Yusuf Islam und das Problem der Freiheit

„Der freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod; und seine Weisheit ist kein Nachsinnen über den Tod, sondern über das Leben.“

Spinoza, Die Ethik  IV Lehrsatz 67

„Be straight. Think right.
But I might die tonight.“

Cat Stevens, But I Might Die Tonight

1.

Im 1971 von Hal Ashby inszenierten Klassiker Harold and Maude geht es um die ungewöhnliche Freundschaft zweier sehr unterschiedlicher Menschen. Harold, ein zutiefst gelangweilter junger Mann aus reichem Haus versucht seine emotional völlig gleichgültige Mutter mit außerordentlich einfallsreich vorgetäuschten Selbstmordversuchen erfolglos zu beeindrucken. Seine Mutter wiederum ist nur damit beschäftigt ihn mit jungen Frauen, die sie für ihn aussucht, zu verkuppeln, die er mit seinen Suizidspektakeln allerdings erfolgreich wieder vertreiben kann. Sein Leben ändert sich, als er Maude trifft, eine höchst agile ältere Frau, die wie er gerne auf Begräbnisse fremder Leute geht, Autos klaut, und ganz nebenbei durch die tätowierte Ziffernkombination auf ihrem Arm als Überlebende der Shoah kenntlich gemacht wird. Maude lehrt Harold seine antiautoritären Impulse nicht bloß passiv als Reaktion auf den Anpassungsdruck seiner Mutter auszuleben, sondern sie in lebensbejahende Selbstbestimmung umzusetzen. Er verliebt sich sogar in sie, doch für Maude sind die gemeinsamen Augenblicke des Glücks nur das Vorspiel für ihren Freitod, mit dem sie Harold in sein eigenes Leben entlässt.

Der Soundtrack des Films wurde aus Songs von Cat Stevens zusammen gestellt, der zu jener Zeit sehr eng mit Hal Ashby befreundet war und viele kreative Inputs für den Film geleistet haben soll. Es ist sehr bemerkenswert, dass der Soundtrack von „Harold and Maude“ trotz des enormen Erfolgs des Films niemals offiziell erschien (bis auf eine limitierte Vinylpressung 2007) und die meisten der Songs erst viele Jahre später auf Alben von Cat Stevens veröffentlicht wurden, darunter auch derjenige, der uns vor allem jetzt interessieren soll. Einer der zentralen Titel in „Harold and Maude“ und im Schaffen von Cat Stevens ist „If you want to sing out, sing out“. Hier zunächst der vollständige Text:

http://en.wikipedia.org/wiki/If_You_Want_to_Sing_Out,_Sing_Out

If you want to sing out, sing out
And if you want to be free, be free
‘Cause there’s a million things to be
You know that there are

And if you want to live high, live high
And if you want to live low, live low
‘Cause there’s a million ways to go
You know that there are

You can do what you want
The opportunity’s on
And if you can find a new way
You can do it today
You can make it all true
And you can make it undo
You see ah ah ah
Its easy ah ah ah
You only need to know

Well if you want to say yes, say yes
And if you want to say no, say no
‘Cause there’s a million ways to go
You know that there are

And if you want to be me, be me
And if you want to be you, be you
‘Cause there’s a million things to do
You know that there are

Well, if you want to sing out, sing out
And if you want to be free, be free
‘Cause there’s a million things to be

You know that there are

2.

1977 konvertierte der griechisch stämmige Cat Stevens zum Islam und nannte sich einige Zeit später Yusuf Islam, ein für Konvertiten durchaus üblicher Identitätswechsel. Er zog sich für mindestens ein Jahrzehnt völlig aus dem Musikgeschäft zurück, heiratete eine muslimische Frau, bekam Kinder und widmete sich ganz seiner Religion. Die einzige öffentliche Äußerung, die größeres Aufsehen erregte, war seine Stellungnahme zur Affäre um Salman Rushdies Buch „Die satanischen Verse“. Einerseits erklärte er in einem Interview fürs Fernsehen, dass er keinen Mord an Rushdie zur Vollstreckung des Urteils von Khomenei befürwortete, aber in einer Presseerklärung teilte er der Öffentlichkeit mit, er würde die nach islamischem Recht vorgesehene Strafe für Blasphemie für Rushdie unterstützen. Warum das zwei unterschiedliche Dinge sein sollen, nachdem die für Blasphemie geforderte Strafe im Koran die Todesstrafe ist, erklärte er nicht.

Yusuf Islam, der sich auf seiner Webseite als Philanthrop und Humanist präsentiert, lebt einen – für Konvertiten typisch – sehr rigiden Islam. Seine gesamte Lebensauffassung steht in einem völligen Gegensatz zu der in „If you want to sing out, sing out“ ausgedrückten Freizügigkeit, aber Yusuf Islam, das sei hier nachdrücklich betont ist nicht der Gegensatz von Cat Stevens.

Anders als man vermuten möchte setzt sich in Yusuf Islam nur eine konservative Variante von Cat Stevens durch, die bereits vor seiner Konversion deutlich zutage getreten war.

Sein vermutlich bekanntester Titel „Father and Son“ trägt schon den Keim des Reaktionären in sich. Oberflächlich betrachtet ist „Father and Son“ ein Song über den Loslösungsprozess eines jungen Mannes von seinem Vater, der ihn davon überzeugen will, seine Flausen aufzugeben und sich auf ein bürgerliches Leben mit Familie einzustellen. Verstörend daran ist nur, dass der Song abwechselnd die jeweilige Perspektive von Vater und Sohn einnimmt, und der Dialog zwischen beiden quasi zu einem monologischen Diskurs verschmilzt. „Father and Son“ beschreibt eben nicht wie sich der Sohn vom Vater löst, sondern wie er im Über-Ich des Vaters aufgeht. Das symbolische Überleben des Vaters in der Revolte, die Unmöglichkeit des erfolgreichen Aufbegehrens gegen seine Macht hat Freud eng mit dem Begriff des Todestriebs verknüpft.

Cat Stevens verkörpert darum wie kaum jemand sonst die unvollendete Rebellion gegen die Vaterfiguren jener Zeit, die ihren langen Schatten über die Hippieära warf. Aus Rebellion wurde eine Flucht in Esoterik, Drogen oder organisierte Religion. Es verwundert nicht, dass Punks und die ganze Kultur des Punk nichts so sehr hassten, wie den in Blümchen verliebten Opportunismus der Hippies. Als die Sex Pistols 1977 „No Future“ zur Parole machten, konvertierte Cat Stevens zum Islam. Die lange Suche nach Geborgenheit und dem Ende der Angst war endlich vorbei.

Bis dahin war der Großteil des veröffentlichten Werkes von Cat Stevens von einer tiefen Todessehnsucht erfüllt gewesen, einer tiefsitzenden Angst vor Einsamkeit, die das Sterben als Erlösung betrachtet, weil es der völligen Einsamkeit und der Verantwortung dafür entkommen will. Dass einem Künstler wie Cat Stevens genau deswegen unglaublich berührende Momente gelangen, in denen eine Aufforderung wie „Don’t be shy“ wie ein melancholisches Loslassen zum Tod klingt („Don’t wear fear or nobody will know you’re there“), ist darum kein Widerspruch. In „Peace Train“, einem Song, den er auch als Yusuf Islam noch gerne singt, heißt es:

Cause out on the edge of darkness,
There rides a peace train.
Oh, peace train take this country.
Come take me home again.

Die Sehnsucht nach dem Tod wird durch einen „Peace Train“ sublimiert, der einen wieder heim bringt,  in der Beschwörung eines „there“, „where all of us belong“. Es erstaunt, dass jemand mit so einer Schlagseite ausgerechnet eine beinahe vitalistische Hymne wie „If you want sing out, sing out“ erschaffen kann, aber allein die komplizierte die Veröffentlichungsgeschichte dieses Songs spricht Bände darüber, dass Cat Stevens von der ideologischen Konsequenz, die er in „If you want to sing out, sing out“ ausbuchstabiert, zu Tode erschrocken gewesen sein muss. Das kann durch die Tatsache belegt werden, dass der Song jahrzehntelang nicht auf einem seiner eigenen Tonträger zu finden war. Cat Stevens verweigert bis heute eine offizielle Veröffentlichung des „Harold and Maude“ Materials in Form eines Original Soundtracks.

3.

Was ist Freiheit?

In einem sehr strikten Sinn gibt es auf diese Frage keine Antwort. Banale Erklärungsversuche würden darauf hinaus laufen zu sagen, das sei deshalb so, weil jeder etwas anderes darunter versteht, aber das trägt nichts dazu bei zu verstehen warum das so sein muss. Der Begriff der Freiheit gehört zu jenen Termini, die der französische Philosoph Etienne Balibar einmal als „Maitre Mots“ bezeichnet hat, als Herrenwörter, angelehnt an den Term des Herrensignifikanten bei Lacan in der Tradition de Saussures. „Maitre Mots“ sind Wörter wie Glück, Wahrheit, Gott, Mensch, Frieden, Schönheit, Wissen, Vernunft oder Liebe. (Die Liste ist selbstverständlich unvollständig und kann beliebig erweitert werden.) Allen diesen Begriffen ist gemeinsam, dass wie man sagt „jeder etwas anderes darunter versteht“. Ein „Maitre Mot“ ist ein Wort, das nichts Konkretes bezeichnet, sondern eine ideologische Voraussetzung dafür ist,  dass seine universale Bedeutung vollkommen individuell interpretiert werden kann. Anders gesagt: Die Tatsache, dass jeder etwas anderes unter dem Wort verstehen kann ist selbst das Phänomen, das es beschreiben will. Freiheit ist der Prozess, der Individuen ermöglicht Differenz zu leben ohne von den Notwendigkeiten des sozialen Netzwerks entbunden zu sein. Wenn wir also wissen wollen, was Freiheit ist, nützt es weniger irgendeine Definition von Freiheit zu liefern, sondern sich darüber im Klaren zu werden, welches Problem der Begriff der Freiheit induziert.

Im Fall von Cat Stevens lässt sich dieses Problem in genau einem Satz ausdrücken:

There’s a million ways to go.”

Spinoza wird der Satz zugeschrieben, dass jede Bestimmung eine Verneinung ist. Die schiere Anzahl einer Million Wege macht keinen Unterschied, wenn ich genau einen gehen muss.

Welchen gehe ich? Welcher ist richtig? Gibt es überhaupt einen, der richtig ist? Das Problem der Freiheit ist, dass wir nicht wissen, ob wir richtige Entscheidungen treffen, bis wir sie getroffen haben. Das Drama der modernen menschlichen Existenz besteht letztlich darin, in der Epoche exakter Wissenschaft und präziser Algorithmen keine tatsächliche Gewissheit zu haben. Je genauer wir messen, je präziser wir berechnen, je desto weniger wissen wir wirklich etwas und es sind Zweifel, Skepsis und (Un)Wahrscheinlichkeit die so etwas wie die Paradigmen der „Million ways“ bilden. Freiheit bedeutet in einer technisierten, kapitalistischen Welt Entscheidung unter Unsicherheit.

Wenn ich mich für einen Weg unter Millionen entscheiden muss, muss ich alle anderen aufgeben und werde nie erfahren, was sie für mich bedeutet hätten. Etwa zur gleichen Zeit als Cat Stevens Moslem wurde, schloss sich Bob Dylan einer evangelikalen Sekte an. Aber anders als Cat hatte Dylan 15 Jahre früher auf die Frage „How many roads must a man walk down“ mit Ambivalenz geantwortet. Cat Stevens wollte eine definitive Antwort und fand sie. Ich fand seine Musik schöner, als er sie noch suchte.

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Leben und Sterben in Abbottabad – Über Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“

„I don‘ t think people believe in the devil. (…) And so therefore they don’t believe in a punishment after they’re dead. So my question was for me what are people really believing? Or better: What are people really fearing?  And that is: physical pain.”

Fritz Lang

„I was surprised to learn women were at the centre of this hunt. And I was sort of surprised that I was surprised.”

Kathryn Bigelow

Ein Mann betritt das Zimmer seines Vorgesetzten, eines hochrangigen CIA Beamten, der gerade in seinem Büro auf einem Teppich kniet und das Mittagsgebet spricht, so wie das hunderte Millionen praktizierende Moslems auch tun. Bevor man als Zuschauer dieses interessante Detail realisiert hat, ein hoher Beamter des amerikanischen Geheimdienstapparates ist praktizierender Moslem,  geht die Handlung bereits weiter, ohne dass nachher jemals wieder darauf Bezug genommen wird.  Es sind kleine Szenen wie diese, die „Zero Dark Thirty“ zu einem großen Film machen, der uns mehr über den inneren Zustand der westlichen Zivilisation erzählen wird, als über einen ominösen Bösewicht, der am Ende des Films erschossen wird. „Zero Dark Thirty“ gliedert sich in drei etwa gleich lange Teile, die formal betrachtet jeder für sich einen eigenen Film ergeben, und den War on Terror aus drei unterschiedlichen Perspektiven schildern, die durch die Hauptfigur zusammen gehalten werden.

In den ersten 30 Minuten schildert Bigelow die Hölle: Ein Mann namens Ammar, der verdächtigt wird mit Al Quaeda in Verbindung zu stehen, wird mittels Waterboarding gefoltert, in eine enge Kiste gesperrt, mit Schlafentzug gequält, in dem man in unregelmäßigen Abständen Heavy Metal Musik in unerträglicher Lautstärke spielt, während er an Armen aufgehängt, nackt in seinen eigenen Exkrementen liegt.

Die Heldin des Films, die CIA Agentin Maya (Jessica Chastain) muss sich in dieser Umgebung erst zu Recht finden. Ihr Kollege Dan (Jason Clarke), geübt in den „enhanced interrogation techniques“  verspricht ihr (und Ammar) zwar: „Everbody breaks. That’s biology, man!“, aber selbst unter Folter brechen nicht alle sofort zusammen. Ammar schreit und bettelt, so lange, bis es für uns Zuschauer schlicht unerträglich wird, aber er redet nicht. Erst durch einen simplen Trick, den Maya sich ausdenkt, bringt sie Ammar dazu ohne Folter oder Androhung von Gewalt zu kooperieren und ihr ein wichtiges Stück Information preis zu geben, das ihr helfen wird auf die Spur Bin Ladens zu kommen. Viele, auch amerikanische Kommentatoren haben diese Passage des Films schlicht übersehen, als sie sich in absurde Debatten verwickelten, ob Regisseurin Kathryn Bigelow in ihrem Film eigentlich für die Anwendung von Folter plädiere. Es gehört zu den Stärken des Films, dass er die Szenen der Folter und Erniedrigung weder beschönigt, noch rechtfertigt. Als Zuschauer sind wir damit konfrontiert, dass Folter eine Praxis der Strafverfolgung ist, die sich außerhalb des Rechtstaats bewegt. Bigelow führt uns durch mehrere solcher „CIA Black Sites“ in Pakistan, Afghanistan und einem Schiff in einem polnischen Hafen, in dem Gefangene des Antiterrorkriegs zur Preisgabe von Informationen festgehalten werden. Viele Offizielle, auch solche, die für die CIA und die amerikanischen Regierung arbeiten, bezweifeln übrigens, dass die Erpressung von Information durch Folter und Androhung von Gewalt tatsächlich brauchbare Ergebnisse für den War on Terror gebracht haben. Was dem Zuschauer jedenfalls in Erinnerung bleibt sind die Bilder von misshandelten Menschen, die man so lieber nicht gesehen hätte. Dan, der Folterer, wird in der Mitte des Films aus diesem Teil der Arbeit aussteigen, weil er es selbst nicht mehr erträgt. „I have seen too many men naked.“ sagt er zu Maya.

Im zweiten Teil erleben wir wie sich aus der kleinen Information, die Maya aus Ammar heraus getrickst hat, eine komplizierte Spurensuche entwickelt, die zeigt, dass die Jagd nach Terroristen in erster Linie Polizeiarbeit ist. Intelligence wie die Amerikaner dazu sagen ist professionelle Informationsverarbeitung. Es werden Telefone abgehört, Verwandtschaftsbeziehungen durch leuchtet, Geldflüsse zurück verfolgt, Akten durchsucht, Protokolle geschrieben und mit Vorgesetzten gestritten. Drehbuchautor Mark Boal soll von CIA Seite ein enorm tiefer Einblick in die Geschichte der Verfolgung Bin Ladens gewährt worden sein und was vor allem verblüfft ist, wie viele Frauen in diesen Prozess eingebunden waren. Maya, die CIA Agentin soll ein reales Vorbild haben und Bigelow inszeniert es so, dass der zweite wichtige Hinweis im Film, der Maya zurück auf die Spur Bin Ladens bringt, nachdem sie ihn fast schon wieder verloren hatte, von einer anderen ehrgeizigen Agentin kommt, die – wie Maya – dort sucht, wo alle anderen etwas übersehen haben.

