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100 Jahre Oktoberrevolution. Über das geisterhafte Nachleben des Stalinismus

 

„Warum und wie führte der sowjetische Sozialismus zu Stalin (…)?“

Louis Althusser, Die Krise des Marxismus (1978)

„Beispielsweise scheint mir – um der allerbrennendsten Frage nicht aus dem Weg zu gehen – ,dass man auf jede Art der Logik der „Aufhebung“ Verzicht leisten muss oder gar nicht erst das Wort ergreifen darf, wenn man sich fragt, wieso das so großzügige und stolze russische Volk auf einer so breiten Stufenleiter die Verbrechen der Stalinschen Unterdrückung hat ertragen können und wie sogar die bolschewistische Partei sie hat dulden können – ohne bereits von der letzten Frage zu sprechen, nämlich wie es möglich gewesen ist, dass ein kommunistischer Führer sie hat befehlen können.“

Louis Althusser, Widerspruch und Überdeterminierung in: Für Marx (1965)

 

1.

Mit der formalen Auflösung der Sowjetunion, einem Prozess der sich in mehreren Schritten im Lauf des Jahres 1991 vollzog, endete die historische Episode des „realen Sozialismus“, also jener Staaten die in das politische Systems des Warschauer Pakts eingebunden waren. In den fast drei Jahrzehnten, die seither vergangen sind haben sich viele Menschen in unterschiedlichsten Kontexten damit beschäftigt warum die sozialistischen Gesellschaften scheiterten und was die Ursachen dieses Scheiterns gewesen sind. Ein wesentlicher Teil dieser Erklärungsversuche besteht darin den Begriff des Kommunismus und zumindest einen Teil des marxistischen Repertoires vor seiner Kontaminierung durch die historischen Verwerfungen zu retten und eine imaginäre Grenze zwischen dem Autor des „Kapital“ und den Entwicklungen in der Sowjetunion zu ziehen. Der folgende Beitrag wird eine solche Unterscheidung nicht treffen. Die zahlreichen Versuche Marx und Engels (und dann anschließend Lenin und Trotzki) zu entlasten sind inhaltlich zwar nicht immer falsch, aber politisch repräsentieren sie eben nichts anderes als den Versuch die unangenehme stalinistische Vergangenheit der Sowjetunion zu verdrängen oder manchmal auch zu rechtfertigen, indem man sie als Abweichung von einem ursprünglich intakten Kern betrachtet. Die Deutung einer „reinen“ Theorie im marxistischen Oeuvre, die von unverantwortlichen Hasardeuren missbraucht worden sein soll ist selbst bereits Ausdruck einer stalinistischen Geschichtsfälschung, die zeitgenössischen ParteisoldatInnen die Mühe abgenommen hat ihre Begrifflichkeiten und Selbstverständnisse zu hinterfragen. Aber es sind nicht nur die KommunistInnen, die hier etwas zu bearbeiten hätten, auch jene Linken, die sich wegen ihrer Ablehnung der Sowjetunion für immun gegen stalinistisches Denken halten sind dem Geist des Stalinismus hilflos ausgeliefert, weil ihnen paradoxerweise am allerwenigsten bewusst ist wie sehr das Erbe Stalins auf ihnen lastet. Und damit sind nicht nur die trotzkistischen Varianten des linken Zeitgeists gemeint. In der Jungle World etwa wurde letztens das neueste Pamphlet des „Unsichtbaren Komitees“ besprochen, das wie schon sein Vorgänger davon träumt Gesellschaft durch Bandenbildung zu zerstören. Die Phantasie linker Utopien ist dabei stets die Gleiche: bevor irgendeine sinnvolle Tätigkeit entfaltet werden kann, kommt die Ausrottung und Vernichtung des Bestehenden an erster Stelle, weil die Utopie selbst völlig unfähig ist über das eigene imaginäre Selbstbild hinaus zu denken. Die Autorin des Artikels, Sophie DeBris schreibt:

„Die Frage des Kommunismus, heißt es, ist trotz ihrer gründlichen Verdrängung »das Herz der Epoche«. Sie zu umgehen, heißt nichts anderes, als sich an das Morden, an die Zerstörung des Planeten, an die alltägliche Entsagung zu gewöhnen – um den Preis, jede Fähigkeit zur Wahrnehmung dessen, was ist, in uns abzutöten. Kommunismus (und damit ist gemeint: die kommunistische Bewegung) bedeutet hier zuallererst die Kultivierung der Empfindung, der Fähigkeit zu unterscheiden, zu sehen. Kommunismus heißt: wahrnehmen, was ist. Das Versprechen des Kommunismus ist, dass jedes einzelne Fragment dieser zerbrochenen Welt errettet wird und seinen eigenen Namen erhält.“[1]

Der Hinweis in Klammer, „(die kommunistische Bewegung)“ verweist auf Marx selbst, aber verfälscht ihn dennoch, denn obwohl Worte wie „wahr“ und „wirklich“ die Marx’sche Beschreibung des Kommunismus in der Deutschen Ideologie ausschmücken, war ihm wohl selbst sehr deutlich bewusst, dass Kommunismus nicht „wahrnehmen, was ist“ bedeutet, sondern projizieren was sein soll. Die (absichtliche) Verwechslung der Wirklichkeit mit der eigenen Projektion ist ein fundamentales Prinzip stalinistischer Verfolgungspraxis gewesen. (Siehe auch meine Würdigung des Werks von Robert Conquest.) Dass Sophie DeBris den Vorwurf des Stalinismus wütend zurückweisen wird ändert nichts daran, dass genau diese simple Verwechslung Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Der Kommunismus der „wahrnimmt was ist“, ist jener historische Kommunismus der real-sozialistischen Misere gewesen, und lehnt man diesen ab (was DeBris sicher tut) hat er auch noch nicht existiert. Und wenn der Kommunismus noch nicht stattgefunden hat, kann er auch noch nicht sein und darum kann man ihn auch nicht als Realität wahrnehmen. Ich denke dass diese kleine logische Fehlleistung im Zentrum des geisterhaften Nachlebens des Stalinismus in den linken Theorien und Organisationen steht. Der Kern des stalinistischen Geistes ist die Verwendung des Wortes „Kommunismus“ als romantische Projektion einer Zukunft, die nie eintreten kann, weil die Notwendigkeit Millionen Menschen für seine Verwirklichung zu ermorden einfach in guter Absicht ignoriert wird. Niemand wollte das jemals und jede/r weist empört jede Verantwortung oder Zustimmung weit von sich, trotzdem ist es in unvorstellbaren Dimensionen geschehen. Oder anders gesagt: die Gewöhnung an das „Morden, an die Zerstörung des Planeten, an die alltägliche Entsagung“ hat bereits stattgefunden, wenn die Zerstörung dessen was tatsächlich ist als notwendige Voraussetzung begriffen wird. Althussers simple von allen kommunistischen ZeitgenossInnen ignorierte  Frage wie „ein kommunistischer Führer (diese Verbrechen) hat befehlen können“, lässt sich einfach beantworten: Das Versprechen des Kommunismus ist Massenmord.

Der stalinistische Geist äußert sich als idealistische Phantasie über eine glorreiche Zukunft und die Errettung der Welt, während seine Apostel ihre Augen wegen des Lärms schließen, den die auf Befehl feuernden Erschießungskommandos produzieren. Denn was genau soll die Formulierung heißen der Kommunismus sei das Versprechen, „dass jedes einzelne Fragment dieser zerbrochenen Welt errettet wird“, wenn nicht die Ausblendung der politischen Gewalt und ihrer Zerstörungswut? Das stalinistische Moment der heutigen Linken ist der reflexionslose Selbstbetrug über das Vernichtungspotential der eigenen Phantasien, ein Potential das sie historisch für irrelevant erklären und in ihrer eigenen Gegenwart ignorieren. Die Projektion dieser verlogenen Attitüde hat dazu geführt, dass der linke Zeitgeist sich für die Aufarbeitung der stalinistischen Lager und Foltergefängnisse nicht zuständig fühlt und stattdessen (in einer weiteren Rezension in der Jungle World) am Pamphlet des Unsichtbaren Komitees bedauert: „Kommunismus ist mit diesem Buch nicht zu machen.“[2] Das Einsehen, dass die Projektionen ins Leere laufen ist in Christoph Wimmers Artikel gegeben, aber nicht warum das so ist. Man bedauert, dass der Versuch den mörderischen Impuls zu verdrängen nicht wirklich gelingen will, rechnet sich aber Chancen aus beim nächsten Mal besser weg sehen zu können. Die typische Reaktion auf die Kritik am Stalinismus war darum seit jeher die Abwehr der Kritik mit dem Hinweis, dass es ja noch keinen „echten“ Kommunismus gegeben hätte. Was dieser Satz vor allem sagen will ist, dass die Zerstörung und Vernichtung dessen was abgeschafft werden soll nicht vollständig gewesen ist. Der Kommunismus ist als Projektion darum so wirkungsmächtig, weil er die Energie der Erleuchteten darauf konzentriert Gesellschaft zu vernichten und zu zerstören und die Mühen der Ebene als uninteressant verwirft. Revolutionäre denken nur bis zum Punkt null. Darüber hinaus sind sie unfähig und planlos und etwas aufzubauen und zu bewahren gilt ihnen als unanständig und reaktionär. Der revolutionäre Esprit, der für Millionen Jugendliche der letzten drei Generationen unerhört attraktiv gewesen ist, denkt sich eben nur bis zur Revolution und hat für die frustrierenden bürokratischen Details danach keinerlei Begriffe und Konzepte. Die Verachtung für den mühsamen und unzufrieden stellenden Prozess allgemeiner Willensbildung, der durch die Notwendigkeit von Kompromissen unweigerlich die „schöne Seele“ (Hegel) korrumpiert ist fast allen Linken gemeinsam, auch jenen, die nicht Mitglieder der Kommunistischen Partei sind. Che Guevara und Leo Trotzki sind nicht zufällig Helden dieser Generationen, sind beide doch stets vor der Verantwortung geflohen Gesellschaften aufzubauen anstatt sie zu zerstören. Der eine, indem er seine Guerillaromantik an einem anderen Ort auslebte, der andere indem er von einer „permanenten Revolution“ phantasierte, die Gesellschaft in einen durchgehend terroristischen Ausnahmezustand versetzt. Die Unfähigkeit zu begreifen, dass es gerade die guten Absichten und hohen Ideale gewesen sind, die Menschen dazu befähigten andere Millionenfach zu ermorden ist kein kommunistisches Alleinerkennungsmerkmal, sondern in allen linken Milieus anzutreffen, in denen junge Männer und Frauen erklären, dass es noch keinen richtigen Kommunismus gegeben hätte. In Anbetracht der historischen Fakten ist es mehr als ein Segen, dass dieser „wirkliche Kommunismus“ niemals Chancen haben wird Realität zu werden, aber selbst der Versuch wird genug Schaden anrichten, um sich auch davor noch zu fürchten.

 

2.

Die Rhetorik der apologetischen Diskurkultur ist immer dieselbe: der Marxismus kann nichts dafür, seine Ideen wurden missbraucht, es gab noch keinen wirklichen Kommunismus. Das Scheitern des Marxismus ist genau diese Apologie, den eigenen Anteil an der Katastrophe des realen Sozialismus nicht reflektieren zu können und auf die dummen Ausreden zurück greifen zu müssen, dass er für seine eigene politischen Konsequenzen nicht haftbar gemacht werden könne. Es war Louis Althusser, der darauf bestand den Marxismus danach zu beurteilen, ob er in der Lage sei seine eigenen Kategorien auf sich selbst anwenden zu können.[3] Möchte man also darauf verzichten das Scheitern des Marxismus durch rein äußerliche Umstände erklären zu wollen, sondern stattdessen die innere Struktur seines Denkens als Maßstab nehmen, muss man sagen: der Marxismus hat nur insofern mit dem Stalinismus nichts zu tun, als er ganz von allein völlig unfähig war das Abgleiten in die Diktatur vorher zu sehen oder gar zu verhindern. Das heißt auch, dass der Marxismus an sich nicht in der Lage ist, die Gesellschaft zu verbessern oder auch nur seine eigene politische Entwicklung korrekt zu interpretieren, obwohl er gerade das mit so viel Nachdruck behauptet hat. Der Marxismus konnte weder die Verbrechen Stalins, noch seine Apologien und endlosen Relativierungen verhindern noch sich selbst in seinen eigenen Fehlentwicklungen reflektieren, weil er eben keine Instrumente besitzt die Behauptung idealistischer Fortschrittsideologie zu kritisieren von den edelsten Motiven beseelt zu sein. Die KommunistInnen wären vermutlich die erste politische Bewegung gewesen, die so viel Selbstreflexion und intellektuelle Redlichkeit besessen hätte, und darum verwundert es auch nicht, dass sie es nie getan haben. Warum hätten sie besser sein sollen als alle anderen?

Man sollte darum einen Blick auf die Phase nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus in den 90er Jahren werfen. Die verzweifelten Versuche der GenossInnen in den Kommunistischen Parteien aus den historischen Prozessen, die mit Gorbatschows Glasnost begannen und mit dem Kollaps der kommunistischen Unterdrückungsapparate in Osteuropa endeten, schlau zu werden, benötigten fast ein Jahrzehnt um den gewaltigen Schock zu verarbeiten. Man kann sagen: sie haben es bis heute nicht begriffen. KommunistInnen auf der ganzen Welt sind nach wie vor davon überzeugt, dass ihre religiös aufgeladene Ideologie im Ganzen gut, aber durch unverantwortliche Kräfte missbraucht worden ist, eine Rhetorik die man auch bei den Verharmlosern islamistischen Terrors finden kann. Der Versuch einer halbwegs ehrlichen Kritik am Stalinismus, wie sie etwa in einer Publikation des langjährigen KPÖ-Vorsitzenden Franz Muhri kurz vor seinem Ableben geäußert wurde, hätte vor 1990 zu seiner Absetzung als Vorsitzender und zu seinem Ausschluss aus der Partei geführt, war aber bei seinem Erscheinen 2001 selbst nichts weiter als die opportunistische Makulatur einer Sache, die längst verloren war und durch Schönreden zumindest als Nostalgie gerettet werden musste. Muhri schreibt: „Aber die Stalinschen Repressionen gegen Unschuldige stehen in diametralem, prinzipiellem, unvereinbarem Widerspruch zum humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele.“[4] Für die KommunistInnen war der Stalinismus immer die Abweichung von einer ansonsten glorreichen Idee, deren Scheitern in äußeren Ursachen lag und nicht in seinen prinzipiellen ideologischen Fundamenten.  Nachdem er die Schrecken der Zeit des Großen Terrors der 30er Jahre rekapituliert, schreibt Muhris Nachfolger als Vorsitzender der KPÖ, Walter Baier, in vollem Ernst: „Zu konstatieren ist, dass die opferreichste KommunistInnenverfolgung des 20. Jahrhunderts tragischerweise im Zeichen des ‚Aufbau des Sozialismus in einem Land‘ entfesselt wurde. Stalinismus bedeutet allein aus diesem Grund systematisch praktizierten Anti-Kommunismus.“[5]

Man kann Baier und Muhri keinen Vorwurf machen. Beide gehen so weit sie gehen können, ohne die letzten Reste der eigenen Identität aufzugeben, und das ist bei beiden schon weitaus mehr, als die meisten bereit waren überhaupt zuzugeben. Aber es zeigt sehr genau, warum der Marxismus als reflexives Instrument nichts taugt, weil ein taugliches Instrument zuallererst hinterfragen würde, warum es überhaupt einen Widerspruch zum humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele geben kann, wenn der Anspruch dieser Ideen und Ziele gewesen ist, genau diese Art von Diktatur und Verbrechen nicht zuzulassen. Was hier nicht stimmt, ist darum keineswegs die Behauptung, dass die stalinistischen Massenmorde anti-kommunistisch gewesen wären – eine Interpretation, die zu Zeiten von Muhris Parteivorsitz mit dem Ausschluss aus der Partei beantwortet worden wäre –  sondern dass die Idee eines humanistischen Charakters der kommunistischen Ziele und Ideen ganz offenbar falsch ist. Oder noch komplizierter und verwirrender: das Gerede vom „humanistischen Charakter der kommunistischen Ziele und Ideen“ bedeutet nicht das, was die Sprechakte damit sagen wollen, sondern repräsentiert eine ideologische Leerstelle, die mit Floskeln und Füllwörtern zugemauert wird. Was die KommunistInnen (und mit ihnen die meisten Linken) nicht zugeben können ist die prinzipielle Feststellung, dass sich ihr Selbstbild nicht mit der Realität deckt. Die nachträgliche Empörung Muhris über die Untaten Stalins ist also vor allem eine Lebenslüge, denn Muhris Vorsitz der Kommunistischen Partei Österreichs ist eng mit der Phase nach dem Prager Frühling verbunden, in der sich die Moskau treue Fraktion durch setzte. Es war wiederum Louis Althusser, der mit seinem feinen Gespür für die Erschütterungen der Macht den „theoretischen Antihumanismus“ von Marx entdeckte, indem er einen unreifen Humanismus der frühen Schriften vor 1848 gegen die entwickelte Hermeneutik des „Kapital“ stellte. Dieser Kunstgriff, der einen „epistemologischen Bruch“ deklarierte, der den frühen Marx vom reifen Marx trennen sollte, kritisierte den Humanismus – ausgerechnet in einer stalinistischen Terminologie – als ideologisches Brett vor dem Kopf jener Linken, die sich darin vom Stalinismus abgrenzen wollten.[6] Es verwundert daher kein bisschen, dass Althusser den Kampf um die Position des Chefideologen in der Kommunistischen Partei Frankreichs gegen den überzeugten Humanisten Roger Garaudy verlor, der später als Islamkonvertit von sich reden machen sollte und 1998 wegen Holocaustleugnung in Frankreich strafrechtlich verurteilt wurde. Die Kritik Althussers am Humanismus war dennoch der einzige marxistische Feldversuch innerhalb einer Kommunistischen Partei den Sinnzusammenhang zwischen den „humanistischen Ideen und Zielen“ des Marxismus und den Verbrechen des sowjetischen Terrorstaates herzustellen. Dass er gescheitert ist und Althusser sich durch den Mord an seiner Frau Helene 1980, den das Gericht für ein Produkt geistiger Umnachtung hielt, für ganze Generationen nachhaltig beschädigt hat, entspricht in gewisser Weise der zynischen Logik, die sich in den Verbrechen der sowjetischen Terrorwellen ausdrückte. Althusser ermordetet mit Helene den einzigen Menschen, der trotz seiner unfassbaren Gemeinheiten ihr gegenüber[7] zu ihm stand und ihn auch in schwierigen Zeiten nach Kräften unterstützte. Den vielen treuen KommunistInnen, die ihre Energie und ihren Idealismus dem sozialistischen Projekt der Sowjetunion oder irgendeinem anderen kommunistischen Regime opferten, das sie entweder folterte, deportierte oder ermordete oder zum Spitzel, Folterknecht oder Henker machte, ging es nicht viel anders. Die naive Treue mit der kommunistische ParteigängerInnen, SympathisantInnen und WiderstandskämpferInnen ihrer eigenen systematischen Unterwerfung unter eine zynische und unbarmherzige Korrumpierung noch der privatesten individuellen Beziehungen zustimmten war unverbrüchlich und hält bis heute an. Adornos Begriff des Nicht-Identischen verweist darauf, dass die totalitäre Diktatur nicht bloß an Macht und ihrer Ausübung interessiert ist, sondern sich darauf versteift, dass die Subjekte inklusive jener, die nicht gerade im Lager einsitzen ihrer eigenen Degradierung auch noch zustimmen müssen.[8] Der reale Sozialismus sowjetischer Prägung war der eigentliche Ort an dem sich Foucaults Idee der Disziplinargesellschaft als gesellschaftliche Utopie realisierte, auch wenn Foucault selbst das bis zur Unkenntlichkeit relativiert hat.[9] Das Auseinanderweisen von Begriff und Objekt, von Sprache und objektiver Wirklichkeit, von privatem und öffentlichem Raum, kurz das Nicht-Identische ist das eigentliche Ziel totalitärer Herrschaft, sie will die Trennung der Nicht-Identität aufheben, auslöschen, vernichten. Nur so kann Personenkult mit der absurdesten Propaganda verschmolzen werden, die die Vernichtung des Feinds, des Parasiten, des Spions als Handlungsanleitung in eine ganze Kultur injiziert, deren widerlichstes Lügenpresse und Verlautbarungsorgan selbstverständlich „Wahrheit“ hieß.  Niemand außer den Nazis war perfider, zynischer und grausamer als dieser kommunistische Terror der stalinistischen Herrschaft. Es heißt oft, dass viele Linke in ihrer Jugend eine „stalinistische“ Phase gehabt hätten. Die Frage stellt sich, warum diese „Phase“ bei so vielen niemals zu Ende ging.

