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Archive for Februar 2013

Yusuf Islam und das Problem der Freiheit

Februar 6, 2013 2 Kommentare

„Der freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod; und seine Weisheit ist kein Nachsinnen über den Tod, sondern über das Leben.“

Spinoza, Die Ethik  IV Lehrsatz 67

„Be straight. Think right.
But I might die tonight.“

Cat Stevens, But I Might Die Tonight

1.

Im 1971 von Hal Ashby inszenierten Klassiker Harold and Maude geht es um die ungewöhnliche Freundschaft zweier sehr unterschiedlicher Menschen. Harold, ein zutiefst gelangweilter junger Mann aus reichem Haus versucht seine emotional völlig gleichgültige Mutter mit außerordentlich einfallsreich vorgetäuschten Selbstmordversuchen erfolglos zu beeindrucken. Seine Mutter wiederum ist nur damit beschäftigt ihn mit jungen Frauen, die sie für ihn aussucht, zu verkuppeln, die er mit seinen Suizidspektakeln allerdings erfolgreich wieder vertreiben kann. Sein Leben ändert sich, als er Maude trifft, eine höchst agile ältere Frau, die wie er gerne auf Begräbnisse fremder Leute geht, Autos klaut, und ganz nebenbei durch die tätowierte Ziffernkombination auf ihrem Arm als Überlebende der Shoah kenntlich gemacht wird. Maude lehrt Harold seine antiautoritären Impulse nicht bloß passiv als Reaktion auf den Anpassungsdruck seiner Mutter auszuleben, sondern sie in lebensbejahende Selbstbestimmung umzusetzen. Er verliebt sich sogar in sie, doch für Maude sind die gemeinsamen Augenblicke des Glücks nur das Vorspiel für ihren Freitod, mit dem sie Harold in sein eigenes Leben entlässt.

Der Soundtrack des Films wurde aus Songs von Cat Stevens zusammen gestellt, der zu jener Zeit sehr eng mit Hal Ashby befreundet war und viele kreative Inputs für den Film geleistet haben soll. Es ist sehr bemerkenswert, dass der Soundtrack von „Harold and Maude“ trotz des enormen Erfolgs des Films niemals offiziell erschien (bis auf eine limitierte Vinylpressung 2007) und die meisten der Songs erst viele Jahre später auf Alben von Cat Stevens veröffentlicht wurden, darunter auch derjenige, der uns vor allem jetzt interessieren soll. Einer der zentralen Titel in „Harold and Maude“ und im Schaffen von Cat Stevens ist „If you want to sing out, sing out“. Hier zunächst der vollständige Text:

http://en.wikipedia.org/wiki/If_You_Want_to_Sing_Out,_Sing_Out

If you want to sing out, sing out
And if you want to be free, be free
‚Cause there’s a million things to be
You know that there are

And if you want to live high, live high
And if you want to live low, live low
‚Cause there’s a million ways to go
You know that there are

You can do what you want
The opportunity’s on
And if you can find a new way
You can do it today
You can make it all true
And you can make it undo
You see ah ah ah
Its easy ah ah ah
You only need to know

Well if you want to say yes, say yes
And if you want to say no, say no
‚Cause there’s a million ways to go
You know that there are

And if you want to be me, be me
And if you want to be you, be you
‚Cause there’s a million things to do
You know that there are

Well, if you want to sing out, sing out
And if you want to be free, be free
‚Cause there’s a million things to be

You know that there are

2.

