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Europa, Islam und Islamophobie, Teil 3

März 22, 2010 1 Kommentar

Das Beispiel von Fethullah Gülen bestätigt uns, dass es eine immanente Krise des islamischen Denkens gibt, die sich darin zeigt, keine intellektuellen Mittel zu haben, das Eigene und das Andere analytisch zu durchdringen. Wo Differenz gefragt ist, regiert ein Zwang zur Vereinheitlichung, der das Denkgebäude gewaltsam zusammen hält und keinen Spielraum für philosophische und politische Erneuerung zulässt. Wenn Fethullah Gülen, aber auch andere Autoren islamischen Schrifttums, ihr Verhältnis zur modernen Wissenschaft definieren müssen, dann erzeugen sie keinesfalls Widersprüche. Moderne Wissenschaft, Demokratie und Menschenrechte sind wie schon angedeutet ganz sicher nicht inkompatibel zum Islam, ganz im Gegenteil. Die islamische Tradition muss stattdessen erklären und ideologisch absichern, dass moderne Wissenschaftskultur oder die Menschenrechte islamisches Eigentum darstellen und die Entdeckungen westlicher Wissenschaft nur die empirische Bestätigung der koranischen Offenbarung sind. Die Probleme sie sich daraus ergeben sind ausschließlich politischer Natur. Warum es nur so möglich ist zu vermeiden, den anderen (in diesem Fall eben die europäische Geschichte) als anderen wahrzunehmen, ist eine Frage, die sich darum diesem Denken nicht stellt. Das Studium eines Autors wie Tariq Ramadan, der in Europa weitaus bekannter und populärer ist, würde uns kein prinzipiell anderes Bild zeigen. Die Krise ist daher eher ein philosophisches Problem, als ein religiöses.

Ein tatsächlich anderes Bild zeigt uns jedoch ein in diesem Zusammenhang bisher kaum beachteter muslimisch geprägter Autor, der nicht in Europa, sondern in den USA gelebt hat: Malcolm X. Malcolm X wurde und wird eher als Bürgerrechtsaktivist und Politiker wahrgenommen, und bedauerlicherweise viel weniger als interessanter Denker. Es mag daran liegen, dass sein Vermächtnis bis auf seine von Alex Haley kompilierte Autobiographie kaum in schriftlicher Form zur Verfügung steht, sondern eher in seinen Reden erhalten geblieben ist, die er als Aktivist der Nation Of Islam und nach seiner Trennung von dieser Organisation als Bürgerrechtskämpfer hielt. Neben der Verfilmung seiner Biographie durch Spike Lee 1992, ist der von Arnold Perl 1971 produzierte Dokumentarfilm unbedingt zu empfehlen, der Malcolm X‘ Leben und Denken durch einen äußerst intelligenten Zusammenschnitt seiner Reden, Interviews und öffentlichen Auftritte kohärent zusammen fasst. Malcolms Werk ist mittlerweile sehr gut dokumentiert, aber die wichtigste Quelle für sein Denken ist nach wie vor seine 1965 erschienene Biographie, die Alex Haley in vielen Gesprächen mit Malcolm erarbeitete. Es enthält nicht nur seine Lebensgeschichte, sondern schildert mit erstaunlicher Selbstreflexion die Brüche und Wendungen seines Denkens und offenbart die enormen intellektuellen Fähigkeiten eines Mannes, der sich seine Bildung fast ausschließlich autodidaktisch angeeignet hat.

El Hajj Malik el-Shabbaz, wie er sich zum Zeitpunkt seines Todes nannte, wurde 1925 als Malcolm Little in Nebraska geboren. Sein Vater war ein christlicher Prediger und Anhänger Marcus Garveys, dem Vordenker eines afrikanischen Nationalismus und Verfechter einer Rückkehr aller Afroamerikaner nach Afrika. Garveys Separatismus und der Integrationismus seines Konterparts in jener Zeit W.E.B. DuBois, werden sich beinahe spiegelbildlich im Konflikt zwischen Malcolm X und Martin Luther King wiederholen, diesmal allerdings mit anderen Folgen für die Gesellschaft in der beide lebten. Nach der Ermordung des Vaters wurde die Familie Little getrennt, die Kinder wurden in Pflegefamilien untergebracht, die Mutter Louise Little nach mehreren Zusammenbrüchen in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. In der Schule fällt Malcolm durch gute Leistungen auf, aber als er seinem Lehrer von seinem Wunsch erzählt einmal Rechtsanwalt zu werden, reagiert dieser mit der Bemerkung: „You got to be realistic Malcolm. You’re a nigger.“

Malcolms Beschreibung des Rassismus und der allgegenwärtigen Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung gehört zu den intensivsten und präzisesten Schilderungen seiner Art. Neben der ständigen Gewalt, den Bedrohungen und Erniedrigungen erlebt der junge Malcolm das apartheidartige System der Rassentrennung als persönliche Degradierung, die danach trachtet ihm vor allem die Selbstachtung zu nehmen. Gefühle der Scham und der Minderwertigkeit sind seiner Erfahrung nach die stärksten psychologischen Waffen der „white supremacy“. Weil ihm trotz seiner Intelligenz der Besuch höherer Schulen verwehrt bleibt, zieht er nach New York und wird ein Krimineller, der sich als Zuhälter, Einbrecher und Drogendealer betätigt. Wegen Einbrüchen und dem Verhältnis zu einer kaukasischen Frau wird er zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt, wo er zum ersten Mal mit Aktivisten der Nation Of Islam in Berührung kommt. Er konvertiert zum Islam und predigt von nun an die mitunter recht zweifelhafte Islamversion ihres Gründers Elijah Muhammad. Die Nation Of Islam ist bis heute eine sektiererische Bewegung, die isoliert von der übrigen islamischen Welt einen äußerst kruden Mix aus schwarzem Nationalismus mit separatistischen Einschlägen, antisemitischen Weltverschwörungstheorien und Erlösungspathos lehrt. Die Rolle Elijah Muhammads war für den traditionellen Islam sehr zweifelhaft und problematisch, da die Betonung seiner Führerschaft zumindest andeutungsweise einen schweren Konflikt enthält. Elijah Muhammad betrachtete sich vermutlich selbst als einen von Gott gesandten Propheten, was in unüberwindlichem Gegensatz zur orthodoxen Lehre steht, dass Mohammed der letzte und damit das Siegel der Prophetie gewesen ist. In den meisten Ansprachen der NOI jener Zeit ist konsequenterweise nur von Elijah Muhammad als Anführer und Stichwortgeber die Rede, aber so gut wie niemals hört man eine Erwähnung des arabischen Propheten Muhammed. (Manchmal wird er auch als Apostel Allahs bezeichnet, offenbar ein Zugeständnis an die christliche Bildung der afroamerikanischen Bevölkerung.)

Es verwundert also nicht, dass der NOI bis heute die Anerkennung durch die islamische Orthodoxie verwehrt wird. Aber gegen Mitte der 50er Jahre, als sich Malcolm als wortgewaltiger Prediger etablierte, ist von solchen theologischen Problemen nichts zu spüren. Angetrieben von der offiziellen Ideologie der NOI, dass alle Weißen Teufel seien, die nicht anders handeln könnten als rassistisch, auch wenn sie sich liberal geben, entwickelt Malcolm einen unnachahmlich präzisen Begriff von rassistischer Diskriminierung, der in seinen besten Ausprägungen eine geradezu materialistische Analyse darstellt. Schon früh macht sich ein Konflikt auf, der ihn im Gegensatz zum inneren Kreis der NOI bringt. Eifersüchtig auf seine Popularität, aber vor allem beunruhigt durch die Sprengkraft seiner politischen Ideen, legt man ihm Beschränkungen auf, die jedoch seiner Wortgewalt keinen Abbruch tun. Einer der berühmtesten Zeilen, die er jemals gesprochen hat, ist die „By any means necessary“ Rede aus dem Jahr 1964. Darin heißt es:

„We declare our right on this earth, to be a man, to be a human being, to be respected as a human being, to be given the rights of a human being, in this society, on this earth, in this day, which we intend to bring into existence by any means necessary.”

