Mission Impossible: Ein Nachruf auf Bernard Lewis

Auf dem Blog des geschätzten Kollegen thinktankboy ist ein von mir verfasster Nachruf auf den kürzlich verstorbenen Doyen der Orientwissenschaften, Bernard Lewis erschienen:

https://thinktankboy.wordpress.com/2018/05/25/die-krise-des-islam-in-memoriam-bernard-lewis-1916-2018/

 

 

 

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Vortrag über „Critical Whiteness“ in Berlin am 28.6.2017 (Audio)

Die Aufzeichnung meine Vortrags über „Critical Whiteness“ in Berlin vom 28.6.2017 ist nun auch als Audio Dokument verfügbar.

https://voicerepublic.com/talks/jurek-molnar-identitat-ist-eine-waffe-vortrag-in-berlin-am-28-6-17

Mein Part beginnt etwa bei Minute 5:30.

 

 

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Die Silhouette im Spiegel. Über Mohammed Abed Al-Jabri’s „Kritik der arabischen Vernunft“

März 3, 2018 4 Kommentare

Die Vernunft ist ein Licht, das gewiss die Finsternis erhellen soll, mitunter aber auch am helllichten Tag gebraucht wird.

(Mohammed Abed Al-Jabri)

 

Für meinen Vater

 

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1.

Der marokkanische Philosoph und Hochschullehrer Mohammed Abed Al-Jabri (1935–2010) gilt als bedeutendster arabischer Denker der Gegenwart, auch wenn er außerhalb der islamischen Welt kaum bekannt ist. Die 2009 auf Deutsch veröffentlichte und leider viel zu wenig beachtete Einführung (im Folgenden: EINF) in sein Hauptwerk Kritik der arabischen Vernunft, gewährte erstmals einen Einblick in dieses wichtige Buch, das eine rege Debatte im Nahen und Mittleren Osten darüber ausgelöst hat, wie sich die politischen und kulturellen Krisen der arabischen/islamischen Welt positiv verändern ließen. Die Kritik der arabischen Vernunft, die zwischen 1984 und 2001 in vier Bänden in Marokko erschien machte seinen Autor zu einem Mittler zwischen Sunniten und Schiiten, Araber und Persern beziehungsweise Arabern und Türken und als der viel geachtete Literaturprofessor der Universität von Rabat in Marokko 2010 überraschend verstarb hinterließ er eine schwer zu füllende Lücke.[1]

Sein Hauptwerk, die Kritik der arabischen Vernunft hat bis jetzt nur eine französische Übersetzung des dritten Bandes „Die arabische Vernunft im Politischen“ (1990) erfahren und ist unter dem Titel „La raison politique en Islam: Hier et aujourd’hui“ 2007 erschienen. Der erste Band „Die Genese der Arabischen Vernunft“ (1984) wurde unter dem Titel „The Formation of Arab Reason“ (im Folgenden: FOAR) 2011 ins Englische übertragen.[2] Neben einigen akademischen Aufsätzen über Al-Jabris Werk die in Fachkompendien verstreut über verschiedene Universitätsverlage erschienen sind gibt es zur Zeit keine verfügbaren Texte von ihm die außerhalb des Arabischen publiziert wurden. Die restlichen Bände der Kritik, „Die Struktur des Arabischen Denkens“ (1986) und „Die praktische arabische Vernunft“ (2001) sind bis jetzt noch nicht einmal vollständig ins Französische übertragen worden. In der deutschen Einführung, die hier besprochen wird, heißt es dazu: „Die Einführung geht der Übersetzung des vierbändigen Gesamtwerkes voraus, das ab September 2009 erscheinen soll.“ Aus einer anderen Quelle ist jedoch zu erfahren: „Die Veröffentlichung der weiteren Bände der Kritik der arabischen Vernunft ist noch nicht absehbar. Bis zum Tod des Philosophen Al-Jabri 2010 waren noch nicht alle französischen Manuskripte, die er autorisiert hatte, beim Verlag eingegangen.“ Auf die weiteren Hindernisse, die der Übertragung von Al-Jabris Werken im Wege stehen, werde ich weiter unten genauer eingehen.

Der einzige andere auf Deutsch verfügbare Text von Al-Jabri, den ich sonst noch finden konnte wurde vom deutschen Thinktank Ibn Rushd Fund For Freedom Of Thought veröffentlicht, der seit 1999 jährlich einen Preis an ausgesuchte arabisch/islamische DenkerInnen, JournalistInnen und AutorInnen vergibt. 2008 wurde Al-Jabri ausgezeichnet und schickte als Dankesrede einen bemerkenswerten Text über die Grundsätze der Medizin von Ibn Rushd (latinisiert: Averroes), auf den ich später noch zurückkommen werde.

Der hier vorgestellte Einführung enthält – trotz ihres Titels – keine Auszüge aus der Kritik der Arabischen Vernunft selbst, sondern wurde wie man in der editorischen Notiz erfährt zwei anderen Texten entnommen, die man als Vorstudien oder Zusammenfassungen der Kritik sehen kann: „Wir und die Tradition. Zeitgemäße Lesarten unseres philosophischen Erbes“ von 1980 und „Tradition und Moderne“ von 1991.[3] Trotz des irreführenden Titels ist dem Buch zuzugestehen, dass es der bisher einzige Versuch im deutschen Sprachraum ist Al-Jabri bekannter zu machen und den Einstieg in seine Philosophie zu erleichtern. In einer Besprechung aus dem Jahre 2009 heißt es daher: „Man sollte es dennoch freundlich als eine Art Prolegomenon auffassen.“[4]

2.

Bevor ich mit damit beginne Al-Jabris Philosophie zu skizzieren, ist es notwendig seine Rezeption und Vereinnahmung durch die Islamwissenschaften zu kritisieren. Das Vorwort zur Einführung, das Reginald Grünenberg und Sonja Hegasy geschrieben haben, beginnt programmatisch mit der für die Islamapologetik üblichen Idiosynkrasie gegen selbstkritische Reflexion:

„Die arabo-islamischen Wissenschaften waren einst die wichtigsten Lehrmeister des nachrömischen Europa. In den Gebieten der arabischen Expansion von den Pyrenäen bis nach Vorderasien wurden die Schätze der griechischen Antike übersetzt, kommentiert und auf diese Weise überliefert. Unter den omajjadischen Emiren und späteren Kalifen auf der spanischen Halbinsel (756–1031) erlebten wissenschaftliche Errungenschaften wie die arabische Medizin, Philosophie und Mathematik ihre Hochzeit. Cordoba, zehn Mal größer als alle anderen europäischen Städte ihrer Zeit, war im 10. Jahrhundert eine Perle der Zivilisation, tolerant gegenüber Juden und Christen.“ (EINF, Vorwort)

Praktisch kein Wort dieser Eloge ist wahr oder kommt irgendeiner historisch faktentreuen Realität nahe. Die ständigen Übertreibungen, die das Ausmaß islamischer Leistungen und deren Einfluss auf die Entwicklung Europas formelhaft wiederholen, sind im Wesentlichen dazu da die Minderwertigkeitskomplexe muslimischer Zeitgenossinnen zu beruhigen, die sich nicht eingestehen wollen, dass der miserable Zustand muslimischer Gesellschaften hausgemacht ist. Wie man noch sehen wird ist Al-Jabris Arbeit ein wichtiger Baustein die Leistungen der islamischen Zivilisation richtig einzuordnen, weil er mit seinen sprachphilosophischen Überlegungen ein unbedingt notwendiges Maß an Selbstkritik und Reflexion einführt, das gerade im Bewusstsein der islamischen Gesellschaften fehlt. Historisch ist das Auftauchen der „arabo-islamischen Wissenschaften“ eine Aneignung der persischen, griechischen und christlich-jüdischen geprägten Kulturen des Nahen und Mittleren Ostens durch muslimische Eroberungen. (Stark 2014; Lewis 1981) Faktisch jede später als „arabo-islamisch“ propagierte Errungenschaft geht darauf zurück, dass die siegreichen islamischen Herrscher sich des Dienstes der Unterworfenen versicherten und diese klug und pragmatisch für sich nutzten. Das Problem dabei ist nicht die Anerkennung der Leistungen muslimischer und arabischer Gelehrter, die es selbstverständlich auch gab, sondern die völlige Ignoranz gegenüber dem Christentum und den Leistungen mönchischer Klöster, die den überwältigenden Teil der wesentlichen Texte der antiken Literatur bewahrten. Die arabische Tradition überlieferte zwar einige wichtige Schriften, die in (West)Europa verloren gegangen waren (z.B. die Elemente des Euklid), ignorierte jedoch sehr viel andere Quellen, die genau so bedeutsam für die europäische Kultur gewesen sind. (Lewis 1981) Zu diesen zählen die Werke Homers und die aller Dramatiker von Aischylos bis Sophokles, die Historiker Herodot und Thukydides, die römische Philosophie, die Theologie des Augustinus oder die ausschließliche Präferenz für Aristoteles gegenüber Platon, dessen Einfluss auf das europäische Denken ganz ohne arabische Übersetzungen mindestens ebenso viel wenn nicht noch mehr Gewicht hat.

Dass „die arabo-islamischen Wissenschaften (…) die wichtigsten Lehrmeister des nachrömischen Europa“ gewesen sein sollen ist auch deshalb falsch, weil es den gewaltigen Einfluss des byzantinischen Reiches und dessen Bibliotheken antiken Wissens völlig außen vor lässt, um dem Mythos Vorschub zu leisten, dass die europäische Zivilisation alleine und ausschließlich ihren Aufstieg der islamischen verdankt. Islam und Christentum beeinflussten sich wechselseitig, wobei gerne vergessen wird, dass der Islam in einer christlichen und jüdischen Umgebung entstand und diesen beiden seine Existenz ebenso schuldet, wie der Tatsache, dass islamische Imperien christliche und jüdische Leistungen auf dem Gebiet der Medizin oder der Philosophie nutzen konnten. Es gibt keine Übersetzungen der antiken Werke, die durch muslimische Gelehrte ins Arabische entstanden, es waren ausschließlich Christen und Juden, die diese Tätigkeit professionell betrieben. (Lewis 1981; Brague 1993)

Der Mythos von der viel gerühmten Toleranz des muslimischen Kalifats von Cordoba, die Grünenberg und Hegasy unkritisch fortschreiben ist vor kurzem vom spanischen Historiker Dario Fernandez-Moreira in seinem Buch „The Myth of the Andalusian Paradise“ ausführlich kritisiert worden. Die islamischen Herrscher Andalusiens waren weder toleranter noch politisch korrekter als christliche Eliten vor und nach ihnen, noch hat es unter ihrer Herrschaft eine besondere Blüte des Wissens oder der Wissenschaften gegeben. Ihre angebliche Duldsamkeit gegenüber Christen und Juden änderte sich mit politischen Konjunkturen und wechselte zwischen Toleranz und Pogrom je nach Wetterlage. Die islamische Zivilisation auf der spanischen Halbinsel bediente sich der unterworfenen Bevölkerung und nutze deren Talente auf kluge und pragmatische Weise für sich, ohne jedoch irgendetwas Wesentliches selbst dazu beizutragen.[5] (Lewis 1981) Auch ein großer Philosoph wie Averroes bildet eher die Ausnahme als die Regel. Der Unterschied zwischen der christlichen und islamischen Wissenschaftsgeschichte ist, dass im Islam einzelne Genies große Leistungen vollbrachten, aber niemals nachhaltig auf die Gesellschaft wirkten, in der sie tätig waren. Entweder wurden sie nach ihrem Tod vergessen, ihre Observatorien zerstört oder sie fanden keine Nachfolger, die ihre Arbeit hätten fortsetzen können. In vielen anderen Fällen (z.B. Ibn Khaldun) wurde das Werk dieser großen Geister als das letzte Wort betrachtet und keine Anstrengungen gemacht es zu erneuern, zu kritisieren oder gar weiter zu entwicklen. Im Europa des Hochmittelalters wurde Wissen durch das Universitätssystem vernetzt und nachhaltig an die nächste Generation der Bildungseliten weiter gegeben. (Wulff 2013)

Der Mythos selbst dient vor allem dazu die Denunziation des Mittelalters zu unterstützen, die seit der Renaissance unter europäischen Intellektuellen üblich ist. Die anti-christlichen und anti-katholischen Vorurteile der europäischen Intelligenz haben durch die Aufklärung politisch bedeutsame Ausmaße erreicht. (Stark 2016) Der unverhältnismäßigen Glorifizierung der islamischen Periode Spaniens steht die völlig unverhältnismäßige Abwertung der christlichen Kultur des Mittelalters gegenüber, die zwar auch vom Kulturtransfer mit dem Islam profitierte, aber auch ohne diesen denselben Weg eingeschlagen hätte. Anders ausgedrückt: das europäische Mittelalter war weder dunkel noch zurück geblieben, sondern stellt eine von christlicher Theologie geprägte intellektuelle Kultur dar, die in der Lage gewesen ist die wertvollen Impulse aus dem islamischen Einflussbereich zu verarbeiten und kritisch weiter zu entwickeln. Es war die scholastische Theologie der Kirchen und Klöster, die so die Grundlagen für den Aufstieg Europas zur Technozivilisation schuf.

Die heute übliche Glorifizierung der islamischen Periode Spaniens schweigt sich auffällig darüber aus, warum diese kulturelle Blüte ausschließlich in Europa Wurzeln schlug und keinerlei Wirkungen im islamischen Raum entfaltete, weil sie sich auch nicht damit auseinander setzen will, warum die Europäer dazu fähig waren und die muslimischen Gesellschaften nicht. Diese Frage kann nicht zufrieden stellend beantwortet werden, solange die übertriebene Glorifizierung der islamischen Zivilisation des Mittelalters als epistemologisches Hindernis einer historisch qualifizierten Auseinandersetzung im Wege steht. Mohammed Al-Jabri: “Für die arabische Kultur gilt, dass das Aristotelische System nicht in demselben Umfang Eingang in ihr Erbe fand, wie das im christlichen Europa der Fall war, weil die religiösen Autoritäten der arabischen Kultur weder seine Logik noch sein Wissen benötigten, während die christlichen Kirchen dies sehr wohl taten.” (FOAR, p. 428)

Es gehört zu den großen Leistungen Al-Jabris, die Polemik gegen das Christentum, die im Islam häufig die Debatten beherrscht, zurück zu weisen und stattdessen die Erneuerung des arabischen Denkens zu einer Bringschuld der arabischen Intellektuellen zu machen. Der Würgegriff der Tradition, der das zeitgenössische arabische Denken umfasst, soll durch eine historisch-kritische Tradierung der Tradition selbst gelockert werden und einem Geschichtsverständnis Platz machen, das einer kritischen Rationalität wieder zu ihrem Recht verhilft.

Mohammed Al-Jabri: „Die arabische Vernunft kann nur durch eine Infragestellung des Alten und durch eine umfassende und tief greifende Kritik erneuert werden,…“. (EINF, Kapitel 2) Und genau diese Kritik des Alten und der bequemen Mythen, die Al-Jabri in seiner Kritik der arabischen Vernunft leisten will, wird von den apologetischen Islamwissenschaften wie sie Grünenberg und Hegasy repräsentieren neuerlich hintertrieben. An einer anderen Stelle bezeichnen sie den arabischen Gelehrten Ibn Khaldun (1332–1406) über den Al-Jabri seine Doktorarbeit verfasst hat als „den wichtigsten Vorläufer der modernen Soziologie“, eine Absurdität sondergleichen, die bereits an anderer Stelle kritisiert wurde. (Brentjes/Edis/Richter-Bernburg 2016)

3.

Die im Berliner Perlen Verlag erschienene Einführung in die Kritik der arabischen Vernunft ist wie oben bereits gesagt die deutsche Übersetzung einer französischen Fassung zweier anderer Texte, die aus dem Arabischen übertragen wurden. Die Missverständnisse, die sich aus einer solch komplexen Übersetzungsgeschichte ergeben, können durchaus folgenschwer sein. Aus meiner Sicht kann nicht zufrieden stellend zugesichert werden, dass einzelne Begriffe und Zitate den Kontext, dem sie entnommen wurden nicht verfehlen oder ihn gar verzerren. Dass die Einführung zudem nur Teile der darin abgedruckten Texte zur Verfügung stellt und somit – in einem größeren Zusammenhang betrachtet – einzelnen Aspekten ein falsches Gewicht verleihen oder diesen sogar widersprechen könnte ist ein Risiko, das nicht unerwähnt bleiben sollte. Eine weitere Quelle der Unsicherheit ist die oben erwähnte Unsichtbarkeit Al-Jabris in der westlichen Wahrnehmung, die eine werkübergreifende Erschließung seines Denkens natürlich unmöglich macht. Aus dem Vorwort zur Einführung von Grünenberg und Hegasy geht jedoch hervor, dass die „internationale Anonymität (…) lange Zeit beabsichtigt“ (EINF, Vorwort) gewesen ist. „Al-Jabri wollte mit seiner Kulturkritik einen dezidiert innerarabischen Diskurs entwickeln. Die meisten arabischen Intellektuellen, so sein Vorwurf, kritisieren die islamische Kultur von einem Standpunkt europäisch anerzogener Exteriorität, wodurch sie das Eigentümliche des subjektiven, religiös-praktischen Erlebens und damit die für das Verständnis der Religion konstitutive Rolle der ‚Tradition‘ (turath) aus den Augen zu verlieren. Deshalb verweigerte Al-Jabri lange Zeit, sich der intellektuellen Diaspora in Paris anzuschließen und lehnte eine Vielzahl von Einladungen nach Europa ab.“ (EINF, Vorwort)

Es ist darum mehr als absurd wenn die Herausgeber eines gerade publizierten Kompendiums über Al-Jabri schreiben: „The reputation of al-Jabri in the vast Arab-Islamic world does not equal his reputation in the Euro-American world, not only because his Critique is not translated, as we noted above, but also most importantly because his open voice against ‘Western Hegemony’ and his use of concepts like ‘social democracy’ in the cold war.” (Eyadat/Corrao/Hashas 2018)

Das in den Islamwissenschaften zärtlich gepflegte Ressentiment, dass die Muslime stets die Opfer der westlichen Hegemonie seien, spielt in Al-Jabris Werk keine Rolle und hat bei ihm auch intellektuell keinen Platz. Zudem sollte es hinlänglich bekannt sein, dass es gerade zu eine Voraussetzung für die Berufung an eine amerikanische Universität ist eine Stimme gegen „westliche Hegemonie“ darzustellen, wie man zum Beispiel an Gestalten wie Joseph Massad sehen kann. Al-Jabris taktische Überlegung sich nicht durch westliche Vereinnahmungen die Reputation kaputt machen zu lassen, die er bei seinem arabischen Publikum genoss, hat ihn nicht daran gehindert sich intensiv mit zeitgenössischer europäischer Philosophie zu beschäftigen. Al-Jabri argumentiert nicht gegen die „westliche Hegemonie“, weil er sie wie den Islam eine für die Krisen der arabischen Gesellschaften untergeordnete Ursache hält. Es geht ihm um eine innerarabische Selbstkritik, die sich der Tradition dadurch entwindet indem sie diese ernst nimmt und hinterfragt.

In einem Briefwechsel zwischen Reginald Grünenberg und Al-Jabri aus dem Jahre 2005, aus dem in der Einführung eine kurze Passage zitiert wird antwortet Al-Jabri auf die Frage, ob er wegen seiner Veröffentlichungen jemals Drohungen oder Repressionen durch Islamisten ausgesetzt gewesen ist: „Ich habe mich bis heute noch nie irgendeiner Form von Aggression ausgesetzt gesehen wegen meiner politischen Positionen oder jener Ideen von mir, die ideologische und kulturelle Standpunkte zum Ausdruck bringen. (…) Im Übrigen weist vieles darauf hin, dass die jungen Sympathisanten der islamistischen Strömungen mehr als die Hälfte meiner Leserschaft ausmachen, in Marokko wie in den anderen arabischen Ländern. (…) Und man sagt sogar, dass der Geist der Mäßigung, der charakteristisch ist für die islamistische Strömung in der Türkei, dem Einfluss meiner Bücher geschuldet sei.“ (EINF, Brief) Die Gründe, dass Al-Jabri im Gegensatz zu vielen anderen arabischen Intellektuellen eine viel beachtete Karriere durchlaufen konnte haben vielleicht damit zu tun, dass Marokko ein liberaleres Klima zuließ, als das zur selben Zeit in Algerien, Ägypten oder Tunesien der Fall gewesen ist.[6] Seinen eigenen Angaben zufolge hat die Anerkennung seines Werks keine Probleme verursacht, weil er es „stets vermieden habe, die anderen zu provozieren“ (ebd.)