1977 konvertierte der griechisch stämmige Cat Stevens zum Islam und nannte sich einige Zeit später Yusuf Islam, ein für Konvertiten durchaus üblicher Identitätswechsel. Er zog sich für mindestens ein Jahrzehnt völlig aus dem Musikgeschäft zurück, heiratete eine muslimische Frau, bekam Kinder und widmete sich ganz seiner Religion. Die einzige öffentliche Äußerung, die größeres Aufsehen erregte, war seine Stellungnahme zur Affäre um Salman Rushdies Buch „Die satanischen Verse“. Einerseits erklärte er in einem Interview fürs Fernsehen, dass er keinen Mord an Rushdie zur Vollstreckung des Urteils von Khomenei befürwortete, aber in einer Presseerklärung teilte er der Öffentlichkeit mit, er würde die nach islamischem Recht vorgesehene Strafe für Blasphemie für Rushdie unterstützen. Warum das zwei unterschiedliche Dinge sein sollen, nachdem die für Blasphemie geforderte Strafe im Koran die Todesstrafe ist, erklärte er nicht.

Yusuf Islam, der sich auf seiner Webseite als Philanthrop und Humanist präsentiert, lebt einen – für Konvertiten typisch – sehr rigiden Islam. Seine gesamte Lebensauffassung steht in einem völligen Gegensatz zu der in „If you want to sing out, sing out“ ausgedrückten Freizügigkeit, aber Yusuf Islam, das sei hier nachdrücklich betont ist nicht der Gegensatz von Cat Stevens.

Anders als man vermuten möchte setzt sich in Yusuf Islam nur eine konservative Variante von Cat Stevens durch, die bereits vor seiner Konversion deutlich zutage getreten war.

Sein vermutlich bekanntester Titel „Father and Son“ trägt schon den Keim des Reaktionären in sich. Oberflächlich betrachtet ist „Father and Son“ ein Song über den Loslösungsprozess eines jungen Mannes von seinem Vater, der ihn davon überzeugen will, seine Flausen aufzugeben und sich auf ein bürgerliches Leben mit Familie einzustellen. Verstörend daran ist nur, dass der Song abwechselnd die jeweilige Perspektive von Vater und Sohn einnimmt, und der Dialog zwischen beiden quasi zu einem monologischen Diskurs verschmilzt. „Father and Son“ beschreibt eben nicht wie sich der Sohn vom Vater löst, sondern wie er im Über-Ich des Vaters aufgeht. Das symbolische Überleben des Vaters in der Revolte, die Unmöglichkeit des erfolgreichen Aufbegehrens gegen seine Macht hat Freud eng mit dem Begriff des Todestriebs verknüpft.

Cat Stevens verkörpert darum wie kaum jemand sonst die unvollendete Rebellion gegen die Vaterfiguren jener Zeit, die ihren langen Schatten über die Hippieära warf. Aus Rebellion wurde eine Flucht in Esoterik, Drogen oder organisierte Religion. Es verwundert nicht, dass Punks und die ganze Kultur des Punk nichts so sehr hassten, wie den in Blümchen verliebten Opportunismus der Hippies. Als die Sex Pistols 1977 „No Future“ zur Parole machten, konvertierte Cat Stevens zum Islam. Die lange Suche nach Geborgenheit war endlich vorbei, das Ende der Angst ein einsames Individuum sein zu müssen in Reichweite.

Bis dahin war der Großteil des veröffentlichten Werkes von Cat Stevens von einer tiefen Todessehnsucht erfüllt gewesen, einer tiefsitzenden Angst vor Einsamkeit, die das Sterben als Erlösung betrachtet, weil es der völligen Einsamkeit und der Verantwortung dafür entkommen will. Dass einem Künstler wie Cat Stevens genau deswegen unglaublich berührende Momente gelangen, in denen eine Aufforderung wie „Don’t be shy“ wie ein melancholisches Loslassen zum Tod klingt („Don’t wear fear or nobody will know you’re there“), ist darum kein Widerspruch. In „Peace Train“, einem Song, den er auch als Yusuf Islam noch gerne singt, heißt es:

Cause out on the edge of darkness,
There rides a peace train.
Oh, peace train take this country.
Come take me home again.

