter anderem bei den Holocaust Leugnern des „Institute for Historical Review“ und wurde im deutschsprachigen Raum von notorischen linken Antisemiten wie Ludwig Watzal begeistert rezensiert. Die grundsätzliche These Brenners ist, dass Hitler’s Regime und zionistische Aktivisten zwischen 1933 und 1937 zusammenarbeiteten, um die Entstehung eines israelischen Staates zu verwirklichen. Eine etwas ausführlichere Beschäftigung mit Brenners Buch, die seine mutwilligen Verfälschungen und böswilligen Unterstellungen in einen adäquaten Kontext stellt, findet sich hier und hier. Eine weiter radikalisierte Form dieses obszönen Humbugs wird heute von der iranischen Regierung vertreten, die sich durch westliche Sanktionen und internationalem Druck gezwungen sah ihre ursprüngliche Idee, dass die Shoah eine zionistische Erfindung sei, aufzugeben und durch das Narrativ ersetzte, dass die Shoah ein gemeinsames Projekt von Zionisten und Nazis (in dieser Reihenfolge) gewesen ist, und dass vor allem jene Juden Osteuropas, die nicht nach Palästina auswandern wollten in den Vernichtungslagern ermordet wurden. Das Motiv hinter beiden Versionen ist dasselbe und hat nichts mit Geschichte zu tun, sondern mit dem politischen Ziel die Legitimation Israels als jüdischen Staat nachhaltig zu untergraben. Wie es aussieht hat sie das in der westlichen Linken teilweise geschafft. Um sich all die Mühe zu ersparen hätte es gereicht Hitlers Deutung des Zionismus in „Mein Kampf“ von 1925 zu lesen. Auf Seite 356 liest man dort unter der Überschrift „Palästina als Organisationszentrale“:

„Denn indem der Zionismus der anderen Welt weiszumachen versucht, daß die völkische Selbstbesinnung des Juden in der Schaffung eines palästinensischen Staates seine Befriedigung fände, betölpeln die Juden abermals die dummen Gojim auf das gerissenste. Sie denken gar nicht daran, in Palästina einen jüdischen Staat aufzubauen, um ihn etwa zu bewohnen, sondern sie wünschen nur eine mit eigenen Hoheitsrechten ausgestattete, dem Zugriff anderer Staaten entzogene Organisationszentrale ihrer internationalen Weltbegaunerei; einen Zufluchtsort überführter Lumpen und eine Hochschule werdender Gauner.“

Hitler hielt den Zionismus und sein Ziel einen eigenen Staat zu gründen für einen weiteren jüdischen Trick die Weltherrschaft zu erobern. Hitlers Weggefährte Alfred Rosenberg veröffentlichte bereits 1922 seine Schrift „Der staatsfeindliche Zionismus“, die 1938 nochmals in einer aktualisierten Ausgabe erschien. Der Russland Deutsche Rosenberg wiederholte darin die Verschwörungstheorien russischer Antisemiten aus den „Protokollen der Weisen von Zion“, die er selbst seit 1923 in Deutschland verbreitet hatte und nahm Hitlers Invektive vorweg (oder beeinflusste sie maßgeblich), dass „Zionismus […] ein Mittel für ehrgeizige Spekulanten (ist), sich ein neues Aufmarschgebiet für Weltbewucherung zu schaffen.“ Die Nazis waren also bereits lange vor 1933 nicht nur Antisemiten, sondern auch dezidierte Antizionisten und verheimlichten das keineswegs.

Der amerikanische Historiker Francis Nicosia hat in seinem Buch „Zionism and Anti-Semitism in Nazi Germany“ eine gut recherchierte und wissenschaftliche fundierte Arbeit geleistet mit der die Versuche zionistischer Politiker gewürdigt werden, eine Ausreise von Juden aus Nazideutschland zu ermöglichen, die durch die Nürnberger Gesetze allen Eigentums beraubt sonst in den Vernichtungslagern ermordet worden wären. In seinem auf Deutsch verfügbarem Beitrag für die „Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte“ aus dem Jahre 1989 schreibt Nicosia: „Für Rosenberg ergab sich die Verbindung zwischen der angeblichen jüdischen Weltverschwörung und dem Zionismus ganz natürlich aus den sogenannten Protokollen der Weisen von Zion, die er 1917 als Student in Moskau kennengelernt hatte.“

Es steht also ganz eindeutig fest, dass die angebliche Verbindung zwischen Zionisten und Nazis nicht nur eine historisch unhaltbare Idiotie, sondern der Anti-Zionismus von Anfang an ein Bestandteil der Naziideologie gewesen ist. Der Versuch linker und rechter Antizionisten Israels Delegitimation zu betreiben ist also nichts weiter als die Verdrängung dieses Erbes, das die unhaltbare Behauptung desavouiert, dass Anti-Zionismus nichts mit Antisemitismus zu tun hätte. Doch! Hat er!

Das wehleidige Gejammer anti-zionistischer Agitation, dass jede Kritik an Israel als Antisemitismus denunziert werden würde, verrät sich vor allem als die Unfähigkeit genauer hinzusehen, warum „Kritik an Israel“ so häufig und so ungehindert mit dem ganzen Arsenal antisemitischer Verbalinjurien arbeiten kann. Die ehrbaren Kritiker Israels scheinen sich niemals in der Lage gefühlt zu haben dieser Welle des Hasses und der Gewalt etwas entgegen zu setzen, weil sie entweder zu einer einflusslosen Minderheit gehören oder Antizionisten sich noch niemals dafür interessiert zu haben scheinen ihre Verdrängungsmechanismen genauer zu untersuchen. Es sollte jedenfalls klar sein, dass der Versuch Livingstons sich durch den Verweis auf Lenny Brenner aus dem Scheißhaufen heraus zu reden, in dem er steckt, die eigentlichen Verwerfungen in eben diesem noch viel deutlicher sichtbar gemacht hat. Nicht Israel und der Zionismus, sondern die Antizionisten sind die Rechtsnachfolger der Nazis. Ich hätte diese Bestätigung nicht gebraucht, aber die antizionistischen Linken sollten sich vielleicht ein paar Gedanken machen wofür sie letztendlich stehen wollen. In einem zivilisierten Land wie Großbritannien könnte dies tatsächlich passieren, im Falle von Österreich und Deutschland habe ich so meine Zweifel. Aber wer weiß.

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Der postmoderne Systemabsturz. Über die „Critical Whiteness“ und ihre Folgen

The camouflaged parrot he flutters from fear
When something he doesn’t know about suddenly appears
What cannot be imitated perfect must die…

Bob Dylan, Farewell Angelina

 

Was man heutzutage Postmoderne nennt ist eine Haltung zur Welt, die ausschließlich Narrative sieht. Wissenschaft, Kultur oder Politik bestehen zur Gänze aus sprachlichen Operationen, die in Macht und Gegenmacht Konfigurationen politische Master Narrative durch zu setzen versuchen. Das gilt für irgendeinen körperpolitischen Rassismus, der höhere und niedere Rassen behauptet ebenso wie für wissenschaftliche Modelle vom Universum. Alles ist endlose Relativität, in der jede Äußerung neben der anderen steht und vorgeblich nichts existiert, was sich außerhalb befände und damit Sinn und Deutungshoheit beanspruchen könnte. Es gibt keine Äußerung, kein Zeichen und keine politische Form, die nicht in irgendeiner Art und Weise als ein um Macht zentriertes Spiel erscheint, aber in dem es paradoxerweise trotzdem Absoluta gibt: Alles ist Politik und steht im Zeichen einer Macht, die Unterdrücker und Unterdrückte als Subjekte produziert. Dass man die Selbstbeschreibungen derer die sich als Unterdrückte sehen oder als vom Kolonialismus und Imperialismus Subjektivierte ebenfalls bloß als Narrative betrachten kann, denen Deutungshoheit ebenso wenig zukommt wie die deren angebliche oder tatsächliche Deutungshoheit man bekämpft scheint dabei aus dem Blick zu geraten.

1.

In einem Dokument, das von der UCLA (University of California Los Angeles) als Richtlinie für das Diversity and Faculty Development herausgegeben wurde, werden bestimmte Aussagen und Phrasen als „Microaggressions“ identifiziert, die das Zusammenleben auf dem Campus stören könnten und als unangebrachte Äußerung markiert werden sollen. Als „Microaggressions“ gelten Bemerkungen, (blöde) Fragen und Aussagen, die nicht unmittelbar als Aggressionen gemeint sein müssen, aber dazu dienen jemand als „anders“ oder „nicht dazu gehörend“ zu qualifizieren. Neben durchaus vernünftigen und nachvollziehbaren Beispielen, die sich in einem entsprechenden Kontext als rassistische und sexistische Sätze interpretieren lassen findet sich eine ganz Reihe an schlicht blödsinnigen Unterstellungen, die einen gegen-aufklärerischen Geist verraten, den man schon einmal für überwunden geglaubt hat.

Die Aussage „There is only one race, the human race.” etwa wird von dieser Richtlinie als rassistisch qualifiziert, weil sie als „Denying the significance of a person of color’s racial/ethnic experience and history.“ bzw als „Denying the individual as a racial/cultural being.“ betrachtet wird. In den US-amerikanischen Campuskulturen hat sich eine ganze Reihe an „safe spaces“ und „trigger warnings“ gebildet, um der Mikroaggression, dass alle Menschen Teil einer gemeinsamen Gattung sind einen Riegel vorzuschieben.

