Die Postmodernisierung des Islam. Über Tariq Ramadans „The Quest For Meaning” (Penguin Books, 2010)

September 18, 2013 1 Kommentar

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Die Karriere des Schweizer Islamwissenschaftlers Tariq Ramadan ist in jeder Hinsicht beeindruckend. Neben einer Vielzahl verkaufter Bücher gastiert der engagierte Intellektuelle an amerikanischen und britischen Eliteuniversitäten, hält Lehrstühle für Zeitgenössische Islamwissenschaft und agiert als Berater und Consultant in unzähligen Gremien, die sich mit interreligiösem Dialog beschäftigen oder ethischen Fragen zur Biotechnologie. Obwohl man über den Wert seiner unmittelbaren akademischen Leistungen geteilter Meinung sein kann, füllt er in der europäischen und amerikanischen Öffentlichkeit eine wichtige Lücke: die des islamischen Intellektuellen, der beide Seiten kennt und sich in beiden Sphären glaubwürdig bewegen kann. Ramadan ist eine Erscheinung der intellektuellen High Society, der mit Staatspräsidenten zu Talk Shows eingeladen wird und öffentliche Diskurse mit bestimmt. In seinem Buch „The Quest For Meaning“ versucht sich Ramadan erstmals als Philosoph. War er in seinen bisherigen Büchern ein Vermittler von islamischen Vorstellungen und intellektuellen Paradigmen der reichen und historisch weit zurückgehenden Kulturen des Nahen Ostens und der arabischen Welt („Muhammad: Auf den Spuren des Propheten“, „Radikale Reform: Die Botschaft des Islam für die moderne Welt“), oder eine Schnittstelle für den interreligiösen Dialog („Der Islam und der Westen“), versucht er sich in „The Quest For Meaning“ als Denker eines religiös inspirierten demokratischen Pluralismus, als Philosoph der Diversität, des Multikulturalismus und der ökumenischen Toleranz. Oder zumindest behauptet er das.

1.

In Paul Bermans lesenswertem Buch „The Flight of the Intellectuals“ setzt sich der Autor intensiv und äußerst kritisch mit Tariq Ramadans Leben und Teilen seines Werks auseinander. Er stellt nicht nur die zahlreichen Widersprüche in Ramadans Ideenwelt dar, sondern attestiert ihm auch eine fast sture Angewohnheit bestimmten Problemen in seinem Denken aus dem Weg zu gehen. Ramadan legt sich nicht gerne fest. Fragen nach bestimmten problematischen Aspekten seiner Familie antwortet er ausweichend oder defensiv, endgültig distanzieren will er sich aber nicht. Die Ramadans sind so etwas wie Hochadel innerhalb der ägyptischen Muslimbruderschaft, wiewohl sein eigener Einfluss dort sehr begrenzt sein wird. Viele Angriffe gegen seine Person, er wäre ein verkappter Extremist oder befleißige sich gern eines „Doublespeak“ sind jedoch oft sehr böswillig, fast immer falsch und außerdem verfehlen sie das Problem und stehen einer anständigen Auseinandersetzung mit seinen Texten eher im Weg. Das Buch von Berman ist in dieser Hinsicht eine sehr löbliche Ausnahme. Er vergleicht Ramadans Positionen als öffentliche Figur mit Passagen in seinen Texten und lotet die Spielräume aus, die in die oft schwammigen, unbestimmten, vorsichtig formulierten Sätze hinein interpretiert werden können. Ramadan ist ein Mann mit Geschichte. Sein Großvater war Said Ramadan, sein Großonkel Hassan Al-Banna, beides Gründungsväter und Anführer der ägyptischen Muslimbruderschaft. Beide Männer sind in Ramadans Augen „antikolonialistische Helden“, Champions der Demokratie und der Menschenrechte, über sie lässt er nirgendwo ein schlechtes Wort fallen. Seinem spiritus rector, Scheich Al-Quaradawi, dem einflussreichsten Kleriker des sunnitischen Islam erweist er demütige Huldigung. Den Antisemitismus, die Nähe zum Nazifaschismus, die Tradition der Holocaustleugnung, seiner Verharmlosung oder auch seiner Verherrlichung, die bei allen drei irgendwie zu finden ist, ignoriert er oder er distanziert sich halbherzig davon, ohne es wirklich zu sagen. Weil er als Islamgelehrter die von ihm erfundene Richtung „salafischer Reformismus“ repräsentiert, liegt sein Hauptaugenmerk darauf, die „salafischen“ Lehren, also die unverfälschten tatsächlichen Worte und Anweisungen des Propheten und seiner Gefährten in eine zeitgemäße Sprache zu übersetzen. Und zeitgemäß ist sie, daran besteht kein Zweifel. Er will immer die verfeindeten Konfessionen versöhnen, spricht vom Frieden, dem Pluralismus, der Toleranz und bekennt sich unermüdlich zur Demokratie und den Menschenrechten. Trotzdem wird ihm immer wieder unterstellt, er würde in Wirklichkeit einen Shariastaat wollen und Europa zu islamisieren versuchen. Der deutsch-libanesische Islamwissenschaftler Ralph Ghadban hat in seiner Untersuchung über Tariq Ramadan genau das behauptet. Ich halte das für falsch. Andere Kritiker sehen in Ramadan eine Art fünfte Kolonne und werfen ihm „Doublespeak“ vor. Solchen Vorwürfen ist unbedingt mit Misstrauen zu begegnen. Gerade diejenigen, die für Antisemitismus sensibel sind, werden im Vorwurf des „Doublespeak“ eine vertraute antisemitische Trope erkennen. Dass man Ramadan, der unermüdlich von Demokratie spricht, nicht glauben mag, dass er selbst auch konkret politisch ein Demokrat sein soll, ist vollkommen absurd. Caroline Fourets Buch „Bruder Tariq“ bietet zwar erstklassig recherchierte Information, übertreibt aber Ramadans Bedeutung für einen extremistischen Rand einer muslimischen Bevölkerungsminderheit maßlos. In einem Interview mit dem französischen „L’express“ bezeichnet sie ihn sogar als „Kriegsherrn“ (chef de guerre). Ich halte das für sehr fragwürdig. Tariq Ramadan ist ein äußerst erfolgreicher Akademiker, der nichts mit Hass predigenden Vollbartislamisten gemein hat, die arabische und muslimische Fernsehkanäle weltweit mit Jihad Rhetorik und Verschwörungstheorien über Israel, die Zionisten und/oder den USA bevölkern. Seinen Mangel an Distanz zu extremistischen Islamparolen, die nicht zuletzt von den verschiedenen Franchises der Muslimbrüder aus seinem eigenen Lager kommen, kann er nicht erklären, er kann dem dahinter liegenden Problem nur durch eine sorgfältig Worte wählende Sprache ausweichen, in der er immer verschiedensten politischen Bedürfnissen Rechnung trägt. Ramadans Problem dabei ist durchaus real und hat nichts mit „Doublespeak“ zu tun. Wie viele andere Menschen mit Migrationshintergrund, die es „geschafft“ haben, ist er ständigen Loyalitätskonflikten ausgesetzt. Seine fast schon Nibelungentreue zu nennende Verehrung und Verteidigung von Vater, Großonkel und Großvater, die er scheinbar nicht kritisieren darf, verbindet sich mit seinen durchaus ehrlich gemeinten Bemühungen um Anerkennung und intellektueller Verortung in Europa und den USA von heute zu einem Doublebind, in der er auf westlicher Seite ständig auf seine Loyalität zu einem angeblichen europäischen Wertekanon befragt wird, aber als  gläubiger Muslim im clash of civilisations buchstäblich aufgerieben wird. Man sollte den Integrationsdruck, der auf den migrantischen Kulturen lastet jedenfalls nicht ohne weiteres unterschätzen, wenn man sich auf Tariq Ramadans oft fragwürdige Positionen ernsthaft einlassen will. Ramadans Projekt ist die Versöhnung der salafischen Ideenwelt mit einem pluralistischen demokratischen Gemeinwesen. Sein Islam ist darin nicht das Problem, wie es viele seine Kritiker sehen, sondern seine völlig nebulosen Ausweichmanöver, wie das letztlich konkret aussehen soll. Er redet zwar viel darüber, propagiert aber ein solches Projekt mehr, als er es beschreibt. Ramadans Islam ist  zwar äußerst konservativ, aber seine Interpretation ist deshalb nicht fundamentalistisch oder extremistisch. Im Gegenteil sollte man zur Kenntnis nehmen, dass Tariq Ramadan einen konservativen islamischen Mainstream repräsentiert, der es sich im Westen eingerichtet hat und der in Zukunft politisch eine Rolle spielen wird. Wenn man verstehen will, was an seinem Islam tatsächlich problematisch ist, muss man in seinen eigenen Worten „am Anfang“ beginnen. Im seinem 2000 erschienenen Buch „Western Muslims and the Future of Islam“ lautet der erste Satz: „Someday we are bound to come back to the beginning.“

2.

Von Anfängen ist der Islamgelehrte Tariq Ramadan geradezu besessen. Die theologische Richtung des Salafismus, deren bedeutendste Vertreter in der ägyptische Muslimbruderschaft zu finden sind, ist eine Beschwörung der Ursprünge, das große Zurück zu den Quellen der Rechtgelehrtheit, zu den Anfängen, als der Prophet und seine Gefährten den Islam begründeten. In der Kultur des Islam so wie Ramadan sie sieht, gab es niemals Zweifel an den fundamentalen Prinzipien: der Einzigkeit Gottes, die Unmöglichkeit ihn darzustellen und dass er sich im Koran offenbart hat. Islamisches Denken hat sich immer von diesen drei Prinzipien abstrahierend ins Werk gesetzt, was Ramadan zu dem äußerst interessanten Schluss verleitet: „There is no ‚islamic theology‘.“ (Ralph Ghadban, das sollte man anmerken, hat diesem Satz aufs Heftigste widersprochen, aber bleiben wir bei Ramadan.) Theologie wie sie im Christentum sich entwickelt hat ist für Ramadan nur deshalb möglich, weil der Zweifel an der Einzigkeit Gottes und die Überwindung dieses Zweifels eine solche notwendig macht. Der Islam braucht sie nicht, weil diese Prinzipien „salaf“ sind, der Ursprung und die Quelle des Glaubens, zusammengefasst durch den Begriff „Tawhid“. „Tawhid“ ist nicht nur die Lehre der Einzigkeit Gottes, sondern auch die Ablehnung von Dualismen und Oppositionen die sich dialektisch gegenüberstehen. Binäre Oppositionen werden früher oder später in der Einzigkeit Gottes vereint.

„From the beginning, the Islamic Tradition rejects this kind of antithetical dualism and bases the measurement of moral categories on the ability of human consciousness to take responsibility for finding balance.”

Schlüsselwort ist „from the beginning”. Weil der Islam von Anfang an perfekt war, sind in ihm all jene Ideen, von denen Tariq Ramadan so eingenommen ist, die Demokratie, die Menschenrechte, die Toleranz, der Respekt vor dem anderen, bereits enthalten. Es braucht keine Theologie, keinen scholastischen Streit um die Erkennbarkeit des Göttlichen und damit gibt es auch keine Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Offenbarung. Der Islam, will uns Tariq Ramadan sagen, hat keine Geschichte. Der Islam ist die Geschichte und zwar die einzige Geschichte, in der alles andere, auch die Wissenschaft, die Technik, die Kultur und die Philosophie bereits von Anfang an enthalten sind. Obwohl es zahlreiche Kritik auch von Seiten der Islamwissenschaft an dieser Darstellung gibt, kann sich Ramadan auf der Seite der Mehrheit fühlen. Er mag wohl der modernste, am meisten im Westlichen situierte Islamvermittler sein, aber seine konservative salafitische Prägung steht heutzutage für den Mainstream der islamischen Welt. Der historische Islam, den Ramadan meint ist in seiner eigenen historischen Entwicklung niemals von einer säkularen Gegenkultur heraus gefordert worden. Spinoza wurde von seiner jüdischen Gemeinde exkommuniziert, von christlichen Fanatikern beschimpft, seine Werke wurden verboten, aber seine rationalistische Bibelkritik wurde zu einem Modell, das überall in Europa Wirkungen erzeugte und dem Konflikt zwischen Kirche und Staat, Religion und Wissenschaft, Freiheit und Autorität zusätzlich befeuerte. Nicht so im Islam. Ramadans Voraussetzung, dass Demokratie, Toleranz und Respekt universale und allen Zivilisationen zugängliche Prinzipien darstellen, heißt für ihn, dass islamische Prinzipien universal sind. Die Offenbarung aus den Wüsten Arabiens ist überall und immer schon diese Universalität, die Demokratie, Menschenrechte, Toleranz und Respekt hervor gebracht hat. Darum prallt an ihm der Vorwurf auch völlig ab, dass sein Projekt sein soll die Islamisierung von universalen Werten zu betreiben. Er versteht diesen Vorwurf schlicht nicht. Dieses Unverständnis treibt ihn zu fragwürdigen Behauptungen über den Begriff des Universalen.

Ramadans Islam arbeitet mit Begriffen, die für das was er politisch erreichen will, völlig unbrauchbar sind und flüchtet sich darum in Kulturalismen. Er glaubt eine islamische Entsprechung für einen Demokratiebegriff gefunden zu haben, die Schura, also die Beratung des Herrschers durch ausgewählte Weise und Gelehrte und meint dies sei schon genug um die islamische Tauglichkeit für die Demokratie zu erweisen. Es geht dabei nicht um die angebliche oder tatsächliche Vereinbarkeit des Islam mit der Demokratie, sondern dass Ramadans Argument und das vieler seiner Genossen in der Muslimbrüderschaft schlicht den Kern der Sache verfehlt. Ramadan will keinen Shariastaat und die Verwandlung Europas in ein Kalifat, sondern er will tatsächlich eine bürgerliche Demokratie, aber ignoriert oder nimmt nicht wahr, dass solche groben Begriffsübersetzungen höchst problematisch sind. Er setzt Gleichheit und Analogie bei Begriffen voraus, für die man diese Identität erst argumentieren müsste und die auch danach einfach nicht dasselbe bedeuten. Weil Begriffe wie Demokratie keine Tradition im muslimischen Denken haben, versucht er gewaltsam eine solche hinein zu interpretieren. Wie sein türkischer Kollege Fetullah Gülen ist er überzeugt davon, dass die islamische Tradition Demokratie und Menschenrechte bereits vor weg genommen hat, bevor sie in der europäischen Aufklärung entwickelt wurden. Wo eine solche muslimische Tradition erst entwickelt werden müsste, eine sorgsame Auseinandersetzung mit den Klassikern beider Welten, da scheint auf Ramadans (oder Gülens) Seite das Projekt immer schon abgeschlossen, vollständig entwickelt und bereit zur Verwendung. Ramadan meint, dass der Islam eine „Kultur der Erinnerung“ sei, die sich sozusagen an die salafischen Prinzipien bloß erinnern muss, um jenes politische Projekt umzusetzen. Dies ist nicht nur eine rhetorische Position, sondern die Grundlage seines Denkens, die man immer in Erinnerung behalten muss. Berman meint, er versuche „old ideas“ als „new ideas“ auszugeben, er habe aber die „new ideas“, die er in den  Islam einbringen will, falsch oder gar nicht verstanden. Das letzte Argument halte ich nicht für richtig, Ramadan versteht sehr gut, Begriffe als Namedropping zu schreiben, er weiß was und wie er es sagen muss, um von denen, die er ansprechen will, verstanden zu werden. Es bleibt allerdings bei Andeutungen und seine Schreibweise ist von äußerster Ungenauigkeit in sehr relevanten Details. Wie wir gleich sehen werden, entlarvt sich diese schlampige Arbeitsmethode besonders deutlich, wenn es um Philosophie geht. Berman trifft gegen Ende seines Buches ein vernichtendes Urteil über Ramadan. Weil er sich vom Erbe seiner Väter und Vorväter nicht distanzieren kann, habe er sich in einem intellektuellen Käfig eingebunkert, dessen Gitterstangen er mit unterschiedlichsten Farben ausmale um sich und seiner Leserinnen und Leser davon zu überzeugen, dass die „old ideas“ völlig in Ordnung sind und ihre Integration ins Neue kein Problem darstellen. Berman schreibt: „He cannot think for himself. He does not believe in thinking for himself.“ Ich denke, dass dieses harsche Urteil nicht stimmt. Aus Sicht von Ramadan ist es nämlich kein Käfig, sondern eher wie der Elfenbeinturm in Michael Endes „Die Unendliche Geschichte.“

3. The Quest For Meaning

Zunächst ist es eine Einladung zu einer Reise. Im sehr schön geschriebenen Prolog „Oceans and Windows“ geht es um die Erkundung der vielen Fenster zur Welt. Jeder von uns ist in seinem kulturellen Bias gefangen und sollte sich auf geistigen Flügeln nach draußen wagen und an der Vielfalt der spirituellen Ressourcen erfreuen. Universalismus ist für Ramadan eine sprachliche Operation. Alle Religionen, alle Glaubensrichtungen, alle Kulturen, immer alle möglichen Elemente einer Kette von differenzierten Kategorien werden von ihm bemüht, um das ihnen Gemeinsame, oder vermeintlich gemeinsame zu zeigen. Es gibt keine Widersprüche. In einer fast radikalen Wendung gegen die Differenz sind die unter „alle“ gefassten Begriffe atomare Entitäten eines Signifikanten postmoderner Beliebigkeit. Weil er immer alle meint, und das ihnen gemeinsame so oft betont, verschwinden die Konfliktlinien zwischen ihnen ins Nirgendwo. Statt zu fliegen, gehen wir mit ihm spazieren, gemütlich durch die Ideenwelt schlendernd. Was Ramadan unter Pluralismus, Toleranz und Diversität versteht ist Betrachtung des jeweils einzelnen mit der Brille des Universalistischen. Jede Religion, jedes Set an in sich geschlossenen Regelwerken, westliche Wissenschaft genau wie islamische Tradition, buddhistische Spiritualität und christliche Ethik, hat für sich wertvolle Elemente, die man respektvoll wie im Museum betrachtet. Höfliche Bemerkungen über seinen großen Einfluss auf uns alle und alle Religionen sind inbegriffen. Ramadan arbeitet sich entlang bestimmter Thematiken ab, wie Raum und Zeit, Ethik und Moral, Geschlechterdifferenz und Genderrelations, Toleranz und Verantwortung, Freiheit und Autorität. Immer als universalistischer Betrachter als wäre er auf Besuch im Louvre bei der Betrachtung  seiner Schätze. Er outet sich als Feminist und Frauenrechtler „from an islamic point of view“. Er geht aber kaum darauf ein, was darunter gemeint sein könnte, sondern beschwört die gemeinsame Sache gegen Diskriminierung, Rassismus, Sexismus und Ausbeutung. Er fordert am Beispiel eines chinesischen Denkers, der sich gegen die Ungerechtigkeit in seiner Gesellschaft stellte und dafür verbannt wurde, Zivilcourage als Primärtugend, sagt den Jungen, dass sie ihre eigene Meinung auch gegen die Eltern verteidigen sollen und so weiter.

