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Die islamistische Moderne

Dezember 15, 2016 7 Kommentare

“There is a war between the ones who say there is a war
and the ones who say there isn’t.”

Leonard Cohen, There is a war

1.

Es gehört zu den am häufigsten wiederholten Mythen der neueren Geschichte, dass islamistische Terroristen und die ideologischen Brandstifter, die ihnen vorausgingen eine Abwehrreaktion auf und ein religiös motivierter Krieg gegen den Einbruch der Moderne sein sollen. Islamisten, so wird behauptet, seien davon beseelt die Geschichte zu einem Punkt null im 7. Jahrhundert nach Christus zurück zu drehen, in eine Welt die jeder Form von Aufklärung und Renaissance Humanismus voraus ging. Es erscheint jedoch angesichts eines Phänomens wie dem Islamischen Staat höchst notwendig sich von solch einer Idee zu verabschieden. Man sollte stattdessen versuchen sich die islamistische Ideenwelt als alternative Modernisierung vorzustellen, die sich in Form des Globalen Djihads als politisches Modell realisieren will. Ein starker Grund dies zu tun ist die Tatsache, dass der Islam einen Universalismus propagiert, der sich zwar wesentlich vom europäischen Aufklärungsuniversalismus unterscheidet, aber dennoch einen Anspruch auf globale Gültigkeit hat. Dass der christliche und der islamische Universalismus seit Jahrhunderten im Streit liegen heißt noch lange nicht, dass es auch einen culture clash zwischen dem Westen und dem Islam geben muss, aber gerade dieses Thema ist wie der viel zu früh verstorbene Leonhard Cohen gesagt hat bereits die Debatte ob es einen solchen Konflikt überhaupt gibt. Die Organisationen des islamistischen Terrors sind mit Sicherheit anti-westlich und pflegen eine anti-imperialistische Rhetorik, aber anders als viele zeitgenössische Stimmen meinen sind sie keineswegs anti-modern. Ebenso wenig wie die Nazis eine Rückkehr zu einer germanischen Stammeskultur anstrebten sind Islamisten in der Regel nicht einfach regressive Fanatiker. Muslimische Extremisten ebenso wie moderate Muslime würden Einschätzungen massiv zurück weisen, den Schritt in eine rückständige Gesellschaft machen zu wollen. Die Selbstwahrnehmung des islamischen Mainstreams und seiner Ränder behauptet schließlich das genaue Gegenteil.

Das ungläubige Entsetzen europäischer und amerikanischer Kommentare über die folgenschweren Anschläge in Paris, Brüssel oder New York kann zwar konstatieren, dass Islamisten ein Problem mit der westlichen Gesellschaft haben, das auf eine tiefe Abneigung gegen Individualismus und Demokratie schließen lässt, kann aber nicht erklären warum islamische Terroristen und ihre Organisationen so souverän und selbst bewusst mit state of the art Technologien umgehen, um ihre Propaganda zu betreiben. Die Frage warum Terroristen zwar Ungläubige ermorden wollen, aber ohne zu zögern die Mittel und Technologien der Ungläubigen verwenden, ist natürlich legitim, aber eine Frage die stets im Westen gestellt und  interessanterweise in islamistischen Zirkeln selbst keine Rolle spielt. Abgesehen von religiösen Gutachten aus der osmanischen Zeit von denen Bernard Lewis berichtet, die Muslimen erlaubten Waffen von Ungläubigen zu kaufen, wenn dies einen militärischen Sieg garantieren würde scheint das Thema in den Diskussionen der muslimischen Kleriker so gut wie keine  Rolle zu spielen.

Es scheint also ein gewisser Widerspruch darin zu stecken, dass Islamisten die Gleichheit von Frauen und die Kritik der Religion ablehnen, es aber nicht im Mindesten problematisch finden Computer, Smartphones, teure Autos und nicht zuletzt moderne Waffen zu benutzen. Möglicherweise ist es zu kurz gegriffen Moderne auf technologischen Fortschritt zu reduzieren, aber die Dämonisierung des Westens findet auf sozialen Netzwerken und digitalen Medien statt, die ohne den westlichen Einfluss niemals entstanden wären, und während die Islamische Republik Iran zwar Homosexualität unter Strafe stellt und eigene Religionswächter beschäftigt um zu wenig oder gar nicht verschleierte Frauen öffentlich zu maß regeln, ist ihre Regierung eifrig darum bemüht Nuklearwaffen zu bauen. Die Atommacht Pakistan ließ sich für den Bau (oder vermutlich eher den Erwerb) von Nuklearwaffen als Vorbild für die ganze sunnitische Welt feiern. Die angebliche Ablehnung der Moderne ist also recht zweifelhaft, wenn es um Technologie und harte Naturwissenschaft geht. Begreift man Moderne jedoch als intellektuellen Zustand, als Zweifel an Tradition, Religion und gesellschaftlichem Zwang, als reflexive Kritik an Modernisierung selbst, scheint die Gleichung wieder zu stimmen, aber auch das hat merkwürdige Brüche. Während Islamisten Homosexualität und linke Gesellschaftskritik strikt ablehnen, haben sie in den Queer und Transgender Szenen, den antiimperialistischen, trotzkistischen und fallweise kommunistischen Linken paradoxerweise ihre wichtigsten Bündnispartner innerhalb der westlichen Gesellschaften. Britische Islamisten marschieren gemeinsam mit Labour Party Abgeordneten und LGBTQQIA Aktivisten am Al-Quds Tag gegen Israel, ohne dass irgendeine Seite Anstoß am ideologischen Framework des anderen nimmt. Was sich aus Perspektive der Linken als Antirassismus formulieren lässt und in erster Linie eine Reaktion auf die eigene politische Marginalisierung sein mag, steht innerhalb des ideologischen Frameworks der Linken jedoch stets unter einem gewissen Rechtfertigungszwang, der manchmal verrückte Kapriolen schlägt. Warum atheistische und marxistisch orientierte Linke gerne mit Islamisten demonstrieren wird von Fall zu Fall neu beantwortet und wird trotz gemeinsamer Feindbilder zumindest als Widerspruch (hin und wieder) problematisiert. Dies ist jedoch ist aus Sicht der islamistischen Agitation keineswegs der Fall. Das Irritierende am islamistischen Diskurs ist nicht, dass es Widersprüche gibt was man an der Moderne als gegeben annimmt und was nicht, oder wer als Bündnispartner für die eigenen Ziele und Anliegen instrumentalisiert werden kann, sondern dass Islamisten nicht davon ausgehen, dass es sich um Widersprüche handelt, die durch das eigene Framework geklärt werden müssten. Wenn sich naive Kommentare im Westen darüber wundern, warum Islamisten zwar zu einer in ihren Augen perfekten Gesellschaft im 7. Jahrhundert zurück wünschen, aber gleichzeitig Enthauptungsvideos auf Youtube posten und höchst komplexe Computernetzwerke betreiben, sehen sie einen Widerspruch, der in den Augen des Gegenübers nicht existiert. Warum ist das so?