Die Sehnsucht nach dem Tod wird durch einen „Peace Train“ sublimiert, der einen wieder heim bringt,  in der Beschwörung eines „there“, „where all of us belong“. Es erstaunt, dass jemand mit so einer Schlagseite ausgerechnet eine beinahe vitalistische Hymne wie „If you want sing out, sing out“ erschaffen kann, aber allein die komplizierte Veröffentlichungsgeschichte dieses Songs spricht Bände darüber, dass Cat Stevens von der ideologischen Konsequenz, die er in „If you want to sing out, sing out“ ausbuchstabiert, zu Tode erschrocken gewesen sein muss. Das kann durch die Tatsache belegt werden, dass der Song jahrzehntelang nicht auf einem seiner eigenen Tonträger zu finden war. Cat Stevens verweigert bis heute eine offizielle Veröffentlichung des „Harold and Maude“ Materials in Form eines Original Soundtracks.

3.

Was ist Freiheit?

In einem sehr strikten Sinn gibt es auf diese Frage keine Antwort. Banale Erklärungsversuche würden darauf hinaus laufen zu sagen, das sei deshalb so, weil jeder etwas anderes darunter versteht, aber das trägt nichts dazu bei zu verstehen warum das so sein muss. Der Begriff der Freiheit gehört zu jenen Termini, die der französische Philosoph Etienne Balibar einmal als „Maitre Mots“ bezeichnet hat, als Herrenwörter, angelehnt an den Term des Herrensignifikanten bei Lacan in der Tradition de Saussures. „Maitre Mots“ sind Wörter wie Glück, Wahrheit, Gott, Mensch, Frieden, Schönheit, Wissen, Vernunft oder Liebe. (Die Liste ist selbstverständlich unvollständig und kann beliebig erweitert werden.) Allen diesen Begriffen ist gemeinsam, dass wie man sagt „jeder etwas anderes darunter versteht“. Ein „Maitre Mot“ ist ein Wort, das nichts Konkretes bezeichnet, sondern eine ideologische Voraussetzung dafür ist,  dass seine universale Bedeutung vollkommen individuell interpretiert werden kann. Anders gesagt: Die Tatsache, dass jeder etwas anderes unter dem Wort verstehen kann ist selbst das Phänomen, das es beschreiben will. Freiheit ist der Prozess, der Individuen ermöglicht Differenz zu leben ohne von den Notwendigkeiten des sozialen Netzwerks entbunden zu sein. Wenn wir also wissen wollen, was Freiheit ist, nützt es weniger irgendeine Definition von Freiheit zu liefern, sondern sich darüber im Klaren zu werden, welches Problem der Begriff der Freiheit induziert.

Im Fall von Cat Stevens lässt sich dieses Problem in genau einem Satz ausdrücken:

There’s a million ways to go.”

Spinoza wird der Satz zugeschrieben, dass jede Bestimmung eine Verneinung ist. Die schiere Anzahl einer Million Wege macht keinen Unterschied, wenn ich genau einen gehen muss.

Welchen gehe ich? Welcher ist richtig? Gibt es überhaupt einen, der richtig ist? Das Problem der Freiheit ist, dass wir nicht wissen, ob wir richtige Entscheidungen treffen, bis wir sie getroffen haben. Das Drama der modernen menschlichen Existenz besteht letztlich darin, in der Epoche exakter Wissenschaft und präziser Algorithmen keine tatsächliche Gewissheit zu besitzen. Je genauer wir messen, je präziser wir berechnen, je desto weniger wissen wir wirklich etwas und es sind Zweifel, Skepsis und (Un)Wahrscheinlichkeit die so etwas wie die Paradigmen der „Million ways“ bilden. Freiheit bedeutet in einer technisierten, kapitalistischen Welt Entscheidung unter Unsicherheit.