Al-Jabris Ausgangspunkt seiner Philosophie ist die arabische Sprache und ihre spezifische kulturelle Funktion. Sein Gegenstand ist arabisches Denken, nicht islamisches Denken, obwohl eine solche Interpretation Al-Jabris durch entsprechende Vereinnahmungen islamwissenschaftlicher Prägung natürlich nicht ausbleiben konnte.[7] Al-Jabri kritisiert nicht den Islam, weil er stattdessen versucht ein säkulares Denken über eine Trennung des Islam von der arabischen Sprache und Kultur zu vollziehen. Der Islam ist kurz gesagt ein Feature der arabischen Kultur, nicht umgekehrt. Genauso wenig wie man die europäische Kultur ohne das Christentum denken kann wird man die arabische vom Islam getrennt betrachten können, aber Al-Jabri besteht darauf, die islamische Dominanz über das Arabische zumindest zu schwächen, um deren „averroistischen“ Potentiale in ihr Recht zu setzen. Die Erneuerung des arabischen Denkens kann zwar nicht vollzogen werden, ohne das islamische Erbe und seine kulturelle Präsenz zu mit ein zu beziehen, aber anstatt auf einer Rückkehr zu den islamischen Quellen, wie es die islamischen Extremisten fordern zu beharren, geht es darum die arabische Sprache und ihre Ausdrucksfähigkeit gegen die Erstarrung der politischen Verhältnisse zurück zu gewinnen. Man könnte daher auch sagen, dass Al-Jabri als Philosoph versuchte eine Transformation der arabischen Sprache in ein säkulares Zeitalter zu begründen. Anders jedoch als vielen vor ihm erschien es ihm unbefriedigend und sinnlos zu sein eine solche Transformation entweder politisch von oben herab, wie dies im Kontext des Panarabismus oftmals versucht wurde, noch durch eine Aufgabe oder ein schlichtes Beiseiteschieben der dem Arabischen eigenen Traditionen und Ressourcen zu erreichen. Al-Jabri ist vor allem ein Demokrat und Vertreter eines politischen Pluralismus, der eine säkulare Trennung von Religion und Politik möglich machen könnte, auch wenn diese Vision zu seinen Lebzeiten keine Chance auf Verwirklichung hatte. Das größte Problem, das dem arabischen Denken in diesem Zusammenhang im Weg stand, war das Fehlen einer stabilen souveränen und territorialen Staatlichkeit, die sich dem Islam als Gegenüber kulturell hätte vermitteln können. Ibn Khalduns Werk, das Al-Jabri tief beeinflusst hat, steht stellvertretend dafür, dass sich in der islamischen Welt keine stabile Form der Staatlichkeit bilden konnte. Ibn Khaldun’s Antwort auf die politischen Krisen seiner Zeit war: Die einzig stabile Garantie für politische Legitimität muss aus der Religion kommen, weil das Konzept eines Staates, der nicht mit religiöser Autorität gelenkt wird sich zu Ibn Khalduns Zeiten bereits als unregierbar erwiesen hat.[8] Der „islamische Staat“, den Ibn Khaldun als eine Art unerreichbarer Utopie gesehen hatte, ist jedoch vor allem eine Projektion in die Vergangenheit, die im besten Fall darauf aus war, den Status Quo in der arabischen Politik aufrecht zu erhalten. Al-Jabris Einsatz ist daher die philosophische Operation in Ermangelung einer souveränen Staatlichkeit eine andere säkulare Tradition abzuleiten, die sich auf die arabische Kultur zu beziehen hat, die man vom Islam trennen und unterscheiden muss.

4.

Mohammed Abed Al-Jabri wurde 1935 in Marokko geboren und stammte aus einfachen Verhältnissen. Er war zunächst Volksschullehrer und gehörte in den späten 50ern zu den Mitbegründern der Sozialistischen Partei Marokkos.[9] Obwohl er gerade die arabischen Marxisten immer scharf kritisiert hat dürfte er sein Leben lang als linker Intellektueller aufgetreten sein, der Gramsci und Marx als wesentliche Quellen seines politischen Engagements in den Gewerkschaften und als öffentlich präsenter Intellektueller betrachtet hat.[10] Als Literaturprofessor an der Universität Rabat arbeitete er an Schulcurricula mit, kritisierte die Qualität der Bildungssysteme und setzte sich für einen demokratischen Pluralismus ein. Da seine übrigen (und sehr zahlreichen Werke) nie zu Lebzeiten übersetzt wurden, weil sie eben einem innerarabischen Diskurs der Selbstkritik und Selbstreflexion dienen sollten, bleibt zu hoffen, dass diese auch die von ihm gewünschte Wirkung erzielt haben oder das noch tun werden. Al-Jabri soll sich nach 2001 stärker mit dem Koran beschäftigt haben, um eine Auseinandersetzung mit den terroristischen Sympathisanten auf intellektueller Ebene zu führen, aber über diese Texte ist so gut wie nichts bekannt.[11]

Um die prinzipiellen Ideen Al-Jabris darzustellen, werde ich vor allem die deutsche Einführung zusammenfassen, aber immer wieder auf den englischen Text des ersten Bandes der Kritik eingehen. Zur Vereinfachung habe ich alle Stellen von dort ebenfalls auf Deutsch zitiert.

Im ersten Satz des englischen Textes von „The Formation of Arab Reason“, dem ersten Band der Kritik der arabischen Vernunft heißt es: „Dieses Buch beschäftigt sich mit einem Gegenstand, mit dem man sich schon vor 100 Jahren hätte auseinander setzen müssen. Die Kritik der Vernunft ist ein wesentlicher Bestandteil jedes Strebens nach einer Wiedergeburt (Renaissance). Jedoch haben sich in der modernen arabischen Renaissance (al-Nahdah) die Dinge anders entwickelt…“ (FOAR, p. VII).

Der Gegenstand ist die „arabische Vernunft“. Um das richtig zu verstehen, muss man die Betonung auf „arabisch“ setzen, und nicht auf Vernunft. Vernunft hat keine spezifische Identität, sondern ist eine Methode. Was aber ist die „arabische Methode“ der Vernunft? Aus welchen Quellen speist sie sich und durch welche Traditionen und Strukturen wird sie im Inneren zusammen gehalten?

Um diese Frage zu beantworten geht Al-Jabri tief in die Quellen der arabischen Tradition hinein. Er untersucht die unterschiedlichen Teilbereiche arabischer Literatur und Grammatik, zu denen er nahw (Syntax), fiqh (Rechtsprechung), kalam (Theologie), balaghah (Rhetorik), den Sufismus und die Lektüre der Philosophie zählt und die alle dazu beigetragen haben aus der arabischen Sprache eine überkomplexe Struktur zu machen, die das Eindringen moderner Logik stark behinderte. (FOAR, p. IX) Die Sakralisierung der Sprache im Dienst religiöser Autorität und ihre damit einhergehende Schwerfälligkeit sich für Neues zu öffnen[12] ist jedoch nicht das einzige Hindernis, das das arabische Denken belastet. Al-Jabri identifiziert ein historisches Defizit, nämlich dass das arabische Denken nicht über den Analogieschluss als logischem Leitmotiv hinaus gekommen sei. In der Philosophie des Mittelalters, islamisch wie christlich, spielte der Analogieschluss, der als philosophische Methode bereits in der griechischen Antike bekannt war, eine bedeutende Rolle, weil er als erster Schritt zur begrifflichen Abstraktion gilt, der die Gleichheit bestimmter Merkmale als Abstraktion eines übergeordneten Gegenstandes logisch formalisiert. Al-Jabri schreibt dass Analogieschlüsse Operationen sind, die „vom Bekannten auf ein Unbekanntes“ (EINF, 1) folgern. „In der arabisch-islamischen Kultur stellt sie die wissenschaftliche Methode par excellence dar, die Gelehrte aller Disziplinen zu etablieren und kodifizieren halfen…“ (ebd.)

Im Wesentlichen sind Analogieschlüsse sprachliche Operationen, die ein gemeinsames Merkmal zweier oder mehrerer Objekte abstrahieren. Um das besser in eine verständliche Sprache zu fassen können wir eine Tatsache aus der Biologie verwenden: Vögel und Fledermäuse fliegen. Der Analogieschluss ist, dass beide deshalb zu einer Gruppe der „Fliegenden“ gehören. Das Problem beginnt, wenn diese einfache Abstraktion nicht zu einer weiteren Differenzierung führt, weil die Analogie als ausreichend betrachtet wird ein logisches Argument zu bilden. Die Fähigkeit des Fliegens bezeichnet eine Analogie, die jedoch auf völlig unterschiedlichen Strukturen beruht. Für die Wissenschaft der Zoologie, die sich mit Fledermäusen oder Vögeln beschäftigt besteht kein Grund aus der simplen Tatsache, dass beide Tiere fliegen eine Verwandtschaftsbeziehung zu machen. Vögel haben eine ganz andere Technik des Fliegens und – noch wichtiger – eine ganz andere Art der Orientierung im dreidimensionalen Raum entwickelt als Fledermäuse. Vögel und Fledermäuse haben unterschiedliche Körper, nutzen unterschiedliche Nischen und Lebensräume und benutzen nicht zuletzt ganz unterschiedliche Sinnesorgane dazu ihren Flugeigenschaften überlebensnotwendige Effizienz zu verleihen. Was zoologische Forschung darum interessiert sind Homologien, also strukturelle Verwandtschaftsbeziehungen, wie etwa Körperbau, Reproduktion und Brutverhalten oder der Einsatz der Sinnesorgane und die Wahrnehmung des Raums. Das Fliegen, das in diesem Zusammenhang als Begriff eine Analogie darstellt und eine rein an äußerlichen Phänomenen orientierte Logik ist, taugt nur dazu Ähnlichkeiten aufzuzählen, aber keine begrifflich präzisen Differenzen auszuformulieren. Dies ist der Grund warum Analogieschlüsse in einer zeitgenössischen wissenschaftlichen Hermeneutik nicht als zulässige Methode betrachtet werden. Dieser schlichte Zusammenhang ist von großer Dramatik und Al-Jabri lässt keinen Zweifel daran, dass er vor allem in der überholten Logik der Analogieschlüsse, wie sie in den traditionellen Genres der arabischen Literatur, also nahw (Syntax), fiqh (Rechtsprechung), kalam (Theologie), balaghah (Rhetorik) sowie dem Sufismus und der schiitisch gefärbten Gnosis wirksam geworden ist, die Hauptursache für den Niedergang der arabischen Zivilisation sieht: „Dieser Mechanismus der Analogie ist so tief in der arabischen Vernunft verankert, dass er zur einzigen geistigen Anstrengung wurde, auf der die Produktion von Wissen beruht.“ (EINF, 2)

Die Kritik der arabischen Vernunft ist eine Studie, die vor allem versucht darauf Antwort zu geben, wo sich die Vernunft im arabischen Denken verlaufen hat oder wo sie falsch abgebogen ist. Seine Antwort, dass die Europäer „es verstanden, sich Averroes anzueignen und bis zum heutigen Tag das averroistische Moment zu leben“ (EINF, Schluss) ist bei weitem nicht so originell wie es manchen scheinen mag. Die Idee, dass die islamische Periode Spaniens den kulturellen Aufschwung Europas eingeleitet hätte ist mittlerweile ein Gemeinplatz, der – wie schon gesagt – zu wenig anderem dient als einem Ressentiment gegen das Christentum und der Glorifizierung einer idealisierten islamischen Vergangenheit. Al-Jabris Werk und Lehre ist darum eine der wenigen heute bekannten arabischen Stimmen, die sich von diesem Schema deutlich abgrenzen und eine andere Art der Auseinandersetzung darstellen. Für ihn geht es darum zu erklären, welche Ursachen es hatte, dass Averroes und sein Bruch mit der alten Philosophie die arabische Welt nicht in derselben Weise befruchtete wie die europäische. Das Besondere an seinem Ansatz ist, nicht auf äußere Faktoren zurück zu greifen sondern strikt immanente Ursachen zu beschreiben. Damit diese Kritik Wirkung zeigen konnte, war es für Al-Jabri wichtig nicht als Vertreter eines europäisch/westlichen Außen zu erscheinen, sondern als jemand der im innerarabischen Diskurs eine glaubwürdige Position einnahm. Anstatt eines bequemen Ruhms mit lukrativen Lehrstühlen an europäischen und amerikanischen Universitäten wählte er ein Leben in Bescheidenheit, das ganz der Sorge um die Zukunft der arabischen Bevölkerungen gewidmet war. Seine „internationale Anonymität“ diente vor allem dazu sich nicht mit Polemiken auseinander setzen zu müssen, die seine Philosophie zu einem Spielball politischer Interessen gemacht hätte. Seine erstaunliche Leistung gegen die allgegenwärtigen Verschwörungstheorien und Opfermythen der islamischen Kultur eine Philosophie der sprachlichen Sorgsamkeit in kritischem Geist zu entwickeln, sollte fast 10 Jahre nach seinem Tod wirklich stärker beachtet werden.

5.

Um Al-Jabri und seine Ideen besser zu verstehen müssen wir uns zuerst mit der Person und dem Wirken von Averroes beschäftigen. Der arabische Philosoph Ibn Rushd (latinisiert: Averroes) lebte von 1126 bis 1198 und wurde in Cordoba während der islamischen Periode Spaniens geboren. Er übte fast sein ganzes Leben den Beruf eines Kadi aus, also eines Richters der Scharia Rechtsprechung. Daneben praktizierte er auch als Arzt und schrieb ein bahnbrechendes Werk über die Grundsätze der Medizin auch bekannt als Colliget, aber als seine größte Leistung gelten seine ausführlichen Kommentare zum gesamten damals bekannten Werk des Aristoteles. In Al-Jabris Darstellung machte er sich zum Fürsprecher einer neuen Art von Vernunft, die den Analogieschluss überwand und den Weg zu einer echten Philosophie der Wissenschaft frei machte. Der Aufstieg des Averroes zum Berater und Arzt des Philosophie-affinen Kalifen Abu Yaqub Yusuf I. verschaffte ihm jedoch nicht nur Freunde. Averroes behauptete mit äußerst scharfsinnigen Argumenten eine Gleichwertigkeit und Übereinstimmung menschlicher Vernunft mit den Wahrheiten der koranischen Offenbarung und dass es zwischen den Wahrheiten der logischen Vernunft und denen der Religion keinen Widerspruch gäbe. Seine Obsession jedes Wort des Aristoteles für unfehlbar zu halten und die aristotelische Vernunft hoch dogmatisch zu interpretieren brachte ihn rasch in einen Widerspruch mit der islamischen Orthodoxie. Vor allem seine Auseinandersetzung mit dem islamischen Gelehrten al-Ghazali hat große Bekanntheit erlangt.[13] Die islamische Ulema wollte sich den Anspruch auf die alleinige Interpretationshoheit des Koran und der islamischen Texte auch über die Ideen der Philosophie nicht streitig machen lassen und so verlor Averroes die Gunst seines Herrschers, weil dieser zur Sicherung seiner Macht auf die Legitimation der religiösen Autoritäten angewiesen war. Er wurde für einige Jahre verbannt und seine Bücher vernichtet. Er starb als einsamer und verbitterter Mann in Marrakesch. Obwohl es nicht richtig ist zu sagen, dass Averroes von der arabischen Geschichte vergessen wurde, so ist doch auffällig, dass sein Werk keinen größeren Wiederhall in den Epochen danach fand. Er wird häufig als Referenz genannt oder aus bestimmten Gründen idealisiert, spielt jedoch im islamischen Kanon selbst keine Rolle und ist in dieser Tradition bloß ein Registereintrag, der kaum aufgerufen wird. Al-Jabri fasst Averroes als einen Denker auf, der – seiner Zeit weit voraus – eine säkulare Trennung zwischen Religion und Philosophie gefordert hat.

„Die Argumentation von Ibn Rushd beruht ganz darauf, dass Religion und Philosophie voneinander unabhängige Strukturen sind, deren Wahrheitsgehalt nur durch sie selbst, immanent, bestimmt werden müssen und nicht durch eine ihnen methodologisch fremde Betrachtung von außen. Und der geforderte Wahrheitsanspruch liegt in der Wahrheit der Methode, Schlussfolgerung durch Beweis und nicht bloß in einer Wahrheit von Prämissen. Sind doch Prämissen in religiösen Fragen, genauso wie in der Philosophie, positivistische Axiome die ohne Beweis als wahr angenommen werden müssen. Daraus folgend fragt Averroes: „Wenn die Kunst aus Beweisen Schlussfolgerungen abzuleiten ihren eigenen Prinzipien Einschränkungen und positivistische Axiome auferlegt, wie naheliegend ist es dass diese Grenzen auch in den Gesetzen existieren, die durch die Offenbarung und die Vernunft abgeleitet werden?“ Und darum sollten sich „die klugen Philosophen nicht in die Belange der Prinzipien des Rechts und des Gesetzes einmischen. Jede Kunst hat ihre eigenen Prinzipien und es ist die Pflicht jedes Menschen, der sich mit einer bestimmten Kunst beschäftigt deren Prinzipien zu akzeptieren und sie nicht zu leugnen oder unglaubwürdig zu machen. Die Kunst der Rechtspraxis sollte daher als solche anerkannt werden.“ (Averroes) Die Philosophen sollten nicht die Axiome und Grundlagen der Religion kritisieren, weil diese ohnehin fest stehen, allerdings sollte der Kleriker sich auch nicht in philosophische Themen einmischen, solange er deren Prinzipien und Grundlagen nicht beherrscht.“ (FOAR, p. 397)

Im darauf folgenden Jahrhundert wird Thomas von Aquin (1225-1274), ein interessierter aber nicht unkritischer Leser des Averroes, die Unterscheidung in ein Wissen, das aus der Logik und der Vernunft abgeleitet wird und ein Wissen, das durch die Präsenz Gottes erfahrbar ist in das Herz der christlichen Theologie pflanzen und so den Grundstein für eine säkulare Trennung von Philosophie und Religion im Christentum für immer verankern. Die arabischen Kommentare zu Aristoteles, die Averroes verfasste wurden bald ins Lateinische übersetzt und trafen auf eine begeisterte Leserschaft im europäischen Mittelalter, die sich mit den Ideen des andalusischen Philosophen intensiv auseinandersetzte. Der Unterschied zwischen der islamischen und christlichen Rezeption seines Werkes ist, dass Averroes zwar auch begeistert im europäischen Kontext aufgenommen wurde, aber gleichzeitig enorm viel Kritik und Widerspruch erfuhr. Debatten zwischen glühenden Anhängern und solchen, die seine Philosophie kritisierten und ablehnten verbreiteten seine Werke in ganz Europa, obwohl oder auch weil religiöse Kräfte zu seinen Gegnern zählten. So verurteilte der Bischof von Paris 1270 alle Lehren des Averroes, was jedoch keinen Einfluss auf die Rezeption seines Werkes hatte. (Evans 1993) Während Averroes den Fehler der islamischen Tradition wiederholte und Aristoteles für praktisch unfehlbar erklärte, wurde sein Werk in Europa kritisch hinterfragt und für eine Neuerung des Denkens fruchtbar gemacht, weil diese Kultur schon zuvor existiert hatte und nicht erst durch Averroes ausgelöst werden musste. Al-Jabri, der diese Tatsache zwar sicherlich wahrgenommen hat, sie aber seinen LeserInnen, die aus den Islamstudien kommen, aus guten Gründen verschweigt braucht das Genie Averroes, um ihn gegen die Kritikunfähigkeit der arabischen Vernunft der Analogieschlüsse setzen zu können. In seinem Text, der vom Ibn Rushd Fund For Freedom Of Thought als Dankesrede für deren Preis veröffentlicht und übersetzt wurde, setzt er sich mit Averroes Grundsätze der Medizin auseinander. Averroes, selbst praktizierender Arzt schreibt keine Anleitung zu einem Handwerk, wie dies in der Vergangenheit von antiken Autoren wie Galen gemacht wurde, sondern Averroes – so Al-Jabri – entwickelt eine wissenschaftliche Methodik medizinischer Praxis, die sich mit empirischen Kriterien an der kontrollierte Beobachtung der Phänomene abarbeitet. Dies bezeichnet Al-Jabri als „epistemologischen Bruch“.