In diesen kurzen Worten findet sich alles, was Malcolm X Denken ausmacht. Das Beharren auf einer kämpferischen Erlangung der Grundrechte, die alle Versprechen der Aufklärung und der Demokratie als politische Aktion formuliert, wird jenseits eines spirituellen oder religiösen Diskurses ins Werk gesetzt. Malcolm X entwickelt nicht wie die meisten zeitgenössischen islamischen Gelehrten das Konzept eines politischen Islam als Universalismus, sondern einen politischen Universalismus innerhalb des Islam. Um den Unterschied zwischen beiden Wegen genauer zu verstehen, gehen wir zurück zu seinen Anfängen. Als Malcolm im Gefängnis sitzt lädt ihn einer der inhaftierten NOI Aktivisten dazu ein, in einem großen Wörterbuch die Einträge zu „schwarz“ und „weiß“ nachzulesen. In Spike Lee’s Verfilmung wird diesem Ereignis große Bedeutung beigemessen. Lange vor Political Correctness erkennt Malcolm durch das genaue Studium von quasi neutralen Wissensbeständen den ideologischen Charakter der Sprache und wie sie funktional für rassistische Stereotype sind. Bücher über Geschichte, Kultur und Philosophie folgen, die den bis dahin kaum gebildeten Mann mit dem Feuer intellektueller Kraft erfüllen. Als Prediger der NOI reproduziert er deren fragwürdige Ideologie, aber immer wieder durchbricht er die geistigen Schranken eines „White man is the devil“ Sermons und verwirft die spirituelle Heilsbotschaft eines dominant christlichen Rassismus.

„When you have a philosophy or a gospel, I don’t care what it is, a religious gospel, a political gospel, an economic gospel or a social gospel, if it is not going to do something for you and me right now and right here, to hell with that gospel.”

Malcolm erkennt wohl als erster die enorme Sprengkraft eines islamischen Selbstverständnisses als dissidenten politischen Diskurs in einem von christlich geprägten Sklavenhaltern dominierten Land. Was er anbietet ist die Vision einer Politik der Menschenrechte, die nicht länger von Anbiederungsversuchen oder Kompromissen geprägt wird, sondern in der sich die Masse der Unterdrückten selbstkritisch konfrontiert.

Weiter heißt es:

„So we have to have a new approach, a new appraisal, and this new appraisal und this new approach has to be in tune with the reality of the conditions that we are in…”(1963)

Sein Islam ist bis 1964 noch die rassistische Antwort auf den gewalttätigen Rassismus der amerikanischen Mehrheitsbevölkerung, eine rhetorisch brillante Spiegelung der Demütigungen und Verfolgungspraxen, die die amerikanische Gesellschaft jener Zeit (und auch später noch) an den Tag legt. Er trennt sich von der NOI, weil er die intellektuelle Kritik auch nach innen trägt. Offiziell soll er Elijah Muhammad dafür kritisiert haben uneheliche Kinder gezeugt zu haben, aber der Graben geht über eine moralische Verurteilung des NOI Führers weit hinaus. Er beschließt eine Pilgerreise nach Mekka zu machen, die einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlässt. Die Anwesenheit so vieler unterschiedlicher Hautfarben, Sprachen und Kulturen bringt ihn dazu, seinen Separatismus aufzugeben und politische Bündnisse zu suchen, die er in der Vergangenheit stets abgelehnt hatte. Es kommt zu einer Annäherung mit Martin Luther King, dessen christlich inspirierten demokratischen Integrationismus er noch wenige Jahre zuvor als „Uncle Tom“ Ideologie verhöhnt hatte.

Von nun an würde er mit jedem Partner zusammen arbeiten, der dieselben Ziele verfolgen würde, Engagement gegen den Rassismus und die direkte Verbesserung der Lebensverhältnisse aller Benachteiligten in den USA. Was daraus hätte werden können, wissen wir nicht. Malcolm wird 1965 in Manhattan durch mehrere Gewehrschüsse ermordet. Wer den Mord in Auftrag gegeben hat ist nach wie vor reine Spekulation, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass er aus dem inneren Führungskreis der NOI kam. Falls die NOI tatsächlich dafür verantwortlich ist, hat sie nicht nur Malcolm X auf dem Gewissen, sondern sie besiegelte damit auch ihre politische Bedeutungslosigkeit. Unter Elijah Muhammad Nachfolger Louis Farrakhan wurde die NOI zu einer noch extremeren Sekte, die ihre Separatismusideologie mit jeder Menge Antisemitismus und Bündnissen mit amerikanischen Neonazis verschmolz. Obwohl auch Malcolm wie man in seiner Autobiographie nachlesen kann, nicht frei von antijüdischen Ressentiments war, so beschuldigte er die amerikanischen Juden den Rassismus gegen die afroamerikanische Bevölkerung als Schutzschild zu benützen, um nicht selbst Ziel von antisemitischen Angriffen zu werden, hatte er keine Probleme das Existenzrecht Israels anzuerkennen. In einer bemerkenswerten Passage schreibt er:

„If Hitler had conquered the world, as he meant to – that is a shuddery thought for every Jew alive today. The Jews never will forget that lesson. Jewish intelligence eyes watch every neo-Nazi organization. Right after the war, the Jews‘ Haganah mediating body stepped up the longtime negotiations with the British. But this time, the Stern gang was shooting the British. And this time the British acquiesced and helped them to wrest Palestine away from the Arabs, the rightful owners, and then the Jews set up Israel, their own country – the one thing that every race of man in the world respects, and understands.“

Obwohl man schwer behaupten kann, das hier bedingungslose Sympathie für die israelische Sache an den Tag gelegt wird, hat Malcolm mit den späteren Entwicklungen der NOI, die Holocaustleugnung und antisemitische Verschwörungen propagiert nichts gemeinsam.

Malcolms Leben und Wirken ist das eines in sich zerrissenen Mannes, der enorme intellektuelle Anstrengungen unternahm, um einen Blick auf die Verhältnisse zu werfen, wie sie tatsächlich waren. Sein Blick war ein politischer, der in der Religion eine Ressource fand, mit der sich die Dinge sagen ließen, die auch den von jeder Art Bildung getrennten Massen einen Blick auf die Wahrheit gestatteten. Malcolms Autobiographie ist darum nach wie vor eine inspirierende Quelle. In dem großartigen Text, der durch Alex Haleys kluge Redaktion das einzig schriftliche Zeugnis Malcolms geblieben ist, beschreibt ein Mann seine vielen Wandlungen mit einem unnachgiebigen Hang zur Reflexion und Selbstkritik. Wie er sich selbst sah wird durch eine kleine Passage deutlich, die sein (unvollständig) gebliebenes Studium philosophischer Werke beschreibt. Ein kleiner Absatz ist bemerkenswert:

„Spinoza impressed me for a while when I found out that he was black. A black Spanish Jew. The Jews excommunicated him because he advocated a pantheistic doctrine, something like the „allness of God,“ or „God in everything.“ The Jews read their burial services for Spinoza, meaning that he was dead as far as they were concerned; his family was run out of Spain, they ended up in Holland, I think.“

Obwohl er über die genauen Umstände von Spinozas Leben nicht Bescheid weiß, ist es bemerkenswert, dass er ihn überhaupt erwähnt. Spinoza, der Zeit seines Lebens ein Dissident gewesen ist, von seiner eigenen Gemeinde ausgestoßen, a „black spanish jew“, ist dies nicht das perfekte Bild für Malcolm X selbst? Ausgestoßen von der eigenen Community, damit man sich in einer „allness of God“, dem Universalismus der Vernunft wieder findet, das ist das Vermächtnis von Malcolm X. Wir wollen es in Ehre halten und ihm einen Platz im Paradies wünschen. (Fortsetzung folgt)

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Europa, Islam und Islamophobie, Teil 2

März 16, 2010 1 Kommentar

Im ersten Teil dieses Essays habe ich mich vor allem mit den historischen Bedingungen beschäftigt, die den komplizierten Diskursen um die Rolle des Islam in der europäischen Gesellschaft vorausgehen. Wie wir gesehen haben, ist die Beschäftigung mit den historischen Tatsachen vor allem deshalb notwendig, weil sie deutlich macht, dass der Dialog, der mehr propagiert wird als er tatsächlich stattfindet, von so unterschiedlichen Prämissen ausgeht, dass es kaum Berührungen geben kann, die nicht unmittelbar zu Missverständnissen führen.