 

3.

Man kann drei große Lebenslügen der kommunistischen Milieus feststellen:

i.) Die historische Fälschung den Putsch der Bolschewiki 1917 als einzig stattgefundener Revolution zu monopolisieren, obwohl die Bolschewiki mit ihrer Politik die Ansätze einer demokratischen Veränderung in Russland völlig zerstört haben.

ii.) Die Rechtfertigung des revolutionären Terrors als „notwendig“ und als von äußeren Ursachen getriggertes Phänomen zu betrachten und daran anschließend sich als unfähig zu erweisen die eigene Gewalt, die vom „humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele“ ausgeht zu reflektieren.

iii.) Die Verdrängung der schändlichen Rolle Stalins als Hitlers Kollaborateur.

Das Narrativ der Russischen Revolution führt ein seltsames Eigenleben. Sie repräsentiert auch für nicht kommunistische Linke eine Projektionsfläche mit der sich die eigene Unsicherheit und Irrelevanz mythologisch kompensieren lässt. Historisch ist sie durch konkurrierende Versionen trotzkistischer und stalinistischer Vereinnahmungen geprägt gewesen, die sich beide auf Lenin beriefen und in erster Linie akademisch aufgeblähte Wettbewerbe um das beste Lenin/Trotzki/Stalin Zitat waren. Sowjetische Lehrbücher über die Geschichte der Revolution und die Doktrinen des Dialektischen und Historischen Materialismus wie sie z.B. während der Breschnew Ära im Umlauf waren, erwecken beim Lesen heute den Eindruck, dass nur Tote so etwas schreiben können. Der Ungeist einer von sich selbst unendlich gelangweilten Propagandalüge, die aus reiner Sturheit und mit absoluter Menschenverachtung die bedauernswerten LeserInnen darauf vorbereitete die Unerträglichkeit des Widerspruchs zwischen Propaganda und Wirklichkeit als Schicksal zu akzeptieren, findet sich genauso in den unzähligen mühsamen trotzkistischen Entgegnungen, die ihre historischen und ideologischen Untersuchungen wann und warum die Sowjetunion vom richtigen Weg Lenins und Trotzkis abgekommen ist mit derselben pedantischen Lebensfeindlichkeit bestritten. Ob man heute die Menschewiki als mögliche Alternative betrachtet, ausländische Militärintervention, den Bürgerkrieg gegen die „Weißen“ oder die Fehler der Kerenski Regierung für die wesentliche Ursache hält, dass die Bolschewiki die Macht übernahmen: fest steht, dass 1917 in Russland eine Revolution stattfand, die einiges Potential hatte das rückständige zaristische Regime demokratisch zu verändern. Dieses Potential wurde mit der Alleinherrschaft der Bolschewiki unwiederbringlich zerstört. Lenin, der aus der gescheiterten Revolution 1905 seine eigenen Schlüsse gezogen hatte, drängte seine Bolschewiki bereits im Schweizer Exil darauf sofort mit dem bewaffneten Aufstand zu beginnen und sich nicht lange mit demokratischen Experimenten aufzuhalten. Dass sich seine eigenen ParteigenossInnen vor Ort lange dagegen sträubten erzählt uns einiges über das „revolutionäre Genie“ Lenins, der mögliche demokratische Reformen oder gar eine zivile Gesellschaft für gefährliche Ablenkungen hielt. Sobald die Bolschewiki die Macht übernahmen war es mit der Revolution jedenfalls vorbei. Die kurze Periode gesellschaftlichen Umbruchs, die mit den Namen von großen Künstlern wie Malewitsch, Vesjohly, Eisenstein oder Dsiga Vertow verbunden ist hinterließ in der sowjetischen Gesellschaft keine bleibenden Spuren. Der Mythos, dass Lenin und Trotzki – hätten sie denn länger gelebt oder den Aufstieg Stalins verhindern können – ein anderes System etabliert als jenes das Stalin und seine Schergen schließlich errichteten ist gegenstandslos. Das (trotzkistische) Narrativ, das der leninistischen Richtung die erfolgreiche Revolution zuschreibt, aber Stalin die Pervertierung anlastet ist natürlich nur eine weitere Lüge. Lenin und Trotzki bauten den Polizei und Terrorstaat erst auf, den Stalin angeblich pervertieren konnte.[10] Lenin war genau wie Trotzki ein gewissenloser Massenmörder, der für die Erreichung seiner Ziele buchstäblich über Berge von Leichen ging. Der Unterschied zu Stalin war lediglich, dass ihm der Bürgerkrieg und die unsichere Situation des Sowjetstaates zwischen 1917 und 1924 zahlreiche Einschränkungen auferlegten. Als Stalin sich etwa um 1929 endgültig als unumstrittener Führer durchgesetzt hatte, gab es diese Einschränkungen nicht mehr. Der Stalinismus war wie gesagt kein Betriebsunfall oder eine Pervertierung einer an sich guten Idee, sondern die Fortsetzung einer totalitären Ideologie, die mit Marx und Engels und ihrer Idee der „Diktatur des Proletariats“ begann und von einer offensiven Geringschätzung bürgerlicher Rechtsvorstellungen geprägt war. Statt eines Rechtsstaats denken sich KommunistInnen und ihnen verwandte linksradikale ZeitgenossInnen stets ein permanentes Standgericht, das für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen soll, in dem es als permanentes Erschießungskommando tagt und den Terror zum einzigen Mittel der politischen Regulation erklärt. Es ist kein Wunder, dass die Pamphlete des „Unsichtbaren Kommitees“ den bolschewistischen Vorstellungen über die Neuordnung der Gesellschaft so ähnlich sind. Stalinismus ist Leninismus ist Trotzkismus. Lenin und Trotzki hatten nur zu wenig Zeit dies umzusetzen. Und Stalin war einfach noch brutaler, menschenverachtender und grausamer als die beiden anderen.

Das größte Problem der postkommunistischen Ära war daher stets, dass die KommunistInnen im Besonderen, aber vor allem das ganze Spektrum der Linken, die sich in irgendeiner Weise dem Marxismus verbunden fühlten, auch wenn dies negativ abgrenzend gewesen sein mag, niemals mit dem Stalinismus als besonderer Herrschaftsform auseinander gesetzt haben, die eben weit mehr als eine konventionelle Diktatur gewesen ist. Ganz besonders zählen die Beiträge der trotzkistischen Intellektuellen dazu, die sich immer etwas Besonderes darauf einbildeten gegen Stalin gewesen zu sein, allerdings um den Preis die Gräueltaten ihrer Idole Lenin und Trotzki zwischen 1917 und 1926 bedenkenlos zu rechtfertigen. Man darf dabei nicht vergessen, dass der stalinistische Terror spätestens seit 1929 einer breiten Öffentlichkeit weltweit bekannt war und es viele, verschiedene Stimmen gab, die das Grauen thematisierten. Aber Bücher wie Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ von 1951, Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“ von 1940 oder George Orwells „Mein Katalonien“ von 1938 wurden schon bei ihrem Erscheinen als antikommunistische Literatur denunziert, damit deren Inhalt erst gar nicht zur Kenntnis genommen werden musste. Die Ära der stalinistischen Herrschaft, ihrer Massenmorde, ihres Terrors und ihrer totalitären antidemokratischen Kultur wurde als eine Art Betriebsunfall einer ansonsten untadeligen Idee rezipiert, die man durch ein paar Nachbesserungen auf ideologischem Gebiet für die nächste Etappe fit machen konnte. Es zeigt sich heute, dass die Unfähigkeit den Stalinismus als direktes Ergebnis kommunistischer Machtlogik zu analysieren auch jenen Kräften heute noch nachhängt, die sich für völlig frei von kommunistischen Ideen halten, etwa den ProtagonistInnen der „Political Correctness“. Aber wenn man weiß, dass der Begriff Political Correctness eine Geschichte in der Moskau-treuen Kommunistischen Partei Kaliforniens hat, die den Begriff als Lob des linientreuen Mitglieds verstand, wundert einen auch das nicht mehr.[11] Oder wie es Doris Lessing 1992 formulierte: „Political Correctness is the natural continuum of the party line. What we are seeing once again is a self appointed group of vigilantes imposing their views on others. It is a heritage of of communism, but they don’t seem to see this.”[12]

Marx und Engels sind nicht verantwortlich für den sowjetischen Staatsterror, aber ihr messianisches Vertrauen in das Gelingen der proletarischen Weltrevolution bereitete die stalinistische Überzeugung vor, dass Geschichte Gesetzen folgte, die unausweichlich in die Richtung kommunistischer Umwälzungen führen würden. Die schon bei Marx und Engels vorhandene Unterschätzung kapitalistischer Reproduktionsmechanismen, vor der Marxisten wie Louis Althusser in den 60er und 70er Jahren warnten rächte sich im Nachhinein bitter, weil die Überzeugung, dass die verhasste kapitalistische Gesellschaft unaufhaltsam ihren eigenen Tod selbst herbei führen würde bei KommunistInnen, TrotzkistInnen, aber auch vielen SozialdemokratInnen und autonomen Linken, die KommunistInnen prinzipiell misstrauisch gegenüberstehen, ungebrochen ist. Die politischen Kämpfe jener Zeit drehten sich nur selten darum, wie die menschenverachtende Brutalität des sowjetischen Terrorstaats mit den eigenen ideologischen Voraussetzungen zusammen hing, sondern mehr darum ob sich die Erfolge der Sowjetunion in den 70ern nicht auch in ein Resultat der viel gepriesenen Härte Stalins um lügen lassen konnten. KommunistInnen haben – anders als Nazis den Holocaust – niemals das Ausmaß der stalinistischen Terrorpolitik geleugnet, sondern diese Gewalt stets als „notwendige“ Begleiterscheinungen zum Aufbau des Sozialismus verharmlost. Obwohl es häufig behauptet wird, ging es niemals um eine Ablehnung politischer Gewalt an sich, sondern nur darum die „richtige“ politische Gewalt zu identifizieren. Die KommunistInnen, die ich kennen gelernt habe haben sich damit zufrieden gegeben niemals genauer hin zu sehen, eine Kritik daran immer für anti-kommunistische Propaganda zu halten und sich erbittert dagegen zu wehren den Stalinismus als logische Fortsetzung des Leninismus zu betrachten. KommunistInnen, wo immer sie zur Macht kamen, haben staatliche Repressionsapparate übernommen und diese stets ausgebaut, nicht verringert. Demokratie, wo sie zuvor überhaupt existierte wurde stets ausgeschaltet, um die Repression zu verstärken und nicht um sie abzuschaffen. Es gibt kein historisches Beispiel, dass eine von marxistischen Prinzipien getragene Revolution den Terror des ancien regime abgeschafft hätte, ohne ihn durch einen schlimmeren zu ersetzen. Das Beispiel der iranischen Revolution demonstriert, dass auch KommunistInnen Opfer eines revolutionären Ereignisses werden können, ohne irgendetwas daraus zu lernen. Hauptsache Revolution, Hauptsache Ausnahmezustand. Der Furor der heute von „Political Correctness“ und „Critical Whiteness“ ausgeht, wenn es um Fragen der Meinungsfreiheit und der richtigen Sprache geht, atmet ebenfalls diesen Geist stalinistischer Intoleranz und terroristischen Kontrollzwangs. Der Herrschaftsanspruch totalitärer Regime geht immer weit über die Ausübung von Herrschaft selbst hinaus. Die Manipulation von Sprache soll dafür sorgen, dass die öffentliche Propaganda zur privaten Realität wird. Stalinistische Schergen hatten in den Jahren des Großen Terrors Quoten zu erfüllen, und so viele Geständnisse mit komplett erfundenen Vorwürfen heraus zu prügeln wie sie konnten. Die totalitäre Herrschaft wollte ihre Opfer dazu zwingen ihrer eigenen Unterwerfung unter ein Folter und Geständnisregime zuzustimmen und sie so nicht nur politisch sondern auch als Menschen zu brechen.[13] Dass es praktisch keinen ernsthaften Widerstand gegen die Alleinherrschaft Stalins in der Sowjetunion gegeben hat, lässt außerdem darauf schließen, dass der Terror nicht bloß ein Instrument  seiner eigenen Herrschaftssicherung war, sondern dass die von Stalin kontrollierten Eliten selbst ein eigenständiges Interesse an dessen Aufrechterhaltung hatten. Der Stalinismus war nicht bloß die Herrschaft eines Diktators, sondern die Herrschaft der Kommunistischen Partei selbst, die sich bereitwillig den Launen und paranoiden Phantasien des Großen Führers unterwarf, obwohl (oder auch gerade weil) dessen Entscheidungen kurzsichtig, selbstzerstörerisch und für alle der Bereiche der Gesellschaft desaströs waren und katastrophale Folgen für die sowjetischen Bevölkerungen hatten. Die weltweite Bereitschaft kommunistischer Parteien stalinistische Verbrechen und Propaganda zu akzeptieren zeigt darum, dass die Verantwortung für diese Taten nicht allein dem Großen Führer angelastet werden kann. Der Mangel an Verantwortung den KommunistInnen an den Tag legen versucht jedoch genau diese Selbstkritik zu vermeiden. Wie Leute letztlich reagieren, die den Schwierigkeiten und Untiefen der eigenen Geschichte konsequent aus dem Weg gehen, sieht man an den fürchterlichen Zuständen in der islamischen Welt und ihrem Antlitz in Gestalt des islamischen Terrorismus. Für uns als ZeitgenossInnen sollte dies eine Warnung sein, dass die Verdrängung der Geschichte unbewältigter und unbearbeiteter Massenmorde sich immer fürchterlich rächt.

 

4.