Er zitiert, an der Ideengeschichte vorbei schlendernd, Kant und Nietzsche, Said und de Beauvoir, nennt als leuchtende Beispiele großer Philosophie Hegel, Spinoza, Schopenhauer, Aristoteles, Marx, Bourdieu, Foucault, Bergson oder Sokrates. Er handelt sie alle immer in wenigen Zeilen ab, reduziert sie auf diskutierbare Standpunkte, scheint aber eine weitergehende Auseinandersetzung für Zeitverschwendung zu halten. Es ist gut möglich, dass er viele der von ihm genannten Autorinnen und Autoren gelesen hat, aber bis auf Nietzsche, über den er eine Doktorarbeit schrieb, scheint er keine intensiveren Bemühungen entwickelt zu haben. Letztendlich endet alles im Apell an das immer gleiche universal Gemeinsame von allem und jedem. Um das an einem Beispiel zu zeigen, konzentrieren wir uns auf Ramadans Einschätzung zur Situation der Frauen auf der Welt. Er  schreibt:

„Many women said it in the twentieth century, and we now have to say it again – and emphatically – in the light of what we said earlier about the quest for meaning and the universal: women’s commitment to the recognition of their female identity, autonomy and equal access to both spiritual experience and social involvement was and is a demand of their share in the universal in the elaboration of human thought and values. Irrespective of whether we think that women and men are intrinsically different, or whether we think that a distinction should be made between ‘sex’ and ‘gender’, so as to try to circumscribe the real impact of social conditioning, or whether we base our arguments on contemporary psychoanalytic theories, our primary and fundamental goal is the same: we must determine and identify the feminine universal’s role in constructing the universal common to all human beings. The new critical readings of religious texts produced by women (an imperative commitment for all religions) as well as men – from Hinduism to Islam, and from Buddhism to Judaism and Christianity – basically express the same ambition to integrate female being, the female gaze, her quest, status, and her differences from and similarities to the ‘masculine’. Education is the guide we need for that fundamental quest.”

In dieser Passage gibt es eine Stilfigur, die man häufig bei Ramadan findet:

„Irrespective of whether we think that women and men are intrinsically different, or whether we think that a distinction should be made between ‘sex’ and ‘gender’, so as to try to circumscribe the real impact of social conditioning, or whether we base our arguments on contemporary psychoanalytic theories, our primary and fundamental goal is the same: we must determine and identify the feminine universal’s role in constructing the universal common to all human beings.”

Bei Fetullah Gülen heißt es zum Beispiel:

“Ob die Menschen nun Newtons oder Einsteins Theorien zu den mechanischen und mathematischen Gesetzen dieses Gehorsams folgen, ist nicht so wichtig. Von weit größerer Bedeutung ist, dass wir unsere Gedanken auf diesen Gehorsam und auf die Gnade Gottes, die das Universum in seiner verlässlichen Bewegung hält, richten.“

Egal welchen Theorien sie folgen, sie folgen immer der Offenbarung des Koran, so liest sich das bei Fetullah Gülen. ‚Egal ob dieses oder jenes‘, das ist immer wieder dieselbe rhetorische Figur bei beiden Autoren. Differenzen werden zwar erwähnt, aber ihre Unterschiede bedeutungslos gemacht. Bei jedem Thema kommt Ramadan zu dem Punkt, an dem er gebildet und akkurat ausführt, dass egal ob wir dieses glauben oder das, dieser philosophischen Position zustimmen und jener nicht, dieser spirituellen Traditionen folgen oder jener, wir würden am Ende immer das Gleiche wollen, nämlich alles, was gegensätzlich, widersprüchlich oder schlicht unvereinbar in Raum und Zeit ist, in Harmonie und Frieden aufzulösen. Adorno würde bei dieser Gelegenheit wohl von der Gewalt sprechen, mit der die Sprache sich der dialektischen Probleme der eigenen Existenz bemächtigen muss, um sie ins Erträgliche zu wenden. Auch Hegel würde dieser synthetischen Methode Ramadans eine klare Absage erteilen. Widersprüche können bei Hegel in eine Synthese gehen, aber die Synthese ist nicht ihre Vereinigung, sondern diese Synthese realisiert sich im Begriff der Arbeit. Das konsequente Durcharbeiten von Widersprüchen, indem man sie auf einen Begriff bringt, ist die Synthese, die Arbeit des Begriffs selbst. Der Offenheit von Widersprüchen intellektuell nicht adäquat begegnen zu können, ist ein zentrales Problem des Denkens von Tariq Ramadan. Sein „We must…“ zeugt von der unerhörten Anstrengung, die Ramadan unternehmen muss, um die diese Integration des Anderen zu erzwingen:

„(…)we must determine and identify the feminine universal’s role in constructing the universal common to all human beings.“ We must, don’t we?

Darunter geht es eigentlich nicht, obwohl der letzte Satz dann doch ganz konkret wird: „Education is the guide we need for that fundamental quest.“ Jede Quest führt eben zu einer neuen, meistens noch fundamentaleren Quest als vorher.

Ramadan meint also, es sei nicht so wichtig, ob wir diesen oder jenen Theorien folgen, diesen oder jenen Imperativen, am Ende ginge es darum, dass alle diese Strukturen dasselbe Ziel verfolgen würden: „to integrate female being, the female gaze, her quest, status, and her differences from and similarities to the ‘masculine’“. Das Problem, das er nicht sieht, ist in seiner eigenen Rhetorik aufgehoben. Weil es eben nicht egal ist, ob wir diesem oder jenem glauben, sondern die Entscheidung dies oder jenes zu glauben der entscheidende Punkt ist, wodurch wir als Individuen überhaupt erst sichtbar werden, geht Ramadans Wunsch, das Weibliche zu integrieren ganz unbewusst daran vorbei, dass Integration auch Kontrolle und Verfügungsmacht bedeutet. Weder fällt ihm das auf, noch kann er es irgendwie reflektieren. Gegensätze werden vereinigt, die binären Logiken in eine Lösung oder zumindest in eine Art Stadium geführt, in dem sie sich nicht mehr verändern müssen. Binäre Logiken, wir erinnern uns, werden im Islam von Anfang an abgelehnt und negiert. Nur weil Ramadan das sagt, muss das noch lange nicht stimmen, aber nehmen wir zur Kenntnis, dass Ramadans Denken zumindest eine einflussreiche Rolle spielt und wie ich schon angedeutet habe als Mainstream verstanden werden muss.

Höflich und korrekt berichtet er über „contradictory debates in America between Carol Gilligan, who argued that there was an ontological difference between men and women and that the gender polarity had to be reversed, and Christina Hoff Sommers, who argued the case for getting back to basics and advocated an equity feminism, as opposed to gender feminism.”

Genauen Zitaten und Quellenangaben über dieses und jenes Argument in der Frauenfrage und Erwähnungen von Angela Davies und Clara Zetkin folgen bedrückte Seufzer: „No human society has ever succeeded in promoting complete equality between women and men. We still have a long way to go.“

Seine Schlußfolgerung bzw. der Erledigungssatz für dieses Thema lautet daher:

„What we now require is a certain feminization, but not that of the cult of youth, fashion or aesthetics, but one that promotes a more feminine relationship with communications, the preservation of life and the resolution of conflicts. Within this partnership, both men and women will be able to take a new look at the basic questions of meaning, freedom, masculinity, paternity and authority by coming to terms with what they are. In the ocean … a woman and a man are both beings who are on a quest for the same justice, the same truth and the same peace. Once they have got beyond naive talk of equality and made a critical analysis of the logics and structures of powers, they will reach – together – the shore of philosophical, spiritual or religious questions. The ocean will teach them that their difference is both a necessity and a blessing. The eyes and hearts of their children will teach them the same thing … and their bodies, intellects and loves will confirm it. The threat posed by their difference will then be dispelled by the masculine or feminine echo of their shared humanity. Their beings and their paths may well be distinct, but their destinations and their hopes are surely the same.”

They will be able to, they will reach, The ocean will teach them, Their beings and their paths may well be, usw. Alle Probleme und ihre Lösung werden in eine rhetorische Zukunft geschoben, sie werden nirgendwo tatsächlich benannt.  Ramadan ergeht sich immer in allgemeine Feststellungen, die einen guten Willen verraten, aber keinen analytischen Verstand sie im Detail auch zu bearbeiten. Widersprüche verlieren sich in der Zeit. Sind die einen Widersprüche Artikulationen der Vergangenheit, in der sie nie Widersprüche waren, sind die anderen die Versprechungen von morgen, wenn alle Widersprüche vereinigt sind. Ramadan kann keine Dialektik im Jetzt ertragen. Das äußert sich vor allem darin, dass es eigentlich keine Probleme gibt, sondern nur falsche Wahrnehmung. Dass jemand seinen universalen Allgemeinplätzen nicht zustimmen könnte, scheint außerhalb der Reichweite seiner Wahrnehmung zu liegen. Wenn doch, so lassen sie sich offenbar nicht auf seine Einladung ein, was sehr, sehr unhöflich ist. Weil er trotz aller Beteuerungen stets daran scheitert, den ‚Anderen‘ tatsächlich wahrzunehmen, tritt er nicht in einen Dialog, sondern schlüpft in die Rolle eines Erzählers. Möglicherweise meint er deshalb, dass die Frauenfrage durch ‚Education‘ gelöst werden soll. Da ‚Education‘ im Englischen sowohl Bildung als auch Erziehung heißen kann, wäre es falsch ihm zu unterstellen, er wollte Frauen erziehen, aber in der Tradition des Gelehrten und Vermittlers sind Bildung und Erziehung deckungsgleich. Als Erzähler inszeniert er sich durch sein ständiges „We must..“ auch als erzieherisches Subjekt das den einen Weg zu den vielen Wegen weist, die alle tatsächlich ein Weg sind.

Möglicherweise ist seine Literatur auch eine ins Neurotische gesteigerte Harmoniesucht, die tatsächlich etwas von Zuneigung und Sympathie fürs Menschliche hat. Tariq Ramadan ist ein netter Kerl. Er ist sympathisch, gebildet, ein guter Familienvater und ein erfolgreicher Akademiker. Er fühlt eine durch seinen Islam inspirierte Liebe zu den Menschen und der Natur. Sein Engagement für Frauenrechte ist ehrlich, seine demokratische Gesinnung unzweifelhaft. Er kann nur nicht ausdrücken, wie das in der Wirklichkeit in der wir leben funktionieren soll. Was Ramadan tatsächlich auszeichnet und was ihm so viele Missverständnisse einbringt, ist seine unnachahmlich larmoyante Art, Probleme oder Konflikte anzusprechen, ohne auf sie einzugehen. Er erwähnt, dass es sie gibt, aber sie scheinen irgendwie schon gelöst, wenn man sich auf das Universalistische Gemeinsame konzentriert, wenn nicht jetzt dann sicher in der Zukunft. Obwohl Ramadan als islamischer Intellektueller von seinen Vorstellungen her sicher viel mit Hans Küngs „Weltethos“ Programm gemeinsam hat, kann man inhaltlich kaum eine Gemeinsamkeit finden. Küng veröffentlicht unter diesem Label intensive Studien der Weltreligionen, die theologische Details mit historischer Genauigkeit verknüpfen, intellektuelle Strömungen nachzeichnen und Interpretationshilfen anbieten. Küng verschweigt dabei nicht die Probleme, sondern versucht sie begrifflich genau zu untersuchen, trifft klare Entscheidungen für dieses und jenes, ohne dadurch „intolerant“ oder „kolonialistisch“ zu wirken. Für Küng, kurz gesagt, ist das Christentum ein Teil der Geschichte, nicht Geschichte an sich. Christentum ist verortet in einem Netzwerk historischer, archäologischer, textkritischer und philosophischer Begriffsarbeit, und so etwas kann Ramadan uns unmöglich anbieten. Claude Levi-Strauss schrieb in den „Traurigen Tropen“:

„Die islamische Brüderlichkeit ist die Umkehrung des ausschließenden Banns gegen die Ungläubigen, die nicht eingestanden werden kann, denn wollte man sie als solche erkennen, so liefe das darauf hinaus, die Ungläubigen selbst als Existierende zu erkennen.“

Es gibt den Anderen zwar, aber keine Auseinandersetzung mit seiner Begrifflichkeit, die nicht als Gemeinsames universalisierbar ist. Seine Beschäftigung mit dem Anderen bleibt oberflächlich. Es reicht ihm zu konstatieren, dass der andere da ist und man seine Anwesenheit deswegen zur Kenntnis nehmen muss, aber die Art der Beziehung bleibt unklar. Die Kommunikation zwischen mir und dem Anderen ist eher eine höfliche Konversation, (er zitiert und beruft sich ausdrücklich auf Habermas), ein Gespräch zwischen guten Bekannten, aber Konflikte und Bruchlinien gibt es scheinbar nicht. Feindliche und feindselige Gegenüber gibt es nur außerhalb der Beziehung zwischen Ramadan und seinen Lesern. Giftige Bemerkungen über die Klimapolitik der USA sind Randerscheinungen. Störenfriede beim Schlendern durch den Garten der Ideen werden angehalten draußen zu bleiben.

Eine schwierige und sehr aufwändige Aufgabe wäre es daher, sich darauf zu konzentrieren, was Ramadan für nicht erwähnenswert hält, verschweigt, vergisst oder auch verdrängt. Ich kann diese Arbeit leider nicht leisten, weil‘s einfach zu viel ist. Ein kurzes Beispiel, wie eine solche Lücke aussieht: Es fällt sehr stark auf, dass Ramadan den Weltethosbegriff Hans Küngs kein einziges Mal erwähnt. Es würde sich eigentlich anbieten mit dem großen Tübinger in einen Dialog zu treten, aber zum einen will Ramadan keinen Dialog führen und außerdem hat Ramadan richtig gehend Angst davor, überhaupt etwas zu kritisieren, was ein Bestandteil dieses Dialogs wäre. Das Bemühen seines Textes besteht darin, Respekt und Toleranz für alle atomaren Entitäten seiner Signifikantenkette einzufordern, weil er stillschweigend von den anderen dasselbe erwartet. Westliche Gegenüber sollen so wie er gemütlich im Garten der Islamwissenschaft schlendern, kompetent und geistreich an einzelnen Aspekten und Schaufenstern vorüber gehen mit höflichen Bemerkungen über den großen Einfluss dieser und jener Geistestat das Erbe und die Tradition des Anderen respektieren. Das Universalistische als sprachliche Operation ins Extrem gedacht, so stellt sich Tariq Ramadan den Dialog der Kulturen vor. Die Auseinandersetzung wird immer in die Zukunft gerichtet: „We must be, or become, curious.“ heißt es ganz nebenbei, als ob Neugier und Lust am Neuen erst kürzlich von Tariq Ramadan persönlich für die ganze Menschheit entdeckt worden sind. Viele Sätze beginnen mit „We must…“, es heißt „We must learn…“, “We must be curious…” etc.

Zum Finale kommt es dann so:

„We must therefore regard the universal as a common space where several roads, several paths, several religions meet, and where reason, the heart and the senses meet. Appropriating the centre by denying the legitimacy of other points of view is out of the question. The important thing is to remember that we are always on the road from the periphery, where everything is by definition multiple, and where my truth needs the truth of others in order to protect my humanity from my angelic and/or bestial temptations. Blaise Pascal was quite right: ‘Man is neither angel nor beast, and it is unfortunately the case that anyone trying to act the angel acts the beast.’ Others protect my humanity; their truth sustains my truth, and their difference enhances my singularity. Whatever our destination may be, our common humanity inevitably means that our paths will cross.”

Es ist eine der erstaunlichsten Aspekte an Ramadans Buch, dass sich Differenz immer in analoge Strukturen übersetzt und dadurch verschwindet. Die Auslöschung der Differenz, das Gewaltsame an der Vereinigung der Widersprüche führt dazu, dass diese einfach verdrängt werden. Aber wenn das Verdrängte bei der Tür hinaus ist, kommt es beim Fenster wieder herein. Seine maßlosen Verallgemeinerungen machen Ramadan blind für den Anderen. Er sieht das Problem nicht oder will es nicht sehen. Als Gelehrter ist seine philosophische Grundlage der absolute Stillstand der Zeit, die Abwesenheit von Geschichte, die Erfüllung der Islamischen Prophetie, in der bereits alles gedacht und bearbeitet wurde. Wissenschaft, Technik, Soziologie oder Bioinformatik, sie alle wurden bereits, „from the beginning“  im All-Einen geradezu antiplatonisch aus der Höhle getragen, um im Licht des All-Einen Islam zur Verfügung zu stehen. Dass „our common humanity inevitably means that our paths will cross.” heißt von der anderen Seite gedacht, dass “our paths” wohl imaginäre Parallelen sind, und im Sprachlichen als Analogien formuliert werden. Alle „paths“ sind analoge Funktionen des Universellen, eine harmonische Welle als Vereinigung harmonischer Wellen gedacht.