Da wäre zum Beispiel das Wort Dialog. Es scheint nicht völlig klar zu sein, was das Wort bei den unterschiedlichen Protagonisten meint. Ein typisch europäisches Verständnis von Dialog ist es, den anderen nach einem kategorialen Schema mit sich selbst zu vergleichen und sich darüber zu freuen, wenn es Gemeinsamkeiten gibt und die Differenzen als Nebensächlichkeiten stehen zu lassen. Für die muslimischen Dialogpartner ist das Wort Dialog eher eine rhetorische Floskel, die sie benutzen, weil es opportun ist, aber sie bedeutet wenig bis gar nichts. Für den Islam ist Differenz keine Kategorie, weil es keinen Dualismus gibt, der verschiedene Sphären von einander unterscheiden würde. Verschiedene Strukturen müssen in eins gesetzt werden, damit das Primat der Religion stabil bleibt. Wie wir außerdem gesehen haben, existieren in der muslimischen Kultur kaum bis gar keine Traditionen sich mit anderen Kulturen oder Religionen als „anderen“ zu beschäftigen. Wenn Islamvermittler also von Dialog sprechen, meinen sie oft Konversion, weil ihnen die Begrifflichkeit und die kulturelle Praxis fehlt, im Christentum oder anderen Phänomenen etwas Eigenständiges zu sehen. Aus ihrer Sicht ist das auch nicht respektlos gemeint, sondern eine logische Konsequenz der islamischen Offenbarung. Als Hans Küng seine große Islamstudie veröffentlichte, kritisierte die ansonsten sehr positive Rezension eines muslimischen Zeitgenossen: „Überhaupt zielt das Buch sehr häufig darauf ab zu betonen, dass das Christentum in seinem Ursprung perfekt sei, die anderen Religionen (Judentum und Islam) lediglich das Potential dazu hätten.“ Es ist fast überflüssig zu betonen, dass ich persönlich eine solche Auffassung in Hans Küngs Text nirgendwo gefunden habe. Der Rezensent hatte offenbar nicht verstanden, dass Hans Küng ein christlicher Theologe ist und dies auch nach seiner sehr intensiven (und überwältigend positiven) Auseinandersetzung mit dem Islam weiterhin bleiben wird.

Um diesen etwas merkwürdigen Zugang in einen Kontext zu stellen lohnt es sich den Blick auf einen modernen muslimischen Intellektuellen zu richten, der seit einiger Zeit auch in europäischen Kreisen bekannt ist, den türkischen Gelehrten Fethullah Gülen. Er wurde 2008 schlagartig bekannt, als er eine internationale Umfrage des englischen Prospect Magazine gewann, die wissen wollte, wen die Leserinnen und Leser für den bedeutendsten und einflussreichsten Intellektuellen halten. Die Liste der 100 Namen findet sich hier.

Ein Portrait dieses Mannes im Prospect Magazine kann hier nachgelesen werden. Der Autor Ehsan Masood stellt ihn als modernen Osmanen vor, dessen Lebensaufgabe darin bestünde den islamischen Glauben und moderne Wissenschaft in Einklang zu bringen. Masood schreibt: „Gülen does not follow those Muslims who believe the Koran contains all that is necessary for scientific understanding.“ Wir wollen uns diesen Satz fürs erste einmal merken und lassen Fethullah Gülen selbst zu Wort kommen. Man findet einen umfangreichen Überblick über seine Gedanken und sein Schrifttum auf seiner Website, https://www.fgulen.com/en/ und in einer deutschsprachigen Ausgabe unter https://www.fgulen.com/de. Ich werde mich im Folgenden auf die deutschen Übersetzungen seiner Ideen beziehen. Ein großer Teil seiner Arbeit besteht darin „Fragen an den Islam“ (auch der Titel eines seiner Bücher) zu beantworten und genaue Richtlinien für seine Anhänger auszugeben, mit denen sie sich für die Auseinandersetzungen, die noch kommen mögen wappnen können. Ein Beitrag von ihm, dem man hier findet, trägt den Titel: „Wie sollen wir uns verhalten, wenn darauf hingewiesen wird, dass moderne Wissenschaft und wissenschaftliche Fakten mit dem Koran übereinstimmen?“

Er schreibt: „Unsere Position muss klar definiert sein, und sieht folgendermaßen aus: Koran und Hadith sind wahr und absolut. Wissenschaft und wissenschaftliche Fakten sind wahr, solange sie mit Koran und Hadith übereinstimmen.“ Eindeutiger geht es wohl nicht. Wo Ehsan Masood gelesen haben will, dass Gülen nicht jenen muslimischen Deutungen folgt, die glauben, dass der Koran alles enthält was für ein Verständnis wissenschaftlicher Tatsachen notwendig ist, bleibt rätselhaft. Wir können hier einen wesentlichen Unterschied zwischen christlicher Theologie und islamischer Glaubenslehre erkennen. Thomas von Aquin schlug durch seine Lektüre der Schriften des Aristoteles genau den entgegen gesetzten Weg ein, indem er seine Theologie dualistisch konzipierte. Es gibt eine Trennung in ein Wissen, das von Gott kommt und eines, das durch logische Vernunftargumente erzeugt wird. Wir sehen bei ihm eine analytisch herausragende Konzeption von Differenz, die für das christliche Denken typisch ist. Wir sehen auch, dass der Islam eine völlig andere Richtung nahm, die mit Fethullah Gülen offenbar bis heute dominierend ist.

In einem anderen Beitrag schreibt Gülen: „Da der Koran um der Menschen willen offenbart wurde, weil er ihnen in der Beziehung zu ihrem Schöpfer Sicherheit schenken und sie in die Lage versetzen möchte, in allen Lebensbereichen Erfolg und ewiges Glück zu erlangen, beinhaltet er zwangsläufig alle Dinge.“ Die Methode mit der Gülen die Kompatibilität von koranischen Versen mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen erzwingt ist einfach, aber sehr effektiv. Er zitiert (im selben Aufsatz) einen Vers, wie diesen hier: „Und den Himmel haben Wir mit (Unserer) Kraft erbaut; und siehe, wie Wir ihn reichlich geweitet haben.  (51:47)“ und behauptet anschließend: „Dieser Vers verrät uns, dass die Entfernung (der Raum) zwischen Himmelskörpern größer wird und dass sich das Universum ausdehnt.(…) Aber egal in welche Worte die Menschen diese Realität kleiden, ob sie nun dem Koeffizienten Hubble’s oder (in Zukunft) irgendjemand anderem Vertrauen schenken – die Offenbarung äußert sich dieser Realität gegenüber ganz unmissverständlich.“ So einfach ist das. Aus demselben Text eine weitere Kostprobe. Zuerst der Koranvers: „Und Er hält den Himmel zurück, damit er nicht auf die Erde fällt, es sei denn mit Seiner Erlaubnis. (22:65)“ und dann die Interpretation: „Dieser Vers klärt uns darüber auf, dass die Himmelskörper zwar jeden Augenblick auf die Erde stürzen könnten, dass der Allmächtige dies aber nicht zulässt. Hierin liegt ein Beweis für den allumfassenden Gehorsam Seinem Wort gegenüber, das in der Sprache der zeitgenössischen Wissenschaft als die Balance zwischen der zentripetalen und der zentrifugalen Kraft bezeichnet wird. Ob die Menschen nun Newtons oder Einsteins Theorien zu den mechanischen und mathematischen Gesetzen dieses Gehorsams folgen, ist nicht so wichtig. Von weit größerer Bedeutung ist, dass wir unsere Gedanken auf diesen Gehorsam und auf die Gnade Gottes, die das Universum in seiner verlässlichen Bewegung hält, richten.“ Das Niveau dieser Erkenntnistheorie ist erschreckend. Wo in dieser Blase analytische Momente ihren Platz finden sollen, wird nicht sichtbar. Der Willkür einer theologischen Interpretationshoheit über banalste Selbstverständlichkeiten wird gedankenlos Tür und Tor geöffnet. Gülen kommt niemals auf den Gedanken die Ursprünge der europäischen Entwicklung selbst in den Blick zu nehmen, und heraus zu finden warum sich Astronomie, Physik, Newton und Einstein durch eine strikte Abgrenzung (nicht durch Gegnerschaft) zur Religion entwickelt haben. Er hat auch kein Sensorium dafür, die Leistungen der europäischen Kultur als eigenständige Phänomene wahr zu nehmen, alles und jedes muss, wenn es irgend einen Nutzen in der Argumentation hat, in den Islam eingemeindet und unmittelbar darauf zurück geführt werden. Warum Hubble (ein gläubiger Christ übrigens) die Theorie von der Ausdehnung des Weltalls entwickelt hat und kein muslimischer Astronom, wo doch alles schon im Koran steht, darauf geht er ebenfalls nicht ein. Wir sehen abermals den fatalen Zug islamischer Glaubenslehre am Werk, keine Differenz ins Narrativ schreiben zu wollen und selbst die unsinnigsten Widersprüche in eins setzen zu müssen, damit das Gebäude stehen bleibt. Von der äußerst scharfsinnigen Scholastik christlicher Theologie ist Gülen jedenfalls Universen entfernt.