Bigelow inszeniert ihre Hauptfigur als Professional, über die man nichts Persönliches erfährt, vermutlich auch deshalb, weil es nichts Persönliches zu erfahren gibt. Maya ist eine Einzelgängerin, sie hat kein erkennbares Privat oder Sexualleben und die einzige Art von persönlicher Beziehung die sie im Film eingeht, ist die Freundschaft mit ihrer Kollegin Jessica (Jennifer Ehle), einer weiteren ehrgeizigen Frau im CIA Establishment Pakistans. Jessica und mit ihr sechs andere CIA Offizielle sterben durch ein Selbstmordattentat auf einem CIA Stützpunkt in Afghanistan, eine Falle, die ihnen ein angeblicher Informant über den Verbleib Bin Ladens stellt.

Maya findet schließlich ein Haus in Abbotabad, das mitten im Herz der Militärelite Pakistans liegt. In unmittelbarer Nähe werden die Offiziere der pakistanischen Armee ausgebildet. „It’s their Westpoint, sir!“,  erklärt ein Analytiker dem Chef der CIA. Mayas entscheidende Entdeckung ist das Netz der Kuriere, mit dem sich der innere Zirkel Al-Quaidas nach seiner Vertreibung aus Afghanistan miteinander verständigt hat und das Osama Bin Laden anders als von vielen vermutet nach wie vor kontrolliert. Sie muss ihre Vorgesetzten allerdings erst mühsam davon überzeugen, dass das Haus in Abbotabad tatsächlich der Aufenthaltsort Bin Ladens ist. Es gibt keine konkreten Fotos von Personen oder Gesichtern und die Vorsichtsmaßnahmen der Hausbewohner verhindern Aufnahmen aus der Luft oder durch Satelliten. Es ist einzig allein die Indizienkette, die durch Mayas unermüdliche Arbeit zusammengetragen wurde, die auf den Mastermind Al-Quaidas verweist.

Im dritten Teil des Films wird die Kommandoaktion bis ins Detail geschildert, in der eine Einheit Elitesoldaten, sogenannte Navy Seals, das Gebäude in Abbotabad in der Nacht überfallen und neben Osama Bin Laden noch drei weitere Männer töten. Wieder geht es nicht wie oft in unseriösen Kommentaren behauptet um einen Hurrapatriotismus, sondern um die Schilderung eines Vorgangs durch die sprichwörtlichen Augen der Beteiligten, die mittels Nachsichtgeräten Teil für Teil des Hauses durchkämmen. Bin Laden wird ohne dass man ihn genauer sieht von einem Navy Seal erschossen, in einem Leichensack weggebracht und von Maya endgültig identifiziert. Warum ein Terrorist von Bin Ladens Rang vor den Augen der pakistanischen Elite in Militär und Geheimdienst Jahre lang unbemerkt bleiben konnte, bleibt unbeantwortet. Bigelows Film ist nicht an politischen Fragen interessiert, sondern an Menschen.

Als Maya schließlich erschöpft in das Frachtflugzeug steigt, das sie zu einem Treffen mit ihren Vorgesetzten bringen soll, ist sie wieder ganz allein. Sie ist die einzige Passagierin, als das Flugzeug abhebt und was sie gerade fühlt, weiß niemand, nicht einmal sie selbst.

Was man in den 2 Stunden und 40 Minuten zuvor mit und durch ihre Augen gesehen und erlebt hat ist atemberaubend. Die Faszination des Films geht von ebenso von der Hauptfigur Maya aus, wie von der Konzeption Bigelows auf Filmtechniken weitgehend zu verzichten, die manipulativ sind. Statt Identifikation stiftet sie räumliche Erfahrung, in der alle Figuren deutlich verortet sind. Dass die wichtige Information, die Maya auf die Spur Bin Ladens bringt nicht durch Folter, sondern geschickte Manipulation zustande kommt ist ein weiterer Hinweis von Bigelow, was von den Folterpraktiken der US Regierung im War on Terror zu halten ist. Dass der Gefangene Ammar, dessen brutale Misshandlung wir miterleben, nicht aus Versehen dort einsitzt, wird durch seine schlussendliche Kooperation zwar deutlich, ist aber für die Bewertung der Folterpraktiken unerheblich. Bigelow zeigt uns, was wir wissen müssen, gibt dem Gezeigten aber keinen Spin, was wir davon zu halten haben. Weil sie bei allen Figuren auf eine Schilderung der Person dahinter verzichtet, entsteht Identifikation durch die Handlungen der Figuren selbst und nicht durch eine manipulative Psychologisierung ihrer möglichen Beweggründe. Es gibt keinen Hinweis darauf, warum Maya so besessen und manchmal als einzige auf der Jagd nach Bin Laden ist, und warum sie einem Navy Seal mit auf dem Weg gibt: „You will kill him for me!“ .

Als Zuschauer sind wir dadurch gezwungen uns selbst zu den politischen Prozessen zu verhalten, die psychologischen Beweggründe durch Fragen zu ersetzen, wie wir selbst in solchen Situationen handeln würden, und welchen Sinn der Einsatz von Folter im War on Terror tatsächlich hat. Politischen Geistern, die den Film kritisieren, er wäre unkritisch oder betreibe Propaganda,  sei gesagt, was der amerikanische Journalist und Nahost Reisende Michael Totten in seiner Rezension über Aktivisten schrieb, die vor Kinos Flugblätter verteilten, dass der Film Folter befürworten würde:

„Zero Dark Thirty doesn’t tell anyone what to think. Its shows us what we should think about. (…) Activists, and those with an activist way of thinking, are the ones who have a problem with the neutral and balanced approach—not because they want to be lectured themselves, but because they want to sit in a room where everyone else is being lectured.“

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On Bullshit – Zur Typologie des Verschwörungstheoretikers

Januar 2, 2013 11 Kommentare

 “Never tell a lie when you can bullshit your way through.”

Eric Ambler, Dirty Story (zitiert nach Frankfurt 2005)

1.

„One of the most salient features of our culture is that there is so much bullshit. “

So beginnt der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt seinen Text „On Bullshit“ aus dem Jahr 2005. Frankfurt ist ein analytischer Philosoph in der Tradition Wittgensteins, dessen wesentlichste Arbeiten sich damit beschäftigen, was Wahrheit ist und wie sie durch korrekte Begriffe und authentische Sprechakte repräsentiert werden kann. Wahrheit, wie sie analytische Philosophie versteht ist demnach ein System, das in erster Linie logisch korrekte Sprechakte möglich macht, die eindeutig als richtige oder falsche Aussagen identifiziert werden können. Analytische Philosophie kennt keine Ebene des Unbewussten, oder lehnt solche Begriffe unumwunden ab, und würde Phänomene, die sich philosophisch nicht unmittelbar in sprachlichen Operationen ausdrücken lassen, nicht als philosophischen Gegenstand anerkennen.  Die internen Grenzen solcher Auffassungen, wenn man sie mit der spekulativen Metaphysik der europäischen Tradition konfrontiert, sollen uns in diesem Beitrag nicht weiter beschäftigen. Frankfurts analytisch präzise Sprache kann uns jedoch dabei helfen, einem Phänomen beizukommen, das sich wie eine Seuche in den Kreisläufen unserer Kultur ausgebreitet hat: Verschwörungstheorien. Obwohl es im Zusammenhang mit der Diskussion um analytische Philosophie fast absurd erscheint, wird dieser Beitrag keine Definition liefern, was genau eine Verschwörungstheorie ist und ob oder wie sich Verschwörungstheorien von ernst zu nehmenden Aussagen unterscheiden lassen. Wir überlassen diese herkulische Aufgabe Freunden wie dem Blogger Reflexion, der in unermüdlicher Arbeit Daten und Fakten sammelt, die Verschwörungstheoretiker, esoterische  Nazis und Antisemiten jeden Tag produzieren. Der Focus dieses Aufsatzes liegt auf dem Begriff des „Bullshit“ und warum es so viel davon gibt.

Frankfurts Buch „On Bullshit“ kann hier nicht in seiner ganzen sprachlichen Brillanz und Tiefe gewürdigt werden, daher werde ich werde mich nur auf die wesentlichsten Aspekte konzentrieren, die für uns hier von Belang sind. Harry Frankfurt ist ein bedeutender Philosoph der Gegenwart, der sich mit Definitionen der Freiheit beschäftigt und sich in diesem Zusammenhang mit der logischen Deduktion ethischer Prinzipien befasst. Seine Spielart analytischer Exegese konzentriert sich darauf Kriterien für Wahrheit heraus zu finden, die sich als sprachliche Operationen abbilden lassen. Analytische Philosophie betrachtet Sprache nicht als abstraktes Feature (wie das z.B. in der Linguistik Noam Chomskys oder dem Strukturalismus de Saussures zum Ausdruck kommt) , sondern untersucht sie immer als Sprechakt einer konkreten Person. Was den Begriff der Person ausmacht, würde hier zu weit führen, aber verwiesen sei hier etwa auf den Klassiker „Reasons and Persons“  (1984) von Derek Parfit, das Überlegungen zur Philosophie des Bewusstseins („Am I essentially my brain?“) mit Theorien der Sprachspiele, der Gehirnforschung und analytischen Wahrheitskonzepten verbindet. Personen, darauf sei es hier reduziert, sind handelnde Subjekte mit Absichten und Meinungen, die logisch analysierbare Sprechakte machen können. Um ein Phänomen wie „Bullshit“ präzise kategorisieren zu können, benötigt Frankfurt zu aller erst ein zuverlässiges Konzept von Wahrheit und Lüge, das wiederum eng an die intentionale  Struktur einer Person gebunden ist, die solche Unterscheidungen treffen kann. Weder Wahrheit noch Lüge sind für einen analytischen Philosophen absolute Begriffe im Sinne Hegels, sondern sie existieren nur unter dem Horizont eines faktenorientierten, Tatsachen und Zustände begreifenden Individuums, das durch eine korrekte Wiedergabe dessen, was es sieht, hört und weiß diese erzeugt. Wahrheit, darauf wollen wir uns beschränken, bedeutet also nichts anderes als die Fakten adäquat zu repräsentieren, Lüge die Fakten absichtlich inadäquat zu beschreiben. Dass eine solch simple binäre Opposition nicht geeignet ist, einen großen Teil der Sprechakte zu erfassen, die in menschlicher Kommunikation zum Ausdruck kommen, hat schon Wittgenstein bemerkt, als er mit seinem berühmten Satz „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ den Tractactus beendete. Es gibt Aussagen, die nicht eindeutig Wahrheit oder Lüge sind, möglicherweise sind sie je nach Perspektive beides oder sie sind schlicht unentscheidbar.  Nehmen wir zum Beispiel einen Satz aus einem Buch des brasilianischen Bestseller Autors Paulo Coehlo, gefunden im „Handbuch des Kriegers des Lichts“:

„Er hat gelernt, daß der Tiger die Hyäne nicht fürchtet, weil er sich seiner Kraft bewußt ist.“

Ist dieser Satz wahr oder falsch? Auf der Ebene der Fakten, also der naturwissenschaftlich begründbaren Erkenntnisse über Tiger und Hyänen macht dieser Satz keinen Sinn. Tiger haben (mit Ausnahme des Menschen) keine natürlichen Feinde und sie würden Hyänen schon deshalb nicht fürchten, weil Tiger hauptsächlich in Asien vorkommen und Hyänen vor allem in Afrika verbreitet sind und sich beide so gut wie nie begegnen. Und selbst wenn sie es tun, besetzen beide Tiere unterschiedliche Nischen in den Ökosystemen ihrer natürlichen Umgebung und  konkurrieren daher nicht um dieselben Ressourcen. Ob Tiger sich ihrer Kraft bewusst sind, ist reine Spekulation. Sie würde voraussetzen, dass Tiger eine dem Menschen vergleichbare Selbstwahrnehmung besitzen, mit der sie über ihren Körper in Bezug auf andere Körper reflektieren können.  Obwohl der Satz also faktisch keinerlei Anspruch auf Wahrheit besitzt, ist er auch nicht eindeutig eine Lüge. Um etwas als Lüge zu charakterisieren, muss eine Absicht bestehen, Fakten falsch darzustellen. Aber Coehlos Absicht war es nicht eine für Wildbiologen akzeptable Aussage über Tiger und Hyänen zu machen. Ohne über den Inhalt des Buches tatsächlich Bescheid zu wissen, würden die meisten Leserinnen und Leser diesen Satz problemlos als Metapher erkennen, mit der Coehlo seinem Publikum ein Bild anbietet, das sie für ihre Selbstwahrnehmung gebrauchen können oder dass ein Bedürfnis nach esoterisch aufgeladenen Sprechakten befriedigt, bei der Kriterien der Wahrheit oder Lüge keinerlei Rolle spielen. Weder Coehlo noch seine Leser betrachten diese Aussage als faktenbasierten Sprechakt, der etwas über Tiger und Hyänen sagen soll. Es gibt keine Täuschung, die einen Vorwurf der Lüge rechtfertigen könnte, und es existiert weder beim Autor noch beim (adressierten) Leser ein Interesse sich über die Fakten zu verständigen, was Tiger und Hyänen betrifft.

Frankfurt schlägt also vor, Sätze wie diesen als „Bullshit“ zu betrachten. Bullshit ist etwas anderes als eine simple Lüge oder ein komplexes Täuschungsmanöver. Frankfurt schreibt:

„The liar is inescapably concerned with truth-values. In order to invent a lie at all, he must think he knows what is true. And in order to invent an effective lie, he must design his falsehood under the guidance of that truth. “

Da Lüge ein Vorgang ist, der eine Täuschungsabsicht voraus setzt, muss der Lügner also einen klaren und deutlichen Begriff der Fakten haben, die er zu entstellen versucht. Zu lügen bedeutet nicht nur die Fakten genau zu kennen, (sonst ist es eine schlechte, leicht erkennbare Lüge), sondern auch, dass sich der Lügner unmittelbar an dem orientieren muss, was er als „Wahrheit“, und damit als tatsächliche Faktenlage begreift. Lügen, so Frankfurt „is an act with a sharp focus“, eine (gute) Lüge ist “designed” und erfordert „a degree of craftsmanship, in which the teller of the lie submits to objective constraints imposed by what he takes to be the truth.”

Der Bullshitter hingegen ist an solche Zwänge nicht gebunden:

„On the other hand, a person who undertakes to bullshit his way through has much more freedom. His focus is panoramic rather than particular. He does not limit himself to inserting a certain falsehood at a specific point, and thus he is not constrained by the truths surrounding that point or intersecting it. “

Bullshit, wie Frankfurt den Begriff versteht, muss daher nicht unbedingt gelogen sein. Es gibt Bullshit, wie wir noch sehen werden, der sich eng an bestimmte Fakten hält,  damit er einige andere ignorieren oder verfälschen kann. Denn:

„It is impossible for someone to lie unless he thinks he knows the truth. Producing bullshit requires no such conviction. “

Während der Lügner einen Begriff der Wahrheit (oder zumindest der Tatsachen) haben muss, die er mit der Lüge zu manipulieren sucht, ist Wahrheit oder Lüge für die Produktion von Bullshit unerheblich. Was den Lügner vom Bullshitter unterscheidet ist die Perspektive: Für den Lügner ist es wichtig die Faktenlage zu manipulieren, für den Bullshitter geht es darum seine Absichten, was er mit dem Bullshit bezweckt zu verbergen.

„What bullshit essentially misrepresents is neither the state of affairs to which it refers nor the beliefs of the speaker concerning that state of affairs. Those are what lies misrepresent, by virtue of being false. Since bullshit need not be false, it differs from lies in its misrepresentational intent. The bullshitter may not deceive us, or even intend to do so, either about the facts or about what he takes the facts to be. What he does necessarily attempt to deceive us about is his enterprise. His only indispensably distinctive characteristic is that in a certain way he misrepresents what he is up to. “

Ob es wahr ist oder nicht, was er sagt, ist für den Bullshitter unerheblich, es kommt darauf an welchen Zweck es für die Absicht erfüllt, die dahinter steht und die er durch den Sprechakt selbst  verbergen will. Das eigentliche Ziel von Bullshit ist daher, durch den Sprechakt an sich die Aufmerksamkeit des Zuhörers auf eine (für den Bullshitter unwichtige) Diskussion über Fakten, über tatsächliche oder erfundene Aussagen und Tatsachen abzulenken, weil er sein tatsächliches Motiv nicht preisgeben will. Bullshit ist ein (wirkungsvoller) rhetorischer Trick, den Inhalt eines Gegenstandes dafür zu benutzen seine politische Motivation unsichtbar zu machen. Eine erste Annäherung an unser eigentliches Thema, die Verbreitung von Verschwörungstheorien, sollte uns daher mit der Frage beschäftigen, welche Absichten die Distributoren von Verschwörungshypothesen eigentlich verbergen wollen.

2.