Das sensibelste Thema von allen ist jedoch die Rolle Stalins für den Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Es ist unzweifelhaft wahr, dass KommunistInnen oft die einzigen waren, die gegen den Nazifaschismus Widerstand leisteten. In Österreich etwa sind KommunistInnen die einzige organisierte Kraft gewesen, die das Nazi Regime aus dem Untergrund bekämpfte. Die Sozialdemokratie hatte im März 1938 jeden Widerstand offiziell per Beschluss des Parteivorstands aufgegeben und wartete geduldig auf die Befreiung durch die Alliierten. Trotzdem haben auch viele sozialdemokratische AktivistInnen Beiträge zum Widerstand geleistet, ebenso wie katholische Priester und Nonnen, monarchistische Konservative oder ZeugInnen Jehovas. Den bewundernswerten Mut kommunistischer PartisanInnen und jüdischer WiderstandskämpferInnen in ganz Europa hat zum Beispiel Ingrid Strobl in „Sag nie, du gehst den letzten Weg“ nach gezeichnet.[14]

Es ist jedoch höchst bemerkenswert und gleichzeitig nicht verwunderlich, dass Baier und Muhri in ihren beiden ansonsten sehr lesenswerten Texten im Band „Stalin und wir“ zwar vorbehaltlos den Stalinismus und seine Schrecken kritisieren, aber es tatsächlich beide schaffen kein einziges Mal die als Hitler-Stalin Pakt bekannt gewordene Kollaboration Stalins mit Hitler zu erwähnen. Stattdessen schreibt Walter Baier bloß: „Die Menschen der Sowjetunion leisteten den militärisch ausschlaggebenden Beitrag zur Niederringung des Faschismus.“ Und Franz Muhri listet seine Bemühungen auf Namen und Schicksale zu erfahren, die österreichische KommunistInnen betreffen, soweit sie an die Nazis ausgeliefert und verhaftet, gefoltert oder ermordet wurden, aber auch er erwähnt den Pakt mit keinem Wort. Der Schock, den das Molotow-Ribbentrop Abkommen bei den isolierten kommunistischen WiderstandskämpferInnen damals ausgelöst haben muss, kann man sich heute wahrscheinlich nicht mehr vorstellen. Weltweit entfremdete dieser Schritt Stalins Linke und KommunistInnen von der Sowjetunion wie etwa den österreichischen Schriftsteller Manes Sperber, aber weit mehr plapperten bedenkenlos die Propaganda aus Moskau nach. (In den USA zum Beispiel gehörten Pete Seeger und Dalton Trumbo zu den wortreichsten Verteidigern des Nichtangriffspakts.) Der Mythos, dass Stalin den Nazi Faschismus in Großen Vaterländischen Krieg besiegt hätte, und den Pakt mit Hitler bloß deshalb einging um sich Zeit zu verschaffen hält sich hartnäckig. Dies anhand historischer Fakten in Frage zu stellen löst unfassbare Aggressionen und Abwehrreaktionen aus, die wie eine schwerwiegende Immunreaktion auch den Autor dieser Zeilen mit unvermittelter Wucht getroffen haben. Zunächst die historischen Fakten: 1939 schlossen Hitler und Stalin einen Nichtangriffspakt, der den Zweiten Weltkrieg in Gang setzte und mit der Aufteilung Polens begann. Während Hitlers Interesse daran recht nachvollziehbar erscheint, verhält es sich bei Stalin nicht so eindeutig. Hitler und Stalin war aus verschiedenen Gründen die Staatlichkeit Polens ein Dorn im Auge: Hitler, weil er die polnischen Juden und Stalin weil er die nationale polnische Intelligenzija auslöschen wollte. Bereits vor 1939 befahl Stalin die Ermordung von zumindest 12.000 polnischen Kommunisten in der Sowjetunion, weil er sie verdächtige die polnische Eigenstaatlichkeit zu unterstützen.[15] Nach dem erfolgreichen Überfall auf Polen trafen sich Wehrmacht und Rote Armee in Brest-Litowsk um eine gemeinsame Militärparade abzuhalten. Die Vereinbarungen des Nichtangriffspaktes sahen auch vor, deutsche und österreichische Kommunisten, die vor den Nazis in die Sowjetunion geflüchtet waren an diese wieder auszuliefern.[16] Stalins Kalkül war wohl, dass er mit dem Pakt einen Krieg der Deutschen mit Großbritannien und Frankreich auslösen würde, in der diese sich gegenseitig aufreiben und schwächen sollten. Die Geschichte, die daran anschließend stets erzählt wurde ist die des genialen Führers, der sich Zeit verschaffte, um den Krieg gegen die faschistische Bedrohung führen zu können. Das Gegenteil ist jedoch wahr.[17] Wurde der ins Exil vertriebene Trotzki vor 1939 von der Propaganda noch als Agent der Nazis denunziert, kollaborierte Stalin danach selbst mit Hitler, ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen für seine Macht und seinen Einfluss innerhalb oder außerhalb der Sowjetunion gehabt hätte. Stalin war zudem völlig überzeugt davon, dass Hitler nicht angreifen würde und richtete all seine Energien darauf bis 1941 fast die Hälfte des Offizierskorps der Roten Armee zu liquidieren, weil seine Sorge einem angeblichen oder tatsächlichen Putschversuch der Armeeführung galt.[18] Nachrichten seines eigenen Geheimdienstes, dass deutsche Truppen an der Waffenstillstandslinie aufmarschierten und offenbar eine Invasion vorbereiteten beantwortete Stalin in seiner ihm eigenen Art: er ließ die Boten erschießen. Als die Wehrmacht 1941 mit all ihrer Vernichtungskraft die Sowjetunion überfiel, war diese völlig ungeschützt. Soldaten hatten keine Gewehre oder Munition, die deutsche Lufthoheit hatte völlig freie Hand das Land nach Belieben zu bombardieren, weil Stalins Säuberung der Roten Armee den meisten Piloten das Leben gekostet hatte. Die Offiziere, die stattdessen die Posten der hingerichteten Rotarmisten übernahmen waren politische Funktionäre, die Stalin treu ergeben waren und weder militärische Erfahrung noch Kompetenz besaßen. Sie behandelten die Soldaten wie Dreck und schickten sie mit völlig ungeeigneter Bewaffnung ins deutsche Maschinengewehrfeuer. Versuchten die Rotarmisten zu fliehen oder wieder zurück in ihre Stellungen zu kommen wurden sie von den eigenen Offizieren erschossen. Stalins Überzeugung Hitler würde niemals angreifen sorgte dafür, dass die Sowjetunion mit über 25 Millionen Toten den höchsten Preis in diesem Krieg bezahlen musste. Die Tatsache, dass vor allem in den ersten beiden Kriegsjahren deswegen so viele sterben mussten, weil der große Führer unfähig und inkompetent gewesen ist und er trotzdem oder gerade deswegen nach dem Krieg zum Helden stilisiert wurde wird aus guten Gründen komplett verschwiegen.[19] Die kommunistischen WiderstandskämperInnen, die ihr Leben ließen wurden nach dem Ende des Großen Vaterländischen Krieges praktisch nochmals ermordet, als Stalin die Lorbeeren für den Krieg gegen Nazideutschland einsammelte nachdem er Millionen der Nazi Mordmaschine hilflos ausgeliefert und sinnlos geopfert hatte. Wie die KommunistInnen weltweit nach dem Krieg noch in der Lage gewesen sind sich selbst in den Spiegel zu schauen, nachdem sie jede Schweinerei und jede Propagandalüge mitgemacht haben ist ein Rätsel, das zu lösen meine Fähigkeiten übersteigt. Was es über den Zustand einer Kommunistischen Partei aussagt dass Stalin trotz seiner erwiesenen Unfähigkeit durch reine Brutalität regieren konnte ohne dass ihn irgendjemand daran hinderte, darüber reden die Linken, die Stalin den Sieg über Hitler andichten praktisch gar nicht. Die KommunistInnen weltweit haben diese Tatsachen verdrängt und Historiker wie Jörg Baberowski oder der mittlerweile verstorbene Robert Conquest wurden und werden diffamiert und als „rechtsextrem“ denunziert, im Falle Baberowskis durch die Agitation einer trotzkistischen Hochschulgruppe. Der opportunistische Zynismus mit dem KommunistInnen und andere Linke auch heute noch vom „humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele“ reden ist jedenfalls in seiner Niederträchtigkeit und schamlosen Menschenverachtung kaum zu ertragen.

Wenn es also eine ganz prinzipielle notwendige Schlussfolgerung fast 30 Jahre nach dem Ende des realen Sozialismus und 100 Jahre nach der Oktoberrevolution gibt, dann ist es die, genau wie im Falle der Nazis und im Angedenken an ihre Millionen Opfer, den kommunistischen und stalinistischen Impulsen der Linken ein deutliches „Nie wieder“ zuzurufen. Die totalitäre Versuchung ist fruchtbar noch und als ehemaliger Kommunist ist es mir ein Anliegen darauf hinzuweisen, dass die Nazis und die Stalinisten nicht gegensätzlich, sondern Zwillinge gewesen sind. Der Unterschied der gewalttätigen Ideologien ist jedoch, dass Nazis (hoffentlich) politisch für immer als erledigt gelten können, während sich KommunistInnen dank ihrer Verdrängung und ihrer Blindheit ganz unverschämt als immun gegen die Folgen des Stalinismus wähnen. Das geisterhafte Nachleben des Stalinismus ist eine Realität, die mit dem Ende der Sowjetunion eher stärker als schwächer geworden ist. So sehr der Marxismus auch gescheitert ist, so nachhaltig unsichtbar hat sich der Stalinismus in die Selbstgewissheiten und imaginären Utopien der Linken eingearbeitet und er führt dort das Leben eines sehr lebendigen Geistes, der jener Teufel ist von dem sie glauben er existiere nicht.

 

5.

Wenn wir heute noch vom Kommunismus reden wollen, dann sollten wir die Geschichte des Stalinismus als eine Warnung begreifen, die sich bei entsprechender Gelegenheit jederzeit wederholen kann. Dass diese Warnung keineswegs überall angekommen ist kann man an diesem Zitat aus einem Text des österreichischen Medienpädagogen Alessandro Barberi nachvollziehen:

„De facto war der Fall der Mauer aber auch die totale konterrevolutionäre Vernichtung und strategische Niederlage des durch eineinhalb Jahrhunderte hindurch langsam organisierten weltweiten Proletariats am Ende des Kalten Krieges, der darin bestand, die russische Oktoberrevolution in konterrevolutionärer Absicht null und nichtig werden zu lassen, um damit die Schlagkraft der Proletarier*innen zu annullieren.“[20]

Die absichtlich herbei geführten Hungersnöte, die Millionen dem Hungertod preis gaben, die Schrecken der „Entkulakisierung“, die zum ökonomischen Desaster einer nachholenden Industrialisierung hinzukamen, die Terrordekrete des Jahres 1935, die die Zwangsarbeit gesetzlich verankerten, und ermöglichten, dass Kinder ab 12 Jahren hingerichtet werden konnten, all das spielt in Barberis Kommunismus Apologie keine Rolle und wird mit der menschenverachtenden Ignoranz stalinistischer Propaganda für die höhere Sache politisch korrekt entsorgt. Stalin und sein System funktionierten weil es immer auf solche UnterstützerInnen zählen konnte, die Kritik an dieser Unmenschlichkeit als „anti-kommunistisch“ denunzierten und ihren Hass auf die Intellektuellen als revolutionäres Pathos auslebten. Barberi demonstriert das beharrliche Fortleben des Stalinismus als politisch korrekte Relativierung seiner Verbrechen, die mit der Attitüde moralischer Überlegenheit humanistisch die Unmenschlichkeit sozialistischer und kommunistischer Herrschaft mit einem höhnischen Lächeln bestätigt. Bei ihm stimmt alles: jeder * bei den gegenderten Mehrzahlwörtern, die anti-sexistische Disposition samt LGBT Lizenz, der Zitatpop aus PC Plattitüden und klassisch halb gebildeter Intellektuellenfeindlichkeit und seine Vermeidung von klassischen Marxismen und orthodoxen Haupt/Nebenwiderspruchs-Theoremen. Trotzdem schreibt er Sätze hin wie: „Der westliche Sozial- und Wohlfahrtsstaat wurde auch durch die von Trotzki aufgebaute Roten Armee mit Millionen Toten – 27.000.000 davon „jüdische Bolschewiken“ in Russland, die vom „Blitzkrieg“ der Nationalsozialisten ermordet wurden – erkämpft. So muss auch die Entscheidungsschlacht des 20. Jahrhunderts in Stalingrad als eine antifaschistische Leistung der russischen Revolution in Erinnerung bleiben.“[21] Es ist kein Zufall, dass diese neostalinistische Beleidigung des Intellekts auch ohne großes Aufheben einen aggressiven Antisemiten wie Domenico Losurdo zustimmend zitiert (oder auch Alain Badiou) und keinen einzigen Gedanken an den Antisemitismus Stalins verschwendet, wenn er sich „27.000.000 ‚jüdische Bolschewiken‘“ ausdenkt. Übrigens erwähnt auch Barberi den Hitler-Stalin Pakt kein einziges Mal. Der Kommunismus Begriff der Linken ist Projektion, der seine eigene Gewalttätigkeit verdrängt und der Stalinismus ist die dazu passende ideologische Maske, die Massenmorde begeht, während sie moralisch überlegen lächelnd vom „humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele“ faselt. Dass der Zusammenbruch des realen Sozialismus dazu gedient haben soll, „die Schlagkraft der Proletarier*innen zu annullieren“ ist eine nachträgliche zweite Ermordung der vom Stalinismus in die Hölle des GULags geschleuderten gequälten Leiber. Die zynischen Plattitüden projizieren den sadistischen Impuls der postmodernen Correctness Menschenfeindlichkeit auf die Geschichte des stalinistischen Grauens, indem sie den Opfern nachträglich noch das Geständnis aufoktroyieren, dass sie ihrer eigenen Demütigung und Degradierung zustimmen müssen. Barberi ist kein Kommunist, noch gehorcht er einer anderen linksradikalen Autorität, er ist ein völlig im Postmodernen aufgegangener Linker, antiautoritär, antisexistisch und antiintellektuell, wie er nur in den entwickelten und reichen Zentren kapitalistischer Metropolen existieren kann.

Sein Text ist typisch für einen postmodern inspirierten PC Marxismus, der „Critical Whiteness“ gut findet und Stalin anscheinend für den missverstandenen Helden des antikapitalistischen Befreiungskampfes hält. Seine Prosa ist voller Überheblichkeit und Anmaßung, die eine intellektuellenfeindliche Intellektualisierung des Unmenschlichen vollständig internalisiert hat, aber genau das für den Ausdruck von „Humanismus“ hält. Barberis Text zeigt nachdrücklich, dass Stalinismus die absichtliche und bewusste Verwechslung der Wirklichkeit mit der eigenen Projektion ist. Der Wille zur Macht ist hier Wille zur Falschheit und Lüge, die metaphysische Dimensionen annimmt. Es muss einfach so ein, egal wie viele zur Aufrechterhaltung der Illusion krepieren müssen.

Wie also muss die Warnung verstanden werden, damit sie ihre Wirkung entfalten kann? Um wieder über den Kommunismus sprechen zu können, ist eine Ethik des Nicht-Identischen erforderlich, die die Warnung des Stalinismus so ernst nimmt, dass sie als intellektuelle Position ihre eigene Begrenztheit erfahren kann. Statt der Projektion anheim zu fallen, die das Gewaltförmige ins Verdrängte abspaltet, sollte der Kommunismus die selbstkritische Reflexion der eigenen Verstricktheit im Netz der Konvergenz sein, die nicht richtiges Leben im Falschen sucht, sondern die „Lücke im Vertrag“ (Adorno, Horkheimer) aufzuspüren in der Lage ist mit der die stalinistischen Projektionen erfolgreich abgewehrt werden können. Adorno und Horkheimer schreiben:

„Odysseus versucht nicht einen anderen Weg zu fahren als den an der Sireneninsel vorbei. Er versucht auch nicht, etwa auf die Überlegenheit seines Wissens zu pochen und frei den Versucherinnen zuzuhören, wähnend, seine Freiheit genüge als Schutz. Er macht sich ganz klein, das Schiff nimmt seinen vorbestimmten, fatalen Kurs und er realisiert, daß er, wie sehr auch bewußt von Natur distanziert, als Hörender ihr verfallen bleibt.“[22]

Als PostkommunistInnen sind wir dazu aufgefordert die Warnung vor dem Sirenengesang des Stalinismus eingedenk seiner Millionen Opfer immer wieder zu wiederholen und darauf zu bestehen, dass wir ihm als „Hörende“ stets verfallen sein werden. Zudem ist uns wohl die Bürde auferlegt worden einer geschichtslosen Linken vor Augen zu halten, dass es ihre Projektionen über den „humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele“ gewesen sind, die den GULag mit InsassInnen versorgten.

Der Althusser Schüler Etienne Balibar, ein großartiger Philosoph und ein widerlicher Antizionist zugleich, hat wie schon sein Lehrer ein großartiges Gespür für die Untiefen der stalinistischen Versuchung. In einem Text zum Gedenken an Nicos Poulantzas arbeitet er nicht nur heraus, dass Poulantzas richtig erkannte, dass bei Marx die unvollständige Analyse der Funktion des Staatsapparates einen wesentlichen Beitrag zur Stalinisierung der Sowjetunion geleistet hat, sondern auch dass „die Idee eines Kommunismus von Außen jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren hat (…).“[23] Sein Vorschlag einen Ort des Nachdenkens über den Kommunismus in einer Dialektik zu suchen, die „nicht außerhalb des Staates“ gefunden werden kann, sondern den KommunistInnen die Aufgabe stellt „unsichtbar“ im Inneren der Dialektik selbst zu existieren, ist in seiner Originalität Kennzeichen dafür, dass die Warnung bei manchen doch angekommen ist, wenn auch unvollständig und kryptisch.

Balibar: „Heute sind Poulantzas und andere nicht mehr da. Aber die kommunistischen Staatsbürger, die staatsbürgerlichen Kommunisten oder die Kommunisten der Staatsbürgerschaft sind immer noch da. »Unsichtbar«, weil sie weder Armee, noch Lager, Partei oder Kirche haben. Es ist ihre Art zu existieren.“[24]

So soll es sein.

 

[1] DeBris: Sich unregierbar machen (https://jungle.world/artikel/2017/39/sich-unregierbar-machen)

[2] Wimmer: Die falsche Suche nach Unmittelbarkeit (https://jungle.world/artikel/2017/40/die-falsche-suche-nach-der-unmittelbarkeit)

[3] Althusser et al.: Das Kapital lesen (1966)

[4] Baier, Muhri: Stalin und wir. Stalinismus und die Rehabilitierung österreichischer Opfer (2001)

[5] Ebd.

[6] Siehe Althusser: Antwort an John Lewis (1972)

[7] In Althusser: Die Zukunft hat Zeit. Die Tatsachen (1992) berichtet er freimütig wie er ihr hämisch von seinen sexuellen Eskapaden erzählte und sie sich die Ohren zuhielt, weil sie es nicht ertrug ihm zuzuhören. Seine Ehrlichkeit macht seine Boshaftigkeit nur noch widerlicher.

[8] Amis: Koba the Dread (2002)

[9] Siehe Foucault: Vorlesung vom 17.März 1976 (http://homepage.univie.ac.at/herbert.gottweis/WiSe2005/Se_BioPolWiSe2005/Foucault-%20Vorlesung%20zu%20Biomacht.pdf)

[10] Conquest: The Great Terror (1968)

[11] Berman (Edit.): Debating PC (1992)

[12] Lessing: On Censorship (1992) zit. nach Hughes: Political Correctness – A History of Semantics and Culture (2010)

[13] Conquest: The Great Terror (1968)

[14] Strobl: Sag nie, du gehst den letzten Weg. Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung (1989)

[15] Snyder: Black Earth (2015)

[16] Baier, Muhri: Stalin und wir. Stalinismus und die Rehabilitierung österreichischer Opfer (2001)

[17] Siehe Baberowski: Verbrannte Erde (2012) und Amis: Koba the Dread (2002)

[18] Amis: Koba the Dread (2002)

[19] Conquest: Stalin. Breaker of Nations (1991)

[20] Barberi: Vom Klassenkampf. Zur Wiederkehr des historischen Materialismus (http://www.medienimpulse.at/pdf/Medienimpulse_Vom_Klassenkampf_Barberi_20170318.pdf)

[21] Ebd.

[22] Adorno, Horkheimer: Dialektik der Aufklärung (1969)

[23] Balibar: Kommunismus und (Staats-)Bürgerschaft in: Demirovic, Adolphs, Karakayali: Das Staatsverständnis von Nicos Poulantzas (2010)

[24] Ebd.

 

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Mission Impossible: Drei Texte zu Spinoza

Februar 3, 2017 2 Kommentare

Auf dem Blog „Mission Impossible“ meines geschätzten Kollegen thinktankboy sind drei als Einführung zu verstehende Texte von mir über den niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza (1632 – 1677) erschienen. Sie müssen zwar nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge gelesen werden, aber es kann auch nicht schaden das zu tun.

