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Stop being a color – Verspätete Grußformel anlässlich des 1. Todestages von Michael Jackson

„I‘m not going to spend
My life being a color.“

Michael  Jackson, Black Or White (Dangerous, 1991)

Als Michael Jackson gestorben ist habe ich ehrlich getrauert. Für mich war er ein Idol seit meiner Kindheit. Es war nicht immer leicht ein bedingungsloser Fan zu sein, aber selbst als er nur noch mit Skandalen und schlechter Presse in die Nachrichten gelangte, bestand mein erster Impuls immer darin, für ihn Partei zu ergreifen. Es wird vielen anderen auch so gegangen sein, aber für die Mehrheit war MJ eine Witzfigur, jemand über den man dumme und geschmacklose Scherze machen konnte. Aber mehr noch war MJ eine Hassfigur für Intellektuelle. Ob er sich wirklich des Missbrauchs von Kindern schuldig gemacht hat, erscheint bis heute fraglich, er wurde jedenfalls nie deswegen verurteilt. Und dies gilt auch angesichts der Tatsache, dass jeder weiß, dass Reiche vor Gericht bessere Chancen haben. Aber schon lange vor diesen schwerwiegenden Vorwürfen hatten die allermeisten MJ Hasser den Sänger in ihrem Visier und bedachten ihn mit Hohn und Spott. Fast jeder kennt die dummen Sprüche, die sich um sein unorthodoxes Haustier, einen Schimpansen namens Bubbles drehten. Die geschmacklosesten und dümmsten Witze unterstellten MJ eine Art sexuelles Verhältnis zu dem Tier, wohl wissend, welche merkwürdigen rassistischen Projektionen hinter solchen Phantasien steckten.

Linke Intellektuelle oder solche, die sich dafür hielten hatten mit Michael Jackson immer ihre Schwierigkeiten. Man konnte in den Milieus, die von linken Intellektuellen bevölkert werden,  ein Fan von Bob Dylan,  Johnny Cash oder auch David Bowie sein, aber wenn man sich wie der Autor dieser Zeilen unter studentischem Publikum als Michael Jackson Fan outete, wurde man zumeist belächelt und nicht für voll genommen. Man galt vor allem Anfang der 90er einfach als uncool. Victor Adler, dem Mitbegründer der österreichischen Sozialdemokratie, wird der Satz zugeschrieben: „Lieber mit den Massen irren als gegen sie recht behalten.“ In diesem Fall wollte man unbedingt gegen die Massen recht behalten und auf gar keinen Fall mit ihnen irren.

Michael Jackson war niemals ein Popstar für Intellektuelle. Und dies hat nicht mit kommerziellem Erfolg zu tun, sonst würden jene linken Zeitgenossen weder für Bob Dylan noch Johnny Cash schwärmen, die beide in dieselbe Liga gehören, was verkaufte Tonträger angeht. Michael Jackson ist ein Popstar der Massen gewesen, weniger der „King of Pop“ als ein globaler Volkstribun, dessen schiere körperliche Präsenz alle sprachlichen und kulturellen Barrieren aufhob.  Seine Fans waren Menschen, die keine Distanz brauchten, sondern Identifikation. Eine Sache mit der die Intellektuellen (und der Autor nimmt sich da nicht aus) immer ein wenig zu kämpfen haben. „Pop ist nicht Code, sondern die Veränderung von Codes; nicht Form, sondern die Veränderung von Form.“, schrieb Georg Seesslen einmal und Michael Jackson war ein Künstler, der alle Formen und Codes über seinen Körper transformierte und die Codes veränderte mit denen in Pop Politik gemacht wird. Da war zum einen immer die Geschichte mit seiner Hautfarbe. Als im Oktober 1991 die erste Singleauskoppelung aus Michael Jackson’s Album „Dangerous“  die Radios und Hitparaden dieser Welt eroberte,  war sein Interpret bereits seit längerer Zeit Gegenstand eines sehr merkwürdigen Diskurses unter Journalisten und Publikum. Sein Hit „Black Or White“ hatte eine scheinbar einfache (und harmlose) Botschaft mit dem eingängigen Refrain „It don’t matter if you’re black or white“ anzubieten, deren naive Selbstverständlichkeit jedoch von einem anderen Thema überschattet wurde.