Obwohl der semantische Unterschied zwischen „Rasse“ und „race“ beträchtlich ist, verweist er doch auf eine gemeinsame ideologische Ressource, die auf derselben Grundlage operiert. Beide Worte repräsentieren einen Blick auf körperliche Eigenschaften, die manche als angeboren bezeichnen andere als sozial konstruiert, aber im Zweifelsfall weiß offenbar jede/r was damit gemeint ist. Menschen sind jedenfalls „racial/cultural beings“, der Querstrich bedeutet in diesem Zusammenhang ein „sowohl als auch“. Ein „racial being“ das auch ein cultural being beinhaltet wird durch die „Whiteness“ und ihre Dominanz erst geschaffen behauptet die „Critical Whiteness“, aber ist trotzdem eine in sich völlige eigenständige Identität, während die „Whiteness“ von sich selbst nichts weiß und colorblind ist. Auf jeden Fall steckt in der Charakterisierung als „racial“ eine positive Dimension. Unsere erste Annäherung an die „Critical Whiteness“ ist es fest zu stellen, dass sie ein Theoriegebäude ist, das die Zuschreibung, die jemanden zu „racial“ macht für rassistisch hält, aber die angebliche oder tatsächliche Substanz hinter der Zuschreibung für authentisch und referenzfähig. Was einmal als Antirassismus die Abschaffung hierarchisierender Zuschreibungen propagiert hat, ist also das genaue Gegenteil geworden: die Zuschreibungen werden zu machtpolitischen Diskursen umgedeutet, die den „people of color“ ermöglichen soll, ihre „racial/ethnic experience“ als Waffe zu tragen. Nicht mehr die universale Gleichheit ist das Ziel, sondern die partikulare Identität wird als Differenz universalisiert. Alles ist verschieden, nur die „Whiteness“ ist colorblind. „Whiteness“ ist Paradigma einer angeblichen oder tatsächlichen kulturellen Dominanz der sich die „people of color“ mit allen Mitteln zu widersetzen haben und sei es um den Preis hinter alle Errungenschaften der Aufklärung zurück zu gehen, die ihrerseits als Ausdruck der „white supremacy“ denunziert wird. Was also zunächst einmal auffällt ist die Tendenz der „Critical Whiteness“ und der mit ihr verbündeten Strömungen der Political Correctness den Antirassismus zu einem Kampfplatz verschiedenster Identitäts Politiken zu machen, in der aufklärerischer Universalismus konsequent abgelehnt wird. Was in antirassistischer Arbeit einmal als Anspruch formuliert wurde, nämlich die Zwänge von Identität, sei es weiß, schwarz, jüdisch oder deutsch zu verlassen und sich auf darauf zu konzentrieren reales Verhalten und Sprechen zu bewerten oder zu kritisieren, wird in der „Critical Whiteness“ zur eigentlichen Aufgabe: unendlich viele Identitäten zu produzieren, die sich in ihrer partikularen Vielfältigkeit nur als subjektive und damit faktisch unkritisierbare Position realisieren lassen. Die Sünde ist also davon zu sprechen, dass es keine Unterschiede zwischen Menschen gibt, die sich auf ihre Identität zurückführen lassen und der Rassismus besteht in dieser Interpretation darin jemanden nicht in seiner „racial/ethnic experience“ wahrzunehmen. Die Konsequenzen dieses politischen Hasardspiels sind fatal. Wo der aus der Mode gekommene Antirassismus von früher die Wahrnehmung von „Rasse“ und „race“ als Antithese zu einem Menschenrechtsuniversalismus in Frage stellte, möchte „Critical Whiteness“ genau diesen Menschenrechtsuniversalismus als „weißes“ Paradigma denunzieren und die Wahrnehmung der phänotypischen Merkmale als positive Realität betonen, um sie bei der nächst besten Gelegenheit als simplen Gegenrassismus zu operationalisieren. Wo der rassistische Blick die Abwertung des Schwarzen vorgenommen hat, will die Critical Whiteness einfach den Blick umkehren und ergeht sich wie die Rassisten von einst in Stereotypen und blindwütigen Tiraden über die von ihr als „Weiße“ konstruierten Menschen und treibt sich selbst in einen wütenden stalinistischen Furor, in dem die einen immer nur Opfer und die anderen immer nur Täter sein können.

Um das Projekt „Critical Whiteness“ oder wie es auf Deutsch heißt, die „Kritische Weißseinsforschung“ besser einzuordnen muss man den in den Richtlinien der UCLA angedeuteten Irrsinn als Ausgangspunkt betrachten: das Ziel ist den Begriff der „Rasse“ als eine Realität bezeichnende Kategorie wieder salonfähig zu machen. Dass dies keineswegs eine böswillige Unterstellung meinerseits ist lässt sich in den Texten der im deutschsprachigen Raum meistzitierten Autorin in Sachen „Kritischer Weißseinsforschung“, der evangelischen Theologin Eske Wollrad nachlesen: „Ich werde das Wort „Rasse“ verwenden.(…) Der Grundpfeiler des Konstrukts „Rasse“ ist die binäre Opposition Schwarzsein – Weißsein.“ Und weiter: „Weißsein als Norm ist untrennbar von Weißem Terror, rassistischer Gewaltausübung und der Inanspruchnahme von Privilegien.“ Dazu führt sie aus: „Den diesem Beitrag zugrunde liegenden Referenzrahmen bildet postkoloniale Kritik. Sie setzt beim „Fehlen einer kontinuierlichen und vor allem kritischen Aufarbeitung der deutschen Kolonialherrschaft“ (Nicola Lauré al-Samarai) an und legt offen, in welchem Maß der deutsche Kolonialismus dazu beitrug, „Rasse“ als grundlegendes Ordnungsprinzip gesellschaftlicher Beziehungen zu etablieren. Postkolonialismus als herrschaftskritischer Diskurs setzt somit voraus, dass Echos kolonialrassistischer Gewalt gegenwärtig und wahrnehmbar sind, also Alltag, Denken, Politik und Kultur zutiefst prägen.“

Es ist auffällig, dass Wollrad, die das Wort „Rasse“ unbedingt benutzen will davon spricht, dass „[d]ie Funktion des Konzepts (….) in der Legitimation von Genoziden, Ausbeutung und Unterdrückung von unzähligen angeblich „nicht-Weißen“ Menschen (besteht)“, sie aber ausschließlich den Kolonialismus und die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents meint. Aus ihrer Sicht scheint das kein Problem darzustellen, aber wenn eine deutschsprachige Autorin den Kontext des Rassebegriffs ausschließlich auf den deutschen Kolonialismus, aber nicht auf die Shoah und den Antisemitismus beziehen will, der den Massenmord an – in ihrer Diktion – „weißen“ Menschen, eben Juden verübte, bleibt das eine unsichtbare um nicht zu sagen verdrängte Dimension der „Critical Whiteness“. Warum der Import eines US amerikanischen Diskurses, der sich aus historischen Gründen auf eine Geschichte der „Schwarzen“ und „Weißen“ bezieht, so unhinterfragt übernommen werden muss, dass er deutsche Geschichte schlicht ausblendet kann der Einfachheit halber vorerst einmal damit erklärt werden den deutschen Alltagsrassismus und seine Opfer in den Vordergrund zu rücken, die damit einen Platz im öffentlichen Diskurs besetzen können. Aber diese Rationalisierung kann nicht erklären, warum sich die „Critical Whiteness“ in den Political Correctness Zirkeln der US-amerikanischen Campuskultur mit einem rabiaten Antizionismus verbunden hat, der mit einer kritischen Theorie des Antisemitismus unvereinbar ist. Juden können in die gegenwärtige Ideologie des „Critical Whiteness“ Diskurses schlicht nicht integriert werden und Wollrads Emphase, dass „Rasse“ als einziges Wort die Gewalttätigkeit der rassistischen Realitäten akkurat beschreibt kann sich nicht nur aus pragmatischen Gründen mit der Realität des Antisemitismus nicht anfreunden. Was in den Dichotomien der Schwarz-Weiß Konstruktionen als Tugend begriffen wird, das Beharren auf einem partikularen Identitätssubjektivismus, der die Position als schwarze, von Rassismus und weißer Dominanz betroffene Person als Ausgangspunkt der persönlichen Erfahrung betont, wird den jüdischen Israelis genau als solche Position übel genommen und als rassistisch denunziert. Dies gilt übrigens für den gesamten Komplex dessen, was als „Whiteness“ begriffen wird. „Whiteness“ ist in diesem Sinn eben keine partikulare Identität, die aus historischen Gründen zur Dominanzkultur wurde, sondern die Repräsentation des Universellen an sich. So wie die Juden in den Abgründen des Antisemitismus als transhistorische wurzellose Antagonisten der partikularen Identität erscheinen, ist „Whiteness“ eine Projektionsfläche, die selbst keine eigenen partikularen Eigenschaften hat, sondern sich nur durch die Konstruktionen des „Anderen“ als Universelles realisiert. Die sprichwörtliche Schwarz-Weiß Malerei der „Critical Whiteness“ kollabiert punktgenau an jener Sollbruchstelle, an der die Juden in ihrem angeblichen oder auch tatsächlichen Bemühen um partikularistische Identität das Paradigma in Frage stellen, dass Gesellschaft an sich die Struktur der weißen Dominanz abbildet. Bei Susanne Dieckmann heißt es: „Um den Begriff ‚Rasse‘ als kritische Analysekategorie nutzbar zu machen, ohne biologistische ‚Rasse-Konstruktionen‘ fortzuführen, schlägt Susan Arndt in Anlehnung an Shankar Raman eine dekonstruierende Bewegung vor, die sie als racial turn bezeichnet. Hierunter fasst sie eine doppelte Bewegung von ‚Rasse‘ weg und auf Rasse zu. Die unterschiedlichen Schreibweisen – Anführungszeichen für die biologistische Kategorie und Kursivsetzung für die kritische Wissens- und Analysekategorie – verdeutlichen die zwei Ebenen, auf denen der racial turn arbeitet.“ (Dieckmann 2011, S. 21)

Der „racial turn“ soll also „’Rasse‘ als kritische Analysekategorie nutzbar“ machen und die Critical Whiteness Theorie glaubt tatsächlich, dass das Wort ohne „biologistische ‚Rasse-Konstruktionen’“ zu haben ist. Die Naivität dieser postmodernen Pseudohermeneutik, die einerseits dem „Weißsein“ eine universelle Unveränderbarkeit zuschreibt, aber andererseits glaubt ein Wort wie „Rasse“ ohne Probleme diskurstechnisch umprogrammieren zu können, indem man „unterschiedliche Schreibweisen“ verwendet, ist erstaunlich. Der Verlust an Sensibilität für die historische Schwere des Wortes dürfte auch daran liegen, dass zwischen „Rasse“ und „race“ hin und her gesprungen wird und die semantischen Unterschiede dadurch verwischt werden. In Englisch verfasste Texte sind jedoch genau so problematisch, auch wenn sich der Kontext verschiebt. Die portugiesische Autorin Grada Kilomba etwa schreibt: „And in this sense racism is white supremacy. Other racial groups can neither be racist nor perform racism, as they do not possess this power. The conflicts between them or between them and the white dominant group have to be organized under other definitions, such as prejudice.“ (zit. nach Dieckmann 2011, S. 18)

So elegant diese These auch sein mag, sie scheint den rassistisch motivierten Antisemitismus nicht für einen solchen zu halten, sondern für ein „innerweißes“ Vorurteil. Es versteht sich von selbst, dass Kilomba zudem die tausend jährige Geschichte des Islamischen Sklavenhandels ignoriert denn außerhalb der europäisch-westlichen Kultur kann es augenscheinlich weder Rassismus noch Gewalt geben. Selbst wenn man der Analyse zustimmt, dass die „Weißen“ allesamt privilegiert seien und qua ihrer „Rasse“, die halt jetzt eine soziale Konstruktion ist, von vornherein rassistisch sein müssen, braucht man einen Begriff der Gleichheit will man den Zustand überhaupt überwinden. Es steht in Frage, ob „Critical Whiteness“ das tatsächlich will.