Exkurs: Gaston Bachelard (1884–1962)

Der Begriff des „epistemologischen Bruchs“ geht auf den französischen Wissenschaftsphilosophen, Chemiker und Physiker Gaston Bachelard zurück, der selbst allerdings lieber den Begriff „epistemologisches Hindernis“ verwendet.[14] Der Wissenschaftstheoretiker Gaston Bachelard beschäftigte sich damit wie in den modernen Wissenschaften neue Erkenntnisse gewonnen werden und welche immanenten Hindernisse wissenschaftliche Forschung überwinden muss, um zu neuen und besseren Resultaten zu gelangen. Seine Antworten sind mehr als nur originell. Anders als der berühmtere Thomas Kuhn, der den Fortschritt in den Wissenschaften als „Paradigmenwechsel“ verstand, der sich unweigerlich von selbst ergeben würde, betrachtet Bachelard den Fortschritt als keineswegs sicher, sondern konstatiert, dass gerade in den Naturwissenschaften Jahrzehnte lange Blockaden einen solchen verhindert hätten, weil sich der Paradigmenwechsel partout nicht einstellen wollte. Eines der berühmtesten Beispiele Bachelards ist die schwierige Geschichte chemischer Modelle des Verhaltens von Gasen, weil das Problem erst dann zufriedenstellend gelöst werden konnte, als man begann die Theorie des sogenannten Phlogistons aufzugeben. Diese Theorie besagt, dass Stoffe brennen, weil sie eine hypothetische Substanz namens Phlogiston enthalten würden. Als sich in der Chemie diese Theorie nicht mehr aufrecht erhalten ließ und stattdessen die Eigenschaften von Gasen genauer untersucht wurden, konnte sie bestimmte unhinterfragte Voraussetzungen der eigenen Wissenschaft kritisieren und ihre Modelle an die komplexe Struktur von Gasen anpassen.[15] Eine seiner brillantesten Ideen dazu war die epistemologische Fragestellung, ob Fortschritt in den Wissenschaften möglich sei, wenn es Antworten gibt, zu denen keine Frage existiert. Es sind – so Bachelard – die unhinterfragten Voraussetzungen und minimalen Selbstverständlichkeiten, Antworten ohne Fragen, die die hartnäckigsten Hindernisse für eine Theorie sind sich weiter zu entwickeln. Al-Jabri erwähnt Bachelard einmal explizit in der Einführung: „Die Geschichte der Wissenschaft ist, wie Bachelard sagt, die Geschichte der Irrtümer der Wissenschaft.“ (EINF, Schluss) Bachelard ist für Al-Jabri mehr als nur eine Referenz. Seine ganze Theorie steht für jene philosophische Methode, mit der Al-Jabri das arabische Denken reformieren will. Bachelard betrachtet Irrtümer als wesentlichen Bestandteil des Fortschritts in Wissenschaften, weil sich erst durch die produktive Erkenntnis von Irrtümern die Problematiken ergeben, die ein Denken mit neuem Geist erfüllen. Der Moment in dem eine Wissenschaft sich der Tatsache stellt, dass es Antworten ohne Frage gibt, eröffnet für die Wissensgewinnung neue Problematiken, die sich als fruchtbare Quellen zur Neuordnung bestehender Erkenntnissysteme eignen können. Aber dies ist keineswegs sicher oder unausweichlich. Al-Jabri: „Die Fragen, die verschiedene Denker innerhalb einer gleichen Problematik stellen, können sich unterscheiden, solange die Antworten, die sie finden, identisch, ähnlich oder komplementär sind. Es können auch die Fragen gleich, die erbrachten Antworten jedoch verschieden sein. Mitunter werden auch Fragen gestellt, die unbeantwortet bleiben, oder es wird auf Fragen geantwortet, die nicht gestellt worden sind.“(EINF, 2)

Obwohl selbstverständlich anzunehmen ist, dass sich Al-Jabri auch mit Bachelard ausführlich beschäftigt hat, entlehnt er den Begriff des „epistemologischen Bruchs“, der eine neue Problematik in eine Wissenschaft einführt nicht von Bachelard, sondern von Louis Althusser. Dieser hatte einen „epistemologischen Bruch“ in seinem Beitrag zu „Das Kapital lesen“ (1965) im Werk von Marx diagnostiziert. Dieser Bruch würde im „Kapital“ den Idealismus der früheren Phasen von Marx und Engels überwinden und die Wissenschaft der Geschichte begründen. Obwohl Al-Jabri Althusser nirgendwo erwähnt, weil ihm eine solche Referenz vermutlich taktisch zu heikel gewesen ist,[16] bezieht er sich ganz deutlich auf Althusser’s Idee in seinem Aufsatz über Averroes Grundsätze der Medizin. „Diese Wissenschaft wird im Colliget (des Averroes, JM) in Grundsätzen, Prinzipien und Methoden als Fundamente des medizinischen Denkens, die man kennen und unbedingt berücksichtigen muss, zu Grunde gelegt. Deshalb kann man sagen: ein solches Buch ist in dieser Form noch nicht da gewesen. Erst im 19. Jahrhundert erschien ein dem Inhalt nach ähnliches Buch, als die Philosophie der Wissenschaft an Bedeutung gewann.[17] (Hervorhebung JM) Dies ist ein recht eindeutiger Hinweis auf das „Kapital“ von Marx, wie es Louis Althusser verstand: als Bruch mit der alten Wissenschaft der Nationalökonomie und der Entdeckung des „Kontinents der Geschichte“, der die ökonomischen Bedingungen der kapitalistischen Transformation in die historisch-kritische Perspektive von Klassenkämpfen, Produktivkräften und Produktionsverhältnissen einordnet. Für Al-Jabri liegt der Bruch, den er selbst einleiten will darin eine neue Methode des Denkens in den arabischen Gesellschaften einzuführen, die es vermeidet eine „mechanische Beziehung zwischen den Teilen zu begründen.“ (EINF, 2) Sein Bruch ist kein Wegwischen aller Geschichte und Tradition, kein Bruch mit der Tradition als solcher, sondern er fordert „vielmehr dazu (auf), ein traditionelles Verständnis der Tradition aufzugeben.“ (ebd.) Weiter heißt es: „Das Wissen bleibt. Was sich ändert, ist die Art und Weise, mit dem Wissen umzugehen, das geistige Instrumentarium, das verwendet wird, die Problematik, die von dieser Aktivität bestimmt wird und das Erkenntnisfeld, in dem sie sich organisiert. Insofern sich diese Veränderung als ziemlich tief greifend und radikal erweist, kann man von einem Punkt sprechen, an dem es kein Zurück mehr gibt, keine Rückkehr zum früheren Umgang mit dem Wissen mehr möglich ist. Hier sprechen wir von einem epistemologischen Bruch.“ (ebd.)

Allein die Tatsache selbst, dass er Althussers Begriff des „epistemologischen Bruchs“ übernimmt, um damit die Kritik der arabischen Vernunft einzuleiten ist höchst brisant, weil dies bisher in keinen Nachrufen oder bekannteren Arbeiten wahr genommen worden ist. In ihrem Vorwort zur Einführung meinen Hegasy und Grünenberg, dass Al-Jabris Epistemologiebegriff mit Foucaults Konzept der Épistémè identisch wäre, aber das ist ganz sicher falsch. Bachelards Idee der Epistemologie hat mit der von Foucault nichts zu tun, weil sie historisch eher positivistisch orientiert ist und wissenschaftliche Arbeit nicht als Narrativ denkt. Für Al-Jabri muss sich Geschichte und Subjektivität vor dem Hintergrund der Narrative abheben, damit eine neue arabische Vernunft anfangen kann ein eigenes Leben zu führen. Er lehnt die ahistorischen Natur der Foucault‘schen Philosophie strikt ab, etwa wenn er die Tendenz arabischer Tradition kritisiert historische Ereignisse von ihrem Kontext losgelöst zu betrachten. Foucaults Auffassung der Geschichte denkt seinen Gegenstand nicht in historischen Perioden, sondern als flächendeckendes Narrativ, das singuläre historische Ereignisse und deren Epochen als Diskurse formalisiert. Geschichte ist bei Foucault nicht fortschreitend, sondern bildet eine ausschließlich durch Sprache geschaffene vertikale Präsenz, die über die Epochen hinweg gleiche Motive immer wieder reproduziert (zum Beispiel das Geständnis). Al-Jabri kritisiert jedoch die arabische Auffassung der Geschichte genau dafür eine solche Ununterscheidbarkeit zwischen Gestern und Heute kulturell etabliert zu haben.

„Vergangenheit und Gegenwart sind in der Arena des arabischen Bewusstseins auswechselbar, in einem Ausmaß, dass die Vergangenheit energisch mit der Gegenwart darum kämpft selbst als ‚Gegenwart‘ zu erscheinen. (…) Es ist wahr, dass wir unterscheiden zwischen 1.) asr al-jahili (prä-Islamische Ära), 2.) asr al-islami (Islamische Ära) und 3.) asr al-nahdah (Renaissance oder Moderne Ära). Trotzdem ist diese Unterscheidung völlig künstlich, weil wir sie nicht durch unser eigenes Bewusstsein erleben oder als Phasen einer Evolution wahrnehmen, in dem die eine die andere ablöst und wir sehen auch keine kulturellen Epochen mit eigenen Charakteristika, die in irgendeiner Weise zusammenhängen oder auch nicht. Im Gegenteil betrachten wir diese drei Zeitalter als einsame Inseln, die voneinander völlig isoliert sind. (…) Was daraus folgt ist die gleichzeitige Präsenz aller dieser „kulturellen Inseln“ im zeitgenössischen arabischen Bewusstsein.“ (FOAR, p. 44)

Es gibt in Al-Jabris Werk keine sichtbaren Bezüge, Begriffe oder Formulierungen die andeuten würden, dass Foucaults Macht oder Diskursbegriff eine Rolle spielen könnten und noch weniger, dass er Geschichte, die er eben in ihrer Historizität als Diskurse kritisiert, für ein Narrativ hält. Das Festhalten an Narrativen ohne historische Verortung identifiziert Al-Jabri ja ganz genau als Schwäche des arabischen Denkens in allen seinen Spielarten. Es scheint den angeblich mit Foucault vertrauten IslamwissenschaftlerInnen auch nicht aufgefallen zu sein, dass Al-Jabri das arabische Bewusstsein als eines charakterisiert, das durch die von der Tradition entwickelte Art zu lesen ihren Lesenden eine Trennung in Subjekt und Objekt verunmöglicht und dazu führe, dass arabische Menschen nicht lernen einen kritischem Geist zu entwickeln. (EINF, Vorwort) Foucaults Idee der Épistémè und die Verwendung dieses Begriffs durch seine EpigonInnen fordert aber philosophisch die Trennung Subjekt/Objekt aufzugeben beziehungsweise auf einen Begriff des Subjekts ganz zu verzichten. Der Unsinn, dass Al-Jabri von Foucault beeinflusst worden wäre findet sich allerdings in den meisten Nachrufen und Rezension, die zumeist voneinander und von Grünenberg und Hegasy abgeschrieben haben. Al-Jabris klarer und intellektuell unbestechlicher Stil lässt keinen Zweifel daran – auch wenn er auf die meisten namentlichen Referenzen verzichtet – von wem sich seine Kritik der arabischen Vernunft ableitet. Sie ist zudem für alle mit der französischen Philosophie vertrauten LeserInnen ohne Probleme sichtbar. Foucault ist anscheinend die einzige Referenz, die IslamwissenschaftlerInnen kennen und offenbar hat sich unter die ÜbersetzerInnen niemand mit Kenntnissen in seiner Philosophie verirrt. Wenn man nach Gründen fragt, warum Al-Jabri in Europa so gut wie unbekannt ist, sollte man dort anfangen zu suchen.

6.

„Ich bin ein größerer Gegner der Zeitungen: ich will andere Zeitungen.“

(Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner)

Eine Kritik der zeitgenössischen Paradigmen macht Al-Jabri an den drei bestimmenden politischen Strömungen fest, die die arabischen Länder im letzten Jahrhundert dominiert haben: dem Fundamentalismus, dem Liberalismus und dem Marxismus. Alle drei, sagt er, sind fundamentalistisch in ihrer methodologischen Herangehensweise und spiegeln die simple Logik der Analogieschlüsse wider, die das arabische Denken seit dem Mittelalter nicht mehr los gelassen hat. Als Al-Jabri seine Kritik der arabischen Vernunft in den 1980ern begann, hatte der islamische Fundamentalismus, wie er von sunnitischen Salafisten und schiitischen Mahdisten gepredigt wird noch nicht jene Dominanz erreicht, die er heute inne hat. Der Panarabismus der säkularen Terrorregime von Saddam Hussein im Irak, Hafis Al-Assad in Syrien, Muhammad Gaddafi in Libyen und der Autoritarismus eines Hosni Mubarak in Ägypten prägten politisch die arabische Situation, während die marxistischen und linksradikalen Bewegungen wie sie ursprünglich in den palästinensischen Gruppierungen PLO und PFLP repräsentiert waren knapp vor ihrer Übernahme durch islamistische Kräfte standen. Im Laufe der 90er und der Zeit nach 2001 sind die meisten Linken zum Islamismus übergelaufen, wie Bassam Tibi einmal anmerkte.[18] Für den einsamen Gelehrten Al-Jabri, der in den marokkanischen Gewerkschaften für einen demokratischen Pluralismus der Bildung kämpfte waren Fundamentalismus, Liberalismus und Marxismus zwar einigermaßen gleich starke Kräfte, aber er war bereits damals überzeugt, dass alle drei als gescheiterte Versuche zu betrachten waren. Alle drei sind eine Antwort auf „die Herausforderungen des Westens in all ihren Formen“ (EINF, 1), aber alle drei verkennen und missverstehen ihre eigenen Voraussetzungen. Am islamischen Fundamentalismus kritisiert Al-Jabri: „Die Leitmotive dieser fundamentalistischen Strömung waren ‚Authentizität‘ (asala), eine Verbundenheit mit den Wurzeln und die Verteidigung der Identität, in einer Interpretation dieser Begriffe nach der jeder von ihnen der Islam selbst sei: ‚der wahre Islam‘, nicht der Islam, wie er aktuell von den Muslimen gelebt wird.“ (EINF, 1) Der islamische Fundamentalismus ist eine reine Projektion in die Vergangenheit, für die tatsächliche Zukunft sich nur als Silhouette im Spiegel dieser Vergangenheit ereignet. So „beschränkte sich jedes geistige Bemühen, die Probleme der Gegenwart und der Zukunft zu lösen, fast ausschließlich darauf, in der Vergangenheit nach etwas zu suchen, das sich analog auf die Gegenwart beziehen ließ.“ (EINF, 2) Dies fördert eine Tendenz Geschichte völlig willkürlich nach ideologischen Kriterien umzuschreiben. „Fortan unterliegt die Zukunft einer Lesart, die sich auf die Interpretation der Vergangenheit stützt, nicht die Vergangenheit wie sie wirklich war, sondern eine ‚Vergangenheit, wie sie hätte sein sollen‘.“ (EINF, 1)

Aber auch der Liberalismus, wie er sich als Panarabismus und nachholende Modernisierung in Form autoritärer Regime und eines brutalen unterdrückerischen Säkularismus gezeigt hat, ist nicht besser und genauso einem simplen ideologischen Modell verfallen. „Der liberale arabische Blick auf die arabisch-islamische Tradition geht von der von ihm gelebten Gegenwart aus, jener des Westens. Die liberale Lesart ist europäisierend, das heißt, sie übernimmt ein europäisches Referenzsystem. Dergestalt sieht sie in der Tradition nur, was die Europäer in ihr sehen.“ (ebd.) Es ist wichtig fest zu halten, dass Al-Jabri nicht die europäische Kultur, den Einfluss des Westens oder einen andere derartige Erklärung für die Misere der arabischen Kultur verantwortlich macht, sondern lediglich sagt, dass eine simple Kopie europäischer Konzepte für die arabische Kultur kontraproduktiv und sinnlos ist. Es geht nicht darum die Tradition abzuschaffen oder zu zerstören, sondern sie anders, vor allem historisch-kritisch zu interpretieren und „ein traditionelles Verständnis der Tradition aufzugeben.“ (EINF, 2) Auch der Liberalismus, so Al-Jabri, hängt einer simplifizierenden und ideologisch willkürlichen Auffassung der Tradition an, die einfach wegwischt, was sie nicht versteht und genau jene Verbindungen zur Vergangenheit kappt, die notwendig wären sie zu historisieren und kritisch zu hinterfragen.

Die dritte Strömung, den arabischen Marxismus, hält der pluralistische linke Demokrat Al-Jabri für ebenso simplifizierend und gescheitert wie die beiden anderen. Den arabischen Marxisten wirft er vor: „Eine solche Lesart der arabisch-islamischen Tradition seitens der arabischen Linken führt so zu einem marxistischen Fundamentalismus, oder anders gesagt, zu dem Versuch, den Gründungsvätern des Marxismus ihre fertige dialektische Methode zu entlehnen, als wäre das Ziel, die Gültigkeit der fertigen Methode zu beweisen, statt die Methode anzuwenden.“ (EINF, 1)

Al-Jabris Kritik am arabischen Marxismus ist paradoxerweise, dass dieser genau wie seine beiden verfeindeten Brüder Fundamentalismus und Liberalismus eine völlig ahistorische Auffassung der Geschichte propagiert, „weil es der dialektischen Methode nicht als einer anzuwendenden, sondern als einer bereits angewandten Methode folgt.“ (ebd.)