Es bedarf keiner großen Phantasie, um nicht überzeugt davon zu sein, dass alles, was einem gerade einfällt damit bewiesen werden kann. Die hermeneutische Vielfalt eines sprachlich so enorm reichen Buches wie dem Koran, das eine großartige literarische Leistung darstellt, erlaubt einen originellen Ideenreichtum ohne Grenzen. Aber man kann dasselbe auch mit der Bibel und den jüdischen Überlieferungen machen, und auch die als Vorläufer des Sanskrit verfassten Veden der hinduistischen Tradition werden einiges an Überraschungen zu bieten haben, wenn man nur einen ähnlich großen Einfallsreichtum an den Tag legt. Was wir einstweilen feststellen können und für mich eine riesige Enttäuschung gewesen ist: Fethullah Gülen ist keinesfalls der große Reformer, nicht der Spinoza des Islam, der den Koran auf eine textkritische Ebene bringt, um von dort aus die Wiederbelebung der islamischen Wissenschaftstradition in Angriff zu nehmen. Seine Ideen bleiben so orthodox und banal, wie die zitierten Passagen andeuten. Gülen geht aber noch einen Schritt weiter, will er das Primat seiner Religion über die Wissenschaft wirklich theologisch auf den Punkt bringen. Auf die Frage „Besitzt der Islam das Potenzial, sich mit Problemen jeder Art zu befassen?“ antwortet er, welche Überraschung, natürlich: „Ja, der Islam ist dazu in der Lage, sich mit jedem Problem zu befassen. (…) Die Welt ist auf dem Weg, ein neues Verständnis des Islam zu entwickeln, und die Überzeugung, dass die Probleme, die die Menschheit bisher nicht hat lösen können, vom Islam bewältigt werden können, ist weit verbreitet.“ Viel Glück dabei.

Der Islam und darin unterscheidet sich Gülens Ansatz nicht von dem vergleichbarer Autoren ist ein Universalismus, der es ernst meint. Kein Funken Zweifel und keine Prise Relativismus trüben diese Überzeugung. Man muss diese Ansprüche nicht unbedingt für bare Münze nehmen, schließlich hat sich die Astronomie auch bisher nicht groß darum gekümmert, ob Hubble’s Ideen bereits im Koran vorweg genommen wurden oder nicht. Versucht man all dem aber auch einen politischen Sinn zu geben, wird Gülens ideologisches Projekt vollends bizarr.

Auf die Frage „Manche Leute behaupten, die Muslime hätten sich wie westliche imperialistische Mächte verhalten, weil auch sie mit dem Ziel der Eroberung und Ausbeutung in fremde Länder einmarschiert seien und diese besetzt hätten. Haben sie Recht?“ antwortet er: „Den Muslimen vorzuwerfen, einen imperialistischen Kolonialismus betrieben zu haben, ist ungeheuerlich und absurd. Denn diese Menschen riskierten mit ihrer ehrenhaften Gesinnung ihr Leben, um anderen Völkern die Botschaft des Islam zu bringen. Sie verbrachten den größten Teil ihres Lebens weit weg von ihren Kindern, ihren Familien und ihrer Heimat, um gegen Armeen zu kämpfen die zehn- oder gar zwanzigmal so groß wie ihre eigenen Armeen waren; und sie waren zutiefst betrübt, wenn sie nicht auf dem Schlachtfeld für ihre Sache sterben und den ruhmreichen Gefährten des Propheten als Märtyrer des Islam folgen konnten.“

Es ist keine große Frage, die sich da stellt. Die imperiale Ausdehnung des Islam ist eine Tatsache und dass Krieg, Eroberung und Gewalt jedes Projekt dieser Art notwendigerweise begleiten müssen, dahinter steht kein besonders origineller Gedanke, sonder höchstens Hausverstand. In seinem Buch „Islamic Imperialism: A History“ beschreibt Efraim Karsh die Politik der islamischen Herrscher über die letzten 14 Jahrhunderte. Ihr Pragmatismus und ihre Kriege unterscheiden sich nicht von denen aller anderen. Sie waren weder edler noch grausamer und schlossen Bündnisse mit jedem, der ihnen Nutzen versprach, so wie das die europäischen Fürsten auch taten. Eine andere Haltung, als diese zu haben, ist dermaßen absurd, dass man es eigentlich nicht ernst nehmen kann.  Man könnte es dabei belassen, aber Gülen muss auf jeden Fall die moralische Überlegenheit des Islam beweisen, und flüchtet sich dabei in Argumente, die höchstens ein prekäres Geschichtsverständnis verraten: „Diejenigen, die mit den schlimmsten imperialistischen Absichten (und Folgen) fremde Länder überfielen, besetzten und ausbeuteten, waren allesamt machthungrige Individuen oder Nationen: von Alexander bis Napoleon, von den Römern bis zu den Deutschen und von der russischen Diktatur bis zur amerikanischen Supermacht. Überall dort, wo es zu imperialistisch motivierten Eroberungsfeldzügen kam, verdarben diese die Moral und hinterließen Chaos, Konflikte, Tränen, Blutvergießen und Verwüstung. Heute schicken sich die Erben dieser Art von Eroberern an, den Islam, seinen Propheten und seine ruhmreichen Gefährten zu beleidigen.“ Das Modell ist so überraschend einfach, dass man sich fragt, wie dieser Mann so bedeutend werden konnte. Die Botschaft des Fethullah Gülen lautet: Der Islam ist auf jeden Fall super, alles andere nicht. Man ist versucht laut zu klatschen. Und weiter heißt es: „Viele Gelehrte und Intellektuelle, die sich des Werts der Dynamik des Islam bewusst sind, weisen uns ausdrücklich darauf hin, dass die Muslime sich neu besinnen und versuchen sollten, diese Dynamik wiederzuerlangen. Denn sie war es, die einst die globale Vorherrschaft des Islam begründete und sie wird die Basis unseres ewigen Lebens im Jenseits bilden. Als die Muslime fremde Länder eroberten, eroberten sie gleichzeitig auch die Herzen der dort ansässigen Bevölkerung. Sie wurden von den Einheimischen mit Liebe, Respekt und Gehorsam empfangen. Kein einziges Volk, das sich zum Islam bekannt hat, hat sich jemals darüber beschwert, dass es durch die Ankunft der Muslime kulturell eingeschränkt oder zerstört worden wäre – ein offensichtlicher Kontrast zu den Eroberungen des christlichen Westens.“ Offensichtlich.