Das Wort, das einem dazu sofort einfällt lautet: postmodern. Ramadans Freund Slavoj Zizek könnte in diesem Text wohl nichts anderes erkennen, als dass Ramadan einem Großen Anderen seine Reverenz erweist, um den tatsächlichen Anderen nicht wahrnehmen zu müssen. Details interessieren Ramadan kaum, er hat immer die große Perspektive vom höchsten Winkel des Elfenbeinturms im Blick und sucht sich sorgsam seine Analogien aus. Das Prinzip der Gleichheit (‚equal‘) bedeutet in Ramadans Denken eigentlich, dass Dinge gleich sind wenn sie analog funktionieren oder scheinbar denselben Zweck erfüllen. Aber Ramadan findet auch dort Analogien, wo Homologien angebracht wären. Während Homologie ein Vergleich von Strukturen ist, die analoge Funktionen hervorbringen, sind analoge Prozesse funktional gleich, aber strukturell verschieden. Ramadan macht aus einer Fledermaus einen Vogel, könnte man sagen. Beide fliegen, aber ihr System das zu tun ist völlig unterschiedlich. (Die Schwierigkeiten von Ramadan, die Evolution als biologisches Prinzip zu akzeptieren, sind nicht ganz zufällig.)

Gleichheit ist für Ramadan eine Funktion des Seriellen. Begriffe, Kulturen, Traditionen, Religionen, Wissenschaften, Literaturen oder die Künste sind Elemente einer Kette, die sich durch dieselbe Allgemeinheit definiert. Alle Religionen, alle spirituellen Traditionen, alle Menschen, alle künstlerischen Ausdrucksformen streben nach universalem Frieden im Geist der Menschenrechte, ihre teleologische Bestimmung steht außer Frage. Das „We must…“  ist das versteckte oder unsichtbare Band, an dem die Elemente der Kette festgemacht werden. Das Bemühen dahinter ist verständlich, die Konsequenzen jedoch katastrophal. Ramadans Universalismus ist in Wahrheit keiner, zumindest keiner, der von irgendeiner philosophisch fundierten Begrifflichkeit ausgehen würde. Von so weit oben im Elfenbeinturm nimmt der Denker die Welt nur als grobe Strukturen wahr, die Erscheinungen werden zu abstrakten atomaren Entitäten ohne innere Dynamik und vor allem ohne Beziehung zu den anderen gedacht, da der respektvolle Abstand und die Regeln höflicher Konversation eine genauere Auseinandersetzung von selbst verbieten. Die Neugier bleibt gefesselt ans oberste Level, somit jeder Widerspruch ein kategoriales Ausweichmanöver. Dinge (und in Wirklichkeit Menschen) sind gleich, weil sie sich analog verallgemeinern lassen. Das Universelle ist bei Ramadan der Kältetod der Entropie. Um sich nicht weiter damit beschäftigen zu müssen, empfiehlt uns Ramadan, die Erfahrung des Universellen zu machen und die Flügel auszubreiten. Seine treffendste Analogie zur universellen Erfahrung ist das Buch „Der Alchemist“ von Paulo Coelho.

“This universal experience is summed up as simply and as profoundly as it could be by Paolo Coelho’s novel The Alchemist: leave Andalusia to look for a treasure that is hidden in Egypt and discover, once in Egypt, that you have to go back to Andalusia. Andalusia is not, however, self-sufficient, and requires the mediation of Egypt. The source is not sufficient unto itself; the Andalusia from which we come is not the same as the Andalusia to which we return. In the order of spirituality, the Andalusia we come from needs the path that leads to it and thus reveals its meaning and essence. It exists thanks to the discernment of the consciousness that gives and restores its meaning.”

(Ich möchte hier anmerken, dass ich Coehlos ‘Der Alchemist’ tatsächlich gelesen habe, aber nicht darüber reden will.)

Andalusien, El-Andalus ist ein magisches Wort in der arabischen Welt. Das heutige Spanien war von 730 bis 1490 über 700  Jahre lang ein islamisches Kalifat und wird in der salafitischen Tradition als muslimisches Territorium betrachtet. Auf MEMRI kann man immer wieder merkwürdige Gestalten beobachten, die eine Rückeroberung von El-Andalus und seine Rückgewinnung für den Islam als politische Priorität betrachtet sehen wollen. Ramadans Bezug zum „Alchemist“ ist daher nicht zufällig, obwohl er natürlich keine solchen Begehrlichkeiten äußert und ihm eine solche Rhetorik auch zutiefst fremd ist, wie man fairerweise betonen muss. Tariq Ramadan ist ein Gelehrter. Für ihn ist El-Andalus, die islamische Periode Südeuropas, eine Identität. Der europäisch-muslimische Intellektuelle, der sich auf die islamische Tradition Europas berufen kann, das ist, was er sein will oder vielleicht auch glaubt bereits zu sein.

Die andere Trope in Coehlos Buch ist die Reise nach Ägypten. Dem ägyptisch stämmigen Ramadan kann eigentlich die hoch mit religiösen Spannungen aufgeladene Symbolik der Reise nach Ägypten nicht entgangen sein. Trotzdem geht er praktisch nicht drauf ein. El-Andalus benötigt keine Vermittlung durch Ägypten, es ist eigentlich Ägypten. Der Held von Coehlos Buch bricht von Andalusien auf, weil er von einem Schatz geträumt hat, der in Ägypten vergraben liegen soll. Der Schatz lässt sich aber nicht finden, bis ihm er von einem Räuber, der Mitleid mit ihm hat, erfährt, dass dieser seit Jahre einen Traum hat, dass ein Schatz in El-Andalus liegen soll, an einem Ort, der zufälligerweise genau so aussieht wie der, von dem unser Held aufgebrochen ist. Er kehrt zurück und findet natürlich den Schatz. Was Ramadan fasziniert ist die Bedeutung von El-Andalus, die eine muslimische Metapher für Europa ist. Der Schatz, der gefunden werden will, ist natürlich der Islam. Als ihn der Held in Ägypten nicht findet, kehrt er zurück, weil der Islam sich immer schon dort befunden hat. Es brauchte die Reise nach Ägypten, nicht als Vermittlung sondern als „Quelle“, um den Islam zu finden. Der Islam war immer schon in Europa, weil er immer schon überall war. Ramadan geht von Andalusien weg, und landet am Ende wieder dort, weil der Islam „from the beginning“ dort war. Ramadans europäischer Islam ist also die postmoderne Universalisierung des Islam, ein vollständiger Monotheismus, der die unvermeidliche Vereinigung von allem im All-Einen betreibt. Zusammen gefasst gesagt, ist das eigentlich nicht sehr interessant.

4.

Ramadan ist ein schlechter Philosoph. Allerdings spielt das für seinen Erfolg keine Rolle. Was er anbietet ist prinzipiell nichts anderes als dass der Islam ein Teil Europas ist.  Diese Vorstellung ist richtig und darf niemals vergessen werden. Der Islam hat jedoch anders als Ramadan das sehen will eine Geschichte. Schockierend an Ramadans Ansatz ist, dass er zwar von Pluralismus redet, von Toleranz und Respekt und der Erfahrung des Universellen, aber sich völlig unfähig zeigt, einen Pluralismus im Islam zu erkennen. Der Islam ist und bleibt bei ihm eine fast völlig statische Erscheinung,  alt und ewig. Er redet aus taktischen Gründen nicht über die Spannungen zwischen Sunna und Shia, es sei denn im Kontext einer westlichen Verschwörung, um den Islam zu spalten (nicht in „The Quest For Meaning“ wohlgemerkt), er lässt sich nirgendwo darauf ein, dass die Geschichte des Islam, wie die aller anderen Zivilisationen von Kriegen und Konflikten beherrscht wird. Aus seiner Sicht ist der Islam eben nicht wie jede andere Zivilisation, der Islam ist natürlich die Zivilisation, die Universalisierung der Zivilisation. Er macht paradoxerweise genau das, was man des Öfteren westlichen Kommentatoren vorwirft, wenn es zu Recht oder auch nicht heißt sie würden den Islam als monolithischen Block beschreiben. Durch die Einebnung jeglicher Differenz begeht Ramadan einen schändlichen Verrat an all den Prinzipien, die er so vollmundig für sich in Anspruch nimmt. Seine Toleranz ist Gleichgültigkeit, sein Respekt Desinteresse. Die Beschwörung des Universalen ist die begriffliche Auslöschung des Anderen, aufgeblasen zu einem monströsen Anspruch, der nie und nimmer eingehalten werden kann. Ramadan bürdet seinem Universalismus aus dem Geiste der monotheistischen Doktrin eine absurde Bürde auf, indem alle Widersprüche darin so konsequent verdrängt werden, dass aus einer Philosophie des Pluralismus ihr Gegenteil wird. Ramadans Theologie ist streng genommen ein epistemologischer Angriff auf jede Erkenntnistheorie, die sich historisch in Raum und Zeit verortet. Die glorreiche Metaphysik der islamischen Zivilisation, jenes großartige Geschenk der Araber an uns Europäer, wird so zu einer Randfigur, weil Ramadan ausgerechnet durch seinen Universalismus die klassischen Philosophien und intellektuellen Leistungen des Islam für seine eigene Wahrnehmung (und die seiner unkritischen Leser) ausradiert. Die Auslöschung der Differenz erfolgt komplementär zur Negation von Geschichte, die Beseitigung der Widersprüche ist nur eine hilflose Reaktion auf die postmoderne Universalisierung der eigenen Identität.

Vielleicht sollte einem Europäer, der in einer Situation lebt, in der ein bösartiger Rassismus fast schon Standardinventar der Gesellschaft ist, klar sein, dass die migrantische Kultur der Ramadan entstammt ein tiefes Bedürfnis verspürt, mit einem ebenso überdimensionalen Selbstbild zu antworten, wie sie es wohl als von außen Kommende an Europa wahrgenommen haben. Es kann auch gut sein, dass seine Angewohnheit eine banale Verallgemeinerung komplexer Themen zu betreiben, bei genau jenen als Aufforderung ankommt, sich weiter nach vorne zu trauen und aus diesem Mindframe heraus zu treten. Zumindest könnte man darauf hoffen.

Tariq Ramadan stellt trotzdem eine wichtige Frage: Wollen wir tatsächlich ohne metaphysische Selbstversicherung leben? Eine Existenz führen in der Gott tot ist, und die Raubtierhaftigkeit des Individuums die Leitkultur? Philosophisch gesprochen liegt eine europäische Antwort auf das Problem, das Ramadan damit stellt, darin, dass eine Welt, in der das Individuum zählt, immer schon eine künstliche metaphysische Brücke voraussetzt. Um ein Individuum zu sein benötige ich all diese spirituellen Ressourcen, aber eben auch die Wissenschaft und den Atheismus, weil das Individuum nicht eins ist, und es atomare Entitäten in der Natur nicht gibt. Individuum zu sein, könnte man mit Hegel sagen, ist bereits ein dialektischer Widerspruch und damit braucht es eine metaphysische Vermittlung. Religion und metapyhsische oder esoterische Bilderwelten werden nicht verschwinden, sondern nur neue Formen annehmen. Diese Evolution des Menschen zum Individuum transzendiert seine eigene Metapyhsik, aber diese wird dadurch nicht verschwinden. Welche Art von Gotteslästerung und arroganter Selbstbehauptung in solchen Worten für Ramadan und seine religiösen Compagnons auf allen Seiten des Schriftverkehrs stecken muss, kann ich mir vermutlich nicht einmal vorstellen. Es muss eine monströse und beängstigende Dimension für ihn dort begraben sein. Oder wie die Amerikaner sagen: German Angst.

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In Memoriam Amy Winehouse

Am 23. Juli jährt sich der Todestag von Amy Winehouse zum zweiten Mal. Ein verspäteter Nachruf.

I thought there’d be fireworks
I expected changes
I thought there’d be trumpets
Sweetest soul sensations

Lightning Seeds, Sweetest soul sensations

1.

In Lara Del Rays Video zu ihrem Song „Born to Die“ brennt die prinzessinnenhafte Sängerin mit einem jungen Mann durch, der aussieht wie ein Heroinsüchtiger: hager, mit Tätowierungen auf den nackten Oberarmen, gepiercten Ohrringen und einer undefinierbaren Frisur. Der Sturm zwischen Prinzessin und Junkie endet natürlich tödlich, in einem Verkehrsunfall, untermauert von Lara Del Rays Bekenntnis, sie wären geboren zu sterben. Die Phantasie, die dahinter steckt ist für mich zumindest sehr rätselhaft, aber wegen des großen Erfolgs dieser Popoper scheinbar weit verbreitet. Die magische Anziehungskraft ausgemergelter Heroinaddicts auf so ausnehmend schöne Frauen wie Lara Del Ray und solche, die sich in diesem System imaginärer Repräsentationen wiederfinden, muss jedenfalls groß sein. Ich musste an dieses Video immer wieder denken, als ich letztens die beiden offiziellen Studioalben von Amy Winehouse, „Frank“ und „Back to Black“ zu Hause und auf meinem I-Pod genauer untersuchte.

Ich habe Amy Winehouse, solange sie lebte nicht wirklich wahr genommen, das muss ich zu meiner Schande gestehen. Obwohl ihre Songs im Radio sehr häufig gespielt wurden, und sie natürlich durch ihren 60er Jahre Sound deutlich heraus stachen, war mir wohl der Celebrity Charakter ihrer Vermarktung zu unangenehm, um mich näher damit zu beschäftigen. Es kann aber auch daran liegen, dass große Kunstwerke zum Zeitpunkt ihrer erstmaligen Erscheinung selten als solche wirklich sichtbar sind. Von machen Dingen muss man sich in jeder Hinsicht entfernen, um ihre tatsächliche Größe wirklich ermessen zu können.

Der Tod von Amy Winehouse selbst war ein Ereignis, das mich kaum berührte. Popstars und Celebrities, die sich zu Tode saufen, durch Überdosen ins Jenseits befördern oder sich mit anderen Mitteln das Leben nehmen, machen das normalerweise unterhalb meines Radars. Michael Jackson war da eine Ausnahme, aber im Allgemeinen ist der Tod eines Menschen, der durch Skandale und Exzesse in der Öffentlichkeit bedeutsam wird, für mich kaum ein Grund ihn wahrzunehmen.

Nimmt man das in veröffentlichten Publikationen gezeichnete Bild ernst, unterscheidet sich die Karriere von Amy Winehouse nicht unbedingt außergewöhnlich von vergleichbaren Künstlern. Aus unauffälligen Verhältnissen der unteren Mittelschicht kommend, der Vater ein Taxifahrer, die Mutter Apothekerin,  fällt sie vor allem als Schulabbrecherin auf. Sie erregt erste Bekanntheit als Jazzsingerin, und gilt bereits vor ihrem 20. Lebensjahr als exzessive Alkoholikerin. R’n’B statt Rock’n’Roll, aber eine Drogenkarriere ist auf jeden Fall bereits in frühen Jahren deutlich vorgezeichnet. Warum, darüber kann man nur spekulieren, aber in einem Song des Soulpoeten Aloe Blacc, „I need a dollar“ heißt es treffend:

“Who can help me take away my sorrow?
Maybe its inside the bottle…”

Amy Winehouse war zwei Jahre lang mit einem gewisser Blake Fielder-Civil verheiratet, der exakt jenem Muster entspricht, das in Lara Del Rays Video „Born to Die“ auftaucht: ein hagerer Mann mit tätowierten Oberarmen, schütterer Frisur und einem Hang zu harten Drogen. Er soll nach eigenen Angaben Amy Winehouse mit Heroin versorgt haben, obwohl sie nach ihrer Trennung 2009 davon los gekommen sein soll. Warum eine so talentierte Frau wie Amy sich in solch selbst zerstörende Beziehungen begab mag mit ihrem schlechten Urteilsvermögen zusammen hängen, aber womöglich war dieser Junkie der einzige Mensch von dem sie glaubte, dass er sie verstand. Whitney Houston war 20 Jahre älter, aber anscheinend nicht klüger, als sie sich immer wieder in die Fänge von Bobby Brown begab und in den Wirren der drogenverseuchten Exzesse in der Badewanne starb: einsam, verzweifelt, hoffnungslos. Möglicherweise ist der Zustand solcher Existenzen auch für niemanden außerhalb nachvollziehbar, umgeben von gierigen Profiteuren und öffentlicher Zurschaustellung der intimsten und privatesten Bedürfnisse. Liebe und Stabilität wird in solchen Momenten nur von den Menschen garantiert, die dieselben Probleme haben, aber natürlich keine Lösung dafür anbieten können.  Es mag geradezu zynisch klingen, aber dennoch ist es wahr: Aus dem Lampenfieber, das wie ein Alpdruck auf der Seele lastet und nur durch exzessiven Alkoholmissbrauch zeitweise überwunden werden kann, aus der Angst vor dem Versagen, der ständigen Furcht nicht gut genug zu sein, den psychischen Krisen nach dem Erfolg, der sich vielleicht nie mehr wiederholen lässt, dem schlechten Selbstwert, der aus gescheiterten Beziehungen folgt, dem Gefühl einsam zu sein und niemals richtig geliebt werden zu können, daraus entstand bei Amy Winehouse große Kunst. Kunst, das sollte man hier festhalten, große Kunst entsteht fast nur aus Konflikten, tödlichen Widersprüchen und innerer Unruhe, kaum aus einem satten Leben und zufriedener Selbstsicherheit. Nur so lässt sich verstehen, dass eine Amy Winehouse früh sterben musste, aber ein Langeweiler wie Mick Hucknall alias Simply Red ein langes Leben in uninteressanter Soundbehübschung führt.