Schon seit Ende der 80er Jahre hatte es im Hintergrund des öffentlichen Bewusstseins  immer wieder auftauchende Fragen um Michael Jacksons Hautfarbe gegeben. Zum Teil verwunderte, zum Teil hämische Berichte und Bilder in Yellow Press und Fernsehen schilderten ungläubig Michaels Transformation vom deutlich erkennbaren Schwarzen aus seiner Jackson 5 Zeit zum blassen albinoartigen Mischwesen, in das er sich während seiner Solokarriere verwandelte hatte. Alle möglichen Gerüchte über Gesichts und Schönheitsoperationen, Hautbleichungen und Pigmentstörungen waren Bestandteil des Mythos um den „King of Pop“, und als er im Oktober 1991 darüber sang, dass es egal sei, ob man schwarz oder weiß wäre, brachen in zahlreichen Köpfen alle Dämme, die der Anstand bis dahin noch aufrecht erhalten hatte.

Michael Jackson, so konnte man in musikjournalistischen Ergüssen jeder Couleur lesen, sei ein Verräter an den Schwarzen. Er verleugne seine Herkunft, seine „Rasse“ (auch wenn sich die wenigsten trauten das so zu schreiben, aber es war durchaus in der Luft). Er versuche ein Weißer sein, indem er sich die Haut (angeblich) bleichen ließ. Michael war ein Affront, und dann sang er auch noch schamlos „It don’t matter if you’re black or white“. Es wurde als ein Affront empfunden, dass ein Künstler zwar davon sprach dass es keine Rolle spielte ob man schwarz oder weiß sei, aber selbst – so die Unterstellung – in Wirklichkeit lieber weiß sein wollte. Vor allem Intellektuelle betrachteten das als Doppelmoral, weil ein ursprünglich dunkelhäutiger Sänger nicht mehr länger einem schicksalhaft angeborenen Kollektiv zugeschrieben werden konnte.

Interessanterweise hatte ein Großteil der afroamerikanische Community mit diesen farblichen Veränderungen kaum Probleme, auch die überwältigende Masse der Fans weltweit schien sich davon nicht beirren zu lassen. Das Problem mit Michaels Hautfarbe schienen paradoxerweise vor allem die Intellektuellen zu haben. Es gehörte zu den Merkwürdigkeiten des Diskurses, dass sich vor allem Menschen, die sich selbst als antirassistisch betrachteten, den ganzen Dreck vom Verrat an der schwarzen Hautfarbe reproduzierten.

Was Michael Jackson in den Zeiten vor Political Correctness aber offenbar besser verstand, (und mit ihm jene Massen, gegen die man unbedingt recht behalten wollte) war, dass man nicht dabei stehen bleiben durfte, nur zu sagen, dass es keine Rolle spielte, ob man schwarz oder weiß war, sondern dass man das selbst verändern musste. All die Fans und Menschen von der Straße, denen man ihr ganzes Leben zu verstehen gegeben hatte, dass ihr Schicksal und ihre Bestimmung feststand, wurden von einem Popstar darauf aufmerksam gemacht, dass Veränderung möglich ist. Stop being a color. Der Skandal bestand also darin, dass sich jemand nicht auf ein zahnloses humanistisches Ethos verließ, dass es keine Rolle spielen würde, ob man schwarz oder weiß war, solange man auch eindeutig schwarz oder weiß blieb, sondern sich aus der Identitätspolitik und ihrem Dilemma verabschiedete. Das Dilemma kann man im schönen Satz zusammenfassen: „Vergiss dass ich schwarz bin, aber vergiss nie dass ich schwarz bin“. (Er könnte von bell hooks stammen, aber ich weiß es nicht mehr genau.) Es gab natürlich auch afroamerikanische Stimmen, die Michael Jacksons Veränderung als Verrat auffassten, aber den stärksten Widerhall fand dieser Diskurs absurderweise bei den (weißen) Gebildeten, den Menschen, die sich gewohnheitsmäßig als antirassistisch definieren. Michael durchbrach einfach die Grenzen der „Rasse“, ohne dies politisch zu begründen, als rein ästhetische Performance körperlicher Präsenz und dies führte zu unglaublichen Verwirrungen.