Seit das World Wide Web zum Leitmedium einer vernetzten Weltkultur geworden ist, hat sich der in unseren Gesellschaften versteckte Wahnsinn eine breite Öffentlichkeit verschafft. War die Gutenberg Galaxis noch eine durch zahlreiche Gatekeeper gut bewachte militarisierte Zone, in der die großen Verlage, die großen Zeitungsherausgeber und die kapitalstarken staatlichen und privaten Fernsehanstalten mit ihren Distributionsmonopolen mittels undurchdringlicher Filter  die Veröffentlichung unliebsamer Kritik verhindern konnten, hat das webbasierte und damit billigere Produktionsmittel die militarisierte Zone in ein von äußerst mobilen Campern bewohntes Niemandsland verwandelt. Das Monopol auf Information für die klassischen Medien der Gutenberggalaxis existiert nicht mehr. Wenn es also Mitte der 80er Jahre noch Sinn machte, von einem Mainstream und Mainstreammedien zu reden, dann hat sich das nach der Jahrtausendwende praktisch erledigt. Waren die berüchtigten Tabloids der westlichen Presselandschaften, also die Flaggschiffe der Boulevard und Yellow Press gewiss keine weniger gefährlichen Gegner von Aufklärung und Vernunft, so mussten auch sie sich gewissen Spielregeln der veröffentlichten Meinung beugen, weil sie schon allein durch ihre Eigentumsverhältnisse an einen Vertrag mit dem Establishment gebunden waren. Solchen Verträgen fühlen sich die neuen Medien der Blogosphäre nicht verpflichtet. Warum sollten sie auch?

Die enorme Vielfalt an öffentlich verfügbarem Material, das von 9/11 Inside Jobs bis zu den Jahrhunderte alten Plänen diverser Freimaurer zur Weltherrschaft reichen, beliefert ein großes Publikum mit Nachrichten über geheime Pläne, Prophezeiungen und Verschwörungen aller Art auf ebenso zahlreichen Online Angeboten vom Kopp Verlag bis secret.tv. Von den Voraussichten des Freimaurers Albert Pike zu den UFO Erlebnissen der Chemtrails Spezialisten: der Wahnsinn der Webgesellschaft zeigt uns ganz nachdrücklich, dass die demokratischen Strukturen des Webs nicht auf das Ziel der Aufklärung ausgerichtet sind, auch wenn die diversen Proponenten  der Blogosphäre dies gerne behaupten. Demokratisiert wurde durch das Web eben nicht die Vernunft, sondern vor allem die Distributionskompetenzen psychisch gestörter Individuen. Das Pamphlet, das die Ergüsse und abgeschriebenen Ideologeme enthielt, mit denen Anders Breivik seine Verbrechen rechtfertigte, wären in den Zeiten des Gutenberg Galaxis niemals von einem halbwegs ernst zu nehmenden Verlag mit anständigen Vertriebsmöglichkeiten veröffentlicht worden und hätte niemals auch nur einen Bruchteil der Millionen Empfänger erreicht, mit der es heute durch das World Wide Web an immer neue Interessenten weiter zirkuliert wird. (Allerdings hat diese Tatsache nichts damit zu tun, dass Breivik seine Verbrechen mit oder ohne Verbreitung seines Pamphlets begangen hätte.) Die Demokratisierung der Information, die durch das Internet stattgefunden hat, hat nicht nur die Monopole der ehemaligen Mainstreammedien ausradiert, sondern vor allem dazu beigetragen jenen durch den Mainstream noch in Schach gehaltenen Wahnsinn paranoider Idiotien wie durch einen  Dammbruch mitten in die Gesellschaft hinein fluten zu lassen.

Wie ich in meinem letzten Beitrag über den deutschen Kabarettisten Volker Pispers andeutete, kommt die heute übliche Ideologie des Ressentiments als Gestus des „Kritischen“ daher.  Mehr noch: Das Milieu der Gegenaufklärung bedient sich des gesamten Arsenals rhetorischer Versatzstücke, die „Aufklärung“ und „Kritik“ stets im Munde führen. Eine solche Umcodierung ehemals linker Rhetorik findet sich seit den späten 80ern bei fast allen rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien. Sie hat auch in den Segmenten antisemitischer Agitation spürbar zugenommen, die mit der Leugnung und Relativierung der Shoah beschäftigt sind. Holocaustleugner, die sich im „Institute of Historical Review“ vernetzt haben, behaupten im Namen der Wissenschaft der „historischen Wahrheit“ verpflichtet zu sein. Sie reklamieren die „Freiheit der Wissenschaft“ für sich und sprechen von „Zensur“, wenn ihre Ergüsse nicht veröffentlicht werden.

Gegenaufklärung ereignet sich durch Instrumentarien und Rhetorik der Aufklärung selbst, sie appelliert an Werte wie Fairness, fordert „Ausgewogenheit“ und betrachtet sich selbst als dissidente rebellische Kraft. Die Warnung von Adorno und Horkheimer, dass es Aufklärung selbst ist, die ihre eigene Zerstörung vorantreibt, erhält dadurch nochmals weiter beunruhigende Substanz. Die Produktion von Bullshit, der die Fundamente der wissenschaftlichen Methodologie angreift, erfolgt im Namen derselben, und wird von Leuten unterstützt, die immerzu von „Wahrheit“, „Freiheit“, „Kritik“ und gegen das „Dogma“ (der historischen Realität der Shoah) reden.

Der Prototyp dieses neuen webbasierten Gegenaufklärers ist der Verschwörungstheoretiker. Weil wie erwähnt es nicht Sache dieses Beitrags ist, zu klären was als Verschwörungstheorie betrachtet werden soll und was nicht, erachtet der Autor es für umso wichtiger die Figur des Verschwörungstheoretikers eingehender zu analysieren.

3.

Wer jemals versucht hat in eine Diskussion mit 9/11 Truthern einzusteigen kennt das Gefühl, bereits mit dem Versuch selbst seine unvermeidliche Niederlage besiegelt zu haben. Was als gut gemeinte Intervention beginnt, nämlich dass die Bilder des Anschlags zeigen, wie zwei Flugzeuge in zwei Türme rasen und nirgendwo Beweise für eine Sprengung existieren, endet mit mühsamen Diskussionsbeiträgen selbst bewusster Paranoiker über den Zusammenbruch von Gebäude 7, Auslassungen über Baustatik, die Temperatur von brennendem Kerosin oder dass Stahlträger nicht Feuer fangen können. (Die Liste ist beliebig erweiterbar.) Wenn man es nicht mit dem Publikum auf den ganz billigen Plätzen zu tun hat, die meinen in den Rauchschwaden des WTC den fiddler on the roof erkannt zu haben, oder glaubhaft versichern, dass alle Juden in den Türmen zuvor gewarnt worden sind und das Gebäude verlassen hätten, bevor die Flugzeuge einschlugen,  ist man mit technisch versierten Paranoikern beschäftigt, die scheinbar neutrale und für Nichtexperten schwer verifizierbare Aussagen machen, die sich nicht mit Logik oder gesundem Menschenverstand widerlegen lassen. (Auch die Gilde der Holocaustleugner versuchte mit „technischen Gutachten“, wie dem „Leuchter Report“ eine quasi politisch neutrale Form zu finden, ihren perversen Dreck populär zu machen.)  Für jedes logische oder faktische Argument gegen die 9/11 Truther Fantasien gibt es dutzende Argumentationsmuster, die aus dem Versagen der US Flugabwehr eine großangelegte Verschwörung der US Regierung ableiten oder angebliche Zeugenaussagen von Feuerwehrleuten und Rettungspersonal nach dem Anschlag anführen, die Sprengungen an den Fundamenten gesehen haben wollen. Es existieren unzählige Experten, die behaupten, dass Gebäude nicht wegen Feuer einstürzen können, oder dass die Art des Einsturzes der beiden Türme nur durch Sprengung  zu erklären sei. Die eigene Unfähigkeit ein einziges rationales Argument zu bringen, das einen Truther dazu bewegen könnte, von seiner großmäuligen Selbstsicherheit Abstand zu nehmen, verführte den Autor dieses Beitrags etwa dazu in solchen Foren unfassbar genervt selbst zweifelhafte Argumente über Baustatik und die Temperatur von brennendem Kerosin einzubringen und ab diesem Punkt ist man natürlich längst rettungslos verloren. Der Idiot, wie es so schön heißt, zieht dich runter auf sein Niveau und schlägt dich dann mit Erfahrung.

Allerdings kann man aus den Auseinandersetzungen mit 9/11 Truthern einiges über die Psychologie von Verschwörungstheoretikern lernen.  Einigen veröffentlichten Untersuchungen zufolge glaubten zu bestimmten Zeiten des Irakkriegs mehr als ein Drittel aller Amerikaner, dass die Attentate des 11. September ein Inside Job des politischen Establishments in Washington und Langley gewesen sind. Ein Drittel der amerikanischen Bevölkerung hat in der Vergangenheit ausgereicht um den Präsidenten zu wählen, also ist die weitverbreitete Meinung, dass 9/11 kein Anschlag von muslimischen Terroristen, sondern ein gigantisches Komplott mächtiger verborgener Akteure gewesen sein muss, schlicht selbst ein Mainstreamphänomen. Ähnlich absurde Konstellationen erblickt man in regelmäßigen Umfragen, dass überwältigende Mehrheiten in Europa Israel für eine Bedrohung des Weltfriedens und die Siedlungspolitik im Westjordanland für eine Art Kriegsverbrechen halten, aber gleichzeitig bei dieser Mehrheit sich die Ansicht durch gesetzt hat, Kritik an Israel sei verboten oder würde mit der „Antisemitismuskeule“ mundtot gemacht. Obwohl Verschwörungstheoretiker also selbst den opportunistischen  Kern dieses Mainstreams ausmachen, stellen sie sich als eine verfolgte Minderheit dar.

Der Verschwörungstheoretiker hält sich für „kritisch“ und glaubt er sei „gegen den Mainstream“. Diese Selbstbeschreibung ist wesentlich dafür, zu erkennen, ob etwas als Verschwörungstheorie zu gelten hat oder nicht. Eine Sendereihe des verschwörungstheoretischen Internet TV Channels secret.tv trägt daher auch den Untertitel „Gegen den Strom“. Die populäre Internetfilmreihe „Zeitgeist“, von der es mittlerweile schon drei Teile gibt, soll der eigenen Wahrnehmung zufolge den Zeitgeist kritisieren, bringt ihn jedoch auf den Punkt, indem sie die opportunistische Pseudokritik als Geheimwissen entfaltet.   Gerade die ungeheure Vielfalt veröffentlichter Meinung, die jeden Konsumenten mit genau jener Information versorgt, die er zur Unterstützung seines Mindframes benötigt, wird zur Konstruktion einer engstirnigen Ideologie benutzt, die Widerspruch und Kritik an dieser Praxis als „Propaganda“ denunziert. Die Umcodierung des Wortes „Propaganda“ scheint für den Typus des Verschwörungstheoretikers konstitutiv zu sein. Dass „Propaganda“ eine Form der Kommunikation darstellt, die historisch eng mit Marketing und Werbung verknüpft ist und sich eigentlich dadurch auszeichnet, dass sie in ihrer modernen Form in den Worten Noam Chomskys als „manifacturing consent“ funktioniert, entgeht den blinden Idioten der Verschwörungsfront natürlich völlig. Propaganda, richtig verstanden, bedeutet, dass dem Konsumenten eine Sicht der Dinge angeboten wird, die ihn auf der allgemeinsten Ebene von Meinungsbildung unterstützt, also ihm quasi nach dem Mund redet. „Propaganda“ im Universum des Verschwörungstheoretikers gilt jedoch alles, was seine Sicht der Dinge (und sein Selbstbildnis) kritisiert und ihn dazu bewegen müsste sich mit diesen Argumenten auseinander zu setzen. Während die überwältigende Mehrheit der Medien und politischen Akteure israelische Politik kritisiert und mit Bannflüchen belegt, ist proisraelische Haltung natürlich „Propaganda“, die von den Systemmedien per Gehirnwäsche den wehrlosen Antisemiten aufoktroyiert wurde, die verständlicherweise darauf nur mit antisemitischer Rebellion gegen die imaginäre Übermacht der zionistischen Bilderberger reagieren können. Menschen, die nicht an diese Verschwörungen, Komplotte und Strippenzieher hinter den Kulissen glauben werden von den „Systemmedien“ manipuliert, und sind Teil einer anonymen Herde von gutgläubigen Schafen. Diese Selbstwahrnehmung wird z.B. von Holocaustleugnern gerne als „Tabubruch“ und Kampf gegen etablierte dogmatische Auffassungen inszeniert. Aus ihrer Sicht ist  die Erinnerung an die Shoah  quasi ein Inquisitionsgeschäft, das sie – die Holocaust Leugner – als mutige Kämpfer gegen die Übermacht jüdischer Verschwörungen verfolgt. Aber selbst bei politisch weniger brisanten Themen wie dem Klimawandel, der amerikanischen Mondlandung, der Evolutionstheorie oder der Politik der Europäischen Union machen sich ständig mutige Verschwörungsaufdecker bemerkbar, die etabliertes Wissen in Frage stellen und die angebliche Meinungshegemonie bekämpfen. Der Absurdität solcher Konstrukte sind keine Grenzen gesetzt. Wird die Informationspolitik der US-Regierung kritisiert, Nachrichten aus der Ecke westlicher Geheimdienste in Frage gestellt, erkennt man den Verschwörungstheoretiker daran, dass er Nachrichten von iranischen Geheimdiensten oder Feinden des israelischen Staates umstandslos glaubt. Dass der britische Linkspolitiker George Galloway für den iranischen TV Kanal Press TV arbeitet (nachdem er jahrelang ein Lobbyist des iranischen Erzfeindes Saddam Hussein gewesen ist), stört keinen aufrechten Antizionisten, solange der Bias den richtigen Spin hat. Die wirrsten Spekulationen über die Verseuchung des syrischen Widerstands gegen das Assadregime durch Jihadisten und islamistische  Verbrecher wird umstandslos in eine Pseudokritik über den „US-Imperialismus“ eingebaut, mit der man humanistisch verbrämt den Widerstand gegen Syriens Baathdiktatur als ausschließlich saudisches Islamistenkomplott denunziert. Dieselben Jihadisten jedoch, die einige Jahre zuvor über Syrien mit Billigung des Assadregimes in den Irak eingesickert sind, und dort über hunderttausend Zivilisten durch Bombenanschläge und Terrorkampagnen ermordet haben, wurden damals von den besorgten Bürgern der verschwörungstheoretischen Kolonnen als legitimer „antiimperialistischer Widerstand“ gefeiert, ohne diesen Widerspruch auch nur zu bemerken.

Wir erkennen das Muster des Bullshit, das Harry Frankfurt so treffend analysiert hat: der Verschwörungstheoretiker mag bestimmte Fakten richtig wiedergeben, oder Aussagen treffen, die wahr sind, aber es ist weder Wahrheit noch sind es Fakten, die ihn interessieren. Es geht darum, die Absicht, die hinter dem Report der Fakten stehen zu verbergen. Was diese Absichten sein könnten, damit wollen wir uns im Anschluss beschäftigen.

4.

Bullshit, das bekräftigt Harry Frankfurt „is not concerned with truth-values”, sondern eine Form politischer Rhetorik, die ihre politischen Absichten und Ziele verbergen will. Die Unabhängigkeit von Zwängen der Wahrheit oder Lüge macht Bullshit für Frankfurt zu einem ungleich gefährlicheren Feind der Vernunft als es die Lüge jemals sein könnte. Lüge und Wahrheit stehen in einem komplexen Verhältnis zueinander, das ständig durch eine metaphysische Balance ausgeglichen werden muss. Obwohl diese Dialektik keineswegs stabil ist, und von Rissen, Brüchen und logischen Paradoxa durchzogen ist, so garantiert sie doch eine Bindung des Sprechakts an eine objektive Realität, an der er sich logisch und semantisch zu messen hat. Wahrheit kann bezweifelt, neu geschrieben oder auch negiert werden, aber sie hat eine grundlegende Existenz in der menschlichen Natur des Begehrens und der Vernunft. Wahrheit ist ein gesellschaftliches Vertragsverhältnis, das die Teilnehmer, die diesen Vertrag eingehen als Subjekte konstituiert. Wissenschaft, Philosophie und Religion stellen unterschiedliche Formationen dieses Gesellschaftsvertrags dar, der notwendigerweise verhandelbar ist, aber Subjekte und ihr Begehren als mündige vertragsfähige Partner diskursiv bindet. Wahrheit als Konzept ist letztlich nichts andres als eine stabile Beziehung in jedem Sinn des Worts, ein Pakt mündiger Vertragspartner. Der Bullshit der Verschwörungstheorie kündigt diesen Pakt unmissverständlich auf. Philosophien und Ideologien, die objektive Wahrheit hinterfragen stellen ihre Universalität in Frage, nicht ihre Existenz. Verschwörungstheoretiker suspendieren Wahrheit jedoch zugunsten einer totalitären Agenda, in der es kein Vertrauen in eine verlässliche Beziehung der historischen Realität zu ihrer Erzählung mehr gibt. Die ambivalente Beziehung der Wahrheit zur perspektivischen Vielfalt ihrer Betrachtungsweisen wird eben nicht in Eindeutigkeit oder Ordnung übersetzt, wie manche Beobachter rechtsextremer Politik zutrauen, sondern ganz im Gegenteil: Die Welt der Verschwörungstheoretiker und ihrer politischen Adressaten besteht aus Chaos, Misstrauen und ständiger Angst.  Ihr Ergebnis sind paranoide Individuen, die kein Vertrauen mehr in die (eigene) Fähigkeit besitzen, die „Nichtidentität“ (Adorno) von Begriff und  Gegenstand, von ich und dem Anderen, von Wahrheit und Lüge rational zu durchschauen. Was ihnen Angst macht ist nicht das Chaos, sondern die „Arbeit des Begriffs“ (Hegel), die erforderlich ist eine komplexe Ordnung analytisch zu durchdringen. Menschen, die ihre Geschichte als Verschwörungen übermächtiger Agenten wahrnehmen sind verwundbar, und sie hassen die Ambivalenz so sehr, dass sie das exzessive Chaos begehren, mit der die Stacheln der Rationalität abgeworfen werden können, die sie als lästiges Geschirr oder Zügel empfinden, die sie an überflüssig empfundene Gesellschaftsverträge fesselt.