Soul Music im Speziellen ist ein Medium der Negativität.  Den Sängerinnen und Sängern des Soul ist es beschieden, in Schönheit zu sterben, am Leben selbst zu Grunde zu gehen, born to die. Was bei Genres wie dem Punk oder Metal, ein Schreien und ein Kotzen ist, das Wälzen in den eigenen Exkrementen bei ohrenbetäubender Kakophonie, muss im Soul zu unerträglicher Schönheit transzendiert werden. Die Schilderung von Tod, Rassismus, Gewalt und Demütigung, wird gekleidet in ein Meer aus Harmonien, Grooves und Geigen, das uns dazu zwingt Gefühle nicht einfach auszudrücken, sondern aktiv zu bearbeiten. Sam Cooke’s Klassiker „A Change is Gonna Come“, schildert das lebenslange Davon laufen des Erzählers vor Rassismus, Gewalt und Demütigung, einzig und allein getröstet von der Sicherheit, dass sich irgendwann alles ändern wird. In „Right on for the darkness“ verarbeitete Curtis Mayfield 1973 seine traumatischen Erfahrungen als Soldat im Vietnamkrieg als sublim-düstere Sinfonie der Gedanken eines Sterbenden, der zwischen Leichen liegend auf den Tod wartet. Ein  rhythmisches Funkgitarrenriff bildet den harmonischen Träger der Falsettstimme von Curtis Mayfield, bis ein düsterer Orchestersound übernimmt und das Sterben des Erzählers musikalisch zu Ende bringt. Das Seufzen der bedrängten Kreatur ist durch den Soul eine eigene Kunstform geworden. Worum es dabei geht ist jedoch nicht Soundbehübschung des Unerträglichen, nicht Ästhetisierung des Schrecklichen, sondern die Wiedergewinnung des eigenen Menschseins im Angesicht des Unmenschlichen. Soulmusic war selten rebellisch oder revolutionär, sondern stellte die Reflexion vor den Willen zur Macht. Der Widerstand gegen den allgegenwärtigen Rassismus wurde  als spirituelle Ressource zur Verfügung gestellt, die den Hass durch eine universalistische Ästhetik überwinden wollte. Im Soul wurde etwas benannt, durchlebt und musikalisch verarbeitet. Alle ästhetischen Mittel, die den Soundproduzenten zur Verfügung standen, wurden dafür aufgewendet, für jede Emotion eine musikalische Ausdrucksform zu suchen, die sich harmonisch und kontrapunktisch einsetzen ließ. Marlena Shaw beschrieb 1969 in „Woman of the Ghetto“ die unerträglichen Kreisläufe von Gewalt, Prostitution und Drogensucht, den Nöten von Frauen, die mit ihren Kindern allein gelassen werden und sang gleichzeitig von Stolz und Überlebenswillen. Eine ähnliche Thematik bearbeiteten Rose Royce 1976 in „Keep on Keepin‘ on“, einem Song, den Motown Legende Norman Whitfield für die Band geschrieben hatte. Sängerin Gwen Dickey erzählt von den Widrigkeiten des Lebens, den Selbstzweifeln und Niederlagen, aber getragen vom Willen irgendwie weiter zu machen, begleitet von einem brillanten Gitarrenpart, der gegen das Orchester mit Staccato und Wahwah Effekten arbeitet. Das Arrangement  bildet ein harmonisches Äquivalent zur dominanten Stimme. Soulmusic ist darum ebenso viel Arrangement wie Songwriting. Form und Inhalt sind immer im Gleichgewicht, die Stimme ein besonderes Instrument, das durch eine entsprechende Soundkulisse ideal zur Geltung gebracht werden will. Soul ist die große ästhetische Vollendung der afroamerikanischen Musiktradition, die sich in die Archive der westlichen Kultur hinein geschrieben hat. Soul ist die Seele der populären Musik.

2.

„Frank“, das Debutalbum von Amy Winehouse aus dem Jahre 2003 ist noch sehr in ihren Wurzeln als Jazzsängerin verhaftet. Die Arrangements sind von Produzent Salaam Remi danach ausgerichtet worden, ihrer Stimme ein festes Fundament zu geben, man merkt den Charakter des Ausprobierens. Es ist eine Sammlung von Versuchen über die Fusion von Jazz und an HipHop und House orientierten Grooves, die Amy die Gelegenheit gab ihre eigene Ausdrucksform zu suchen. Es ist noch nicht Soul, sondern die Platte einer jungen Künstlerin, die nach ihren Möglichkeiten sucht (und diese findet).

Das von Mark Ronson und Salaam Remi produzierte Album „Back to Black“ erschien 2006 und darf heute schon als Klassiker gelten. Mark Ronson ist ein Produzent, der damit bekannt wurde, ästhetisch fest verankerten Popsongs eine neue Soundgestalt zu geben. Herausragend gelang ihm dies wohl mit Bob Dylans „You’ll go your way and I‘ll go mine“. Seine Vorliebe für Bläserarrangements verweist auf eine intensive Auseinandersetzung mit dem New Orleans Jazz, die er immer wieder geschickt in seine Soundteppiche einwebt. Die Zusammenarbeit für „Back to Black“ zwischen Ronson und Winehouse ist ein klassischer Glücksfall. Während Ronson endlich eine Künstlerin an seinen Soundteppichen entlang führen konnte, um das Potential ihrer Stimme ganz auszuschöpfen, war für Winehouse der richtige Moment gekommen, von der Phase der Experimente zu einem eigenständigen Stil zu finden. Amy Winehouse hatte an Selbstsicherheit gewonnen, ihre Stimme klang voll und souverän. Mit ihrer Beehive Frisur stellte sie auch optisch einen Bezug zu den Look and Feel Designs des Souls der 60er Jahre her. Aus den Einflüssen von Dinah Washington und Billie Holiday war endgültig Amy Winehouse geworden.

Back to Black“ ist das Zentrum des Albums. Es ist eine bittere Reflexion über die Einsamkeit nach dem Verlassen werden. Ronsons Arrangement achtet sorgsam darauf, dass ihre Stimme deutlich isoliert wird, die Instrumente, das Piano, die Gitarre und die Streicher antworten mit den Background Vocals abwechselnd auf die sich langsam steigernden Schmerzen der allein gelassenen. Von der Bitterkeit, dass er sich keine Zeit gelassen hätte Bedauern zu äußern bis zur völligen Verzweiflung darüber, dass sie sich nur noch ins Dunkel der eigenen Einsamkeit zurück ziehen kann, dauert es ganze vier Minuten. Aber die seelische Qual der Depression ist nichtsdestotrotz irreversibel.

Der gigantische Erfolg von „Back to Black“ kam möglicherweise zu früh. Was folgte war die desaströse Ehe mit dem Junkie, der unaufhaltbare Druck dieses Meisterwerk nochmals toppen zu müssen, der Absturz in die Alkoholsucht und schließlich die Überdosis und der Tod. Amy Winehouse war an sich selbst zerbrochen. In ihrer Musik wird etwas von diesem Schmerz transzendiert, nicht die Hoffnung auf etwas Besseres, sondern nur die ästhetische Lösung für die Unerträglichkeit des Seins. Kunst überlebt nicht immer den Künstler, aber das gilt nicht für Amy Winehouse. Ihr Beitrag zum Archiv der großen Bibliothek des Soul wird uns darüber Auskunft erteilen, dass ein Mensch wie sie zu schwach war nur um ihrer selbst willen zu leben. Vielleicht ist gerade deshalb eine so bittere Ironie, dass ihre Unfähigkeit einfach nur um ihrer selbst willen zu leben und der Schmerz, den sie darüber in ihrer Musik ausdrückte, sie unsterblich gemacht hat.

Kategorien:Culture and War

Yusuf Islam und das Problem der Freiheit

„Der freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod; und seine Weisheit ist kein Nachsinnen über den Tod, sondern über das Leben.“

Spinoza, Die Ethik  IV Lehrsatz 67

„Be straight. Think right.
But I might die tonight.“

Cat Stevens, But I Might Die Tonight

1.

Im 1971 von Hal Ashby inszenierten Klassiker Harold and Maude geht es um die ungewöhnliche Freundschaft zweier sehr unterschiedlicher Menschen. Harold, ein zutiefst gelangweilter junger Mann aus reichem Haus versucht seine emotional völlig gleichgültige Mutter mit außerordentlich einfallsreich vorgetäuschten Selbstmordversuchen erfolglos zu beeindrucken. Seine Mutter wiederum ist nur damit beschäftigt ihn mit jungen Frauen, die sie für ihn aussucht, zu verkuppeln, die er mit seinen Suizidspektakeln allerdings erfolgreich wieder vertreiben kann. Sein Leben ändert sich, als er Maude trifft, eine höchst agile ältere Frau, die wie er gerne auf Begräbnisse fremder Leute geht, Autos klaut, und ganz nebenbei durch die tätowierte Ziffernkombination auf ihrem Arm als Überlebende der Shoah kenntlich gemacht wird. Maude lehrt Harold seine antiautoritären Impulse nicht bloß passiv als Reaktion auf den Anpassungsdruck seiner Mutter auszuleben, sondern sie in lebensbejahende Selbstbestimmung umzusetzen. Er verliebt sich sogar in sie, doch für Maude sind die gemeinsamen Augenblicke des Glücks nur das Vorspiel für ihren Freitod, mit dem sie Harold in sein eigenes Leben entlässt.

Der Soundtrack des Films wurde aus Songs von Cat Stevens zusammen gestellt, der zu jener Zeit sehr eng mit Hal Ashby befreundet war und viele kreative Inputs für den Film geleistet haben soll. Es ist sehr bemerkenswert, dass der Soundtrack von „Harold and Maude“ trotz des enormen Erfolgs des Films niemals offiziell erschien (bis auf eine limitierte Vinylpressung 2007) und die meisten der Songs erst viele Jahre später auf Alben von Cat Stevens veröffentlicht wurden, darunter auch derjenige, der uns vor allem jetzt interessieren soll. Einer der zentralen Titel in „Harold and Maude“ und im Schaffen von Cat Stevens ist „If you want to sing out, sing out“. Hier zunächst der vollständige Text:

http://en.wikipedia.org/wiki/If_You_Want_to_Sing_Out,_Sing_Out

If you want to sing out, sing out
And if you want to be free, be free
‘Cause there’s a million things to be
You know that there are

And if you want to live high, live high
And if you want to live low, live low
‘Cause there’s a million ways to go
You know that there are

You can do what you want
The opportunity’s on
And if you can find a new way
You can do it today
You can make it all true
And you can make it undo
You see ah ah ah
Its easy ah ah ah
You only need to know

Well if you want to say yes, say yes
And if you want to say no, say no
‘Cause there’s a million ways to go
You know that there are

And if you want to be me, be me
And if you want to be you, be you
‘Cause there’s a million things to do
You know that there are

Well, if you want to sing out, sing out
And if you want to be free, be free
‘Cause there’s a million things to be

You know that there are

2.

1977 konvertierte der griechisch stämmige Cat Stevens zum Islam und nannte sich einige Zeit später Yusuf Islam, ein für Konvertiten durchaus üblicher Identitätswechsel. Er zog sich für mindestens ein Jahrzehnt völlig aus dem Musikgeschäft zurück, heiratete eine muslimische Frau, bekam Kinder und widmete sich ganz seiner Religion. Die einzige öffentliche Äußerung, die größeres Aufsehen erregte, war seine Stellungnahme zur Affäre um Salman Rushdies Buch „Die satanischen Verse“. Einerseits erklärte er in einem Interview fürs Fernsehen, dass er keinen Mord an Rushdie zur Vollstreckung des Urteils von Khomenei befürwortete, aber in einer Presseerklärung teilte er der Öffentlichkeit mit, er würde die nach islamischem Recht vorgesehene Strafe für Blasphemie für Rushdie unterstützen. Warum das zwei unterschiedliche Dinge sein sollen, nachdem die für Blasphemie geforderte Strafe im Koran die Todesstrafe ist, erklärte er nicht.

Yusuf Islam, der sich auf seiner Webseite als Philanthrop und Humanist präsentiert, lebt einen – für Konvertiten typisch – sehr rigiden Islam. Seine gesamte Lebensauffassung steht in einem völligen Gegensatz zu der in „If you want to sing out, sing out“ ausgedrückten Freizügigkeit, aber Yusuf Islam, das sei hier nachdrücklich betont ist nicht der Gegensatz von Cat Stevens.

Anders als man vermuten möchte setzt sich in Yusuf Islam nur eine konservative Variante von Cat Stevens durch, die bereits vor seiner Konversion deutlich zutage getreten war.

Sein vermutlich bekanntester Titel „Father and Son“ trägt schon den Keim des Reaktionären in sich. Oberflächlich betrachtet ist „Father and Son“ ein Song über den Loslösungsprozess eines jungen Mannes von seinem Vater, der ihn davon überzeugen will, seine Flausen aufzugeben und sich auf ein bürgerliches Leben mit Familie einzustellen. Verstörend daran ist nur, dass der Song abwechselnd die jeweilige Perspektive von Vater und Sohn einnimmt, und der Dialog zwischen beiden quasi zu einem monologischen Diskurs verschmilzt. „Father and Son“ beschreibt eben nicht wie sich der Sohn vom Vater löst, sondern wie er im Über-Ich des Vaters aufgeht. Das symbolische Überleben des Vaters in der Revolte, die Unmöglichkeit des erfolgreichen Aufbegehrens gegen seine Macht hat Freud eng mit dem Begriff des Todestriebs verknüpft.

Cat Stevens verkörpert darum wie kaum jemand sonst die unvollendete Rebellion gegen die Vaterfiguren jener Zeit, die ihren langen Schatten über die Hippieära warf. Aus Rebellion wurde eine Flucht in Esoterik, Drogen oder organisierte Religion. Es verwundert nicht, dass Punks und die ganze Kultur des Punk nichts so sehr hassten, wie den in Blümchen verliebten Opportunismus der Hippies. Als die Sex Pistols 1977 „No Future“ zur Parole machten, konvertierte Cat Stevens zum Islam. Die lange Suche nach Geborgenheit und dem Ende der Angst war endlich vorbei.

Bis dahin war der Großteil des veröffentlichten Werkes von Cat Stevens von einer tiefen Todessehnsucht erfüllt gewesen, einer tiefsitzenden Angst vor Einsamkeit, die das Sterben als Erlösung betrachtet, weil es der völligen Einsamkeit und der Verantwortung dafür entkommen will. Dass einem Künstler wie Cat Stevens genau deswegen unglaublich berührende Momente gelangen, in denen eine Aufforderung wie „Don’t be shy“ wie ein melancholisches Loslassen zum Tod klingt („Don’t wear fear or nobody will know you’re there“), ist darum kein Widerspruch. In „Peace Train“, einem Song, den er auch als Yusuf Islam noch gerne singt, heißt es:

Cause out on the edge of darkness,
There rides a peace train.
Oh, peace train take this country.
Come take me home again.

Die Sehnsucht nach dem Tod wird durch einen „Peace Train“ sublimiert, der einen wieder heim bringt,  in der Beschwörung eines „there“, „where all of us belong“. Es erstaunt, dass jemand mit so einer Schlagseite ausgerechnet eine beinahe vitalistische Hymne wie „If you want sing out, sing out“ erschaffen kann, aber allein die komplizierte die Veröffentlichungsgeschichte dieses Songs spricht Bände darüber, dass Cat Stevens von der ideologischen Konsequenz, die er in „If you want to sing out, sing out“ ausbuchstabiert, zu Tode erschrocken gewesen sein muss. Das kann durch die Tatsache belegt werden, dass der Song jahrzehntelang nicht auf einem seiner eigenen Tonträger zu finden war. Cat Stevens verweigert bis heute eine offizielle Veröffentlichung des „Harold and Maude“ Materials in Form eines Original Soundtracks.

3.

Was ist Freiheit?

In einem sehr strikten Sinn gibt es auf diese Frage keine Antwort. Banale Erklärungsversuche würden darauf hinaus laufen zu sagen, das sei deshalb so, weil jeder etwas anderes darunter versteht, aber das trägt nichts dazu bei zu verstehen warum das so sein muss. Der Begriff der Freiheit gehört zu jenen Termini, die der französische Philosoph Etienne Balibar einmal als „Maitre Mots“ bezeichnet hat, als Herrenwörter, angelehnt an den Term des Herrensignifikanten bei Lacan in der Tradition de Saussures. „Maitre Mots“ sind Wörter wie Glück, Wahrheit, Gott, Mensch, Frieden, Schönheit, Wissen, Vernunft oder Liebe. (Die Liste ist selbstverständlich unvollständig und kann beliebig erweitert werden.) Allen diesen Begriffen ist gemeinsam, dass wie man sagt „jeder etwas anderes darunter versteht“. Ein „Maitre Mot“ ist ein Wort, das nichts Konkretes bezeichnet, sondern eine ideologische Voraussetzung dafür ist,  dass seine universale Bedeutung vollkommen individuell interpretiert werden kann. Anders gesagt: Die Tatsache, dass jeder etwas anderes unter dem Wort verstehen kann ist selbst das Phänomen, das es beschreiben will. Freiheit ist der Prozess, der Individuen ermöglicht Differenz zu leben ohne von den Notwendigkeiten des sozialen Netzwerks entbunden zu sein. Wenn wir also wissen wollen, was Freiheit ist, nützt es weniger irgendeine Definition von Freiheit zu liefern, sondern sich darüber im Klaren zu werden, welches Problem der Begriff der Freiheit induziert.

Im Fall von Cat Stevens lässt sich dieses Problem in genau einem Satz ausdrücken:

There’s a million ways to go.”