Spinozas Religionskritik

https://thinktankboy.wordpress.com/2016/12/30/spinozas-religionskritik/

Über Spinozas Ethik

https://thinktankboy.wordpress.com/2017/01/11/conatus-in-suo-esse-perseverandi-ueber-spinozas-ethik/

Spinoza und das Judentum

https://thinktankboy.wordpress.com/2017/02/03/spinoza-und-das-judentum/

Den geneigten Leserinnen und Lesern sei außerdem anempfohlen eventuelle Kommentare auf den jeweiligen Blogeinträgen der Mission Impossible zu veröffentlichen. Ich wünsche jedenfalls viel Vergnügen und freue mich über jedwede Reaktion.

 

 

 

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Die islamistische Moderne

Dezember 15, 2016 7 Kommentare

“There is a war between the ones who say there is a war
and the ones who say there isn’t.”

Leonard Cohen, There is a war

1.

Es gehört zu den am häufigsten wiederholten Mythen der neueren Geschichte, dass islamistische Terroristen und die ideologischen Brandstifter, die ihnen vorausgingen eine Abwehrreaktion auf und ein religiös motivierter Krieg gegen den Einbruch der Moderne sein sollen. Islamisten, so wird behauptet, seien davon beseelt die Geschichte zu einem Punkt null im 7. Jahrhundert nach Christus zurück zu drehen, in eine Welt die jeder Form von Aufklärung und Renaissance Humanismus voraus ging. Es erscheint jedoch angesichts eines Phänomens wie dem Islamischen Staat höchst notwendig sich von solch einer Idee zu verabschieden. Man sollte stattdessen versuchen sich die islamistische Ideenwelt als alternative Modernisierung vorzustellen, die sich in Form des Globalen Djihads als politisches Modell realisieren will. Ein starker Grund dies zu tun ist die Tatsache, dass der Islam einen Universalismus propagiert, der sich zwar wesentlich vom europäischen Aufklärungsuniversalismus unterscheidet, aber dennoch einen Anspruch auf globale Gültigkeit hat. Dass der christliche und der islamische Universalismus seit Jahrhunderten im Streit liegen heißt noch lange nicht, dass es auch einen culture clash zwischen dem Westen und dem Islam geben muss, aber gerade dieses Thema ist wie der viel zu früh verstorbene Leonhard Cohen gesagt hat bereits die Debatte ob es einen solchen Konflikt überhaupt gibt. Die Organisationen des islamistischen Terrors sind mit Sicherheit anti-westlich und pflegen eine anti-imperialistische Rhetorik, aber anders als viele zeitgenössische Stimmen meinen sind sie keineswegs anti-modern. Ebenso wenig wie die Nazis eine Rückkehr zu einer germanischen Stammeskultur anstrebten sind Islamisten in der Regel nicht einfach regressive Fanatiker. Muslimische Extremisten ebenso wie moderate Muslime würden Einschätzungen massiv zurück weisen, den Schritt in eine rückständige Gesellschaft machen zu wollen. Die Selbstwahrnehmung des islamischen Mainstreams und seiner Ränder behauptet schließlich das genaue Gegenteil.

Das ungläubige Entsetzen europäischer und amerikanischer Kommentare über die folgenschweren Anschläge in Paris, Brüssel oder New York kann zwar konstatieren, dass Islamisten ein Problem mit der westlichen Gesellschaft haben, das auf eine tiefe Abneigung gegen Individualismus und Demokratie schließen lässt, kann aber nicht erklären warum islamische Terroristen und ihre Organisationen so souverän und selbst bewusst mit state of the art Technologien umgehen, um ihre Propaganda zu betreiben. Die Frage warum Terroristen zwar Ungläubige ermorden wollen, aber ohne zu zögern die Mittel und Technologien der Ungläubigen verwenden, ist natürlich legitim, aber eine Frage die stets im Westen gestellt und  interessanterweise in islamistischen Zirkeln selbst keine Rolle spielt. Abgesehen von religiösen Gutachten aus der osmanischen Zeit von denen Bernard Lewis berichtet, die Muslimen erlaubten Waffen von Ungläubigen zu kaufen, wenn dies einen militärischen Sieg garantieren würde scheint das Thema in den Diskussionen der muslimischen Kleriker so gut wie keine  Rolle zu spielen.

Es scheint also ein gewisser Widerspruch darin zu stecken, dass Islamisten die Gleichheit von Frauen und die Kritik der Religion ablehnen, es aber nicht im Mindesten problematisch finden Computer, Smartphones, teure Autos und nicht zuletzt moderne Waffen zu benutzen. Möglicherweise ist es zu kurz gegriffen Moderne auf technologischen Fortschritt zu reduzieren, aber die Dämonisierung des Westens findet auf sozialen Netzwerken und digitalen Medien statt, die ohne den westlichen Einfluss niemals entstanden wären, und während die Islamische Republik Iran zwar Homosexualität unter Strafe stellt und eigene Religionswächter beschäftigt um zu wenig oder gar nicht verschleierte Frauen öffentlich zu maß regeln, ist ihre Regierung eifrig darum bemüht Nuklearwaffen zu bauen. Die Atommacht Pakistan ließ sich für den Bau (oder vermutlich eher den Erwerb) von Nuklearwaffen als Vorbild für die ganze sunnitische Welt feiern. Die angebliche Ablehnung der Moderne ist also recht zweifelhaft, wenn es um Technologie und harte Naturwissenschaft geht. Begreift man Moderne jedoch als intellektuellen Zustand, als Zweifel an Tradition, Religion und gesellschaftlichem Zwang, als reflexive Kritik an Modernisierung selbst, scheint die Gleichung wieder zu stimmen, aber auch das hat merkwürdige Brüche. Während Islamisten Homosexualität und linke Gesellschaftskritik strikt ablehnen, haben sie in den Queer und Transgender Szenen, den antiimperialistischen, trotzkistischen und fallweise kommunistischen Linken paradoxerweise ihre wichtigsten Bündnispartner innerhalb der westlichen Gesellschaften. Britische Islamisten marschieren gemeinsam mit Labour Party Abgeordneten und LGBTQQIA Aktivisten am Al-Quds Tag gegen Israel, ohne dass irgendeine Seite Anstoß am ideologischen Framework des anderen nimmt. Was sich aus Perspektive der Linken als Antirassismus formulieren lässt und in erster Linie eine Reaktion auf die eigene politische Marginalisierung sein mag, steht innerhalb des ideologischen Frameworks der Linken jedoch stets unter einem gewissen Rechtfertigungszwang, der manchmal verrückte Kapriolen schlägt. Warum atheistische und marxistisch orientierte Linke gerne mit Islamisten demonstrieren wird von Fall zu Fall neu beantwortet und wird trotz gemeinsamer Feindbilder zumindest als Widerspruch (hin und wieder) problematisiert. Dies ist jedoch ist aus Sicht der islamistischen Agitation keineswegs der Fall. Das Irritierende am islamistischen Diskurs ist nicht, dass es Widersprüche gibt was man an der Moderne als gegeben annimmt und was nicht, oder wer als Bündnispartner für die eigenen Ziele und Anliegen instrumentalisiert werden kann, sondern dass Islamisten nicht davon ausgehen, dass es sich um Widersprüche handelt, die durch das eigene Framework geklärt werden müssten. Wenn sich naive Kommentare im Westen darüber wundern, warum Islamisten zwar zu einer in ihren Augen perfekten Gesellschaft im 7. Jahrhundert zurück wünschen, aber gleichzeitig Enthauptungsvideos auf Youtube posten und höchst komplexe Computernetzwerke betreiben, sehen sie einen Widerspruch, der in den Augen des Gegenübers nicht existiert. Warum ist das so?

2.

Um diese Frage ansatzweise zu beantworten, muss man ein paar Umwege gehen. Beginnen wir fürs erste einmal hier: Die Website “Enzyklopädie des Islam“, ein Projekt der Gebrüder Gürhan und Yavuz Özoguz, zweier deutscher Unternehmer aus Bremen, die dem schiitischen Islam nahe stehen und die auch Betreiber der Website http://muslim-markt.de sind, soll nach eigenem Bekunden „sachliche, wissenschaftlich abgesicherte und überprüfbare Informationen über den Islam“ zur Verfügung stellen. In einem Eintrag über Immanuel Kant findet man folgendes: „Immanuel Kant war einer der bedeutenden deutschen Philosophen der Aufklärung. Er zählt zu den bedeutenden Vertretern der Philosophie der Westlichen Welt. Wenig bekannt hingegen in der Westlichen Welt ist seine intensive Auseinandersetzung mit dem Islam.“ (…)

Seine Auseinandersetzung war so intensiv, dass der Beitrag keinen einzigen Verweis im Werk Kants aufzählt, in dem dieser sich mit dem Islam beschäftigt. Man wird bis auf einige Bemerkungen auch kaum welche finden. Kant hat sich niemals – außer in gelegentlichen Nebensätzen, die Religion als allgemeines Thema zum Inhalt hatten – ausführlicher mit dem Islam auseinander gesetzt und wenn doch vor allem negativ. Der einzige Grund warum diese Behauptung überhaupt da steht ist die Doktorurkunde Kants aus dem Jahr 1755, auf der ganz oben die Bismillah abgebildet ist, jene Formel mit dem fast alle Suren des Koran eingeleitet werden: „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen“ (bi-smi llāhi r-rahmâni r-rahīm). Heute würde man dies als eine orientalistische Marotte deuten. Im Beitrag heißt es weiter: „Kant gehört zu den ersten abendländischen Philosophen, die den Verstand als Erkenntnisquelle hervorheben, eine Erkenntnis, die er wahrscheinlich seinem Studium des Islam zu verdanken hat.“

Der unfassbare Unsinn, der in diesen wenigen Zeilen steht spricht ohnehin für sich selbst, aber wichtiger ist, dass er verrät warum Islamisten eben ganz und gar kein Problem mit der Moderne als solcher haben. Wenn Islamisten den Westen und die europäisch/amerikanische Kultur dämonisieren geht es nicht um die Ablehnung seiner Errungenschaften, seien sie technischer, philosophischer oder wissenschaftlicher Natur, sondern darum zu erklären, dass diese immer schon dem Islam und seinem Einfluss entsprangen. Das Bedürfnis islamistischer Apologetik ist es stets zu erklären, warum Demokratie, Menschenrechte, Wissenschaft und so weiter eben nicht im Widerspruch zum Islam stünden, sondern von Allah im Qur’an bereits weitsichtig implementiert worden sind.

Die Reduzierung Kants auf eine Episode islamischer Aufklärung ist inhaltlich unhaltbar, aber eminent politisch und keineswegs eine einzelne verirrte Fehlleistung. Eine umfangreiche apologetische Literatur in der arabischen Welt, die „Iʿdschāz“ genannt wird, ist seit Jahrzehnten damit beschäftigt für jede wissenschaftliche Erkenntnis, die in irgendeiner Weise als wesentlich betrachtet wird Verse im Koran zu finden, die beweisen sollen, dass die Ausdehnung des Universums, die Form des Erde, pränatale Diagnostik, Krebsforschung und die Bewegungen der Planeten bereits vor jeder europäischen Aufklärung und wissenschaftlichen Revolution im Heiligen Buch fest geschrieben wurde. Nicht jede solche Behauptung ist unsinnig oder falsch, aber sie ist Teil eines Narrativs, das sicher stellen soll den Kern des Islamischen Glaubens als einzig wahrer Religion beizubehalten. Es finden sich natürlich wissenschaftlich überprüfbare Aussagen im Koran, aber der Zweck solcher Übungen ist nicht eine Verbesserung wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern die diskursive Absicherung der Überlegenheit des Islam. Islamisches Denken ist eines, das unentwegt Identität postuliert, Identität von Politik und Religion, Gesellschaft und Individuum, Begriff und Objekt. Es liegt daher in der Sache selbst, dass muslimische Philosophie, soweit man das so nennen will, keine Widersprüche an sich akzeptieren kann, sondern immer darauf aus ist die Synthese des Unvereinbaren zu propagieren. Es gibt keinen Widerspruch zur Moderne, sondern jedes Phänomen wird zu islamischem Eigentum erklärt, das immer schon im Koran anwesend ist, indem man nach Übereinstimmung mit dem eigenen Wissen sucht und dabei konsequent alle Details ignoriert, die eine solche Übereinstimmung in Frage stellen könnten. Was für Naturwissenschaft gilt, ist darum auch für Demokratie und Menschenrechte zu sagen: in der perfekten Gesellschaft, die der Prophet mit seinen Gefährten in Medina errichtete war der islamisch geprägte Urkommunismus bereits Realität und nahm so bereits alle möglichen Errungenschaften, die der Westen arroganter weise für sich beansprucht vorweg. Die Offenbarung des Qur‘an präsentierte sie im vollen Licht der Geschichte, während die Ungläubigen noch in Platos Höhle wohnten. Da der Islam im Gegensatz zum Christentum das Problem der Übersetzung nicht kennt werden Begriffe und Themen in eins gesetzt, deren Übereinstimmung zweifelhaft ist und die erst überprüft werden müsste, aber durch das Gebot der Identität als Gleiches gesetzt wird, weil man nur Analogien sieht. Man deklariert zwar die absolute Kompatibilität des Islam mit der Moderne und den Wissenschaften, aber Islamisten (und nicht nur sie) scheinen unfähig zu sein die Dialektik als solche anzuerkennen, die in der Ungleichzeitigkeit der Kulturen wohnt. Islamische Apologeten lieben es die allumfassende Dominanz des Islam in allen Bereichen menschlicher Tätigkeit zu propagieren ohne jemals Rücksicht auf Fakten, Geschichte und Substanz anderer Kulturen und Ideen zu nehmen. Was westlichen Gesellschaften öfters und durchaus zu Recht vorgeworfen wird, die Welt aus einem eurozentristischen Blickwinkel zu betrachten, realisiert sich im islamischen Kontext als durchgehender Islamozentrismus, der von keiner postmodernen Dekonstruktionsmystik jemals mit eines Gedankens kränklicher Blässe gewürdigt worden ist.

Der israelische Historiker und Arabist Uriya Shavit analysiert in seinem Aufsatz „Islamotopia“ die Ideologie der Muslimbrüder Ägyptens und wie sich für sie die Auseinandersetzung mit der Moderne darstellt. Er hält fest, dass die Muslimbrüder zu einer reform-orientierten Strömung zählen, die bereits im 19. Jahrhundert begann und von Leuten wie Jamal al-Din al-Afghani, Muhammad ‘Abduh, und Rashid Rida begründet wurde, die allesamt empfahlen, dass die muslimische Welt die technologische Überlegenheit des Westens kopieren, aber auf ihrer islamischen Vergangenheit und Spiritualität bestehen müsse. Allen diesen Ansätzen ist zu eigen, dass sie Technik und moderne Naturwissenschaft als rein instrumentale Anordnung verstehen, die durch ihre Abwesenheit oder auch Ablehnung religiöser Erklärungsmodelle auch keinerlei metaphysisches Dispositiv voraus setzt. Shavit schreibt: „Um die naturgemäß innewohnende Spannung zwischen der Ablehnung und der Akzeptanz der westlichen Welt zu reduzieren, bietet der politische Islam eine religiöse Interpretation moderner säkularer Ideen und Institutionen an. Seine Anhänger versuchen für jede westliche Errungenschaft ein vor-gängiges Äquivalent zu finden und beschreiben seine Vereinnahmung als eine authentische Rückkehr zu den Quellen, und ganz bestimmte keine Abkehr von ihnen.“

Das Missverständnis, wenn man es so nennen will,  hat weitreichende Konsequenzen. Shavit schreibt weiter:

„Die Synthese aus Traditionalismus und Moderne auf der islamistisches Denken basiert, erlaubt der Moslembrüderschaft ihren Anhängern zu versichern, dass sie die Arabische Welt zu technologischem und wirtschaftlichem Erfolg führen kann, ohne sie zu jener spirituellen Leere und moralischen Korruption zu verdammen, die den Westen über alle Maßen plagt. Aber genau hier liegt die zentrale Fehlinterpretation aller Islamisten, was die Wurzeln des Erfolgs westlicher Gesellschaften anbelangt. Die Freiheit grundsätzliche Wahrheiten in Frage zu stellen ist nicht einfach eine Nebenwirkung wissenschaftlichen Fortschritts, sondern ihre direkte Ursache. Man kann nicht die Freiheit des Denkens auf diesem Gebiet einschränken und auf jenem erlauben, genau so wenig wie eine Universität erwarten kann dass sie von der einen Fakultät brauchbare Resultate aus der Entwicklung neuer physikalischer oder evolutionärer Theorien erhält, wenn sie Zweifel an der historischen Wahrheit prophetischer Überlieferung an der anderen Fakultät verbietet. Weil es ihnen an genau an jenem Pluralismus, jener Toleranz und auch Ironie mangelt, die westliche Gesellschaften auszeichnen, werden islamistische Regime, wo sie zur Macht kommen, den schwerwiegenden Rückstand in Wissenschaft und Technologie, an dem heutige arabische Gesellschaften schwer leiden noch weiter festschreiben oder sogar verschlimmern.“ (Übersetzung JM)

Oder wie es nach einem englischen Sprichwort heißt: “You can’t have your cake and eat it (too).” Aber was für einen Betrachter von außen wie ein Widerspruch klingt, ist für die islamistische Ideologie keiner. Wie ich in einer Besprechung von Tariqs Ramadans Buch „The Quest for Meaning“ zeigen konnte, besteht Ramadan darauf, dass der Islam dialektische Widersprüche ablehnt und einer Tendenz frönt, für jeden tatsächlichen Widerspruch ein totales Identitätsparadigma zu postulieren. Es darf keine inneren Spaltungen geben, keine dialektischen Widersprüche und keine begriffliche Terminologie, diese inneren Spannungen zu benennen. Es ist daher von verschiedenen Seiten bemerkt worden, dass sich nicht bloß der islamistische Rand, sondern der ganze islamische Mainstream in jenen Fahrwässern bewegt, in denen im 20. Jahrhundert totalitäre Bewegungen, vom Nationalsozialismus bis zum Stalinismus ihre politischen Spuren hinterließen. Man muss allerdings nicht so weit gehen, um heutigen Phänomenen wie der Political Correctness ebenfalls die Tendenz zu unterstellen, politisch eine Identität zwischen Sprache und Realität erzwingen zu wollen, die bereits in ihren Grundfesten totalitär ist und in krassem Gegensatz zu Kritischer Theorie steht. Nicht ganz zufällig nannte Adorno als Ziel seiner „Negativen Dialektik“ eine „Philosophie, die nicht den Begriff der Identität von Sein und Denken voraussetzt und auch nicht in ihm terminiert, sondern die gerade das Gegenteil, also das Auseinanderweisen von Begriff und Sache, von Subjekt und Objekt, und ihre Unversöhntheit, artikulieren will.“ (Adorno: Vorlesung über Negative Dialektik. Fragmente zur Vorlesung 1965/66. Frankfurt 2007, S. 15f.) Totalitäre und unterdrückerische Systeme jedweder Art sind bestrebt die Anwesenheit des „Nicht-Identischen“ (Adorno) ideologisch und physisch zu vernichten. Der Anspruch auf Identität zwischen Sprache und Realität wird selten thematisiert, wenn es um den Islam geht, aber er hat sehr interessante Nebenwirkungen. Es ist höchst merkwürdig, dass es auch unter den Linken, die Islamophobie für den „neuen Antisemitismus“ halten, und höchstes Verständnis für muslimischen Zorn und Gekränktheit haben, wenig Bereitschaft existiert in größeren Gruppen zum Islam zu konvertieren. In den intellektuellen Eliten Europas und der USA halten zwar sowohl Kritiker als auch Freunde des Islams einander die Waage, aber selbst in der westlichen Islamwissenschaft hat nur eine Minderheit den Weg zu dieser Religion gefunden. Läge es nicht auf der Hand, dass die intellektuellen westlichen Islamfreunde eine marxistische, feministische, poststrukturalistische Theorie islamischer Prägung längst entwickelt haben sollten, die unter dem Banner der Diversität ihre segensreichen Marsch durch die Institutionen antreten würde? Mir ist nicht bekannt, dass die wortreichsten Verteidigerinnen des Kopftuchs als Werkzeug der Selbstermächtigung es jemals selbst getragen und konsequenterweise konvertiert wären. Man kann mit gutem Grund vermuten, dass der Islam selbst wenig Anziehungskraft auf Intellektuelle ausübt, die ein Mindestmaß an dialektischer Spannung aushalten, wie z.B. feministische oder marxistische Islamophobie ExpertInnen. Und selbst wenn man nicht unbedingt die Polemik schätzt, die mit solchen Argumenten verbunden ist, stellt sich die Frage, warum der Islam so unattraktiv für jene ist, die am meisten mit seinem Schutz vor Islamophobie beschäftigt sind. Es bleibt vorerst eine offene Frage.