Immer wieder zeigt sich, dass Rassismustheorien – nicht erst heute – beständig daran scheitern den Antisemitismus als Bestandteil ihres Konzeptes zu sehen, geschweige denn ihn zu integrieren. (Katharina Röggla, von der noch zu sprechen sein wird, ist hierin eine löbliche Ausnahme.) An Kilombas Definition fällt außerdem auf, dass die Differenz zwischen denen die Macht besitzen und den „other racial groups“ naturalisiert wird. Sie können weder rassistisch sein, noch Rassismus ausüben, es scheint ihnen geradezu physisch unmöglich, da sie konditional nicht die Macht besitzen. Das Besitzen von Macht ist Bedingung für die Ausübung der Macht und damit die Legitimation sie zu besitzen und mit ihr den „Anderen“ zu definieren. Hier geht es darum zu zeigen, dass diese Essentialisierung der sozialen Konflikte zu naturalisieren etwas ist, woran sich seit Generationen antirassistische Theorie abarbeitet und das sie für die Sünde schlechthin hält. Die kurzsichtigen taktischen Formulierungen mit denen die „Critical Whiteness“ operiert, bedeuten also im Wesentlichen die Renaissance des Rassegedankens von links. Ein überraschendes erstes Fazit ist also, dass mit „Critical Whiteness“ ausschließlich die Gegenmacht gedacht wird, aber nicht das Konzept der Macht selbst in irgendeiner Weise kritisiert, obwohl genau das die ganze Bandbreite der postmodernen Theorieproduktionen, die als Epigonen von Derrida, Deleuze und Foucault ihre Kreise ziehen, behauptet hat. Mit „Critical Whiteness“ will man Politik machen, Fakten setzen und Gegenmacht ausüben. Es geht um Definitionshoheit. Es ist zweitrangig wer das wie beurteilt, aber es sollte auch so benannt werden. Immerhin verbünden sich linksradikale und kritische Geister sehr bereitwillig mit Islamisten, die sich nur zu gern in die Gesellschaft der globalen Linken als Unterdrückte und Subalterne einreihen. Der „racial turn“ wird nicht zufällig als Instrument zu diesem Zweck betrachtet: er ist genau jene Schnittstelle die antizionistischer Agitation ein breites und politisch sehr profitables Geschäftsfeld eröffnet hat.

Das Gerede von Diversität und Multikulturalismus erweist sich schließlich als Unfähigkeit Ambivalenz und Ambiguität, mit der sozialwissenschaftliche Theorieansätze üblicherweise gewohnt sind zu denken, umzugehen: Wenn sich Politik nicht mehr als Schwarz Weiß Gegensatz repräsentieren lässt wird die „Whiteness“ als das universell „Andere“ gesetzt, die dieses Problem zu verantworten hat. Es ist erstaunlich wie wenig Reflexion in „Critical Whiteness“ Theorien darüber existiert, dass ein Großteil des Gebäudes nur damit beschäftigt ist die Projektion seiner Feindbilder zu spiegeln. Dazu passt auch, dass Eske Wollrad im deutschen Sprachraum vor allem damit bekannt wurde, dass sie dafür warb „Pippi Langstrumpf“ von seinen rassistischen Tönen zu säubern. Nachdem sie also „Rasse“ für das geeignete Wort hielt die Gewalttätigkeit der rassistischen Realität zu beschreiben wollte sie der Darstellung dieser Gewalttätigkeit keinen Raum mehr geben, weil sich das Werk von Astrid Lindgren wohl nicht als Ganzes denunzieren ließ. Der Vorteil von Ambivalenz hört dort auf, wo man sich selbst ernst nehmen muss.

2.

Obwohl das Ausmaß der Literatur, das auf akademischer Ebene zum Thema „Critical Whiteness“ produziert wird, beträchtlich ist und das Spektrum höchst unterschiedliche Themenbereiche umfasst, gibt es bestimmte grundsätzliche Übereinkünfte, die sich überall wieder finden lassen. Eine davon ist, dass bestimmte Aspekte der rassistischen und kolonialistischen Sichtweise als schlichte Umkehrrelation bestimmt werden. In ihrer ansonsten sehr lesenswerten Diplomarbeit schreibt die österreichische Schriftstellerin Katharina Röggla: „NeoRassismen in Europa fokussieren im Besonderen auf die muslimische Bevölkerung Europas. Im Diskurs um die Anschläge von 9/11 ist ein ’neoorientalistisches Phantasma‘ entstanden, dass OrientalInnen als potentielle TerroristInnen imaginiert.“ (Röggla 2011, S. 40) Es sei hier ausdrücklich fest gehalten, dass Röggla anders als Wollrad die Verwendung von „Rasse“ als operativen Begriff ausdrücklich ablehnt und auch der Geschichte des rassistischen Antisemitismus ausführlich Platz einräumt. Das ist keineswegs selbstverständlich, wie wir gesehen haben.

Dass die terroristische Gefahr jedoch bloß imaginiert sei noch dazu als „neoorientalistisches Phantasma“ und als Ausdruck eines „NeoRassismus“ denunziert wird, ist eine immer wieder kehrende rhetorische Figur, die das philosophische Grundproblem der „Critical Whiteness“ sehr treffend beschreibt: Man sieht ausschließlich Narrative, wo es darum ginge Realitäten zu analysieren, und sieht ausschließlich Realität, wo man seinem eigenen Narrativ faktische Wirklichkeit zuschreibt.

Obwohl sich die postkolonialen Theorien zwar sehr oft auf Derrida beziehen, der z.B. in „Die Schrift und die Differenz“ festhielt, dass binäre Oppositionen nicht neutral sind, sondern durch einen „Herrensignifikanten“ organisiert werden, in dem ein Begriff des Gegensatzpaares den anderen quasi erst hervor bringt, hat Derrida niemals angedeutet, dass eine einfache Umkehrung der Pole irgendein Problem löst, das durch die Identifikation des Herrensignifikanten beschrieben wird. Was „Critical Whiteness“ jedoch in erster Linie tut ist genau die Umkehrung des rassistischen Blicks als Lösung für das Problem des Rassismus zu propagieren. Weil die als „Weißen“ identifizierten Bewohnerinnen und Bewohner der westlichen Welt eine historische Verantwortung für den Kolonialismus und seine Folgen haben, scheinen sie ihr Recht verwirkt zu haben, die Realität und ihre Konstruktion mit bestimmen zu können. Sie „imaginieren“ bloß und in jedem Versuch die terroristische Gefahr als solche zu benennen „zeigt sich, dass diese Rassismen konstitutive Funktion für die europäischen Gesellschaften haben.“ (Röggla 2011, S. 41)

So sehr es sich auch anbietet, die „Weißen“ nicht allzu sehr zu bemitleiden und nicht unterstellen zu wollen, sie bedürfen eines besonderen Schutzes vor wild gewordenen Critical Whiteness TheoretikerInnen, verrät die Argumentation, dass hinter „Critical Whiteness“ ein Angriff auf das Prinzip der Gleichheit selbst steckt. Das postmoderne Bedürfnis ist also der „Wille zur Differenz“, der die Gleichheit verneint und damit Differenz als solche in eine völlig unverhältnismäßige Inflation treibt. Die Ablehnung der Gleichheit liegt in der philosophischen Annahme, dass es unter lauter gleich berechtigten Narrativen keine gemeinsame Abstraktion geben kann, die „Sinn“ produziert und die Narrative gemeinsam organisieren könnte. Durch ihre unüberwindliche Differenz gibt es gar keine gemeinsame operative Dimension. Die „Whiteness“ in ihrer imperialistischen Ausdehnung beansprucht für sich jedoch eine solche gemeinsam funktionale Abstraktion. Hält man diesen universalistischen Anspruch für gleichbedeutend mit kultureller Dominanz, kann es auch keine Vergleichsoperatoren geben, die partikulare Identitäten zu Ausdruck eines Ganzen machen könnten, das von außen zugänglich ist. Es gibt keinen Universalismus, sondern nur das Narrativ es gäbe einen. Die „Kritische Weißseinsforschung“ kann sich nicht vorstellen, dass eine Überwindung der rassistischen Ideologien in einer Kritik der Partikularismen stattfinden muss, stattdessen will sie jedem Partikularismus, der nicht „white“ ist, einen eigenen Ort zuweisen, der unabhängig von anderen gedacht werden soll. Wenn die universelle Gleichheit als solche negiert wird, weil es Privilegien und Vorteile gibt, die als gruppenspezifische Reproduktionsmechanismen aufgefasst werden, erübrigt es sich auch darüber nachzudenken wie zwischen ihnen einfach normal gelebt werden könnte. Weil der Universalismus der Aufklärung selbst als Ausdruck der „Whiteness“ betrachtet wird, bleibt nur noch der Rückzug in eine Identität, die als geschütztes Biotop innerhalb von „safe spaces“ und „trigger warnings“ existieren soll. Die als „Weißen“ konstruierten Menschen können oder dürfen keine Gleichen sein, weil sie sich vor allem mit ihren Privilegien beschäftigen sollen, und die „Schwarzen“, die immerhin eine Identität besitzen, können ebenfalls keine Gleichen sein, weil sie sich durch das Nicht-Besitzen der Macht immer als Opfer dieser Privilegien definieren müssen. Die Naturalisierung der Konflikte ersetzt ihre Kritik. Dies ist eine weitere Übereinkunft, die in fast allen Schriften zum Thema zu finden ist. Röggla gibt hier ein weiteres Beispiel:

„Eske Wollrad erzählt unter dem Titel ‚Schweigen statt Dialog‘ (Wollrad 2005:178) die Geschichte einer gescheiterten politischen Zusammenarbeit zwischen Schwarzen und Weißen Frauen. Es ging dabei darum, eine gemeinsame Konferenz zu organisieren. Während die Schwarzen Frauen diskutierten, Vorschläge machten, sich engagierten, nahmen die Weißen Frauen sich zurück – und schwiegen – aus Respekt, Vorsicht oder Angst. Bündnisse erfordern Beteiligung, trotzdem entscheiden die Weißen Frauen in Wollrads Beispiel sich innerhalb der Bündnisarbeit zurückzunehmen um rassistische Dominanz nicht zu reproduzieren. Wollrad bestreitet nicht die antirassistische Intention dieses Schweigens, fügt aber einige Punkte hinzu, die in der Bestrebung rassistische Hierarchien zu stürzen nicht übergangen werden dürfen: Erstens stellt sich die Frage, ob und mit wem dieses Schweigen abgesprochen wird. Meistens herrscht Schweigen über das Schweigen. Die Wirksamkeit dieser Strategie kann also nicht diskutiert werden, sondern fußt allein auf Weißen Annahmen. Schweigen als Machtverzicht re­konstruiert gleichzeitig die Macht auf die verzichtet werden soll – denn nur wenn ich davon ausgehe dass ich die Macht besitze jederzeit zu sprechen, kann ich zugunsten von anderen auf diese Macht verzichten. Zurückhaltung kann laut Wollrad also ein „herablassender Dominanzgestus“ sein“ (Röggla 2011)