Was Verschwörungstheoretiker wollen ist – ganz nebenbei bemerkt – das, was in einem zeitgeistigen Diskurs des Ressentiments als Postmoderne betrachtet wird: die Auflösung objektiver Rationalität, den Bruch des Paktes der Vernunft mit der Subjektivität. Wo Ich war soll Es werden, so könnte man die psychische Disposition des Verschwörungstheoretikers beschreiben. Wer an Verschwörungstheorien glaubt, will das Vertrauen darin zerstören, dass auch eine als unübersichtlich empfundene Welt prinzipiell beeinflusst werden kann. Ein merkwürdiges Paradox verschwörungstheoretischer Umtriebe ist daher ihr totales Desinteresse an tatsächlicher Politik. Durch die Behauptung des „Kritischen“ und des „Hinterfragens“ soll Politik bloß als rhetorische Übung simuliert werden, eine Bullshit Strategie, der man nicht auf den Leim gehen sollte. Verschwörungstheoretiker produzieren keine Wutbürger, sondern manipulierbare paranoide Individuen, die jeden Bezug zu einer Realität verloren haben, die in den Mühen der Ebene stattfindet. Ihr Potential schlummert, ist kaum zu erkennen und nur durch einen entsprechenden politischen Willen, der seine Interessen anhand der Manipulierbarkeit solcher Menschen konfiguriert, mobilisierbar. Diese Unfähigkeit zu tatsächlicher Politik ist einer der wichtigsten Schwächen der verschwörungstheoretischen Mindsets und aller ihrer Spielarten und sie auszunutzen das oberste Gebot einer intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Bullshit, der uns überall begegnet.

In einigen Gesprächen, die ich vor und während der Abfassung dieses Beitrags mit verschiedenen Leuten führte, gab es Einwände und Anmerkungen, dass der Schluss, der aus diesen Überlegungen zu ziehen wäre, nur einen weiteren konservativen Kulturpessimismus nahe legen würde. Konkret erinnerte mich eine Gesprächspartnerin daran, dass Mitte der 90er Jahre eine Mode zu beobachten war, negative Entwicklungen der postkommunistischen Ära als Effekt der Postmoderne zu betrachten. Terry Eagleton’s „Illusionen der Postmoderne“ schob stellvertretend für viele andere die Schuld an der Niederlage des Marxismus bestimmten französischen Autoren zu, die mit ihren Zweifeln an einem objektiven Rationalismus die Vernunft zerstört hätten. Solchen Überlegungen kann der Autor dieser Zeilen nichts abgewinnen. Alle Phänomene, die ich beschrieben habe sind ein Effekt der kapitalistischen Globalisierung, die ob man sie gut oder schlecht findet eine Tatsache darstellt, mit der man sich beschäftigen muss, und die ganz neue Probleme politischer Interaktion schafft, die man erst einmal analysieren sollte, bevor man sie bewertet. Was uns an diesen Entwicklungen beschäftigen sollte, ist der Paradigmenwechsel, der sich im Sprung von der Gutenberg Galaxis zum World Wide Web ereignet hat.

Die Informationsfilter die die Gatekeeper der Gutenberg Galaxis der Gesellschaft aufzwangen hatte den Effekt, dass Geschichte und Wahrnehmung als eindeutiger Raum identifiziert werden konnten. Dissidente Stimmen und rebellische Geister mussten sich daran abarbeiten, dass die Kontrolle über Presse, Verlage und Medien bei kapitalstarken Eigentümern lag, die den Spin der Nachrichten bestimmten. (Noam Chomsky und Edward S. Herman haben 1988 in „Manufacturing Consent“ diese Mechanismen äußerst scharfsinnig analysiert.)  Alle Marktteilnehmer, ob Produzenten oder Konsumenten bildeten jedoch einen gemeinsamen Raum, in dem der Mainstream den Underground und seine diversen Subkulturen mit definierte und über diese unscharfe Abgrenzung hinweg Brücken zwischen diesen Akteuren schuf. Diese Brücken brachen mit dem Verschwinden des Informationsmonopols der alten Medien weg. Es gibt keinen Mainstream mehr, der einen gemeinsamen Raum schaffen würde. Die ungeheure Vielfalt an Information der Webgesellschaft führt dazu, dass sich jeder Marktteilnehmer, unterstützt durch die technologische Individualisierung mobiler Endgeräte, seinen persönlichen Nachrichten und Informationsbias konsumtechnisch garantieren kann. Das Paradoxon besteht darin, dass es gerade die ungeheure Auswahl ist, die zu persönlich abgestimmten Monokulturen der Informationsverarbeitung des Konsumenten führt. Verschwörungstheoretiker sind darum keine Anomalie, sondern die extremistische Zuspitzung dieses Phänomens.

Gesindel, Schmarotzer und Parasiten. Über Volker Pispers

 „Der Kanzler hat gesagt, wir sollen nicht in einen oberflächlichen Antiamerikanismus abgleiten. Aber meiner ist gar nicht oberflächlich. (…) Ich habe auch gar nichts gegen Amerika, es ist ein wunderschönes Land. Das Problem sind die Menschen, die dort leben.“ (Volker Pispers)

„Die deutsche Sprache ist die tiefste, die deutsche Rede die seichteste.“ (Karl Kraus)

1.

Vor etwa einem Jahr veröffentlichte ich hier einen Text, in dem ich über eine Auseinandersetzung mit Nietzsche Phänomene wie den Antizionismus und den Antiamerikanismus kritisierte. Das linke Ressentiment, wie ich es nannte, ist die gefühlige Ignoranz des guten Menschen, der sich als mutiger Rebell gegen den Mainstream weiß, obwohl er treffsicher den Opportunismus der Mehrheit reproduziert. Das Ressentiment wie es Nietzsche treffend charakterisiert hat, ist als vermeintlich kritische Geste immer im Einklang mit den populistischen Bedürfnissen seines Publikums, das sich als Masse gerne von der „Masse“ verächtlich abgrenzt. Während sich die realen politischen Institutionen der Linken nach dem Ende der Sowjetunion praktisch aufgelöst haben, leben ihre rhetorischen Formen, ihre Sprache und ihre Codes paradoxerweise als allgemein verfügbare Werkzeuge eines öffentlichen Diskurses fort, der in Dispositiven einer permanenten Krise der Weltwirtschaft die Form einer allgegenwärtigen Empörung annimmt. „Empört Euch!“ wie das gleichnamige Bändchen des betagten Stéphane Hessel heißt, hat als 14 seitige Anleitung zum Sit-in den Geist der Zeit getroffen, dass politische Aktivität eine Geste beinhalten muss, die PR Agenturen eine akzeptable Arbeitsgrundlage liefern kann. Was einmal die Linke als gesellschaftliche Institution gewesen ist, hat sich heute als ein Jargon der Marginalisierung etabliert, der im Zustand der Isolierung des politischen Subjekts von seiner Organisation im Klassenkampf sein bestimmendes Existenzmerkmal besitzt. Die massive Inflation der verschwörungstheoretischen Paranoia wird von  isolierten Individuen produziert, die sich als einsame Kämpfer gegen den Mainstream imaginieren.

Die rhetorischen Formen und ideologischen Frameworks, die uns seit den 60er Jahren als Standards linker Kritik vertraut sind, existieren im Internetzeitalter als fossile Brennstoffe einer opportunistischen Empörungsmaschine die eine angebliche Kritik des Bestehenden zum populistischen Gemeinplatz transformiert. Das Ressentiment wie Nietzsche es beschrieben hat ist als moralische Empörung darauf aus das narzisstische Selbstbild einer linken Selbstvergewisserung aufrecht zu erhalten, die ihren Konformismus als mutigen Tabubruch inszeniert oder als Selbstmitleid, wenn die gleich geschalteten Medien ihre Nazi und Antisemitismuskeulen auspacken.

Übrig geblieben sind Formen und Gerüste, die mit Bekanntem, Banalem und Allgemeinem angereichert werden, destilliert zu einem Resultat das subversive Sprechakte simuliert um Konformismus zu reproduzieren.  Die Sprache dieses Konformismus sind Begriffe und Termini eines ehemals linken Arsenals, das aus – damals – verbotenen Wörtern wie Kapitalismus, Herrschaft oder Ideologie Bestimmungen gemacht hat, die vor allem das eigene Unbehagen an der Kultur ausdrücken sollen, aber keine analytischen Qualitäten mehr besitzen, mit denen die eigene Involvierung in Verhältnisse beschrieben werden könnte. Was vor dem Ende des Kalten Krieges tatsächlich noch dazu diente das „verbotene Wissen“ (Nietzsche) zu identifizieren, das durch die mächtigen Gatekeeper aus der öffentlichen Wahrnehmung gefiltert wurde, gerät im systematischen Information Overkill des globalen Netzes zum Witz der Verschwörungstheorie. Gerade weil Information und vor allem alternative Information beinahe absolut verfügbar sind, äußert sich diese Ideologie als „Geheimwissen“, als  Mysteryserie und Trivialliteratur, die von 9/11 Verschwörungen, False Flag Operationen, UFOs und Chemtrails phantasiert, von Wissen, das angeblich verboten ist, von Propaganda die dazu dient, die „Massen“ dumm zu halten und deren Sichtbarmachung durch eben jene Helden der Gegenaufklärung in revolutionäre Situationen münden soll, wenn den angeblich betrogenen Massen die Augen geöffnet werden. Diese Simulation von Kritik wird im Zeitalter der sozialen Netzwerke, der Blogosphären und Websites immer in einem bestimmten Sound vorgetragen:  ein im Hintergrund operierender Akteur, der von Fall zu Fall ein mächtiger Superstaat sein kann, die EU, USrael, die Bilderberger, die Neocons, die Finanzindustrie, die jüdischen Lobbies etc., würde mit seinen mächtigen Propaganda Apparaten, der wechselweise die  Medienkonzerne und die Geheimdienste  umfasst, das „verbotene Wissen“ an seiner Veröffentlichung hindern und die braven und naiven Bürger konsequent täuschen. Geschwätzige Kommentatoren sehen überall Denk, Kritik und Redeverbote, vor allem wenn es um die inflationäre Israelkritik geht.  Während die Organe des konformistischen Zeitgeistes inhaltsleere Debatten darüber führen, dass Kritik an der israelischen Politik doch nicht antisemitisch sein kann, hat der verschwörungstheoretische Diskurs der linken Selbstvergewisserung schon längst den Beschluss gefasst, dass „Kauft nicht bei Juden“ eine legitime Form der Israelkritik darstellt.

Erstaunlich an fast allen seinen Ausprägungen ist, dass das Ressentiment, das darin vorgetragen wird, zum einen immer mit generischen Mustern antisemitischer Agitation daher kommt und zum anderen in einer Sprache geäußert wird, die aus linken Agitprop Puzzles zusammen gesetzt wird. Schlüsselwörter wie „Propaganda“, die „Herrschenden“, der „Mainstream“, der „US Imperialismus“, der „Zionismus“, die „Finanzindustrie“, das „Schuldgeldsystem“, der „Westen“, sogar „Orwells 1984“  finden sich als abstrakte Feindbeschreibungen, mit denen ein plumpes Ressentiment im linken Gewand verkauft wird. Der Verschwörungstheoretiker, der Zinskritiker, der Antiimperialist, der Friedensforscher, sie alle finden sich als kleines gallisches Dorf wider das Imperium wieder, das überraschend viel Verständnis für ihre klassenkämpferischen Verbalinjurien an den Tag legt. Die von den Unbillen der zionistischen Verschwörung verfolgten Rebellen, die von „Totschweigen“, „Gleichschaltung“ und einer allmächtigen „Propaganda“ reden, veröffentlichen ihre Pamphlete, erhalten Subventionen und werden von Instituten, Universitäten und Pressure Groups geehrt, während sie ihrem Publikum gleichzeitig erzählen, dass eine bösartige Zensur sie zu behindern versuche. Die unterschiedlichen Spielarten lassen es zu, dass sich der linke Kleinkünstler mit denselben Begriffen  verständigt wie der Hardcore Nazi, wenn er die Praktiken der Finanzdienstleister zur Steigerung der Gewinne aus Spekulation mit börsennotierten Anteilscheinen aufs Korn nimmt. Was immer das politische Ziel des einen und des anderen sein mag, aus linken Ressentiments raffinieren beide den Treibstoff ihrer rhetorischen Empörungsmaschinen.

2.

Im linken Ressentiment findet der deutsche Kabarettist Volker Pispers sein natürliches Biotop. Volker Pispers ist eigentlich viel zu langweilig, um ihn überhaupt einer umfangreicheren Beachtung zu würdigen. Mich haben weder seine als „Humor“ missverstandene Rhetorik noch seine biedere Sprache jemals gereizt. Der Grund, warum ich überhaupt über ihn schreiben will, ist einem merkwürdigen Umstand geschuldet. Über ein Forum stieß ich zufällig auf die Naziseite globalecho dot org, (Naziseiten werden einer guten Konvention zufolge nicht direkt verlinkt). Wer sich die Ergüsse des Hosts „Crypto Jude“ (warum er sich so nennt hat der Autor dieser Zeilen nicht heraus zu finden versucht) antun möchte, soll das mit Hilfe einer beliebigen Suchmaschine selbst besorgen. Der „Crypto Jude“ jedenfalls bietet umfangreiches Material zur nationalen und patriotischen Grundversorgung für den modernen Nazi an, das sich der Aufdeckung des deutschen „Volkstods“ verpflichtet hat. Das Netzwerk, in das global echo eingebettet ist, steht einer Naziveranstaltung namens „Die Unsterblichen“ nahe, die in online verfügbaren Videos Züge von Fackelträgern zeigt, die mit Masken, die wohl an den Guy Fawkes Stil der anonymus Kampagnen erinnern soll, die deutsche Endlösung per Geburtenrückgang problematisiert. Ein Werbebanner für das Online Zahlungssystem „bitcoin“ enthält den Hinweis „(…) es hilft die Zinsknechtschaft der Rothschilds und anderer Verbrecher zu brechen.“ Wie formulierte es Karl Kraus? „Man erkennt Deutschnationale daran, dass sie nicht Deutsch können.“

Es ist wie gesagt eine Naziseite, für die man sich nicht weiter interessieren sollte, wäre da nicht der merkwürdige Sachverhalt, dass sich unter den Registereinträgen ein eigenes Tab namens „Volker Pispers“ befindet, den der „Crypto Jude“ mit mehreren eingebetteten Videos seinen Lesern ans Herz legt und den er wegen folgender Qualität würdigt: „Einem breiteren Publikum wurde er vor allem während des Irakkriegs durch seine scharfe Kritik an der Politik der USA bekannt.“

Dass Volker Pispers als Rolemodel auf einer Naziseite auftaucht, dafür kann er nichts. Er ist schließlich kein Nazi, sondern ganz im Gegenteil ein höchst sensibler linker Gutmensch mit untadeligem Charakter. Aber es ist interessant zu wissen, dass Nazis ihn offenbar gut finden und herzlich zu den langweiligen Kalauern dieses Clowns lachen. Doch die Frage stellt sich: Warum?