3.

Die vor allem im angelsächsischen Raum gezeigte Wanderausstellung „1001 Inventions“, einem Projekt das von zahlreichen islamischen Akademikern und internationalen Institutionen getragen wird, tourt seit 2010 durch Europa und die USA und ist derzeit in Asien unterwegs. Das Ziel der Ausstellung, die eine teure und aufwändige Website und hoch professionelles Marketing betreibt, ist laut eigenen Angaben folgende Aufgabe: „1001 Inventions is an award-winning international science and cultural heritage organisation that raises awareness of the creative golden age of Muslim civilisation that stretched from Spain to China. From the 7th century onwards, men and women of different faiths and cultures built on knowledge from ancient civilisations making breakthroughs that have left their mark on our world.”

Es erscheint mir ein interessantes Detail am Rande zu sein, dass nichts über die Organisation dahinter geschweige denn ihre Finanzierung zu erfahren ist. Weder die eigene Wikipediaseite noch andere Quellen verlieren darüber auch nur ein Wort. Im Vordergrund steht eine bilderreiche und keineswegs uninteressante Reise in eine Welt der Wunder und intellektuellen Höchstleistungen. Es gibt keine wissenschaftliche Entdeckung von Rang, keine Technologie und keine intellektuelle Leistung, die nicht in einem islamischen Kontext voraus gedacht, selbst entwickelt oder zumindest in utopischer Diversity („men and women of different faiths and cultures“) besprochen worden wäre. Vor allem der Mythos des toleranten weltoffenen muslimischen Spanien, das rund um Cordoba ein multikulturelles, multiethnisches und multigeschlechtliches Zentrum der Bildung und des Lernens errichtet haben soll, hat es den Ausstellungskuratoren angetan. Dies wird jedoch durch neuere historische Arbeiten, etwa jene von Dario Fernández-Morera als unhaltbar zurück gewiesen. In der Presse, die im Sinne der Veranstalter darüber berichtet liest man Sätze wie: „How many people are aware that hospitals, pharmacies, libraries and bookshops were first established in the Muslim world? Or that the experimental scientific method – used by all scientists today – was the brainchild of 10th century genius ibn Al-Haitham? Or that modern robotics, vaccinations, soap, the guitar, the fountain pen and hundreds of other inventions can be traced back to Muslim civilisation?”

Jeder Abschnitt, den die Ausstellung bearbeitet wartet mit solchen Superlativen auf. Es gibt kein Gebiet, das nicht als unmittelbarer Ausdruck muslimischer Genialität propagiert wird. Der türkisch-amerikanische Physiker Taner Edis und die ostdeutsche Wissenschaftshistorikerin Sonja Brentjes, (die übrigens selbst als Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von „1001 Inventions“ erwähnt wird) haben 2012 einen sehr kritischen Artikel in der Zeitschrift „Sceptical Inquirer“ veröffentlicht, indem sie einige der gröbsten historischen Verfälschungen publik machten. Ich werde hier nur einen kurzen Auszug daraus ins Deutsche übersetzen, um den allgemeinen Trend deutlich zu machen.

„Das Kapitel „Schule“ (des Ausstellungskatalogs, Anm. JM) beginnt mit zwei grundlegend falschen Behauptungen in seiner zusammenfassenden Einleitung, nämlich dass (1) „die Muslime des Mittelalters schulisches Lernen erweiterten, vom Grundschulniveau in den Moscheen, zu den Universitäten bis zum Großen Haus der Weisheit, einer intellektuellen Institution im Bagdad des 9. Jahrhunderts“ und (2) „dass der Ethos zu lernen eine Kultur schuf, in der forschende Geister nach der Wahrheit suchten auf Basis einer strengen wissenschaftlichen Experimentierfreudigkeit, die Meinung und Spekulation als unwürdige Schüler verbann. Dieses System des Lernens wie es von mittelalterlichen Islam verkörpert wurde, formte das Rückgrat einer Entwicklung aus der die außergewöhnlichsten Erfindungen und Entdeckungen hervorgingen.“ Nicht ein einziges Wort dieser beiden Sätze kann durch mittelalterliche Quellen belegt werden. Nicht nur gab es keine Universitäten zu dieser Zeit, auch die madrasas (Schulen zur Ausbildung von Islamlehrern, Anm. JM) in denen vereinzelt Mathematik und Astronomie unterrichtet wurde entstanden viel später und erinnerten kaum an Universitäten. Generell gab es in den meisten islamischen Gesellschaften kaum Moscheen die Grundschulausbildungen für Jungen anboten, eine begrenzte Anzahl hatte einen Gönner oder Patron, der das manchmal finanzierte. Dies war von Stadt zu Stadt und Dorf zu Dorf unterschiedlich und selbst von Viertel zu Viertel gab es keine einheitliche Organisation dafür. Die Verortung heutiger Bildungsinstitutionen in direkten islamischen Vorläufern ist Ideologie, nicht Wissenschaft.“

Soweit Brentjes und Edis. Beide haben übrigens auch Beiträge für das Buch „1001 Distortions“ verfasst, das die lange Liste an Fehlern, Ungenauigkeiten, Desinformationen und schlichten historischen Fälschungen systematisch abarbeitet. Sonja Brentjes, die ja selbst an der Entwicklung von „1001 Inventions“ beteiligt war, sieht eine „verpasste Gelegenheit“, die Reichtümer der Islamischen Kultur wissenschaftlich akkurat darzustellen, jedoch sind Zweifel angebracht, ob das überhaupt jemals ein Ziel gewesen ist. Die hunderttausenden Besucherinnen und Besucher weltweit werden mit einer Geschichte konfrontiert, die eine reine Einbahnstraße gewesen sein muss. Obwohl die Betreiber der Ausstellung wohlweislich im Hintergrund bleiben, wollen sie dennoch einen freundlichen, weltoffenen Islam präsentieren, der auf Mittel der Propaganda zurück greift und anders gar nicht vorstellbar erscheint. Der Zugang zur Moderne aus der Sicht von Islamisten entpuppt sich rasch als imperiale Geste. Eifersüchtig reklamieren die islamischen Vermittler jede Leistung für sich, als ob es niemals auch andere gegeben hätte. Die zum Teil kruden Unwahrheiten zu fabrizieren und zu glauben ist weder strafbar noch anstößig, Meinungsfreiheit ist schließlich für alle da. Es ist jedoch auffällig, wie konsequent diese Ideologie nicht nur jeden fremden Einfluss bestreitet, er negiert auch die Präsenz des Anderen aus jedem metaphysischen Kontext. Was für Christen und Juden zumindest heute völlig selbstverständlich ist, die Anwesenheit des Anderen als gegeben zu akzeptieren, scheint in der muslimischen Welt heute weniger vor zu kommen als jemals zuvor. Dass es sich bei der Ausstellung außerdem um eine rein sunnitische Veranstaltung handelt, die nicht nur christliche und jüdische Einflüsse negiert, sondern auch die schiitische Tradition völlig außen vor lässt, kann man an dem interessanten Faktum erkennen, dass der Name Suhrawardi, ein persischer Philosoph zur Zeit des Salah ad-Din in der gesamten Ausstellung nicht auftaucht. Suhrawardi war einer der bedeutendsten Philosophen des Mittelalters, der durch eine Intrige sunnitischer Kleriker der Häresie beschuldigt und schließlich hingerichtet wurde. Nicht einmal dieses Detail  kann der islamische Triumphalismus angemessen bzw. überhaupt darstellen. Eine halbwegs konsistente Antwort wie damit einigermaßen vernünftig umzugehen ist dürfte derzeit noch schwieriger zu finden sein.

4.

Meine Polemik weiter oben, dass es auch bei jenen keinen Trend zur Konversion zum Islam gibt, die sich als sein moralischer Schutzschild verstehen ist keineswegs leichtfertig dahin gesagt. Die islamistische Moderne kann nur ein Fehlschlag sein, weil sie die intellektuelle Exzellenz zwar propagiert, aber nicht realisiert. Die pathologische Schamkultur erzwingt eine identitätspolitische Schizophrenie, die zwangsläufig an den Wirklichkeitsriffen zerschellen muss. Ob das möglicherweise auch zivilisiert und ohne Weltkrieg vonstattengehen kann, bleibt eine ungewisse Frage. Eine recht merkwürdige Schlussfolgerung aus dem zuvor Geschriebenem ist jedoch: Der Islam ist keine philosophische oder geistige Herausforderung für den Westen. Für die tatsächlichen Probleme des 21. Jahrhundert sind seine Antworten schlicht keine Antworten, sondern bloß irrelevant. Das Problem, das der Islam für Europa und den Westen darstellt ist auch keines der Fremdheit und auch keines der „Überfremdung“, wie rechtsextreme Propaganda oft behauptet, es hat auch nichts mit der angeblichen Unvereinbarkeit des Islam mit Demokratie und Menschenrechten zu tun, sondern es ist schlicht eine Frage wie Europa und der Westen zu sich selbst steht. Das Problem, das der Islam konkret stellt ist die politische Frage nach der Identität Europas im Kontext der westlichen Zivilisation. Wer sind wir? Und was wollen wir erreichen? Man wird keine Antwort darin finden, zu diskutieren ob der Islam modernisierbar, reformierbar oder friedlich sei, weil der Islam tatsächlich nicht das eigentliche Problem ist und es auch niemals war. Auch die mitunter recht chaotische Migration wird daran nichts ändern. Was man heute „Westen“ nennt ist kein geographischer, sondern ein metaphysischer Ort.

(To be continued)

Verwendete Literatur

Karl Wullf:

https://www.amazon.de/Islam-die-Naturwissenschaften-religi%C3%B6sen-Wissenschaft/dp/3842896158#reader_3842896158

Taner Edis: An Illusion of Harmony

https://www.amazon.de/dp/1591024498/ref=pe_386171_38075861_TE_item

Brentjes, Edis, Richter-Bernburg: 1001 Distortions

https://www.amazon.de/dp/3956501691/ref=pe_386171_38075861_TE_item

sowie:

http://www.newenglishreview.org/Norman_Berdichevsky/The_Myth_of_the_Golden_Age_of_Tolerance_in_Medieval_Muslim_Spain/

Kategorien:Culture and War

Nachtrag 2: Bob Dylans Nobel Price Speech

Dezember 12, 2016 2 Kommentare
“Glory is like a circle in the water, 
 Which never ceaseth to enlarge itself 
 Till by broad spreading it disperse to nought.”
Ein Zirkel nur im Wasser ist der Ruhm,
der niemals aufhört, selbst sich zu erweitern,
Bis die Verbreitung ihn in nichts zerstreut.”

William Shakespeare, Henry VI

(Übersetzung von August Wilhelm Schlegel)

 

Die am 10. Dezember gehaltene Zeremonie zu Verleihung des Literatur Nobelpreises 2016 fand zu unser aller Bedauern leider ohne Dylan selbst statt, aber in seiner grenzenlosen Weisheit schickte er Patti Smith als seine Emissärin, die eine wundervolle Interpretation von „A Hard Rain’s A Gonna Fall“ auf die Bühne zauberte. Es sei an dieser Stelle erinnert, dass Patti Smith wohl zu den wenigen Singer/Songwritern gehört, die man gemeinsam mit Bob Dylan in einem Atemzug nennen muss. In einem anderen Universum existiert eine Erde, in der Patti Smith den Nobelpreis bekommt und statt ihrer selbst Bob Dylan nach Stockholm schickt, dessen bin ich mir sicher. Wir verbeugen uns daher in aller Ehrfurcht und mit Tränen in den Augen vor dieser großen Künstlerin, die einem anderen großen Künstler die Ehre erweist.

 

 

Die amerikanische Botschafterin in Schweden, Azita Raji, las im Rahmen der Zeremonie eine von Dylan verfasste Dankesrede vor, die ich hier der Einfachheit halber ins Deutsche übersetzt habe. Das Original findet sich hier, wie es auf der Website der Schwedischen Akademie veröffentlicht wurde. Dylan sagt also das:

 

Guten Abend allerseits!

Ich möchte meine freundlichsten Grüße an die Mitglieder der Schwedischen Akademie übermitteln, sowie an alle anderen erlauchten Gäste dieser Zeremonie.

Es tut mir leid, dass ich nicht persönlich bei ihnen sein kann, aber bitte seien sie versichert, dass ich im Geiste bei ihnen bin und nur schwer ausdrücken kann sehr ich mich geehrt fühle diesen renommierten Preis zu empfangen. Den Nobelpreis für Literatur zu erhalten ist etwas, das ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt hätte.

Seit meiner Kindheit bin ich vertraut mit den Werken jener, die man einer solchen Würde für wert befunden hat und las begeistert die Bücher von Kipling,  Shaw, Thomas Mann, Pearl Buck, Albert Camus, Hemingway. Diese Giganten deren Literatur in den Klassenzimmern unterrichtet, den Bibliotheken auf der ganzen Welt gesammelt und über die in ehrfurchtsvollem Ton gesprochen wird, haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Dass ich nun auf derselben Liste wie sie stehe raubt mir die Worte.

Ich weiß nicht ob diese Männer und Frauen sich jemals selbst bei der Verleihung des Nobelpreises bei diesem Gedanken ertappt haben, aber ich glaube, dass jeder, der ein Buch schreibt, ein Gedicht oder ein Theaterstück diesen geheimen niemals laut ausgesprochenen Traum tief in sich trägt, so tief begraben, dass es den meisten vermutlich nicht einmal bewusst ist.

Wenn mir jemand erzählt hätte, dass ich auch nur die leiseste Chance hätte den Nobelpreis zu gewinnen, müsste ich daran denken, dass es mir genauso wahrscheinlich vorgekommen wäre auf dem Mond zu stehen. Dazu kommt die bemerkenswerte Tatsache, dass ich in einem Jahr geboren wurde, indem wie in den kommenden Jahren danach niemand auf der ganzen Welt für gut genug empfunden wurde, den Nobelpreis zu erhalten. Darum denke ich das Mindeste, was ich dazu sagen kann ist, dass ich mich wohl in sehr illustrer Gesellschaft aufhalte.

Ich war gerade unterwegs, als ich die überraschende Nachricht bekam und es brauchte mehr als ein paar Minuten diese Entscheidung in ihrer ganzen Tragweite zur Kenntnis zu nehmen. Ich begann über William Shakespeare nachzudenken, diese überragende literarische Gestalt. Ich würde vermuten, dass er sich selbst vor allem als Dramatiker betrachtete. Der Gedanke, dass er Literatur verfassen würde, dürfte ihm kaum jemals gekommen sein. Seine Worte wurden für die Bühne geschrieben. Sie sollten gesprochen werden, nicht still für sich gelesen. Als er Hamlet schrieb, bin ich mir sicher dachte er an ganz andere Dinge. „Wer sind die richtigen Schauspieler für diese Rollen?“ „Wie soll es inszeniert werden?“ „Möchte ich wirklich, dass es in Dänemark spielt?“

Seine schöpferischen Visionen und sein Ehrgeiz waren ohne Zweifel mit diesen Fragen beschäftigt, aber es gab auch ganz andere, praktische Dinge zu bedenken und zu organisieren. „Kann ich es finanzieren?“ „Gibt es genug Sitze für meine Gönner?“ „Wo bekomm ich einen menschlichen Schädel her?“ Ich wette jedoch, dass Shakespeares Geist am allerwenigsten mit der Frage beschäftigt war: „Ist das Literatur?“

Als ich als Teenager begann Songs zu schreiben, und auch später noch, als ich bekannter wurde, gingen meine Ansprüche was diese Songs betrifft nicht sehr weit. Ich dachte man würde sie vielleicht in Kaffeehäusern oder Bars hören und später vielleicht an Orten wie der Carnegie Hall oder dem Londoner Palladium. Meine kühnsten Träume drehten sich darum, vielleicht einmal eine Platte zu machen und mit zu erleben wie meine Songs im Radio gespielt werden. Das war für mich der größte Erfolg, den ich mir vorzustellen wagte. Platten zu machen und die eigenen Songs im Radio zu hören bedeutet ein großes Publikum zu haben, und dass ich vielleicht wirklich genau das für den Rest meines Lebens würde tun können. Nun, ich habe das tatsächlich getan, seit einer sehr langen Zeit schon. Ich habe dutzende Platten veröffentlicht und tausende Konzerte auf der ganzen Welt gespielt. Aber es sind vor allem und zu allererst meine Songs, die im Mittelpunkt meines Werkes stehen. Sie scheinen einen Platz im Leben von so vielen Menschen über so viele Kulturen hinweg gefunden zu haben, dass ich nicht anders als dankbar dafür sein kann.

