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Archive for Juli 2016

Neil Young auf Burg Clam am 23. Juli 2016

Juli 24, 2016 1 Kommentar

Große Erwartungen werden sehr oft enttäuscht, diesmal wurden sie mehr als übertroffen.

Nach einer anstrengenden Fahrt, langen Wartezeiten in der Schlange vor dem Einlass und einer noch längeren nicht enden wollenden Geduldsprobe bis zum Beginn der Show, kam Neil Young kurz vor 20:30 endlich auf die Bühne, entspannt und mit einem „EARTH“ T-Shirt und fing einfach an.

Auf dem Piano spielte er „After the Gold Rush“, und nach wenigen Sekunden waren alle Zweifel verflogen und der Abend versprach (und hielt) Großartiges. (Die komplette Setlist findet sich hier.) Neils Stimme war klar und kraftvoll, der Sound über jeden Zweifel erhaben, seine Präsenz auf der Bühne machtvoll und gut gelaunt.

Nach „Heart of Gold“ und „The Needle and the Damage done” kam seine neue Band auf die Bühne, die “Promise of the Real” heißt und bis auf den Perkussionisten alle seine Enkel hätten sein können. Die jungen Burschen Mitte 20, darunter zwei Söhne von Folk Legende Willie Nelson, unterstützen Neils Sound mit einer Begeisterung und Energie,  die den mittlerweile 71–Jährigen um Jahrzehnte jünger wirken ließ. Unser persönlicher Höhepunkt war zweifelsohne „Love to burn“, ein knapp 20 Minuten langes Stromgitarren Orkangewitter, das Neil Youngs großartige Gitarrenbehandlung demonstrierte und mit Macht in Erinnerung rief, dass Rock’n’Roll wirklich niemals sterben wird, wenn es Leute wie ihn gibt.

Wir wünschen viel Vergnügen:

Kategorien:Allgemein

Der Aufstand der Idioten. Post Brexit Splitter und andere Populismen

Juli 14, 2016 2 Kommentare

You’re an idiot, babe
It’s a wonder that you still know how to breathe…”

(Bob Dylan, Idiot Wind)

 

Die knappe Mehrheit für den Austritt aus der EU, die bei einem Referendum im Vereinigten Königreich Großbritannien Ende Juni 2016 erhoben wurde, hat Schockwellen auf Börsenmärkten und in den Kanzleien politischer Führungen auf der ganzen Welt ausgelöst. Obwohl niemand seine demokratiepolitische Legitimität bestreiten kann ist doch höchst fragwürdig wie das Ergebnis zustande kam. Die Slogans und Daten, die von den Betreibern der „Leave“ Kampagne ins Treffen geführt wurde sind entweder falsch, frei erfunden oder beruhen auf Übertreibungen und werden nicht einmal von den Befürwortern des „Leave“ selbst ernst genommen. Dominc Cummings, der Kampagnenleiter der „Leave“ Kampagne antwortete auf entsprechende Vorwürfe, dass die Fakten und Statistiken seines politischen Camps schlicht unwahr seien mit dem entwaffnenden Satz: „Accuracy is for snake oil pussies!“ (Übersetzung: Genauigkeit interessiert uns schlicht und ergreifend nicht.) Es ging darum dieses Votum zu gewinnen und für alles danach war keine Zeit, darum es gibt auch bis heute keine politische Vision, wie so eine Zukunft für das UK aussehen soll. Sieht man sich die Reaktionen in der britischen Politik an, ist das „Remain“ Camp in Schockstarre und das „Leave“ Camp, das selbst nicht mit einem Sieg gerechnet hat ist damit beschäftigt, die folgenschweren Konsequenzen herunter zu spielen. Man glaubt in erster Linie, dass die EU wie so oft einknicken wird und man für das UK irgendwelche Bedingungen aushandeln zu können glaubt, bei der sich nichts Wesentliches ändert, weil das UK und seine Wirtschaft einfach unverzichtbar seien. Das Dilemma, in dem sich die EU Bürokratie durch dieses Votum befindet ist faktisch unlösbar.