Genau wie beim lahmarschigen Spießerhumor des ZDF Klassikers „Neues aus der Anstalt“, in dem der humorfreie deutsche Untertan sich als Rebell gegen das Establishment austobt oder dem (noch langweiligeren) ARD Format „Scheibenwischer“ in dem er Dieter Nuhr häufig als Gastmoderator  beiwohnt, wird bei Pispers die linke Gewissheit moralisch überlegen zu sein als vollendet dämliche Projektion gelebt. Wie man hier sehen kann, gibt Volker Pispers gerne den Kritiker der Heuschrecken. In „Berufsgruppen, die die Welt nicht braucht“ zieht er über Aktienanalysten („das widerlichste Pack was dieser Planet bis dato hervorgebracht hat…), Börsenmakler („meine Lieblingschmarotzer“) und Consultingagenturen („Parasiten“, „Gesindel“) her, in einer Wortwahl, mit der er jedem Nazi offenbar aus der Mördergrube seines Herzens spricht. Das alltägliche Ressentiment erhält die Form einer „Kapitalismuskritik“, die nichts anderes vermag, als die Denunziation zum Spaßterror zu adeln. Die reaktionäre Voraussetzung dieses ideologischen Spiels ist die Gegenüberstellung von parasitärer Finanzelite und dem machtlos ausgelieferten Bürger, der das Lachen dazu verwenden muss, seine eigene Vernetzung im politischen System konsequent zu verdrängen. Früher hätte man das „objektiv konterrevolutionär“ genannt. Pispers hat kein Interesse daran sein Publikum mit der unangenehmen Wahrheit zu konfrontieren,  dass die „BWL Schnösel“, die er so verachtet, Projektionen sind, Spiegel und zugleich Wiedergänger der eigenen Passivität. Im oben erwähnten Beitrag über das linke Ressentiment schrieb ich: „Das Ressentiment ist die Verinnerlichung dieser Vorgänge, die aber vom Schwachen als moralische Überlegenheit gegenüber dem Stärkeren rationalisiert wird, als Sublimierung und Transformation der Impotenz in die Heroisierung der Impotenz als eigentlichen Ausdruck von Stärke.“ Börsenbroker, Aktienspekulanten und Consultingagents mögen nicht besonders sympathisch sein, und weder ihr Reichtum noch ihre durchaus beachtliche gesellschaftliche Macht machen es notwendig, sie gegen primitive Polemik und bösartige Beschimpfungen in Schutz zu nehmen, aber der linke Kabarettist Pispers macht sich nicht einmal im Ansatz den Gedanken, dass das Auftauchen dieser Phänomene etwas mit ihm selbst oder seinem Publikum zu tun haben könnte. Stattdessen wird die eigene Unfähigkeit diese Entwicklungen zu verstehen geschweige denn sie irgendwie beeinflussen zu können mit Begriffen thematisiert, die der Nazi sehr genau versteht und die er als Bereicherung seiner Angst vor dem deutschen Volkstod instrumentalisieren kann. Die Unschuld des deutschen Spießers, der sich aufregen, aber nichts verändern will ist so erbärmlich, dass Pipsers Humor auch problemlos auf Karnevalsveranstaltungen der reaktionärsten Sorte passt. Ob und wie typisch deutsch es ist, die eigene moralische Überlegenheit dem selbstkritischen Einblick in die Vernetzung der Verhältnisse vorzuziehen, das sollen andere sich überlegen. Das Gefühl der bessere Mensch zu sein als der erfolgreiche Börsengewinnler ist schon hinreichender Ausweis der eigenen Integrität, die selbst empfundene moralische Überlegenheit die Krücke mit der sich das narzisstische Selbstbild vor der Realität flüchtet. Wem das als politische Aktivität genügt, wird mit Pispers seine Freude haben.

3.

Wenn Pispers auf den Irakkrieg zu sprechen kommt, auf 9/11 und die USA generell, dann kennt der Spießer in ihm keine Anstandsgrenzen mehr. In einem (vom „Crypto Juden“ offenbar mit englischen Untertiteln versehenen) Video, das sich hier ansehen lässt, ergießt sich die ganze Verachtung des deutschen Spießers über die USA als offen rassistische Abrechnung, als ob er  den Verlust des zweiten Weltkriegs noch immer nicht verwunden hat. Die Projektion der eigenen Impotenz muss sich natürlich an den Amerikanern abarbeiten. Amerikaner sind „naiv“, halten sich für „die Guten“ und wissen nicht viel vom Rest der Welt. Kein Wunder, dass der Nazi das lustig findet. Dass es in den USA eine Oppositionsbewegung gegen den Irakkrieg gegeben hat, scheint für Pispers völlig unerheblich. Der doofe Amerikaner scheint im klaren Gegensatz zum kultivierten Deutschen zu stehen.

Was Pispers für Aufklärung hält sind simple Schemata, die es seinem Publikum ermöglichen, einen Feind zu sehen, anstatt sich selbst. Wie er das macht, das hat allerdings einiges Geschick, das muss ihm der Neid lassen. Sind Bush und seine Regierung einfach Verbrecher, firmieren die Attentäter von Madrid als „Idioten“, sozusagen dumme Jungs, die man nicht ernst nehmen muss. Dass 9/11 ein Massenmord gewesen ist, auf die Idee könnte man gar nicht kommen, wenn man Pispers zuhört. Es ist schlicht ein „Ereignis“, das uns unverschämter weise von den doofen Amerikanern aufgedrängt wurde, und mit dem sie uns seitdem ungefragt belästigen. Was man von einem linken Kabarettisten erwarten könnte wäre eine Art Äquidistanz zu allen Bösen, stattdessen muss er jedoch, weil es darum geht, die USA zu denunzieren, die Geschichte des US-Imperialismus neu erfinden. Als Beispiel für eine friedliche Revolution gegen die Diktatur fällt ihm nämlich ausgerechnet der Iran ein. Die islamische Revolution im Iran gilt ihm als (offenbar nachahmenswertes) Beispiel, wie ein „Volk“ (natürlich) ohne einen Schuss abgegeben zu haben, sich von der Unterdrückung befreit hat. Die „Moslems“ sind deshalb die Bösen für die US-Verbrecher, weil sie „Menschen (sind), die ihre Religion ernst nehmen“, ganz im Gegenteil zu den Katholiken, wie der ehemalige Student der katholischen Theologie böse anmerkt. Dass die islamische Revolution selbst relativ friedlich verlaufen ist, aber danach ein terroristisches Folterregime errichtet hat, kann einen Trottel, der in Kategorien des „Völkischen“ denkt einfach nicht stören. Die stillschweigende Naturalisierung der Bevölkerungen des Nahen Ostens, denen der Islam als kulturelles Dispositiv unmittelbar eigen ist, ist für Pispers Ausdruck der eigenen repressiven Toleranz. Wer sind wir, fragt er rhetorisch, zu kritisieren, dass sie es als „Moslems“ einfach nicht abkönnen, dass eine fremde Macht in ihren Heiligen Stätten sich breit gemacht hat? Die angebliche Kritik des Rassismus gegen muslimische Migranten kehrt als kulturalistische Essentialisierung wieder, und dem Trottel fällt das natürlich gar nicht auf.

Wiederum verstehen wir ganz genau, warum ein Nazi, der die deutschen Verbrechen der Shoah durch den Hinweis auf Guantanamo (oder den deutschen Volkstod) überschreiben will, seine lachtechnischen Bedürfnisse bei Volker Pispers befriedigen kann.  Es geht auch nicht darum, etwas sichtbar zu machen, sondern ein Ressentiment zu kultivieren, das die Selbstzufriedenheit der „schönen Seele“ (Hegel) pflegt.

4.

Pispers soll seinem Wikipediaeintrag zufolge in den 80ern studierter Englischübersetzer gewesen sein. Wie und warum jemand, der diese Sprache gelernt haben will, zum Schluss gelangt, dass das Problem der USA die Menschen sind, die dort leben, kann ich nicht beantworten, ohne in Spekulationen abzugleiten. Einer dieser Spekulationen ist, dass es sich um simplen Neid handelt. Pispers ist neben seinen problematischen ideologischen Anteilen vor allem eines: langweilig. Die biederen Kalauer und die schenkelklopfende Banalität die an Acts beim Villacher Fasching erinnert würden einem mittelmäßigen amerikanischen Standup Comedian keinen einzigen zahlenden Zuschauer bringen. Wenn man sich nur ein wenig mit amerikanischer Humorkultur auskennt,  fällt einem natürlich sofort Stephen Colberts Auftritt beim White House Correspondents Dinner 2006 ein. Das gesamte amerikanische Establishment sah zu, applaudierte und lachte, als Colbert den anwesenden George Bush nach allen Regeln der Kunst öffentlich bloß stellte. Der Präsident ertrug es mit zusammen gekniffenen Arschbacken und einem gequälten Lächeln. Die erbärmliche Qutaschcomedy eines Volker Pispers hat dieser kulturellen Leistung nur antiamerikanische Ressentiments entgegen zu setzen, die seine Projektion als verdrängte Eigenwahrnehmung verraten.

Wer wissen will wie in einer kultivierten Gesellschaft politische Kritik als Humorleistung verstanden wird, sollte sich die Shows von Lewis Black einmal ansehen. Die Sensibilität für Sprache, Nuancen und derbe Schmähs verbindet sich bei diesem Künstler zu einer Form, die den Namen „politisches Kabarett“ verdienen würde, wären amerikanische Standup Comedians bloß „Kleinkünstler“.

Dass ein kultureller Analphabet wie Pispers seine simpel gestrickten Ressentiments als Humor anbieten kann, ist ein Tiefpunkt der deutschen Sprache. Wäre er des Englischen mächtig genug, dass er den 2008 viel zu früh verstorbenen George Carlin verstehen könnte, der mit seinen sprachlich subtilen Witzen sogar aus einer Aufzählung von Fäkalwörtern eine intellektuell höchst anspruchsvolle Kritik öffentlich propagierter und privat gelebter Moralvorstellungen zaubern konnte, die Scham würde diesen Trottel auf der Stelle umbringen.

Kategorien:Culture and War

KIMJONGILIA

Dezember 25, 2011 1 Kommentar

North Korea is one of the world’s most isolated nations. For sixty years, North Koreans have been governed by a totalitarian regime that controls all information entering and leaving the country. A cult of personality surrounds its two recent leaders: first, Kim Il Sung, and now his son, Kim Jong Il. For Kim Jong Il’s 46th birthday, a hybrid red begonia named kimjongilia was created, symbolizing wisdom, love, justice, and peace.

So beginnt die Dokumentation „Komjongilia“ der amerikanischen Filmemacherin N.C. Heikin aus dem Jahre 2009. Anlässlich des Todes des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il empfehle ich allen Interessierten sich diesen Film anzusehen. Kompetentere Einschätzungen zum politischen Erbe Kim Jong Ils, als ich sie leisten könnte,  findet man z.B. hier, hier oder hier. Nordkorea ist nach außen derart isoliert, dass selbst anerkannte Experten nicht genau sagen können, ob das Regime tatsächlich in der Hand eines einzelnen Herrschers ist, so wie man sich die Regime Saddam Husseins im Irak oder das Libyen Ghaddafis vorstellen musste oder ob es von einem größeren Gremium kontrolliert wird. Wenn man die völlige Intransparenz nach außen als Indiz nimmt, muss man wohl davon ausgehen, dass Nordkorea von einer kleinen Elite regiert wird, die durch das dynastische System der Kims an der Spitze ungestört im Hintergrund agieren kann. Nordkoreas politischer Apparat ist derart undurchsichtig, dass sogar Diplomaten des engsten Verbündeten China nur anhand der Aufstellungen der Mächtigen bei öffentlichen Propagandaveranstaltungen vermuten können, ob die Macht eher bei der Partei oder eher bei der Armee liegt. Die verstörenden Bilder der letzten Tage, die trauernde und weinende Menschen an öffentlichen Plätzen in Nordkoreas Hauptstadt Pyöngyang zeigen, vermitteln das Bild eines nach innen völlig stabilen Regimes, das seine Bevölkerung so perfekt manipuliert, dass innerer Widerstand nicht zu existieren scheint. Trotz der Hungersnöte, die seit den 80ern das Land zu einem Schauplatz humanitärer Tragödien macht, die höchstens mit den Katastrophengebieten der Sahelzone und Westafrikas verglichen werden können, erscheint Nordkorea von außen als monolithische Gesellschaft gleich geschalteter Existenzen ohne Individualität und Bedürfnisse. Während sich das Regime nach außen durch farbenprächtige Massenkundgebungen präsentiert, in dem tausende Tänzerinnen und Tänzer in großen Stadien komplexe Figuren bilden, betreibt es im Inneren einen immens aufwändigen Propagandaapparat in dessen Mittelpunkt die Lobpreisung des „geliebten Führers“ steht, der wie der ebenfalls vor kurzem verstorbene Christopher Hitchens anmerkte als Fusion des verstorbenen Vaters, des „großen Führers“  Kim Il Sung mit seinem Sohn Kim Jong Il funktioniert. Der 1994 verstorbene Kim Il Sung ist immer noch offiziell der Präsident Nordkoreas, darum wurde Kim Jong Il von ausländischen Gästen als „Herr Generalsekretär“ (der Arbeiterpartei Nordkoreas) angesprochen. Die gesamte kulturelle Produktion steht im Zeichen der Lobpreisung des „geliebten Führers“. Das Bild, das nach außen vermittelt werden soll ist die völlig Deckungsgleichheit der Bevölkerung mit der Propaganda.

Der Film „Kimjongilia“ widerspricht diesem Bild, indem er verschiedene Menschen zu Wort kommen lässt, die in den letzten zwei Jahrzehnten aus Nordkorea flüchten konnten und seither in Südkorea leben. Was sie zu erzählen haben ist derart schockierend, dass man vieles nicht sofort realisiert. Auf der „Kimjongilia“ Website äußerst sich Frau Heikin darum auch zu Vorwürfen, der Film würde Propaganda betreiben. Sie schreibt: „Only when the dictator in question is of the communist persuasion do these questions even arise.“ Wenn  der Diktator Reputationen im antiimperialistischen Milieu hat ebenfalls. Aber Heikin verfolgt mit ihrem Film nicht die Absicht, aus abstrakten politischen Interessen heraus ein Portrait des politischen Systems Nordkoreas zu destillieren. In „Kimjongilia“ geht es vor allem darum, emotional nachvollziehbare Menschen zu zeigen, die nicht wie jene unverständlichen roboterähnlichen Wesen funktionieren, die an öffentlichen Plätzen um den „geliebten Führer“ weinen. Dass die Menschen Nordkoreas keineswegs widerstandslos der massiven Propaganda begegnen zeigt allein schon die Brutalität und Unmenschlichkeit mit der der gewaltige Terrorapparat vorgehen muss, um Rebellion und Insubordination zu ersticken. Würde die zweifelsohne mächtige Propaganda tatsächlich den Geist und den Verstand der Menschen so vollständig benebeln, wie manche Beobachter vermuten, wäre das Ausmaß an Repression nicht notwendig, das dieser Unrechtsstaat braucht, um am Leben zu bleiben.

Nordkorea entstand als eigenständiger Staat 1948, als der von der Sowjetunion unterstützte Kim Il Sung die Niederlage der Japaner im zweiten Weltkrieg nutzte, die zuvor Kolonialmacht auf der Halbinsel gewesen war. Nach einem Bürgerkrieg mit dem von den USA unterstützten Süden, bei der keine Seite einen entscheidenden Vorteil erringen konnte, einigte man sich ohne Friedensvertrag auf eine Teilung des Landes am berühmten 38. Breitengrad. Der als „demilitarisierte Zone“ bezeichnete Grenzstreifen ist in Wirklichkeit einer der militärisch intensivsten Regionen der Erde. Die Armeen Nord und Südkoreas stehen sich hier in ständiger Alarmbereitschaft gegen über. Diese Grenze ist dank Mauern, elektrischer Zäune, Landminen und Armeepräsenz für Flüchtlinge aus Nordkorea unpassierbar. Die nördliche Grenze zu China ist weniger gesichert, aber China schickt Flüchtlinge aus Nordkorea, die an seiner Grenze aufgegriffen werden wieder zurück. Trotzdem flüchteten in den letzten zwei Jahrzehnten knapp 300.000 Menschen aus Nordkorea über die chinesische Grenze oder den Seeweg im Westen an der koreanischen Bucht vorbei durchs Gelbe Meer nach Südkorea.

Die ungünstigen klimatischen Bedingungen des Landes, niedrige Temperaturen und geringer Niederschlag, dazu die unruhige und stürmische See von Osten und Westen, die Sturm und Flutkatastrophen an den Küsten  verursachen, machen die Landwirtschaft Nordkoreas für Missernten äußerst verwundbar. Aber während Südkorea, das mit den gleichen Voraussetzungen zu recht kommen muss, zu den wohlhabendsten Volkswirtschaften der Welt zählt, wurde Nordkorea seit den 80er Jahren von katastrophalen Hungersnöten und Lebensmittelknappheit heim gesucht. Die für derart isolierte Zonen typische Schwäche an technischer Infrastruktur, der Mangel an Entsalzungsanlagen, Pumpsystemen und modernen Gerätschaften, kombiniert mit bürokratischer Ineffizienz und politischen Fehlentscheidungen verwandelte Nordkorea in eine Diktatur, die seine Bevölkerung mit brutaler Repression, Gedankenkontrolle und Zwangsarbeit unterdrückt und dazu auch noch völlig unfähig ist, die Bevölkerung, die sie von der Welt abschnitt zu ernähren. Dies unterscheidet die Diktatur der Kims sogar noch von den Regimen Gaddafis oder Saddam Husseins. Es erscheint auch nicht völlig unvorstellbar, dass das Regime ab einem bestimmten Zeitpunkt den Hunger bewusst als Waffe einsetzte, um unbotmäßige Regionen wieder unter ihre Gewalt zu bringen, aber dies ist nur eine Vermutung meinerseits, die man mit besseren Informationen über die internen Machtstrukturen belegen müsste.