Die stille Übereinkunft, die den „Critical Whiteness“ Theorien gemeinsam ist, scheint zu sein, dass sie ihre Umkehrrelation in einen Automatismus übersetzen müssen, in dem die „Weißen“ stets an irgendetwas schuld sind oder sich in einem permanenten Dilemma befinden nicht als Gleiche in Frage zu kommen. Auf die Idee, dass die Kommunikation vielleicht deshalb nicht funktioniert, weil sich eine Seite immer in einem selbstreferentiellen Schuldparadigma befindet, kommt sie nicht, sondern auch das Schweigen ist eine Dominanzgeste, die die versteckten Privilegien erst enthüllt. „Zuhören ist notwendig, wenn Inputs jedoch nicht aufgegriffen werden, sondern das Zuhören ein rein passives bleibt, spricht Wollrad von einem Ausnützen Schwarzer Ressourcen.“ (Röggla 2011, S. 29)

Manchmal fällt einem nur noch Nietzsche ein: „Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als Verächter.“ (Jenseits von Gut und Böse  IV, 78)

Sie sind eben keine Gleichen, deren Meinung gefragt ist, sondern Privilegierte im Schuldmodus. Es ist sehr auffällig, dass „Weißsein“ zwar eine soziale Konstruktion ist, aber als natürliche, physische und psychisch unüberwindbare Tatsache erscheint. In einem Flugblatt der mittlerweile aufgelösten Gruppe „Reclaim Society“ heißt es darum auch folgerichtig: „It is impossible to stop being white – whites internalise (subtil) mechanisms of excercising white supremacy. Consequently whites cannot be antiracist, but only racism-critical.“ Die „Critical Whiteness“ kann sich nur als stalinistisches Geständnisregime realisieren, in der die Gegenmacht mittels Blockwarten die Einhaltung der Norm überwacht und deviantes Verhalten bestraft. So geschehen beim „No Border“ Camp in Köln 2012, das zwar auch von AnhängerInnen der Theorie kritisiert wurde und wie der Autor Kien Nghi Ha schreibt „nicht als Weiße Verleumdung abgetan werden kann“, aber statt die Schwächen der Theorie zu hinterfragen, werden die Übergriffe den extremistischen Elementen angelastet.

„Critical Whiteness“ ist, das sollte nicht überraschen, eine Rassentheorie, die Macht durch Gegenmacht und den Rassismus durch eine akademisch gespülten Gegenrassismus ersetzen will. Oder wie es bei Buckendahl heißt: „Das einfache Postulat, dass alle Menschen gleich sind, hilft hier nicht weiter.“ (Buckendahl 2012, S. 52) Ob ein Postulat von der Ungleichheit der Menschen stattdessen weiter hilft bleibt ungesagt. Gleichheit würde voraussetzen, dass „Weiß“ oder „Schwarz“ veränderliche Zustände sind, was in ihrer Beschreibung als „soziale Konstruktionen“ ja irgendwie enthalten sein sollte, aber genau das will „Critical Whiteness“ unbedingt als nicht möglich festschreiben. Das Problem dabei ist, dass es schon rein sprachlich unmöglich ist auf Abstraktionen zu verzichten und daher schon der Versuch eine allgemeine Abstraktion für das Partikulare zu denken als „weiß“ denunziert werden muss. Mit dem Attribut „weiß“ wird so ziemlich jedes Verhalten und jede Regung bezeichnet, die man kritisieren will. Es wäre den „Critical Whiteness“ TheoretikerInnen nun zu unterstellen, dass sie einen anderen Universalismus vorschlagen würden, aber interessanterweise spielt Spinoza und seine Idee, dass sich die Multitudo der Differenz der Abstraktion einer einzigen Ursache, Gott oder die Natur, unterordnen müsste, keine Rolle. Es gibt zwar einen Gegenrassismus, aber keinen Gegenuniversalismus. Die postmoderne Differenz ist unendlich selbstreplizierend, ohne auf eine übergeordnete Struktur angewiesen zu sein. Narrative können ihrer Form nach beurteilt werden, aber nicht von außen verstanden. Jede Idee über eine gemeinsame Sprache ist Illusion und dem Zugang zur Sprache die im Inneren gesprochen wird steht außerhalb ein kulturalistischer Blick im Weg, der ihm das Verständnis der partikularen Identität verwehrt. Verstehen im Sinne der „Critical Whiteness“ bedeutet also aufhören verstehen zu wollen, sondern sich stattdessen zu identifizieren, in der vollen Bedeutung des Wortes.

Wollrad: „Diese Kollektivierung der Geanderten bedeutet, dass Menschen of Color immer als Repräsentantinnen und Repräsentanten ihrer Gruppe wahrgenommen werden, Weiße hingegen nie.“ Offenbar ist „Critical Whiteness“ das Projekt, das dieses Verhältnis umkehren soll, denn so wie im rassistischen Blick die „Menschen of Color immer als Repräsentantinnen und Repräsentanten ihrer Gruppe wahrgenommen werden“, kehrt die „Critical Whiteness“ dieses Verhältnis um und macht alle, die sie als „Weiße“ konstruiert zu einer schicksalhaften Tätergemeinschaft. Es ist jetzt vielleicht besser verständlich, warum Wollrad so darauf beharrt das Wort „Rasse“ zu verwenden. Obwohl es sich ja ihrem Verständnis nach nur um eine „soziale Konstruktion“ handelt, stellt das Wort „Rasse“ jene Schicksalshaftigkeit und Unüberwindbarkeit zur Verfügung, die die „Critical Whiteness“ braucht um sich überhaupt als Theoriegebäude konstituieren zu können. Röggla fragt sich:

„Wie kann ich als Weiße Studentin über Weißsein schreiben? Alle Versuche die ich unternehme, mit meiner Arbeit niemanden zu übersehen, mir meiner Weißen Position bewusst zu sein, diese zu reflektieren können mir – mit gutem Grund – als Versuche der moralischen Selbstentlastung vorgeworfen werden. Ich kann noch so sehr versuchen mein Weißsein zu hinterfragen, versuchen mir meiner Privilegien bewusst zu sein und diese abzulegen oder zu teilen – all diese Versuche finden immer von einem privilegierten Standpunkt aus statt.“ (Röggla 2011, S. 27ff)

Worauf sie nicht kommt ist, dass es sich nicht um ein persönliches Defizit handelt, sondern um die Schwäche der Theorie selbst mit dieser Frage konstruktiv umzugehen. „Critical Whiteness“ ist als Theorie darauf ausgelegt genau diesen Aspekt als persönliche Schuld zu privatisieren. Es mag nicht falsch sein, aber es ist in erster Linie sinnlos sich so mit einem politischen Problem zu beschäftigen. Die Umkehrung der Machtpole löst das Problem der Macht und ihrer Anwendung nicht. Der Effekt ist, dass sich eine intelligente und gebildete Frau wie Röggla ständig klein macht und ausgerechnet durch ihr Fragen nach der Auflösung ihrer Privilegien in ein allzu bekanntes Muster zurück zieht, bei dem sie nichts anderes tut, als die Abstraktionsschwäche ihrer Disziplin als persönliche Unfähigkeit zu erleben. Was die Kritische Psychologie noch als Anleitung zur Handlungsfähigkeit verstand, wird in der „Kritischen Weißseinsforschung“ als totalitäres Unterwerfungsritual inszeniert. Obwohl die Theorien der „Critical Whiteness“ sich ständig auf Foucault beziehen und ihn überall zitieren, scheinen die meisten einen seiner wesentlichsten Gedanken niemals verstanden zu haben. In „Der Wille zum Wissen“ oder auch in „Überwachen und Strafen“ schreibt Foucault, dass sich die öffentliche politische Macht ihrer Herrschaft stets über das Geständnis versichere. Subjekte werden dadurch konstituiert, dass sie einer Autorität gegenüber stehen, der sie berichten müssen. Das kann eine Folterkammer sein, eine psychotherapeutische Sitzung, eine Gerichtsverhandlung, ein Job Interview oder ein Verhör bei der Polizei. Stets müssen die Subjekte sich durch das Geständnis als solche erkennbar machen und was ist Rögglas Frage sonst, wie sie als „weiße Studentin“ mit ihren Privilegien umgehen könne, als der Kniefall vor dem Großen Anderen, das Geständnis der eigenen Schuldhaftigkeit, die niemals vergeben werden kann? Die „Critical Whiteness“ erwartet von ihren „weißen“ AnhängerInnen Geständnisse wie sie Foucault als elementaren Reproduktionsdiskurs der Macht beschrieben hat und wie sie den Delinquenten der stalinistischen Terrorwellen abverlangt wurden. Das Bestreiten von Schuld ist Ausweis der Schuld selbst, durch das Gestehen der Sünden stimmt man seiner eigenen Unterwerfung unter die Subjektbeschreibung „Weiße/r“ zu. Dass den postkolonialen Foucault LeserInnen das niemals aufgefallen ist zeigt nur, dass zitieren und verstehen zwei verschiedene Dinge sind.

Pascal Bruckner hat bereits 1984 in seinem Buch „Das Schluchzen des weißen Mannes“ darauf hingewiesen, dass die antiimperialistischen Strömungen der Linken in ihrer politischen Rhetorik sich zutiefst auf ein christliches Schuldbewusstsein verlassen, aber wegen ihres Atheismus darauf verzichten müssten, was die christliche Religion als wesentlich für das Bekenntnis der Schuld sieht: Vergebung. Die kritischen „Weißen“ sind, so sehr sie sich auch bemühen dazu verdammt in der Diskurshölle für immer ihre Privilegien zu überprüfen, inklusive einem unterschriebenen Geständnis und einer öffentlichen Selbstkritik.

3.

Eine weitere Übereinkunft der „Critical Whiteness“ ist die Reduktion der Geschichte des Westens auf eine reine Unterdrücker und Kolonialhistorie. Diese Auffassung geht auf Edward Said zurück, der bereits bei Herodot und seinen Berichten von den Perserkriegen den Orientalismus am Werk sah. Wie wir bereits gesehen haben ist „Weißsein“ ein universales ahistorisches Prinzip, das als Herrensignikant stets darauf aus ist den „Anderen“ zu produzieren, weil es nur über die „Geanderten“ (Wollrad) sich selbst erblicken kann.