Lässt man die Briten gewähren und einigt sich auf einen Kompromiss bei dem die Briten ihre Rosinenpickerei durchsetzen, ermutigt man all jene zentrifugalen Kräfte, die jetzt schon die Auflösung und Zerstörung des EU Projektes betreiben, bleibt sie hart und zieht die Konsequenzen eines Austritts durch wird sie brutale Auswirkungen auf den Welthandel und die wirtschaftspolitische Stabilität Europas aushalten müssen, was wiederum jene Kräfte unterstützen wird, die aus der EU ein Europa der Vaterländer machen wollen. Obwohl die Motive der Befürworter eines Brexit sehr unterschiedlich waren, kristallisiert sich dennoch heraus, dass das Immigrationsthema eines seiner wesentlichen Faktoren gewesen ist. In den Tagen nach dem Referendum wurden hunderte Vorfälle gemeldet, in denen wütende britische Autochthone solchen, die sie für Ausländer hielten empfahlen umgehend das Land zu verlassen. Obwohl auch Muslime und Asiaten davon betroffen waren, richtete sich der Volkszorn am allermeisten gegen osteuropäische Einwanderer aus Polen und Rumänien. Da die britischen Regierungen der Vergangenheit aus politischen Motiven zur Schwächung Brüssels und aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten die EU Osterweiterung voran getrieben hatten, um Arbeitskräfte ins Land zu holen und der damals gerade im Hoch befindlichen britischen Wirtschaft zu helfen, hatte sie auf Übergangsfristen wie die meisten mitteleuropäischen Staaten verzichtet. Gut ausgebildete und vor allem billiger arbeitende osteuropäische Migranten konnten auf einem Markt, der sie (zumindest damals) dringend benötigte, ihre eigenen Erfolgsgeschichten schreiben, auch wenn man in Filmen wie „It’s a free world“ (2007) von Ken Loach die Schattenseiten des kapitalistischen Booms in seinen düstersten Facetten betrachten konnte. Knappe 10 Jahre später ist man in Großbritannien wieder auf dem Boden wirtschaftlicher Realitäten gelandet und die Arbeits und Perspektivlosigkeit hat das Land eingeholt. Dabei hat die schlechte Lage für einheimische Arbeitskräfte sehr wenig mit EU Politik zu tun, sondern ist ein hausgemachtes Problem des britischen Erziehungssystems, das keine Standards für freie Dienstleister vorschreibt und auch schlecht bis gar nicht ausgebildete Anbieter auf den Markt lässt. Die offensiv marktorientierte Logik der britischen Politik hat also Konsequenzen für die heimische Bevölkerung, die im „Vote Leave“ Referendum jedoch einem äußeren Feindbild dafür die Schuld gab, und mit der sich die britischen Eliten erfolgreich davor drückten Verantwortung für die eigenen Fehler zu übernehmen. Einer der prominentesten Politiker Großbritanniens, die sich in der „Leave“ Kampagne engagierten, der ehemalige Bürgermeister von London Boris Johnson war vom Ja zum Austritt so überrascht, dass er seine eigenen Karriere beinahe darunter hätte begraben können. Hätten die Briten für „Remain“ gestimmt, wäre seine politische Stunde gekommen und er hätte sich für das Amt des Premierministers und den Vorsitz der Konservativen beworben. Wenige Tage später verzichtete er darauf, weil ihn die Aussicht abschreckte die Konsequenzen des Brexit politisch verantworten zu müssen. Nun darf er wieder als Außenminister das Land bei den Verhandlungen vertreten. Die zögerliche Haltung der Brexit Politiker den Austritt aus der EU durch Anwendung des Artikels 50 des EU Vertrags offiziell in Gang zu setzen und ihre Ausflüchte den Schritt möglicherweise erst in mehreren Jahren überhaupt zu vollziehen, obwohl sie bis zum Referendum gar nicht schnell genug austreten konnten, zeigt die Substanzlosigkeit mit der diese Kampagne arbeitete. Nigel Farage, der großmäuligste Anti-EU Politiker Großbritanniens, der mit seiner UK Independence Party die Lösung aller Probleme durch einen EU Austritt propagiert, gab am Morgen nach dem Referendum zu, dass einer der wichtigsten Slogans der Kampagne, das Geld, das nach Brüssel geschickt würde für die Finanzierung des maroden Gesundheitssystems zu verwenden, nicht einhalten zu können. Es tat seinem Selbstbewusstsein und seiner Popularität jedoch keinen Abbruch und anstatt von seinen Wählerinnen und Wählern mit nassen Fetzen aus dem Land gejagt zu werden, begeisterte er diese mit einem Auftritt im Europäischen Parlament, indem er die Abgeordneten verhöhnte. Populistische Politik braucht sich nicht um Fakten zu kümmern, ihre Wählerinnen und Wähler honorieren das auch noch, weil sie kein Interesse daran haben das Ressentiment aufzugeben oder die Zustände, die sie angeblich beklagen zu verändern.