Allen drei Spielarten ist jedoch gemeinsam, was schon zuvor bemerkt worden ist: „Die drei hier besprochenen Lesarten sind fundamentalistisch. Sie unterscheiden sich auch aus epistemologischer Sicht nicht wesentlich voneinander, da sie alle auf einer gleichen Art des Schlussfolgerns basieren, das die alten arabischen Gelehrten den ‚Analogieschluss vom Bekannten auf ein Unbekanntes‘ (…) nannten.“ Weil Analogieschlüsse nur ein erster Schritt in der Bildung von verlässlichen Abstraktionen sind, lösen sich ihre grundsätzlichen logischen Voraussetzungen auf sobald die Begrifflichkeit sich um die wild wuchernden Details kümmern muss, die bei jeder komplexeren Auseinandersetzung auftreten. Das arabische Denken wurde dadurch instabil und verweigerte sich strikteren logischen Paradigmen, die sich durch eine Überwindung des Analogieschlusses ergeben hätten müssen. Um diesem Mangel historisch zu erklären greift Al-Jabri zu einem Argument, das ihm wohl die meiste Kritik unter seine arabischen ZeitgenossInnen eingebracht hat. Er unterscheidet zwischen „Maghreb“ und „Maschrek“ in der Entwicklung der arabischen Vernunft. Der „Maghreb“ umfasst einen islamischen „Westen“, der geographisch Nordafrika und die islamischen Territorien in Spanien beinhaltet, die vom sunnitischen Islam beherrscht, eine Philosophie der Vernunft entwickelt hätten. Dagegen sei der „Maschrek“, die islamischen Regionen des östlichen Afrika bis Persien umfassend, ein Ort der sufistisch und schiitisch inspirierten gnostischen Spiritualität gewesen, die sich gemeinsam mit den Lehren des schiitischen Islam einer anti-rationalen Philosophie verschrieben hätten. Das heißt auch, dass Al-Jabri die Renaissance einer zeitgemäßen arabischen Vernunft durch einen Rückgriff auf Entwicklungen des sunnitischen Islam im Maghreb während des 9. bis zum 11. Jahrhundert räumlich, historisch und ideologisch konzentriert. “Die Etablierung einer universellen Vernunft im arabischen Denken kam durch einen politischen und ideologischen Konflikt zwischen dem abbasidischen Kalifen Al-Mamun und den Gegnern seines Reichs zustande, den esoterisch geprägten Schiiten. Das alte Erbe wurde als Waffe in diesem Streit benutzt. Während die Schiiten sich auf die Gnosis verließen, und sich zu einer ‚zurückhaltenden Vernunft‘ bekannten, um die Gültigkeit der Überlieferung ihrer Imame zu bestätigen und daraus den Anspruch ableiteten religiös und politisch die legitime Führung aller Muslime zu sein, setzte Al-Mamun auf die griechische Idee einer universellen Vernunft. Dies wurde einerseits von der Mutazilah (von der griechischen Philosophie beeinflusste islamische Strömung, Anm. JM) verlangt und propagiert, andererseits entsprach sie der politischen Realität.“ (FOAR, p. 286) Trotzdem setzte sich die von der Gnosis propagierte anti-rationalistische Perspektive in der arabischen Kultur durch, weil die islamischen Herrscher sich nur mit Hilfe einer konservativen Geistlichkeit an der Macht halten konnten, die in der rationalistischen Philosophie eines Averroes einen Rivalen sahen, den sie unbedingt loswerden wollten. Daraus ergibt sich für Al-Jabri auch, dass der Begriff der Vernunft in der arabischen Kultur etwas anderes bedeutet, als in der europäischen: „Wenn das Konzept Geist/Vernunft in der griechischen Kultur und der modernen und zeitgenössischen europäischen verwendet wird, bezeichnet es ein ‚Bewusstsein der Ursachen‘, also eine Verbindung zum Wissen, während der Begriff ‚Vernunft‘ – al-aql – in der arabischen Sprache und damit auch im arabischen Denken vor allem in Beziehung zu Ethik und Verhalten steht.“ (FOAR, p. 25)

Für Al-Jabri hat dies folgende Auswirkung: „Das Subjekt wird auf diese Weise vom Objekt vereinnahmt und das Objekt tritt an die Stelle des Subjekts. Das Subjekt – oder das, was von ihm bleibt – flüchtet an einen entfernten, weit zurückliegenden Ort, auf der Suche nach Halt bei einem Gründungsvater, der ihm helfen kann, seine Selbstachtung wieder zu erlangen. Das moderne und zeitgenössische arabische Bewußtsein entspricht dieser Art des Denkens. Auch zeigt es größtenteils eine fundamentalistische Tendenz. Seine verschiedenen Strömungen und Tendenzen unterscheiden sich eigentlich nur durch die Art des ‚Gründungsvaters‘, bei dem sie Zuflucht suchen.“ (EINF, 1) Für den Bildungspolitiker, der an Schulcurricula mitarbeitete, ist diese fehlende Differenz zwischen Subjekt und Objekt in der Lektürehaltung des arabischen Bewusstseins die größte zu überwindende Hürde von allen. Ganze Generationen, die nie gelernt hätten, das was sie lesen (wenn sie es denn überhaupt tun) kritisch zu hinterfragen würden stattdessen von den sakralen arabischen Texten ideologisch indoktriniert. Die Kultur würde sich als Subjekt dem Bewusstsein der Menschen aufzwingen und ihnen die Fähigkeit nehmen ein rationales Verhältnis zu ihren eigenen Umständen zu entwickeln. Er schreibt: „Warum bestehen wir aber bei der von uns vorgeschlagenen Lesart der Tradition so stark auf der Trennung zwischen Subjekt und Objekt? Weil der zeitgenössische arabische Leser durch seine Tradition eingeschränkt und durch seine Gegenwart erdrückt ist, was zunächst bedeutet, dass ihn die Tradition absorbiert, ihn der Unabhängigkeit und Freiheit beraubt. Seit seinem Eintritt in die Welt wird ihm unablässig die Tradition eingeimpft, in Form eines bestimmten Vokabulars und bestimmter Auffassungen, einer Sprache und eines Denkens; in Form von Fabeln, Legenden und imaginären Vorstellungen, von einer bestimmten Art des Verhältnisses zu den Dingen und einer Art des Denkens; in Form von Wissen und Wahrheiten. Er empfängt all dies ohne jegliche kritische Auseinandersetzung und ohne den geringsten kritischen Geist. Vermittelt über diese eingeimpften Elemente erfasst er die Dinge, auf ihnen gründet er seine Meinungen und Betrachtungen. Die Ausübung des Denkens ist unter diesen Bedingungen wohl eher ein Erinnerungsspiel. Vertieft sich der arabische Leser in die traditionellen Texte, so ist seine Lektüre erinnernd, keineswegs aber erforschend und nachdenkend.“ (EINF, 2)

Al-Jabris Fundamentalkritik der arabischen Vernunft ist keine, die Geringschätzung oder gar Verachtung für seinen Gegenstand produzieren könnte. Ganz im Gegenteil verschafft sie dem zeitgenössischen arabischen Denken wieder Respekt, den es lange Zeit verloren hat. Wer sich auf Al-Jabris Philosophie und Denken einlässt, wird in der Kritik eine unerhört reiche Geschichte vorfinden, die auch jenen, die des Arabischen nicht mächtig sind, Perspektiven auf diese Kultur eröffnen, die ihm oder ihr zuvor unbekannt waren. Al-Jabri gibt keine Antworten darauf wie die Krise der islamisch/arabischen Gesellschaften gelöst werden könnten, er sagt lediglich, dass diese Gesellschaften ihre Art ändern müssten bloß Antworten auf Fragen zu suchen, die nicht gestellt worden sind.

7.

Es war in diesem Rahmen leider nicht möglich eine Vielzahl an Themen und Kritiken, die Mohammed Al-Jabri so wortreich formuliert in meinen Text auf zu nehmen und zu besprechen. Ganze Bereiche mussten unerwähnt bleiben, um das was ich für wesentlich an Al-Jabris Texten halte so genau und präzise wie möglich heraus zu arbeiten. Obwohl ich nicht des Arabischen mächtig bin und die Übersetzungen von Al-Jabris Werken ganz entgegen seiner Intention den IslamwissenschaftlerInnen überlassen wurde, weht aus seinen Texten ein frischer Wind und ein kritischer Geist, der sich weder durch die komplizierte Übersetzungsgeschichte noch durch kulturalistische Hindernisse an seiner Entfaltung hindern lässt. Die Kritik der arabischen Vernunft ist ein großes Buch, das auf die eine oder andere Weise seine Spuren in den intellektuellen Landschaften hinterlassen wird. Es ist heute noch nicht sichtbar wie groß oder auch klein sein Einfluss auf die Gesellschaften haben wird, die er mit seiner Kritik zu verändern versucht hat. Mohammed Abed Al-Jabri ist ein großer Denker und ein Philosoph, dessen Gefühl für Sprache ihn sensibel für die Verwerfungen seiner Zeit und seiner Kultur machte. Sein großes Vorbild Averroes starb einsam und verbittert, hilflos die Trümmer seines Lebenswerks betrachtend, während er selbst Schritt für Schritt von seinen Nachfahren zur Unkenntlichkeit verurteilt wurde, wie eine Silhouette im Spiegel deren Umrisse man kaum erkennt und deren Gesichtszüge völlig im Dunkeln bleiben. Die Tragödie des Averroes mit seiner Philosophie die wissenschaftliche Entwicklung Europas maßgeblich mit beeinflusst zu haben, aber in der islamischen Welt fast vergessen worden zu sein, darf sich im Falle Al-Jabris nicht wiederholen, auch wenn niemand außerhalb der arabisch/islamischen Gesellschaften dies bewirken oder verhindern kann. Was wir Al-Jabri aus tiefsten Herzen wünschen ist, dass sein Schicksal ein anderes sein möge. Wie Averroes entfachte er Debatten und Kontroversen, aber anders als im Fall des Averroes war sein Bruch ein bewusster philosophischer und politischer Akt der Kritik und Revision, der zu einem Zeitpunkt stattfindet an dem die arabische Kultur möglicherweise bereit ist genauer hinzuhören. Die arabische Kultur war nicht bereit für Averroes, aber für die sensible Auseinandersetzung Al-Jabris mit den Schwächen und historischen Altlasten der arabischen ‚turath‘[19] könnte sie es sein. Wir hoffen mit aller Kraft, dass sich sein geistiges Vermächtnis als jene Neuerung erweist, die der arabischen Kultur so lange gefehlt hat. Wir wollen diesen Text daher mit einem Plädoyer Al-Jabris für einen demokratischen Pluralismus beschließen, in dem er dazu aufruft die Vergangenheit, die seine arabische Kultur bis heute verfolgt, als Vergangenheit endlich stehen zu lassen.

„Hierbei hoffen wir, dass der kritische und engagierte Leser – bewusst oder unbewusst – die Kämpfe und Konflikte der Vergangenheit besser verstehen wird. Wir haben über all diese komplexen Themen ohne Voreingenommenheit gesprochen. Es war niemals unser Ziel oder unsere Absicht einer Seite über die andere zum Sieg zu verhelfen, denn die Vergangenheit gehört allen und aus unserer Sicht sollten diese Kämpfe endlich hintangestellt werden und nicht mit uns noch vor uns weiter existieren.“ (FOAR, p. X)

 

Verweise:

https://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed_Abed_Al_Jabri

https://www.amazon.de/Kritik-arabischen-Vernunft-Die-Einf%C3%BChrung/dp/3980900088

https://kritikderarabischenvernunft.wordpress.com/

https://books.google.at/books?id=xW9GDwAAQBAJ

http://www.ibn-rushd.org/typo3/cms/de/awards/2008-mohammed-abed-al-jabri/cv-prof-mohammed-abed-al-jabri/

http://www.ibn-rushd.org/typo3/cms/de/awards/2008-mohammed-abed-al-jabri/

http://www.ibn-rushd.org/typo3/cms/de/awards/2008-mohammed-abed-al-jabri/press-release-2/

Literatur:

Mohammed Abed Al-Jabri: The Formation Of Arab Reason (2011)

Mohammed Abed Al-Jabri: Kritik der arabischen Vernunft. Die Einführung (2009)

Gaston Bachelard: Epistemologie. Ausgewählte Texte (1974)

Remi Brague: Europa, eine exzentrische Identität (1993)

Brentjes/Edis/Richter-Bernburg (Edit.): 1001 Distortions (2016)

Dan Diner: Die versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt (2005)

G.R. Evans: Philosophy and theology in the middle ages (1993)

Eyadat/Corrao/Hashas (Edit.): Islam State and Modernity. Mohammed Abed al-Jabri and the Future of the Arab World (2018)

Dario Fernandez-Moreira: The Myth of the Andalusian Paradise (2016)

Bernard Lewis: The Muslim discovery of Europe (1981)

Rodney Stark: How the west won (2014)

Karl Wulff: Der Islam und die Naturwissenschaften (2014)

Fußnoten:

[1] Der ägyptische Philosoph Hassan Hanafi hat hier einen auf Deutsch verfügbaren Nachruf verfasst: http://www.polylog.net/fileadmin/docs/polylog/23_forum_hanafi.pdf

[2] Auf Englisch sind diese Titel von Mohammed Al-Jabri noch auf Amazon verfügbar:

Arab-Islamic Philosophy: A Contemporary Critique (1999)

https://www.amazon.com/Arab-Islamic-Philosophy-Contemporary-Critique-MONOGRAPHS/dp/0292704801/

Democracy, Human Rights and Law in Islamic Thought (2015)

https://www.amazon.com/Democracy-Human-Rights-Islamic-Thought/dp/1780766505/

[3] Siehe auch: http://www.begleitschreiben.net/kritik-der-arabischen-vernunft/

[4] Ebd.

[5] „What has largely been ignored is that that culture could not keep up with the West because so called Muslim culture was largely an illusion, resting on a complex mix of dhimmi cultures. As soon the dhimmis were repressed as heretical, that culture would be lost. Hence, when Muslims stamped out nearly all religious nonconformity in the fourteenth century, Muslim backwardness came to the fore.” (Stark 2014)

[6] Der berühmte syrische Dichter und Schriftsteller Adonis sieht das anders. In einem Fernsehinterview im August 2017, das auf MEMRI veröffentlicht wurde, sagt er:

Adonis: Es gibt keine einzige führende Universität in der islamischen Welt. Wie kommt es, dass sich unter 1.25 Milliarden Muslimen kein einziger Intellektueller findet von dem man sagen könnte er interpretierte den Islam auf eine innovative Weise? Es gibt keinen. Islam heute…

Interviewer: Was ist mit ihren Kollegen wie dem verstorbenen Sadeq [Jalal Al-Azm]…

Adonis: Diese Leute wurden geächtet. Das sind keine muslimischen Intellektuellen. Sie wurden geächtet. Nasr Hamid Abu Zayd ist ein weiteres Beispiel.

Interviewer: Und [Mohammed Abed] Al-Jabri und Mohammed Arkoun…

Adonis: Sie wurden alle geächtet.

(Meine Übersetzung des englischen Transkripts.) Aus: https://www.memri.org/tv/syrian-poet-adonis-no-democracy-in-arab-world-people-undergoing-extinction/

[7] “Al-Jabris thesis is ideologically well-oriented, being situated in a broader framework of thought, aiming at a confrontation with the greatest past of Islamic thinkers in order to find out a thorough Islamic way to modernity.“ Campanini, Mohammed Abed Al-Jabri and Ibn Khaldun. A Path to Modernity in: Eyadat/Corrao/Hashas 2018

[8] Ebd.

[9] Eyadat/Corrao/Hashas 2018

[10] Einen genauen Lebenslauf findet man hier: http://www.ibn-rushd.org/typo3/cms/de/awards/2008-mohammed-abed-al-jabri/cv-prof-mohammed-abed-al-jabri/

[11] „(…) a work that has not been studied yet (…)” Introduction in: Eyadat/Corrao/Hashas 2018

[12] Siehe auch: Dan Diner, Die versiegelte Zeit (2005) https://www.perlentaucher.de/buch/dan-diner/versiegelte-zeit.html

[13] Siehe auch: http://library.fes.de/pdf-files/akademie/online/50374.pdf (ab Seite 9)

[14] Siehe: Balibar, Der Begriff „epistemologischer Einschnitt“. Von Gaston Bachelard bis Louis Althusser in: Balibar, Für Althusser (1994)

[15] Siehe: Bachelard, Epistemologie. Ausgewählte Texte (1974)

[16] Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Althusser selbst genauso verfahren ist und wesentliche Impulse (vor allem Spinoza) tarnte oder nicht erwähnte, um sein Publikum, die marxistisch Gebildeten und kommunistischen Parteimitglieder, nicht vor den Kopf zu stoßen.

[17] http://www.ibn-rushd.org/typo3/cms/de/awards/2008-mohammed-abed-al-jabri/speech-of-the-prize-winner/

[18] DIE ZEIT 2004/49 bzw. siehe auch: http://www.bassamtibi.de/wp-content/uploads/2016/02/Autobiographische-Skizze-BT-02-2016.pdf

[19] Grünenberg und Hegasy: „(…) einen Begriff, den wir hier immer als ‚Tradition‘ wiedergeben wollen, auch wenn keines der Wörter, die in einer europäischen Sprache als eine Übersetzung des Begriffs turath dienen können, den gesamten Sinn des Begriffs wiedergeben könnte.“ (EINF, Vorwort)

Kategorien:Culture and War

Mission Impossible: Ein Text zur Frage ob Marx und Engels heute Anti-Imperialisten oder Anti-Deutsche wären.

Auf der „Mission Impossible“ des geschätzten Kollegen thinktankboy ist gerade dieser Text von mir erschienen:

https://thinktankboy.wordpress.com/2017/12/22/waeren-marx-und-engels-heute-anti-imperialisten-oder-anti-deutsche-ueberlegungen-zu-einer-unentschiedenen-frage/

Anmerkungen und Blogposts sind eher dort anzubringen. Viel Vergnügen!

 

Kategorien:Allgemein

100 Jahre Oktoberrevolution. Über das geisterhafte Nachleben des Stalinismus

 

„Warum und wie führte der sowjetische Sozialismus zu Stalin (…)?“

Louis Althusser, Die Krise des Marxismus (1978)

„Beispielsweise scheint mir – um der allerbrennendsten Frage nicht aus dem Weg zu gehen – ,dass man auf jede Art der Logik der „Aufhebung“ Verzicht leisten muss oder gar nicht erst das Wort ergreifen darf, wenn man sich fragt, wieso das so großzügige und stolze russische Volk auf einer so breiten Stufenleiter die Verbrechen der Stalinschen Unterdrückung hat ertragen können und wie sogar die bolschewistische Partei sie hat dulden können – ohne bereits von der letzten Frage zu sprechen, nämlich wie es möglich gewesen ist, dass ein kommunistischer Führer sie hat befehlen können.“

Louis Althusser, Widerspruch und Überdeterminierung in: Für Marx (1965)

 

1.

Mit der formalen Auflösung der Sowjetunion, einem Prozess der sich in mehreren Schritten im Lauf des Jahres 1991 vollzog, endete die historische Episode des „realen Sozialismus“, also jener Staaten die in das politische Systems des Warschauer Pakts eingebunden waren. In den fast drei Jahrzehnten, die seither vergangen sind haben sich viele Menschen in unterschiedlichsten Kontexten damit beschäftigt warum die sozialistischen Gesellschaften scheiterten und was die Ursachen dieses Scheiterns gewesen sind. Ein wesentlicher Teil dieser Erklärungsversuche besteht darin den Begriff des Kommunismus und zumindest einen Teil des marxistischen Repertoires vor seiner Kontaminierung durch die historischen Verwerfungen zu retten und eine imaginäre Grenze zwischen dem Autor des „Kapital“ und den Entwicklungen in der Sowjetunion zu ziehen. Der folgende Beitrag wird eine solche Unterscheidung nicht treffen. Die zahlreichen Versuche Marx und Engels (und dann anschließend Lenin und Trotzki) zu entlasten sind inhaltlich zwar nicht immer falsch, aber politisch repräsentieren sie eben nichts anderes als den Versuch die unangenehme stalinistische Vergangenheit der Sowjetunion zu verdrängen oder manchmal auch zu rechtfertigen, indem man sie als Abweichung von einem ursprünglich intakten Kern betrachtet. Die Deutung einer „reinen“ Theorie im marxistischen Oeuvre, die von unverantwortlichen Hasardeuren missbraucht worden sein soll ist selbst bereits Ausdruck einer stalinistischen Geschichtsfälschung, die zeitgenössischen ParteisoldatInnen die Mühe abgenommen hat ihre Begrifflichkeiten und Selbstverständnisse zu hinterfragen. Aber es sind nicht nur die KommunistInnen, die hier etwas zu bearbeiten hätten, auch jene Linken, die sich wegen ihrer Ablehnung der Sowjetunion für immun gegen stalinistisches Denken halten sind dem Geist des Stalinismus hilflos ausgeliefert, weil ihnen paradoxerweise am allerwenigsten bewusst ist wie sehr das Erbe Stalins auf ihnen lastet. Und damit sind nicht nur die trotzkistischen Varianten des linken Zeitgeists gemeint. In der Jungle World etwa wurde letztens das neueste Pamphlet des „Unsichtbaren Komitees“ besprochen, das wie schon sein Vorgänger davon träumt Gesellschaft durch Bandenbildung zu zerstören. Die Phantasie linker Utopien ist dabei stets die Gleiche: bevor irgendeine sinnvolle Tätigkeit entfaltet werden kann, kommt die Ausrottung und Vernichtung des Bestehenden an erster Stelle, weil die Utopie selbst völlig unfähig ist über das eigene imaginäre Selbstbild hinaus zu denken. Die Autorin des Artikels, Sophie DeBris schreibt:

„Die Frage des Kommunismus, heißt es, ist trotz ihrer gründlichen Verdrängung »das Herz der Epoche«. Sie zu umgehen, heißt nichts anderes, als sich an das Morden, an die Zerstörung des Planeten, an die alltägliche Entsagung zu gewöhnen – um den Preis, jede Fähigkeit zur Wahrnehmung dessen, was ist, in uns abzutöten. Kommunismus (und damit ist gemeint: die kommunistische Bewegung) bedeutet hier zuallererst die Kultivierung der Empfindung, der Fähigkeit zu unterscheiden, zu sehen. Kommunismus heißt: wahrnehmen, was ist. Das Versprechen des Kommunismus ist, dass jedes einzelne Fragment dieser zerbrochenen Welt errettet wird und seinen eigenen Namen erhält.“[1]

Der Hinweis in Klammer, „(die kommunistische Bewegung)“ verweist auf Marx selbst, aber verfälscht ihn dennoch, denn obwohl Worte wie „wahr“ und „wirklich“ die Marx’sche Beschreibung des Kommunismus in der Deutschen Ideologie ausschmücken, war ihm wohl selbst sehr deutlich bewusst, dass Kommunismus nicht „wahrnehmen, was ist“ bedeutet, sondern projizieren was sein soll. Die (absichtliche) Verwechslung der Wirklichkeit mit der eigenen Projektion ist ein fundamentales Prinzip stalinistischer Verfolgungspraxis gewesen. (Siehe auch meine Würdigung des Werks von Robert Conquest.) Dass Sophie DeBris den Vorwurf des Stalinismus wütend zurückweisen wird ändert nichts daran, dass genau diese simple Verwechslung Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Der Kommunismus der „wahrnimmt was ist“, ist jener historische Kommunismus der real-sozialistischen Misere gewesen, und lehnt man diesen ab (was DeBris sicher tut) hat er auch noch nicht existiert. Und wenn der Kommunismus noch nicht stattgefunden hat, kann er auch noch nicht sein und darum kann man ihn auch nicht als Realität wahrnehmen. Ich denke dass diese kleine logische Fehlleistung im Zentrum des geisterhaften Nachlebens des Stalinismus in den linken Theorien und Organisationen steht. Der Kern des stalinistischen Geistes ist die Verwendung des Wortes „Kommunismus“ als romantische Projektion einer Zukunft, die nie eintreten kann, weil die Notwendigkeit Millionen Menschen für seine Verwirklichung zu ermorden einfach in guter Absicht ignoriert wird. Niemand wollte das jemals und jede/r weist empört jede Verantwortung oder Zustimmung weit von sich, trotzdem ist es in unvorstellbaren Dimensionen geschehen. Oder anders gesagt: die Gewöhnung an das „Morden, an die Zerstörung des Planeten, an die alltägliche Entsagung“ hat bereits stattgefunden, wenn die Zerstörung dessen was tatsächlich ist als notwendige Voraussetzung begriffen wird. Althussers simple von allen kommunistischen ZeitgenossInnen ignorierte  Frage wie „ein kommunistischer Führer (diese Verbrechen) hat befehlen können“, lässt sich einfach beantworten: Das Versprechen des Kommunismus ist Massenmord.