Aber ich muss dazu noch etwas sagen: Als Bühnenkünstler bin ich vor 50000 und vor 50 Leuten aufgetreten und ich kann ihnen aus eigener Erfahrung versichern, dass es schwieriger ist vor 50 Leuten zu spielen. 50000 Menschen sind eine einzige Person, aber das nicht so bei 50. Jede Person hat eine eigene, erkennbare Identität, die eine ganze Welt für sich darstellt. Sie können wesentliche Details viel besser beurteilen und sehen viel klarer. Die eigene Ehrlichkeit und wie sie mit den Tiefen des vorhandenen Talents in Beziehung steht wird vor so einem Publikum auf die Probe gestellt. Die Tatsache, dass das Komitee des Nobelpreises nur aus wenigen Menschen besteht ist mir darum keineswegs verborgen geblieben.

Aber wie Shakespeare bin ich zu oft damit beschäftigt meinen eigenen kreativen Impulsen zu folgen und auch die ganz praktischen Aspekte des täglichen Lebens zu meistern. „Wer sind die besten Musiker für diesen Song?“ „Habe ich das richtige Studio ausgesucht?“ „Hat dieser Song die richtige Tonart?“ Manche Dinge ändern sich nie, auch nicht in 400 Jahren.

Nicht einmal während meiner ganzen Karriere habe ich mich jedoch gefragt: „Sind meine Songs Literatur?“.

Darum danke ich der Schwedischen Akademie sich dieser Frage so intensiv gewidmet und schließlich eine solch wundervolle Antwort gefunden zu haben.

Meine besten Wünsche an sie alle, Bob Dylan

(© The Nobel Foundation 2016)

Ich hatte gehofft, dass Dylan bei seiner Dankesrede etwas über seinen Zugang zu Literatur verraten würde und wenn auch auf Umwegen hat er das mit dieser Rede getan. So kurz und locker im Tonfall sie auch sein mag, sie enthält einige sehr interessante Blitzlichter. Die Namen, die er nennt, und in deren Ahnenreihe er sich jetzt stellen kann sind interessant in ihrer Unterschiedlichkeit. Die englischen Klassiker Kipling und Shaw, der „bigger than life“ Schriftsteller Hemingway , der für die Bohèmien Szenen der 60er Jahre so wichtige Existentialist Camus, der wortgewaltige Thomas Mann und schließlich Pearl S. Buck, Preisträgerin des Jahres 1938, die mit ihrem Buch „Die gute Erde“ offenbar nicht nur mir eine wundervolle Leseerfahrung geschenkt hat.

Und dann ist da auf einmal der Bezug zu Shakespeare, mit dem er sich zwar nicht vergleicht, aber in dem er offenbar einen wesensverwandten Künstler sieht. Shakespeare so betont er, habe genau wie er selbst niemals darüber nach gedacht, ob das Literatur sei, sondern hätte ganz praktische Probleme bewältigen müssen. Kunst so will uns Dylan sagen ist in erster Linie Arbeit und Disziplin. Oder wie Musil einmal geschrieben hat, dass Genie eine Frage der Beharrlichkeit sei. Er verwendet dafür den Begriff „mundane“ („all aspects of life’s mundane matters“), der weltlich, alltäglich, profan und auf jeden Fall das Gegenteil von heilig und sakral bedeutet, aber in seinem Wortstamm bereits die Welt beinhaltet. Dass das Leben einer einzelnen Person eine ganze Welt für sich ist erwähnt er an einer anderen Stelle nicht ganz zufällig. Dylan ist ein religiöser Mensch. In seiner Art und Weise die Dinge zu sehen ist sicher eine protestantische Arbeitsethik erkennbar, aber seine Auffassung von Kunst geht weit darüber hinaus. Das Sakrale der Kunst kann nicht vom profanen Charakter der Arbeit an ihr und mit ihr getrennt werden. Diese Unschärfe erfordert weniger Abstraktion („Ist das Literatur?“), sondern in jedem Fall die Hingabe an die Arbeit des Schöpferischen.

Und eben auch die Tatsache, dass Dylan nicht nur schreibt, sondern auch performt, aufführt, spielt. Genau wie Shakespeare stellt er sich Problemen von Inszenierung und Präsentation, oder besser: der Form. Kunst ist in erster Linie eine Frage des Wie, und dann erst des Was. Was Dylan macht ist auch Literatur, geht aber noch darüber hinaus in den Komplex dessen was Kunst überhaupt bedeutet. Niemals, während seiner ganzen Karriere, habe er sich die Frage gestellt, ob seine Songs Literatur seien. Er richtet diesen Satz an die Akademie, deren Entscheidung er damit sehr intelligent unterstützt. Aber er wendet er sich damit auch an jene, die sich der mühsamen Debatte angeschlossen haben, ob Dylans Songs eigentlich als Literatur betrachtet werden können. Diese Frage richtet er ihnen aus, ist irrelevant. Literatur besteht darin sie zu machen und sie aufzuführen, in  eine sinnliche Erfahrung um zu gestalten, deren Wesen nicht ist, sondern geschieht. Diese Erfahrung muss von jeder einzelnen Person zu dem gemacht werden, was ihre Welt ist, aber eben als Bewegung und Reise gedacht. Literatur ist und steht nicht, sie passiert. Der Künstler Dylan weiß diese Wertschätzung durch jeden einzelnen Zuhörer und jeder einzelnen Zuhörerin zu schätzen. Seine Einschätzung, dass es sich vor 50000 Menschen leichter spielen würde, als vor 50 ist keine leichtfertige Behauptung. Anders als viele glauben, ist ihm sehr bewusst, dass die hohe Wertschätzung für sein Werk auch das Ergebnis intellektueller Debatten ist, in der die einzelnen mit aller Schärfe ihres individuellen Verstandes seine Stärke als Künstler heraus fordern. „The fact that the Nobel committee is so small is not lost on me.”

Eleganter und präziser habe ich das noch nie gehört. Die selbstbewusste Demut Dylans wurde mit diesem Preis auf die Probe gestellt, und er hat sie souverän gemeistert. Wir verbeugen uns.

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Nachtrag: Dylan in Concert

November 1, 2016 2 Kommentare

Nachdem sich Dylan also endlich beim Literaturnobelpreis Komitee gemeldet und seinen Wunsch geäußert hat, den Preis persönlich entgegen zu nehmen, scheinen sich die Wogen geglättet zu haben. Dylans Schweigen war wie er sagt, Ausdruck seiner eigenen Überraschung und nicht wie manche angenommen haben Zeichen für eine Geringschätzung oder Ablehnung des Nobelpreises. Ich bin neugierig, ob er in Stockholm die Gelegenheit nutzen wird, ausführlicher über seine Vorstellungen von Literatur zu sprechen.

Dies ist ein willkommener Anlass Höhepunkte aus einigen Konzerten die Dylan in den letzten Jahrzehnten auf aller Welt gegeben hat und wie sie von Besuchern mitgeschnitten und veröffentlicht wurden den interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern zur Kenntnis zu bringen. Die offizielle Website Dylans bietet nicht nur die Lyrics und Hörbeispiele an, sondern stellt auch sämtliche Setlists aller Konzerte zur Verfügung, die Dylan seit 1960 (!) gespielt hat. Dazu bietet die Plattform auch eine genaue Zählung, wann er welchen Titel zum erstem bzw. zum letzten Mal auf einer Konzertbühne aufgeführt hat. Wie ich bereits im vorherigen Beitrag geschrieben habe sind die Neuinterpretationen seines eigenen Werks jene Momente, in denen sich der Künstler Bob Dylan wohl am aller nächsten ist. Die folgenden 15 Beispiele sind willkürlich gewählte Aufnahmen, wie sie mir in den letzten Monaten zufällig unter gekommen sind. Die Soundqualität ist nicht immer die Beste, aber es ist trotzdem erstaunlich, was Smartphones und Digitalkameras im letzten Jahrzehnt zustande gebracht haben.

Bei seinem Aufritt auf der Burg Clam im Jahre 2014 schließt er wie ein Jahr später in Wiesen mit „Blowing in the wind“ ab. Man beachte die wundervolle Melodieführung mit elektrischer Violine und sein Pianospiel, das der alten Bürgerrechtshymne ein völliges neues Gewand gibt.

 

 

2004 in St. Louis spielte Dylan diese außergewöhnliche Fassung von “Love Minus Zero/No Limit”. Christopher Ricks, einer der bedeutendsten englischen Literaturwissenschaftler überhaupt, hat sich hier und hier mit diesem Song auch während eines Interviews beschäftigt, das anlässlich des Erstausgabe seines Buches „Dylans Vision of Sin“ entstanden ist.

 

 

“Visions of Johanna” hat über die Jahre hinweg viele Interpretationen erfahren. Diese hier, gespielt 2000 im englischen Portsmouth ist zweifelsohne ein Höhepunkt. Obwohl man zu diesem Titel noch viel mehr sagen müsste, ist für Dylanologen vielleicht interessant, dass er in den Text am Ende einen Satz hinzufügt, den ich noch bei keiner anderen Version gehört habe. „Words…And nothing is said.“ Die komplexe sprachliche Bearbeitung, die er mit den Worten „How can I explain, it’s so hard to get on!“ an die verlorene Liebe richtet, wird mit dieser lakonischen Bemerkung dadurch nochmals unterstrichen.

 

 

Einen Song, den Dylan selbst lange Jahre liegen gelassen hat ist „Blind Willie McTell“. Unsicherheit darüber ob er dem Geist des legendären Bluesmusikers damit auch gerecht wird, führte zunächst dazu, dass „Blind Willie McTell“ nicht auf „Infidels“ 1984 erschien und erst auf den Bootleg Series 1-3 1991 veröffentlicht wurde. Erst ab 1997 wurde „Blind Willie McTell“ in Dylans Konzert Repertoire aufgenommen. Hier ist sie in Manchester 2002 zu sehen und zu hören.

 

 

Von “Modern Times” (2006) stammt der denkwürdige Song “Working Man Blues #2”, hier live in Birmingham, 2007 zu sehen. „Working Man Blues #2“ ist ein poetischer sozialer Kommentar („The buying power of the proletariat is gone, Money’s gettin‘ shallow and weak…”), der an den “Workin Man Blues” der Country Legende Merle Haggard anknüpft.

 

 

„Slow Train“ vom Album „Slow Train Coming“ hat Dylan unter anderem mit den Grateful Dead  auf einer bemerkenswerten Tour gespielt. Hier ist eine der aufregendsten Versionen zu hören, bei einem Konzert 1987 in Rotterdam, das die ganze seelische Qual und Verzweifelung des Erzählers mit einem stampfenden Groove kombiniert.

 

 

Die christliche Phase Dylans wird heutzutage (auch von ihm selbst) eher verschwiegen und ignoriert. Dabei hatte sie einige außergewöhnliche Momente. Das spezifisch christliche „In the Garden“ vom Album „Saved“, das die letzten Tage von Jesus behandelt, wurde in den 80ern sehr häufig aufgeführt, heute ist es praktisch vergessen. Zu Unrecht, wie ich meine.

 

 

Mit “Things have changed” hat Dylan 2000 einen Oscar für den Besten Song (für den Film “The Wonder Boys”) gewonnen. Üblicherweise beginnt er damit seit einiger Zeit jedes Konzert, wie auch hier in Manchester 2002.

 

 

In Stockholm 2007 überraschte Dylan sein Publikum mit einer wundervollen Performance von „Girl from the North Country“, einem Klassiker aus seinem Folkrepertoire, das durch die charmante Jazz Behandlung nicht wieder zu erkennen ist.

 

 

„Ain’t Talkin“ vom Album „Modern Times“ ist einer dieser Dylan Songs, die man beim ersten Mal vielleicht überhört, aber der sich mit ungeheurer Kraft entwickelt, wenn Dylan eine musikalische Form findet, die seiner Stimmung und Intensität gerecht wird, so wie hier in New York 2006.

 

 

Und weil wir gerade bei Klassikern sind: „Don’t think twice it’s allright“, gespielt bei einem Konzert in Cardiff 2002 gehört zu den wirklich populären Titeln Dylans. Das Publikum ist jedenfalls begeistert.

 

 

Ein weiterer Klassiker ist “It‘s allright, Ma“, das hier in einer Aufnahme aus dem Madison Sqaure Garden 2002 zu hören ist.

 

 

 

Natürlich darf in dieser Sammlung “Shelter from the storm” nicht fehlen. In dieser undatierten Aufnahme, vermutlich Mitte der 90er Jahre, dominieren die Gitarren, die Dylans Stimme wunderbar konterkarieren.

 

 

„Simple Twist of Fate“ spielt Dylan in den letzten Jahren wieder häufiger.  Diese Aufnahme wurde in Oslo 2013 gemacht und ihre Mischung aus Traurigkeit und Leichtigkeit ist von bezaubernder Schönheit.

 

 

„Stay With Me“ ist ein Frank Sinatra Klassiker, geschrieben von Jerome Moross and Carolyn Leigh, den Dylan für „Shadows in the Night“ 2015 aufgenommen hat und mit dem er ein Konzert in New York City November 2014 beendet. Man sieht, dass ihm der Applaus keineswegs egal ist.

 

 

Enjoy and keep listening.

Kategorien:Allgemein

Visions, Glances and No Directions. Drei Annäherungen an Bob Dylan

Oktober 15, 2016 3 Kommentare

“Nobody ever figures out what life is all about, and it doesn’t matter.”

Richard Feynman

Die Verleihung des Nobelpreises für Literatur und sein tagelanges Schweigen dazu haben Bob Dylans geheimnisvolle Präsenz in der globalen Kultur nach den fast gelangweilten Feierlichkeiten zu seinem 75. Geburtstag erneut in den Blick gerückt. Die Faszination, die seine Musik bis heute ausübt hat viel mit seiner erratischen Haltung zu tun keine wie auch immer gearteten Interpretationen seiner selbst und seines Werks als öffentlich zur Schau gestellte Pose zuzulassen. Er führt seine Musik in immer neuen Varianten auf, erklärt sie aber nicht. Und gewinnt er den Nobelpreis nimmt er am nächsten Tag auf einer Konzertbühne in Las Vegas mit keinem Wort Bezug darauf, als würde es ihn nicht weiter berühren, wenn die Welt da draußen sich wieder einmal mit ihm beschäftigt. Gehörte es bis in die frühen 80er noch zu seinen Gepflogenheiten bei Konzerten die Haltung eines preacherman einzunehmen, der seinen religiösen Überzeugungen breiten Raum gab, sind Dylan Konzerte seit mindestens 25 Jahren, wenn nicht länger, Ereignisse ohne Interaktion mit dem Publikum. Bis auf die Vorstellung seiner Band reduziert sich seine Bühnenpräsenz auf die Kombination sich immer wieder verändernder Sets, und einer unaufgeregten und scheinbar völlig emotionslosen Distanz zu seinen Fans, die ihn nichts desto trotz wie einen Heiligen verehren. Der Autor dieser Zeilen bekennt ohne Scham ebenfalls zu diesen zu gehören. Niklas Luhmanns Konzept, dass alle Kultur eine „Beobachtung zweiter Ordnung“ darstellt, in der sich jede Beobachtung in einer unendlichen Kette auf eine andere bezieht, lässt sich anhand der überwältigenden Vielzahl an Dylan Interpretationen, Trivia, Textanalysen und biographischen Forschungsarbeiten überzeugend nachweisen. Trotzdem hat sich unter diesem Gebirge an Auseinandersetzungen etwas versteckt, das sich auch durch komplexe Schürftechnologien nicht ohne weiteres zu Tage fördern lässt.

Die unzähligen Details und Beobachtungen der Dylan Archäologie haben einen Mythos kreiert, der die unglaubliche Vielfalt seines Werkes zwar durchaus adäquat abbilden kann, aber sich vielleicht zu wenig darum bemüht hat, Beschreibungen zu liefern, die es erlauben, Dylans epochale Kunst zwischen den subjektiven Wahrnehmungen der Fans und den Abstraktionen akademischer Kunsttheorien zu verorten. Einen weiteren Versuch, diesem Zustand Abhilfe zu verschaffen wird dieser Text dem geneigten Leser anbieten.

Dylans Kunst ist es stets gewesen, populäre Musik intellektuell zu betreiben, und intellektuell anspruchsvolle Artefakte als populäre Erfahrung in die Realität der Menschen, die ihm zuhören zu übersetzen. Im phantastischen intellektuellen Reichtum seiner Texte kann sich eine ganze Bibliothek an deutender und analytischer Literatur versenken, aber was er zu sagen hat, ist auch für jene eine prägende Erfahrung, die sich nicht für diese Exegese interessieren. Der Autor dieser Zeilen wird dem Ozean der Dylan Literatur einen weiteren Tropfen hinzufügen, ohne sich der Illusion hinzugeben mehr verstanden zu haben als andere.

 

1.