Dieses Muster zieht sich durch die gesamte rechtspopulistische Bewegung in den westlichen Demokratien, die ihre Wahlerfolge allesamt durch die Mobilisierung von Zorn und Existenzängsten gewinnen, ohne jedoch diese verändern zu können. Aus der Tatsache, dass Menschen zornig sind und Existenzängste haben leitet der populistische Impuls ab, dass alle Äußerungen dieses Zorns grundsätzlich legitim sind und nicht mit Fakten und normativen Zwängen behelligt werden dürfen. Die von Populisten häufig zitierten Feindbilder wie die „Lügenpresse“, die „Systemmedien“, die „Eliten“, der „Mainstream“ et al. sind redundante Invektiven ohne Konsistenz, deren Zweck es ist das System an sich zu schwächen, nicht seine Fehler zu beheben. Das Geschrei, das sich über korrupte Politiker beschwert und die Unwahrheiten die sie tatsächlich oder angeblich erzählen, führt sich ad absurdum, wenn die lautesten Lügner genau deswegen an die Macht gewählt werden. Die zynische Konsequenz der etablierten Politik besteht darum den Wettbewerb wer am unverschämtesten lügt zu verschärfen.

Der griechische Historiker Polybios (200 bis 120 v. Chr) bezeichnete diesen Zustand sehr hellsichtig als „Ochlokratie“, als Herrschaft des Pöbels. Die Bedingung der Demokratie ist, dass sich das Staatsvolk in einem öffentlichen Raum artikulieren soll. Die antike Agora als ihre Urform sollte den Bürgern das Forum geben, ihren Interessen und ihrem Willen Gehör zu verschaffen, aber sie ist auch ein Ort an dem Politiker dieses Volk manipulieren können, um ihre eigenen Ambitionen durch zu setzen und so die Mechanismen der Volksherrschaft außer Kraft zu setzen. Das Problem ist sehr alt und hat alle bedeutenden Denkrichtungen über das politische Gemeinwesen mit bestimmt. Der Amerikaner Walter Lippmann widmete ihm in seinem Buch „The Public Opinion“ (1922) seine Aufmerksamkeit, in dem er darüber nachdachte wie sich eine moderne Demokratie gegen die irrationalen und destruktiven Elemente seiner politischen Praxis behaupten könnte. Lippmanns grundsätzlicher Gedanke ist, dass sich alle Politik auf Vermittlungen berufen muss, auf institutionelle Verankerungen der Parlamente, Behörden und staatlichen Einrichtungen und Plebiszite auf ein notwendiges Minimum beschränken soll. Populisten wollen jedoch genau das ändern: statt den mühsamen und aufwändigen Prozessen verfassungskonformer Langsamkeit zu folgen, wollen sie mittels pseudodemokratischer Rhetorik die Vermittlungen zwischen den wahlberechtigten Bürgern und ihren Institutionen umgehen, aushebeln oder schlicht abschaffen. Das am meisten bevorzugte Instrument dafür ist die Denunziation der politischen Einrichtungen als feindlicher Bunker der „Eliten“, der „Lügenpresse“ und ganz allgemein als Verschwörung obskurer Anderer, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben als dem Wahlvolk sein Recht aufs Ressentiment zu verbieten. Der häufige Verweis auf das Schweizer Modell, das zahlreiche plebiszitäre Elemente enthält ist deshalb nicht geeignet, weil die politische Realverfassung der Schweiz zwar genug Populismen kennt, aber kein Außen wie die EU besitzt, um den tatsächlichen Problemen auszuweichen. In einer suprastaatlichen Institution wie der Europäischen Union können die komplexen juristischen und verwaltungstechnischen Details jedoch mühelos auf das Feindbild Brüssel projiziert werden, ohne dass Politiker dafür Verantwortung übernehmen müssen.

Fragt man sich, wie die Demokratie zu verbessern sei, sollte man sich auf die Checks und Balances der vermittelnden Institutionen konzentrieren und nicht auf die populistischen Kurzzeitgedächtnisse dauernd wütender Kleingeister, die hauptsächlich daran interessiert sind ihrer Frustration ein Ventil zu schaffen, aber nichts zu Lösungen beitragen wollen und vor allem ihre Eigeninteressen einem Kult des Wutbürgertums opfern. Der Aufstand der Idioten findet genau dort statt, wo das Ressentiment wichtiger ist, als der Konsens über das Gemeinwohl.

Update: Der Zusammenhang zwischen Populismus und der Denunziation von Intellektualität als Merkmal der „Eliten“ ist übrigens auch anderen schon aufgefallen.

First, They Came for the Experts

It’s Time for the Elites to Rise Up Against the Ignorant Masses

James Traub schreibt in „Foreign Policy“: „The schism we see opening before us is not just about policies, but about reality. The Brexit forces won because cynical leaders were prepared to cater to voters’ paranoia, lying to them about the dangers of immigration and the costs of membership in the EU. Some of those leaders have already begun to admit that they were lying. Donald Trump has, of course, set a new standard for disingenuousness and catering to voters’ fears, whether over immigration or foreign trade or anything else he can think of. The Republican Party, already rife with science-deniers and economic reality-deniers, has thrown itself into the embrace of a man who fabricates realities that ignorant people like to inhabit.“

 

 

 

 

 

 

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