Wenn ich mich für einen Weg unter Millionen entscheiden muss, muss ich alle anderen aufgeben und werde nie erfahren, was sie für mich bedeutet hätten. Etwa zur gleichen Zeit als Cat Stevens Moslem wurde, schloss sich Bob Dylan einer evangelikalen Sekte an. Aber anders als Cat hatte Dylan 15 Jahre früher auf die Frage „How many roads must a man walk down“ mit Ambivalenz geantwortet. Cat Stevens wollte eine definitive Antwort und fand sie. Ich fand seine Musik schöner, als er sie noch suchte.

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Kategorien:Culture and War

Leben und Sterben in Abbottabad – Über Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“

„I don‘ t think people believe in the devil. (…) And so therefore they don’t believe in a punishment after they’re dead. So my question was for me what are people really believing? Or better: What are people really fearing?  And that is: physical pain.”

Fritz Lang

„I was surprised to learn women were at the centre of this hunt. And I was sort of surprised that I was surprised.”

Kathryn Bigelow

Ein Mann betritt das Zimmer seines Vorgesetzten, eines hochrangigen CIA Beamten, der gerade in seinem Büro auf einem Teppich kniet und das Mittagsgebet spricht, so wie das hunderte Millionen praktizierende Moslems auch tun. Bevor man als Zuschauer dieses interessante Detail realisiert hat, ein hoher Beamter des amerikanischen Geheimdienstapparates ist praktizierender Moslem,  geht die Handlung bereits weiter, ohne dass nachher jemals wieder darauf Bezug genommen wird.  Es sind kleine Szenen wie diese, die „Zero Dark Thirty“ zu einem großen Film machen, der uns mehr über den inneren Zustand der westlichen Zivilisation erzählen wird, als über einen ominösen Bösewicht, der am Ende des Films erschossen wird. „Zero Dark Thirty“ gliedert sich in drei etwa gleich lange Teile, die formal betrachtet jeder für sich einen eigenen Film ergeben, und den War on Terror aus drei unterschiedlichen Perspektiven schildern, die durch die Hauptfigur zusammen gehalten werden.

In den ersten 30 Minuten schildert Bigelow die Hölle: Ein Mann namens Ammar, der verdächtigt wird mit Al Quaeda in Verbindung zu stehen, wird mittels Waterboarding gefoltert, in eine enge Kiste gesperrt, mit Schlafentzug gequält, in dem man in unregelmäßigen Abständen Heavy Metal Musik in unerträglicher Lautstärke spielt, während er an Armen aufgehängt, nackt in seinen eigenen Exkrementen liegt.

Die Heldin des Films, die CIA Agentin Maya (Jessica Chastain) muss sich in dieser Umgebung erst zu Recht finden. Ihr Kollege Dan (Jason Clarke), geübt in den „enhanced interrogation techniques“  verspricht ihr (und Ammar) zwar: „Everbody breaks. That’s biology, man!“, aber selbst unter Folter brechen nicht alle sofort zusammen. Ammar schreit und bettelt, so lange, bis es für uns Zuschauer schlicht unerträglich wird, aber er redet nicht. Erst durch einen simplen Trick, den Maya sich ausdenkt, bringt sie Ammar dazu ohne Folter oder Androhung von Gewalt zu kooperieren und ihr ein wichtiges Stück Information preis zu geben, das ihr helfen wird auf die Spur Bin Ladens zu kommen. Viele, auch amerikanische Kommentatoren haben diese Passage des Films schlicht übersehen, als sie sich in absurde Debatten verwickelten, ob Regisseurin Kathryn Bigelow in ihrem Film eigentlich für die Anwendung von Folter plädiere. Es gehört zu den Stärken des Films, dass er die Szenen der Folter und Erniedrigung weder beschönigt, noch rechtfertigt. Als Zuschauer sind wir damit konfrontiert, dass Folter eine Praxis der Strafverfolgung ist, die sich außerhalb des Rechtstaats bewegt. Bigelow führt uns durch mehrere solcher „CIA Black Sites“ in Pakistan, Afghanistan und einem Schiff in einem polnischen Hafen, in dem Gefangene des Antiterrorkriegs zur Preisgabe von Informationen festgehalten werden. Viele Offizielle, auch solche, die für die CIA und die amerikanischen Regierung arbeiten, bezweifeln übrigens, dass die Erpressung von Information durch Folter und Androhung von Gewalt tatsächlich brauchbare Ergebnisse für den War on Terror gebracht haben. Was dem Zuschauer jedenfalls in Erinnerung bleibt sind die Bilder von misshandelten Menschen, die man so lieber nicht gesehen hätte. Dan, der Folterer, wird in der Mitte des Films aus diesem Teil der Arbeit aussteigen, weil er es selbst nicht mehr erträgt. „I have seen too many men naked.“ sagt er zu Maya.