Der stalinistische Geist äußert sich als idealistische Phantasie über eine glorreiche Zukunft und die Errettung der Welt, während seine Apostel ihre Augen wegen des Lärms schließen, den die auf Befehl feuernden Erschießungskommandos produzieren. Denn was genau soll die Formulierung heißen der Kommunismus sei das Versprechen, „dass jedes einzelne Fragment dieser zerbrochenen Welt errettet wird“, wenn nicht die Ausblendung der politischen Gewalt und ihrer Zerstörungswut? Das stalinistische Moment der heutigen Linken ist der reflexionslose Selbstbetrug über das Vernichtungspotential der eigenen Phantasien, ein Potential das sie historisch für irrelevant erklären und in ihrer eigenen Gegenwart ignorieren. Die Projektion dieser verlogenen Attitüde hat dazu geführt, dass der linke Zeitgeist sich für die Aufarbeitung der stalinistischen Lager und Foltergefängnisse nicht zuständig fühlt und stattdessen (in einer weiteren Rezension in der Jungle World) am Pamphlet des Unsichtbaren Komitees bedauert: „Kommunismus ist mit diesem Buch nicht zu machen.“[2] Das Einsehen, dass die Projektionen ins Leere laufen ist in Christoph Wimmers Artikel gegeben, aber nicht warum das so ist. Man bedauert, dass der Versuch den mörderischen Impuls zu verdrängen nicht wirklich gelingen will, rechnet sich aber Chancen aus beim nächsten Mal besser weg sehen zu können. Die typische Reaktion auf die Kritik am Stalinismus war darum seit jeher die Abwehr der Kritik mit dem Hinweis, dass es ja noch keinen „echten“ Kommunismus gegeben hätte. Was dieser Satz vor allem sagen will ist, dass die Zerstörung und Vernichtung dessen was abgeschafft werden soll nicht vollständig gewesen ist. Der Kommunismus ist als Projektion darum so wirkungsmächtig, weil er die Energie der Erleuchteten darauf konzentriert Gesellschaft zu vernichten und zu zerstören und die Mühen der Ebene als uninteressant verwirft. Revolutionäre denken nur bis zum Punkt null. Darüber hinaus sind sie unfähig und planlos und etwas aufzubauen und zu bewahren gilt ihnen als unanständig und reaktionär. Der revolutionäre Esprit, der für Millionen Jugendliche der letzten drei Generationen unerhört attraktiv gewesen ist, denkt sich eben nur bis zur Revolution und hat für die frustrierenden bürokratischen Details danach keinerlei Begriffe und Konzepte. Die Verachtung für den mühsamen und unzufrieden stellenden Prozess allgemeiner Willensbildung, der durch die Notwendigkeit von Kompromissen unweigerlich die „schöne Seele“ (Hegel) korrumpiert ist fast allen Linken gemeinsam, auch jenen, die nicht Mitglieder der Kommunistischen Partei sind. Che Guevara und Leo Trotzki sind nicht zufällig Helden dieser Generationen, sind beide doch stets vor der Verantwortung geflohen Gesellschaften aufzubauen anstatt sie zu zerstören. Der eine, indem er seine Guerillaromantik an einem anderen Ort auslebte, der andere indem er von einer „permanenten Revolution“ phantasierte, die Gesellschaft in einen durchgehend terroristischen Ausnahmezustand versetzt. Die Unfähigkeit zu begreifen, dass es gerade die guten Absichten und hohen Ideale gewesen sind, die Menschen dazu befähigten andere Millionenfach zu ermorden ist kein kommunistisches Alleinerkennungsmerkmal, sondern in allen linken Milieus anzutreffen, in denen junge Männer und Frauen erklären, dass es noch keinen richtigen Kommunismus gegeben hätte. In Anbetracht der historischen Fakten ist es mehr als ein Segen, dass dieser „wirkliche Kommunismus“ niemals Chancen haben wird Realität zu werden, aber selbst der Versuch wird genug Schaden anrichten, um sich auch davor noch zu fürchten.

 

2.

Die Rhetorik der apologetischen Diskurkultur ist immer dieselbe: der Marxismus kann nichts dafür, seine Ideen wurden missbraucht, es gab noch keinen wirklichen Kommunismus. Das Scheitern des Marxismus ist genau diese Apologie, den eigenen Anteil an der Katastrophe des realen Sozialismus nicht reflektieren zu können und auf die dummen Ausreden zurück greifen zu müssen, dass er für seine eigene politischen Konsequenzen nicht haftbar gemacht werden könne. Es war Louis Althusser, der darauf bestand den Marxismus danach zu beurteilen, ob er in der Lage sei seine eigenen Kategorien auf sich selbst anzuwenden.[3] Möchte man also darauf verzichten das Scheitern des Marxismus durch rein äußerliche Umstände erklären zu wollen, sondern stattdessen die innere Struktur seines Denkens als Maßstab nehmen, muss man sagen: der Marxismus hat nur insofern mit dem Stalinismus nichts zu tun, als er ganz von allein völlig unfähig war das Abgleiten in die Diktatur vorher zu sehen oder gar zu verhindern. Das heißt auch, dass der Marxismus an sich nicht in der Lage ist, die Gesellschaft zu verbessern oder auch nur seine eigene politische Entwicklung korrekt zu interpretieren, obwohl er gerade das mit so viel Nachdruck behauptet hat. Der Marxismus konnte weder die Verbrechen Stalins, noch seine Apologien und endlosen Relativierungen verhindern noch sich selbst in seinen eigenen Fehlentwicklungen reflektieren, weil er eben keine Instrumente besitzt die Behauptung idealistischer Fortschrittsideologie zu kritisieren von den edelsten Motiven beseelt zu sein. Die KommunistInnen wären vermutlich die erste politische Bewegung gewesen, die so viel Selbstreflexion und intellektuelle Redlichkeit besessen hätte, und darum verwundert es auch nicht, dass sie es nie getan haben. Warum hätten sie besser sein sollen als alle anderen?

Man sollte darum einen Blick auf die Phase nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus in den 90er Jahren werfen. Die verzweifelten Versuche der GenossInnen in den Kommunistischen Parteien aus den historischen Prozessen, die mit Gorbatschows Glasnost begannen und mit dem Kollaps der kommunistischen Unterdrückungsapparate in Osteuropa endeten, schlau zu werden, benötigten fast ein Jahrzehnt um den gewaltigen Schock zu verarbeiten. Man kann sagen: sie haben es bis heute nicht begriffen. KommunistInnen auf der ganzen Welt sind nach wie vor davon überzeugt, dass ihre religiös aufgeladene Ideologie im Ganzen gut, aber durch unverantwortliche Kräfte missbraucht worden ist, eine Rhetorik die man auch bei den Verharmlosern islamistischen Terrors finden kann. Der Versuch einer halbwegs ehrlichen Kritik am Stalinismus, wie sie etwa in einer Publikation des langjährigen KPÖ-Vorsitzenden Franz Muhri kurz vor seinem Ableben geäußert wurde, hätte vor 1990 zu seiner Absetzung als Vorsitzender und zu seinem Ausschluss aus der Partei geführt, war aber bei seinem Erscheinen 2001 selbst nichts weiter als die opportunistische Makulatur einer Sache, die längst verloren war und durch Schönreden zumindest als Nostalgie gerettet werden musste. Muhri schreibt: „Aber die Stalinschen Repressionen gegen Unschuldige stehen in diametralem, prinzipiellem, unvereinbarem Widerspruch zum humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele.“[4] Für die KommunistInnen war der Stalinismus immer die Abweichung von einer ansonsten glorreichen Idee, deren Scheitern in äußeren Ursachen lag und nicht in seinen prinzipiellen ideologischen Fundamenten.  Nachdem er die Schrecken der Zeit des Großen Terrors der 30er Jahre rekapituliert, schreibt Muhris Nachfolger als Vorsitzender der KPÖ, Walter Baier, in vollem Ernst: „Zu konstatieren ist, dass die opferreichste KommunistInnenverfolgung des 20. Jahrhunderts tragischerweise im Zeichen des ‚Aufbau des Sozialismus in einem Land‘ entfesselt wurde. Stalinismus bedeutet allein aus diesem Grund systematisch praktizierten Anti-Kommunismus.“[5]

Man kann Baier und Muhri keinen Vorwurf machen. Beide gehen so weit sie gehen können, ohne die letzten Reste der eigenen Identität aufzugeben, und das ist bei beiden schon weitaus mehr, als die meisten bereit waren überhaupt zuzugeben. Aber es zeigt sehr genau, warum der Marxismus als reflexives Instrument nichts taugt, weil ein taugliches Instrument zuallererst hinterfragen würde, warum es überhaupt einen Widerspruch zum humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele geben kann, wenn der Anspruch dieser Ideen und Ziele gewesen ist, genau diese Art von Diktatur und Verbrechen nicht zuzulassen. Was hier nicht stimmt, ist darum keineswegs die Behauptung, dass die stalinistischen Massenmorde anti-kommunistisch gewesen wären – eine Interpretation, die zu Zeiten von Muhris Parteivorsitz mit dem Ausschluss aus der Partei beantwortet worden wäre –  sondern dass die Idee eines humanistischen Charakters der kommunistischen Ziele und Ideen ganz offenbar falsch ist. Oder noch komplizierter und verwirrender: das Gerede vom „humanistischen Charakter der kommunistischen Ziele und Ideen“ bedeutet nicht das, was die Sprechakte damit sagen wollen, sondern repräsentiert eine ideologische Leerstelle, die mit Floskeln und Füllwörtern zugemauert wird. Was die KommunistInnen (und mit ihnen die meisten Linken) nicht zugeben können ist die prinzipielle Feststellung, dass sich ihr Selbstbild nicht mit der Realität deckt. Die nachträgliche Empörung Muhris über die Untaten Stalins ist also vor allem eine Lebenslüge, denn Muhris Vorsitz der Kommunistischen Partei Österreichs ist eng mit der Phase nach dem Prager Frühling verbunden, in der sich die Moskau treue Fraktion durch setzte. Es war wiederum Louis Althusser, der mit seinem feinen Gespür für die Erschütterungen der Macht den „theoretischen Antihumanismus“ von Marx entdeckte, indem er einen unreifen Humanismus der frühen Schriften vor 1848 gegen die entwickelte Hermeneutik des „Kapital“ stellte. Dieser Kunstgriff, der einen „epistemologischen Bruch“ deklarierte, der den frühen Marx vom reifen Marx trennen sollte, kritisierte den Humanismus – ausgerechnet in einer stalinistischen Terminologie – als ideologisches Brett vor dem Kopf jener Linken, die sich darin vom Stalinismus abgrenzen wollten.[6] Es verwundert daher kein bisschen, dass Althusser den Kampf um die Position des Chefideologen in der Kommunistischen Partei Frankreichs gegen den überzeugten Humanisten Roger Garaudy verlor, der später als Islamkonvertit von sich reden machen sollte und 1998 wegen Holocaustleugnung in Frankreich strafrechtlich verurteilt wurde. Die Kritik Althussers am Humanismus war dennoch der einzige marxistische Feldversuch innerhalb einer Kommunistischen Partei den Sinnzusammenhang zwischen den „humanistischen Ideen und Zielen“ des Marxismus und den Verbrechen des sowjetischen Terrorstaates herzustellen. Dass er gescheitert ist und Althusser sich durch den Mord an seiner Frau Helene 1980, den das Gericht für ein Produkt geistiger Umnachtung hielt, für ganze Generationen nachhaltig beschädigt hat, entspricht in gewisser Weise der zynischen Logik, die sich in den Verbrechen der sowjetischen Terrorwellen ausdrückte. Althusser ermordetet mit Helene den einzigen Menschen, der trotz seiner unfassbaren Gemeinheiten ihr gegenüber[7] zu ihm stand und ihn auch in schwierigen Zeiten nach Kräften unterstützte. Den vielen treuen KommunistInnen, die ihre Energie und ihren Idealismus dem sozialistischen Projekt der Sowjetunion oder irgendeinem anderen kommunistischen Regime opferten, das sie entweder folterte, deportierte oder ermordete oder zum Spitzel, Folterknecht oder Henker machte, ging es nicht viel anders. Die naive Treue mit der kommunistische ParteigängerInnen, SympathisantInnen und WiderstandskämpferInnen ihrer eigenen systematischen Unterwerfung unter eine zynische und unbarmherzige Korrumpierung noch der privatesten individuellen Beziehungen zustimmten war unverbrüchlich und hält bis heute an. Adornos Begriff des Nicht-Identischen verweist darauf, dass die totalitäre Diktatur nicht bloß an Macht und ihrer Ausübung interessiert ist, sondern sich darauf versteift, dass die Subjekte inklusive jener, die nicht gerade im Lager einsitzen ihrer eigenen Degradierung auch noch zustimmen müssen.[8] Der reale Sozialismus sowjetischer Prägung war der eigentliche Ort an dem sich Foucaults Idee der Disziplinargesellschaft als gesellschaftliche Utopie realisierte, auch wenn Foucault selbst das bis zur Unkenntlichkeit relativiert hat.[9] Das Auseinanderweisen von Begriff und Objekt, von Sprache und objektiver Wirklichkeit, von privatem und öffentlichem Raum, kurz das Nicht-Identische ist das eigentliche Ziel totalitärer Herrschaft, sie will die Trennung der Nicht-Identität aufheben, auslöschen, vernichten. Nur so kann Personenkult mit der absurdesten Propaganda verschmolzen werden, die die Vernichtung des Feinds, des Parasiten, des Spions als Handlungsanleitung in eine ganze Kultur injizierte, deren widerlichstes Lügenpresse und Verlautbarungsorgan selbstverständlich „Wahrheit“ hieß.  Niemand außer den Nazis war perfider, zynischer und grausamer als dieser kommunistische Terror der stalinistischen Herrschaft. Es heißt oft, dass viele Linke in ihrer Jugend eine „stalinistische“ Phase gehabt hätten. Die Frage stellt sich, warum diese „Phase“ bei so vielen niemals zu Ende ging.

 

3.

Man kann drei große Lebenslügen der kommunistischen Milieus feststellen:

i.) Die historische Fälschung den Putsch der Bolschewiki 1917 als einzig stattgefundener Revolution zu monopolisieren, obwohl die Bolschewiki mit ihrer Politik die Ansätze einer demokratischen Veränderung in Russland völlig zerstört haben.

ii.) Die Rechtfertigung des revolutionären Terrors als „notwendig“ und als von äußeren Ursachen getriggertes Phänomen zu betrachten und daran anschließend sich als unfähig zu erweisen die eigene Gewalt, die vom „humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele“ ausgeht zu reflektieren.

iii.) Die Verdrängung der schändlichen Rolle Stalins als Hitlers Kollaborateur.

Das Narrativ der Russischen Revolution führt ein seltsames Eigenleben. Sie repräsentiert auch für nicht kommunistische Linke eine Projektionsfläche mit der sich die eigene Unsicherheit und Irrelevanz mythologisch kompensieren lässt. Historisch ist sie durch konkurrierende Versionen trotzkistischer und stalinistischer Vereinnahmungen geprägt gewesen, die sich beide auf Lenin beriefen und in erster Linie akademisch aufgeblähte Wettbewerbe um das beste Lenin/Trotzki/Stalin Zitat waren. Sowjetische Lehrbücher über die Geschichte der Revolution und die Doktrinen des Dialektischen und Historischen Materialismus wie sie z.B. während der Breschnew Ära im Umlauf waren, erwecken beim Lesen heute den Eindruck, dass nur Tote so etwas schreiben können. Der Ungeist einer von sich selbst unendlich gelangweilten Propagandalüge, die aus reiner Sturheit und mit absoluter Menschenverachtung die bedauernswerten LeserInnen darauf vorbereitete die Unerträglichkeit des Widerspruchs zwischen Propaganda und Wirklichkeit als Schicksal zu akzeptieren, findet sich genauso in den unzähligen mühsamen trotzkistischen Entgegnungen, die ihre historischen und ideologischen Untersuchungen wann und warum die Sowjetunion vom richtigen Weg Lenins und Trotzkis abgekommen ist mit derselben pedantischen Lebensfeindlichkeit bestritten. Ob man heute die Menschewiki als mögliche Alternative betrachtet, ausländische Militärintervention, den Bürgerkrieg gegen die „Weißen“ oder die Fehler der Kerenski Regierung für die wesentliche Ursache hält, dass die Bolschewiki die Macht übernahmen: fest steht, dass 1917 in Russland eine Revolution stattfand, die einiges Potential hatte das rückständige zaristische Regime demokratisch zu verändern. Dieses Potential wurde mit der Alleinherrschaft der Bolschewiki unwiederbringlich zerstört. Lenin, der aus der gescheiterten Revolution 1905 seine eigenen Schlüsse gezogen hatte, drängte seine Bolschewiki bereits im Schweizer Exil darauf sofort mit dem bewaffneten Aufstand zu beginnen und sich nicht lange mit demokratischen Experimenten aufzuhalten. Dass sich seine eigenen ParteigenossInnen vor Ort lange dagegen sträubten erzählt uns einiges über das „revolutionäre Genie“ Lenins, der mögliche demokratische Reformen oder gar eine zivile Gesellschaft für gefährliche Ablenkungen hielt. Sobald die Bolschewiki die Macht übernahmen war es mit der Revolution jedenfalls vorbei. Die kurze Periode gesellschaftlichen Umbruchs, die mit den Namen von großen Künstlern wie Malewitsch, Vesjohly, Eisenstein oder Dsiga Vertow verbunden ist hinterließ in der sowjetischen Gesellschaft keine bleibenden Spuren. Der Mythos, dass Lenin und Trotzki – hätten sie denn länger gelebt oder den Aufstieg Stalins verhindern können – ein anderes System etabliert als jenes das Stalin und seine Schergen schließlich errichteten ist gegenstandslos. Das (trotzkistische) Narrativ, das der leninistischen Richtung die erfolgreiche Revolution zuschreibt, aber Stalin die Pervertierung anlastet ist natürlich nur eine weitere Lüge. Lenin und Trotzki bauten den Polizei und Terrorstaat erst auf, den Stalin angeblich pervertieren konnte.[10] Lenin war genau wie Trotzki ein gewissenloser Massenmörder, der für die Erreichung seiner Ziele buchstäblich über Berge von Leichen ging. Der Unterschied zu Stalin war lediglich, dass ihm der Bürgerkrieg und die unsichere Situation des Sowjetstaates zwischen 1917 und 1924 zahlreiche Einschränkungen auferlegte. Als Stalin sich etwa um 1929 endgültig als unumstrittener Führer durchgesetzt hatte, gab es diese Einschränkungen nicht mehr. Der Stalinismus war wie gesagt kein Betriebsunfall oder eine Pervertierung einer an sich guten Idee, sondern die Fortsetzung einer totalitären Ideologie, die mit Marx und Engels und ihrer Idee der „Diktatur des Proletariats“ begann und von einer offensiven Geringschätzung bürgerlicher Rechtsvorstellungen geprägt war. Statt eines Rechtsstaats denken sich KommunistInnen und ihnen verwandte linksradikale ZeitgenossInnen stets ein permanentes Standgericht, das für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen soll, in dem es als permanentes Erschießungskommando tagt und den Terror zum einzigen Mittel der politischen Regulation erklärt. Es ist kein Wunder, dass die Pamphlete des „Unsichtbaren Kommitees“ den bolschewistischen Vorstellungen über die Neuordnung der Gesellschaft so ähnlich sind. Stalinismus ist Leninismus ist Trotzkismus. Lenin und Trotzki hatten nur zu wenig Zeit dies umzusetzen. Und Stalin war einfach noch brutaler, menschenverachtender und grausamer als die beiden anderen.