Spinoza wird der Satz zugeschrieben, dass jede Bestimmung eine Verneinung ist. Die schiere Anzahl einer Million Wege macht keinen Unterschied, wenn ich genau einen gehen muss.

Welchen gehe ich? Welcher ist richtig? Gibt es überhaupt einen, der richtig ist? Das Problem der Freiheit ist, dass wir nicht wissen, ob wir richtige Entscheidungen treffen, bis wir sie getroffen haben. Das Drama der modernen menschlichen Existenz besteht letztlich darin, in der Epoche exakter Wissenschaft und präziser Algorithmen keine tatsächliche Gewissheit zu haben. Je genauer wir messen, je präziser wir berechnen, je desto weniger wissen wir wirklich etwas und es sind Zweifel, Skepsis und (Un)Wahrscheinlichkeit die so etwas wie die Paradigmen der „Million ways“ bilden. Freiheit bedeutet in einer technisierten, kapitalistischen Welt Entscheidung unter Unsicherheit.

Wenn ich mich für einen Weg unter Millionen entscheiden muss, muss ich alle anderen aufgeben und werde nie erfahren, was sie für mich bedeutet hätten. Etwa zur gleichen Zeit als Cat Stevens Moslem wurde, schloss sich Bob Dylan einer evangelikalen Sekte an. Aber anders als Cat hatte Dylan 15 Jahre früher auf die Frage „How many roads must a man walk down“ mit Ambivalenz geantwortet. Cat Stevens wollte eine definitive Antwort und fand sie. Ich fand seine Musik schöner, als er sie noch suchte.

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Leben und Sterben in Abbottabad – Über Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“

„I don‘ t think people believe in the devil. (…) And so therefore they don’t believe in a punishment after they’re dead. So my question was for me what are people really believing? Or better: What are people really fearing?  And that is: physical pain.”

Fritz Lang

„I was surprised to learn women were at the centre of this hunt. And I was sort of surprised that I was surprised.”

Kathryn Bigelow

Ein Mann betritt das Zimmer seines Vorgesetzten, eines hochrangigen CIA Beamten, der gerade in seinem Büro auf einem Teppich kniet und das Mittagsgebet spricht, so wie das hunderte Millionen praktizierende Moslems auch tun. Bevor man als Zuschauer dieses interessante Detail realisiert hat, ein hoher Beamter des amerikanischen Geheimdienstapparates ist praktizierender Moslem,  geht die Handlung bereits weiter, ohne dass nachher jemals wieder darauf Bezug genommen wird.  Es sind kleine Szenen wie diese, die „Zero Dark Thirty“ zu einem großen Film machen, der uns mehr über den inneren Zustand der westlichen Zivilisation erzählen wird, als über einen ominösen Bösewicht, der am Ende des Films erschossen wird. „Zero Dark Thirty“ gliedert sich in drei etwa gleich lange Teile, die formal betrachtet jeder für sich einen eigenen Film ergeben, und den War on Terror aus drei unterschiedlichen Perspektiven schildern, die durch die Hauptfigur zusammen gehalten werden.

In den ersten 30 Minuten schildert Bigelow die Hölle: Ein Mann namens Ammar, der verdächtigt wird mit Al Quaeda in Verbindung zu stehen, wird mittels Waterboarding gefoltert, in eine enge Kiste gesperrt, mit Schlafentzug gequält, in dem man in unregelmäßigen Abständen Heavy Metal Musik in unerträglicher Lautstärke spielt, während er an Armen aufgehängt, nackt in seinen eigenen Exkrementen liegt.

Die Heldin des Films, die CIA Agentin Maya (Jessica Chastain) muss sich in dieser Umgebung erst zu Recht finden. Ihr Kollege Dan (Jason Clarke), geübt in den „enhanced interrogation techniques“  verspricht ihr (und Ammar) zwar: „Everbody breaks. That’s biology, man!“, aber selbst unter Folter brechen nicht alle sofort zusammen. Ammar schreit und bettelt, so lange, bis es für uns Zuschauer schlicht unerträglich wird, aber er redet nicht. Erst durch einen simplen Trick, den Maya sich ausdenkt, bringt sie Ammar dazu ohne Folter oder Androhung von Gewalt zu kooperieren und ihr ein wichtiges Stück Information preis zu geben, das ihr helfen wird auf die Spur Bin Ladens zu kommen. Viele, auch amerikanische Kommentatoren haben diese Passage des Films schlicht übersehen, als sie sich in absurde Debatten verwickelten, ob Regisseurin Kathryn Bigelow in ihrem Film eigentlich für die Anwendung von Folter plädiere. Es gehört zu den Stärken des Films, dass er die Szenen der Folter und Erniedrigung weder beschönigt, noch rechtfertigt. Als Zuschauer sind wir damit konfrontiert, dass Folter eine Praxis der Strafverfolgung ist, die sich außerhalb des Rechtstaats bewegt. Bigelow führt uns durch mehrere solcher „CIA Black Sites“ in Pakistan, Afghanistan und einem Schiff in einem polnischen Hafen, in dem Gefangene des Antiterrorkriegs zur Preisgabe von Informationen festgehalten werden. Viele Offizielle, auch solche, die für die CIA und die amerikanischen Regierung arbeiten, bezweifeln übrigens, dass die Erpressung von Information durch Folter und Androhung von Gewalt tatsächlich brauchbare Ergebnisse für den War on Terror gebracht haben. Was dem Zuschauer jedenfalls in Erinnerung bleibt sind die Bilder von misshandelten Menschen, die man so lieber nicht gesehen hätte. Dan, der Folterer, wird in der Mitte des Films aus diesem Teil der Arbeit aussteigen, weil er es selbst nicht mehr erträgt. „I have seen too many men naked.“ sagt er zu Maya.

Im zweiten Teil erleben wir wie sich aus der kleinen Information, die Maya aus Ammar heraus getrickst hat, eine komplizierte Spurensuche entwickelt, die zeigt, dass die Jagd nach Terroristen in erster Linie Polizeiarbeit ist. Intelligence wie die Amerikaner dazu sagen ist professionelle Informationsverarbeitung. Es werden Telefone abgehört, Verwandtschaftsbeziehungen durch leuchtet, Geldflüsse zurück verfolgt, Akten durchsucht, Protokolle geschrieben und mit Vorgesetzten gestritten. Drehbuchautor Mark Boal soll von CIA Seite ein enorm tiefer Einblick in die Geschichte der Verfolgung Bin Ladens gewährt worden sein und was vor allem verblüfft ist, wie viele Frauen in diesen Prozess eingebunden waren. Maya, die CIA Agentin soll ein reales Vorbild haben und Bigelow inszeniert es so, dass der zweite wichtige Hinweis im Film, der Maya zurück auf die Spur Bin Ladens bringt, nachdem sie ihn fast schon wieder verloren hatte, von einer anderen ehrgeizigen Agentin kommt, die – wie Maya – dort sucht, wo alle anderen etwas übersehen haben.

Bigelow inszeniert ihre Hauptfigur als Professional, über die man nichts Persönliches erfährt, vermutlich auch deshalb, weil es nichts Persönliches zu erfahren gibt. Maya ist eine Einzelgängerin, sie hat kein erkennbares Privat oder Sexualleben und die einzige Art von persönlicher Beziehung die sie im Film eingeht, ist die Freundschaft mit ihrer Kollegin Jessica (Jennifer Ehle), einer weiteren ehrgeizigen Frau im CIA Establishment Pakistans. Jessica und mit ihr sechs andere CIA Offizielle sterben durch ein Selbstmordattentat auf einem CIA Stützpunkt in Afghanistan, eine Falle, die ihnen ein angeblicher Informant über den Verbleib Bin Ladens stellt.

Maya findet schließlich ein Haus in Abbotabad, das mitten im Herz der Militärelite Pakistans liegt. In unmittelbarer Nähe werden die Offiziere der pakistanischen Armee ausgebildet. „It’s their Westpoint, sir!“,  erklärt ein Analytiker dem Chef der CIA. Mayas entscheidende Entdeckung ist das Netz der Kuriere, mit dem sich der innere Zirkel Al-Quaidas nach seiner Vertreibung aus Afghanistan miteinander verständigt hat und das Osama Bin Laden anders als von vielen vermutet nach wie vor kontrolliert. Sie muss ihre Vorgesetzten allerdings erst mühsam davon überzeugen, dass das Haus in Abbotabad tatsächlich der Aufenthaltsort Bin Ladens ist. Es gibt keine konkreten Fotos von Personen oder Gesichtern und die Vorsichtsmaßnahmen der Hausbewohner verhindern Aufnahmen aus der Luft oder durch Satelliten. Es ist einzig allein die Indizienkette, die durch Mayas unermüdliche Arbeit zusammengetragen wurde, die auf den Mastermind Al-Quaidas verweist.

Im dritten Teil des Films wird die Kommandoaktion bis ins Detail geschildert, in der eine Einheit Elitesoldaten, sogenannte Navy Seals, das Gebäude in Abbotabad in der Nacht überfallen und neben Osama Bin Laden noch drei weitere Männer töten. Wieder geht es nicht wie oft in unseriösen Kommentaren behauptet um einen Hurrapatriotismus, sondern um die Schilderung eines Vorgangs durch die sprichwörtlichen Augen der Beteiligten, die mittels Nachsichtgeräten Teil für Teil des Hauses durchkämmen. Bin Laden wird ohne dass man ihn genauer sieht von einem Navy Seal erschossen, in einem Leichensack weggebracht und von Maya endgültig identifiziert. Warum ein Terrorist von Bin Ladens Rang vor den Augen der pakistanischen Elite in Militär und Geheimdienst Jahre lang unbemerkt bleiben konnte, bleibt unbeantwortet. Bigelows Film ist nicht an politischen Fragen interessiert, sondern an Menschen.

Als Maya schließlich erschöpft in das Frachtflugzeug steigt, das sie zu einem Treffen mit ihren Vorgesetzten bringen soll, ist sie wieder ganz allein. Sie ist die einzige Passagierin, als das Flugzeug abhebt und was sie gerade fühlt, weiß niemand, nicht einmal sie selbst.

Was man in den 2 Stunden und 40 Minuten zuvor mit und durch ihre Augen gesehen und erlebt hat ist atemberaubend. Die Faszination des Films geht von ebenso von der Hauptfigur Maya aus, wie von der Konzeption Bigelows auf Filmtechniken weitgehend zu verzichten, die manipulativ sind. Statt Identifikation stiftet sie räumliche Erfahrung, in der alle Figuren deutlich verortet sind. Dass die wichtige Information, die Maya auf die Spur Bin Ladens bringt nicht durch Folter, sondern geschickte Manipulation zustande kommt ist ein weiterer Hinweis von Bigelow, was von den Folterpraktiken der US Regierung im War on Terror zu halten ist. Dass der Gefangene Ammar, dessen brutale Misshandlung wir miterleben, nicht aus Versehen dort einsitzt, wird durch seine schlussendliche Kooperation zwar deutlich, ist aber für die Bewertung der Folterpraktiken unerheblich. Bigelow zeigt uns, was wir wissen müssen, gibt dem Gezeigten aber keinen Spin, was wir davon zu halten haben. Weil sie bei allen Figuren auf eine Schilderung der Person dahinter verzichtet, entsteht Identifikation durch die Handlungen der Figuren selbst und nicht durch eine manipulative Psychologisierung ihrer möglichen Beweggründe. Es gibt keinen Hinweis darauf, warum Maya so besessen und manchmal als einzige auf der Jagd nach Bin Laden ist, und warum sie einem Navy Seal mit auf dem Weg gibt: „You will kill him for me!“ .

Als Zuschauer sind wir dadurch gezwungen uns selbst zu den politischen Prozessen zu verhalten, die psychologischen Beweggründe durch Fragen zu ersetzen, wie wir selbst in solchen Situationen handeln würden, und welchen Sinn der Einsatz von Folter im War on Terror tatsächlich hat. Politischen Geistern, die den Film kritisieren, er wäre unkritisch oder betreibe Propaganda,  sei gesagt, was der amerikanische Journalist und Nahost Reisende Michael Totten in seiner Rezension über Aktivisten schrieb, die vor Kinos Flugblätter verteilten, dass der Film Folter befürworten würde:

„Zero Dark Thirty doesn’t tell anyone what to think. Its shows us what we should think about. (…) Activists, and those with an activist way of thinking, are the ones who have a problem with the neutral and balanced approach—not because they want to be lectured themselves, but because they want to sit in a room where everyone else is being lectured.“

Kategorien:Culture and War

On Bullshit – Zur Typologie des Verschwörungstheoretikers

Januar 2, 2013 13 Kommentare

 “Never tell a lie when you can bullshit your way through.”

Eric Ambler, Dirty Story (zitiert nach Frankfurt 2005)

1.

„One of the most salient features of our culture is that there is so much bullshit. “

So beginnt der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt seinen Text „On Bullshit“ aus dem Jahr 2005. Frankfurt ist ein analytischer Philosoph in der Tradition Wittgensteins, dessen wesentlichste Arbeiten sich damit beschäftigen, was Wahrheit ist und wie sie durch korrekte Begriffe und authentische Sprechakte repräsentiert werden kann. Wahrheit, wie sie analytische Philosophie versteht ist demnach ein System, das in erster Linie logisch korrekte Sprechakte möglich macht, die eindeutig als richtige oder falsche Aussagen identifiziert werden können. Analytische Philosophie kennt keine Ebene des Unbewussten, oder lehnt solche Begriffe unumwunden ab, und würde Phänomene, die sich philosophisch nicht unmittelbar in sprachlichen Operationen ausdrücken lassen, nicht als philosophischen Gegenstand anerkennen.  Die internen Grenzen solcher Auffassungen, wenn man sie mit der spekulativen Metaphysik der europäischen Tradition konfrontiert, sollen uns in diesem Beitrag nicht weiter beschäftigen. Frankfurts analytisch präzise Sprache kann uns jedoch dabei helfen, einem Phänomen beizukommen, das sich wie eine Seuche in den Kreisläufen unserer Kultur ausgebreitet hat: Verschwörungstheorien. Obwohl es im Zusammenhang mit der Diskussion um analytische Philosophie fast absurd erscheint, wird dieser Beitrag keine Definition liefern, was genau eine Verschwörungstheorie ist und ob oder wie sich Verschwörungstheorien von ernst zu nehmenden Aussagen unterscheiden lassen. Wir überlassen diese herkulische Aufgabe Freunden wie dem Blogger Reflexion, der in unermüdlicher Arbeit Daten und Fakten sammelt, die Verschwörungstheoretiker, esoterische  Nazis und Antisemiten jeden Tag produzieren. Der Focus dieses Aufsatzes liegt auf dem Begriff des „Bullshit“ und warum es so viel davon gibt.

Frankfurts Buch „On Bullshit“ kann hier nicht in seiner ganzen sprachlichen Brillanz und Tiefe gewürdigt werden, daher werde ich werde mich nur auf die wesentlichsten Aspekte konzentrieren, die für uns hier von Belang sind. Harry Frankfurt ist ein bedeutender Philosoph der Gegenwart, der sich mit Definitionen der Freiheit beschäftigt und sich in diesem Zusammenhang mit der logischen Deduktion ethischer Prinzipien befasst. Seine Spielart analytischer Exegese konzentriert sich darauf Kriterien für Wahrheit heraus zu finden, die sich als sprachliche Operationen abbilden lassen. Analytische Philosophie betrachtet Sprache nicht als abstraktes Feature (wie das z.B. in der Linguistik Noam Chomskys oder dem Strukturalismus de Saussures zum Ausdruck kommt) , sondern untersucht sie immer als Sprechakt einer konkreten Person. Was den Begriff der Person ausmacht, würde hier zu weit führen, aber verwiesen sei hier etwa auf den Klassiker „Reasons and Persons“  (1984) von Derek Parfit, das Überlegungen zur Philosophie des Bewusstseins („Am I essentially my brain?“) mit Theorien der Sprachspiele, der Gehirnforschung und analytischen Wahrheitskonzepten verbindet. Personen, darauf sei es hier reduziert, sind handelnde Subjekte mit Absichten und Meinungen, die logisch analysierbare Sprechakte machen können. Um ein Phänomen wie „Bullshit“ präzise kategorisieren zu können, benötigt Frankfurt zu aller erst ein zuverlässiges Konzept von Wahrheit und Lüge, das wiederum eng an die intentionale  Struktur einer Person gebunden ist, die solche Unterscheidungen treffen kann. Weder Wahrheit noch Lüge sind für einen analytischen Philosophen absolute Begriffe im Sinne Hegels, sondern sie existieren nur unter dem Horizont eines faktenorientierten, Tatsachen und Zustände begreifenden Individuums, das durch eine korrekte Wiedergabe dessen, was es sieht, hört und weiß diese erzeugt. Wahrheit, darauf wollen wir uns beschränken, bedeutet also nichts anderes als die Fakten adäquat zu repräsentieren, Lüge die Fakten absichtlich inadäquat zu beschreiben. Dass eine solch simple binäre Opposition nicht geeignet ist, einen großen Teil der Sprechakte zu erfassen, die in menschlicher Kommunikation zum Ausdruck kommen, hat schon Wittgenstein bemerkt, als er mit seinem berühmten Satz „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ den Tractactus beendete. Es gibt Aussagen, die nicht eindeutig Wahrheit oder Lüge sind, möglicherweise sind sie je nach Perspektive beides oder sie sind schlicht unentscheidbar.  Nehmen wir zum Beispiel einen Satz aus einem Buch des brasilianischen Bestseller Autors Paulo Coehlo, gefunden im „Handbuch des Kriegers des Lichts“:

„Er hat gelernt, daß der Tiger die Hyäne nicht fürchtet, weil er sich seiner Kraft bewußt ist.“

Ist dieser Satz wahr oder falsch? Auf der Ebene der Fakten, also der naturwissenschaftlich begründbaren Erkenntnisse über Tiger und Hyänen macht dieser Satz keinen Sinn. Tiger haben (mit Ausnahme des Menschen) keine natürlichen Feinde und sie würden Hyänen schon deshalb nicht fürchten, weil Tiger hauptsächlich in Asien vorkommen und Hyänen vor allem in Afrika verbreitet sind und sich beide so gut wie nie begegnen. Und selbst wenn sie es tun, besetzen beide Tiere unterschiedliche Nischen in den Ökosystemen ihrer natürlichen Umgebung und  konkurrieren daher nicht um dieselben Ressourcen. Ob Tiger sich ihrer Kraft bewusst sind, ist reine Spekulation. Sie würde voraussetzen, dass Tiger eine dem Menschen vergleichbare Selbstwahrnehmung besitzen, mit der sie über ihren Körper in Bezug auf andere Körper reflektieren können.  Obwohl der Satz also faktisch keinerlei Anspruch auf Wahrheit besitzt, ist er auch nicht eindeutig eine Lüge. Um etwas als Lüge zu charakterisieren, muss eine Absicht bestehen, Fakten falsch darzustellen. Aber Coehlos Absicht war es nicht eine für Wildbiologen akzeptable Aussage über Tiger und Hyänen zu machen. Ohne über den Inhalt des Buches tatsächlich Bescheid zu wissen, würden die meisten Leserinnen und Leser diesen Satz problemlos als Metapher erkennen, mit der Coehlo seinem Publikum ein Bild anbietet, das sie für ihre Selbstwahrnehmung gebrauchen können oder dass ein Bedürfnis nach esoterisch aufgeladenen Sprechakten befriedigt, bei der Kriterien der Wahrheit oder Lüge keinerlei Rolle spielen. Weder Coehlo noch seine Leser betrachten diese Aussage als faktenbasierten Sprechakt, der etwas über Tiger und Hyänen sagen soll. Es gibt keine Täuschung, die einen Vorwurf der Lüge rechtfertigen könnte, und es existiert weder beim Autor noch beim (adressierten) Leser ein Interesse sich über die Fakten zu verständigen, was Tiger und Hyänen betrifft.