Man erwartet von einer universalistischen Vision auch ein bestimmtes Maß an Selbstkritik, freundliche Zurückhaltung und die Demut, dass man selbst auch nicht immer alles richtig gemacht hat, aber davon lässt sich bei Gülen nichts lesen. Stattdessen: „Dies sind nur einige wenige Beispiele, die beweisen, wie sensibel, tolerant, gerecht und menschlich die Muslime gegenüber anderen Menschen waren. Zu einer solchen Haltung aufrichtig empfundener Toleranz hat es außer den Muslimen kein anderes Volk und keine andere Gesellschaft gebracht.“ Man wagt kaum zu fragen, wie das wohl die ägyptischen Kopten sehen.

Ein Höhepunkt dieses Schrifttums ist jedoch der Text über die Sklaverei. Auf die Frage: „Wie kommt es, dass der Islam als eine Religion, die Gott zum Wohl ‎der Menschheit offenbart hat, die Sklaverei billigt?“ antwortet er zunächst mit einer sehr ausführlichen Kritik an der europäischen Form des Imperialismus und seinen entsetzlichen Folgen für die Bewohner des afrikanischen Kontinents, erwähnt aber mit keinem Wort, dass der Sklavenhandel ein gemeinsames Geschäft der christlichen und muslimischen Gesellschaften war und die islamischen Imperien Sklaven aus der südlichen Sahelzone, aus Osteuropa und den Mittelmeerküsten erbeuteten und mit ihnen Handel trieben. Anstatt also darüber nachzudenken, wie man diese gemeinsame Geschichte als Kritik an der eigenen Geschichte formulieren könnte, produziert er den üblichen und bekannten Sermon, der Europa, das Christentum und den Westen als großes Feindbild  markiert, das die Kritik an der eigenen Geschichte verhindern muss. Der große Unterschied, der zwischen europäischer und muslimischer Sklaverei bestanden haben soll, drückt sich für Gülen so aus: „Dem Sklaven eines muslimischen Haushalts bot sich die Gelegenheit, die Wahrheit des Islam aus nächster Nähe kennen zu lernen.“ Sklaverei als interkulturelles Fortbildungsseminar, so schön hab ich das noch nie gelesen.

Fethullah Gülen ist in keinster Weise ein Extremist. Er ist kein islamistischer Fanatiker vom Schlage Sayyid Qutbs. Obwohl seine Anhänger eine große Rolle für die in der Türkei regierende AKP spielen und er als spiritus rector ihrer ideologischen Projekte gilt, verkörpert er einen muslimischen Mainstream jenseits aller Verrücktheiten eines terroristischen Rands. Aber gerade das macht die Lektüre so bestürzend. Es kann uns ja völlig egal sein, was er denkt, aber man findet keine Anhaltspunkte dafür, dass sich seine Lesart des Koran in ein Projekt einfügen könnte, das den Islam in eine neue Ära führt. (Fortsetzung folgt.)

Europa, Islam und Islamophobie, Teil 1

März 15, 2010 1 Kommentar

Seit Edward Said 1978 seine große Studie über den „Orientalismus“ veröffentlichte, gibt es eine große Diskussion über die Wahrnehmung des Islam in Europa. Eine seltener gestellte Frage ist, wie die Bewohner der muslimischen Welt eigentlich den „Westen“ sehen, und welche Rolle diese Wahrnehmung in ihrer Geschichte gespielt hat. Eine Auseinandersetzung mit dem Werk von Bernard Lewis fördert dazu überraschende Aspekte zutage.

Der britische Historiker Bernard Lewis gehört zu den kompetentesten Nahostexperten und der Geschichte des Islam. Außerdem hat er das Verhältnis zwischen islamischer und europäisch/westlicher Kultur wie kein zweiter sorgfältig studiert. Seine Texte sind einerseits von einer sehr akribischen Kenntnis der Quellen geprägt, von einer spürbaren Sympathie für seinen Gegenstand durchdrungen und zeichnen sich doch durch eine sorgfältige intellektuelle Distanz aus. In einer neueren Veröffentlichung aus dem Jahre 2002 „What went wrong“ geht er der Frage nach, warum die islamische Welt ihren einstigen Glanz und jene Bedeutung verloren hat, die sie zumindest in den Augen der muslimischen Bevölkerungen des Nahen und Mittleren Ostens für lange Zeit inne hatte.

Geschrieben unter dem Eindruck der Terroranschläge des 11. September 2001, wiederholt „What went wrong“ eine Reihe von Hypothesen, die Lewis schon 1982 in „The muslim discovery of Europe“ (dt.: Die Welt der Ungläubigen. Wie der Islam Europa entdeckte. Ullstein Verlag 1983) entwickelt hatte. Er entfaltet darin das Bild einer mächtigen Zivilisation, die vom 8. bis etwa ins 13. Jahrhundert von Erfolg zu Erfolg eilte, weite Teile Asiens und große Teile Süd und Osteuropas unterwarf und bis tief in den afrikanischen Kontinent hinein das Maß aller Dinge war. Die Größe des islamischen Einflussgebiets entsprach dem Ausmaß des eigenen Selbstbewusstseins. In der Selbstwahrnehmung der muslimischen Eliten und ihrer Bevölkerungen war es bloß eine Frage der Zeit bis die ganze Welt bekehrt und Teil des Hauses des Islam werden sollte. Man war das Zentrum der Welt, intellektueller Höhepunkt und unüberschreitbarer kultureller Horizont zugleich, der aus seinen eigenen Ressourcen unerschöpfliche Reichtümer materieller wie geistiger Art erzeugen konnte. Eine erste Unterbrechung dieses Erfolgslaufs war daher die Vernichtung des Kalifats von Bagdad durch die mongolischen Reiterheere 1258, ein entsetzliches Massaker mit katastrophalen Spätfolgen für den gesamten arabischen Raum. Im Lauf der nächsten drei Jahrhunderte verschob sich das Machtzentrum im Islam von der arabischen Halbinsel nach Kleinasien und begünstigte so den Aufstieg des osmanischen Reiches zum größten Imperium der islamischen Welt. Obwohl die Eindringlinge aus den asiatischen Steppen bereits zwei Jahre später, 1260 in der Schlacht bei Ain Djalut, wieder zurück geschlagen werden konnten, scheint sich die muslimische Kultur des Nahen Ostens davon nie richtig erholt zu haben. Genauer gesagt ist die Vernichtung Bagdads in der muslimischen Geschichtsschreibung bis heute ein weitaus wichtigeres Ereignis als jene Episode, die im europäisch/christlichen Sprachraum als Ära der Kreuzzüge bekannt ist. Die islamische Zivilisation hatte knapp zwei Jahrhunderte vor der Vernichtung Bagdads den Einfall der Kreuzfahrer überstanden und das christliche Königreich Jerusalem wieder aus dem Nahen Osten vertrieben. Europa war für sie ein kalter barbarischer Landstrich im Norden, der keine interessante Kultur anbot und von so geringem Interesse war, dass man erst im 19. Jahrhundert den Begriff „Kreuzzug“ für die arabisch/muslimische Diskussion über diese kaum beachtete Episode der Geschichte adaptierte. Das interessante Detail dieses damals sicher begründeten Desinteresses an europäischer Innenpolitik ist nun, dass dieses Desinteresse wie Lewis mehrmals bekräftigt auch bis weit ins 19.Jahrhundert dauerte.

Bernard Lewis hat sich einen Namen damit gemacht, vor allem die Archive der osmanischen Geschichte durchstöbert und untersucht zu haben, dem größten Imperium der islamischen Geschichte nach dem 13. Jahrhundert. Die osmanische Herrschaft war bis zu ihrem Ende 1923, der Abschaffung des Kalifats in der kemalistischen Türkei, einer der Big Player der Neuzeit, als eigenständiger Raum in Allianzen, Kriege oder kulturellem Austausch mit den europäischen Großmächten verwickelt. Was Lewis in „The muslim discovery of Europe“ entfaltet ist ein Panorama der Wahrnehmung der islamischen und christlich/europäischen Welten voneinander, das asymmetrischer nicht sein kann.

