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The Neighborhood Bully oder Warum ist Antizionismus bei Linken so populär? (1)

Bob Dylans 1983 erschienenes Album „Infidels“ hat auch unter sehr ergebenen Dylanfans keine allzu großen Spuren hinterlassen.  Seine wichtigsten Momente in Dylans Schaffen drehen sich mehr darum, warum er „Blind Willie McTell“ nicht auf „Infidels“ veröffentlichte, sondern es vorzog den Song mehr als ein Jahrzehnt später im Rahmen der Bootleg-Series einem größeren Publikum zugänglich zu machen.

Dylans religiös evangelikale Phase war gerade langsam zu Ende gegangen  und sein überragender musikalischer Einfluss begann in den Wellen des Postpunks, des Synthiepops und der sich in Entwicklung befindenden HipHop Kultur merklich abzunehmen. Dylan verabschiedete sich seit dem Erscheinen von „Infidels“ immer weiter von den musikalischen Einflüssen seiner Zeit und konzentrierte sich darauf in seinen Songs die ihm eigene Mischung aus poetischer Kraft und mysteriöser sprachlicher Ambiguität zu produzieren.

Wenn man nun 27 Jahre später einen Song wie „Neighborhood Bully“ (hier kann man reinhören und hier den vollständigen Text auf Dylan’s Website nachlesen) wieder entdeckt, begegnet man dem Genie dieses Künstlers und fragt sich wie man das so lange überhören konnte. „Neighborhood Bully“ beginnt so:

Well, the neighborhood bully, he’s just one man
His enemies say he’s on their land
They got him outnumbered about a million to one
He got no place to escape to, no place to run
He’s the neighborhood bully

The neighborhood bully just lives to survive
He’s criticized and condemned for being alive
He’s not supposed to fight back, he’s supposed to have thick skin
He’s supposed to lay down and die when his door is kicked in
He’s the neighborhood bully

Obwohl der gesamte Text kein einziges Mal sein Sujet explizit erwähnt wird rasch deutlich, dass mit dem „Neighborhood Bully“ Israel gemeint ist. Das Wort Bully ist sehr negativ besetzt, man könnte es mit Rabauke oder Tyrann übersetzen, vorstellbar wäre auch ein bissiger Hund. Ein Neighborhood Bully ist ein Rüpel, der gerne seine Nachbarn terrorisiert. Dylan kippt den aggressiven Charakter des Terms allerdings völlig und deutet die streitbare Veranlagung des Bullies als Reaktion auf die bedrohlichen Umstände, die von seiner Umgebung ausgehen.

Dylans Annäherung an sein jüdisches Erbe gestaltet sich völlig anders als seine christliche Phase. Es ging allerdings da wie dort niemals darum sich eindeutig politisch zu erkennen zu geben, um sich Fans oder bestimmten Gruppen als Sprachrohr anzudienen, sondern den Realitäten auf eine Art und Weise Rechnung zu tragen, die der Form des Songs wie er sie versteht entspricht. Ein Song von Bob Dylan ist dazu gedacht auf vieldeutige Weise interpretierbar zu sein, ohne eine einzige Ebene zu privilegieren. Vielleicht ist das auch eine jüdische Tradition. Dylans „Neighborhood Bully“ ist kein antideutsches Pamphlet, sondern die Form die Dylan wählte um sein Judentum in einen Kontext zu stellen und sein Verhältnis zum israelischen Staat in poetologischer Distanz zu definieren.

Dylan ist kein und war nie Agitpropmusiker. Sich in einem Song eindeutig mit politischen Begriffen zu äußern wäre ihm zutiefst zuwider und widerspräche seinem Ethos als Künstler. Auf dem Innencover von „Infidels“ kann man Dylan sehen wie er auf einem Hügel vor der prachtvollen Kulisse Jerusalems den Sand des Heiligen Landes zwischen seinen Fingern zu Boden rieseln lässt. Dylan geht es also ganz eindeutig darum das Existenzrecht Israels zu verteidigen. Aber diese Verteidigung ist nicht darauf aus, Ansprüche politischer Agenten zu untermauern, sondern Einsichten über die eigene Realität zu gewinnen. Weiter unten heißt es:

Well, he knocked out a lynch mob, he was criticized
Old women condemned him, said he should apologize.
Then he destroyed a bomb factory, nobody was glad
The bombs were meant for him. He was supposed to feel bad
He’s the neighborhood bully