Im zweiten Teil erleben wir wie sich aus der kleinen Information, die Maya aus Ammar heraus getrickst hat, eine komplizierte Spurensuche entwickelt, die zeigt, dass die Jagd nach Terroristen in erster Linie Polizeiarbeit ist. Intelligence wie die Amerikaner dazu sagen ist professionelle Informationsverarbeitung. Es werden Telefone abgehört, Verwandtschaftsbeziehungen durch leuchtet, Geldflüsse zurück verfolgt, Akten durchsucht, Protokolle geschrieben und mit Vorgesetzten gestritten. Drehbuchautor Mark Boal soll von CIA Seite ein enorm tiefer Einblick in die Geschichte der Verfolgung Bin Ladens gewährt worden sein und was vor allem verblüfft ist, wie viele Frauen in diesen Prozess eingebunden waren. Maya, die CIA Agentin soll ein reales Vorbild haben und Bigelow inszeniert es so, dass der zweite wichtige Hinweis im Film, der Maya zurück auf die Spur Bin Ladens bringt, nachdem sie ihn fast schon wieder verloren hatte, von einer anderen ehrgeizigen Agentin kommt, die – wie Maya – dort sucht, wo alle anderen etwas übersehen haben.

Bigelow inszeniert ihre Hauptfigur als Professional, über die man nichts Persönliches erfährt, vermutlich auch deshalb, weil es nichts Persönliches zu erfahren gibt. Maya ist eine Einzelgängerin, sie hat kein erkennbares Privat oder Sexualleben und die einzige Art von persönlicher Beziehung die sie im Film eingeht, ist die Freundschaft mit ihrer Kollegin Jessica (Jennifer Ehle), einer weiteren ehrgeizigen Frau im CIA Establishment Pakistans. Jessica und mit ihr sechs andere CIA Offizielle sterben durch ein Selbstmordattentat auf einem CIA Stützpunkt in Afghanistan, eine Falle, die ihnen ein angeblicher Informant über den Verbleib Bin Ladens stellt.

Maya findet schließlich ein Haus in Abbotabad, das mitten im Herz der Militärelite Pakistans liegt. In unmittelbarer Nähe werden die Offiziere der pakistanischen Armee ausgebildet. „It’s their Westpoint, sir!“,  erklärt ein Analytiker dem Chef der CIA. Mayas entscheidende Entdeckung ist das Netz der Kuriere, mit dem sich der innere Zirkel Al-Quaidas nach seiner Vertreibung aus Afghanistan miteinander verständigt hat und das Osama Bin Laden anders als von vielen vermutet nach wie vor kontrolliert. Sie muss ihre Vorgesetzten allerdings erst mühsam davon überzeugen, dass das Haus in Abbotabad tatsächlich der Aufenthaltsort Bin Ladens ist. Es gibt keine konkreten Fotos von Personen oder Gesichtern und die Vorsichtsmaßnahmen der Hausbewohner verhindern Aufnahmen aus der Luft oder durch Satelliten. Es ist einzig allein die Indizienkette, die durch Mayas unermüdliche Arbeit zusammengetragen wurde, die auf den Mastermind Al-Quaidas verweist.