Lewis definiert einige sehr interessante Unterschiede in den Ausgangsbedingungen dieser Konfrontation. Das Interesse der Europäer an dieser Region war zunächst religiöser Natur. Die heiligen Stätten des Christentums liegen in Jerusalem, genau wie die der Juden und einige der Muslime, und der Nahe Osten war bis zur Geburt des Islams noch von sehr vielen christlichen Gemeinden bewohnt, ehe der südliche Mittelmeerraum zum Kerngebiet der islamischen Welt wurde. Europäische Pilger und später die Kreuzfahrer hatten also ein enormes Interesse daran, einerseits die Kultstätten zu bewahren, andererseits den politischen Einfluss wieder zu gewinnen, den sie durch den Vormarsch des Islam verloren hatten. Ganz anders die muslimische Bevölkerung des Nahen und Mittleren Ostens: Es gab keine heiligen Stätten in Europa und es lebten dort auch im Gegensatz zu heute keine muslimischen Minderheiten, die Verbindungen notwendig und Austausch attraktiv gemacht hätten.

Diese Disparität der Wahrnehmung ist ein ganz wesentlicher Aspekt der sagen wir mal kulturellen Missverständnisse, die sich in unserer Gesellschaft über Islam, Integration, Rassismus und den Begriff der Islamophobie breit gemacht haben. Die Betrachtungsweise des „Anderen“ erfolgt durch komplett unterschiedliche Dispositive der Wahrnehmung und bestimmt den Fokus auf die Gestalt dieses anderen auf sehr unterschiedliche Weise. Eine weitere Ausgangsbedingung des Verhältnisses zwischen dem Islam und Europa bezieht sich auf die Rolle der Sprache. Während der islamische Raum neben sehr vielen Dialekten auf eine einzige Hochsprache, arabisch, komprimierbar gewesen ist, war den Europäern immer schon die Notwendigkeit bewusst gewesen, dass man in mehreren Sprachen kommunizieren muss. Zwar gab es auch mit Latein eine Hochsprache, aber dem christlichen Glauben wohnt das Erbe vieler anderer Sprachen vom Hebräischen zum Aramäischen über das Griechische bis zum Arabischen inne. Übersetzung und Übersetzungsarbeit gehören zu den wichtigsten kulturellen Leistungen der mönchischen Arbeit des Christentums. Während sich die christliche Ausbreitung langsam vollzog und in feindlichen Umgebungen erst daran arbeiten musste anerkannt zu werden, breitete sich der Islam enorm schnell aus, und kam als siegreicher Eroberer, der allen Unterworfenen seine Sprache, seine Kultur und sein Rechtssystem anzubieten imstande war. Der gebildete Muslim konnte sich vom 9. Jahrhundert an zwischen dem westlichen Nordafrika über Kleinasien und dem nördlichen Kaukasus bis zu den Rändern des Himalaja in praktisch einem Idiom bewegen, das einen universalen kulturellen Kanon anbot. Übersetzungen oder gar das Erlernen fremder Sprachen erschienen überflüssig und wurden nicht gefördert. Lewis betont mehrmals, dass im gesamten Mittelalter bis weit nach 1300 kein einziges Buch aus dem Lateinischen ins Arabische übersetzt worden ist. Die islamische Philosophie dieser Epoche kannte weder Augustinus noch Thomas von Aquin und schon gar nicht Duns Scotus. Diese Feststellung muss zunächst nicht viel mehr heißen, als bis zur Neuzeit wenig Literatur von der einen Seite zur anderen kam, aber Lewis betont, dass dies auch für spätere Jahrhunderte galt, als die osmanischen Heere schwere Niederlagen erlitten und der Aufstieg der europäischen Mächte zu den bestimmenden Kräften zwischen den Weltmeeren auch für die islamische Welt eine sichtbare Tatsache geworden sein muss. Die Ignoranz anderer Kulturen gegenüber ist selbstverständlich kein islamisches Spezifikum und Lewis merkt ironisch an, dass ein Muslim des 18. Jahrhunderts von Europa ebenso viel wusste, wie ein durchschnittlicher Europäer des 19. Jahrhunderts vom Inneren Afrikas. Das schlichtweg Erstaunliche daran ist, dass diese Verweigerung einer intensiveren Auseinandersetzung selbst dann noch anhielt, als die negativen Konsequenzen für die eigenen Gesellschaften bereits unübersehbar geworden waren. Selbst im 19. Jahrhundert, als das osmanische Reich einen akuten Reformbedarf in Fragen der Verwaltung, der Infrastruktur und natürlich der militärischen Schlagkraft ortete und zum ersten Mal in größerem Umfang osmanische Beamte zum Studieren in den Westen schickte, beschränkte sich dieses Engagement vor allem auf militärische Fragen, den Import von Waffen oder waffenfähiger Technologie und das Know-how für die Ausbildung der Armee. Zwar wurde das Ausmaß der industriellen Revolution von Strategen und Beamten als Faktor wahrgenommen, aber ihre Empfehlungen wurden nicht umgesetzt oder verworfen. Das wie gesagt Erstaunliche daran ist nicht, dass es diese Ignoranz gab und manchmal heute noch gibt, oder dass sie etwas spezifisch Muslimisches wäre, sondern dass diese Ignoranz selbst dann nicht aufgegeben wurde, als sie schwere Konsequenzen für die eigene Gesellschaft hatten. Was in der Politik modus operandi war, galt natürlich auch für die Wissenschaften und die intellektuelle Kultur. Obwohl die muslimisch-arabische Tradition Aristoteles bewahrte und große Teile der griechischen Tradition erst für Europa zugänglich machte, ignorierte sie Homer völlig und schenkte der dramatischen Kunst eines Aischylos, Sophokles, Euripides keinerlei Aufmerksamkeit. Dieses System einer äußerst selektiven Wahrnehmung zieht sich durch die gesamte islamische Geschichte, wenn es um die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen geht.

Lewis erwähnt einen großen osmanischen Historiker vor 1700, Katib Celebi, der in seiner Universalgeschichte der bekannten Welt den europäischen Entwicklungen nur ein paar Seiten einräumt. Das Christentum beschreibt er ausschließlich durch das frühes Schisma der Nestorianer im 5. Jahrhundert und von den wenige Jahrzehnte zurück liegenden Auswirkungen der Reformation, die eine komplette Neuordnung der europäischen Politik auslösten schweigt er und interessiert sich offenbar auch nicht dafür. Obwohl das osmanische Reich in unmittelbarer Gegenwart 1683 vor Wien eine schwere Niederlage erlitten hatte, blieb selbst eine eingehende Einschätzung des Feindes durch eine Analyse etwa des 30 jährigen Krieges, der Auswirkungen der Reformation auf die politische Struktur der europäischen Monarchien, ihre Spaltung in katholische und protestantische Schismen vollständig aus. Literatur von Shakespeare, Cervantes oder gar Rabelais fand keinen Eingang in die islamische Kultur, gleiches gilt für die Enzyklopädisten, die Physiker und die Philosophen der europäischen Aufklärung. Glaubt man Bernard Lewis gab es dafür auf islamischer Seite schlicht kein Interesse. Es gab keine Übersetzer, keine Wörterbücher und keine Neugier auf die Entwicklungen jenseits des Mittelmeers. Das verwundert nicht nur, sondern wird durch die noch merkwürdigere Tatsache konterkariert, dass es auf europäischer Seite ein enormes Interesse an arabischer Sprache gab, das dazu führte, dass vom 16. Jahrhundert an fast alle europäischen Universitäten Lehrstühle für arabische Sprache einrichteten, Wörterbücher und Grammatiken veröffentlichten und arabische Bücher sammelten, um sie wissenschaftlich zugänglich zu machen. In der Medizin lasen die Europäer Bücher von Abu Bekr Mohammed ibn Zakariya al-Razi (880–932), einem Perser der bei uns Rhazes genannt wurde, von dem u.a. die erste klinische Beschreibung der Pocken, ihren möglichen Ursachen und Heilungsmethoden stammte, aber es gab erheblichen Widerstand dagegen Paracelsus in die islamische Wissenschaft einzuführen. Wie konnte es zu einem solchen Ungleichgewicht kommen, das auch noch anhielt, als die Folgen und Konsequenzen dieser Ignoranz bereits überall sichtbar waren?