Eske Wollrad again: „Was Weißsein bedeutet, hängt davon ab, wie Schwarzsein als Gegenpol konzipiert ist. Weißsein steht in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Schwarzsein: Erst über die Fabrikation angeblicher „Schwarzer Wildheit“ kann sich der Mythos Weißer Zivilisation entfalten, erst die Erfindung der Geschichtslosigkeit des Trikonts ermöglicht die Konzipierung westlicher Narrative als Universalgeschichte. Weißsein existiert also nicht „an sich“, sondern konstituiert sich im Gegenüber zu und abhängig von Konstruktionen von Schwarzsein.“

Wie widersprüchlich diese Definition ist, lässt sich nur daran erkennen, dass Wollrad unausgesprochen die Geschichte der europäischen Zivilisation als eine Geschichte des „Mythos Weißer Zivilisation“ betrachtet. Das letztere ist kein Sonderfall des ersteren, sondern eine transhistorische Realität, die keinen anderen Sinn und Zweck hat, als die Abwertung der Schwarzen für sich selbst konstitutiv zu machen. Vor der Konstruktion von „Whiteness“, die sich als Abhängigkeitsverhältnis zu Schwarzsein gebildet hat, scheint es keine eigenständige europäische Zivilisation gegeben zu haben, sondern nur den „Mythos“ davon. Oder anders gesagt: aus der Kritik an reduktionistischer Geschichtsschreibung wird selbst eine reduktionistische Geschichtsschreibung und Ideologie, die ihr Feindbild mit bemerkenswerter Schlichtheit spiegelt, ohne ein einziges Mal jenes Ausmaß an Selbstreflexion zeigen zu wollen, dessen Abwesenheit sie an den „Weißen“ bemängelt. Bei Gabriele Dietze, einer deutschen Akademikerin findet sich diese Beschreibung: „Nach Foucault werden neue Diskurse durch Ausgrenzung hervorgebracht. (…) In seinen Schriften zur Mikrophysik der Macht fragt er, “durch welches Ausschließungssystem, durch wessen Ausmerzung, durch die Ziehung welcher Scheidelinie, durch welches Spiel der Negativität und Ausgrenzung kann eine Gesellschaft beginnen zu funktionieren?” Für die hier entfaltete Frage wäre darauf zu antworten, dass die Produktion des christlichen Abendlandes ein ‘orientalisches Anderes’ zunächst erfindet, um sich an ihm als okzidental überlegen zu konstruieren, und dann die nun markierten ‘Anderen’ ausgrenzt.“ (Dietze 2008, S. 13)

„Critical Whiteness“ ist neben vielem anderen auch eine Verschwörungstheorie. Warum das christliche Abendland sich ein ‘orientalisches Anderes’ erfinden soll, nachdem es seit dem Auftauchen des Islam im 7. Jahrhundert in Kriege, Eroberungen und kulturellen Austausch mit diesem stand und der Islam bis ins 17. Jahrhundert eine veritable kriegerische Bedrohung darstellte, ist schlicht Unkenntnis der historischen Fakten. Der Orientalismusbegriff Edward Saids ist von verschiedensten Seiten scharf kritisiert worden, vor allem die Arbeit von Daniel Varisco „Reading Orientalism“ ist hier zu nennen. (Siehe auch meine Besprechung von Ibn Warraqs „Defending the West“.) Das totale Desinteresse der arabisch-muslimischen Kultur an einem „Anderen“ außerhalb seiner selbst, wird in dieser Lesart zu einem Vorwurf, der auch die historischen Tatsachen umkehrt. Die muslimischen Eroberungen fanden zuerst statt und zwangen die Europäer dazu sich mit dem Feind zu beschäftigen, indem man seine Sprachen lernte und seine Kultur studierte. Bevor man sich ein ‘orientalisches Anderes’ erfinden kann, braucht man daher einen Begriffskorpus, mit dem sich die „Anderen“ methodologisch abstrahieren lassen. Man benötigt ganz kurz gesprochen einen Universalismus, der das Partikulare in die Abstraktion zu führen imstande ist. Es war das Christentum mit seiner impliziten Mehrsprachigkeit, das diesen Universalismus ermöglichte, und anders als der Islam von einem „Anderen“ ganz prinzipiell ausging. Es ist und bleibt nämlich nach wie vor sehr erstaunlich, dass die europäischen Invasionen des Nahen Ostens im Rahmen der Kreuzzüge, die für fast 200 Jahre ein christliches Königreich von Jerusalem etablierten keinerlei Bemühungen im islamischen Raum auslösten Europa und das Christentum für den Islam zum Gegenstand eines politischen oder wissenschaftlichen Interesses zu machen. Die Tatsache, dass es keinen „Okzidentalismus“ gibt, liegt nicht daran dass der „Orientalismus“ sich einen „Anderen“ konstruiert, sondern daran dass es im arabisch -muslimischen Raum niemals einen säkularen Wissenschaftsbegriff gab, der ermöglicht hätte einen „Anderen“ überhaupt als solchen wahrzunehmen.

Der Begriff des „Anderen“ verdient in diesem Zusammenhang noch eine weitere Betrachtung. „Othering“ gehört zu den durch Political Correctness Intervention geächteten Begriffen und ist mehr als eine „Microaggression“. Die Praxis sich einen „Anderen“ zu konstruieren wird aber deswegen konsequent abgelehnt, weil das Konzept des „Anderen“ bereits auf einen universellen Abstraktionszusammenhang hinweist. Um überhaupt einen Begriff des „Anderen“ zu haben, brauche ich ein kompliziertes Framework an nützlichen operativen Verknüpfungen, die das Spezielle und das Allgemeine meiner begrifflichen Abstraktionen organisieren. Besser gesagt: nur durch einen „Anderen“ gibt es Nähe und Distanz. Ohne das Konzept des „Anderen“ ist es gar nicht denkbar, Menschen überhaupt sinnvoll wahrzunehmen. Trotzdem meint die „Critical Whiteness“, dass es ausschließlich die „Whiteness“ sei, die „othering“ wie eine Waffe benutzt. Die „Geanderten“ können augenscheinlich nur solche werden, wenn sie zuvor rassistisch konstruiert wurden. Zwar ist der Rassismus eine bestimmte Dimension des „Othering“, aber viel grundlegender ist „Othering“ eine Bedingung menschlichen Sozialverhaltens, und das scheint der „Kritischen Weißseinsforschung“ völlig zu entgehen. Sie kritisiert sich stattdessen in ein weit schlimmeres Problem hinein. Es muss ein Framework geben, das erlaubt den „Anderen“ zu kategorisieren. Aber wenn man Kilombas These ernst nimmt, dass Rassismus sich ausschließlich als „white supremacy“ ausdrücken kann, heißt das auch, dass es außerhalb der „whiteness“ keine Konzeption des „Anderen“ gibt. Den „other racial groups“ fehlt also nicht nur die Macht, sie haben in diesem Sinne auch keine begrifflichen Kategorisierungsmodelle mit denen sich die „Weißen“ selbst als „Andere“ erfassen lassen. Ist das wirklich die Antwort, die „Critical Whiteness“ geben will? In einem postmodernen Kontext muss klar sein, dass Macht und Sprache ident sind. Macht bedeutet sprachlich konzeptualisieren zu können. Dazu passt auch diese Stelle bei Dieckmann: „Mit Bezugnahme auf Foucaults Diskurs-und Machtanalysen, Derridas Konzept der différance und Deleuzes Heterogenitätsbegriff werden hegemoniale westliche Wissensproduktionen und essentialistische Identitätskategorien in Frage gestellt…“ (Dieckmann 2011, S. 35) Die westlichen Wissensproduktionen lassen sich nur durch andere westliche Wissensproduktionen in Frage stellen, einen „Okzidentalismus“, der von „schwarzer“ oder „subalterner“ Seite dieses Projekt leisten könnte gibt es schlicht nicht.

Der Westen und seine Universitäten sind der einzige Ort, an denen sich eine Theorie wie „Critical Whiteness“ nachhaltig etablieren konnte. Der Westen konstruiert nicht nur den „Anderen“, seine Präferenz für einen aufklärerischen Universalismus ist auch die einzige intellektuelle Ressource die Konstruktion des „Anderen“ zu hinterfragen.  Darum finden sich Gender Studies, postkoloniale Theorie und „Critical Whiteness“ auch nur auf europäischen oder US-amerikanischen Campusumgebungen und nicht in Moskau oder Teheran. In einem außer europäischen Kontext, das scheint die „Kritische Weißseinsforschung“ tatsächlich sagen zu wollen, gibt es keinen „Anderen“, der sich als solcher operativ rationalisieren ließe.

Die feindselige Charakterisierung der „Whiteness“ als universalem Ausschluss Prinzip entspricht also einer Wahrheit, die die „Critical Whiteness“ nicht anerkennen will und gegen die sie verzweifelt ankämpft. Der westliche Universalismus und die europäische Aufklärung sind die einzig verlässlichen Konzeptualisierungen mit der eine Zukunft in einer globalisierten Welt überhaupt möglich ist. Die rassistische Gegenmacht ist allein schon deshalb zum Scheitern verurteilt, weil sie genau jene Elemente braucht, die sie angeblich kritisiert. Die alles beherrschende Bio-Macht der „Whiteness“ lässt sich darum auch nur als Verschwörung begreifen. Bei Buckendahl heißt es:

„Diskurse, also die Anhäufung von Wissen und dessen Anwendung, produzieren den Orient, stellen diesen her. Wobei dieses diskursive Produkt insbesondere aus Projektionen, Lügen und Mythen besteht und keiner exakten Wirklichkeit entspricht (vgl. 1981). Dieses diskursive Konstrukt der Aufklärung entstand durch einen Willen zur Ordnung, den Drang alles erklären zu können sowie dem Versuch Machtverhältnisse zu konsolidieren und zu stärken. Durch diesen „Erkenntnisfundamentalismus“ wurde im Laufe der Aufklärung eine Wissenschaft etabliert, die obendrein beanspruchte objektiv und universalistisch zu sein (vgl. Hoppe 2002: 26). Stuart Hall zeigt auf, dass dieser Epistemologiewahn der Aufklärung dazu geführt hat, dass sich die heutigen ‚Wissenschaften’ und Denkweisen auf Dichotomien, Kategorisierungen und Bewertungen stützen (vgl. 1994: 139 ff.). Er manifestiert, dass die Aufklärung aus Phantasien, dem klassischen Wissen aus Altertum und Mittelalter, religiösen Quellen, der Mythologie und aus zum Teil fiktiven Reiseberichten bestand. Dies diente der Einschreibung von einer (Welt)Ordnung, Sinnhaftigkeit und Struktur.“ (Buckendahl 2012, S.40)