Im dritten Teil des Films wird die Kommandoaktion bis ins Detail geschildert, in der eine Einheit Elitesoldaten, sogenannte Navy Seals, das Gebäude in Abbotabad in der Nacht überfallen und neben Osama Bin Laden noch drei weitere Männer töten. Wieder geht es nicht wie oft in unseriösen Kommentaren behauptet um einen Hurrapatriotismus, sondern um die Schilderung eines Vorgangs durch die sprichwörtlichen Augen der Beteiligten, die mittels Nachsichtgeräten Teil für Teil des Hauses durchkämmen. Bin Laden wird ohne dass man ihn genauer sieht von einem Navy Seal erschossen, in einem Leichensack weggebracht und von Maya endgültig identifiziert. Warum ein Terrorist von Bin Ladens Rang vor den Augen der pakistanischen Elite in Militär und Geheimdienst Jahre lang unbemerkt bleiben konnte, bleibt unbeantwortet. Bigelows Film ist nicht an politischen Fragen interessiert, sondern an Menschen.

Als Maya schließlich erschöpft in das Frachtflugzeug steigt, das sie zu einem Treffen mit ihren Vorgesetzten bringen soll, ist sie wieder ganz allein. Sie ist die einzige Passagierin, als das Flugzeug abhebt und was sie gerade fühlt, weiß niemand, nicht einmal sie selbst.

Was man in den 2 Stunden und 40 Minuten zuvor mit und durch ihre Augen gesehen und erlebt hat ist atemberaubend. Die Faszination des Films geht von ebenso von der Hauptfigur Maya aus, wie von der Konzeption Bigelows auf Filmtechniken weitgehend zu verzichten, die manipulativ sind. Statt Identifikation stiftet sie räumliche Erfahrung, in der alle Figuren deutlich verortet sind. Dass die wichtige Information, die Maya auf die Spur Bin Ladens bringt nicht durch Folter, sondern geschickte Manipulation zustande kommt ist ein weiterer Hinweis von Bigelow, was von den Folterpraktiken der US Regierung im War on Terror zu halten ist. Dass der Gefangene Ammar, dessen brutale Misshandlung wir miterleben, nicht aus Versehen dort einsitzt, wird durch seine schlussendliche Kooperation zwar deutlich, ist aber für die Bewertung der Folterpraktiken unerheblich. Bigelow zeigt uns, was wir wissen müssen, gibt dem Gezeigten aber keinen Spin, was wir davon zu halten haben. Weil sie bei allen Figuren auf eine Schilderung der Person dahinter verzichtet, entsteht Identifikation durch die Handlungen der Figuren selbst und nicht durch eine manipulative Psychologisierung ihrer möglichen Beweggründe. Es gibt keinen Hinweis darauf, warum Maya so besessen und manchmal als einzige auf der Jagd nach Bin Laden ist, und warum sie einem Navy Seal mit auf dem Weg gibt: „You will kill him for me!“ .

Als Zuschauer sind wir dadurch gezwungen uns selbst zu den politischen Prozessen zu verhalten, die psychologischen Beweggründe durch Fragen zu ersetzen, wie wir selbst in solchen Situationen handeln würden, und welchen Sinn der Einsatz von Folter im War on Terror tatsächlich hat. Politischen Geistern, die den Film kritisieren, er wäre unkritisch oder betreibe Propaganda,  sei gesagt, was der amerikanische Journalist und Nahost Reisende Michael Totten in seiner Rezension über Aktivisten schrieb, die vor Kinos Flugblätter verteilten, dass der Film Folter befürworten würde:

„Zero Dark Thirty doesn’t tell anyone what to think. Its shows us what we should think about. (…) Activists, and those with an activist way of thinking, are the ones who have a problem with the neutral and balanced approach—not because they want to be lectured themselves, but because they want to sit in a room where everyone else is being lectured.“

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