1995 suchte die Regierung Nordkoreas schließlich um Hilfe bei der UNO an, nachdem die Situation offenbar außer Kontrolle geraten war. Niemand kennt eine halbwegs verlässliche Zahl, wie viele Menschen in Nordkorea verhungert sind, vermutlich wissen es nicht einmal die nordkoreanischen Behörden selbst, aber UNO Stellen soll 1995 von nordkoreanischer Seite mitgeteilt worden sein, dass etwa 350.000  direkt oder indirekt an den Folgen der Hungerkrise gestorben sind. Man kann annehmen, dass diese Zahl eine untere Grenze darstellt, ab der man  – mit ein wenig mehr Informationen – zu schätzen beginnen kann. Alle Versuche der UNO die Verteilung der Hilfsgüter zu kontrollieren, um eine Versorgung der am meisten Not leidenden Menschen zu garantieren wurden vom Regime verhindert. Hilfsgüter im Wert von 2.5 Milliarden Dollar wurden von Nordkoreas Regierung entgegen genommen, aber wer sie bekam und wie sie verteilt wurden, darüber ist nichts bekannt. Worüber man ein wenig mehr weiß, sind die Zwangarbeitslager, die im ganzen Land verteilt politische Gefangene beherbergen. Nach Schätzungen von Beobachtern und Menschenrechtsaktivisten, genaue Zahlen sind auch hier unmöglich zu bestimmen, sollen bis zu 200.000 Menschen in solchen Lagern festgehalten werden.

Die Menschen, die in „Kimjongilia“ ihre Geschichte erzählen sind sehr unterschiedlich, aber alle sind erschütternd und tragisch.

Kang Chol-hwan etwa kam mit 9 Jahren in ein Arbeitslager, wurde mit 19 entlassen und flüchtete ein paar Jahre später. Er war der erste, der mit seiner Geschichte 1992 in die Öffentlichkeit ging und die Existenz des Lagersystems in Nordkorea bestätigte. Er wurde deshalb so jung eingesperrt, weil sein Großvater wegen eines unbekannten Verbrechens verhaftet wurde und die gängige Praxis der politischen Verfolgung in Nordkorea drei Generationen des Delinquenten zur Verantwortung zieht.

Shin Dong-hyuk wurde in einem Gefangenlager geboren und kannte die Außenwelt nur aus den Schilderungen von Mitgefangenen. Er entkam 2006 mit einem Freund, der bei der Überquerung der Grenze durch einen elektrischen Zaun starb.

Byeon Ok-soon, eine junge Frau vom Land erzählt von den großen Hungersnöten in den 90er Jahren, bei der sie fast an Unterernährung und mangelnder medizinischer Versorgung starb. Ihr Bruder trug sie nach China, wollte Medikamente zu seiner Familie zurück bringen, wurde gefasst und öffentlich exekutiert.

Lee Shin, eine Tänzerin und Sängerin wollte Nordkorea verlassen, weil sie aus politischen Gründen keine Karrierechancen hatte, wurde von Schleppern nach China gebracht und als Sexsklavin verkauft, bis sie 5 Jahre später durch die Hilfe christlicher Missionare nach Südkorea flüchten konnte.

Mrs. Kim, eine ehemalige Tänzerin, verlor ihre gesamte Familie, weil sie als mutmaßliche Mitwisserin einer Affäre Kim Jong Ils mit ihrer Freundin anscheinend ein Sicherheitsrisiko darstellte.

Kim Cheol-woong entstammt einer Familie aus der nordkoreanischen Elite und wurde zum Konzertpianisten ausgebildet. Er floh nach China, weil ihn ein Kollege bei den Behörden anzeigte, westliche Musik zu hören. (Es handelte sich um eine CD von Richard Claydermann.) Durch christliche Missionare gelang es auch ihm, sich nach Südkorea abzusetzen.

Park Myung-ho war 20 Jahre lang Offizier der nordkoreanischen Armee, der mit vor Wut zusammen gebissenen Zähnen von bürokratischen Unfähigkeiten, plündernden Soldaten und Bergen von verhungerten Toten erzählt, die von der Armee entsorgt werden mussten. Weil der Landweg nicht passierbar war, floh Park mit seiner gesamten Familie durch Nebel und Untiefen des Gelben Meeres.

„Kimjongilia“ ist ein Film über die Unzerstörbarkeit menschlicher Würde. Das Entsetzen, das einen erfasst, wenn man Menschen zuhört, die solch unvorstellbaren Zuständen entkommen sind, wird nur durch die Hoffnung in seine Schranken gewiesen, dass die totalitäre Diktatur nicht das letzte Wort haben wird. Die Unterdrückung kann beendet und die Unfreiheit überwunden werden. Der im Lager geborene Shin Dong-hyuk  berichtet, dass Bücher ins Lager geschmuggelt wurden, unter anderem eine koreanische Readers Digest Version des „Grafen von Monte Christo“. Diese Geschichte, so berichtet er, habe ihm zum ersten Mal die Idee der Flucht als echte Möglichkeit nahe gelegt. Wenn an den unwahrscheinlichsten Orten unter den furchtbarsten Bedingungen Menschen beginnen können, sich gegen den Terrorapparat aufzulehnen, ist dies nirgends unmöglich. Wir wollen den Menschen Nordkoreas wünschen, dass sie dieses entsetzliche Regime selbst besiegen können, selbst wenn diese Hoffnung schwach ist und wir nichts anderes dazu beitragen können, als das Andenken jener aufrecht zu erhalten, die für diese Hoffnung gestorben sind.

Idioten und Infizierte – 10 Jahre nach 9/11

September 11, 2011 4 Kommentare

Die Vernunft ist ebenso listig als mächtig. Die List besteht überhaupt in der vermittelnden Tätigkeit, welche, indem sie die Objekte ihrer eigenen Natur gemäß aufeinander einwirken und sich aneinander abarbeiten läßt, ohne sich unmittelbar in diesen Prozeß einzumischen, gleichwohl nur ihren Zweck zur Ausführung bringt.

Hegel, Wissenschaft der Logik

 

Hegels Begriff von der „List der Vernunft“ ist ein häufig verwendeter Topos, der grob gesagt ausdrücken soll, dass sich Vernunft in der Geschichte niemals als eigenständiges Subjekt realisiert, sondern als abstrakte Vermittlung zwischen Prozessen stattfindet, die „ihrer eigenen Natur gemäß aufeinander einwirken“. Vernunft existiert, weil sich Menschen, Diskurse, Prozesse „aneinander abarbeiten“. Wenn also am Ende des Tages etwas Vernünftiges heraus kommt, dann nicht deswegen, weil nur vernünftige Personen oder Strukturen miteinander interagieren, sondern weil auch (oder vor allem) Dumme sich an der Realität, die sie vorfinden abarbeiten müssen und diese Arbeit an sich, so die Annahme Hegels, bereits das Ergebnis teleologisch determiniert. Vernunft, oder die Verwirklichung des Weltgeists, wie Hegel sagen würde,  findet ganz kurz gesagt durch die Arbeit von Idioten und Idiotien zu sich. Im Folgenden werden die Anschläge des 11. September als Ausdruck einer „List der Vernunft“ interpretiert, einer Logik der Geschichte, in der sich verschiedene Akteure gegenüber stehen, die mit Vernunft rein gar nichts zu tun haben. Die Arbeit des Begriffs und die damit zusammenhängende Arbeit der Idiotien müsste uns also ermöglichen einige wichtige Fragen an die Ereignisse des 11. September zu stellen, um heraus zu finden wie Idioten und Idiotien zusammen Geschichte  machen.

 

1. Was hat sich verändert?

Am 11. September 2001, so erscheint es uns ein Jahrzehnt später, veränderte sich weniger die Welt selbst, als vor allem unsere Wahrnehmung von ihr. Die mörderischen Anschläge eines islamisch inspirierten Terrorismus stimulierten die neuen Sinnesorgane der weltweiten Netzgesellschaft, die damit ins Zeitalter der Information Wars eintrat, in der kriegerische Auseinandersetzungen sowohl auf Schlachtfeldern als auch auf Fernsehschirmen und Computermonitoren gewonnen werden müssen. Das medienbewusste Auftreten der Terroristen, die mit ihrem perfekten Timing beweisen konnten, wie unglaublich verwundbar eine Weltmacht sein kann, stellte also auch eine Art und Weise dar, Krieg ohne eine organisierte Armee  zu führen, indem der Massenmord als ideologischer Kampf der Ideen vermarktet wurde. Terroranschläge repräsentierten von da an nicht einfach nur ein Modell um möglichst viele Menschen eines bestimmten Adressaten umzubringen, sondern wollten von einigen Empfängern vor allem als dezenter Hinweis auf zahlreiche Missstände verstanden werden. Terroranschläge wurden von vielen Augen als Ausdruck eines politischen Protests betrachtet.  Für die allermeisten Beobachter war der Terroranschlag des 11. September eine symbolische Kastration des Anspruchs der USA (oder des Westens) auf weltweite Hegemonie. Ob Terroranschlag oder nicht, die Tat selbst hatte unmittelbar mit dem politischen Einfluss der US Regierung zu tun, war auf sie zurückzuführen, oder sogar Ursache des Anschlags selbst. Die spätere Wahrnehmung der US Feldzüge in Afghanistan und im Irak bestand eben nicht darin, sie als Reaktion auf die Terroranschläge zu sehen, sondern im Gegenteil, die Terroranschläge wurden als Vorwand betrachtet, den die US Regierung benutzt hatte, um einen Krieg nach dem anderen vom Zaun zu brechen. Aber was 20 Jahre vorher nur in begrenztem Umfang in bestimmten Kreisen ein Thema gewesen wäre, traf im jungen 21. Jahrhundert auf eine seit kurzem eng vernetzte Weltöffentlichkeit.

Der 11. September hatte vor allem den Effekt eine neue Öffentlichkeit zu etablieren, die als System sozialer Netzwerke, Blogosphären und alternativer  Websites das Monopol der Mainstreammedien auf Bedeutungshoheit eine Zeit lang in Frage stellte. Der in diesem Zusammenhang auffälligste Aspekt ist der allergisch zu nennende Antiamerikanismus, der in den Wochen nach den Terroranschlägen diese neue Öffentlichkeit überschwemmte, verkörpert im Hass auf den texanischen Präsidenten im Weißen Haus. Der anfangs noch eher als isolationistisch geltende George W. Bush, der 2000 mit tatkräftiger Unterstützung des Establishments seinen stimmenstärkeren Kontrahenten Al Gore durch das Wahlmännersystem noch aus dem Amt gedrängt hatte, wurde zum meist gehassten Außenpolitiker der Welt. Seine biedere Rhetorik, sein enden wollender  intellektueller Horizont und seine Abhängigkeit von seinen politisch übermächtigen Beratern und Stabschefs, eine Generation von Politikern, die als Neocons bekannt wurden, versetzte ganze Bevölkerungen weltweit in Wut und Rage, wenn nur sein Name fiel. Seine „Bushdoktrin“, die mehr eine Doktrin seines Vizepräsidenten Dick Cheney, seines Verteidigungsministers Donald Rumsfeld und seiner Außenministern Condoleezza Rice gewesen sein muss, führten die USA  zuerst in Afghanistan und schließlich im Irak von einem Desaster ins nächste. Bush galt als „Kretin“ (Hermann L. Gremliza), der Kinderbücher verkehrt herum vorlas, als unfähig komplexere Gedanken zu formulieren geschweige denn sie zu verstehen und der Kriege führte, um den Schatten seines Vaters loszuwerden. Zumindest lautet so wohl die gängige Beurteilung seiner Präsidentschaft. Es war jedoch der Idiot George Bush, und seine Idiotie des „War on Terror“, der eine wesentliche Wahrheit aus ihrer Verdrängung befreien konnte: Dass die  Zivilisation den Terror bekämpfen muss und ihn nicht tolerieren darf, unabhängig davon, ob dadurch das pazifistische Selbstbild der westlichen Welt einen narzisstischen Knacks erhält. Die Bushyears konfrontierten die westlichen Moralprediger, die ihre Sätze gerne mit der Kritik der Imperialismus beginnen und mit der Schuld israelischer Siedlungen für den Nahostkonflikt beenden, mit einer unangenehmen Wahrheit: Die Zivilisation muss auch wenn man sie kritisiert und ihre Doppelmoral verurteilt, trotz alledem gegen ihre Feinde verteidigt werden. Auch das ist eine Beurteilung der Amtszeiten des G.W. Bush, die spätere Generationen anerkennen werden.

Die durch das Internet kursierenden Reaktionen der globalen Netzgesellschaft machten sehr bald nach den Anschlägen angebliche Verschwörungen rund um 9/11 zu einem bizarren kulturellen Ereignis, sprachen von einem „Inside Job“ der US Regierung und ergingen sich in einem obskuren Kult um gefälschte Bilder, unterdrückte Wahrheiten, die Allmacht der Geheimdienste und verborgene Zeichen für die sich rasch esoterisch anmutende Netzbewegungen wie die 9/11 Truther als Sprachrohr anboten. Im bescheuert schönen „Zeitgeist – The Movie“, einem Film der ausschließlich für das Netz produziert worden war, trafen sich die bizarrsten Verschwörungstheorien mit liebevoll ausgearbeiteten Animationen, die nicht nur 9/11, sondern auch gleich den Ursprung der Religionen, das System der Finanzmärkte, die Entstehung des Geldes als eine populistisch Kritik am Zinssystem und die Außenpolitik der USA seit 1900 erklärten (oder glaubten das zu tun) und Millionen Menschen, die bislang keine Ahnung von Geschichte, Wirtschaft oder Politik gehabt hatten, zu Teilnehmern eines globalen Diskurses machten, unterstützt von esoterischer Blauäugigkeit, Antisemitismus und antikapitalistischer linker Rhetorik. Es obliegt den nächsten Generationen, die merkwürdigen Phänomene rund um 9/11 kulturtheoretisch zu verorten.

 

2. Was wollte eigentlich al-Qaida?

Was wollten die Männer, die mehrere Passagierflugzeuge kaperten und in die Zwillingstürme flogen, eigentlich erreichen? Was war das strategische Ziel der Gruppe um Bin Laden, als sie mit einem fürchterlichen Terroranschlag die größte Militärmacht der Geschichte herausforderten? Es liegt auf der Hand, dass es auf diese Frage keine eindeutige Antwort geben kann, vor allem nachdem Osama Bin Laden in seinem Refugium in Pakistan liquidiert wurde. Allerdings lassen sich in groben Zügen einige Erklärungsmuster ausmachen, die jedes für sich oder auch alle gemeinsam der Wahrheit nahe kommen könnten.

In „Europe and Islam“ (2007) kommentiert der große englische Historiker und Islamwissenschaftler Bernhard Lewis das Geschichtsverständnis Bin Ladens, das in seinen Videoadressen an die Weltöffentlichkeit zum Ausdruck kommt. Es ist allgemein bekannt, dass der afghanische Bürgerkrieg gegen die sowjetische Besatzung von amerikanischen Geheimdiensten finanziert wurde, die Waffen, Logistik und Rekrutierungsmaßnahmen über die pakistanische Connection organisierten. Bin Laden war ein wichtiges Scharnier dieser Operationen, der sogar eigenes Geld und jede Menge spirituelle Unterstützung einbrachte. Nach dem Sieg der Taliban und dem Rückzug der Sowjetunion aus Afghanistan war Bin Laden, so Lewis, (durchaus nicht unberechtigt) der Auffassung, nicht die gewaltigen Investitionen der amerikanischen Geheimdienste, sondern er und seine Kumpane wären hauptverantwortlich für die Niederlage der hochgerüsteten Sowjetmacht. Wenn eine Handvoll Mujaheddin in der Lage gewesen sind, die übermächtige Sowjetarmee in die Knie zu zwingen, sollte es ein leichtes sein, die USA, die er wesentlich schwächer einschätzte, zu besiegen. Bin Ladens Gruppe hatte bereits in den 90ern begonnen Anschläge auf Flugzeugträger, Botschaften und Einrichtungen der US Armee zu verüben, und war wohl zum Schluss gekommen, dass sich die amerikanische Reaktion auf einige hilflose militärische Demonstrationen und im Zweifelsfall auf militärischen Rückzug so wie in Somalia reduzieren ließ. Am Beginn von Bin Ladens Krieg gegen den Westen stand also eine, wie sich im Lauf der Zeit heraus stellen sollte,  katastrophale Fehleinschätzung eigener Stärke und der vermeintlichen Schwäche des Gegners. Bin Laden hielt die USA für eine „Soft Power“, weil er Stärke offensichtlich mit Brutalität verwechselte, ein Fehler, der für Menschen aus so extrem hierarchischen und autoritären Gesellschaften typisch ist. Die USA nach dem Untergang der Sowjetunion als „schwächer“ zu betrachten enthüllt nicht nur mangelnde Urteilsfähigkeit, sondern offenbart auch die zentrale Schwachstelle des terroristischen Kalküls. Schon die Nazis hatten ja ihre Verachtung für die Demokratie und die Ideen der Gleichheit mit ihrer Niederlage bezahlt und Bin Ladens Fehleinschätzung setzt die Reihe totalitärer Ideologen fort, die offene Gesellschaften bekämpft haben. Die Stärke der Demokratie, von ihren griechischen Ursprüngen bis zu ihrer kapitalistischen Form, ist es ein System von Konsens entwickelt zu haben, mit der sich flexiblere Politik machen lässt, die optimierbare Entscheidungskalküle zulässt. (Victor Davis Hansons „Carnage and Culture“ und Phillip Bobbitts „Terror and Consent“ sind zwei Bücher, die in diesem Zusammenhang ausdrücklich erwähnt werden sollten.) Bin Laden, das kann man im Nachhinein recht deutlich feststellen, hatte von der politischen Struktur des Westens, den Entscheidungsprozessen in demokratischen Gesellschaften und den konstitutionellen Vereinbarungen, die sie tragen, nicht die geringste Ahnung. Er knüpfte damit an das weit verbreitete Desinteresse der islamischen Gesellschaften an, was außerislamische Zivilisationen und Kulturen betrifft. Kurz gesagt: Osama Bin Laden war ein Idiot von welthistorischen Dimensionen. Nicht auszudenken, was passiert wäre hätte ein halbwegs intelligenter Mann ein weltweites Terrornetz organisiert.