Frankfurt schlägt also vor, Sätze wie diesen als „Bullshit“ zu betrachten. Bullshit ist etwas anderes als eine simple Lüge oder ein komplexes Täuschungsmanöver. Frankfurt schreibt:

„The liar is inescapably concerned with truth-values. In order to invent a lie at all, he must think he knows what is true. And in order to invent an effective lie, he must design his falsehood under the guidance of that truth. “

Da Lüge ein Vorgang ist, der eine Täuschungsabsicht voraus setzt, muss der Lügner also einen klaren und deutlichen Begriff der Fakten haben, die er zu entstellen versucht. Zu lügen bedeutet nicht nur die Fakten genau zu kennen, (sonst ist es eine schlechte, leicht erkennbare Lüge), sondern auch, dass sich der Lügner unmittelbar an dem orientieren muss, was er als „Wahrheit“, und damit als tatsächliche Faktenlage begreift. Lügen, so Frankfurt „is an act with a sharp focus“, eine (gute) Lüge ist “designed” und erfordert „a degree of craftsmanship, in which the teller of the lie submits to objective constraints imposed by what he takes to be the truth.”

Der Bullshitter hingegen ist an solche Zwänge nicht gebunden:

„On the other hand, a person who undertakes to bullshit his way through has much more freedom. His focus is panoramic rather than particular. He does not limit himself to inserting a certain falsehood at a specific point, and thus he is not constrained by the truths surrounding that point or intersecting it. “

Bullshit, wie Frankfurt den Begriff versteht, muss daher nicht unbedingt gelogen sein. Es gibt Bullshit, wie wir noch sehen werden, der sich eng an bestimmte Fakten hält,  damit er einige andere ignorieren oder verfälschen kann. Denn:

„It is impossible for someone to lie unless he thinks he knows the truth. Producing bullshit requires no such conviction. “

Während der Lügner einen Begriff der Wahrheit (oder zumindest der Tatsachen) haben muss, die er mit der Lüge zu manipulieren sucht, ist Wahrheit oder Lüge für die Produktion von Bullshit unerheblich. Was den Lügner vom Bullshitter unterscheidet ist die Perspektive: Für den Lügner ist es wichtig die Faktenlage zu manipulieren, für den Bullshitter geht es darum seine Absichten, was er mit dem Bullshit bezweckt zu verbergen.

„What bullshit essentially misrepresents is neither the state of affairs to which it refers nor the beliefs of the speaker concerning that state of affairs. Those are what lies misrepresent, by virtue of being false. Since bullshit need not be false, it differs from lies in its misrepresentational intent. The bullshitter may not deceive us, or even intend to do so, either about the facts or about what he takes the facts to be. What he does necessarily attempt to deceive us about is his enterprise. His only indispensably distinctive characteristic is that in a certain way he misrepresents what he is up to. “

Ob es wahr ist oder nicht, was er sagt, ist für den Bullshitter unerheblich, es kommt darauf an welchen Zweck es für die Absicht erfüllt, die dahinter steht und die er durch den Sprechakt selbst  verbergen will. Das eigentliche Ziel von Bullshit ist daher, durch den Sprechakt an sich die Aufmerksamkeit des Zuhörers auf eine (für den Bullshitter unwichtige) Diskussion über Fakten, über tatsächliche oder erfundene Aussagen und Tatsachen abzulenken, weil er sein tatsächliches Motiv nicht preisgeben will. Bullshit ist ein (wirkungsvoller) rhetorischer Trick, den Inhalt eines Gegenstandes dafür zu benutzen seine politische Motivation unsichtbar zu machen. Eine erste Annäherung an unser eigentliches Thema, die Verbreitung von Verschwörungstheorien, sollte uns daher mit der Frage beschäftigen, welche Absichten die Distributoren von Verschwörungshypothesen eigentlich verbergen wollen.

2.

Seit das World Wide Web zum Leitmedium einer vernetzten Weltkultur geworden ist, hat sich der in unseren Gesellschaften versteckte Wahnsinn eine breite Öffentlichkeit verschafft. War die Gutenberg Galaxis noch eine durch zahlreiche Gatekeeper gut bewachte militarisierte Zone, in der die großen Verlage, die großen Zeitungsherausgeber und die kapitalstarken staatlichen und privaten Fernsehanstalten mit ihren Distributionsmonopolen mittels undurchdringlicher Filter  die Veröffentlichung unliebsamer Kritik verhindern konnten, hat das webbasierte und damit billigere Produktionsmittel die militarisierte Zone in ein von äußerst mobilen Campern bewohntes Niemandsland verwandelt. Das Monopol auf Information für die klassischen Medien der Gutenberggalaxis existiert nicht mehr. Wenn es also Mitte der 80er Jahre noch Sinn machte, von einem Mainstream und Mainstreammedien zu reden, dann hat sich das nach der Jahrtausendwende praktisch erledigt. Waren die berüchtigten Tabloids der westlichen Presselandschaften, also die Flaggschiffe der Boulevard und Yellow Press gewiss keine weniger gefährlichen Gegner von Aufklärung und Vernunft, so mussten auch sie sich gewissen Spielregeln der veröffentlichten Meinung beugen, weil sie schon allein durch ihre Eigentumsverhältnisse an einen Vertrag mit dem Establishment gebunden waren. Solchen Verträgen fühlen sich die neuen Medien der Blogosphäre nicht verpflichtet. Warum sollten sie auch?

Die enorme Vielfalt an öffentlich verfügbarem Material, das von 9/11 Inside Jobs bis zu den Jahrhunderte alten Plänen diverser Freimaurer zur Weltherrschaft reichen, beliefert ein großes Publikum mit Nachrichten über geheime Pläne, Prophezeiungen und Verschwörungen aller Art auf ebenso zahlreichen Online Angeboten vom Kopp Verlag bis secret.tv. Von den Voraussichten des Freimaurers Albert Pike zu den UFO Erlebnissen der Chemtrails Spezialisten: der Wahnsinn der Webgesellschaft zeigt uns ganz nachdrücklich, dass die demokratischen Strukturen des Webs nicht auf das Ziel der Aufklärung ausgerichtet sind, auch wenn die diversen Proponenten  der Blogosphäre dies gerne behaupten. Demokratisiert wurde durch das Web eben nicht die Vernunft, sondern vor allem die Distributionskompetenzen psychisch gestörter Individuen. Das Pamphlet, das die Ergüsse und abgeschriebenen Ideologeme enthielt, mit denen Anders Breivik seine Verbrechen rechtfertigte, wären in den Zeiten des Gutenberg Galaxis niemals von einem halbwegs ernst zu nehmenden Verlag mit anständigen Vertriebsmöglichkeiten veröffentlicht worden und hätte niemals auch nur einen Bruchteil der Millionen Empfänger erreicht, mit der es heute durch das World Wide Web an immer neue Interessenten weiter zirkuliert wird. (Allerdings hat diese Tatsache nichts damit zu tun, dass Breivik seine Verbrechen mit oder ohne Verbreitung seines Pamphlets begangen hätte.) Die Demokratisierung der Information, die durch das Internet stattgefunden hat, hat nicht nur die Monopole der ehemaligen Mainstreammedien ausradiert, sondern vor allem dazu beigetragen jenen durch den Mainstream noch in Schach gehaltenen Wahnsinn paranoider Idiotien wie durch einen  Dammbruch mitten in die Gesellschaft hinein fluten zu lassen.

Wie ich in meinem letzten Beitrag über den deutschen Kabarettisten Volker Pispers andeutete, kommt die heute übliche Ideologie des Ressentiments als Gestus des „Kritischen“ daher.  Mehr noch: Das Milieu der Gegenaufklärung bedient sich des gesamten Arsenals rhetorischer Versatzstücke, die „Aufklärung“ und „Kritik“ stets im Munde führen. Eine solche Umcodierung ehemals linker Rhetorik findet sich seit den späten 80ern bei fast allen rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien. Sie hat auch in den Segmenten antisemitischer Agitation spürbar zugenommen, die mit der Leugnung und Relativierung der Shoah beschäftigt sind. Holocaustleugner, die sich im „Institute of Historical Review“ vernetzt haben, behaupten im Namen der Wissenschaft der „historischen Wahrheit“ verpflichtet zu sein. Sie reklamieren die „Freiheit der Wissenschaft“ für sich und sprechen von „Zensur“, wenn ihre Ergüsse nicht veröffentlicht werden.

Gegenaufklärung ereignet sich durch Instrumentarien und Rhetorik der Aufklärung selbst, sie appelliert an Werte wie Fairness, fordert „Ausgewogenheit“ und betrachtet sich selbst als dissidente rebellische Kraft. Die Warnung von Adorno und Horkheimer, dass es Aufklärung selbst ist, die ihre eigene Zerstörung vorantreibt, erhält dadurch nochmals weiter beunruhigende Substanz. Die Produktion von Bullshit, der die Fundamente der wissenschaftlichen Methodologie angreift, erfolgt im Namen derselben, und wird von Leuten unterstützt, die immerzu von „Wahrheit“, „Freiheit“, „Kritik“ und gegen das „Dogma“ (der historischen Realität der Shoah) reden.

Der Prototyp dieses neuen webbasierten Gegenaufklärers ist der Verschwörungstheoretiker. Weil wie erwähnt es nicht Sache dieses Beitrags ist, zu klären was als Verschwörungstheorie betrachtet werden soll und was nicht, erachtet der Autor es für umso wichtiger die Figur des Verschwörungstheoretikers eingehender zu analysieren.

3.

Wer jemals versucht hat in eine Diskussion mit 9/11 Truthern einzusteigen kennt das Gefühl, bereits mit dem Versuch selbst seine unvermeidliche Niederlage besiegelt zu haben. Was als gut gemeinte Intervention beginnt, nämlich dass die Bilder des Anschlags zeigen, wie zwei Flugzeuge in zwei Türme rasen und nirgendwo Beweise für eine Sprengung existieren, endet mit mühsamen Diskussionsbeiträgen selbst bewusster Paranoiker über den Zusammenbruch von Gebäude 7, Auslassungen über Baustatik, die Temperatur von brennendem Kerosin oder dass Stahlträger nicht Feuer fangen können. (Die Liste ist beliebig erweiterbar.) Wenn man es nicht mit dem Publikum auf den ganz billigen Plätzen zu tun hat, die meinen in den Rauchschwaden des WTC den fiddler on the roof erkannt zu haben, oder glaubhaft versichern, dass alle Juden in den Türmen zuvor gewarnt worden sind und das Gebäude verlassen hätten, bevor die Flugzeuge einschlugen,  ist man mit technisch versierten Paranoikern beschäftigt, die scheinbar neutrale und für Nichtexperten schwer verifizierbare Aussagen machen, die sich nicht mit Logik oder gesundem Menschenverstand widerlegen lassen. (Auch die Gilde der Holocaustleugner versuchte mit „technischen Gutachten“, wie dem „Leuchter Report“ eine quasi politisch neutrale Form zu finden, ihren perversen Dreck populär zu machen.)  Für jedes logische oder faktische Argument gegen die 9/11 Truther Fantasien gibt es dutzende Argumentationsmuster, die aus dem Versagen der US Flugabwehr eine großangelegte Verschwörung der US Regierung ableiten oder angebliche Zeugenaussagen von Feuerwehrleuten und Rettungspersonal nach dem Anschlag anführen, die Sprengungen an den Fundamenten gesehen haben wollen. Es existieren unzählige Experten, die behaupten, dass Gebäude nicht wegen Feuer einstürzen können, oder dass die Art des Einsturzes der beiden Türme nur durch Sprengung  zu erklären sei. Die eigene Unfähigkeit ein einziges rationales Argument zu bringen, das einen Truther dazu bewegen könnte, von seiner großmäuligen Selbstsicherheit Abstand zu nehmen, verführte den Autor dieses Beitrags etwa dazu in solchen Foren unfassbar genervt selbst zweifelhafte Argumente über Baustatik und die Temperatur von brennendem Kerosin einzubringen und ab diesem Punkt ist man natürlich längst rettungslos verloren. Der Idiot, wie es so schön heißt, zieht dich runter auf sein Niveau und schlägt dich dann mit Erfahrung.

Allerdings kann man aus den Auseinandersetzungen mit 9/11 Truthern einiges über die Psychologie von Verschwörungstheoretikern lernen.  Einigen veröffentlichten Untersuchungen zufolge glaubten zu bestimmten Zeiten des Irakkriegs mehr als ein Drittel aller Amerikaner, dass die Attentate des 11. September ein Inside Job des politischen Establishments in Washington und Langley gewesen sind. Ein Drittel der amerikanischen Bevölkerung hat in der Vergangenheit ausgereicht um den Präsidenten zu wählen, also ist die weitverbreitete Meinung, dass 9/11 kein Anschlag von muslimischen Terroristen, sondern ein gigantisches Komplott mächtiger verborgener Akteure gewesen sein muss, schlicht selbst ein Mainstreamphänomen. Ähnlich absurde Konstellationen erblickt man in regelmäßigen Umfragen, dass überwältigende Mehrheiten in Europa Israel für eine Bedrohung des Weltfriedens und die Siedlungspolitik im Westjordanland für eine Art Kriegsverbrechen halten, aber gleichzeitig bei dieser Mehrheit sich die Ansicht durch gesetzt hat, Kritik an Israel sei verboten oder würde mit der „Antisemitismuskeule“ mundtot gemacht. Obwohl Verschwörungstheoretiker also selbst den opportunistischen  Kern dieses Mainstreams ausmachen, stellen sie sich als eine verfolgte Minderheit dar.