Es verwundert niemand, wenn Rechtsextreme und Nazis einen Künstler, der die „natürlichen“ Schranken von Hautfarbe und Geschlecht in Frage stellt, diffamieren. Viel verwunderlicher ist aber, wenn Linke das tun.  Es mag ebenfalls nicht verwundern, wenn Identitätspolitik wie sie von afroamerikanischer Seite in den 90er betrieben wurde, sich bedroht fühlt, wenn ein Künstler diese Grenzen zwischen den „Rassen“ auf denen Politik und vor allem auch antirassistische Politik aufsetzen muss, verwischt, aber warum sich weiße Mittelstandsintellektuelle davon bedroht fühlen, ist doch ein merkwürdiges Rätsel. Der französische Autor Alain de Benoists, der ein wichtiger Stichwortgeber des politischen Phänomens der „Neuen Rechten“ gewesen ist, hatte ja empfohlen, nicht auf der „Überlegenheit der weißen Rasse“ zu beharren, sondern auf einem kulturellen Unterschied der zwischen den Kulturen herrschen soll auszuweichen. Die jeweilige Klientel würde das dann so interpretieren, wie es tatsächlich gemeint war.

Oder vielleicht doch nicht. Wenn man Identitätspolitik als ein Konzept definiert, das darauf aus ist, Menschen als kollektives Phänomen, wie „die Schwarzen“ oder in PC Zeiten „die Afroamerikaner“ zu begreifen und politisch zu formieren, dann verwundert es wohl nicht, dass man es dem übel nimmt, der versucht aus diesem Kollektiv auszusteigen. Und zwar unabhängig davon ob es ein gutes, politisch notwendiges Kollektiv war oder ein ganz böses. Michael Jacksons Kunst war auf eine bestimmte Art nicht kollektivierbar als Gruppenidentität, sondern universal. Seinen astronomischen Verkaufszahlen trauert die Musikindustrie bis heute nach, weil es seit MJ keinen Popstar mehr gibt, der weltweit ohne wesentliche Änderungen des Images vermarktbar wäre. Michael Jackson war als Popstar  eine Cashcow, deren einmalige Fähigkeit bestand tatsächlich (fast) alle Segmente der Gesellschaft ansprechen zu können.

Sie behauptete keine bestimmte Identität mit einem Genre und einem Stil, sie war schwarz und weiß, männlich und weiblich, immer androgyn und polymorph. Eines der auffälligsten Mitglieder seiner Tourband aus den 80er Jahren war eine extrem gestylte Gitarristin zwischen Punk und Speed Metal, (sie taucht z.B. im Video von „Dirty Diana“ auf), die wie eine Parodie auf alle Klischees eines Machorockers aussah.  Und die weißen bürgerlichen Leuchter stellten sich die Frage: Warum ist der so populär?

Eine Antwort auf diese Frage liefert vielleicht ein weiterer Geniestreich des Michael Jackson aus dem Jahre 1995, ein Song und Video namens „They don’t care about us“. Gedreht unter der Regie von Spike Lee in einer Favela in Rio, sorgte allein die Produktion schon für Aufregung. So soll die Produktionsleitung mit den örtlichen Verbrecherbossen an den staatlichen Organen vorbei verhandelt haben, um eine sichere Durchführung der Dreharbeiten zu ermöglichen. Was man sieht sind die begeisterten Kinder und Jugendlichen, die tanzend und trommelnd mit ihrem Idol den Refrain singen: „All I wanna say is that, they don’t really care about us“. „They“, das sind die Intellektuellen, die Vertreter des Establishments, die gleichgültigen herzlosen Bastarde, die sich einen Dreck darum scheren, was diese Verlierer wirklich denken, aber alles dafür tun, sie zu instrumentalisieren. Das Leben ist kein Schicksal, das eigene Verlangen nach Veränderung ist keine Utopie. Es kann hier und jetzt realisiert werden, durch den eigenen Körper hindurch. Michael, das war eine seiner Qualitäten, konnte glaubwürdig vermitteln, dass dies für ihn nicht nur leere Worte waren. In einer alternativen Version des Videos befindet sich Michael in einem Gefängnis und organisiert im Rhythmus der Grooves eine Art tänzerischen Aufstand. Die Mauern um uns herum sind überall, aber sie können zerbrochen werden. Wir wissen nicht, was der Körper alles kann, so lehrt uns schon Spinoza, seine Affekte sind weitaus mächtiger als alles, was die Diskurse über den Geist und die Seele uns einzureden vermögen. Die Unterdrückten und Verlorenen haben nichts anderes als die Mächte ihrer eigenen Körper zur Verfügung, und ihnen berichtet Michael Jackson:

„Hit me, kill me, you can never break me!“

Über seinen Tod hinaus konnte er uns deutlich zeigen, dass es einzig und allein darum geht.

Kategorien:Culture and War
  1. Juni 25, 2010 um 14:59

    Wunderbarer Artikel! Danke.
    Wo ist der Abo-Button?

  2. tarzun
    September 1, 2013 um 20:38

  1. No trackbacks yet.

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