Das antike Wissen der Griechen, ihre Texte und das sprachliche Erbe wurden wie allgemein bekannt ist, durch die arabische Übersetzungen in Europa eingeführt. Aber wie der französische Religionswissenschaftler Remi Brague einmal bemerkt hat, stammten diese Übersetzungen aus dem Griechischen ausschließlich von christlichen oder jüdischen Autoren, also Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen und Know-how in Übersetzungsarbeit. Da diese christlichen und jüdischen Gemeinden in der frühen Zeit des Islam noch sehr gut behandelt wurden, konnten sie ihr Fremdsprachen Know-how in die islamische Renaissance einbringen. Es erstaunt dennoch, dass gerade diese Fähigkeit insgesamt sehr unterschätzt wurde und das bis weit in die Neuzeit. Solange sich die islamische Welt in dem Gefühl baden konnte, die erste Zivilisation des Planeten zu sein, erwies sie sich als erstaunlich weltoffen und tolerant. Aber diesem totalen Überlegenheitsgefühl wohnte auch die Nachlässigkeit inne, selbst aktiver zu werden. Fremde Sprachen, gar Auseinandersetzung mit einem als unbedeutend empfundenen Feind galten als überflüssig, waren sozial nicht anerkannt und wurde den Nichtmuslimen überlassen, die im Herrschaftsbereich des Islam einen anerkannten Rechtsstatus genossen. Nach dem 13. Jahrhundert, wurden wie es hieß die „Tore des Idschtihād“ geschlossen. „Idschtihād“ bezeichnet die selbstständige Interpretation der Rechtsquellen, also Koran und Hadith. Wie Tilman Nagel in der „Geschichte der islamischen Theologie“ beschreibt, wurde die offizielle Auslegung der heiligen Schriften nach dem 13. Jahrhundert danach beurteilt, wie eng sie sich an die Interpretationen der klassischen Rechtsschulen anlehnte. Neuerungen waren nicht mehr erwünscht und galten als wertlos oder sogar ketzerisch. Mit der Schließung der Tore des „Idschtihād“, die dazu gedacht war die Rechtsprechung eindeutig zu standardisieren, wurden jedoch vor allem intellektuelle Neuerungen verhindert und die große Wissenschaftskultur des Islam verfiel.

Es ist keineswegs eine Eigenheit des Islam, sich ausschließlich auf die eigenen Geschichten zu beziehen, aber während seit einigen Jahrzehnten „Eurozentrismus“ ein gewichtiger (und zumeist nicht unberechtigter) Vorwurf in akademischen Debatten ist, habe ich noch nie irgendwo gehört, dass der Islam möglicherweise sehr islamozentrisch ist. Das heißt nicht, dass die muslimischen Schüler und Schülerinnen der arabischen Halbinsel sich unbedingt mit Shakespeare und Newton befassen sollen (obwohl auch dagegen nichts einzuwenden wäre) oder plötzlich Daten aus dem 30 jährigen Krieg zu memorieren haben. Was jedoch verwundert ist die eigenartige Tatsache, dass muslimische Autoren auch unserer Gegenwart, die sehr viel Wert darauf legen, dass man sich mit dem Islam nicht bloß als Kultur, sondern als authentischen Ausdruck eines religiösen Universalismus beschäftigt, kaum Auseinandersetzung mit z.B. christlicher Theologie führen. Wenn ein sehr prominenter Gegenwartsautor wie Tariq Ramadan, dessen Hauptaufgabe wohl darin besteht den Islam einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, behauptet, dass es im Islam gar keine Theologie gäbe, wird die Sache noch schwieriger. Ein sehr bedeutender Unterschied zwischen Europa und der islamischen Welt liegt daher in der Tatsache, die Remi Brague in mehreren seiner Texte verarbeitet hat. Europa hat sich immer schon mit außerhalb liegenden Horizonten beschäftigt. Allein das antike Erbe der griechischen Tradition fand ja mehr in Kleinasien statt als auf dem europäischen Festland, das Christentum kommt aus dem Nahen Osten und die Expansionen der Neuzeit verweisen wie Peter Sloterdijk in „Der Weltinnenraum des Kapitals“ gezeigt hat, auf ein spezifisches Framework der Wahrnehmung, das seinen Blick ständig auf Neues, Unbekanntes werfen muss. Europa ist der Blick über den Horizont, während das islamische Imperium  fast vollständig aus sich selbst heraus entstand. Die im Koran offenbarte Wahrheit, eine Einheit aus Religion, Politik, Kultur und Recht ermöglichte einer bis dahin unbedeutenden und zerstrittenen Stammesgesellschaft den Aufstieg zur Weltmacht innerhalb eines Jahrhunderts, schneller als das bis dahin irgendeine vergleichbare Kraft zustande gebracht hatte. Aus welchen Gründen, äußeren und inneren Ursachen, sie sich entschloss den Antrieb zur Weiterentwicklung fast völlig aufzugeben ist keine leicht zu beantwortende Frage.

Es gehört zu den am meisten gehörten rhetorischen Floskeln muslimischer Vermittler in unseren Breiten, dass der Islam nicht verstanden, missverstanden, und falsche Auffassungen darüber verbreitet würden. Es ist natürlich unübersehbar, dass es Wissenslücken über den Islam gibt und manches davon in rassistischer Form geäußert wird, aber auf dem akademischen Niveau gibt es in Europa eine reiche Tradition an Islamwissenschaft, Koranübersetzungen und sprachwissenschaftlicher Arbeit über das Arabische. Wenngleich der vor kurzem verstorbene Edward Said genau diesen Umstand in durchaus berechtigter Weise als „Orientalismus“ kritisiert hat, ist erstaunlich, dass er genau das Fehlen einer äquivalenten Disziplin in der islamischen Geschichte so außerordentlich auffällig ignoriert hat. Es gibt keinerlei Entsprechung in der muslimischen Kulturgeschichte, die sich mit Europa, dem Christentum und seinen Wurzeln beschäftigt hätte, um vielleicht einmal die Vielfalt der Sprachen mit den enormen Unterschieden in den ethnischen und linguistischen Diversifikationen zu untersuchen. Und es entstand keine Kultur, die einen „Okzidentalismus“ hervorgebracht und eine Auseinandersetzung oder gar Wettstreit um das antike Erbe von Platon und Aristoteles gesucht hätte. Die großen Philosophen der islamischen Renaissance blieben die einzigen Quellen dieses Raums, und so wurden Kant, Rousseau oder Spinoza einfach ignoriert. Man kann nur Bedauern über diese Tatsache zum Ausdruck bringen.

Wenn also von muslimischer Seite (zu Recht) eingefordert wird, dass man sich mit dem Islam beschäftigen soll, bevor man ihn kritisiert, sollte man auch einbeziehen, dass der Dialog darüber schon deshalb schwierig ist, weil man aus islamischer Sicht sehr wenig über Europa und seine Geschichte weiß. Selbst wenn sich dies mittlerweile sehr verändert haben mag, ist die prinzipielle Kultur, die den Islam eigentlich für überlegen, vollständig und abgeschlossen hält immer noch dominierend. Es muss niemanden verwundern, dass eine Religion ihre Wahrheit für absolut hält, es erstaunt, dass sie das als Grund sieht, sich mit den anderen nicht zu beschäftigen. Vermutlich lernen muslimische Jugendliche in ihrem Religionsunterricht kaum etwas über das Christentum, außer rhetorischen Ehrbezeugungen vor den Völkern des Buches. Was in einer Messe passiert, was Beichte im katholischen Christentum ist und warum es im Evangelischen Kontext keine Beichte gibt, darüber erfahren muslimische Schüler nichts.

Neben Großbritannien, Frankreich und Russland zählt der deutschsprachige Raum zu den Zentren der Islamstudien außerhalb islamischer Länder. Die reiche Tradition der deutschen Arabistik hat bedeutende Beiträge zur Entstehung des Korans, die linguistische Durchdringung der arabischen Sprache und die kritische Historisierung der islamischen Frühgeschichte geliefert. Typisch für Edward Saids politische Absichten ist, dass er den Rang der deutschen Arabistik für die Islamstudien in den islamischen Ländern selbst praktisch völlig negiert, weil er nachweisen muss, dass Orientalistik hauptsächlich der ideologische Vorwand für den englischen und französischen Imperialismus ist. Arabische Studien und Auseinandersetzung über den Islam haben sich aber schon mindestens drei Jahrhunderte vor dieser Zeit an den europäischen Universitäten etabliert.