Die postkolonialen Theorien können sich gar nicht vorstellen, dass ihr Feindbild zu etwas anderem fähig ist als zu „Projektionen, Lügen und Mythen“. Wer Wissenschaft ausschließlich als Narrativ betrachtet, sieht nur einen „Erkenntnisfundamentalismus“ und einen „Epistemologiewahn“, in dem der Anspruch objektiv und universalistisch zu sein das Problem darstellt und nicht wo er ihn verfehlt, was auch bedeuten würde zu sagen, dass der Universalismus etwas richtig gemacht hat und spätestens jetzt wird die Hermeneutik zu einem Pseudomaterialismus in der Tradition von Bucharin. Von einem hermeneutischem Blickwinkel aus betrachtet besteht jedes kulturelle Artefakt „aus Phantasien, (…), religiösen Quellen, der Mythologie und aus zum Teil fiktiven Reiseberichten“, weil schlicht jede Erzählung der „Einschreibung von (…) (Welt)Ordnung, Sinnhaftigkeit und Struktur“ dient. Was Aufklärung jedoch auch propagiert sind empirisch begründbare Vergleichsoperatoren, in der jedes Glied der Kette einem bestimmbaren abstrakten Begriff untergeordnet werden können muss. Dass die Produktion des Orients nur aus „Projektionen, Lügen und Mythen besteht“, die „keiner exakten Wirklichkeit entspricht“ ist nicht nur falsch, sondern sie verfehlt auch die politische Dimension der „Crititical Whiteness“ selbst, dass Realität nur ein Sprachspiel ist, das durch Hegemonie oder subversive Intervention gesteuert wird. Das Problem wurde bereits oben erwähnt: Man sieht Narrative, wo Realität ist und sieht nur dort Realität, wo man seine eigenen Narrative ins Feld führt. Obwohl also objektive Wahrheit als westliche Anmaßung bezweifelt wird, kommt sie dort ins Spiel zurück, wo sie politisch nützlich ist. Der Vorwurf der Lüge sagt ja, dass es eine objektive Wahrheit geben muss, die empirisch nachvollziehbar sein sollte. Die Ablehnung des aufklärerischen Universalismus ist also nur ein Zirkelschluss, auf den die Theorie hinein fällt, weil sie die Dekonstruktion durch das Differenz Paradigma nicht auf sich selbst anwenden will. Eine kritische Perspektive würde danach fragen, wobei der aufklärerische Universalismus erfolgreich war und welche unhintergehbaren Paradigmen er geschaffen hat, in denen zwar auch „Erkenntnisfundamentalismus“ und „Epistemologiewahn“ möglich sind, aber auch Universitäten in denen neben Teilchenphysik, Evolutionsbiologie und Soziologie auch „Critical Whiteness“ Forschung mit gut dotierten Lehrstühlen betrieben wird. Der Marsch durch die Institutionen ist zumindest gelungen. Ob man sich an die Theorien der „Critical Whiteness“ noch erinnern wird, wenn ebenjener Lange Marsch vollendet ist, wird ein weiterer unbedeutender Eintrag in der großen Beliebigkeit der Narrative sein.

Verwendete Literatur:

Dietze 2008: https://www.uni-klu.ac.at/gender/downloads/Vorlesung7.kla7.CritWhit.pdf

Röggla 2011: http://othes.univie.ac.at/14962/1/2011-05-24_0101864.pdf

Buckendahl 2012: http://www.ehrenamtsbibliothek.de/literatur/pdf_456.pdf#page=1&zoom=auto,-274,658

Dieckmann 2011: http://othes.univie.ac.at/14965/1/2011-05-31_0407640.pdf

Bendix: https://www.iz3w.org/zeitschrift/ausgaben/293_sicherheitspolitik/rez

Wollrad: http://streit-wert.boellblog.org/2011/10/05/eske-wollrad/

http://www.conne-island.de/whenworst/01.html

 

Kategorien:Culture and War

Synecdoche, New York

Auf der Website der Filmgazette ist meine Besprechung des Charlie Kaufman Films „Synecdoche, New York“ erschienen:

http://www.filmgazette.de/?s=filmkritiken&id=1606

 

 

 

 

 

Kategorien:Common Interest

Spiel mir das Ende vom Lied. Über Quentin Tarantinos neuen Film “The Hateful Eight”

Dieser Text enthält Spoiler.

Es ist gut möglich, dass spätere Generationen diesen Film als bedeutenden Beitrag zur Kinogeschichte und raffinierten politischen Kommentar betrachten werden, aber heute, im Jahr 2016, scheint Tarantinos „The Hateful Eight“ ein weiterer missglückter Film des kalifornischen Regisseurs zu sein. Als Zuschauer wird man von Tarantino mit vielen Fragen allein gelassen, erst nach längerem Nachdenken und genauerer Analyse kann man in Umrissen ausmachen, worum es eigentlich geht. Wie schon in seinen beiden letzten Filmen, „Inglorious Bastards“ und „Django Unchained“ lässt Tarantino sein Publikum mit den formalen Brüchen in der Erzählweise und den Arthouse Spielereien in Sachen Dramatik und Handlungsaufbau oft ratlos zurück. Eine User Kritik auf IMDB nennt den Film „seelenlos“, und beklagt, dass Tarantino ein 70mm Panavision Format benutzt, obwohl der größte Teil der Handlung in einem einzigen überschaubaren Raum spielt. Kein schlechter Einwand wie ich meine.

„The Hateful Eight“ ist eine Lektion darin wie postmodernes Kino aussieht, gleichzeitig ist es auf eine queere Art sehr zeitgeistig und befriedigt doch keine Erwartungen. Obwohl dialoglastig wie immer, gibt es in „The Hateful Eight“ kaum Anspielungen auf popkulturelle Codes, keine für den Plot relevanten Auseinandersetzungen philosophischer Natur, keine Debatten über Moral und Zivilisation, nur an einer Stelle schimmert eine zynische Kritik an der Todesstrafe durch, aber das bleibt eine Randerscheinung. Anders als sonst inszeniert Tarantino seinen Film nicht als offenes Kunstwerk, in dem sich Verknüpfungen zu allen möglichen Phänomenen der Pop und Trashkultur finden lassen, sondern als in sich geschlossenes blutverschmiertes Drama, in dem sprichwörtlich alle Beteiligten von der Außenwelt abgeschnitten sind. Dazu passt auch, dass Verweise auf klassische Western und die für Tarantino üblichen eklektizistischen Zitate und Anspielungen auf seine zahlreichen Vorlieben und Vorbilder fehlen, oder zumindest sind sie auf den ersten (und zweiten) Blick nicht sichtbar und werden nur mühsam als akademische Arbeit nach zu vollziehen sein. Es wird den Nerds und Geeks der Tarantino Fangemeinde überlassen bleiben, solche Querverweise in den Details und Kameraeinstellungen zu kartographieren, für den Film selbst spielen sie so gut wie keine Rolle. Die in den USA konstant zum Alltag gehörenden Auseinandersetzungen über Rassismus und Diskriminierung werden auch in „The Hateful Eight“, wie schon in „Django Unchained“ als strukturierendes Narrativ wieder gegeben, aber durch eine ständig ins psychotisch gehende Gewalttätigkeit verwirrend überladen und aus dem Focus gedrängt. Man kann durchaus davon ausgehen, dass bei Tarantino Absicht dahinter steckt, aber welche das sein soll, erschließt sich auf den ersten Blick nicht.

Die undurchschaubaren Absichten Tarantinos fangen schon beim Titel an. Zwar gibt es mindestens acht hassenswerte Charaktere, aber eine weitere relevante Figur, die ebenfalls kein besseres Charakterbild abgibt taucht noch in der letzten Stunde des Films auf. Obwohl die Handlung einigermaßen kompliziert ist, ist die Ausgangsposition sehr klassisch: eine Gruppe von Western Charakteren, anfangs neun, später werden zeitversetzt in der Vergangenheit weitere Personen eingeführt, sind in einer Blockhütte in der Wintereinöde Wyomings gefangen, weil draußen ein Blizzard tobt, der die Weiterreise zu nächsten Stadt, namens Red Rock unmöglich macht. Die unfassbare Kälte draußen und die brutale Intensität drinnen sind die Spannungsfelder in denen sich das Geschehen abspielt. Jede Figur ist exorbitant gewalttätig oder hat eine Vergangenheit, die von Blut und Verbrechen begleitet wird. Jede Figur hat ihr eigenes Narrativ, das fortwährend bezweifelt wird. Eine Referenz von außen, die den Inhalt bestätigen könnte gibt es nicht. Ganz ähnlich haben Sartre und Beckett ihre Theaterstücke über die Verlorenheit des Menschen gestaltet, aber die intellektuelle Ironie, die Tarantinos frühere Werke ausgezeichnet hat und den philosophischen Spin französischer Literatur sucht man vergebens. Es scheint, als wollte er deutlich machen, dass in „The Hateful Eight“ vorerst einmal Schluss mit lustig ist. Der Mensch ist des Menschen Wolf und die einzige verlässliche Emotion anderen gegenüber ist die Angst, die wach hält und das Soziale als Grad des Gefahrenpotentials erlebt. Es gibt keine Guten mehr, höchstens Unschuldige, die rasch und kaltblütig ermordet werden. Wenn Tarantinos Figuren nicht über Comics, Popmusik oder Martial Arts Filme reflektieren können, bleiben nur schäbige und brutale Bestien zurück, die sich gegenseitig in sadistischer Mordlust auslöschen wollen.

Der Bruch mit der spaßverliebten Ironie, die wir als Zuschauerinnen und Zuschauer an den früheren Filmen Tarantinos so genossen haben, macht die Auseinandersetzung mit dem Film nicht leichter. Im schlimmsten Fall könnte „The Hateful Eight“ sogar ein ernsthafter Karriereknick für Tarantino werden, wenn der finanzielle Erfolg ausbleibt und die Kritiker und Fans die Gefolgschaft ebenfalls verweigern. Beides ist nicht auszuschließen. Aber was genau passiert in dem Film eigentlich?

Der Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russel) transportiert eine Gefangene namens Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) in einer Kutsche durch die schneeverwehte Einöde Wyomings, um sie in Red Rock, der nächsten Stadt wegen mehrfachen Mordes hängen zu lassen. Unterwegs nimmt er einen anderen Kopfgeldjäger mit, den ehemaligen Nordstaatenoffizier Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), dessen Pferd unterwegs gestorben ist. Auch der ehemalige Südstaatenoffizier Chris Mannix (Walton Goggins) der behauptet der neue Sheriff von Red Rock zu sein, hat dasselbe Schicksal erlitten. Gemeinsam mit dem Kutschenfahrer O.B. (James Parks) erreichen sie die Raststation „Minnies Habadashery“, die als einziger Schutz vor dem aufkommenden Schneesturm zur Verfügung steht. Minnie und ihr Mann Sweet Dave, sowie ihre Helfer sind jedoch nicht da, angeblich, weil Minnie zu ihrer Mutter gefahren ist. Die bereits anwesenden Gäste sind der mexikanisch radebrechende Bob (Demian Bichir), der (angebliche) Scharfrichter von Red Rock Oswaldo Mobry (Tim Roth), der schweigsame Joe Gage (Michael Madsen) und der ehemalige Südstaatengeneral Sandy Smithers (Bruce Dern).