Das größte Problem der postkommunistischen Ära war daher stets, dass die KommunistInnen im Besonderen, aber vor allem das ganze Spektrum der Linken, die sich in irgendeiner Weise dem Marxismus verbunden fühlten, auch wenn dies negativ abgrenzend gewesen sein mag, niemals mit dem Stalinismus als besonderer Herrschaftsform auseinander gesetzt haben, die eben weit mehr als eine konventionelle Diktatur gewesen ist. Ganz besonders zählen die Beiträge der trotzkistischen Intellektuellen dazu, die sich immer etwas Besonderes darauf einbildeten gegen Stalin gewesen zu sein, allerdings um den Preis die Gräueltaten ihrer Idole Lenin und Trotzki zwischen 1917 und 1926 bedenkenlos zu rechtfertigen. Man darf dabei nicht vergessen, dass der stalinistische Terror spätestens seit 1929 einer breiten Öffentlichkeit weltweit bekannt war und es viele, verschiedene Stimmen gab, die das Grauen thematisierten. Aber Bücher wie Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ von 1951, Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“ von 1940 oder George Orwells „Mein Katalonien“ von 1938 wurden schon bei ihrem Erscheinen als antikommunistische Literatur denunziert, damit deren Inhalt erst gar nicht zur Kenntnis genommen werden musste. Die Ära der stalinistischen Herrschaft, ihrer Massenmorde, ihres Terrors und ihrer totalitären antidemokratischen Kultur wurde als eine Art Betriebsunfall einer ansonsten untadeligen Idee rezipiert, die man durch ein paar Nachbesserungen auf ideologischem Gebiet für die nächste Etappe fit machen konnte. Es zeigt sich heute, dass die Unfähigkeit den Stalinismus als direktes Ergebnis kommunistischer Machtlogik zu analysieren auch jenen Kräften heute noch nachhängt, die sich für völlig frei von kommunistischen Ideen halten, etwa den ProtagonistInnen der „Political Correctness“. Aber wenn man weiß, dass der Begriff Political Correctness eine Geschichte in der Moskau-treuen Kommunistischen Partei Kaliforniens hat, die den Begriff als Lob des linientreuen Mitglieds verstand, wundert einen auch das nicht mehr.[11] Oder wie es Doris Lessing 1992 formulierte: „Political Correctness is the natural continuum of the party line. What we are seeing once again is a self appointed group of vigilantes imposing their views on others. It is a heritage of of communism, but they don’t seem to see this.”[12]

Marx und Engels sind nicht verantwortlich für den sowjetischen Staatsterror, aber ihr messianisches Vertrauen in das Gelingen der proletarischen Weltrevolution bereitete die stalinistische Überzeugung vor, dass Geschichte Gesetzen folgte, die unausweichlich in die Richtung kommunistischer Umwälzungen führen würden. Die schon bei Marx und Engels vorhandene Unterschätzung kapitalistischer Reproduktionsmechanismen, vor der Marxisten wie Louis Althusser in den 60er und 70er Jahren warnten rächte sich im Nachhinein bitter, weil die Überzeugung, dass die verhasste kapitalistische Gesellschaft unaufhaltsam ihren eigenen Tod selbst herbei führen würde bei KommunistInnen, TrotzkistInnen, aber auch vielen SozialdemokratInnen und autonomen Linken, die KommunistInnen prinzipiell misstrauisch gegenüberstehen, ungebrochen ist. Die politischen Kämpfe jener Zeit drehten sich nur selten darum, wie die menschenverachtende Brutalität des sowjetischen Terrorstaats mit den eigenen ideologischen Voraussetzungen zusammen hing, sondern mehr darum ob sich die Erfolge der Sowjetunion in den 70ern nicht auch in ein Resultat der viel gepriesenen Härte Stalins um lügen lassen konnten. KommunistInnen haben – anders als Nazis den Holocaust – niemals das Ausmaß der stalinistischen Terrorpolitik geleugnet, sondern diese Gewalt stets als „notwendige“ Begleiterscheinungen zum Aufbau des Sozialismus verharmlost. Obwohl es häufig behauptet wird, ging es niemals um eine Ablehnung politischer Gewalt an sich, sondern nur darum die „richtige“ politische Gewalt zu identifizieren. Die KommunistInnen, die ich kennen gelernt habe haben sich damit zufrieden gegeben niemals genauer hin zu sehen, eine Kritik daran immer für anti-kommunistische Propaganda zu halten und sich erbittert dagegen zu wehren den Stalinismus als logische Fortsetzung des Leninismus zu betrachten. KommunistInnen, wo immer sie zur Macht kamen, haben staatliche Repressionsapparate übernommen und diese stets ausgebaut, nicht verringert. Demokratie, wo sie zuvor überhaupt existierte wurde stets ausgeschaltet, um die Repression zu verstärken und nicht um sie abzuschaffen. Es gibt kein historisches Beispiel, dass eine von marxistischen Prinzipien getragene Revolution den Terror des ancien regime abgeschafft hätte, ohne ihn durch einen schlimmeren zu ersetzen. Das Beispiel der iranischen Revolution demonstriert, dass auch KommunistInnen Opfer eines revolutionären Ereignisses werden können, ohne irgendetwas daraus zu lernen. Hauptsache Revolution, Hauptsache Ausnahmezustand. Der Furor der heute von „Political Correctness“ und „Critical Whiteness“ ausgeht, wenn es um Fragen der Meinungsfreiheit und der richtigen Sprache geht, atmet ebenfalls diesen Geist stalinistischer Intoleranz und terroristischen Kontrollzwangs. Der Herrschaftsanspruch totalitärer Regime geht immer weit über die Ausübung von Herrschaft selbst hinaus. Die Manipulation von Sprache soll dafür sorgen, dass die öffentliche Propaganda zur privaten Realität wird. Stalinistische Schergen hatten in den Jahren des Großen Terrors Quoten zu erfüllen, und so viele Geständnisse mit komplett erfundenen Vorwürfen heraus zu prügeln wie sie konnten. Die totalitäre Herrschaft wollte ihre Opfer dazu zwingen ihrer eigenen Unterwerfung unter ein Folter und Geständnisregime zuzustimmen und sie so nicht nur politisch sondern auch als Menschen zu brechen.[13] Dass es praktisch keinen ernsthaften Widerstand gegen die Alleinherrschaft Stalins in der Sowjetunion gegeben hat, lässt außerdem darauf schließen, dass der Terror nicht bloß ein Instrument  seiner eigenen Herrschaftssicherung war, sondern dass die von Stalin kontrollierten Eliten selbst ein eigenständiges Interesse an dessen Aufrechterhaltung hatten. Der Stalinismus war nicht bloß die Herrschaft eines Diktators, sondern die Herrschaft der Kommunistischen Partei selbst, die sich bereitwillig den Launen und paranoiden Phantasien des Großen Führers unterwarf, obwohl (oder auch gerade weil) dessen Entscheidungen kurzsichtig, selbstzerstörerisch und für alle der Bereiche der Gesellschaft desaströs waren und katastrophale Folgen für die sowjetischen Bevölkerungen hatten. Die weltweite Bereitschaft kommunistischer Parteien stalinistische Verbrechen und Propaganda zu akzeptieren zeigt darum, dass die Verantwortung für diese Taten nicht allein dem Großen Führer angelastet werden kann. Der Mangel an Verantwortung den KommunistInnen an den Tag legen versucht jedoch genau diese Selbstkritik zu vermeiden. Wie Leute letztlich reagieren, die den Schwierigkeiten und Untiefen der eigenen Geschichte konsequent aus dem Weg gehen, sieht man an den fürchterlichen Zuständen in der islamischen Welt und ihrem Antlitz in Gestalt des islamischen Terrorismus. Für uns als ZeitgenossInnen sollte dies eine Warnung sein, dass die Verdrängung der Geschichte unbewältigter und unbearbeiteter Massenmorde sich immer fürchterlich rächt.

 

4.

Das sensibelste Thema von allen ist jedoch die Rolle Stalins für den Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Es ist unzweifelhaft wahr, dass KommunistInnen oft die einzigen waren, die gegen den Nazifaschismus Widerstand leisteten. In Österreich etwa sind KommunistInnen die einzige organisierte Kraft gewesen, die das Nazi Regime aus dem Untergrund bekämpfte. Die Sozialdemokratie hatte im März 1938 jeden Widerstand offiziell per Beschluss des Parteivorstands aufgegeben und wartete geduldig auf die Befreiung durch die Alliierten. Trotzdem haben auch viele sozialdemokratische AktivistInnen Beiträge zum Widerstand geleistet, ebenso wie katholische Priester und Nonnen, monarchistische Konservative oder ZeugInnen Jehovas. Den bewundernswerten Mut kommunistischer PartisanInnen und jüdischer WiderstandskämpferInnen in ganz Europa hat zum Beispiel Ingrid Strobl in „Sag nie, du gehst den letzten Weg“ nach gezeichnet.[14]

Es ist jedoch höchst bemerkenswert und gleichzeitig nicht verwunderlich, dass Baier und Muhri in ihren beiden ansonsten sehr lesenswerten Texten im Band „Stalin und wir“ zwar vorbehaltlos den Stalinismus und seine Schrecken kritisieren, aber es tatsächlich beide schaffen kein einziges Mal die als Hitler-Stalin Pakt bekannt gewordene Kollaboration Stalins mit Hitler zu erwähnen. Stattdessen schreibt Walter Baier bloß: „Die Menschen der Sowjetunion leisteten den militärisch ausschlaggebenden Beitrag zur Niederringung des Faschismus.“ Und Franz Muhri listet seine Bemühungen auf Namen und Schicksale zu erfahren, die österreichische KommunistInnen betreffen, soweit sie an die Nazis ausgeliefert und verhaftet, gefoltert oder ermordet wurden, aber auch er erwähnt den Pakt mit keinem Wort. Der Schock, den das Molotow-Ribbentrop Abkommen bei den isolierten kommunistischen WiderstandskämpferInnen damals ausgelöst haben muss, kann man sich heute wahrscheinlich nicht mehr vorstellen. Weltweit entfremdete dieser Schritt Stalins Linke und KommunistInnen von der Sowjetunion wie etwa den österreichischen Schriftsteller Manes Sperber, aber weit mehr plapperten bedenkenlos die Propaganda aus Moskau nach. (In den USA zum Beispiel gehörten Pete Seeger und Dalton Trumbo zu den wortreichsten Verteidigern des Nichtangriffspakts.) Der Mythos, dass Stalin den Nazi Faschismus in Großen Vaterländischen Krieg besiegt hätte, und den Pakt mit Hitler bloß deshalb einging um sich Zeit zu verschaffen hält sich hartnäckig. Dies anhand historischer Fakten in Frage zu stellen löst unfassbare Aggressionen und Abwehrreaktionen aus, die wie eine schwerwiegende Immunreaktion auch den Autor dieser Zeilen mit unvermittelter Wucht getroffen haben. Zunächst die historischen Fakten: 1939 schlossen Hitler und Stalin einen Nichtangriffspakt, der den Zweiten Weltkrieg in Gang setzte und mit der Aufteilung Polens begann. Während Hitlers Interesse daran recht nachvollziehbar erscheint, verhält es sich bei Stalin nicht so eindeutig. Hitler und Stalin war aus verschiedenen Gründen die Staatlichkeit Polens ein Dorn im Auge: Hitler, weil er die polnischen Juden und Stalin weil er die nationale polnische Intelligenzija auslöschen wollte. Bereits vor 1939 befahl Stalin die Ermordung von zumindest 12.000 polnischen Kommunisten in der Sowjetunion, weil er sie verdächtige die polnische Eigenstaatlichkeit zu unterstützen.[15] Nach dem erfolgreichen Überfall auf Polen trafen sich Wehrmacht und Rote Armee in Brest-Litowsk um eine gemeinsame Militärparade abzuhalten. Die Vereinbarungen des Nichtangriffspaktes sahen auch vor, deutsche und österreichische Kommunisten, die vor den Nazis in die Sowjetunion geflüchtet waren an diese wieder auszuliefern.[16] Stalins Kalkül war wohl, dass er mit dem Pakt einen Krieg der Deutschen mit Großbritannien und Frankreich auslösen würde, in der diese sich gegenseitig aufreiben und schwächen sollten. Die Geschichte, die daran anschließend stets erzählt wurde ist die des genialen Führers, der sich Zeit verschaffte, um den Krieg gegen die faschistische Bedrohung führen zu können. Das Gegenteil ist jedoch wahr.[17] Wurde der ins Exil vertriebene Trotzki vor 1939 von der Propaganda noch als Agent der Nazis denunziert, kollaborierte Stalin danach selbst mit Hitler, ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen für seine Macht und seinen Einfluss innerhalb oder außerhalb der Sowjetunion gehabt hätte. Stalin war zudem völlig überzeugt davon, dass Hitler nicht angreifen würde und richtete all seine Energien darauf bis 1941 fast die Hälfte des Offizierskorps der Roten Armee zu liquidieren, weil seine Sorge einem angeblichen oder tatsächlichen Putschversuch der Armeeführung galt.[18] Nachrichten seines eigenen Geheimdienstes, dass deutsche Truppen an der Waffenstillstandslinie aufmarschierten und offenbar eine Invasion vorbereiteten beantwortete Stalin in seiner ihm eigenen Art: er ließ die Boten erschießen. Als die Wehrmacht 1941 mit all ihrer Vernichtungskraft die Sowjetunion überfiel, war diese völlig ungeschützt. Soldaten hatten keine Gewehre oder Munition, die deutsche Lufthoheit hatte völlig freie Hand das Land nach Belieben zu bombardieren, weil Stalins Säuberung der Roten Armee den meisten Piloten das Leben gekostet hatte. Die Offiziere, die stattdessen die Posten der hingerichteten Rotarmisten übernahmen waren politische Funktionäre, die Stalin treu ergeben waren und weder militärische Erfahrung noch Kompetenz besaßen. Sie behandelten die Soldaten wie Dreck und schickten sie mit völlig ungeeigneter Bewaffnung ins deutsche Maschinengewehrfeuer. Versuchten die Rotarmisten zu fliehen oder wieder zurück in ihre Stellungen zu kommen wurden sie von den eigenen Offizieren erschossen. Stalins Überzeugung Hitler würde niemals angreifen sorgte dafür, dass die Sowjetunion mit über 25 Millionen Toten den höchsten Preis in diesem Krieg bezahlen musste. Die Tatsache, dass vor allem in den ersten beiden Kriegsjahren deswegen so viele sterben mussten, weil der große Führer unfähig und inkompetent gewesen ist und er trotzdem oder gerade deswegen nach dem Krieg zum Helden stilisiert wurde wird aus guten Gründen komplett verschwiegen.[19] Die kommunistischen WiderstandskämperInnen, die ihr Leben ließen wurden nach dem Ende des Großen Vaterländischen Krieges praktisch nochmals ermordet, als Stalin die Lorbeeren für den Krieg gegen Nazideutschland einsammelte nachdem er Millionen der Nazi Mordmaschine hilflos ausgeliefert und sinnlos geopfert hatte. Wie die KommunistInnen weltweit nach dem Krieg noch in der Lage gewesen sind sich selbst in den Spiegel zu schauen, nachdem sie jede Schweinerei und jede Propagandalüge mitgemacht haben ist ein Rätsel, das zu lösen meine Fähigkeiten übersteigt. Was es über den Zustand einer Kommunistischen Partei aussagt dass Stalin trotz seiner erwiesenen Unfähigkeit durch reine Brutalität regieren konnte ohne dass ihn irgendjemand daran hinderte, darüber reden die Linken, die Stalin den Sieg über Hitler andichten praktisch gar nicht. Die KommunistInnen weltweit haben diese Tatsachen verdrängt und Historiker wie Jörg Baberowski oder der mittlerweile verstorbene Robert Conquest wurden und werden diffamiert und als „rechtsextrem“ denunziert, im Falle Baberowskis durch die Agitation einer trotzkistischen Hochschulgruppe. Der opportunistische Zynismus mit dem KommunistInnen und andere Linke auch heute noch vom „humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele“ reden ist jedenfalls in seiner Niederträchtigkeit und schamlosen Menschenverachtung kaum zu ertragen.

Wenn es also eine ganz prinzipielle notwendige Schlussfolgerung fast 30 Jahre nach dem Ende des realen Sozialismus und 100 Jahre nach der Oktoberrevolution gibt, dann ist es die, genau wie im Falle der Nazis und im Angedenken an ihre Millionen Opfer, den kommunistischen und stalinistischen Impulsen der Linken ein deutliches „Nie wieder“ zuzurufen. Die totalitäre Versuchung ist fruchtbar noch und als ehemaliger Kommunist ist es mir ein Anliegen darauf hinzuweisen, dass die Nazis und die Stalinisten nicht gegensätzlich, sondern Zwillinge gewesen sind. Der Unterschied der gewalttätigen Ideologien ist jedoch, dass Nazis (hoffentlich) politisch für immer als erledigt gelten können, während sich KommunistInnen dank ihrer Verdrängung und ihrer Blindheit ganz unverschämt als immun gegen die Folgen des Stalinismus wähnen. Das geisterhafte Nachleben des Stalinismus ist eine Realität, die mit dem Ende der Sowjetunion eher stärker als schwächer geworden ist. So sehr der Marxismus auch gescheitert ist, so nachhaltig unsichtbar hat sich der Stalinismus in die Selbstgewissheiten und imaginären Utopien der Linken eingearbeitet und er führt dort das Leben eines sehr lebendigen Geistes, der jener Teufel ist von dem sie glauben er existiere nicht.

 

5.