2.

Um diese Frage ansatzweise zu beantworten, muss man ein paar Umwege gehen. Beginnen wir fürs erste einmal hier: Die Website “Enzyklopädie des Islam“, ein Projekt der Gebrüder Gürhan und Yavuz Özoguz, zweier deutscher Unternehmer aus Bremen, die dem schiitischen Islam nahe stehen und die auch Betreiber der Website http://muslim-markt.de sind, soll nach eigenem Bekunden „sachliche, wissenschaftlich abgesicherte und überprüfbare Informationen über den Islam“ zur Verfügung stellen. In einem Eintrag über Immanuel Kant findet man folgendes: „Immanuel Kant war einer der bedeutenden deutschen Philosophen der Aufklärung. Er zählt zu den bedeutenden Vertretern der Philosophie der Westlichen Welt. Wenig bekannt hingegen in der Westlichen Welt ist seine intensive Auseinandersetzung mit dem Islam.“ (…)

Seine Auseinandersetzung war so intensiv, dass der Beitrag keinen einzigen Verweis im Werk Kants aufzählt, in dem dieser sich mit dem Islam beschäftigt. Man wird bis auf einige Bemerkungen auch kaum welche finden. Kant hat sich niemals – außer in gelegentlichen Nebensätzen, die Religion als allgemeines Thema zum Inhalt hatten – ausführlicher mit dem Islam auseinander gesetzt und wenn doch vor allem negativ. Der einzige Grund warum diese Behauptung überhaupt da steht ist die Doktorurkunde Kants aus dem Jahr 1755, auf der ganz oben die Bismillah abgebildet ist, jene Formel mit dem fast alle Suren des Koran eingeleitet werden: „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen“ (bi-smi llāhi r-rahmâni r-rahīm). Heute würde man dies als eine orientalistische Marotte deuten. Im Beitrag heißt es weiter: „Kant gehört zu den ersten abendländischen Philosophen, die den Verstand als Erkenntnisquelle hervorheben, eine Erkenntnis, die er wahrscheinlich seinem Studium des Islam zu verdanken hat.“

Der unfassbare Unsinn, der in diesen wenigen Zeilen steht spricht ohnehin für sich selbst, aber wichtiger ist, dass er verrät warum Islamisten eben ganz und gar kein Problem mit der Moderne als solcher haben. Wenn Islamisten den Westen und die europäisch/amerikanische Kultur dämonisieren geht es nicht um die Ablehnung seiner Errungenschaften, seien sie technischer, philosophischer oder wissenschaftlicher Natur, sondern darum zu erklären, dass diese immer schon dem Islam und seinem Einfluss entsprangen. Das Bedürfnis islamistischer Apologetik ist es stets zu erklären, warum Demokratie, Menschenrechte, Wissenschaft und so weiter eben nicht im Widerspruch zum Islam stünden, sondern von Allah im Qur’an bereits weitsichtig implementiert worden sind.