Lewis beschreibt Bin Ladens theologische Interpretation des Krieges gegen den Westen als Konflikt historischen Ausmaßes, der mindestens seit dem Untergang des Osmanischen Reiches 1921 wütete und einen neuen Höhepunkt durch die Stationierung amerikanischer Truppen im Königreich Saudi-Arabien 1991 erreicht hatte. Die eschatologische Richtung von Bin Ladens Denken wollte es, dass dieser Krieg die historische Mission des Islam erfüllen sollte, nach Jahrhunderten der Demütigung wieder die erste Weltmacht des Planeten zu werden. Der Islam ist wie Tariq Ramadan einmal schrieb eine „Kultur der Erinnerung“, die ihr Selbstbewusstsein aus der historischen Tatsache schöpft einmal ein Weltreich gewesen zu sein. Diese Erinnerung ist so dominant und prägend, dass das Auftauchen Osama Bin Ladens nur aus dieser historischen Dimension verstanden werden kann. Bin Laden hielt sich für einen devoten Nachfolger des Propheten, der wie sein Vorbild die muslimischen Massen in einen großen Krieg zu führen gedachte, mit dem ein weltweites Kalifat errichtet werden sollte. Inwieweit Bin Ladens Version tatsächliche Autorität in Fragen der Koraninterpretation erreichen konnte oder wie authentisch sein Islam wirklich gewesen ist, soll uns nicht weiter interessieren. Sie war wirkungsmächtig genug, um so viele Franchisenehmer des Terrors zu rekrutieren dass die amerikanische und europäische Öffentlichkeit für kurze Zeit zumindest diese Bedrohung sehr ernst nahm. Ein weiterer Aspekt, der mit dem ersten in Zusammenhang steht und ihm keinesfalls widerspricht, ist, dass Bin Ladens Vision eines weltweiten Kalifats sehr eng mit einer spezifischen Selbstwahrnehmung der muslimischen Gesellschaften in der Moderne verknüpft ist. Bernard Lewis betont an mehreren Stellen seines Werkes das tief verankerte Geschichtsbewusstsein der  muslimischen Bevölkerungen, für die wenige Andeutungen genügen, um lebendige historische Bilder und Ereignisse wach zu rufen, die mehr als ein 1300 Jahre zurück liegen, ohne an Relevanz für die eigene Wahrnehmung eingebüßt zu haben. Das muslimische Bewusstsein denkt sich immer noch in imperialen Ausdehnungen und hält jene historische Epochen sehr lebendig, in denen man (zumindest in der eigenen Wahrnehmung) die erste Macht des Planeten gewesen ist. Extremistische Varianten, wie Bin Laden eine darstellt, unterscheiden sich vom Mainstream Islam hauptsächlich dadurch, dass sie die Wiederherstellung dieser einstigen Größe mit messianischem Feuer als allumfassenden Krieg begreifen, während der Mainstream eher eine nostalgische Verklärung der guten alten Zeit daraus macht, aber die Popularität, die Bin Laden und Al-Qaida mit religiösem Fanatismus und antikolonialistischer Rhetorik zeitweise genossen, beweist, dass sie mit ihren prinzipiellen Vorstellungen von Geschichte und Eschatologie an kollektiv vorhandene Narrative andocken konnten. Der Mainstream der muslimischen Bevölkerungen hat weder Lust noch Zeit sich in einem großen historischen Krieg verheizen zu lassen, aber es gibt kollektive Vorstellungen und Narrative, die Bin Laden erfolgreich mobilisieren konnte und mit denen sich in sowohl in moslemischen Ländern wie auch unter moslemischen Migranten im Westen trefflich Politik machen ließ.

Welchem konkreten Ziel der 9/11 Anschlag dienen sollte, kann nur aus den taktischen Überlegungen Bin Ladens abgeleitet werden. In seinen Adressen an die US Regierung, in denen er dem Westen den heiligen Krieg erklärte, gab Bin Laden genau Auskunft wen er alles für einen Feind hielt. Nicht bloß die USA und ihre Regierung, sondern auch das Rote Kreuz, die UNO, Israel und die Juden, große Konzerne und überhaupt Politik oder Organisationen die universelle Menschenrechte und Demokratie zum Ziel hatten. Mit den Anschlägen auf New York wollte Bin Laden nicht nur ein Zeichen setzen, und dem Westen seine Macht demonstrieren, er erwartet sich auch ein ganz konkretes Ergebnis. Die USA und alle westlichen Staaten sollten auf den Terror mit Angst reagieren und ihre Gesellschaften zu Polizeistaaten umrüsten. Das Bild, das er und seine Gefolgsleute vor Augen hatten, muss durch die fürchterlichen Erfahrungen geprägt worden sein, die Leute wie Ayman Al-Zawahiri, in ägyptischen Gefängnissen gemacht hatten. Folter, Repression und Mord waren seit Nasser die Mittel der Wahl um unliebsame Konkurrenten um die Macht auszuschalten. Wenn man sich wundert, welchen Sinn ein Bombenanschlag in zivilem Territorium politisch haben soll, muss man nur nach Israel schauen. Kollektive Angst soll den Staat zu Gegenschlägen bewegen, die ihrerseits zwangsläufig zivile Opfer fordern müssen, die man zu weiteren  Aggressionseinzahlungen in die „Zornbanken“  (Peter Sloterdijk) benutzen kann. Würden nur genug Anschläge in amerikanischen und europäischen Städten stattfinden, würde es – so das Kalkül – zu Pogromen gegen Muslime kommen, das Potential für einen Krieg weiter erhöhen  und das sichere Leben der westlichen Demokratien würde durch Polizei und Überwachung in eine unerträgliche Dimension geschleudert. Der Terror der Al-Qaida diente niemals einem reformistischen Ziel, sondern er sollte als Strategie der Spannung dazu dienen die Entrechtung und Unterdrückung der Muslime im Westen (oder was man als solche wahrnahm) weiter zu erhöhen. Was sich die djihadistischen Strategen erwarteten, war ein innerer Bürgerkrieg der westlichen Staatsapparate gegen die muslimischen Migranten, Angriffe auf Moscheen, willkürliche Morde, Folter, Diskriminierung, Deportierung und Ghettoisierung muslimischer Bevölkerung durch einen wild gewordenen Polizeistaat, ganz ähnlich wie die Reaktion der staatlichen Apparate die arabische Terroristen aus eigener Erfahrung kannten. Doch weder in den USA, noch in Großbritannien noch in Spanien und schon gar nicht in Deutschland fanden diese  Ereignisse statt. Auch oder gerade die Einrichtung von Guantanamo als Lager und Verhörlaboratorium bestätigt dies, weil die Bushregierung eben keine Möglichkeiten hatte, die Verfassung innerhalb der USA außer Kraft zu setzen. Sie musste einen Raum außerhalb des Rechtsstaates finden, in dem sie Foltermethoden wie Waterboarding zur Anwendung bringen konnte. Guantanamo ist bei allem Schrecken, den dieser Ort verbreitet hat, der deutliche Hinweis darauf, dass die Bushregierung trotz des Homeland Security Acts nicht den Rechtsstaat außer Kraft setzen konnte. Nicht anders die Situation in Europa: Statt Repressionsmaßnahmen kamen Islamkonferenzen und staatliche Programme gegen „Islamophobie“, antirassistische Demonstrationen und eine Volksabstimmung gegen zu hohe Minarette, und als Ausgleich dafür Moscheebauten in architektonisch günstigen urbanen Räumen. Wenn die djihadistischen Masterplaner das tatsächlich wahrgenommen haben, muss es eine katastrophale Entwicklung für sie gewesen sein, die nur noch durch bestimmte Entwicklungen des „arabischen Frühlings“ übertroffen wurden. Obwohl die Entwicklungen in den USA und den europäischen Ländern, die von Anschlägen erschüttert wurden, eine Zeitlang Besorgnis erregend gewesen sind, wenn man den Ausbau des Überwachungsapparates, die Befugnisse der Polizei und Geheimdienste und die Einschränkung der Bürgerrechte in den Blick nimmt, kann man ein Jahrzehnt nach 9/11 sagen, dass die befürchteten Entwicklungen nicht stattgefunden haben oder durch aufmerksamen Aktivismus zumindest in Grenzen gehalten worden sind.

Im Film „Ausnahmezustand“ (The Siege, 1998) verwandelt sich New York nach einem islamistischen Terroranschlag in ein militärisches Gefängnis, in dem der böse General (dargestellt von Bruce Willis) eine Diktatur aus Folter, Inhaftierungslager und Spitzelwesen errichtet, bis ihm Denzel Washington das Handwerk legt. Die vorausschauende Warnung, was im Fall des Falles passieren würde, wenn die zivile Gesellschaft sich nicht auf ihre innersten Tugenden besinnen würde, war wohl auch 2001 noch deutlich in Erinnerung geblieben. Die USA und ihre Verbündeten haben Kriege geführt, aber sie haben es dennoch vermieden zu Polizeistaaten zu werden. Wenn es einen Sieg im War on Terror gibt, dann besteht er genau darin, denn die Vernunft „ist ebenso listig als mächtig“.

 

3. Was wollten eigentlich die 9/11 Truther?

Die zahlreichen Verschwörungstheorien, die es um 9/11 gibt haben im Prinzip zwei große Themen gemeinsam. Das eine ist, dass die Bushregierung oder mit ihr verbündete Institutionen den Anschlag selbst geplant, organisiert und durch geführt haben und das andere, dass die Türme nicht durch die Flugzeugeinschläge selbst eingestürzt sein können, sondern durch Sprengungen der Fundamente nachgeholfen werden musste. Diese zwei Prämissen ziehen sich als roter Faden durch unzählige manchmal kompetentere zumeist jedoch idiotische Spekulationen über Baustatik, politische Verwicklungen und Geheimniskrämerei der Behörden. Von 9/11 Verschwörungstheorien Infizierte müssen als unheilbar betrachtet werden, denn es gibt kein Argument mit dem der Zusammenhang einer Verschwörung widerlegt werden kann. Selbst die Abwesenheit von Beweisen wird als Beweis einer Verschwörung interpretiert. Als die unzähligen Dokumente der Wikileaks Veröffentlichungen keinen einzigen Hinweis auf eine Beteiligung der US Regierung an 9/11 zu Tage brachten, reagierte die 9/11 Truth Community mit einem altbewährten Muster: Julian Assange und sein Wikileaks Projekt mussten eine False Flag Operation der CIA und der US Regierung sein, mit der die  Beweise für die 9/11 Verschwörung verborgen werden sollten. Dabei ist es wichtig, immer im Kopf zu behalten, dass einzelne Fakten, die von den 9/11 Truthern gesammelt und ausgebeutet werden durchaus nicht erfunden sein müssen. Die Schwierigkeit und unmögliche Aufgabe intellektueller Kritik ist die Melange zu durchschauen, mit der tatsächliche Fakten und frei erfundene  Geschichten kombiniert werden, um den verschwörungstheoretischen Spin zu erzeugen. Die niemals verstummten und immer wieder neu aufgekochten Stories, waren in den Monaten danach nichts weiter als intensiv recherchierte Hintergründe zum Teil bekannter Fakten. Die ersten Beiträge von Mathias Bröckers etwa, dem deutschen Parade 9/11 Truther, die auf Telepolis erschienen, lieferten neben gewagten Spekulationen auch durchaus wertvolle Beiträge zur Geschichte der Neocons und ihrer geostrategischen Fokussierung auf den Nahen Osten. Dass US Regierungen die Taliban gegen die Sowjets unterstützten, hatten aufmerksame Zeitgenossen bereits an Filmen wie „Rambo 3“ bemerken können, der John Rambo nach Afghanistan schickt, um den Mujaheddin gegen die Rote Armee beizustehen und in dessen Abspann zu lesen war, der Film sei „dem tapferen Volk der Afghanen gewidmet“. Es gehört zu den Merkmalen der 9/11 Verschwörungstheoretiker, dass sie viele richtige Fakten sammelten, aber den Kontext mutwillig und aus reinen Propagandazwecken veränderten, in dem diese Fakten gelesen werden mussten. Man muss nur die entsprechenden Texte von Bröckers oder Andreas von Bülow lesen. Die populistischen Tricks mit der 9/11 Truther sich ihre Wahrheit zu Recht biegen ist der Ausdruck einer opportunistischen Pseudokritik, die dazu dient ihre Verfasser in genau jenem Medienmainstream zu etablieren, der angeblich kritisiert werden soll. Aber es geht bei der „Wahrheit“ selten um bestimmte Fakten, sondern um Kontexte, in denen diese Fakten eingebettet sind. Viele Vertreter der Neocons verdrängen bis heute gezielt den Zusammenhang zwischen ihrem Engagement in Afghanistan während der sowjetischen Besatzung und dem Entstehen einer globalen terroristischen Bedrohung,  zuletzt etwa Abe Greenwald im Commentary Magazine. Aber all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass 9/11 Verschwörungstheoretiker zuallererst Idioten sind. Die beste und treffendste Beschreibung  9/11 Truther Idiotie, liefert wie könnte es anders sein, eine Folge der von Trey Parker und Matt Stone erfundenen Zeichentrickserie South Park, Folge 9 der 10. Staffel (die deutsche Version mit dem Titel „Scheiß Paranoia“ findet man hier).

Ihr Clou besteht ganz kurz gesagt darin, dass die 9/11 Verschwörungstheorien eine Verschwörung der US Regierung sind, die von dieser in Umlauf gebracht wurden, um sich als allmächtig und unbesiegbar darzustellen, weil die Wahrheit darin besteht, dass sie in Wirklichkeit unfähig, nachlässig und korrupt ist. Über diesen Kunstgriff gelingt es Trey Parker und Matt Stone den inhärenten Wahnsinn der 9/11 Truther treffend zu beschreiben, und den antisemitischen Grundton der in Phantasien über das Attentat vom 11. September immer schon anwesend war als unbedingte Voraussetzung  kenntlich zu machen. Wer behauptet, dass die Türme nach den Flugzeugunglücken gesprengt worden sein müssen, obwohl kein Fernsehbild jemals einen solchen Beweis erbracht hatte, sieht auch den „Fiddler on the roof“ schemenhaft in den Rauschschwaden über dem World Trade Center.

Einer der erstaunlichsten Aspekte an den Verschwörungstheorien ist ihr Effekt an Depolitisierung, den sie bei Infizierten auslösen. Man hätte erwarten können dass aus der Aufdeckung der größten Verschwörung der Geschichte eine Art Wutbürgerbewegung entsteht, die das politische Kräftegleichgewicht gefährdet, aber stattdessen entstand das Gegenteil. Verschwörungstheoretiker sind die ruhigste und manipulierbarste Form des Staatsbürgers, die es gibt. Jeder Staat kann sich nur möglichst viele solcher paranoiden Individuen wünschen, denn das Bild einer allmächtigen Verschwörung suspendiert politischen Handlungsdruck. Warum das so ist demonstriert eine Dialogzeile aus dem Film „The International“ (2009) des deutschen Regisseurs Tom Tykwer. Dort heißt es: „That’s the difference between truth and fiction. Fiction ist to make sense.“ Dieser Satz allein erklärt warum Verschwörungstheorien, wie sie die 9/11 Truther verbreiten das Gegenteil von Aufklärung sind. Aufklärung (und damit auch Wahrheit)  bedeutet aushalten zu können, dass man die Lücken des Narrativs nicht vollständig  füllen kann. Aufklärung und Wahrheit sind Begriffe, die nicht die ganze Geschichte erzählen können. Manipulierbare Idioten brauchen aber die ganze Geschichte, den „sense“ des Narrativs, und eben nicht die unvollständig bleibende Wahrheit. Oder wie es in Johannes 8, 31-32 heißt: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“

Die Wahrheit, die im Logos, dem Wort steckt, ist die Freiheit auch dort Wahrheit zu erkennen, wo die Vernunft es vermeidet „sich unmittelbar in diesen Prozeß einzumischen.

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What’s left behind – Anmerkungen zum linken Ressentiment (1)

Februar 20, 2011 7 Kommentare

Jetzt höre ich erst, was sie so oft schon sagten: „Wir Guten — wir sind die Gerechten“ — was sie verlangen, das heissen sie nicht Vergeltung, sondern „den Triumph der Gerechtigkeit“; was sie hassen, das ist nicht ihr Feind, nein! sie hassen das „Unrecht“, die „Gottlosigkeit“; was sie glauben und hoffen, ist nicht die Hoffnung auf Rache, die Trunkenheit der süssen Rache (— „süsser als Honig“ nannte sie schon Homer), sondern der Sieg Gottes, des gerechten Gottes über die Gottlosen; was ihnen zu lieben auf Erden übrig bleibt, sind nicht ihre Brüder im Hasse, sondern ihre „Brüder in der Liebe“, wie sie sagen, alle Guten und Gerechten auf der Erde.