Wenn wir heute noch vom Kommunismus reden wollen, dann sollten wir die Geschichte des Stalinismus als eine Warnung begreifen, die sich bei entsprechender Gelegenheit jederzeit wederholen kann. Dass diese Warnung keineswegs überall angekommen ist kann man an diesem Zitat aus einem Text des österreichischen Medienpädagogen Alessandro Barberi nachvollziehen:

„De facto war der Fall der Mauer aber auch die totale konterrevolutionäre Vernichtung und strategische Niederlage des durch eineinhalb Jahrhunderte hindurch langsam organisierten weltweiten Proletariats am Ende des Kalten Krieges, der darin bestand, die russische Oktoberrevolution in konterrevolutionärer Absicht null und nichtig werden zu lassen, um damit die Schlagkraft der Proletarier*innen zu annullieren.“[20]

Die absichtlich herbei geführten Hungersnöte, die Millionen dem Hungertod preis gaben, die Schrecken der „Entkulakisierung“, die zum ökonomischen Desaster einer nachholenden Industrialisierung hinzukamen, die Terrordekrete des Jahres 1935, die die Zwangsarbeit gesetzlich verankerten, und ermöglichten, dass Kinder ab 12 Jahren hingerichtet werden konnten, all das spielt in Barberis Kommunismus Apologie keine Rolle und wird mit der menschenverachtenden Ignoranz stalinistischer Propaganda für die höhere Sache politisch korrekt entsorgt. Stalin und sein System funktionierten weil es immer auf solche UnterstützerInnen zählen konnte, die Kritik an dieser Unmenschlichkeit als „anti-kommunistisch“ denunzierten und ihren Hass auf die Intellektuellen als revolutionäres Pathos auslebten. Barberi demonstriert das beharrliche Fortleben des Stalinismus als politisch korrekte Relativierung seiner Verbrechen, die mit der Attitüde moralischer Überlegenheit humanistisch die Unmenschlichkeit sozialistischer und kommunistischer Herrschaft mit einem höhnischen Lächeln bestätigt. Bei ihm stimmt alles: jeder * bei den gegenderten Mehrzahlwörtern, die anti-sexistische Disposition samt LGBT Lizenz, der Zitatpop aus PC Plattitüden und klassisch halb gebildeter Intellektuellenfeindlichkeit und seine Vermeidung von klassischen Marxismen und orthodoxen Haupt/Nebenwiderspruchs-Theoremen. Trotzdem schreibt er Sätze hin wie: „Der westliche Sozial- und Wohlfahrtsstaat wurde auch durch die von Trotzki aufgebaute Roten Armee mit Millionen Toten – 27.000.000 davon „jüdische Bolschewiken“ in Russland, die vom „Blitzkrieg“ der Nationalsozialisten ermordet wurden – erkämpft. So muss auch die Entscheidungsschlacht des 20. Jahrhunderts in Stalingrad als eine antifaschistische Leistung der russischen Revolution in Erinnerung bleiben.“[21] Es ist kein Zufall, dass diese neostalinistische Beleidigung des Intellekts auch ohne großes Aufheben einen aggressiven Antisemiten wie Domenico Losurdo zustimmend zitiert (oder auch Alain Badiou) und keinen einzigen Gedanken an den Antisemitismus Stalins verschwendet, wenn er sich „27.000.000 ‚jüdische Bolschewiken‘“ ausdenkt. Übrigens erwähnt auch Barberi den Hitler-Stalin Pakt kein einziges Mal. Der Kommunismus Begriff der Linken ist Projektion, der seine eigene Gewalttätigkeit verdrängt und der Stalinismus ist die dazu passende ideologische Maske, die Massenmorde begeht, während sie moralisch überlegen lächelnd vom „humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele“ faselt. Dass der Zusammenbruch des realen Sozialismus dazu gedient haben soll, „die Schlagkraft der Proletarier*innen zu annullieren“ ist eine nachträgliche zweite Ermordung der vom Stalinismus in die Hölle des GULags geschleuderten gequälten Leiber. Die zynischen Plattitüden projizieren den sadistischen Impuls der postmodernen Correctness Menschenfeindlichkeit auf die Geschichte des stalinistischen Grauens, indem sie den Opfern nachträglich noch das Geständnis aufoktroyieren, dass sie ihrer eigenen Demütigung und Degradierung zustimmen müssen. Barberi ist kein Kommunist, noch gehorcht er einer anderen linksradikalen Autorität, er ist ein völlig im Postmodernen aufgegangener Linker, antiautoritär, antisexistisch und antiintellektuell, wie er nur in den entwickelten und reichen Zentren kapitalistischer Metropolen existieren kann.

Sein Text ist typisch für einen postmodern inspirierten PC Marxismus, der „Critical Whiteness“ gut findet und Stalin anscheinend für den missverstandenen Helden des antikapitalistischen Befreiungskampfes hält. Seine Prosa ist voller Überheblichkeit und Anmaßung, die eine intellektuellenfeindliche Intellektualisierung des Unmenschlichen vollständig internalisiert hat, aber genau das für den Ausdruck von „Humanismus“ hält. Barberis Text zeigt nachdrücklich, dass Stalinismus die absichtliche und bewusste Verwechslung der Wirklichkeit mit der eigenen Projektion ist. Der Wille zur Macht ist hier Wille zur Falschheit und Lüge, die metaphysische Dimensionen annimmt. Es muss einfach so ein, egal wie viele zur Aufrechterhaltung der Illusion krepieren müssen.

Wie also muss die Warnung verstanden werden, damit sie ihre Wirkung entfalten kann? Um wieder über den Kommunismus sprechen zu können, ist eine Ethik des Nicht-Identischen erforderlich, die die Warnung des Stalinismus so ernst nimmt, dass sie als intellektuelle Position ihre eigene Begrenztheit erfahren kann. Statt der Projektion anheim zu fallen, die das Gewaltförmige ins Verdrängte abspaltet, sollte der Kommunismus die selbstkritische Reflexion der eigenen Verstricktheit im Netz der Konvergenz sein, die nicht richtiges Leben im Falschen sucht, sondern die „Lücke im Vertrag“ (Adorno, Horkheimer) aufzuspüren in der Lage ist mit der die stalinistischen Projektionen erfolgreich abgewehrt werden können. Adorno und Horkheimer schreiben:

„Odysseus versucht nicht einen anderen Weg zu fahren als den an der Sireneninsel vorbei. Er versucht auch nicht, etwa auf die Überlegenheit seines Wissens zu pochen und frei den Versucherinnen zuzuhören, wähnend, seine Freiheit genüge als Schutz. Er macht sich ganz klein, das Schiff nimmt seinen vorbestimmten, fatalen Kurs und er realisiert, daß er, wie sehr auch bewußt von Natur distanziert, als Hörender ihr verfallen bleibt.“[22]

Als PostkommunistInnen sind wir dazu aufgefordert die Warnung vor dem Sirenengesang des Stalinismus eingedenk seiner Millionen Opfer immer wieder zu wiederholen und darauf zu bestehen, dass wir ihm als „Hörende“ stets verfallen sein werden. Zudem ist uns wohl die Bürde auferlegt worden einer geschichtslosen Linken vor Augen zu halten, dass es ihre Projektionen über den „humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele“ gewesen sind, die den GULag mit InsassInnen versorgten.

Der Althusser Schüler Etienne Balibar, ein großartiger Philosoph und ein widerlicher Antizionist zugleich, hat wie schon sein Lehrer ein großartiges Gespür für die Untiefen der stalinistischen Versuchung. In einem Text zum Gedenken an Nicos Poulantzas arbeitet er nicht nur heraus, dass Poulantzas richtig erkannte, dass bei Marx die unvollständige Analyse der Funktion des Staatsapparates einen wesentlichen Beitrag zur Stalinisierung der Sowjetunion geleistet hat, sondern auch dass „die Idee eines Kommunismus von Außen jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren hat (…).“[23] Sein Vorschlag einen Ort des Nachdenkens über den Kommunismus in einer Dialektik zu suchen, die „nicht außerhalb des Staates“ gefunden werden kann, sondern den KommunistInnen die Aufgabe stellt „unsichtbar“ im Inneren der Dialektik selbst zu existieren, ist in seiner Originalität Kennzeichen dafür, dass die Warnung bei manchen doch angekommen ist, wenn auch unvollständig und kryptisch.

Balibar: „Heute sind Poulantzas und andere nicht mehr da. Aber die kommunistischen Staatsbürger, die staatsbürgerlichen Kommunisten oder die Kommunisten der Staatsbürgerschaft sind immer noch da. »Unsichtbar«, weil sie weder Armee, noch Lager, Partei oder Kirche haben. Es ist ihre Art zu existieren.“[24]

So soll es sein.

 

[1] DeBris: Sich unregierbar machen (https://jungle.world/artikel/2017/39/sich-unregierbar-machen)

[2] Wimmer: Die falsche Suche nach Unmittelbarkeit (https://jungle.world/artikel/2017/40/die-falsche-suche-nach-der-unmittelbarkeit)

[3] Althusser et al.: Das Kapital lesen (1966)

[4] Baier, Muhri: Stalin und wir. Stalinismus und die Rehabilitierung österreichischer Opfer (2001)

[5] Ebd.

[6] Siehe Althusser: Antwort an John Lewis (1972)

[7] In Althusser: Die Zukunft hat Zeit. Die Tatsachen (1992) berichtet er freimütig wie er ihr hämisch von seinen sexuellen Eskapaden erzählte und sie sich die Ohren zuhielt, weil sie es nicht ertrug ihm zuzuhören. Seine Ehrlichkeit macht seine Boshaftigkeit nur noch widerlicher.

[8] Amis: Koba the Dread (2002)

[9] Siehe Foucault: Vorlesung vom 17.März 1976 (http://homepage.univie.ac.at/herbert.gottweis/WiSe2005/Se_BioPolWiSe2005/Foucault-%20Vorlesung%20zu%20Biomacht.pdf)

[10] Conquest: The Great Terror (1968)

[11] Berman (Edit.): Debating PC (1992)

[12] Lessing: On Censorship (1992) zit. nach Hughes: Political Correctness – A History of Semantics and Culture (2010)

[13] Conquest: The Great Terror (1968)

[14] Strobl: Sag nie, du gehst den letzten Weg. Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung (1989)

[15] Snyder: Black Earth (2015)

[16] Baier, Muhri: Stalin und wir. Stalinismus und die Rehabilitierung österreichischer Opfer (2001)

[17] Siehe Baberowski: Verbrannte Erde (2012) und Amis: Koba the Dread (2002)

[18] Amis: Koba the Dread (2002)

[19] Conquest: Stalin. Breaker of Nations (1991)

[20] Barberi: Vom Klassenkampf. Zur Wiederkehr des historischen Materialismus (http://www.medienimpulse.at/pdf/Medienimpulse_Vom_Klassenkampf_Barberi_20170318.pdf)

[21] Ebd.

[22] Adorno, Horkheimer: Dialektik der Aufklärung (1969)

[23] Balibar: Kommunismus und (Staats-)Bürgerschaft in: Demirovic, Adolphs, Karakayali: Das Staatsverständnis von Nicos Poulantzas (2010)

[24] Ebd.

 

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Mission Impossible: Drei Texte zu Spinoza

Februar 3, 2017 2 Kommentare

Auf dem Blog „Mission Impossible“ meines geschätzten Kollegen thinktankboy sind drei als Einführung zu verstehende Texte von mir über den niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza (1632 – 1677) erschienen. Sie müssen zwar nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge gelesen werden, aber es kann auch nicht schaden das zu tun.

Spinozas Religionskritik

https://thinktankboy.wordpress.com/2016/12/30/spinozas-religionskritik/

Über Spinozas Ethik

https://thinktankboy.wordpress.com/2017/01/11/conatus-in-suo-esse-perseverandi-ueber-spinozas-ethik/

Spinoza und das Judentum

https://thinktankboy.wordpress.com/2017/02/03/spinoza-und-das-judentum/

Den geneigten Leserinnen und Lesern sei außerdem anempfohlen eventuelle Kommentare auf den jeweiligen Blogeinträgen der Mission Impossible zu veröffentlichen. Ich wünsche jedenfalls viel Vergnügen und freue mich über jedwede Reaktion.

 

 

 

Kategorien:Allgemein

Die islamistische Moderne

Dezember 15, 2016 7 Kommentare

“There is a war between the ones who say there is a war
and the ones who say there isn’t.”

Leonard Cohen, There is a war

1.

Es gehört zu den am häufigsten wiederholten Mythen der neueren Geschichte, dass islamistische Terroristen und die ideologischen Brandstifter, die ihnen vorausgingen eine Abwehrreaktion auf und ein religiös motivierter Krieg gegen den Einbruch der Moderne sein sollen. Islamisten, so wird behauptet, seien davon beseelt die Geschichte zu einem Punkt null im 7. Jahrhundert nach Christus zurück zu drehen, in eine Welt die jeder Form von Aufklärung und Renaissance Humanismus voraus ging. Es erscheint jedoch angesichts eines Phänomens wie dem Islamischen Staat höchst notwendig sich von solch einer Idee zu verabschieden. Man sollte stattdessen versuchen sich die islamistische Ideenwelt als alternative Modernisierung vorzustellen, die sich in Form des Globalen Djihads als politisches Modell realisieren will. Ein starker Grund dies zu tun ist die Tatsache, dass der Islam einen Universalismus propagiert, der sich zwar wesentlich vom europäischen Aufklärungsuniversalismus unterscheidet, aber dennoch einen Anspruch auf globale Gültigkeit hat. Dass der christliche und der islamische Universalismus seit Jahrhunderten im Streit liegen heißt noch lange nicht, dass es auch einen culture clash zwischen dem Westen und dem Islam geben muss, aber gerade dieses Thema ist wie der viel zu früh verstorbene Leonhard Cohen gesagt hat bereits die Debatte ob es einen solchen Konflikt überhaupt gibt. Die Organisationen des islamistischen Terrors sind mit Sicherheit anti-westlich und pflegen eine anti-imperialistische Rhetorik, aber anders als viele zeitgenössische Stimmen meinen sind sie keineswegs anti-modern. Ebenso wenig wie die Nazis eine Rückkehr zu einer germanischen Stammeskultur anstrebten sind Islamisten in der Regel nicht einfach regressive Fanatiker. Muslimische Extremisten ebenso wie moderate Muslime würden Einschätzungen massiv zurück weisen, den Schritt in eine rückständige Gesellschaft machen zu wollen. Die Selbstwahrnehmung des islamischen Mainstreams und seiner Ränder behauptet schließlich das genaue Gegenteil.

Das ungläubige Entsetzen europäischer und amerikanischer Kommentare über die folgenschweren Anschläge in Paris, Brüssel oder New York kann zwar konstatieren, dass Islamisten ein Problem mit der westlichen Gesellschaft haben, das auf eine tiefe Abneigung gegen Individualismus und Demokratie schließen lässt, kann aber nicht erklären warum islamische Terroristen und ihre Organisationen so souverän und selbst bewusst mit state of the art Technologien umgehen, um ihre Propaganda zu betreiben. Die Frage warum Terroristen zwar Ungläubige ermorden wollen, aber ohne zu zögern die Mittel und Technologien der Ungläubigen verwenden, ist natürlich legitim, aber eine Frage die stets im Westen gestellt und  interessanterweise in islamistischen Zirkeln selbst keine Rolle spielt. Abgesehen von religiösen Gutachten aus der osmanischen Zeit von denen Bernard Lewis berichtet, die Muslimen erlaubten Waffen von Ungläubigen zu kaufen, wenn dies einen militärischen Sieg garantieren würde scheint das Thema in den Diskussionen der muslimischen Kleriker so gut wie keine  Rolle zu spielen.

Es scheint also ein gewisser Widerspruch darin zu stecken, dass Islamisten die Gleichheit von Frauen und die Kritik der Religion ablehnen, es aber nicht im Mindesten problematisch finden Computer, Smartphones, teure Autos und nicht zuletzt moderne Waffen zu benutzen. Möglicherweise ist es zu kurz gegriffen Moderne auf technologischen Fortschritt zu reduzieren, aber die Dämonisierung des Westens findet auf sozialen Netzwerken und digitalen Medien statt, die ohne den westlichen Einfluss niemals entstanden wären, und während die Islamische Republik Iran zwar Homosexualität unter Strafe stellt und eigene Religionswächter beschäftigt um zu wenig oder gar nicht verschleierte Frauen öffentlich zu maß regeln, ist ihre Regierung eifrig darum bemüht Nuklearwaffen zu bauen. Die Atommacht Pakistan ließ sich für den Bau (oder vermutlich eher den Erwerb) von Nuklearwaffen als Vorbild für die ganze sunnitische Welt feiern. Die angebliche Ablehnung der Moderne ist also recht zweifelhaft, wenn es um Technologie und harte Naturwissenschaft geht. Begreift man Moderne jedoch als intellektuellen Zustand, als Zweifel an Tradition, Religion und gesellschaftlichem Zwang, als reflexive Kritik an Modernisierung selbst, scheint die Gleichung wieder zu stimmen, aber auch das hat merkwürdige Brüche. Während Islamisten Homosexualität und linke Gesellschaftskritik strikt ablehnen, haben sie in den Queer und Transgender Szenen, den antiimperialistischen, trotzkistischen und fallweise kommunistischen Linken paradoxerweise ihre wichtigsten Bündnispartner innerhalb der westlichen Gesellschaften. Britische Islamisten marschieren gemeinsam mit Labour Party Abgeordneten und LGBTQQIA Aktivisten am Al-Quds Tag gegen Israel, ohne dass irgendeine Seite Anstoß am ideologischen Framework des anderen nimmt. Was sich aus Perspektive der Linken als Antirassismus formulieren lässt und in erster Linie eine Reaktion auf die eigene politische Marginalisierung sein mag, steht innerhalb des ideologischen Frameworks der Linken jedoch stets unter einem gewissen Rechtfertigungszwang, der manchmal verrückte Kapriolen schlägt. Warum atheistische und marxistisch orientierte Linke gerne mit Islamisten demonstrieren wird von Fall zu Fall neu beantwortet und wird trotz gemeinsamer Feindbilder zumindest als Widerspruch (hin und wieder) problematisiert. Dies ist jedoch ist aus Sicht der islamistischen Agitation keineswegs der Fall. Das Irritierende am islamistischen Diskurs ist nicht, dass es Widersprüche gibt was man an der Moderne als gegeben annimmt und was nicht, oder wer als Bündnispartner für die eigenen Ziele und Anliegen instrumentalisiert werden kann, sondern dass Islamisten nicht davon ausgehen, dass es sich um Widersprüche handelt, die durch das eigene Framework geklärt werden müssten. Wenn sich naive Kommentare im Westen darüber wundern, warum Islamisten zwar zu einer in ihren Augen perfekten Gesellschaft im 7. Jahrhundert zurück wünschen, aber gleichzeitig Enthauptungsvideos auf Youtube posten und höchst komplexe Computernetzwerke betreiben, sehen sie einen Widerspruch, der in den Augen des Gegenübers nicht existiert. Warum ist das so?

2.

Um diese Frage ansatzweise zu beantworten, muss man ein paar Umwege gehen. Beginnen wir fürs erste einmal hier: Die Website “Enzyklopädie des Islam“, ein Projekt der Gebrüder Gürhan und Yavuz Özoguz, zweier deutscher Unternehmer aus Bremen, die dem schiitischen Islam nahe stehen und die auch Betreiber der Website http://muslim-markt.de sind, soll nach eigenem Bekunden „sachliche, wissenschaftlich abgesicherte und überprüfbare Informationen über den Islam“ zur Verfügung stellen. In einem Eintrag über Immanuel Kant findet man folgendes: „Immanuel Kant war einer der bedeutenden deutschen Philosophen der Aufklärung. Er zählt zu den bedeutenden Vertretern der Philosophie der Westlichen Welt. Wenig bekannt hingegen in der Westlichen Welt ist seine intensive Auseinandersetzung mit dem Islam.“ (…)

Seine Auseinandersetzung war so intensiv, dass der Beitrag keinen einzigen Verweis im Werk Kants aufzählt, in dem dieser sich mit dem Islam beschäftigt. Man wird bis auf einige Bemerkungen auch kaum welche finden. Kant hat sich niemals – außer in gelegentlichen Nebensätzen, die Religion als allgemeines Thema zum Inhalt hatten – ausführlicher mit dem Islam auseinander gesetzt und wenn doch vor allem negativ. Der einzige Grund warum diese Behauptung überhaupt da steht ist die Doktorurkunde Kants aus dem Jahr 1755, auf der ganz oben die Bismillah abgebildet ist, jene Formel mit dem fast alle Suren des Koran eingeleitet werden: „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen“ (bi-smi llāhi r-rahmâni r-rahīm). Heute würde man dies als eine orientalistische Marotte deuten. Im Beitrag heißt es weiter: „Kant gehört zu den ersten abendländischen Philosophen, die den Verstand als Erkenntnisquelle hervorheben, eine Erkenntnis, die er wahrscheinlich seinem Studium des Islam zu verdanken hat.“

Der unfassbare Unsinn, der in diesen wenigen Zeilen steht spricht ohnehin für sich selbst, aber wichtiger ist, dass er verrät warum Islamisten eben ganz und gar kein Problem mit der Moderne als solcher haben. Wenn Islamisten den Westen und die europäisch/amerikanische Kultur dämonisieren geht es nicht um die Ablehnung seiner Errungenschaften, seien sie technischer, philosophischer oder wissenschaftlicher Natur, sondern darum zu erklären, dass diese immer schon dem Islam und seinem Einfluss entsprangen. Das Bedürfnis islamistischer Apologetik ist es stets zu erklären, warum Demokratie, Menschenrechte, Wissenschaft und so weiter eben nicht im Widerspruch zum Islam stünden, sondern von Allah im Qur’an bereits weitsichtig implementiert worden sind.