Die Reduzierung Kants auf eine Episode islamischer Aufklärung ist inhaltlich unhaltbar, aber eminent politisch und keineswegs eine einzelne verirrte Fehlleistung. Eine umfangreiche apologetische Literatur in der arabischen Welt, die „Iʿdschāz“ genannt wird, ist seit Jahrzehnten damit beschäftigt für jede wissenschaftliche Erkenntnis, die in irgendeiner Weise als wesentlich betrachtet wird Verse im Koran zu finden, die beweisen sollen, dass die Ausdehnung des Universums, die Form des Erde, pränatale Diagnostik, Krebsforschung und die Bewegungen der Planeten bereits vor jeder europäischen Aufklärung und wissenschaftlichen Revolution im Heiligen Buch fest geschrieben wurde. Nicht jede solche Behauptung ist unsinnig oder falsch, aber sie ist Teil eines Narrativs, das sicher stellen soll den Kern des Islamischen Glaubens als einzig wahrer Religion beizubehalten. Es finden sich natürlich wissenschaftlich überprüfbare Aussagen im Koran, aber der Zweck solcher Übungen ist nicht eine Verbesserung wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern die diskursive Absicherung der Überlegenheit des Islam. Islamisches Denken ist eines, das unentwegt Identität postuliert, Identität von Politik und Religion, Gesellschaft und Individuum, Begriff und Objekt. Es liegt daher in der Sache selbst, dass muslimische Philosophie, soweit man das so nennen will, keine Widersprüche an sich akzeptieren kann, sondern immer darauf aus ist die Synthese des Unvereinbaren zu propagieren. Es gibt keinen Widerspruch zur Moderne, sondern jedes Phänomen wird zu islamischem Eigentum erklärt, das immer schon im Koran anwesend ist, indem man nach Übereinstimmung mit dem eigenen Wissen sucht und dabei konsequent alle Details ignoriert, die eine solche Übereinstimmung in Frage stellen könnten. Was für Naturwissenschaft gilt, ist darum auch für Demokratie und Menschenrechte zu sagen: in der perfekten Gesellschaft, die der Prophet mit seinen Gefährten in Medina errichtete war der islamisch geprägte Urkommunismus bereits Realität und nahm so bereits alle möglichen Errungenschaften, die der Westen arroganter weise für sich beansprucht vorweg. Die Offenbarung des Qur‘an präsentierte sie im vollen Licht der Geschichte, während die Ungläubigen noch in Platos Höhle wohnten. Da der Islam im Gegensatz zum Christentum das Problem der Übersetzung nicht kennt werden Begriffe und Themen in eins gesetzt, deren Übereinstimmung zweifelhaft ist und die erst überprüft werden müsste, aber durch das Gebot der Identität als Gleiches gesetzt wird, weil man nur Analogien sieht. Man deklariert zwar die absolute Kompatibilität des Islam mit der Moderne und den Wissenschaften, aber Islamisten (und nicht nur sie) scheinen unfähig zu sein die Dialektik als solche anzuerkennen, die in der Ungleichzeitigkeit der Kulturen wohnt. Islamische Apologeten lieben es die allumfassende Dominanz des Islam in allen Bereichen menschlicher Tätigkeit zu propagieren ohne jemals Rücksicht auf Fakten, Geschichte und Substanz anderer Kulturen und Ideen zu nehmen. Was westlichen Gesellschaften öfters und durchaus zu Recht vorgeworfen wird, die Welt aus einem eurozentristischen Blickwinkel zu betrachten, realisiert sich im islamischen Kontext als durchgehender Islamozentrismus, der von keiner postmodernen Dekonstruktionsmystik jemals mit eines Gedankens kränklicher Blässe gewürdigt worden ist.

Der israelische Historiker und Arabist Uriya Shavit analysiert in seinem Aufsatz „Islamotopia“ die Ideologie der Muslimbrüder Ägyptens und wie sich für sie die Auseinandersetzung mit der Moderne darstellt. Er hält fest, dass die Muslimbrüder zu einer reform-orientierten Strömung zählen, die bereits im 19. Jahrhundert begann und von Leuten wie Jamal al-Din al-Afghani, Muhammad ‘Abduh, und Rashid Rida begründet wurde, die allesamt empfahlen, dass die muslimische Welt die technologische Überlegenheit des Westens kopieren, aber auf ihrer islamischen Vergangenheit und Spiritualität bestehen müsse. Allen diesen Ansätzen ist zu eigen, dass sie Technik und moderne Naturwissenschaft als rein instrumentale Anordnung verstehen, die durch ihre Abwesenheit oder auch Ablehnung religiöser Erklärungsmodelle auch keinerlei metaphysisches Dispositiv voraus setzt. Shavit schreibt: „Um die naturgemäß innewohnende Spannung zwischen der Ablehnung und der Akzeptanz der westlichen Welt zu reduzieren, bietet der politische Islam eine religiöse Interpretation moderner säkularer Ideen und Institutionen an. Seine Anhänger versuchen für jede westliche Errungenschaft ein vor-gängiges Äquivalent zu finden und beschreiben seine Vereinnahmung als eine authentische Rückkehr zu den Quellen, und ganz bestimmte keine Abkehr von ihnen.“

Das Missverständnis, wenn man es so nennen will,  hat weitreichende Konsequenzen. Shavit schreibt weiter:

„Die Synthese aus Traditionalismus und Moderne auf der islamistisches Denken basiert, erlaubt der Moslembrüderschaft ihren Anhängern zu versichern, dass sie die Arabische Welt zu technologischem und wirtschaftlichem Erfolg führen kann, ohne sie zu jener spirituellen Leere und moralischen Korruption zu verdammen, die den Westen über alle Maßen plagt. Aber genau hier liegt die zentrale Fehlinterpretation aller Islamisten, was die Wurzeln des Erfolgs westlicher Gesellschaften anbelangt. Die Freiheit grundsätzliche Wahrheiten in Frage zu stellen ist nicht einfach eine Nebenwirkung wissenschaftlichen Fortschritts, sondern ihre direkte Ursache. Man kann nicht die Freiheit des Denkens auf diesem Gebiet einschränken und auf jenem erlauben, genau so wenig wie eine Universität erwarten kann dass sie von der einen Fakultät brauchbare Resultate aus der Entwicklung neuer physikalischer oder evolutionärer Theorien erhält, wenn sie Zweifel an der historischen Wahrheit prophetischer Überlieferung an der anderen Fakultät verbietet. Weil es ihnen an genau an jenem Pluralismus, jener Toleranz und auch Ironie mangelt, die westliche Gesellschaften auszeichnen, werden islamistische Regime, wo sie zur Macht kommen, den schwerwiegenden Rückstand in Wissenschaft und Technologie, an dem heutige arabische Gesellschaften schwer leiden noch weiter festschreiben oder sogar verschlimmern.“ (Übersetzung JM)