1981 bombardierte die israelische Luftwaffe die irakische Reaktoranlage bei Osirak, die Saddam Husseins Versuch darstellte ein eigenes Nuklearprogramm zu entwickeln. Der damals wie heute obligatorische weltweite Empörungssturm zeitigte in den letzten Jahren des Kalten Krieges zwar kaum Konsequenzen, mit untrüglichem Gespür für die Realität des Nahostkonflikts schien Dylan aber bereits damals zu spüren, wohin die Reise gehen sollte:

Well, he’s surrounded by pacifists who all want peace
They pray for it nightly that the bloodshed must cease
Now, they wouldn’t hurt a fly. To hurt one they would weep
They lay and they wait for this bully to fall asleep
He’s the neighborhood bully

Dylan vermeidet es wie gesagt sein Sujet explizit beim Namen zu nennen, trotzdem nennen es antizionistische Kritiker wie dieser hier, „ a reproduction of the Zionist master narrative“ und behaupten: „It is, in every aspect, quite specifically a Zionist song.“ Dies ist natürlich ein Unsinn. Dylan hat noch nie für den Zionismus Partei ergriffen, ebenso wenig allerdings für seinen Counterpart.  Es geht in „Neighborhood Bully“ genau darum, diese ausdrückliche Eindeutigkeit auf eine metaphorische Ebene zu verschieben, auf der politische Aussagen nicht als Parteinahme für etwas sondern als poetische Reflexion eines schwierigen Themas verstanden werden können. Der Titel selbst deutet ja bereits an, dass Dylan trotz all der Umstände, die den „Neighborhood Bully“ zu dem machen was er ist, seine Taten nicht bedingungslos rechtfertigt. Was Dylan auf einer poetischen Ebene also unternimmt ist jenseits einer denunziatorischen Behauptung vom „zionistischen Narrativ“ die Ausweglosigkeit dieses Konflikts zu schildern und dabei deutlich zu machen, dass etwas aus einer bestimmten Sicht zu schildern nicht das Gleiche ist, wie Partei zu ergreifen. Dylans Abkehr vom linken Mainstream wie er durch die Folkmusic der 60er Jahre repräsentiert wird, beleuchtet seine tiefe Skepsis gegenüber der mythologischen Beliebigkeit linker Politik, wie sie heute stellvertretend als Antizionismus auftritt. Dylan ist und war niemals Antizionist, weil er sich weigerte die Reflexionsfähigkeit des Dichters einem Prozess zu opfern, in dem die Eindeutigkeit einer Haltung ebenjene Reflexion suspendiert. Sein Song schildert die Ausweglosigkeit der israelischen Situation, indem er sie als metaphorische Erzählung  of „just one man“ transzendiert. Was uns zur Frage führt, warum das Gegenteil dieses Ansatzes heute so populär ist.

(Fortsetzung folgt)

Kategorien:Culture and War
  1. Oktober 20, 2016 um 10:18

    „The Neighborhood Bully oder Warum ist Antizionismus bei Linken so populär? 1-5“ habe ich mit Gewinn gelesen. Im Prinzip kann ich alle fünf Teile unterschreiben.

    Bei folgendem Abschnitt bin ich mir nicht sicher:

    „Der Titel selbst deutet ja bereits an, dass Dylan trotz all der Umstände, die den „Neighborhood Bully“ zu dem machen was er ist, seine Taten nicht bedingungslos rechtfertigt. Was Dylan auf einer poetischen Ebene also unternimmt ist jenseits einer denunziatorischen Behauptung vom „zionistischen Narrativ“ die Ausweglosigkeit dieses Konflikts zu schildern und dabei deutlich zu machen, dass etwas aus einer bestimmten Sicht zu schildern nicht das Gleiche ist, wie Partei zu ergreifen.“

    Ich denke schon dass Dylan in dem Lied eindeutig Partei für Israel ergreift. Deshalb muss man (er) Israels Politik freilich nicht bedingungslos rechtfertigen. Der „Neighborhood Bully“ ist bei Dylan, wie ich den Text verstehe, in Anführungszeichen gesetzt. Die antisemitische Welt sieht in Israel den Störenfried. Ich beim leider viel zu früh verstorbenen Günter Amendt, freilich auf der anderen Seite der Barrikade. Dylan-Kenner Amendt schrieb in Konkret:

    „Dylan als Lobredner von Israels Expansionismus? In seiner Lagebeurteilung ist er sich mit Begin einig. Jehova sei Dank, heißt das noch lange nicht mit dem Volk Israels. So knapp und so kurz wurde wohl kaum zuvor die staatliche Existenz Israels aus zionistischer Sicht legitimiert. Ein Politsong von seltener Eindeutigkeit. Die haben sich Dylans Kritiker immer gewünscht. Hier ist sie. Sollen sie sehen, wie sie damit fertig werden.“

    siehe:Bob Dylan und sein „Neighborhood Bully“

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