Der Verschwörungstheoretiker hält sich für „kritisch“ und glaubt er sei „gegen den Mainstream“. Diese Selbstbeschreibung ist wesentlich dafür, zu erkennen, ob etwas als Verschwörungstheorie zu gelten hat oder nicht. Eine Sendereihe des verschwörungstheoretischen Internet TV Channels secret.tv trägt daher auch den Untertitel „Gegen den Strom“. Die populäre Internetfilmreihe „Zeitgeist“, von der es mittlerweile schon drei Teile gibt, soll der eigenen Wahrnehmung zufolge den Zeitgeist kritisieren, bringt ihn jedoch auf den Punkt, indem sie die opportunistische Pseudokritik als Geheimwissen entfaltet.   Gerade die ungeheure Vielfalt veröffentlichter Meinung, die jeden Konsumenten mit genau jener Information versorgt, die er zur Unterstützung seines Mindframes benötigt, wird zur Konstruktion einer engstirnigen Ideologie benutzt, die Widerspruch und Kritik an dieser Praxis als „Propaganda“ denunziert. Die Umcodierung des Wortes „Propaganda“ scheint für den Typus des Verschwörungstheoretikers konstitutiv zu sein. Dass „Propaganda“ eine Form der Kommunikation darstellt, die historisch eng mit Marketing und Werbung verknüpft ist und sich eigentlich dadurch auszeichnet, dass sie in ihrer modernen Form in den Worten Noam Chomskys als „manifacturing consent“ funktioniert, entgeht den blinden Idioten der Verschwörungsfront natürlich völlig. Propaganda, richtig verstanden, bedeutet, dass dem Konsumenten eine Sicht der Dinge angeboten wird, die ihn auf der allgemeinsten Ebene von Meinungsbildung unterstützt, also ihm quasi nach dem Mund redet. „Propaganda“ im Universum des Verschwörungstheoretikers gilt jedoch alles, was seine Sicht der Dinge (und sein Selbstbildnis) kritisiert und ihn dazu bewegen müsste sich mit diesen Argumenten auseinander zu setzen. Während die überwältigende Mehrheit der Medien und politischen Akteure israelische Politik kritisiert und mit Bannflüchen belegt, ist proisraelische Haltung natürlich „Propaganda“, die von den Systemmedien per Gehirnwäsche den wehrlosen Antisemiten aufoktroyiert wurde, die verständlicherweise darauf nur mit antisemitischer Rebellion gegen die imaginäre Übermacht der zionistischen Bilderberger reagieren können. Menschen, die nicht an diese Verschwörungen, Komplotte und Strippenzieher hinter den Kulissen glauben werden von den „Systemmedien“ manipuliert, und sind Teil einer anonymen Herde von gutgläubigen Schafen. Diese Selbstwahrnehmung wird z.B. von Holocaustleugnern gerne als „Tabubruch“ und Kampf gegen etablierte dogmatische Auffassungen inszeniert. Aus ihrer Sicht ist  die Erinnerung an die Shoah  quasi ein Inquisitionsgeschäft, das sie – die Holocaust Leugner – als mutige Kämpfer gegen die Übermacht jüdischer Verschwörungen verfolgt. Aber selbst bei politisch weniger brisanten Themen wie dem Klimawandel, der amerikanischen Mondlandung, der Evolutionstheorie oder der Politik der Europäischen Union machen sich ständig mutige Verschwörungsaufdecker bemerkbar, die etabliertes Wissen in Frage stellen und die angebliche Meinungshegemonie bekämpfen. Der Absurdität solcher Konstrukte sind keine Grenzen gesetzt. Wird die Informationspolitik der US-Regierung kritisiert, Nachrichten aus der Ecke westlicher Geheimdienste in Frage gestellt, erkennt man den Verschwörungstheoretiker daran, dass er Nachrichten von iranischen Geheimdiensten oder Feinden des israelischen Staates umstandslos glaubt. Dass der britische Linkspolitiker George Galloway für den iranischen TV Kanal Press TV arbeitet (nachdem er jahrelang ein Lobbyist des iranischen Erzfeindes Saddam Hussein gewesen ist), stört keinen aufrechten Antizionisten, solange der Bias den richtigen Spin hat. Die wirrsten Spekulationen über die Verseuchung des syrischen Widerstands gegen das Assadregime durch Jihadisten und islamistische  Verbrecher wird umstandslos in eine Pseudokritik über den „US-Imperialismus“ eingebaut, mit der man humanistisch verbrämt den Widerstand gegen Syriens Baathdiktatur als ausschließlich saudisches Islamistenkomplott denunziert. Dieselben Jihadisten jedoch, die einige Jahre zuvor über Syrien mit Billigung des Assadregimes in den Irak eingesickert sind, und dort über hunderttausend Zivilisten durch Bombenanschläge und Terrorkampagnen ermordet haben, wurden damals von den besorgten Bürgern der verschwörungstheoretischen Kolonnen als legitimer „antiimperialistischer Widerstand“ gefeiert, ohne diesen Widerspruch auch nur zu bemerken.

Wir erkennen das Muster des Bullshit, das Harry Frankfurt so treffend analysiert hat: der Verschwörungstheoretiker mag bestimmte Fakten richtig wiedergeben, oder Aussagen treffen, die wahr sind, aber es ist weder Wahrheit noch sind es Fakten, die ihn interessieren. Es geht darum, die Absicht, die hinter dem Report der Fakten stehen zu verbergen. Was diese Absichten sein könnten, damit wollen wir uns im Anschluss beschäftigen.

4.

Bullshit, das bekräftigt Harry Frankfurt „is not concerned with truth-values”, sondern eine Form politischer Rhetorik, die ihre politischen Absichten und Ziele verbergen will. Die Unabhängigkeit von Zwängen der Wahrheit oder Lüge macht Bullshit für Frankfurt zu einem ungleich gefährlicheren Feind der Vernunft als es die Lüge jemals sein könnte. Lüge und Wahrheit stehen in einem komplexen Verhältnis zueinander, das ständig durch eine metaphysische Balance ausgeglichen werden muss. Obwohl diese Dialektik keineswegs stabil ist, und von Rissen, Brüchen und logischen Paradoxa durchzogen ist, so garantiert sie doch eine Bindung des Sprechakts an eine objektive Realität, an der er sich logisch und semantisch zu messen hat. Wahrheit kann bezweifelt, neu geschrieben oder auch negiert werden, aber sie hat eine grundlegende Existenz in der menschlichen Natur des Begehrens und der Vernunft. Wahrheit ist ein gesellschaftliches Vertragsverhältnis, das die Teilnehmer, die diesen Vertrag eingehen als Subjekte konstituiert. Wissenschaft, Philosophie und Religion stellen unterschiedliche Formationen dieses Gesellschaftsvertrags dar, der notwendigerweise verhandelbar ist, aber Subjekte und ihr Begehren als mündige vertragsfähige Partner diskursiv bindet. Wahrheit als Konzept ist letztlich nichts andres als eine stabile Beziehung in jedem Sinn des Worts, ein Pakt mündiger Vertragspartner. Der Bullshit der Verschwörungstheorie kündigt diesen Pakt unmissverständlich auf. Philosophien und Ideologien, die objektive Wahrheit hinterfragen stellen ihre Universalität in Frage, nicht ihre Existenz. Verschwörungstheoretiker suspendieren Wahrheit jedoch zugunsten einer totalitären Agenda, in der es kein Vertrauen in eine verlässliche Beziehung der historischen Realität zu ihrer Erzählung mehr gibt. Die ambivalente Beziehung der Wahrheit zur perspektivischen Vielfalt ihrer Betrachtungsweisen wird eben nicht in Eindeutigkeit oder Ordnung übersetzt, wie manche Beobachter rechtsextremer Politik zutrauen, sondern ganz im Gegenteil: Die Welt der Verschwörungstheoretiker und ihrer politischen Adressaten besteht aus Chaos, Misstrauen und ständiger Angst.  Ihr Ergebnis sind paranoide Individuen, die kein Vertrauen mehr in die (eigene) Fähigkeit besitzen, die „Nichtidentität“ (Adorno) von Begriff und  Gegenstand, von ich und dem Anderen, von Wahrheit und Lüge rational zu durchschauen. Was ihnen Angst macht ist nicht das Chaos, sondern die „Arbeit des Begriffs“ (Hegel), die erforderlich ist eine komplexe Ordnung analytisch zu durchdringen. Menschen, die ihre Geschichte als Verschwörungen übermächtiger Agenten wahrnehmen sind verwundbar, und sie hassen die Ambivalenz so sehr, dass sie das exzessive Chaos begehren, mit der die Stacheln der Rationalität abgeworfen werden können, die sie als lästiges Geschirr oder Zügel empfinden, die sie an überflüssig empfundene Gesellschaftsverträge fesselt.

Was Verschwörungstheoretiker wollen ist – ganz nebenbei bemerkt – das, was in einem zeitgeistigen Diskurs des Ressentiments als Postmoderne betrachtet wird: die Auflösung objektiver Rationalität, den Bruch des Paktes der Vernunft mit der Subjektivität. Wo Ich war soll Es werden, so könnte man die psychische Disposition des Verschwörungstheoretikers beschreiben. Wer an Verschwörungstheorien glaubt, will das Vertrauen darin zerstören, dass auch eine als unübersichtlich empfundene Welt prinzipiell beeinflusst werden kann. Ein merkwürdiges Paradox verschwörungstheoretischer Umtriebe ist daher ihr totales Desinteresse an tatsächlicher Politik. Durch die Behauptung des „Kritischen“ und des „Hinterfragens“ soll Politik bloß als rhetorische Übung simuliert werden, eine Bullshit Strategie, der man nicht auf den Leim gehen sollte. Verschwörungstheoretiker produzieren keine Wutbürger, sondern manipulierbare paranoide Individuen, die jeden Bezug zu einer Realität verloren haben, die in den Mühen der Ebene stattfindet. Ihr Potential schlummert, ist kaum zu erkennen und nur durch einen entsprechenden politischen Willen, der seine Interessen anhand der Manipulierbarkeit solcher Menschen konfiguriert, mobilisierbar. Diese Unfähigkeit zu tatsächlicher Politik ist einer der wichtigsten Schwächen der verschwörungstheoretischen Mindsets und aller ihrer Spielarten und sie auszunutzen das oberste Gebot einer intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Bullshit, der uns überall begegnet.

In einigen Gesprächen, die ich vor und während der Abfassung dieses Beitrags mit verschiedenen Leuten führte, gab es Einwände und Anmerkungen, dass der Schluss, der aus diesen Überlegungen zu ziehen wäre, nur einen weiteren konservativen Kulturpessimismus nahe legen würde. Konkret erinnerte mich eine Gesprächspartnerin daran, dass Mitte der 90er Jahre eine Mode zu beobachten war, negative Entwicklungen der postkommunistischen Ära als Effekt der Postmoderne zu betrachten. Terry Eagleton’s „Illusionen der Postmoderne“ schob stellvertretend für viele andere die Schuld an der Niederlage des Marxismus bestimmten französischen Autoren zu, die mit ihren Zweifeln an einem objektiven Rationalismus die Vernunft zerstört hätten. Solchen Überlegungen kann der Autor dieser Zeilen nichts abgewinnen. Alle Phänomene, die ich beschrieben habe sind ein Effekt der kapitalistischen Globalisierung, die ob man sie gut oder schlecht findet eine Tatsache darstellt, mit der man sich beschäftigen muss, und die ganz neue Probleme politischer Interaktion schafft, die man erst einmal analysieren sollte, bevor man sie bewertet. Was uns an diesen Entwicklungen beschäftigen sollte, ist der Paradigmenwechsel, der sich im Sprung von der Gutenberg Galaxis zum World Wide Web ereignet hat.

Die Informationsfilter die die Gatekeeper der Gutenberg Galaxis der Gesellschaft aufzwangen hatte den Effekt, dass Geschichte und Wahrnehmung als eindeutiger Raum identifiziert werden konnten. Dissidente Stimmen und rebellische Geister mussten sich daran abarbeiten, dass die Kontrolle über Presse, Verlage und Medien bei kapitalstarken Eigentümern lag, die den Spin der Nachrichten bestimmten. (Noam Chomsky und Edward S. Herman haben 1988 in „Manufacturing Consent“ diese Mechanismen äußerst scharfsinnig analysiert.)  Alle Marktteilnehmer, ob Produzenten oder Konsumenten bildeten jedoch einen gemeinsamen Raum, in dem der Mainstream den Underground und seine diversen Subkulturen mit definierte und über diese unscharfe Abgrenzung hinweg Brücken zwischen diesen Akteuren schuf. Diese Brücken brachen mit dem Verschwinden des Informationsmonopols der alten Medien weg. Es gibt keinen Mainstream mehr, der einen gemeinsamen Raum schaffen würde. Die ungeheure Vielfalt an Information der Webgesellschaft führt dazu, dass sich jeder Marktteilnehmer, unterstützt durch die technologische Individualisierung mobiler Endgeräte, seinen persönlichen Nachrichten und Informationsbias konsumtechnisch garantieren kann. Das Paradoxon besteht darin, dass es gerade die ungeheure Auswahl ist, die zu persönlich abgestimmten Monokulturen der Informationsverarbeitung des Konsumenten führt. Verschwörungstheoretiker sind darum keine Anomalie, sondern die extremistische Zuspitzung dieses Phänomens.

Gesindel, Schmarotzer und Parasiten. Über Volker Pispers

 „Der Kanzler hat gesagt, wir sollen nicht in einen oberflächlichen Antiamerikanismus abgleiten. Aber meiner ist gar nicht oberflächlich. (…) Ich habe auch gar nichts gegen Amerika, es ist ein wunderschönes Land. Das Problem sind die Menschen, die dort leben.“ (Volker Pispers)

„Die deutsche Sprache ist die tiefste, die deutsche Rede die seichteste.“ (Karl Kraus)

1.

Vor etwa einem Jahr veröffentlichte ich hier einen Text, in dem ich über eine Auseinandersetzung mit Nietzsche Phänomene wie den Antizionismus und den Antiamerikanismus kritisierte. Das linke Ressentiment, wie ich es nannte, ist die gefühlige Ignoranz des guten Menschen, der sich als mutiger Rebell gegen den Mainstream weiß, obwohl er treffsicher den Opportunismus der Mehrheit reproduziert. Das Ressentiment wie es Nietzsche treffend charakterisiert hat, ist als vermeintlich kritische Geste immer im Einklang mit den populistischen Bedürfnissen seines Publikums, das sich als Masse gerne von der „Masse“ verächtlich abgrenzt. Während sich die realen politischen Institutionen der Linken nach dem Ende der Sowjetunion praktisch aufgelöst haben, leben ihre rhetorischen Formen, ihre Sprache und ihre Codes paradoxerweise als allgemein verfügbare Werkzeuge eines öffentlichen Diskurses fort, der in Dispositiven einer permanenten Krise der Weltwirtschaft die Form einer allgegenwärtigen Empörung annimmt. „Empört Euch!“ wie das gleichnamige Bändchen des betagten Stéphane Hessel heißt, hat als 14 seitige Anleitung zum Sit-in den Geist der Zeit getroffen, dass politische Aktivität eine Geste beinhalten muss, die PR Agenturen eine akzeptable Arbeitsgrundlage liefern kann. Was einmal die Linke als gesellschaftliche Institution gewesen ist, hat sich heute als ein Jargon der Marginalisierung etabliert, der im Zustand der Isolierung des politischen Subjekts von seiner Organisation im Klassenkampf sein bestimmendes Existenzmerkmal besitzt. Die massive Inflation der verschwörungstheoretischen Paranoia wird von  isolierten Individuen produziert, die sich als einsame Kämpfer gegen den Mainstream imaginieren.

Die rhetorischen Formen und ideologischen Frameworks, die uns seit den 60er Jahren als Standards linker Kritik vertraut sind, existieren im Internetzeitalter als fossile Brennstoffe einer opportunistischen Empörungsmaschine die eine angebliche Kritik des Bestehenden zum populistischen Gemeinplatz transformiert. Das Ressentiment wie Nietzsche es beschrieben hat ist als moralische Empörung darauf aus das narzisstische Selbstbild einer linken Selbstvergewisserung aufrecht zu erhalten, die ihren Konformismus als mutigen Tabubruch inszeniert oder als Selbstmitleid, wenn die gleich geschalteten Medien ihre Nazi und Antisemitismuskeulen auspacken.

Übrig geblieben sind Formen und Gerüste, die mit Bekanntem, Banalem und Allgemeinem angereichert werden, destilliert zu einem Resultat das subversive Sprechakte simuliert um Konformismus zu reproduzieren.  Die Sprache dieses Konformismus sind Begriffe und Termini eines ehemals linken Arsenals, das aus – damals – verbotenen Wörtern wie Kapitalismus, Herrschaft oder Ideologie Bestimmungen gemacht hat, die vor allem das eigene Unbehagen an der Kultur ausdrücken sollen, aber keine analytischen Qualitäten mehr besitzen, mit denen die eigene Involvierung in Verhältnisse beschrieben werden könnte. Was vor dem Ende des Kalten Krieges tatsächlich noch dazu diente das „verbotene Wissen“ (Nietzsche) zu identifizieren, das durch die mächtigen Gatekeeper aus der öffentlichen Wahrnehmung gefiltert wurde, gerät im systematischen Information Overkill des globalen Netzes zum Witz der Verschwörungstheorie. Gerade weil Information und vor allem alternative Information beinahe absolut verfügbar sind, äußert sich diese Ideologie als „Geheimwissen“, als  Mysteryserie und Trivialliteratur, die von 9/11 Verschwörungen, False Flag Operationen, UFOs und Chemtrails phantasiert, von Wissen, das angeblich verboten ist, von Propaganda die dazu dient, die „Massen“ dumm zu halten und deren Sichtbarmachung durch eben jene Helden der Gegenaufklärung in revolutionäre Situationen münden soll, wenn den angeblich betrogenen Massen die Augen geöffnet werden. Diese Simulation von Kritik wird im Zeitalter der sozialen Netzwerke, der Blogosphären und Websites immer in einem bestimmten Sound vorgetragen:  ein im Hintergrund operierender Akteur, der von Fall zu Fall ein mächtiger Superstaat sein kann, die EU, USrael, die Bilderberger, die Neocons, die Finanzindustrie, die jüdischen Lobbies etc., würde mit seinen mächtigen Propaganda Apparaten, der wechselweise die  Medienkonzerne und die Geheimdienste  umfasst, das „verbotene Wissen“ an seiner Veröffentlichung hindern und die braven und naiven Bürger konsequent täuschen. Geschwätzige Kommentatoren sehen überall Denk, Kritik und Redeverbote, vor allem wenn es um die inflationäre Israelkritik geht.  Während die Organe des konformistischen Zeitgeistes inhaltsleere Debatten darüber führen, dass Kritik an der israelischen Politik doch nicht antisemitisch sein kann, hat der verschwörungstheoretische Diskurs der linken Selbstvergewisserung schon längst den Beschluss gefasst, dass „Kauft nicht bei Juden“ eine legitime Form der Israelkritik darstellt.