Oder wie es nach einem englischen Sprichwort heißt: “You can’t have your cake and eat it (too).” Aber was für einen Betrachter von außen wie ein Widerspruch klingt, ist für die islamistische Ideologie keiner. Wie ich in einer Besprechung von Tariqs Ramadans Buch „The Quest for Meaning“ zeigen konnte, besteht Ramadan darauf, dass der Islam dialektische Widersprüche ablehnt und einer Tendenz frönt, für jeden tatsächlichen Widerspruch ein totales Identitätsparadigma zu postulieren. Es darf keine inneren Spaltungen geben, keine dialektischen Widersprüche und keine begriffliche Terminologie, diese inneren Spannungen zu benennen. Es ist daher von verschiedenen Seiten bemerkt worden, dass sich nicht bloß der islamistische Rand, sondern der ganze islamische Mainstream in jenen Fahrwässern bewegt, in denen im 20. Jahrhundert totalitäre Bewegungen, vom Nationalsozialismus bis zum Stalinismus ihre politischen Spuren hinterließen. Man muss allerdings nicht so weit gehen, um heutigen Phänomenen wie der Political Correctness ebenfalls die Tendenz zu unterstellen, politisch eine Identität zwischen Sprache und Realität erzwingen zu wollen, die bereits in ihren Grundfesten totalitär ist und in krassem Gegensatz zu Kritischer Theorie steht. Nicht ganz zufällig nannte Adorno als Ziel seiner „Negativen Dialektik“ eine „Philosophie, die nicht den Begriff der Identität von Sein und Denken voraussetzt und auch nicht in ihm terminiert, sondern die gerade das Gegenteil, also das Auseinanderweisen von Begriff und Sache, von Subjekt und Objekt, und ihre Unversöhntheit, artikulieren will.“ (Adorno: Vorlesung über Negative Dialektik. Fragmente zur Vorlesung 1965/66. Frankfurt 2007, S. 15f.) Totalitäre und unterdrückerische Systeme jedweder Art sind bestrebt die Anwesenheit des „Nicht-Identischen“ (Adorno) ideologisch und physisch zu vernichten. Der Anspruch auf Identität zwischen Sprache und Realität wird selten thematisiert, wenn es um den Islam geht, aber er hat sehr interessante Nebenwirkungen. Es ist höchst merkwürdig, dass es auch unter den Linken, die Islamophobie für den „neuen Antisemitismus“ halten, und höchstes Verständnis für muslimischen Zorn und Gekränktheit haben, wenig Bereitschaft existiert in größeren Gruppen zum Islam zu konvertieren. In den intellektuellen Eliten Europas und der USA halten zwar sowohl Kritiker als auch Freunde des Islams einander die Waage, aber selbst in der westlichen Islamwissenschaft hat nur eine Minderheit den Weg zu dieser Religion gefunden. Läge es nicht auf der Hand, dass die intellektuellen westlichen Islamfreunde eine marxistische, feministische, poststrukturalistische Theorie islamischer Prägung längst entwickelt haben sollten, die unter dem Banner der Diversität ihre segensreichen Marsch durch die Institutionen antreten würde? Mir ist nicht bekannt, dass die wortreichsten Verteidigerinnen des Kopftuchs als Werkzeug der Selbstermächtigung es jemals selbst getragen und konsequenterweise konvertiert wären. Man kann mit gutem Grund vermuten, dass der Islam selbst wenig Anziehungskraft auf Intellektuelle ausübt, die ein Mindestmaß an dialektischer Spannung aushalten, wie z.B. feministische oder marxistische Islamophobie ExpertInnen. Und selbst wenn man nicht unbedingt die Polemik schätzt, die mit solchen Argumenten verbunden ist, stellt sich die Frage, warum der Islam so unattraktiv für jene ist, die am meisten mit seinem Schutz vor Islamophobie beschäftigt sind. Es bleibt vorerst eine offene Frage.

3.

Die vor allem im angelsächsischen Raum gezeigte Wanderausstellung „1001 Inventions“, einem Projekt das von zahlreichen islamischen Akademikern und internationalen Institutionen getragen wird, tourt seit 2010 durch Europa und die USA und ist derzeit in Asien unterwegs. Das Ziel der Ausstellung, die eine teure und aufwändige Website und hoch professionelles Marketing betreibt, ist laut eigenen Angaben folgende Aufgabe: „1001 Inventions is an award-winning international science and cultural heritage organisation that raises awareness of the creative golden age of Muslim civilisation that stretched from Spain to China. From the 7th century onwards, men and women of different faiths and cultures built on knowledge from ancient civilisations making breakthroughs that have left their mark on our world.”