Die gegenseitige Wahrnehmung von Christentum und Islam ist ebenfalls ein Brennpunkt zahlloser Missverständnisse. Für den christlichen Europäer ist der Islam vor allem eine andere Religion. Das Bild des Fremden und des Anderen, das sich in den Kritiken am Orientalismus manifestiert, hat also mit der Distanz zu tun, die das christliche Erbe im europäischen Denken hinterlassen hat, wenn es zu Begegnungen mit dem Islam kam. Der Islam ist ein Platzhalter für das Fremde und darum eine beliebte Andockstelle für rassistische Agitation. Aber dieselbe Fremdheit und Distanz, die rechtsextreme Politiken zu befördern trachten, ist auch Grund für eine intensive akademische Auseinandersetzung. Etwas, das fremd ist, kann man mit geeigneten Methoden untersuchen und studieren. Die Tradition der Arabistik hat in der Dimension des Fremden, das der Islam darstellt, sicher eine seiner Ursachen.

Aber wie sieht es aus der anderen Perspektive aus? Für den Islam ist das Christentum (und das Judentum) nichts Fremdes. Der Islam wurde in einem regionalen Kontext geboren, in dem viele Christen und Juden lebten und schon Jahrhunderte lang gelebt hatten. Zum einen benutzt der Koran Altes und Neues Testament (in unterschiedlicher Gewichtung) als Quellen und zum anderen wird die Offenbarung des Propheten als direkte Fortsetzung und Abschluss christlichen und jüdischen Schrifttums gesehen. Aus muslimischer Sicht sind Christen und Juden also direkte Vorläufer des Islam, die es aber aus bestimmten Gründen nicht über die Ziellinie geschafft haben oder besser: Judentum und Christentum sind sozusagen Betaversionen des Islam. Wo der europäische Blick also vor allem etwas fremdartig Rätselhaftes sieht, sieht der Muslim mit respektvoller Langeweile etwas längst Vertrautes, das hoffnungslos veraltet ist und sich durch Übernahme heidnischer Riten vom rechten Weg entfernt hat. Der Blick des Islam auf das Christentum kann durch einen bemerkenswerten Satz Hegels aus der Phänomenologie beschrieben werden: „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“ Von einem strikt religiösen Standpunkt ist es für einen Muslim also völlig sinnlos sich irgendwie auf das Christentum zu beziehen, weil der Islam das letztgültige Upgrade darstellt. Ein muslimischer Gelehrter, der sich ernsthaft mit dem Christentum beschäftigen würde, wäre nicht nur ein Apostat, sondern im kulturellen Kontext gesehen mit einem CEO von Microsoft vergleichbar, der Windows 95 noch einmal weltweit vermarkten will. Es sind vor allem Muslime, die die Ähnlichkeiten der monotheistischen Religionen betonen, aber in ihrer striktesten Auffassung sind diese Ähnlichkeiten keine Betonung von Differenz, sondern Blaupausen. Anders gesagt: Wenn der gläubige Muslim von Christentum und Judentum spricht, hat er keine eigenständigen Entitäten vor Augen, sondern er sieht Islam, Islam und nochmals Islam. Die Bemühungen des 2005 verstorbenen Papstes Johannes Paul II. um den Dialog der Religionen werden überall in der Welt anerkannt, auch im islamischen Raum. Aber die Geschichten, die man sich dort um Karel Woytila erzählt drehen sich darum, dass der Respekt des Pontifex für den Islam so groß gewesen sein soll, dass er jeden Tag vor dem Schlafengehen den Koran geküsst hätte. Mit anderen Worten: Selbst der Papst ist ein Muslim. Ein weiteres Beispiel dafür ist eine Transparentaufschrift, die man häufig auf Demonstrationszügen muslimischer Aktivisten in England sieht: Jesus was a Muslim! Der Monotheismus des Islam ist wirklich ernst gemeint und suspendiert alle anderen religiösen Erfahrungen als religiöse Erfahrungen und nicht bloß als andere. Oder wie Levi-Strauss in den „Traurigen Tropen“ schrieb: „Die islamische Brüderlichkeit ist die Umkehrung des ausschließenden Banns gegen die Ungläubigen, die nicht eingestanden werden kann, denn wollte man sie als solche erkennen, so liefe das darauf hinaus, die Ungläubigen selbst als Existierende zu erkennen.“

Eine der wesentlichsten Unterschiede, den ein Muslim zwischen Islam und Christentum festmachen kann, liegt im Gebetsritual. Der Christ hat seine Hände gefaltet, während der Muslim mit den offenen Handflächen vor dem Gesicht betet. Aus islamischer Perspektive hat diese simple Geste große Symbolkraft: Die gefalteten Hände des Christen signalisieren ein Geheimnis, eine geschlossene Form, während die offenen Handflächen des Muslims das geöffnete Buch der Offenbarung repräsentieren, das keine Geheimnisse mehr kennt. (Die gefalteten Hände des betenden Christen haben übrigens eine andere historische Bedeutung, als die islamische Deutung nahe legt, aber das soll uns nicht weiter beschäftigen.) Der Muslim verfügt über die letztgültige Offenbarung Gottes, die durch Koran und Hadith die Summe allen Wissens enthält. Sie vollendet, was Christentum und Judentum nicht geschafft haben und fordert letztere dazu auf, ihre veraltete Version endlich aufzugeben. Hans Küng berichtet in seiner großen Monografie über den Islam, dass sich nach der ersten Auflage ein in Deutschland lebender Islamlehrer aus Ägypten bei ihm gemeldet hätte, um ihn zur Konversion zu bewegen. Die Anstrengung Küngs dem Islam als Weltreligion Rechnung zu tragen und ihn in all seiner Vielfalt zu beschreiben löste also genau gar kein gegenteiliges Interesse aus. Wir können jetzt besser verstehen warum.

Welche Schlussfolgerungen sind daraus zu ziehen?

Zunächst einmal: Es gibt ganz sicher keine Gefahr der „Islamisierung“ Europas, wie sie von Faschisten und manchen fehlgeleiteten „Aufklärern“ gerne beschworen wird. Es wird muslimische Gemeinden in Europa geben, überall und sie werden auch weiter wachsen, aber sie werden Minderheiten bleiben. Daran kann es keinen Zweifel geben. Der Islam wird in Europa zu einem religiösen Bekenntnis unter vielen werden, mit eigenen lokal geprägten Auslegungen und Bräuchen. Die schwierigere Frage ist, was mit dem Islam in islamischen Ländern passieren wird. Seine internen Mechanismen verhindern wie wir gesehen haben eine islamische Reformation oder Renaissance. Die Gründe dafür liegen aber nicht in einer angeblichen Inkompatibilität des Islams mit Demokratie, Menschenrechten oder Wissenschaft. Solche Behauptungen sind Unsinn und pure Spekulation. Die islamischen Doktrine sind ja der Meinung, dass der Islam mit allem und jedem kompatibel ist und natürlich auch mit Demokratie, Menschenrechten und Wissenschaft. Aber wo die modernen Gesellschaften Distanz zwischen verschiedenen Sphären etablieren, will der Islam alle möglichen Sphären unter der Aufsicht der Religion vereinen und ihre Kompatibilität erzwingen. Die wichtige Trennung in der westlichen Kultur ist nicht die zwischen Staat und Kirche, sondern dass es überhaupt eine voneinander unterscheidbare Gestalt von Religion, Wissenschaft etc. schlechthin Differenz, also überhaupt eine Trennung zwischen gesellschaftlichen Sphären gibt. Der Islam sieht keine Differenz, sondern wie oben gezeigt nur Islam, Islam und nochmals Islam. Die Last der Religion auf die gesellschaftliche Entwicklung ist so groß, dass sich keine moderne Gesellschaft auf Dauer darin entwickeln kann. Den Muslimen kann man daher nur raten: Weniger Islam ist vielleicht mehr. (Fortsetzung folgt)