„I know my song well before I start singing…”

Bob Dylan, A Hard Rain’s A-Gonna Fall

In seinem berühmten Essay “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” aus dem Jahr 1936 schreibt Walter Benjamin: „[W]as im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura. (…) Die Reproduktionstechnik, so ließe sich allgemein formulieren, löst das Reproduzierte aus dem Bereich der Tradition ab. Indem sie die Reproduktion vervielfältigt, setzt sie an die Stelle seines einmaligen Vorkommens sein massenweises. Und indem sie der Reproduktion erlaubt, dem Aufnehmenden in seiner jeweiligen Situation entgegen zukommen, aktualisiert sie das Reproduzierte.“ [S.13]

Das klassische Kunstwerk bezieht seine Aura aus seiner Existenz als Original ohne Kopie, während die Tradition in einer Geschichte des Kultes steht, die das Einmalige theologisch abstrahiert. Benjamin: „Die künstlerische Produktion beginnt mit Gebilden, die im Dienste des Kults stehen. Von diesen Gebilden ist, wie man annehmen darf, wichtiger, daß sie vorhanden sind, als daß sie gesehen werden.“ [S. 18f]

Der Verlust der Aura, die vom Rückzug des Kultischen aus dem Alltag begleitet wird, hat nicht nur mit der Wiederholbarkeit zu tun, die das Einmalige damit erschlägt, sondern auch mit der allgemeinen Verfügbarkeit eines solchen Artefakts. Die Automatisierung der Produktion zerstört das ehrwürdige Handwerk und reduziert das Werk auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Populäre Kultur ebnet Niveaus ein, anstatt sie vergrößern. Sie dehnt Wahrnehmung in die Horizontale, anstatt auf „Vertikalspannungen“ (Sloterdijk) zu setzen. Das hat dazu geführt, dass sie lange Zeit von den Gebildeten verachtet und als Ausdruck eines Konsum orientierten Konformismus betrachtet wurde. Doch genau dies stellt in den Augen Benjamins die notwendige Demokratisierung der Kunst und damit des Zugangs zur Welt im Allgemeinen dar. Aus der Verflachung des Anspruchs erwächst die Fähigkeit zur Teilnahme an einem Markt, der durch die permanente Beschleunigung der Kommunikation zwischen Künstler und Rezipient aus sturen Wiederholungen stabile Beobachtungen zweiter Ordnung generiert. Folgerichtig heißt es bei Benjamin: „Das reproduzierte Kunstwerk wird in immer steigendem Maße die Reproduktion eines auf Reproduzierbarkeit angelegten Kunstwerks.“ [S.17]

Obwohl Benjamin vor allem die Photographie und den Film im Kopf hatte, gilt seine Beobachtung in ganz besonderem Maße für die populäre Musik und wie sie im 20. Jahrhundert sich von den strikten Regeln klassischer Konzertkultur der bürgerlichen Eliten abgelöst und aus den Formen der Folklore und des Volklieds eine auf Konsens und allgemeiner Verständlichkeit beruhende Form geschaffen hat. Popmusik hat die ästhetische Produktion den Eliten aus der Hand genommen und damit das Kultische als Teil des Alltags etabliert. Leute hören nicht nur Musik, sondern machen sie selbst und die auf Reproduktion angelegten Kunstwerke formen durch ihre ständige Wiederholung eine Entwertung des Erhabenen. Die technologische Neuerung, dass viele Menschen über Radio, Schallplatte und Kassetten Rekorder, und heute natürlich CDs, Online Plattformen und Downloads das exakt Gleiche hören und jede Veränderung mit einer weiteren Vervielfältigung diesen Vorgang selbst wieder reproduziert, macht Popkultur zu einem mächtigen Instrument gesellschaftlicher Konsensbildung, die Beteiligung an der Kultur auf technische Weise demokratisiert. Die Aura und ihr Verlust, von dem Benjamin spricht, sind jedoch weniger ein Problem der Entwertung des Kunstwerks an sich als die Veränderung seiner Funktion im System seiner Produktionsweise. Kunst im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit führt nicht nur eine Logik von Original und Kopie ad absurdum, sie verändert auch die Figur des Künstlers selbst. Interpretation ist nicht mehr bloß Interpretation eines Originals, sondern eine eigenständige Form, in der sich der Interpret eigenständig ausdrückt, „die Reproduktion eines auf Reproduzierbarkeit angelegten Kunstwerks“. Die technologische Entwicklung verlangt eine hochgradig komplexe Arbeitsteilung und geht mit einer Industrialisierung einher, die Musik wie einen Supermarkt auf Bedürfnis orientierte Ladenregalstrukturen abstimmt. Gegen diese Form der Produktion hat es stets Widerstand gegeben und sehr unterschiedliche Antworten hervor gebracht wie Kunst in Zeitalter der Hochtechnologie betrieben werden kann. Neben Punk und HipHop etwa, zwei (zu Beginn) höchst subversive Stile musikalischen Ausdrucks, die ihre eigenen Mittel gefunden haben die technische Reproduzierbarkeit selbst ästhetisch zu nutzen, ist Bob Dylans Musik eine weitere individuelle Alternative wie Kunst und Künstler die gewaltigen Veränderungen unseres Zeitalters ästhetisch bearbeiten können.

Man kann sagen, dass der Verlust der Aura ein Problem Dylans ist, mit dem er sich zeit seines Lebens auseinander gesetzt hat, obwohl sich durch seine Intervention auch der Sinn des Begriffs verändert. Dylan war immer damit unzufrieden, dass er seinen Songs eine definitive Form geben musste, die ihre Rezeption so maßgeblich mit bestimmt hat. Was auf Platten erschien und seine Karriere formte war in seinen Augen immer eine Momentaufnahme, ein bestimmtes Take, das zum jeweiligen Zeitpunkt akzeptabel (oder auch nicht) erschien und dem, was er sagen wollte, in einem späteren Augenblick möglicherweise nicht mehr adäquat gewesen ist oder ihm sogar widersprochen hat. Popmusik wird im Allgemeinen in verschiedenen Spuren hergestellt. Jedes Instrument wird separat aufgenommen, meist ganz zum Schluss die Stimme, und dann nach den Anweisungen des Produzenten abgemischt. Dies reflektiert Notwendigkeiten arbeitsteiliger Produktion, die durch technologische Erweiterungen ihren industriellen Charakter betont. Dylan arbeitet jedoch immer mit einer kompletten Band, die in einer Studiosession als Ganzes verschiedene Takes des Songs aufnimmt und eines dieser Ergebnisse dann auf dem fertigen Tonträger veröffentlicht oder auch nicht. Der Grund dafür liegt in seinem Selbstverständnis ein Live Musiker zu sein, der seine eigenen Werke immer wieder neu interpretiert. Die Tonträger enthalten genau genommen nur das Arbeitsmaterial, mit dem live die tatsächliche Bearbeitung stattfindet. Seit 1988 ist Dylan permanent auf Konzerttour und dort, nur dort sieht er die Realität seiner Musik als angemessen erfahrbar. Was man auf Platte hört und als definitives Werk wahrnimmt, ist eben nicht das, was er von sich als Künstler behauptet, sondern wird nur in den Konzerten seiner „Never Ending Tour“ zu einer Erfahrung, die er selbst anerkennt. Dylans Coverversionen von sich selbst sind nicht Reproduktionen dessen, was einmal auf Platte gepresst wurde, sondern sie stellen die Aufgabe, wie etwas zu interpretieren sei immer wieder neu. In jeder Performance wird dem Original etwas abgerungen, das etwas anderes ist als eine Kopie.  Obwohl Dylans Kompositionen mittlerweile in unfassbarer Zahl von anderen Musikern interpretiert worden sind, gibt es niemanden der seine eigenen Werke besser in völlig neuer Form spielen und deuten kann. Hier geht es nicht bloß um Erwartungshaltungen von Publikum und Musikkritik, die es zu zerstören gilt, sondern vor allem darum, dass Dylans musikalisches Genie darin besteht sein eigenes Werk mit unaufgeregter Souveränität gegen jede Verwaltungsmentalität weiter zu entwickeln. Auch wenn seine Kraft mittlerweile geschwunden ist, seine Stimme verfallen und die Genieblitze von früher kaum noch auftauchen ist seine Anziehungskraft ungebrochen. In den tausenden Stunden an Live Material, das in Bootlegs und Youtube Videos zu finden ist, demonstriert Dylan, dass seine Kunst keine definitive Form finden muss, sondern sich als ästhetische Rekonstruktion der Aura realisiert.

Um das an einem arbiträren Beispiel zu demonstrieren seien hier vier verschiedene Live Versionen von „Shelter from the storm“ zum Vergleich vorgestellt. Zunächst zur Erinnerung die 1975 erstmals auf „Blood on the tracks“ veröffentlichte Studioversion:

 

Nun die auf dem Live Album „Hard Rain“ erschienene Version von 1976:

 

20 Jahre später bei einem Konzert in Prag, 1995, findet sich die vielleicht schönste Version, die Dylan je gespielt hat. Der reizende Dialog zwischen Lead und Slide Gitarre ist wunderbar:

 

Aus derselben Periode, 1998 in New York stammt diese Fassung, die zeigt wie sich bei Dylan Schritt für Schritt die Struktur verändert und statt eines Dialogs zwischen den Gitarren einen wunderbaren und zugleich weinenden Klangteppich etabliert:

 

Dies ist eine zeitgenössische Aufnahme von einem Auftritt in Locarno 2015. Keine Rhythmusinstrumente, keine Gitarrenriffs, sondern die komplette Reduktion auf eine minimale Melodie in einem Psalm artigen Vortrag. Die Kraft von einst scheint verschwunden zu sein, trotzdem offenbart sich immer wieder die musikalische Größe das eigene Werk aufs Neue komplett zu verändern, um sich selbst gerecht zu bleiben.

 

Man kann dasselbe auch mit „Visions of Johanna“ nachvollziehen, einem weiteren geheimnisvollen Meisterwerk der 60er Jahre: Zuerst die auf „Blonde on Blonde“ erstmals 1966 veröffentlichte Version, ein Auftritt in Philadelphia 1995, dann eine (großartige) Aufnahme aus dem Jahr 2000 in Portsmouth, ein Auftritt in Rochester 2004 und schließlich eine wundervolle Performance beim Festival der Stimmen in Lörach 2015.

Einige Veränderungen mögen mit dem Verfall der Stimme  zu tun haben, die Anpassungen notwendig machten, aber die Sorgfältigkeit der Arrangements verrät uns viel über das musikalische Denken Dylans, das sich nicht von selbst auferlegten Zwängen beherrschen lassen will. Instrumentierung, Tempo, Rhythmus, Phrasierung, Tonart, Text, alles steht zur Disposition und wird bis zur Unkenntlichkeit (zumindest hat man ihm das vorgeworfen) neu zusammengesetzt. Auf diese Weise hat sich Dylan zu seinem eigenen Interpreten entwickelt, der den Interpretationen der Musikkritik (und den Interpretationen aller anderen) stets voraus ist und zugleich die angebliche Identität von Künstler und Werk erfolgreich hintertreibt. Was Umberto Eco das „offene Kunstwerk“ nennt ist eines, das immer in Bewegung ist und niemals fertig wird, ein work in progress, das die eigene Struktur als Material verwendet. „Offene Kunst sensu stricto entsteht daraus erst, wenn das Kunstwerk als grundsätzlich mehrdeutige Botschaft nicht mehr nur unthematisiert hingenommen, sondern zum Programm erhoben wird. Nun wird es zur Aufgabe, aktiv zu vermeiden, daß ein einziger, bestimmter Sinn sich in den Vordergrund drängt. (…) Die wachsende Offenheit der Kunst reflektiert die zunehmende Freiheit in der modernen, westlichen Kultur und die damit verbundene Auffassung des Menschen als schöpferisches Subjekt. Da auch das ‚Kunstwerk in Bewegung‘ in all seiner Unfertigkeit noch Medium für die Willensäußerung dieses Subjekts ist, enthält es keine Aufforderung zu völlig beliebiger Ergänzung.“ (Karl Baier, Offenes Kunstwerk versus Kunst der Offenheit)

Kunst ist zuerst eine Frage der Form. Das Wie ist wichtiger als das Was. Da es für Dylan keine endgültige Fassung eines Songs gibt, existiert seine Kunst als performativer Prozess, der die Einmaligkeit einer Live Erfahrung als Aura rekonstruiert. Man könnte auch sagen, dass Dylan das Auratische des Kunstwerks im Zeitalter seines Verlustes als Prozess einer niemals endgültigen Wiedergewinnung thematisiert. Dass die Faszination eines solchen Projekts trotz der Unmöglichkeit es zu realisieren ungebrochen ist, davon kann sich jeder Konzertbesucher selbst überzeugen. Solange es seine Gesundheit zu lässt wird er wohl weiter auf Tour gehen. Wir wünschen uns, dass ihm dies noch lange möglich sein wird. Roll on, Bob!

 

2.

“It’s easy to see without looking too far
That not much is really sacred…”

Bob Dylan, It’s allright, Ma (I’m only bleeding)

Die größte Irritation, die Dylan jemals bei seinem Publikum hervorgerufen hat, war jener Schritt ins Religiöse Ende der 70er Jahre als er einer evangelikalen Sekte beitrat und auf seinen veröffentlichten Tonträgern und seinen Konzerten wie ein TV Prediger agierte. Die Reaktionen die er zwischen 1979 und 1981 auf seine born again Botschaften erhielt waren vernichtend und entfremdeten eine ganze Generation von Fans. Die negative (und manchmal sehr gehässige) Kritik dürfte entscheidend dazu beigetragen haben, dass er sich bei öffentlichen Auftritten danach von jeder Wortspende zurück hielt und seine Konzerte ohne Publikumsinteraktion bestreitet.

Die Rolle der Religion in Bob Dylans Musik ist immer Gegenstand intensiver Auseinandersetzungen gewesen. Der von seinen Anhängern als „Prophet“ gefeierte Botschafter der US-amerikanischen Gegenkultur, die das gesellschaftliche Klima der gesamten westlichen Welt so nachhaltig verändert hat, wurde sehr schnell zu einer persona non grata als er die religiösen Zuschreibungen der säkularen Linken in tatsächlich offensiv zur Schau getragene Religiosität verwandelte.

„At a 1979 concert during the tour for Slow Train Coming, his first album of gospel music, Dylan remembered how his critics had tried for years to tell him he was a prophet and overridden all his objections to the contrary, until one day he’d come around and declared Christ to be the answer – whereupon they turned on him, saying, “Bob Dylan’s no prophet.” A great many admirers found themselves excluded by the line Dylan was drawing between those with faith and those without, but in fact he’d always been drawing lines, many of them based on his loose and ever-changing concept of faith.“ (Clifton Spargo & Anne Ream, Bob Dylan and Religion in: Dettmar (Edit.), The Cambridge Companion to Bob Dylan)

Wenn man die kulturkämpferischen Aspekte dieser Debatten beiseite lässt und sich stattdessen auf Dylans Texte von 1961 an konzentriert wird schnell klar, dass unter allen literarischen Einflüssen die King James Bibel die bedeutendste Quelle und Inspiration seiner Lyrik ist. Obwohl sich der Stil französischer Symbolisten wie Baudelaire und Rimbaud genauso nachweisen lässt, wie der Verweis auf Werke von Ginsburg und Burroughs, antike Mythologie oder auch Petrarca, Dante und natürlich Shakespeare, zieht sich die Referenz biblischer Texte durch sein gesamtes Werk, unabhängig von Phasen und Stilbrüchen. Das hat vor allem damit zu tun, dass Dylan auf ein reiches Arsenal an Volksliedern und Volksmusiktraditionen zurückgreifen konnte, die in Fachkreisen mit dem Begriff „Americana“ umschrieben wird. Die musikalischen Einflüsse von irischem Folk und afroamerikanischem Gospel und Blues, vermischt mit Country & Western Schlagern waren stets mit den religiösen und spirituellen Vorstellungen von sesshaften Bauern, frei gelassenen Sklaven und nomadischen Landarbeitern angereichert, für die das evangelisch inspirierte Christentum eine gemeinsame Sprache darstellte. Die ideenreiche Nutzung biblischer Sprache und Symboliken ermöglichte es Dylan literarisch anspruchsvoll und zugleich populär zu sein. Es ist diese religiös eingefärbte Tradition, deren Grundlage ein Kanon biblischer Mythologie ist, die sich in den großen Werke der amerikanischen Literatur von „Moby Dick“ bis „Elmer Gantry“ zu „Menschenkind“ als Geist Wort gewaltiger Predigt, vereinsamter Frömmigkeit und verzweifelter Spiritualität niederschlägt. Jan Assmann schreibt: „Die Bibel, das ist das Wunder, hat auch im Prozess der Aufklärung, ihrer historisch-kritischen Analyse und Entmythologisierung nichts von ihrer Strahlkraft im kulturellen Gedächtnis verloren.“ (Exodus – Die Revolution der Alten Welt, S. 105)

Dylan verwendete dieses Erbe weniger als Poet (ein Wort, das er nicht mag) denn als nomadischer Jäger und Sammler, der mit alter Sprache neue Dinge sagen kann.  Auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung rief Dylan in „Masters of war“ 1963 dem militärisch-industriellen Komplex zu: „Even Jesus would never forgive what you do…“, ohne dass sein Publikum daran Anstoß nahm. (Es ist jedoch interessant zu erwähnen, dass es Aufnahmen von Folk Festivals Mitte der 60er gibt, in denen er diese Strophe auslässt.)  Auch sein Auftritt beim Washington Memorial im selben Jahr, wo er an der Seite von Martin Luther King „Blowing in the wind“ und „When the ship comes in“ sang, beides Titel mit höchst religiös aufgeladener Symbolik, stand die selbstverständliche Verwendung christlicher Motive zu keinem Zeitpunkt zur Debatte. Das Problem mit Dylans religiöser Sprache und Geisteswelt tauchte erst auf, als er sich von der Folkszene zunächst aus ästhetischen und künstlerischen Gründen verabschiedete und sich auch inhaltlich immer mehr von politischen Ansprüchen distanzierte, die damit ein hergingen ihn zu einem spirituellen Führer der Protestbewegung zu stilisieren. Eine Rolle, die er nicht annehmen wollte, weil er sie völlig zu Recht als Überforderung und untragbare Bürde empfand. Nach diesem Bruch mit den politisch aktiven Protagonisten, allen voran Joan Baez und Pete Seeger, begann jene Phase Dylans, die ihn unsterblich machte. Innerhalb von zwei Jahren veröffentlichte er die Alben „Bringing it all back home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde on Blonde“ mit denen Popmusik sozusagen erwachsen wurde. In den Worten des Musikkritikers Nik Cohn: „Simply, he has grown pop up, he has given it brains.” Oder um es mit Peter Sloterdijk zu sagen: Dylan brachte in den popmusikalischen Modus dringend benötige Vertikalspannung ein.