Es erscheint mir ein interessantes Detail am Rande zu sein, dass nichts über die Organisation dahinter geschweige denn ihre Finanzierung zu erfahren ist. Weder die eigene Wikipediaseite noch andere Quellen verlieren darüber auch nur ein Wort. Im Vordergrund steht eine bilderreiche und keineswegs uninteressante Reise in eine Welt der Wunder und intellektuellen Höchstleistungen. Es gibt keine wissenschaftliche Entdeckung von Rang, keine Technologie und keine intellektuelle Leistung, die nicht in einem islamischen Kontext voraus gedacht, selbst entwickelt oder zumindest in utopischer Diversity („men and women of different faiths and cultures“) besprochen worden wäre. Vor allem der Mythos des toleranten weltoffenen muslimischen Spanien, das rund um Cordoba ein multikulturelles, multiethnisches und multigeschlechtliches Zentrum der Bildung und des Lernens errichtet haben soll, hat es den Ausstellungskuratoren angetan. Dies wird jedoch durch neuere historische Arbeiten, etwa jene von Dario Fernández-Morera als unhaltbar zurück gewiesen. In der Presse, die im Sinne der Veranstalter darüber berichtet liest man Sätze wie: „How many people are aware that hospitals, pharmacies, libraries and bookshops were first established in the Muslim world? Or that the experimental scientific method – used by all scientists today – was the brainchild of 10th century genius ibn Al-Haitham? Or that modern robotics, vaccinations, soap, the guitar, the fountain pen and hundreds of other inventions can be traced back to Muslim civilisation?”

Jeder Abschnitt, den die Ausstellung bearbeitet wartet mit solchen Superlativen auf. Es gibt kein Gebiet, das nicht als unmittelbarer Ausdruck muslimischer Genialität propagiert wird. Der türkisch-amerikanische Physiker Taner Edis und die ostdeutsche Wissenschaftshistorikerin Sonja Brentjes, (die übrigens selbst als Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von „1001 Inventions“ erwähnt wird) haben 2012 einen sehr kritischen Artikel in der Zeitschrift „Sceptical Inquirer“ veröffentlicht, indem sie einige der gröbsten historischen Verfälschungen publik machten. Ich werde hier nur einen kurzen Auszug daraus ins Deutsche übersetzen, um den allgemeinen Trend deutlich zu machen.

„Das Kapitel „Schule“ (des Ausstellungskatalogs, Anm. JM) beginnt mit zwei grundlegend falschen Behauptungen in seiner zusammenfassenden Einleitung, nämlich dass (1) „die Muslime des Mittelalters schulisches Lernen erweiterten, vom Grundschulniveau in den Moscheen, zu den Universitäten bis zum Großen Haus der Weisheit, einer intellektuellen Institution im Bagdad des 9. Jahrhunderts“ und (2) „dass der Ethos zu lernen eine Kultur schuf, in der forschende Geister nach der Wahrheit suchten auf Basis einer strengen wissenschaftlichen Experimentierfreudigkeit, die Meinung und Spekulation als unwürdige Schüler verbann. Dieses System des Lernens wie es von mittelalterlichen Islam verkörpert wurde, formte das Rückgrat einer Entwicklung aus der die außergewöhnlichsten Erfindungen und Entdeckungen hervorgingen.“ Nicht ein einziges Wort dieser beiden Sätze kann durch mittelalterliche Quellen belegt werden. Nicht nur gab es keine Universitäten zu dieser Zeit, auch die madrasas (Schulen zur Ausbildung von Islamlehrern, Anm. JM) in denen vereinzelt Mathematik und Astronomie unterrichtet wurde entstanden viel später und erinnerten kaum an Universitäten. Generell gab es in den meisten islamischen Gesellschaften kaum Moscheen die Grundschulausbildungen für Jungen anboten, eine begrenzte Anzahl hatte einen Gönner oder Patron, der das manchmal finanzierte. Dies war von Stadt zu Stadt und Dorf zu Dorf unterschiedlich und selbst von Viertel zu Viertel gab es keine einheitliche Organisation dafür. Die Verortung heutiger Bildungsinstitutionen in direkten islamischen Vorläufern ist Ideologie, nicht Wissenschaft.“

Soweit Brentjes und Edis. Beide haben übrigens auch Beiträge für das Buch „1001 Distortions“ verfasst, das die lange Liste an Fehlern, Ungenauigkeiten, Desinformationen und schlichten historischen Fälschungen systematisch abarbeitet. Sonja Brentjes, die ja selbst an der Entwicklung von „1001 Inventions“ beteiligt war, sieht eine „verpasste Gelegenheit“, die Reichtümer der Islamischen Kultur wissenschaftlich akkurat darzustellen, jedoch sind Zweifel angebracht, ob das überhaupt jemals ein Ziel gewesen ist. Die hunderttausenden Besucherinnen und Besucher weltweit werden mit einer Geschichte konfrontiert, die eine reine Einbahnstraße gewesen sein muss. Obwohl die Betreiber der Ausstellung wohlweislich im Hintergrund bleiben, wollen sie dennoch einen freundlichen, weltoffenen Islam präsentieren, der auf Mittel der Propaganda zurück greift und anders gar nicht vorstellbar erscheint. Der Zugang zur Moderne aus der Sicht von Islamisten entpuppt sich rasch als imperiale Geste. Eifersüchtig reklamieren die islamischen Vermittler jede Leistung für sich, als ob es niemals auch andere gegeben hätte. Die zum Teil kruden Unwahrheiten zu fabrizieren und zu glauben ist weder strafbar noch anstößig, Meinungsfreiheit ist schließlich für alle da. Es ist jedoch auffällig, wie konsequent diese Ideologie nicht nur jeden fremden Einfluss bestreitet, er negiert auch die Präsenz des Anderen aus jedem metaphysischen Kontext. Was für Christen und Juden zumindest heute völlig selbstverständlich ist, die Anwesenheit des Anderen als gegeben zu akzeptieren, scheint in der muslimischen Welt heute weniger vor zu kommen als jemals zuvor. Dass es sich bei der Ausstellung außerdem um eine rein sunnitische Veranstaltung handelt, die nicht nur christliche und jüdische Einflüsse negiert, sondern auch die schiitische Tradition völlig außen vor lässt, kann man an dem interessanten Faktum erkennen, dass der Name Suhrawardi, ein persischer Philosoph zur Zeit des Salah ad-Din in der gesamten Ausstellung nicht auftaucht. Suhrawardi war einer der bedeutendsten Philosophen des Mittelalters, der durch eine Intrige sunnitischer Kleriker der Häresie beschuldigt und schließlich hingerichtet wurde. Nicht einmal dieses Detail  kann der islamische Triumphalismus angemessen bzw. überhaupt darstellen. Eine halbwegs konsistente Antwort wie damit einigermaßen vernünftig umzugehen ist dürfte derzeit noch schwieriger zu finden sein.