Die Reduzierung Kants auf eine Episode islamischer Aufklärung ist inhaltlich unhaltbar, aber eminent politisch und keineswegs eine einzelne verirrte Fehlleistung. Eine umfangreiche apologetische Literatur in der arabischen Welt, die „Iʿdschāz“ genannt wird, ist seit Jahrzehnten damit beschäftigt für jede wissenschaftliche Erkenntnis, die in irgendeiner Weise als wesentlich betrachtet wird Verse im Koran zu finden, die beweisen sollen, dass die Ausdehnung des Universums, die Form des Erde, pränatale Diagnostik, Krebsforschung und die Bewegungen der Planeten bereits vor jeder europäischen Aufklärung und wissenschaftlichen Revolution im Heiligen Buch fest geschrieben wurde. Nicht jede solche Behauptung ist unsinnig oder falsch, aber sie ist Teil eines Narrativs, das sicher stellen soll den Kern des Islamischen Glaubens als einzig wahrer Religion beizubehalten. Es finden sich natürlich wissenschaftlich überprüfbare Aussagen im Koran, aber der Zweck solcher Übungen ist nicht eine Verbesserung wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern die diskursive Absicherung der Überlegenheit des Islam. Islamisches Denken ist eines, das unentwegt Identität postuliert, Identität von Politik und Religion, Gesellschaft und Individuum, Begriff und Objekt. Es liegt daher in der Sache selbst, dass muslimische Philosophie, soweit man das so nennen will, keine Widersprüche an sich akzeptieren kann, sondern immer darauf aus ist die Synthese des Unvereinbaren zu propagieren. Es gibt keinen Widerspruch zur Moderne, sondern jedes Phänomen wird zu islamischem Eigentum erklärt, das immer schon im Koran anwesend ist, indem man nach Übereinstimmung mit dem eigenen Wissen sucht und dabei konsequent alle Details ignoriert, die eine solche Übereinstimmung in Frage stellen könnten. Was für Naturwissenschaft gilt, ist darum auch für Demokratie und Menschenrechte zu sagen: in der perfekten Gesellschaft, die der Prophet mit seinen Gefährten in Medina errichtete war der islamisch geprägte Urkommunismus bereits Realität und nahm so bereits alle möglichen Errungenschaften, die der Westen arroganter weise für sich beansprucht vorweg. Die Offenbarung des Qur‘an präsentierte sie im vollen Licht der Geschichte, während die Ungläubigen noch in Platos Höhle wohnten. Da der Islam im Gegensatz zum Christentum das Problem der Übersetzung nicht kennt werden Begriffe und Themen in eins gesetzt, deren Übereinstimmung zweifelhaft ist und die erst überprüft werden müsste, aber durch das Gebot der Identität als Gleiches gesetzt wird, weil man nur Analogien sieht. Man deklariert zwar die absolute Kompatibilität des Islam mit der Moderne und den Wissenschaften, aber Islamisten (und nicht nur sie) scheinen unfähig zu sein die Dialektik als solche anzuerkennen, die in der Ungleichzeitigkeit der Kulturen wohnt. Islamische Apologeten lieben es die allumfassende Dominanz des Islam in allen Bereichen menschlicher Tätigkeit zu propagieren ohne jemals Rücksicht auf Fakten, Geschichte und Substanz anderer Kulturen und Ideen zu nehmen. Was westlichen Gesellschaften öfters und durchaus zu Recht vorgeworfen wird, die Welt aus einem eurozentristischen Blickwinkel zu betrachten, realisiert sich im islamischen Kontext als durchgehender Islamozentrismus, der von keiner postmodernen Dekonstruktionsmystik jemals mit eines Gedankens kränklicher Blässe gewürdigt worden ist.

Der israelische Historiker und Arabist Uriya Shavit analysiert in seinem Aufsatz „Islamotopia“ die Ideologie der Muslimbrüder Ägyptens und wie sich für sie die Auseinandersetzung mit der Moderne darstellt. Er hält fest, dass die Muslimbrüder zu einer reform-orientierten Strömung zählen, die bereits im 19. Jahrhundert begann und von Leuten wie Jamal al-Din al-Afghani, Muhammad ‘Abduh, und Rashid Rida begründet wurde, die allesamt empfahlen, dass die muslimische Welt die technologische Überlegenheit des Westens kopieren, aber auf ihrer islamischen Vergangenheit und Spiritualität bestehen müsse. Allen diesen Ansätzen ist zu eigen, dass sie Technik und moderne Naturwissenschaft als rein instrumentale Anordnung verstehen, die durch ihre Abwesenheit oder auch Ablehnung religiöser Erklärungsmodelle auch keinerlei metaphysisches Dispositiv voraus setzt. Shavit schreibt: „Um die naturgemäß innewohnende Spannung zwischen der Ablehnung und der Akzeptanz der westlichen Welt zu reduzieren, bietet der politische Islam eine religiöse Interpretation moderner säkularer Ideen und Institutionen an. Seine Anhänger versuchen für jede westliche Errungenschaft ein vor-gängiges Äquivalent zu finden und beschreiben seine Vereinnahmung als eine authentische Rückkehr zu den Quellen, und ganz bestimmte keine Abkehr von ihnen.“

Das Missverständnis, wenn man es so nennen will,  hat weitreichende Konsequenzen. Shavit schreibt weiter:

„Die Synthese aus Traditionalismus und Moderne auf der islamistisches Denken basiert, erlaubt der Moslembrüderschaft ihren Anhängern zu versichern, dass sie die Arabische Welt zu technologischem und wirtschaftlichem Erfolg führen kann, ohne sie zu jener spirituellen Leere und moralischen Korruption zu verdammen, die den Westen über alle Maßen plagt. Aber genau hier liegt die zentrale Fehlinterpretation aller Islamisten, was die Wurzeln des Erfolgs westlicher Gesellschaften anbelangt. Die Freiheit grundsätzliche Wahrheiten in Frage zu stellen ist nicht einfach eine Nebenwirkung wissenschaftlichen Fortschritts, sondern ihre direkte Ursache. Man kann nicht die Freiheit des Denkens auf diesem Gebiet einschränken und auf jenem erlauben, genau so wenig wie eine Universität erwarten kann dass sie von der einen Fakultät brauchbare Resultate aus der Entwicklung neuer physikalischer oder evolutionärer Theorien erhält, wenn sie Zweifel an der historischen Wahrheit prophetischer Überlieferung an der anderen Fakultät verbietet. Weil es ihnen an genau an jenem Pluralismus, jener Toleranz und auch Ironie mangelt, die westliche Gesellschaften auszeichnen, werden islamistische Regime, wo sie zur Macht kommen, den schwerwiegenden Rückstand in Wissenschaft und Technologie, an dem heutige arabische Gesellschaften schwer leiden noch weiter festschreiben oder sogar verschlimmern.“ (Übersetzung JM)

Oder wie es nach einem englischen Sprichwort heißt: “You can’t have your cake and eat it (too).” Aber was für einen Betrachter von außen wie ein Widerspruch klingt, ist für die islamistische Ideologie keiner. Wie ich in einer Besprechung von Tariqs Ramadans Buch „The Quest for Meaning“ zeigen konnte, besteht Ramadan darauf, dass der Islam dialektische Widersprüche ablehnt und einer Tendenz frönt, für jeden tatsächlichen Widerspruch ein totales Identitätsparadigma zu postulieren. Es darf keine inneren Spaltungen geben, keine dialektischen Widersprüche und keine begriffliche Terminologie, diese inneren Spannungen zu benennen. Es ist daher von verschiedenen Seiten bemerkt worden, dass sich nicht bloß der islamistische Rand, sondern der ganze islamische Mainstream in jenen Fahrwässern bewegt, in denen im 20. Jahrhundert totalitäre Bewegungen, vom Nationalsozialismus bis zum Stalinismus ihre politischen Spuren hinterließen. Man muss allerdings nicht so weit gehen, um heutigen Phänomenen wie der Political Correctness ebenfalls die Tendenz zu unterstellen, politisch eine Identität zwischen Sprache und Realität erzwingen zu wollen, die bereits in ihren Grundfesten totalitär ist und in krassem Gegensatz zu Kritischer Theorie steht. Nicht ganz zufällig nannte Adorno als Ziel seiner „Negativen Dialektik“ eine „Philosophie, die nicht den Begriff der Identität von Sein und Denken voraussetzt und auch nicht in ihm terminiert, sondern die gerade das Gegenteil, also das Auseinanderweisen von Begriff und Sache, von Subjekt und Objekt, und ihre Unversöhntheit, artikulieren will.“ (Adorno: Vorlesung über Negative Dialektik. Fragmente zur Vorlesung 1965/66. Frankfurt 2007, S. 15f.) Totalitäre und unterdrückerische Systeme jedweder Art sind bestrebt die Anwesenheit des „Nicht-Identischen“ (Adorno) ideologisch und physisch zu vernichten. Der Anspruch auf Identität zwischen Sprache und Realität wird selten thematisiert, wenn es um den Islam geht, aber er hat sehr interessante Nebenwirkungen. Es ist höchst merkwürdig, dass es auch unter den Linken, die Islamophobie für den „neuen Antisemitismus“ halten, und höchstes Verständnis für muslimischen Zorn und Gekränktheit haben, wenig Bereitschaft existiert in größeren Gruppen zum Islam zu konvertieren. In den intellektuellen Eliten Europas und der USA halten zwar sowohl Kritiker als auch Freunde des Islams einander die Waage, aber selbst in der westlichen Islamwissenschaft hat nur eine Minderheit den Weg zu dieser Religion gefunden. Läge es nicht auf der Hand, dass die intellektuellen westlichen Islamfreunde eine marxistische, feministische, poststrukturalistische Theorie islamischer Prägung längst entwickelt haben sollten, die unter dem Banner der Diversität ihre segensreichen Marsch durch die Institutionen antreten würde? Mir ist nicht bekannt, dass die wortreichsten Verteidigerinnen des Kopftuchs als Werkzeug der Selbstermächtigung es jemals selbst getragen und konsequenterweise konvertiert wären. Man kann mit gutem Grund vermuten, dass der Islam selbst wenig Anziehungskraft auf Intellektuelle ausübt, die ein Mindestmaß an dialektischer Spannung aushalten, wie z.B. feministische oder marxistische Islamophobie ExpertInnen. Und selbst wenn man nicht unbedingt die Polemik schätzt, die mit solchen Argumenten verbunden ist, stellt sich die Frage, warum der Islam so unattraktiv für jene ist, die am meisten mit seinem Schutz vor Islamophobie beschäftigt sind. Es bleibt vorerst eine offene Frage.

3.

Die vor allem im angelsächsischen Raum gezeigte Wanderausstellung „1001 Inventions“, einem Projekt das von zahlreichen islamischen Akademikern und internationalen Institutionen getragen wird, tourt seit 2010 durch Europa und die USA und ist derzeit in Asien unterwegs. Das Ziel der Ausstellung, die eine teure und aufwändige Website und hoch professionelles Marketing betreibt, ist laut eigenen Angaben folgende Aufgabe: „1001 Inventions is an award-winning international science and cultural heritage organisation that raises awareness of the creative golden age of Muslim civilisation that stretched from Spain to China. From the 7th century onwards, men and women of different faiths and cultures built on knowledge from ancient civilisations making breakthroughs that have left their mark on our world.”

Es erscheint mir ein interessantes Detail am Rande zu sein, dass nichts über die Organisation dahinter geschweige denn ihre Finanzierung zu erfahren ist. Weder die eigene Wikipediaseite noch andere Quellen verlieren darüber auch nur ein Wort. Im Vordergrund steht eine bilderreiche und keineswegs uninteressante Reise in eine Welt der Wunder und intellektuellen Höchstleistungen. Es gibt keine wissenschaftliche Entdeckung von Rang, keine Technologie und keine intellektuelle Leistung, die nicht in einem islamischen Kontext voraus gedacht, selbst entwickelt oder zumindest in utopischer Diversity („men and women of different faiths and cultures“) besprochen worden wäre. Vor allem der Mythos des toleranten weltoffenen muslimischen Spanien, das rund um Cordoba ein multikulturelles, multiethnisches und multigeschlechtliches Zentrum der Bildung und des Lernens errichtet haben soll, hat es den Ausstellungskuratoren angetan. Dies wird jedoch durch neuere historische Arbeiten, etwa jene von Dario Fernández-Morera als unhaltbar zurück gewiesen. In der Presse, die im Sinne der Veranstalter darüber berichtet liest man Sätze wie: „How many people are aware that hospitals, pharmacies, libraries and bookshops were first established in the Muslim world? Or that the experimental scientific method – used by all scientists today – was the brainchild of 10th century genius ibn Al-Haitham? Or that modern robotics, vaccinations, soap, the guitar, the fountain pen and hundreds of other inventions can be traced back to Muslim civilisation?”

Jeder Abschnitt, den die Ausstellung bearbeitet wartet mit solchen Superlativen auf. Es gibt kein Gebiet, das nicht als unmittelbarer Ausdruck muslimischer Genialität propagiert wird. Der türkisch-amerikanische Physiker Taner Edis und die ostdeutsche Wissenschaftshistorikerin Sonja Brentjes, (die übrigens selbst als Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von „1001 Inventions“ erwähnt wird) haben 2012 einen sehr kritischen Artikel in der Zeitschrift „Sceptical Inquirer“ veröffentlicht, indem sie einige der gröbsten historischen Verfälschungen publik machten. Ich werde hier nur einen kurzen Auszug daraus ins Deutsche übersetzen, um den allgemeinen Trend deutlich zu machen.

„Das Kapitel „Schule“ (des Ausstellungskatalogs, Anm. JM) beginnt mit zwei grundlegend falschen Behauptungen in seiner zusammenfassenden Einleitung, nämlich dass (1) „die Muslime des Mittelalters schulisches Lernen erweiterten, vom Grundschulniveau in den Moscheen, zu den Universitäten bis zum Großen Haus der Weisheit, einer intellektuellen Institution im Bagdad des 9. Jahrhunderts“ und (2) „dass der Ethos zu lernen eine Kultur schuf, in der forschende Geister nach der Wahrheit suchten auf Basis einer strengen wissenschaftlichen Experimentierfreudigkeit, die Meinung und Spekulation als unwürdige Schüler verbann. Dieses System des Lernens wie es von mittelalterlichen Islam verkörpert wurde, formte das Rückgrat einer Entwicklung aus der die außergewöhnlichsten Erfindungen und Entdeckungen hervorgingen.“ Nicht ein einziges Wort dieser beiden Sätze kann durch mittelalterliche Quellen belegt werden. Nicht nur gab es keine Universitäten zu dieser Zeit, auch die madrasas (Schulen zur Ausbildung von Islamlehrern, Anm. JM) in denen vereinzelt Mathematik und Astronomie unterrichtet wurde entstanden viel später und erinnerten kaum an Universitäten. Generell gab es in den meisten islamischen Gesellschaften kaum Moscheen die Grundschulausbildungen für Jungen anboten, eine begrenzte Anzahl hatte einen Gönner oder Patron, der das manchmal finanzierte. Dies war von Stadt zu Stadt und Dorf zu Dorf unterschiedlich und selbst von Viertel zu Viertel gab es keine einheitliche Organisation dafür. Die Verortung heutiger Bildungsinstitutionen in direkten islamischen Vorläufern ist Ideologie, nicht Wissenschaft.“

Soweit Brentjes und Edis. Beide haben übrigens auch Beiträge für das Buch „1001 Distortions“ verfasst, das die lange Liste an Fehlern, Ungenauigkeiten, Desinformationen und schlichten historischen Fälschungen systematisch abarbeitet. Sonja Brentjes, die ja selbst an der Entwicklung von „1001 Inventions“ beteiligt war, sieht eine „verpasste Gelegenheit“, die Reichtümer der Islamischen Kultur wissenschaftlich akkurat darzustellen, jedoch sind Zweifel angebracht, ob das überhaupt jemals ein Ziel gewesen ist. Die hunderttausenden Besucherinnen und Besucher weltweit werden mit einer Geschichte konfrontiert, die eine reine Einbahnstraße gewesen sein muss. Obwohl die Betreiber der Ausstellung wohlweislich im Hintergrund bleiben, wollen sie dennoch einen freundlichen, weltoffenen Islam präsentieren, der auf Mittel der Propaganda zurück greift und anders gar nicht vorstellbar erscheint. Der Zugang zur Moderne aus der Sicht von Islamisten entpuppt sich rasch als imperiale Geste. Eifersüchtig reklamieren die islamischen Vermittler jede Leistung für sich, als ob es niemals auch andere gegeben hätte. Die zum Teil kruden Unwahrheiten zu fabrizieren und zu glauben ist weder strafbar noch anstößig, Meinungsfreiheit ist schließlich für alle da. Es ist jedoch auffällig, wie konsequent diese Ideologie nicht nur jeden fremden Einfluss bestreitet, er negiert auch die Präsenz des Anderen aus jedem metaphysischen Kontext. Was für Christen und Juden zumindest heute völlig selbstverständlich ist, die Anwesenheit des Anderen als gegeben zu akzeptieren, scheint in der muslimischen Welt heute weniger vor zu kommen als jemals zuvor. Dass es sich bei der Ausstellung außerdem um eine rein sunnitische Veranstaltung handelt, die nicht nur christliche und jüdische Einflüsse negiert, sondern auch die schiitische Tradition völlig außen vor lässt, kann man an dem interessanten Faktum erkennen, dass der Name Suhrawardi, ein persischer Philosoph zur Zeit des Salah ad-Din in der gesamten Ausstellung nicht auftaucht. Suhrawardi war einer der bedeutendsten Philosophen des Mittelalters, der durch eine Intrige sunnitischer Kleriker der Häresie beschuldigt und schließlich hingerichtet wurde. Nicht einmal dieses Detail  kann der islamische Triumphalismus angemessen bzw. überhaupt darstellen. Eine halbwegs konsistente Antwort wie damit einigermaßen vernünftig umzugehen ist dürfte derzeit noch schwieriger zu finden sein.

4.

Meine Polemik weiter oben, dass es auch bei jenen keinen Trend zur Konversion zum Islam gibt, die sich als sein moralischer Schutzschild verstehen ist keineswegs leichtfertig dahin gesagt. Die islamistische Moderne kann nur ein Fehlschlag sein, weil sie die intellektuelle Exzellenz zwar propagiert, aber nicht realisiert. Die pathologische Schamkultur erzwingt eine identitätspolitische Schizophrenie, die zwangsläufig an den Wirklichkeitsriffen zerschellen muss. Ob das möglicherweise auch zivilisiert und ohne Weltkrieg vonstattengehen kann, bleibt eine ungewisse Frage. Eine recht merkwürdige Schlussfolgerung aus dem zuvor Geschriebenem ist jedoch: Der Islam ist keine philosophische oder geistige Herausforderung für den Westen. Für die tatsächlichen Probleme des 21. Jahrhundert sind seine Antworten schlicht keine Antworten, sondern bloß irrelevant. Das Problem, das der Islam für Europa und den Westen darstellt ist auch keines der Fremdheit und auch keines der „Überfremdung“, wie rechtsextreme Propaganda oft behauptet, es hat auch nichts mit der angeblichen Unvereinbarkeit des Islam mit Demokratie und Menschenrechten zu tun, sondern es ist schlicht eine Frage wie Europa und der Westen zu sich selbst steht. Das Problem, das der Islam konkret stellt ist die politische Frage nach der Identität Europas im Kontext der westlichen Zivilisation. Wer sind wir? Und was wollen wir erreichen? Man wird keine Antwort darin finden, zu diskutieren ob der Islam modernisierbar, reformierbar oder friedlich sei, weil der Islam tatsächlich nicht das eigentliche Problem ist und es auch niemals war. Auch die mitunter recht chaotische Migration wird daran nichts ändern. Was man heute „Westen“ nennt ist kein geographischer, sondern ein metaphysischer Ort.

(To be continued)

Verwendete Literatur

Karl Wullf:

https://www.amazon.de/Islam-die-Naturwissenschaften-religi%C3%B6sen-Wissenschaft/dp/3842896158#reader_3842896158

Taner Edis: An Illusion of Harmony

https://www.amazon.de/dp/1591024498/ref=pe_386171_38075861_TE_item

Brentjes, Edis, Richter-Bernburg: 1001 Distortions

https://www.amazon.de/dp/3956501691/ref=pe_386171_38075861_TE_item

sowie:

http://www.newenglishreview.org/Norman_Berdichevsky/The_Myth_of_the_Golden_Age_of_Tolerance_in_Medieval_Muslim_Spain/

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