Auf „Bringing it all back home“ findet sich zum Beispiel „Gates of Eden”, ein Meisterwerk lyrischer und musikalischer Kreativität, das die Cut-up Technik von William Burroughs mit der Bilderwelt William Blakes und wortgewaltiger biblischer Predigt verbindet. Bis heute ist es ein schwer zu decodierender Text, in dem eine schwarze Madonna auf ihrem Motorrad Zwerge zum Schreien bringt, einsiedlerische Mönche sich mit Aladdin um ein goldenes Kalb streiten, Königsgeschwister darüber philosophieren, was eigentlich Realität ist und dass es keine Könige im Paradies und keine Wahrheit außerhalb der Tore Edens gibt. Ausdrucksstarke Bilder, die lyrisch wie Gemälde angeordnet werden, wechseln sich mit Gedankenblitzen und selbstreflexiven Situationen ab, die Dylans Zugang zur Religion in dieser frühen Phase noch als gnostische Metaphysik erscheinen lassen. Von Gott ist noch nicht die Rede. Die Tore Edens sind (noch) unüberwindlich, weil die Vertreibung aus dem Paradies auch die Grenzen menschlicher Wahrnehmung bestimmt. „No sound ever comes from the Gates of Eden.“

Obwohl sich Dylans Haltung erst mit seiner evangelikalen Phase anderthalb Jahrzehnte grundlegend ändert, und danach zu einem selbstverständlichen Glauben wird, der sich keiner Kirche oder politischen Agenda zugehörig fühlen mag, ist seine Religiosität vor allem Ausdruck eines Festhaltens an einer Metaphysik der Vernunft. Wer, wie Dylan nirgendwo dazu gehören will und keiner politischen Idee oder sozialem Anliegen als Ganzes  zugeordnet werden möchte, kann sich nur in einem metaphysischen Raum verorten, der Gott am nächsten steht. Dylans Kunst ist ein einsames Konzert auf einem Berggipfel, an dem man nicht mehr höher steigen kann, obwohl es immer noch nicht hoch genug ist. Vertikalspannung im besten Sinn des Worts. Dylans Religion, wenn man so will, ist das Beharren auf der obskuren Hoffnung, dass die Grenzen des Menschlichen nicht die Grenzen des Möglichen sind. Sie wendet sich gegen postmoderne Beliebigkeit und einen totalitären Rationalismus, der das Menschliche in den Käfig technischer und konsumistischer Reflexionslosigkeit einsperren will.

Der niederländische Dylan Interpret Kees de Graf, selbst ein gläubiger evangelikaler Christ, hat auf seiner Website die religiös inspirierten Motive in Dylans Texten akribisch dokumentiert. Seine Analysen sind höchst lehrreich, weil sie einerseits das gewaltige Spektrum von Dylans literarischen Referenzen offen legen und andererseits zeigen, wie intensiv sich die Spuren des biblischen Textkorpus in Dylans Werk verankert haben. Er schreibt: „Dylan has always been preoccupied with the concept of fate and destiny, the idea of “fate” as a last resort to justify immoral practices is very immanent in songs like „With God on our side“ and in “Who killed Davey Moore” where the death of Davey Moore is in the end unjustly justified by: “Don’t say ‘murder,’ don’t say ‘kill’ It was destiny, it was God’s will”. Dylan wants to make it clear that although from a biblical point of view “fate” and „destiny” play an important role in the unfolding of God’s plans – “God knows everything, “God sees it all unfold”, “some perfect finished plan” – this concept never intends to neutralize individual human responsibility. On the contrary, when the thief on the cross says to the joker: “but this is not our fate” he wants to make it clear that they both have a choice.”

Der 2001 auf „Love and Theft“ erschienene Track „High Water (For Charley Patton)“, den Kees de Graf hier ausführlich analysiert, handelt auf der ersten Ebene von einer Flutkatastrophe, konkret bezieht sie sich auf jene in Mississippi 1927, aber ist auf der zweiten Ebene eines jener großen Lehrstücke Dylans über die menschliche Unzulänglichkeit im Angesicht einer alles zerstörenden Naturgewalt. Menschen fliehen, bestehlen sich gegenseitig, Zivilisation bricht zusammen und die Gewalt der Flut zerstört die letzten menschlichen Beziehungen. In der vorletzten Strophe heißt es:

“I’m preachin’ the Word of God
I’m puttin’ out your eyes
I asked Fat Nancy for somethin‘ to eat, she said, “Take it off the shelf—
As great as you are a man
You’ll never be greater than yourself”
I told her I didn’t really care
High water everywhere…“

Dylans Auffassung von Religion steht in einem engen Zusammenhang mit dem Vorrang persönlicher Handlungsfähigkeit vor einem schicksalshaften Ausgeliefert sein, man könnte auch sagen Selbstkritik ist wichtiger als Selbstmitleid. Der Erzähler, der das Wort Gottes predigt ist selbst nur ein Mensch, der im Augenblick des Hungers alle Warnungen in den Wind schlägt, er könne niemals über sich selbst hinausgehen. „I didn’t really care, high water everywhere…“, meint er. Wenn ihm das Wasser bis zum Hals steht, bricht die Pose in sich zusammen und das Menschliche muss sich im Angesicht der Katastrophe erst beweisen. „High Water“ schließt mit den Zeilen:

„I just can’t be happy, love
Unless you’re happy too
It’s bad out there
High water everywhere…”

Dylans Frömmigkeit ist und war immer schon eine Kritik an gesellschaftlichen Beziehungen und wie Menschen sich zu ihnen verhalten. Er vertritt keine abstrakte Moral außerhalb dessen, was Menschen möglich ist und schildert viel eher wie sie daran zerbrechen. Sein Blick richtet sich darauf, was er schon 1964 in „Ballad of Hollis Brown“ als niederschmetternde Verzweiflung eines verarmten Farmers besang. Hollis Brown findet keine Arbeit, seine Kinder hungern, das Dach seines schäbigen Hauses bricht unter dem Regen ein, die Ratten fressen ihnen das Letzte was sie noch haben weg. Auf dem Weg zum finalen Schritt mit dem er seinem Leben und dem seiner Familie ein gewaltsames Ende bereitet, gibt er seiner Hoffnungslosigkeit mit den Zeilen Ausdruck:

„You prayed to the Lord above
Oh please send you a friend
Your empty pockets tell ya
That you ain’t a-got no friend…”

Was sich 1964 als Protestsong noch als allgemeine Anklage von Elend und Armut verstehen ließ, erwies sich auf lange Sicht als unerträglich. Hollis Brown tötet sich und seine Familie, und Dylan im Bewusstsein der Bedeutungslosigkeit der Tat selbst schließt den Text lakonisch mit den Worten ab:

„There’s seven people dead
On a South Dakota farm
Somewhere in the distance
There’s seven new people born.”

Die tragische Gigantin Nina Simone hat in ihrer Fassung von „The Ballad of Hollis Brown“ die seelischen Nöte der Dylan’schen Erzählung mit dieser unglaublichen Tour De Force interpretiert:

 

Es ist nicht Zynismus oder Gleichgültigkeit des Erzählers, sondern der Zynismus und die Gleichgültigkeit der nackten Tatsachen, die Unbarmherzigkeit einer Welt ohne Hoffnung, ohne Gott und ohne Erlösung. Dylan wollte irgendwann gegen Ende der 70er eine solche Art und Weise die Dinge zu beschreiben nicht mehr akzeptieren. Empathie braucht einen Adressaten, der auch das Mitfühlen des Elends trösten kann. Joseph Ratzinger erklärt: „Und eben dies ist auch der Auftrag des Christenmenschen: die Passion des Menschseins von innen her mitzuerleiden, den Raum des Menschseins auszuweiten, dass es Platz gewinne für die Anwesenheit Gottes in ihm.“ (Glaube und Zukunft, 2007)

Als er 1978 schließlich das von Gospelmusik beeinflusste „Slow Train Coming“ veröffentlichte, fasste er diesen Raum auf dem Eröffnungstrack „Gotta Serve Somebody“ mit dem Refrain zusammen:

„Well, it may be the devil or it may be the Lord
But you’re gonna have to serve somebody…”

Menschsein bedeutet sich Rechenschaft über seine Entscheidungen abzulegen, es mag der Teufel sein oder Gott vor dem man dies tut, aber Rechenschaft abzulegen ist unvermeidbar. Hinter einer solchen Ethik steckt Einsamkeit, denn sie betont eine Verantwortlichkeit des Menschen vor sich selbst weitaus stärker als eine vor Gott, wenn man denn an ihn glaubt. Es heißt aber zugleich, dass man diese Rechenschaft nicht mit oder gar vor anderen Menschen abzulegen hat, weil schonungslose Selbstkritik zwar auch ohne völlige Einsamkeit möglich ist, sie aber Institutionen, Vereine, Kollektive nicht für kompetent hält, diese abzusegnen. Dylans jüdisch inspiriertes Christentum ist eine Zurückweisung des Gruppenzwangs und der Konformität, eine unkorrumpierbare Haltung gegen den Anpassungsdruck politischer, religiöser und kultureller Institutionen. Das protestantische Christentum mit seinem Sinn fürs Asketische mischt sich mit dem Mystizismus jüdischer Schriftbezogenheit, wenn Dylan seine einsame Beziehung zu Gott lebt. Statt den Menschen etwas Definitives mitteilen zu wollen wenn er ihre unruhigen Städte besucht,  verwebt sich Dylans Kunst mit dem Geistern alter Gospel Gesänge und lebt als Neuschöpfung des Americana Archivs zwischen den Klängen der Gitarrensaiten. Die Verleihung des Nobelpreises für Literatur, die manchen übertrieben oder falsch vorkommen mag, hat Dylan genau dafür ausgezeichnet ein Mittler zwischen Welten zu sein, die Grenzen zwischen Literatur, Poesie und Musik immer wieder überschritten zu haben und so den Reichtum dessen wahrzunehmen, was sich als Schöpfung vor uns offenbart. Dylan möchte uns damit alleine lassen, und erwartet denselben Respekt von uns. In der Vertikalspannung kann man nur einsam verharren.

 

3.

“People are crazy and times are strange
I’m locked in tight, I’m out of range
I used to care, but things have changed…”

Bob Dylan, Things Have Changed

In einem bemerkenswerten Totalverriss hat der Dylan Experte Dieter Lamping Werk, Relevanz und die Zurechnungsfähigkeit von Dylan selbst und seinen Fans ganz grundsätzlich in Frage gestellt. Er schreibt:

„Die gewaltige Aufmerksamkeit, die Bob Dylan nicht nur zu seinem Geburtstag entgegengebracht wird, steht in keinem angemessenen Verhältnis mehr zur Bedeutung seiner Musik und ihrer Präsentation, sei es auf einem Tonträger, sei es im Konzert. Es wäre schon viel an künstlerischer Gerechtigkeit gewonnen, wenn man sie auf andere noch lebende Musiker verteilte.“

Lamping kritisiert vor allem die „bedingungslose Begeisterung seiner Hörer, die ästhetische Ansprüche manchmal gar nicht mehr zu kennen scheinen…“. Außerdem meint Lamping, dass Dylan auch noch ein schlechter Musiker ist:

„Die vielen Möglichkeiten der populären amerikanischen Musik hat Bob Dylan auszuschöpfen versucht, doch ist er dabei oft erkennbar über seine Begabung hinausgegangen. Er ist weder ein großer Sänger – nur ein eigenwilliger – noch ein großer Musiker – welches Instrument er auch spielen mag –, schon gar nicht ein Bandleader, gar ein Dirigent.“

Der Vorwurf der mangelnden Originalität, der in dieser Abrechnung steckt, geht jedoch völlig an dem vorbei, was Dylan tatsächlich tut. Dylans Musik ist Zitat und Referenz auf ein nicht kanonisch fest gelegtes Archiv, das sich nur unvollständig als Autorenschaft im klassisch literarischen Sinne verstehen lässt. Viele seiner Songs aus der Folkperiode in den 60ern gehen auf ältere und zumeist anonym tradierte Vorbilder zurück, die er neu interpretiert und in einem neuen Kontext zugänglich gemacht macht. Durch die Wiederentdeckung alter Blues Legenden hat Dylan auch dazu beigetragen, dass manch fast vergessene Musik erneut in den Wahrnehmungsraum populärer Kultur gerückt wurde. Dylan zitiert und verändert, weniger um Eigenes damit zu schaffen, das tut er natürlich auch, aber vor allem weil er sich selbst als Fortsetzung einer Tradition begreift, in der er seine eigene Archäologe betreiben kann.  Heinrich Detering zeigt in seinem Buch „Die Stimmen aus der Unterwelt“, wie sich bei Dylan Einflüsse verschiedenster Art, englische Übersetzungen von Ovid und Homer, Shakespeare und Bibel ständig überlagern und ambivalente Bedeutungswelten schaffen, die niemals eindeutige Interpretation zulassen, ein wenig so als wollte sich Dylan als Autor selbst durchstreichen, um den mühsamen Fragen auszuweichen, die man offenbar nicht müde wird ihm zu stellen.

Ob Lampings Text ein schlechter Scherz sein soll, ein Versuch den endlosen Lobeshymnen eine andere Perspektive entgegen zu setzen, mit der sich seine Kunst anders rezipieren lässt, sei dahin gestellt. All das was er schreibt kann man selbstverständlich meinen, aber viel wichtiger ist, dass mich abseits von fruchtlosen Debatten über Dylans Rang als Künstler, nichts, wirklich nichts jemals so tief berührt hat, wie Dylans raue und ungelenke Stimme wenn sie ernüchtert von den Visionen Johannas singt und die Lidschläge des Augenblicks zu fassen versucht, in denen sich die Bilder von staubigen Reisen, enttäuschter Liebe und verbitterten Lebensbeichten mit  mythischen Figuren und den kühlen Reflexionen eines alten Mannes untrennbar vermischen.

Es gibt Musik, die einem die Tränen in die Augen treibt, weil sie wie Mozarts Andantino, der zweite Satz seines Konzerts für Harfe, Flöte und Orchester mit seiner musikalischen Farbenpracht alle Emotionen berührt, die einem sinnfähigen Mensch zur Verfügung stehen. Manchmal ist es auch die Stimme von Casaria Evora, die von Sodade, der Sehnsucht nach verlorener Liebe singt. Zu einem andren Zeitpunkt kann es auch die wunderbare Joni Mitchell sein, wenn sie den besten Song vorträgt, der niemals in Woodstock gesungen wurde. Aber wenn wir über Dylan reden, ist die Sachlage noch einmal ganz anders.

Dylans Stimme ist rau, manchmal krächzend und in bestimmten Momenten fast nur noch ein Schatten ihrer selbst, aber sie schafft eine Distanz zu ihrem Gegenstand, die sich jedes Selbstmitleid verbietet. Die Stimme, die wie Derrida einmal in kritischer Absicht geschrieben hat eine „Metaphysik der Präsenz“ darstellt, weil das gesprochene Wort die „absolute Nähe der Stimme zum Sein“ (Derrida,  Grammatologie) suggerieren würde transportiert bei Dylan die Ambivalenz transgressiver Gleichzeitigkeit, die Nähe oder auch Distanz des Textes zum Wort. Und vielleicht verkörpert Dylan somit auch die Verdrängung der Literatur und Schrift durch einen Phonozentrismus, wie Derrida das genannt hat, seit die reproduzierbaren Kunstwerke durch die Popkultur die allgemeine Wahrnehmung von der strengen Fixierung auf die Schrift weg bewegt haben. Kulturoptimistisch gesprochen ist der Nobelpreis auch die Anerkennung dafür, dass die phonetische Präsenz der Radiowellen und Schallplattenrillen auch jene einbeziehen kann, die in irgendeiner Weise von der Beherrschung der Schrift ausgeschlossen sind. Dass aber gerade die nicht habituell und kultisch um die Schrift kreisenden Kunstformen die in der Popkultur als Songs, als Gassenhauer, als Lieder der auf den Baumwollfeldern Versklavten, als Überlieferung der Bauern und Nomaden oder der Folklore von Kirchen, Jahrmärkten und Städten vermittelt werden, Literatur werden können und die Literatur selbst auch noch in unendlichen Facetten bereichern, dieses Verdienst sollte nicht nur aber auch Bob Dylan angerechnet werden können.

Die Reflexion einer ganzen Kultur, aufgehoben in den Distanzen zwischen Text und gesprochener Sprache, dies drückt sich in Bob Dylans Stimme aus, als ein „Sehnen der Welt“ wie Sarah Rosenhauer schreibt. „Die Sprache der Sehnsucht, mit ihrem konstitutiven Hang zur Unbescheidenheit, ihrem Begehren der vollständigen, endgültigen, unverlierbaren Erfüllung, die jedes Leben, jede sich darin artikulierende Sehnsucht nach Wert und Bedeutsamkeit einschließt, kann in der Endlichkeit und Bedingtheit der Welt nicht wahr werden. (…) Er singt von der sehnsüchtigen Welt vor den Toren des Paradieses.“ (Rosenhauer, Vom Sehnen der Welt in: Wenzel (Edit.), Code of the Road, S. 85ff)

 

 

Literatur:

Detering, Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele (2016)

Dettmar (Edit.), The Cambridge Companion to Bob Dylan (2009)

Margotin & Guesdon, Bob Dylan – Alle Songs (2015)

Shelton, No Direction Home – The Life and Music of Bob Dylan (2011)

Vernezze & Porter (Edit.), Bob Dylan and Philosophy (2006)

Wenzel (Hrsg.), Code of the road (2013)

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Neil Young auf Burg Clam am 23. Juli 2016

Juli 24, 2016 1 Kommentar

Große Erwartungen werden sehr oft enttäuscht, diesmal wurden sie mehr als übertroffen.

Nach einer anstrengenden Fahrt, langen Wartezeiten in der Schlange vor dem Einlass und einer noch längeren nicht enden wollenden Geduldsprobe bis zum Beginn der Show, kam Neil Young kurz vor 20:30 endlich auf die Bühne, entspannt und mit einem „EARTH“ T-Shirt und fing einfach an.

Auf dem Piano spielte er „After the Gold Rush“, und nach wenigen Sekunden waren alle Zweifel verflogen und der Abend versprach (und hielt) Großartiges. (Die komplette Setlist findet sich hier.) Neils Stimme war klar und kraftvoll, der Sound über jeden Zweifel erhaben, seine Präsenz auf der Bühne machtvoll und gut gelaunt.

Nach „Heart of Gold“ und „The Needle and the Damage done” kam seine neue Band auf die Bühne, die “Promise of the Real” heißt und bis auf den Perkussionisten alle seine Enkel hätten sein können. Die jungen Burschen Mitte 20, darunter zwei Söhne von Folk Legende Willie Nelson, unterstützen Neils Sound mit einer Begeisterung und Energie,  die den mittlerweile 71–Jährigen um Jahrzehnte jünger wirken ließ. Unser persönlicher Höhepunkt war zweifelsohne „Love to burn“, ein knapp 20 Minuten langes Stromgitarren Orkangewitter, das Neil Youngs großartige Gitarrenbehandlung demonstrierte und mit Macht in Erinnerung rief, dass Rock’n’Roll wirklich niemals sterben wird, wenn es Leute wie ihn gibt.

Wir wünschen viel Vergnügen:

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