4.

Meine Polemik weiter oben, dass es auch bei jenen keinen Trend zur Konversion zum Islam gibt, die sich als sein moralischer Schutzschild verstehen ist keineswegs leichtfertig dahin gesagt. Die islamistische Moderne kann nur ein Fehlschlag sein, weil sie die intellektuelle Exzellenz zwar propagiert, aber nicht realisiert. Die pathologische Schamkultur erzwingt eine identitätspolitische Schizophrenie, die zwangsläufig an den Wirklichkeitsriffen zerschellen muss. Ob das möglicherweise auch zivilisiert und ohne Weltkrieg vonstattengehen kann, bleibt eine ungewisse Frage. Eine recht merkwürdige Schlussfolgerung aus dem zuvor Geschriebenem ist jedoch: Der Islam ist keine philosophische oder geistige Herausforderung für den Westen. Für die tatsächlichen Probleme des 21. Jahrhundert sind seine Antworten schlicht keine Antworten, sondern bloß irrelevant. Das Problem, das der Islam für Europa und den Westen darstellt ist auch keines der Fremdheit und auch keines der „Überfremdung“, wie rechtsextreme Propaganda oft behauptet, es hat auch nichts mit der angeblichen Unvereinbarkeit des Islam mit Demokratie und Menschenrechten zu tun, sondern es ist schlicht eine Frage wie Europa und der Westen zu sich selbst steht. Das Problem, das der Islam konkret stellt ist die politische Frage nach der Identität Europas im Kontext der westlichen Zivilisation. Wer sind wir? Und was wollen wir erreichen? Man wird keine Antwort darin finden, zu diskutieren ob der Islam modernisierbar, reformierbar oder friedlich sei, weil der Islam tatsächlich nicht das eigentliche Problem ist und es auch niemals war. Auch die mitunter recht chaotische Migration wird daran nichts ändern. Was man heute „Westen“ nennt ist kein geographischer, sondern ein metaphysischer Ort.

(To be continued)

Verwendete Literatur

Karl Wullf:

https://www.amazon.de/Islam-die-Naturwissenschaften-religi%C3%B6sen-Wissenschaft/dp/3842896158#reader_3842896158

Taner Edis: An Illusion of Harmony

https://www.amazon.de/dp/1591024498/ref=pe_386171_38075861_TE_item

Brentjes, Edis, Richter-Bernburg: 1001 Distortions

https://www.amazon.de/dp/3956501691/ref=pe_386171_38075861_TE_item

sowie:

http://www.newenglishreview.org/Norman_Berdichevsky/The_Myth_of_the_Golden_Age_of_Tolerance_in_Medieval_Muslim_Spain/

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Kategorien:Culture and War

Nachtrag 2: Bob Dylans Nobel Price Speech

Dezember 12, 2016 2 Kommentare
“Glory is like a circle in the water, 
 Which never ceaseth to enlarge itself 
 Till by broad spreading it disperse to nought.”
Ein Zirkel nur im Wasser ist der Ruhm,
der niemals aufhört, selbst sich zu erweitern,
Bis die Verbreitung ihn in nichts zerstreut.”

William Shakespeare, Henry VI

(Übersetzung von August Wilhelm Schlegel)

 

Die am 10. Dezember gehaltene Zeremonie zu Verleihung des Literatur Nobelpreises 2016 fand zu unser aller Bedauern leider ohne Dylan selbst statt, aber in seiner grenzenlosen Weisheit schickte er Patti Smith als seine Emissärin, die eine wundervolle Interpretation von „A Hard Rain’s A Gonna Fall“ auf die Bühne zauberte. Es sei an dieser Stelle erinnert, dass Patti Smith wohl zu den wenigen Singer/Songwritern gehört, die man gemeinsam mit Bob Dylan in einem Atemzug nennen muss. In einem anderen Universum existiert eine Erde, in der Patti Smith den Nobelpreis bekommt und statt ihrer selbst Bob Dylan nach Stockholm schickt, dessen bin ich mir sicher. Wir verbeugen uns daher in aller Ehrfurcht und mit Tränen in den Augen vor dieser großen Künstlerin, die einem anderen großen Künstler die Ehre erweist.

 

 

Die amerikanische Botschafterin in Schweden, Azita Raji, las im Rahmen der Zeremonie eine von Dylan verfasste Dankesrede vor, die ich hier der Einfachheit halber ins Deutsche übersetzt habe. Das Original findet sich hier, wie es auf der Website der Schwedischen Akademie veröffentlicht wurde. Dylan sagt also das:

 

Guten Abend allerseits!