Es wäre notwendig die Handlung Schritt für Schritt nach zu erzählen, um den komplexen Interaktionen gerecht zu werden, die da stattfinden. Aber im Großen und Ganzen geht es darum, dass wie man in der letzten Stunde des Films erfährt, die Bande von Daisy Domergue alle ursprünglichen Bewohner von „Minnies Habadasherie“ am Vormittag ermordet hat, um John Ruth am Abend in einen Hinterhalt zu locken und Daisy Domergue, die Schwester des Bandenführers Jody Domergue (Channing Tatum) zu befreien. (Bob, Mobry und Gage sind Mitglieder der Bande.) Dem Blutbad am Vormittag (das im Film zeitlich versetzt erst am Ende gezeigt wird) folgt jenes am Abend. Die letzten Überlebenden sind die gegensätzlichen und eigentlich verfeindeten Marquis Warren und Chris Mannix, die beide schwer verwundet in einem letzten Anfall sadistischer Gewalt, die ebenfalls kein bisschen sympathischere Daisy Domergue erhängen. Marquis Warren trägt einen von ihm selbst gefälschten Brief von Abraham Lincoln bei sich, den Mannix, der rassistische Südstaaten Marodeur in der allerletzten Szene vorliest. Er hat keinen besonderen Inhalt, bloß Glückwünsche und Höflichkeitsfloskeln, die sogar noch den letzten Trost für die Sterbenden absichtsvoll verhöhnen.

Die enttäuschten Kritiken auf IMDB und anderswo werfen Tarantino Arroganz und Gleichgültigkeit vor. Die Handlung sei banal und humorlos, die Gewalt werde nur um ihrer selbst willen in Szene gesetzt und lasse den Zuschauer emotional unberührt. Tatsächlich ist „The Hateful Eight“ äußerst dunkel und bietet keine Moral an, keinen Trost, keine positive Identifikation, nur Gewalt, Hass und sadistische Mordlust. Die postmoderne Tendenz Moral und Aufklärung als tote metaphysische Überbleibsel der großen Erzählungen zu denunzieren, wird in „The Hateful Eight“ ins Extrem getrieben. In diesem Sinne ist Tarantino wirklich konsequent. Der von Samuel L. Jackson dargestellte Major Warren etwa, der sich öfters als „Nigger“ bezeichnen lassen muss, ist selbst nicht besser, wenn er Ressentiments gegen Mexikaner äußert und ausgerechnet vom rassistischen Südstaatler Mannix vorgerechnet bekommt, welche Kriegsverbrechen er in der Uniform der Nordstaaten begangen hat. In einer unglaublich verstörenden Szene erzählt er dem entsetzten Südstaatengeneral Smithers wie er dessen Sohn nackt in der eisigen Kälte erfrieren ließ und ihn dazu auch noch sexuell nötigte. Wie schon in „Django Unchained“, wo Samuel L. Jackson den perversen Sklavenhalter Kollaborateur Stephen verkörperte, ist Tarantino vor allem von der Bösartigkeit fasziniert, die in solchen Menschen zum Ausdruck kommt. Es mag ein realistischer Blick in die Abgründe der menschlichen Seele sein, aber Katharsis lässt sich daraus nicht gewinnen und so etwas wie Schuldbewusstsein existiert in diesem Kosmos nicht. Eines der ersten Bilder, die den Film in der Schneelandschaft Wyomings etablieren, zeigt einen von Schneewehen bedeckten roh gehauenen steinernen Jesus am Kreuz, ein leeres Zeichen in einer Ödnis von Gewalt und Gleichgültigkeit. Ohne äußere metaphysische Referenz wird der Mensch wieder zum Tier, zum homo homini lupus. Die einzig sinnvollen Erbstücke großer Erzählungen, die kulturbringenden Mythen der Spiritualität und des Widerstands gegen die Sinnlosigkeit, werden im postmodernen Universum von lauter gleichberechtigten Narrativen völlig rückstandsfrei entsorgt.

Ein interessanter Vergleich in der Filmgeschichte könnte zum Beispiel Clint Eastwoods „Unforgiven“ sein, der 1992 seine eigene Version eines apokalyptischen Westerns vorlegte. Auch am Ende von „Unforgiven“ hinterlässt die Hauptfigur William Munny ein Massaker an keineswegs Unschuldigen, aber anders als Tarantino ist sich Clint Eastwoods Figur immer bewusst, dass es eben kein richtiges Leben im Falschen gibt. In Tarantinos Welt macht dieser Satz keinen Sinn mehr, weil es weder richtig, noch falsch aber vor allem kein Leben mehr gibt, das diesen Namen verdient. Leben ist nach Heidegger „Sein zum Tode“, und der Abstand zwischen „Unforgiven“ und „The Hateful Eight“ ist jener, der zwischen Adorno und Heidegger in der Beurteilung dessen liegt, was sich ganz un-postmodern klassisch metaphysisch als Anliegen von Kunst beschreiben lässt: der Unerträglichkeit des Seins die Hoffnung auf etwas Besseres oder zumindest auf eine Veränderung dessen was jetzt ist entgegen zu setzen. Tarantino scheint, wenn er das Leben nicht als Sammlung von popkulturellen Nerdattitüden inszenieren kann, diese Hoffnung aufgegeben zu haben. Was daran wirklich stört ist, dass wir nicht wissen warum.

In Gesprächen mit der Presse erzählt Tarantino gerne, dass er deswegen keine Kinder habe, weil er seine Zeit nur mit Filmemachen verbringen will. Dass Kinder und Familie einen Konservativen wie Clint Eastwood (oder ziemlich viele andere fähige Filmemacherinnen und Filmemacher) noch nie an der Produktion guter Filme gehindert haben, sagt über Quentin Tarantino mehr aus, als ihm selbst wohl bewusst ist. In gewisser Weise erklärt es die Dunkelheit in „The Hateful Eight“, die alles Menschliche auslöschen will, das sich nicht der Selbstzerstörung zu überantworten gedenkt.

Dieser Text ist  auch auf der Website der Filmgazette erschienen:

http://www.filmgazette.de/?s=filmkritiken&id=1589

 

 

Kategorien:Culture and War

The Great Terror. Anmerkungen zum Stalinismus anlässlich des Ablebens von Robert Conquest.

August 6, 2015 2 Kommentare

„The absolutely certain way for a defendant to get himself shot was to refuse to plead guilty.”

Robert Conquest, The Great Terror

„In 1997, during an interview with Le Monde, Robert Conquest was asked whether he found the Holocaust ‘worse’ than the Stalinist crimes, he answered: ‘Yes, I did!’, but when the interviewer asked why, he could only answer honestly with ‚I feel so‘. Conquest, anti – Sovietchik number one, feels so. Nabokov, the dispossessed noble, felt so. We feel so. When you read about the war, about the siege of Leningrad – when you read about Stalingrad, about Kursk – your body tells you whose side you are on. You feel so. In attempting to answer the question why, one enters an area saturated with qualms.“

Martin Amis, Koba the Dread

Am 3. August 2015 ist der britisch-amerikanische Historiker, Dichter und Schriftsteller Robert Conquest im Alter von 98 Jahren in seiner Wahlheimat Kalifornien verstorben. Wie der Telegraph in seinem Nachruf schreibt, verkörperte Conquest wie niemand sonst, dass „ es keinen entschlosseneren Antikommunisten als einen Ex-Kommunisten geben kann.“

Sein 1968 am Höhepunkt der westeuropäischen und amerikanischen linken Studentenbewegung erschienenes Opus Magnum, „The Great Terror“ war die erste wissenschaftlich einwandfreie Studie zur Politik Stalins zwischen 1934 und 1939 und beendete, wie Octavio Paz 1972 schrieb, sämtliche Debatten über das Stalin Bild vom großen Führer und Bezwinger Hitlers ein für alle mal. Conquest geboren im Juli 1917, der selbst als Parteigänger der Bolschewiki 1937 die Sowjetunion besucht hatte, konnte zum Zeitpunkt seines Todes auf ein umfangreiches Werk zurück blicken, das sich nicht nur mit Stalins Person und der inneren Struktur der Kommunistischen Partei beschäftigt hatte, sondern auch mit dem Lagersystem und den Gulags, die zur Durchsetzung des Terrors errichtet worden waren. Einer seiner wichtigsten Arbeiten ist die Dokumentation des nordsibirischen Lagerkomplexes Kolyma, den „Arctic Death Camps“, in denen hunderttausende Menschen durch Arbeit, Kälte, Hunger und Misshandlungen ermordet wurden. Oder wie es Timothy Garton Ash formulierte: „Er war Solschenizyn, vor Solschenizyn.“

Conquests große Leistung war es gezeigt zu haben, dass Stalin und sein Terrorapparat keineswegs eine Abweichung vom ansonsten ehrenwerten Charakter der KPdSU gewesen sind, sondern der Terror ausgehend von Lenin selbst ab 1921 die einzige politische Strategie darstellte, die in der Sowjetunion bis 1953 jemals zur Anwendung kam. Stalin, der während der Oktoberrevolution selbst kaum eine Rolle gespielt hatte, übernahm von Trotzki und Lenin einen funktionierenden Polizeistaat, den er nach seinem Gutdünken verwenden konnte. Lenin selbst hatte bei diversen Gelegenheiten davon gesprochen, dass die sowjetische Politik nicht ohne Terror auskommen würde, auch von Trotzki sind ähnliche Äußerungen bekannt. Der Bürgerkrieg gegen die Weißen und der Widerstand der Bauern gegen Zwangskollektivierungen brachten Lenin und seine bolschewistischen Parteikameraden dazu, Terror und Gewalt für unausweichlich und seinen Einsatz für ein unverzichtbares Mittel der Politik zu halten, auch während der Phase, die als Neue Ökonomische Politik bekannt ist. „Wir können auf Terror auf gar keinen Fall verzichten.“ Darauf beharrte Lenin bereits 1921 und war bestrebt die Anwendung von revolutionärem Terror gegen tatsächliche oder imaginäre Feinde auch als gesetzliche vor geschriebene Maßnahme zu implementieren.

Bolschewistische Politik bedeutete von Anfang bis Ende Terror, Hunger, Zwangsarbeit, Sklaverei und Massenmord. Erst nach dem Tod Stalins 1953, als sich die sowjetische Führung vom permanenten Ausnahmezustand verabschiedete, kehrte in das Leben der Sowjetbürger für einige Jahre Phasen der Normalität ein, die jedoch weiter von Zensur, politischer Verfolgung und Propaganda geprägt war.