Nietzsche, Genealogie der Moral  I, 14

Den Psychologen voran in’s Ohr gesagt, gesetzt dass sie Lust haben sollten, das Ressentiment selbst einmal aus der Nähe zu studieren: diese Pflanze blüht jetzt am schönsten unter Anarchisten und Antisemiten,(…)

Nietzsche, Genealogie der Moral  II, 11

1.

Nietzsches Begriff des Ressentiments, wie er zum ersten Mal ausführlich in der „Genealogie der Moral“ (1887) diskutiert wird, bedeutet auf Deutsch so viel wie Verstimmung oder Groll. Im herkömmlichen Sprachgebrauch bezeichnet es eine durch Vorurteile oder persönliche Verletzung hervor gerufene  Abneigung gegen jemanden oder etwas, die jedoch nicht offen gezeigt wird. Ein Ressentiment ist ein stilles Gefühl, das über Kanäle abgeleitet wird, zwischen den Zeilen formuliert oder durch Vorwände anhand ganz anderer Themen zur Sprache kommt. Als Nietzsche diesen „Terminus technicus“, (wie Max Scheler das Wort einmal genannt hat) entwickelte, hatte er durchaus diese Bedeutung im Sinn, wollte aber noch ein Stück weit darüber hinaus gehen.

Die Wahl eines französischen Worts, das bis dahin nicht Teil eines breiteren deutschen Wortschatzes gewesen ist, sollte signalisieren, dass Nietzsche mit dem Begriff des Ressentiments wesentlich mehr ausdrücken wollte als einen emotionalen Zustand. Die ganze Ambiguität von Nietzsches Philosophie findet im Begriff des Ressentiments seinen reinsten Ausdruck. Einerseits ist das Ressentiment aufs engste mit dem Phänomen der jüdischen und christlichen Moral verknüpft: die „Sklavenmoral“, wie Nietzsche das nennt, ist ohne das Ressentiment gar nicht denkbar, andererseits nimmt das Wort in seinem Werk den Charakter eines politischen Begriffs ein, der den ultimativen Gegensatz zu seiner vitalistischen Lebensphilosophie verkörpert. Der Mensch, den Nietzsche im Sinn hat, („Übermensch“ ist hier nur ein möglicher Begriff), widersteht dem Ressentiment, weil er frei ist. Die Unfreiheit, die  das Ressentiment bedeutet, besteht darin, dass der vom Ressentiment Beherrschte nicht in der Lage ist, das zu tun was er will, und das Ressentiment braucht, um sich davon zu überzeugen, dass er sich in der moralisch besseren Position befindet. Der von Zarathustra inspirierte Geist demonstriert seinen unbedingten Willen zur Macht dadurch, dass er den Gefühlen ohne Gewissensbürden nachgibt, die durch eine jüdisch christliche Tradition („Sklavenmoral“) in Verruf gebracht wurden: Hass, Wut, Vergeltung, Rachsucht. Das schlechte Gewissen, eine Grundbefindlichkeit christlicher Moral und Ursprung und Motor des Ressentiments, ist nach Nietzsche ein Ausdruck einer Philosophie, die ihre Lebensfeindlichkeit als Tugend begreift. Während der vitalistische Charakter all seine dionysischen Zustände bejaht, seine positiven mitmenschlichen Affekte genau wie seine antisozialen Impulse, den Hass auf seine Feinde oder den Hunger nach Rache, verdrängt der vom Ressentiment ergriffene Mensch diese Motive. Anstatt sie zu akzeptieren und zu bejahen verwandelt der Schwache diese Emotionen in eine Moral, in der das Verneinen des Begehrens als Stärke erscheint, obwohl sie nur Ausdruck von Impotenz ist. In gewisser Weise folgt Nietzsche damit einer Idee Spinozas, der in seiner „Ethik“ festhielt, dass Affekte des Leidens, der Wut und des Hasses daher rühren, dass ihre Ursache nicht erkannt wird. Das Erkennen der Ursache würde nach Spinoza das Ende des Leidens nach sich ziehen. Aber soweit folgt Nietzsche dem niederländischen Aufklärer nicht. Das Ressentiment lässt sich durch Aufklärung, also durch eine Erkenntnis seiner Ursachen nicht an sich verändern, weil es untrennbar mit der Position des Schwachen verknüpft ist.

Das Ressentiment ist die Verinnerlichung dieser Vorgänge, die aber vom Schwachen als moralische Überlegenheit gegenüber dem Stärkeren rationalisiert wird, als Sublimierung und Transformation der Impotenz in die Heroisierung der Impotenz als eigentlichen Ausdruck von Stärke. Das Ressentiment ist paradoxerweise das was den Schwachen zum Schwachen macht, obwohl es gleichzeitig eine  Krücke für die Persönlichkeit darstellt. Auch das Ressentiment hasst und will Rache, aber weil es diese nicht realisieren kann, muss es in eine edle humanistische Haltung umgelogen oder in eine konsistente Identität projiziert werden. (Beides ist für Nietzsche praktisch austauschbar.) Weil der Impuls des Hasses aber deswegen nicht verschwunden ist, mogelt sich die Aggression an anderer Stelle wieder in den Diskurs. Darum ist das Ressentiment eine Art von Emotion, die sich selbst nicht als Aggression zu erkennen geben kann, sondern sich über Vorwände und verdrängte Konflikte unter ganz anderen Umständen äußert. Es ist bemerkenswert, dass Nietzsche äußerst treffsicher zwei politische Ausdrucksformen als prototypisch für das Ressentiment betrachtet hat: den Antisemitismus und das was er die „Anarchisten“ nennt. Wir tun Nietzsche keine Gewalt an, wenn wir davon ausgehen, dass er den Begriff der „Anarchisten“ stellvertretend für das benutzt hat,  was wir heutzutage als die „Linken“ bezeichnen würden. Da Nietzsche wenig Interesse daran hatte  auch nur irgendeine Unterscheidung zu treffen oder genauer zu differenzieren, wer oder was die „Anarchisten“ sind, müssen wir diese Aufgabe übernehmen. Anstatt das Ressentiment umstandslos den „Linken“ überzuhängen, erscheint es sinnvoller heraus zu finden, was ein spezifisch linkes Ressentiment ist. Und um den Rahmen dieses Beitrags nicht zu sprengen, konzentrieren sich die folgenden Überlegungen auf die drei offensichtlichsten Formen des linken Ressentiments: Antiamerikanismus, Antizionismus und Antikapitalismus.

2.

Was ist falsch an einem Ressentiment? Diese Frage zu beantworten erscheint notwendig,  wenn man sich nicht mit Nietzscheanischen Kategorien und Begriffen vom „Übermenschen“ herum schlagen will oder seine reichlich kruden Gegensätze vom „Starken“ und „Schwachen“ ins Treffen führen mag. Nietzsche selbst gibt allerdings einige Hinweise darauf wie man mit dieser Problemstellung umgehen kann. In der „Genealogie der Moral“ spricht er von denen, die von sich als „Wir Guten — wir sind die Gerechten“ reden, aber „(…) was sie verlangen, das heissen sie nicht Vergeltung, sondern „den Triumph der Gerechtigkeit“.

Es geht also darum, dass das Ressentiment in bestimmten Abstraktionen redet (Gerechtigkeit, Wahrheit, Humanismus), aber diese Abstraktionen nur Sublimierungen negativer Phantasien darstellen. Gerechtigkeit ist ein Begriff, der nichts bedeutet, wenn er eine abstrakte Kategorie bleibt, die als Universalismus nicht konkret werden kann. Dabei geht es zwar auch darum, dass man das eine sagt und das andere meint, (was einfach zu identifizieren ist), aber wichtiger erscheint uns die Tatsache, dass der Widerspruch  zwischen Abstraktem und Konkretem offen bleibt. Im Ressentiment können die kleinen Boshaftigkeiten und gemeinen Aggressionen ausgelebt werden, weil man sie mittels abstrakter Kategorien gegen Kritik immun zu machen glaubt. Die Motivation für Begriffe wie Humanismus und Gerechtigkeit liegt für Nietzsche hauptsächlich darin, eine moralische Überlegenheit zu suggerieren, die Kritik ideologisch suspendieren kann. Anstatt den Widersprüchen des Realen nachzugehen,  versucht das Ressentiment einen Diskurs zu etablieren, der in erster Linie moralische Werturteile produziert. Moral ist für Nietzsche aber das Gegenteil von Erkenntnis  und Wissen, weil moralische Ansagen keine Notwendigkeit beinhalten, ihre eigene Motivation grundsätzlich zu hinterfragen. Der französische Philosoph Louis Althusser identifizierte in seiner Marxlektüre solche ideologischen Lücken als „Antworten auf Fragen, die nie gestellt wurden“. Das Ressentiment redet zwar von Humanismus und Gerechtigkeit, lässt aber beliebig offen, worauf diese Begriffe angewendet werden müssen, um sie politisch wirksam werden zu lassen. Die Anziehungskraft eines solchen ideologischen Topos liegt genau darin, dass es nicht um falsche oder richtige Argumente geht, sondern Argumente in den Diskurs einfließen, die sich nicht um die Konsistenz des eigenen Diskurses scheren müssen. Im Falle des Antisemitismus äußert sich das Ressentiment häufig darin, dass jemandem, der als Jude identifiziert wird und Israel kritisiert praktisch uneingeschränkte Glaubwürdigkeit zugeschrieben wird. Wenn Moshe Zuckermann durch Deutschland reist und den Vorwurf des Antisemitismus zum eigentlichen Problem erklärt, verkennt der Historiker Zuckermann, dass es nicht seine Thesen und Argumente sind, die von unsereiner für falsch gehalten werden, (denn die können sehr wohl politischen Realitäten entsprechen), sondern dass der Erfolg seiner Vorträge darin liegt, dass er sie als jüdischer Israeli hält. Das antisemitische Ressentiment, eben mehr als nur ein rassistisches Vorurteil, ist wie Nietzsche so treffend erkannt hat, der „Triumph der Gerechtigkeit“, der „Hoffnung auf Rache“ meint.

3.

Die Protestbewegungen der tunesischen und ägyptischen Bevölkerungen veränderten in wenigen Wochen die geopolitische Situation eines Raums, den man bis dahin solcher Veränderungen für unfähig gehalten hatte. Die Tunesier jagten Ben Ali aus dem Land, die Ägypter zwangen Mubarak zum Rücktritt. Und ganz neben bei etabliert sich zurzeit in beiden Ländern eine zivile Opposition, die in Zukunft das demokratische Rückgrat dieser Gesellschaften bilden wird.  Langsam aber sicher dämmert nun auch einem Teil der Linken, dass die Entwicklungen in Tunesien und Ägypten vielleicht nicht direkte Folge gewesen sind, aber zumindest einen engen Zusammenhang mit der US-Invasion des Irak 2003 besitzen. Dem Taz-Autor Deniz Yüzel, der sich der Frage gestellt hat, ob die politischen Ideen der Neocons  mehr als nur Hirngespinste sind, gebührt großer Respekt. In den Reaktionen auf seinen Beitrag erkennt man jedoch die Tendenzen des linken Mainstreams: Fürchterlicher als alle Diktaturen ist die Möglichkeit, dass George Bush jr. vielleicht doch nicht der Idiot gewesen ist, für den man ihn immer gehalten hat. Angesichts der tunesischen und ägyptischen Proteste stellt sich die Frage, wie die wichtigen linken Intellektuellen diese Entwicklungen  bewerten.

Am 3. Februar 2011, also eine ganz Woche vor Mubaraks Rücktritt konnte man auf Al Jazeera ein gemeinsames Interview mit Tariq Ramadan und Slavoj Zizek sehen, bei der sie zu den Massendemonstrationen in Ägypten Stellung nehmen konnten. Das Video sollte hier noch verfügbar sein. An Ramadans und Zizeks Reaktion kann man sehr deutlich nachvollziehen, was Nietzsche unter dem Begriff des Ressentiments verstanden hat. Beide zeigten sich natürlich hellauf begeistert von diesen Protesten, lobten die demokratische Standfestigkeit der Demonstranten, und schafften es tatsächlich die israelische Siedlerpolitik als relevantes Thema in das Gespräch einzuschleusen. Speziell Slavoj Zizek tat sich als mutiger Israelkritiker hervor, dem angesichts der Epoche machenden demokratischen Umbrüche in Ägypten scheinbar nichts wichtiger war, als die israelische Schuld am nicht stattfindenden Friedensprozess festzuhalten. Ein höchst amüsantes Detail am Rande ist, dass er  die ägyptischen Demonstranten dafür lobt, dass sie keine israelischen oder US-Fahnen verbrannt haben, aber selbst auf das rhetorische Pendant nicht verzichten kann. Wenn das nicht klassische psychoanalytische Verdrängung ist, was dann? Zizeks unbedingtes Beharren in sein Statement eine antiisraelische Tirade einzubauen, verweist auf die Notwendigkeit des Ressentiments zu verdrängen. Der antizionistische Spin ist das verlässliche Reboot des Ressentiments, wenn man die politische Widersprüchlichkeit verdrängen will, die ihm zugrunde liegt. Was Hegel wohl die „List der Vernunft“ nennen würde, dass nämlich ausgerechnet der imperialistische Aggressor verkörpert durch den meist gehassten Präsidenten der Geschichte die demokratischen Entwicklungen durch seinen Angriff auf den Irak los getreten hat, kann vom Hegelianer Zizek nicht einmal angedacht werden, weil sich sein Ressentiment sonst in Luft auflösen würde. Sein Verweis auf das Fehlen einer organisierten Linken in Ägypten drückt deshalb nur die Tatsache aus, dass es um das Fehlen einer westlichen Linken geht, die in der Lage sein könnte über ihrer antiisraelischen und antiamerikanischen Impulse hinaus zu denken.

Ramadans wichtigstes Anliegen schien mehr darin zu liegen, westliche Belehrungsversuche in Sachen Demokratie für die Ägypter aufs Schärfste zurück zu weisen. Eine erstaunliche Reaktion, wenn man bedenkt, dass sich sowohl die EU, als auch die USA noch nach Wochen der tunesischen und nun ägyptischen Demokratiebewegung kaum zu irgendeiner Stellungnahme hatten durchringen können, von Einmischungen und Belehrungen ganz zu schweigen. Auch dies eine für Tariq Ramadan typische Diskursstrategie, sich die angebliche Belehrung durch den Westen als szenischen Feind zu imaginieren, der leicht zurück gewiesen werden kann, vor allem wenn er gar nicht existiert. Ramadan inszeniert sich gerne als Meisterdenker, der in einem seinen letzten Bücher „The Quest for Meaning“ über „pluralism and diversity“ nachdenkt und darin Sätze schreibt wie: „Time is linear or cyclical“ oder sich seitenlang mit Floskeln aufhält wie, „the presence of the other within my own conception of the world is both a fact and a necessity“. In „The Quest for Meaning“  behauptet  Ramadan eine „philosophy of pluralism” entwickelt zu haben, „one that allows us to step back from the narrow window of our own limited viewpoint and plunge into notions, concepts and questions(…)“, aber tatsächlich ist es eine Aneinanderreihung von Banalitäten, die sich davor drücken irgendeinen nachvollziehbaren Standpunkt einzunehmen, außer einem Kulturrelativismus, der verhindern will, dass man Steinigung und Frauenhass im Islam kritisieren kann. An ihm und seiner Literatur kann man prototypisch zeigen, dass große Abstraktionen nichts weiter als ein Vorwand sind, intellektuelle Impotenz zu verschleiern.

Ramadan und Zizek sind zwei der prominentesten linken Intellektuellen weltweit, und am Verlauf ihres Gesprächs lässt sich das Ausmaß an dunkler Kulturlosigkeit ermessen, das heutzutage mit dem Begriff „links“ verknüpft werden kann.  Während der slowenische Hegel und Lacaninterpret Slavoj Zizek die durchaus einmal vorhandene Konsistenz seiner philosophischen Entwicklung einer zunehmend paranoiden Ideologie opfert, in der sich die opportunistische Maske der „Israelkritik“ als rebellisch-antiwestliche Geste inszenieren lässt, muss Tariq Ramadan einfach nur den geraden Weg gehen, der ihm als Enkel von Hassan Al-Banna vorgegeben wurde. Beiden ist gemeinsam, dass sie in ihrer angeblichen Begeisterung für die demokratischen Proteste Ägyptens und Tunesiens nur dazu fähig waren Ressentiments zu formulieren, mit denen sich ihre offensichtliche Unfähigkeit verdecken lassen kann, politische Konsequenzen aus ihren Fehleinschätzungen zu ziehen. Auf sie trifft zu, was Nietzsche in der „Genealogie der Moral“ geschrieben hat: „(…)das Ressentiment solcher Wesen, denen die eigentliche Reaktion, die der That versagt ist, die sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten.“ Das Moment des Handelns haben die amerikanischen Neocons auf ihrer Seite und weil es diesen wie dem Baum egal ist, wenn die Sau sich an ihm reibt, verlieren sich die Dummheiten der Zizeks und Ramadans im Imaginären.

(to be continued)

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