Ich möchte meine freundlichsten Grüße an die Mitglieder der Schwedischen Akademie übermitteln, sowie an alle anderen erlauchten Gäste dieser Zeremonie.

Es tut mir leid, dass ich nicht persönlich bei ihnen sein kann, aber bitte seien sie versichert, dass ich im Geiste bei ihnen bin und nur schwer ausdrücken kann sehr ich mich geehrt fühle diesen renommierten Preis zu empfangen. Den Nobelpreis für Literatur zu erhalten ist etwas, das ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt hätte.

Seit meiner Kindheit bin ich vertraut mit den Werken jener, die man einer solchen Würde für wert befunden hat und las begeistert die Bücher von Kipling,  Shaw, Thomas Mann, Pearl Buck, Albert Camus, Hemingway. Diese Giganten deren Literatur in den Klassenzimmern unterrichtet, den Bibliotheken auf der ganzen Welt gesammelt und über die in ehrfurchtsvollem Ton gesprochen wird, haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Dass ich nun auf derselben Liste wie sie stehe raubt mir die Worte.

Ich weiß nicht ob diese Männer und Frauen sich jemals selbst bei der Verleihung des Nobelpreises bei diesem Gedanken ertappt haben, aber ich glaube, dass jeder, der ein Buch schreibt, ein Gedicht oder ein Theaterstück diesen geheimen niemals laut ausgesprochenen Traum tief in sich trägt, so tief begraben, dass es den meisten vermutlich nicht einmal bewusst ist.

Wenn mir jemand erzählt hätte, dass ich auch nur die leiseste Chance hätte den Nobelpreis zu gewinnen, müsste ich daran denken, dass es mir genauso wahrscheinlich vorgekommen wäre auf dem Mond zu stehen. Dazu kommt die bemerkenswerte Tatsache, dass ich in einem Jahr geboren wurde, indem wie in den kommenden Jahren danach niemand auf der ganzen Welt für gut genug empfunden wurde, den Nobelpreis zu erhalten. Darum denke ich das Mindeste, was ich dazu sagen kann ist, dass ich mich wohl in sehr illustrer Gesellschaft aufhalte.

Ich war gerade unterwegs, als ich die überraschende Nachricht bekam und es brauchte mehr als ein paar Minuten diese Entscheidung in ihrer ganzen Tragweite zur Kenntnis zu nehmen. Ich begann über William Shakespeare nachzudenken, diese überragende literarische Gestalt. Ich würde vermuten, dass er sich selbst vor allem als Dramatiker betrachtete. Der Gedanke, dass er Literatur verfassen würde, dürfte ihm kaum jemals gekommen sein. Seine Worte wurden für die Bühne geschrieben. Sie sollten gesprochen werden, nicht still für sich gelesen. Als er Hamlet schrieb, bin ich mir sicher dachte er an ganz andere Dinge. „Wer sind die richtigen Schauspieler für diese Rollen?“ „Wie soll es inszeniert werden?“ „Möchte ich wirklich, dass es in Dänemark spielt?“

Seine schöpferischen Visionen und sein Ehrgeiz waren ohne Zweifel mit diesen Fragen beschäftigt, aber es gab auch ganz andere, praktische Dinge zu bedenken und zu organisieren. „Kann ich es finanzieren?“ „Gibt es genug Sitze für meine Gönner?“ „Wo bekomm ich einen menschlichen Schädel her?“ Ich wette jedoch, dass Shakespeares Geist am allerwenigsten mit der Frage beschäftigt war: „Ist das Literatur?“

Als ich als Teenager begann Songs zu schreiben, und auch später noch, als ich bekannter wurde, gingen meine Ansprüche was diese Songs betrifft nicht sehr weit. Ich dachte man würde sie vielleicht in Kaffeehäusern oder Bars hören und später vielleicht an Orten wie der Carnegie Hall oder dem Londoner Palladium. Meine kühnsten Träume drehten sich darum, vielleicht einmal eine Platte zu machen und mit zu erleben wie meine Songs im Radio gespielt werden. Das war für mich der größte Erfolg, den ich mir vorzustellen wagte. Platten zu machen und die eigenen Songs im Radio zu hören bedeutet ein großes Publikum zu haben, und dass ich vielleicht wirklich genau das für den Rest meines Lebens würde tun können. Nun, ich habe das tatsächlich getan, seit einer sehr langen Zeit schon. Ich habe dutzende Platten veröffentlicht und tausende Konzerte auf der ganzen Welt gespielt. Aber es sind vor allem und zu allererst meine Songs, die im Mittelpunkt meines Werkes stehen. Sie scheinen einen Platz im Leben von so vielen Menschen über so viele Kulturen hinweg gefunden zu haben, dass ich nicht anders als dankbar dafür sein kann.

Aber ich muss dazu noch etwas sagen: Als Bühnenkünstler bin ich vor 50000 und vor 50 Leuten aufgetreten und ich kann ihnen aus eigener Erfahrung versichern, dass es schwieriger ist vor 50 Leuten zu spielen. 50000 Menschen sind eine einzige Person, aber das nicht so bei 50. Jede Person hat eine eigene, erkennbare Identität, die eine ganze Welt für sich darstellt. Sie können wesentliche Details viel besser beurteilen und sehen viel klarer. Die eigene Ehrlichkeit und wie sie mit den Tiefen des vorhandenen Talents in Beziehung steht wird vor so einem Publikum auf die Probe gestellt. Die Tatsache, dass das Komitee des Nobelpreises nur aus wenigen Menschen besteht ist mir darum keineswegs verborgen geblieben.