Conquest betrachtete in „The Great Terror“ vor allem die Ereignisse zwischen 1934 und 1938, den Jahren der großen Säuberungen, in denen Millionen Menschen (es sind in manchen Quellen von bis zu 20 Millionen Betroffenen die Rede) verhaftet, gefoltert, erschossen oder zur Zwangsarbeit in die großen Lagerkomplexe in Sibirien deportiert wurden, um dort unter entsetzlichen Bedingungen als Sklavenarbeiter dahin zu vegetieren und schließlich zu sterben. Die Verfolgung betraf alle Bevölkerungsgruppen, auch die Kader der Partei und die alten Kämpfer der Oktoberrevolution. Außer Stalin selbst gab es keinen einzigen Menschen in der Sowjetunion, der nicht jederzeit verhaftet, gefoltert und erschossen hätte werden können. Die Chefs der Geheimdienste Yagoda, Yeshov und Berija lösten einander ab, weil ihr jeweiliger Vorgänger in Ungnade gefallen, und nach Tagen der Folter hingerichtet worden war. Als die Folterknechte ihre Aufgaben zum Wohlgefallen Stalins erledigt hatten, wurden sie selbst Opfer der Maschinerie. Robert Conquest schreibt in “The Great Terror” über die Praxis der stalinistischen Geheimpolizei:

The principle had become established that a confession was the best result obtainable. Those who could obtain it were to be considered successful operatives, and a poor [Chekist] had a short life expectancy. Beyond all this, one forms the impression of a determination to break the idea of the truth, to impose on everyone the acceptance of official falsehood. In fact, over and above the rational motives for the extraction of confession, one seems to sense an almost metaphysical preference for it…

Das Erschreckende an der stalinistischen Herrschaftsform ist nicht nur ihre konsequente Anwendung der Gewalt und der rücksichtslosen Vernichtung jeder imaginären oder tatsächlichen Opposition, sondern vor allem ihre Tendenz jede positive Beziehung zwischen Menschen konsequent zu zerstören. Jörg Baberowski hat dies in seinem Buch „Verbrannte Erde“ nochmals deutlich fest gehalten. Denunziation war eine Variante wie jemand in die Fänge des Machtapparates gelangen konnte, aber an den Höhepunkten des Terrors hatten die willigen Vollstrecker Stalins Quoten zu erfüllen, eine bestimmte Anzahl an Personen zu verhaften, zu foltern und zu erschießen. Wer zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war verschwand ebenso spurlos, wie solche die vielleicht tatsächlich noch politische Opposition ausgedrückt hätten, wäre ihnen so viel Zeit vergönnt gewesen. Es war in jedem einzelnen Fall völlig egal und am Ende einer Verhaftung standen Zwangsarbeit und Tod, nachdem ein vollkommen erfundenes Geständnis aus den Gepeinigten heraus geprügelt wurde. Jeder musste jedem misstrauen, die simpelste zwischenmenschliche Interaktion war vergiftet und korrumpiert worden. Die sowjetischen Untertanen lebten in Hunger, Armut und ständiger Angst. Die Zwangskollektivierungen und die Ermordung von Millionen unter dem Label der „Entkulakisierung“ waren entsetzliche Desaster, die ihre eigenen Ziele völlig verfehlten und das sozialistische Projekt in eine gigantische Farce verwandelten, das nur noch als Propaganda und Massenmord existierte. Dass dies auch einigen Veteranen der Oktoberrevolution im Angesicht der tödlichen Bedrohung bewusst wurde, ist deshalb nur ein kleiner Treppenwitz der Geschichte. Robert Conquest schreibt in „The Great Terror“ von den Bedenken Bucharins:

[Bukharin] was even more concerned with the effect on the Party. Many Communists had been severely shaken. Some had committed suicide; others had gone mad. In his view, the worst result of the terror and famine in the country was not so much the sufferings of the peasantry, horrible though these were. It was the ‘deep changes in the psychological outlook of those Communists who participated in this campaign, and instead of going mad, became professional bureaucrats for whom terror was henceforth a normal method of administration, and obedience to any order from above a high virtue.’ He spoke of a real dehumanization of the people working in the Soviet apparatus.’”

Stalins Reputation als Bezwinger Hitlers im Großen Vaterländischen Krieg, als den ihn nach 1945 Kommunistische Parteien und Linke weltweit unkritisch bewunderten ist einer der letzten großen Mythen, die es zu zerstören gilt.

Stalins Pakt den er 1939 mit dem deutschen Faschismus schloss, entfremdete zwar zahlreiche Linke weltweit von der Sowjetunion, wurde aber in den entsprechenden Zirkeln als notwendiges Übel und im Nachhinein auch als geniale taktische Finte des Großen Führers zu recht gelogen. Aber während Hitler und die Nazis den Angriff auf die Sowjetunion vorbereiteten, war Stalin bis zum Beginn der Operation Barbarossa vollkommen überzeugt, dass Nazideutschland keine zweite Front im Osten eröffnen wollte.

Stalin der Diktator hatte nicht nur die Sowjetunion in den völligen Ruin terrorisiert, er hatte auch in den wichtigsten Momenten der Geschichte des 20. Jahrhunderts so vollkommen versagt, dass er das sozialistische Projekt völlig schutzlos der brutalsten und mörderischsten Armee der Geschichte ausgeliefert hatte. Millionen Tote, auch jene der Shoah wären wohl zu verhindern gewesen hätte der ultraparanoide Massenmörder Stalin nicht ausgerechnet Adolf Hitler blind vertraut. In der Zeit zwischen 1939 und 1941 kümmert sich Stalin ausschließlich darum, den Großteil des Offizierskorps der Roten Armee zu liquidieren. Offenbar befürchtet er einen Putsch und besetzt die frei gewordenen Führungspositionen mit militärisch völlig inkompetenten Kadern des NKWD, deren einzige Qualität ihre Ergebenheit gegenüber Stalin war. Warnungen, dass die Wehrmacht ihre Kräfte konzentriert und ganz offensichtlich einen Angriff vorbereiten würde, wurden ignoriert, jene, die diese Warnungen aussprachen wurden umgehend liquidiert. Dass Stalin nicht ganz allein für diese Katastrophe verantwortlich ist, zeigt diese Episode:

Eine Woche nach dem Beginn des Angriffs der deutschen Wehrmacht saß Stalin immer noch paralysiert und geschockt in seiner Datscha bei Moskau und bekam Besuch von Molotow und Kaganovich, zwei Mitglieder seines engsten Führungszirkels. Stalin erwartete offenbar verhaftet und entmachtet zu werden. Stattdessen baten ihn Molotow und Kaganovich darum die Sowjetunion in den Krieg zu führen. Beide wurden vermutlich von der Gewissheit angetrieben, dass wenn Stalin fiel es auch mit ihnen bald vorbei sein würde, eine wahrscheinlich nicht ganz falsche Vermutung. Sowohl Molotow als auch Kaganovich überlebten Stalin und starben als wohl situierte Pensionisten in Moskau. Für die Dauer des Krieges übernahm der einzige General, der die Säuberungen der militärischen Führung überlebt hatte, Zhukov, das Kommando und restrukturierte die sowjetischen Streitkräfte. Aber erst 1943 konnte der Vormarsch der Deutschen Wehrmacht – ausgerechnet bei Stalingrad – gestoppt werden. Dass Stalin nach 1945 wieder fest im Sattel der sowjetischen Machtpolitik saß und sich weltweit für den Sieg über Nazideutschland feiern lassen konnte, auch von Churchill, gehört zu den bittersten Lektionen der Geschichte, die sich aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts lernen lassen. Kommunistische Parteien weltweit ersparten sich so eine Konfrontation mit ihrer Ignoranz oder auch Unterstützung des totalitären Terrors und der Untergang der sozialistischen Idee war besiegelt, auch wenn sich dieser Prozess bis 1989 hinaus verzögerte.

Robert Conquest, der manchmal recht einsame Chronist des Großen Terrors arbeitete unterdessen an der Entmystifizierung der sowjetischen Realität und musste sich mitunter recht harsche Kritik gefallen lassen, er würde die Zahlen der Opfer zu Propagandazwecken maßlos übertreiben. Die Öffnung einiger Archive nach 1989 in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zeigte, dass er mit seinen Schätzungen wesentlich näher an der Wahrheit gewesen ist, als irgendeiner seiner Kritiker. Was er enthüllte und Millionen Leserinnen und Lesern zugänglich machte wird Bestand haben. Die völlige Verachtung für menschliches Leben, die wahnsinnige Unterordnung sozialer Beziehungen unter die Ideologie totalitärer Machtausübung haben nicht nur das kommunistische Projekt nachhaltig desavouiert, sie haben auch gezeigt, dass der Terror den die russische Revolution mit sich brachte, völlig unfähig ist funktionierende Gesellschaften hervor zu bringen. Der Stalinismus schaffte es die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten der tausendjährigen Zarenherrschaft in Russland an Menschenverachtung und mörderischer Intensität bei weitem zu übertreffen. Dass es die chinesische Führung geschafft hat den Untergang der sozialistischen Idee zu überleben, hat eben genau damit zu tun, dass man ihre Politik als Bruch mit sozialistischen Modellen der Vergangenheit betrachten muss. Das China von heute hat mit den Vorstellungen Maos jedenfalls weniger zu tun, als Putins Russland von heute mit denen Stalins.

Die Sowjetunion und die russische Revolution sind nicht nur daran gescheitert soziale und politische Verbesserungen für die Bevölkerungen unter ihrer Herrschaft herbei zu führen, sie haben im Gegenteil die wenigen positiven Entwicklungen des 19. Jahrhunderts, die sich in Russland in Gestalt einer jungen und kreativen Bourgeoisie angedeutet haben, so vollständig vernichtet, dass Russland und viele andere Staaten nach dem Fall der Sowjetunion bis heute in einem geistigen Korsett der Vormoderne gefesselt zu sein scheinen. Dies äußert sich unter anderem darin, dass Stalin als Repräsentant einer großen Vergangenheit rehabilitiert wird, bei der Träume wieder eine Weltmacht zu sein größere Bedeutung haben, als soziale Verwerfungen und die gravierenden Probleme der russischen Realität. Geschichte wiederholt sich einmal als Tragödie, einmal als Farce, wie Marx im „18. Brumaire“ geschrieben hat, aber welcher Teil ist Tragödie und welcher die Farce?

Ob es Lehren aus der Geschichte gibt, die in irgendeiner Weise helfen frühere Fehler zu vermeiden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Die Arbeit Robert Conquests sollte jedenfalls dazu beitragen, die totalitäre Bedrohung durch revolutionäre Ideen ernster zu nehmen. In einer Adresse an seinen lebenslangen Freund Christopher Hitchens, einen ehemaligen Trotzkisten, zu finden am Ende seines Buches „Koba the Dread“, schreibt Martin Amis:

An admiration for Lenin and Trotsky is meaningless without an admiration for terror. They would not want your admiration if it failed to include an admiration for terror.

Wer immer sich heute darüber beklagt, dass die Welt nach 1989 von einer unerträglichen Alternativlosigkeit geprägt sein würde, sollte sich daran erinnern, dass diese Alternativlosigkeit vor allem damit zu tun, dass es die Politik der Bolschewiki gewesen ist, die jeden Gedanken an Alternativen und Utopien nachhaltig zerstört hat. Diesen Umstand sollte man als das einzig erinnerungswürdige Erbe Stalins betrachten.

Kategorien:History, Past, Presence
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