Aber wie Shakespeare bin ich zu oft damit beschäftigt meinen eigenen kreativen Impulsen zu folgen und auch die ganz praktischen Aspekte des täglichen Lebens zu meistern. „Wer sind die besten Musiker für diesen Song?“ „Habe ich das richtige Studio ausgesucht?“ „Hat dieser Song die richtige Tonart?“ Manche Dinge ändern sich nie, auch nicht in 400 Jahren.

Nicht einmal während meiner ganzen Karriere habe ich mich jedoch gefragt: „Sind meine Songs Literatur?“.

Darum danke ich der Schwedischen Akademie sich dieser Frage so intensiv gewidmet und schließlich eine solch wundervolle Antwort gefunden zu haben.

Meine besten Wünsche an sie alle, Bob Dylan

(© The Nobel Foundation 2016)

Ich hatte gehofft, dass Dylan bei seiner Dankesrede etwas über seinen Zugang zu Literatur verraten würde und wenn auch auf Umwegen hat er das mit dieser Rede getan. So kurz und locker im Tonfall sie auch sein mag, sie enthält einige sehr interessante Blitzlichter. Die Namen, die er nennt, und in deren Ahnenreihe er sich jetzt stellen kann sind interessant in ihrer Unterschiedlichkeit. Die englischen Klassiker Kipling und Shaw, der „bigger than life“ Schriftsteller Hemingway , der für die Bohèmien Szenen der 60er Jahre so wichtige Existentialist Camus, der wortgewaltige Thomas Mann und schließlich Pearl S. Buck, Preisträgerin des Jahres 1938, die mit ihrem Buch „Die gute Erde“ offenbar nicht nur mir eine wundervolle Leseerfahrung geschenkt hat.

Und dann ist da auf einmal der Bezug zu Shakespeare, mit dem er sich zwar nicht vergleicht, aber in dem er offenbar einen wesensverwandten Künstler sieht. Shakespeare so betont er, habe genau wie er selbst niemals darüber nach gedacht, ob das Literatur sei, sondern hätte ganz praktische Probleme bewältigen müssen. Kunst so will uns Dylan sagen ist in erster Linie Arbeit und Disziplin. Oder wie Musil einmal geschrieben hat, dass Genie eine Frage der Beharrlichkeit sei. Er verwendet dafür den Begriff „mundane“ („all aspects of life’s mundane matters“), der weltlich, alltäglich, profan und auf jeden Fall das Gegenteil von heilig und sakral bedeutet, aber in seinem Wortstamm bereits die Welt beinhaltet. Dass das Leben einer einzelnen Person eine ganze Welt für sich ist erwähnt er an einer anderen Stelle nicht ganz zufällig. Dylan ist ein religiöser Mensch. In seiner Art und Weise die Dinge zu sehen ist sicher eine protestantische Arbeitsethik erkennbar, aber seine Auffassung von Kunst geht weit darüber hinaus. Das Sakrale der Kunst kann nicht vom profanen Charakter der Arbeit an ihr und mit ihr getrennt werden. Diese Unschärfe erfordert weniger Abstraktion („Ist das Literatur?“), sondern in jedem Fall die Hingabe an die Arbeit des Schöpferischen.

Und eben auch die Tatsache, dass Dylan nicht nur schreibt, sondern auch performt, aufführt, spielt. Genau wie Shakespeare stellt er sich Problemen von Inszenierung und Präsentation, oder besser: der Form. Kunst ist in erster Linie eine Frage des Wie, und dann erst des Was. Was Dylan macht ist auch Literatur, geht aber noch darüber hinaus in den Komplex dessen was Kunst überhaupt bedeutet. Niemals, während seiner ganzen Karriere, habe er sich die Frage gestellt, ob seine Songs Literatur seien. Er richtet diesen Satz an die Akademie, deren Entscheidung er damit sehr intelligent unterstützt. Aber er wendet er sich damit auch an jene, die sich der mühsamen Debatte angeschlossen haben, ob Dylans Songs eigentlich als Literatur betrachtet werden können. Diese Frage richtet er ihnen aus, ist irrelevant. Literatur besteht darin sie zu machen und sie aufzuführen, in  eine sinnliche Erfahrung um zu gestalten, deren Wesen nicht ist, sondern geschieht. Diese Erfahrung muss von jeder einzelnen Person zu dem gemacht werden, was ihre Welt ist, aber eben als Bewegung und Reise gedacht. Literatur ist und steht nicht, sie passiert. Der Künstler Dylan weiß diese Wertschätzung durch jeden einzelnen Zuhörer und jeder einzelnen Zuhörerin zu schätzen. Seine Einschätzung, dass es sich vor 50000 Menschen leichter spielen würde, als vor 50 ist keine leichtfertige Behauptung. Anders als viele glauben, ist ihm sehr bewusst, dass die hohe Wertschätzung für sein Werk auch das Ergebnis intellektueller Debatten ist, in der die einzelnen mit aller Schärfe ihres individuellen Verstandes seine Stärke als Künstler heraus fordern. „The fact that the Nobel committee is so small is not lost on me.”

Eleganter und präziser habe ich das noch nie gehört. Die selbstbewusste Demut Dylans wurde mit diesem Preis auf die Probe gestellt, und er hat sie souverän gemeistert. Wir verbeugen uns.

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