Erstaunlich an fast allen seinen Ausprägungen ist, dass das Ressentiment, das darin vorgetragen wird, zum einen immer mit generischen Mustern antisemitischer Agitation daher kommt und zum anderen in einer Sprache geäußert wird, die aus linken Agitprop Puzzles zusammen gesetzt wird. Schlüsselwörter wie „Propaganda“, die „Herrschenden“, der „Mainstream“, der „US Imperialismus“, der „Zionismus“, die „Finanzindustrie“, das „Schuldgeldsystem“, der „Westen“, sogar „Orwells 1984“  finden sich als abstrakte Feindbeschreibungen, mit denen ein plumpes Ressentiment im linken Gewand verkauft wird. Der Verschwörungstheoretiker, der Zinskritiker, der Antiimperialist, der Friedensforscher, sie alle finden sich als kleines gallisches Dorf wider das Imperium wieder, das überraschend viel Verständnis für ihre klassenkämpferischen Verbalinjurien an den Tag legt. Die von den Unbillen der zionistischen Verschwörung verfolgten Rebellen, die von „Totschweigen“, „Gleichschaltung“ und einer allmächtigen „Propaganda“ reden, veröffentlichen ihre Pamphlete, erhalten Subventionen und werden von Instituten, Universitäten und Pressure Groups geehrt, während sie ihrem Publikum gleichzeitig erzählen, dass eine bösartige Zensur sie zu behindern versuche. Die unterschiedlichen Spielarten lassen es zu, dass sich der linke Kleinkünstler mit denselben Begriffen  verständigt wie der Hardcore Nazi, wenn er die Praktiken der Finanzdienstleister zur Steigerung der Gewinne aus Spekulation mit börsennotierten Anteilscheinen aufs Korn nimmt. Was immer das politische Ziel des einen und des anderen sein mag, aus linken Ressentiments raffinieren beide den Treibstoff ihrer rhetorischen Empörungsmaschinen.

2.

Im linken Ressentiment findet der deutsche Kabarettist Volker Pispers sein natürliches Biotop. Volker Pispers ist eigentlich viel zu langweilig, um ihn überhaupt einer umfangreicheren Beachtung zu würdigen. Mich haben weder seine als „Humor“ missverstandene Rhetorik noch seine biedere Sprache jemals gereizt. Der Grund, warum ich überhaupt über ihn schreiben will, ist einem merkwürdigen Umstand geschuldet. Über ein Forum stieß ich zufällig auf die Naziseite globalecho dot org, (Naziseiten werden einer guten Konvention zufolge nicht direkt verlinkt). Wer sich die Ergüsse des Hosts „Crypto Jude“ (warum er sich so nennt hat der Autor dieser Zeilen nicht heraus zu finden versucht) antun möchte, soll das mit Hilfe einer beliebigen Suchmaschine selbst besorgen. Der „Crypto Jude“ jedenfalls bietet umfangreiches Material zur nationalen und patriotischen Grundversorgung für den modernen Nazi an, das sich der Aufdeckung des deutschen „Volkstods“ verpflichtet hat. Das Netzwerk, in das global echo eingebettet ist, steht einer Naziveranstaltung namens „Die Unsterblichen“ nahe, die in online verfügbaren Videos Züge von Fackelträgern zeigt, die mit Masken, die wohl an den Guy Fawkes Stil der anonymus Kampagnen erinnern soll, die deutsche Endlösung per Geburtenrückgang problematisiert. Ein Werbebanner für das Online Zahlungssystem „bitcoin“ enthält den Hinweis „(…) es hilft die Zinsknechtschaft der Rothschilds und anderer Verbrecher zu brechen.“ Wie formulierte es Karl Kraus? „Man erkennt Deutschnationale daran, dass sie nicht Deutsch können.“

Es ist wie gesagt eine Naziseite, für die man sich nicht weiter interessieren sollte, wäre da nicht der merkwürdige Sachverhalt, dass sich unter den Registereinträgen ein eigenes Tab namens „Volker Pispers“ befindet, den der „Crypto Jude“ mit mehreren eingebetteten Videos seinen Lesern ans Herz legt und den er wegen folgender Qualität würdigt: „Einem breiteren Publikum wurde er vor allem während des Irakkriegs durch seine scharfe Kritik an der Politik der USA bekannt.“

Dass Volker Pispers als Rolemodel auf einer Naziseite auftaucht, dafür kann er nichts. Er ist schließlich kein Nazi, sondern ganz im Gegenteil ein höchst sensibler linker Gutmensch mit untadeligem Charakter. Aber es ist interessant zu wissen, dass Nazis ihn offenbar gut finden und herzlich zu den langweiligen Kalauern dieses Clowns lachen. Doch die Frage stellt sich: Warum?

Genau wie beim lahmarschigen Spießerhumor des ZDF Klassikers „Neues aus der Anstalt“, in dem der humorfreie deutsche Untertan sich als Rebell gegen das Establishment austobt oder dem (noch langweiligeren) ARD Format „Scheibenwischer“ in dem er Dieter Nuhr häufig als Gastmoderator  beiwohnt, wird bei Pispers die linke Gewissheit moralisch überlegen zu sein als vollendet dämliche Projektion gelebt. Wie man hier sehen kann, gibt Volker Pispers gerne den Kritiker der Heuschrecken. In „Berufsgruppen, die die Welt nicht braucht“ zieht er über Aktienanalysten („das widerlichste Pack was dieser Planet bis dato hervorgebracht hat…), Börsenmakler („meine Lieblingschmarotzer“) und Consultingagenturen („Parasiten“, „Gesindel“) her, in einer Wortwahl, mit der er jedem Nazi offenbar aus der Mördergrube seines Herzens spricht. Das alltägliche Ressentiment erhält die Form einer „Kapitalismuskritik“, die nichts anderes vermag, als die Denunziation zum Spaßterror zu adeln. Die reaktionäre Voraussetzung dieses ideologischen Spiels ist die Gegenüberstellung von parasitärer Finanzelite und dem machtlos ausgelieferten Bürger, der das Lachen dazu verwenden muss, seine eigene Vernetzung im politischen System konsequent zu verdrängen. Früher hätte man das „objektiv konterrevolutionär“ genannt. Pispers hat kein Interesse daran sein Publikum mit der unangenehmen Wahrheit zu konfrontieren,  dass die „BWL Schnösel“, die er so verachtet, Projektionen sind, Spiegel und zugleich Wiedergänger der eigenen Passivität. Im oben erwähnten Beitrag über das linke Ressentiment schrieb ich: „Das Ressentiment ist die Verinnerlichung dieser Vorgänge, die aber vom Schwachen als moralische Überlegenheit gegenüber dem Stärkeren rationalisiert wird, als Sublimierung und Transformation der Impotenz in die Heroisierung der Impotenz als eigentlichen Ausdruck von Stärke.“ Börsenbroker, Aktienspekulanten und Consultingagents mögen nicht besonders sympathisch sein, und weder ihr Reichtum noch ihre durchaus beachtliche gesellschaftliche Macht machen es notwendig, sie gegen primitive Polemik und bösartige Beschimpfungen in Schutz zu nehmen, aber der linke Kabarettist Pispers macht sich nicht einmal im Ansatz den Gedanken, dass das Auftauchen dieser Phänomene etwas mit ihm selbst oder seinem Publikum zu tun haben könnte. Stattdessen wird die eigene Unfähigkeit diese Entwicklungen zu verstehen geschweige denn sie irgendwie beeinflussen zu können mit Begriffen thematisiert, die der Nazi sehr genau versteht und die er als Bereicherung seiner Angst vor dem deutschen Volkstod instrumentalisieren kann. Die Unschuld des deutschen Spießers, der sich aufregen, aber nichts verändern will ist so erbärmlich, dass Pipsers Humor auch problemlos auf Karnevalsveranstaltungen der reaktionärsten Sorte passt. Ob und wie typisch deutsch es ist, die eigene moralische Überlegenheit dem selbstkritischen Einblick in die Vernetzung der Verhältnisse vorzuziehen, das sollen andere sich überlegen. Das Gefühl der bessere Mensch zu sein als der erfolgreiche Börsengewinnler ist schon hinreichender Ausweis der eigenen Integrität, die selbst empfundene moralische Überlegenheit die Krücke mit der sich das narzisstische Selbstbild vor der Realität flüchtet. Wem das als politische Aktivität genügt, wird mit Pispers seine Freude haben.

3.

Wenn Pispers auf den Irakkrieg zu sprechen kommt, auf 9/11 und die USA generell, dann kennt der Spießer in ihm keine Anstandsgrenzen mehr. In einem (vom „Crypto Juden“ offenbar mit englischen Untertiteln versehenen) Video, das sich hier ansehen lässt, ergießt sich die ganze Verachtung des deutschen Spießers über die USA als offen rassistische Abrechnung, als ob er  den Verlust des zweiten Weltkriegs noch immer nicht verwunden hat. Die Projektion der eigenen Impotenz muss sich natürlich an den Amerikanern abarbeiten. Amerikaner sind „naiv“, halten sich für „die Guten“ und wissen nicht viel vom Rest der Welt. Kein Wunder, dass der Nazi das lustig findet. Dass es in den USA eine Oppositionsbewegung gegen den Irakkrieg gegeben hat, scheint für Pispers völlig unerheblich. Der doofe Amerikaner scheint im klaren Gegensatz zum kultivierten Deutschen zu stehen.

Was Pispers für Aufklärung hält sind simple Schemata, die es seinem Publikum ermöglichen, einen Feind zu sehen, anstatt sich selbst. Wie er das macht, das hat allerdings einiges Geschick, das muss ihm der Neid lassen. Sind Bush und seine Regierung einfach Verbrecher, firmieren die Attentäter von Madrid als „Idioten“, sozusagen dumme Jungs, die man nicht ernst nehmen muss. Dass 9/11 ein Massenmord gewesen ist, auf die Idee könnte man gar nicht kommen, wenn man Pispers zuhört. Es ist schlicht ein „Ereignis“, das uns unverschämter weise von den doofen Amerikanern aufgedrängt wurde, und mit dem sie uns seitdem ungefragt belästigen. Was man von einem linken Kabarettisten erwarten könnte wäre eine Art Äquidistanz zu allen Bösen, stattdessen muss er jedoch, weil es darum geht, die USA zu denunzieren, die Geschichte des US-Imperialismus neu erfinden. Als Beispiel für eine friedliche Revolution gegen die Diktatur fällt ihm nämlich ausgerechnet der Iran ein. Die islamische Revolution im Iran gilt ihm als (offenbar nachahmenswertes) Beispiel, wie ein „Volk“ (natürlich) ohne einen Schuss abgegeben zu haben, sich von der Unterdrückung befreit hat. Die „Moslems“ sind deshalb die Bösen für die US-Verbrecher, weil sie „Menschen (sind), die ihre Religion ernst nehmen“, ganz im Gegenteil zu den Katholiken, wie der ehemalige Student der katholischen Theologie böse anmerkt. Dass die islamische Revolution selbst relativ friedlich verlaufen ist, aber danach ein terroristisches Folterregime errichtet hat, kann einen Trottel, der in Kategorien des „Völkischen“ denkt einfach nicht stören. Die stillschweigende Naturalisierung der Bevölkerungen des Nahen Ostens, denen der Islam als kulturelles Dispositiv unmittelbar eigen ist, ist für Pispers Ausdruck der eigenen repressiven Toleranz. Wer sind wir, fragt er rhetorisch, zu kritisieren, dass sie es als „Moslems“ einfach nicht abkönnen, dass eine fremde Macht in ihren Heiligen Stätten sich breit gemacht hat? Die angebliche Kritik des Rassismus gegen muslimische Migranten kehrt als kulturalistische Essentialisierung wieder, und dem Trottel fällt das natürlich gar nicht auf.

Wiederum verstehen wir ganz genau, warum ein Nazi, der die deutschen Verbrechen der Shoah durch den Hinweis auf Guantanamo (oder den deutschen Volkstod) überschreiben will, seine lachtechnischen Bedürfnisse bei Volker Pispers befriedigen kann.  Es geht auch nicht darum, etwas sichtbar zu machen, sondern ein Ressentiment zu kultivieren, das die Selbstzufriedenheit der „schönen Seele“ (Hegel) pflegt.

4.

Pispers soll seinem Wikipediaeintrag zufolge in den 80ern studierter Englischübersetzer gewesen sein. Wie und warum jemand, der diese Sprache gelernt haben will, zum Schluss gelangt, dass das Problem der USA die Menschen sind, die dort leben, kann ich nicht beantworten, ohne in Spekulationen abzugleiten. Einer dieser Spekulationen ist, dass es sich um simplen Neid handelt. Pispers ist neben seinen problematischen ideologischen Anteilen vor allem eines: langweilig. Die biederen Kalauer und die schenkelklopfende Banalität die an Acts beim Villacher Fasching erinnert würden einem mittelmäßigen amerikanischen Standup Comedian keinen einzigen zahlenden Zuschauer bringen. Wenn man sich nur ein wenig mit amerikanischer Humorkultur auskennt,  fällt einem natürlich sofort Stephen Colberts Auftritt beim White House Correspondents Dinner 2006 ein. Das gesamte amerikanische Establishment sah zu, applaudierte und lachte, als Colbert den anwesenden George Bush nach allen Regeln der Kunst öffentlich bloß stellte. Der Präsident ertrug es mit zusammen gekniffenen Arschbacken und einem gequälten Lächeln. Die erbärmliche Qutaschcomedy eines Volker Pispers hat dieser kulturellen Leistung nur antiamerikanische Ressentiments entgegen zu setzen, die seine Projektion als verdrängte Eigenwahrnehmung verraten.

Wer wissen will wie in einer kultivierten Gesellschaft politische Kritik als Humorleistung verstanden wird, sollte sich die Shows von Lewis Black einmal ansehen. Die Sensibilität für Sprache, Nuancen und derbe Schmähs verbindet sich bei diesem Künstler zu einer Form, die den Namen „politisches Kabarett“ verdienen würde, wären amerikanische Standup Comedians bloß „Kleinkünstler“.

Dass ein kultureller Analphabet wie Pispers seine simpel gestrickten Ressentiments als Humor anbieten kann, ist ein Tiefpunkt der deutschen Sprache. Wäre er des Englischen mächtig genug, dass er den 2008 viel zu früh verstorbenen George Carlin verstehen könnte, der mit seinen sprachlich subtilen Witzen sogar aus einer Aufzählung von Fäkalwörtern eine intellektuell höchst anspruchsvolle Kritik öffentlich propagierter und privat gelebter Moralvorstellungen zaubern konnte, die Scham würde diesen Trottel auf der Stelle umbringen.

Kategorien:Culture and War

KIMJONGILIA

Dezember 25, 2011 1 Kommentar

North Korea is one of the world’s most isolated nations. For sixty years, North Koreans have been governed by a totalitarian regime that controls all information entering and leaving the country. A cult of personality surrounds its two recent leaders: first, Kim Il Sung, and now his son, Kim Jong Il. For Kim Jong Il’s 46th birthday, a hybrid red begonia named kimjongilia was created, symbolizing wisdom, love, justice, and peace.

So beginnt die Dokumentation „Komjongilia“ der amerikanischen Filmemacherin N.C. Heikin aus dem Jahre 2009. Anlässlich des Todes des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il empfehle ich allen Interessierten sich diesen Film anzusehen. Kompetentere Einschätzungen zum politischen Erbe Kim Jong Ils, als ich sie leisten könnte,  findet man z.B. hier, hier oder hier. Nordkorea ist nach außen derart isoliert, dass selbst anerkannte Experten nicht genau sagen können, ob das Regime tatsächlich in der Hand eines einzelnen Herrschers ist, so wie man sich die Regime Saddam Husseins im Irak oder das Libyen Ghaddafis vorstellen musste oder ob es von einem größeren Gremium kontrolliert wird. Wenn man die völlige Intransparenz nach außen als Indiz nimmt, muss man wohl davon ausgehen, dass Nordkorea von einer kleinen Elite regiert wird, die durch das dynastische System der Kims an der Spitze ungestört im Hintergrund agieren kann. Nordkoreas politischer Apparat ist derart undurchsichtig, dass sogar Diplomaten des engsten Verbündeten China nur anhand der Aufstellungen der Mächtigen bei öffentlichen Propagandaveranstaltungen vermuten können, ob die Macht eher bei der Partei oder eher bei der Armee liegt. Die verstörenden Bilder der letzten Tage, die trauernde und weinende Menschen an öffentlichen Plätzen in Nordkoreas Hauptstadt Pyöngyang zeigen, vermitteln das Bild eines nach innen völlig stabilen Regimes, das seine Bevölkerung so perfekt manipuliert, dass innerer Widerstand nicht zu existieren scheint. Trotz der Hungersnöte, die seit den 80ern das Land zu einem Schauplatz humanitärer Tragödien macht, die höchstens mit den Katastrophengebieten der Sahelzone und Westafrikas verglichen werden können, erscheint Nordkorea von außen als monolithische Gesellschaft gleich geschalteter Existenzen ohne Individualität und Bedürfnisse. Während sich das Regime nach außen durch farbenprächtige Massenkundgebungen präsentiert, in dem tausende Tänzerinnen und Tänzer in großen Stadien komplexe Figuren bilden, betreibt es im Inneren einen immens aufwändigen Propagandaapparat in dessen Mittelpunkt die Lobpreisung des „geliebten Führers“ steht, der wie der ebenfalls vor kurzem verstorbene Christopher Hitchens anmerkte als Fusion des verstorbenen Vaters, des „großen Führers“  Kim Il Sung mit seinem Sohn Kim Jong Il funktioniert. Der 1994 verstorbene Kim Il Sung ist immer noch offiziell der Präsident Nordkoreas, darum wurde Kim Jong Il von ausländischen Gästen als „Herr Generalsekretär“ (der Arbeiterpartei Nordkoreas) angesprochen. Die gesamte kulturelle Produktion steht im Zeichen der Lobpreisung des „geliebten Führers“. Das Bild, das nach außen vermittelt werden soll ist die völlig Deckungsgleichheit der Bevölkerung mit der Propaganda.

Der Film „Kimjongilia“ widerspricht diesem Bild, indem er verschiedene Menschen zu Wort kommen lässt, die in den letzten zwei Jahrzehnten aus Nordkorea flüchten konnten und seither in Südkorea leben. Was sie zu erzählen haben ist derart schockierend, dass man vieles nicht sofort realisiert. Auf der „Kimjongilia“ Website äußerst sich Frau Heikin darum auch zu Vorwürfen, der Film würde Propaganda betreiben. Sie schreibt: „Only when the dictator in question is of the communist persuasion do these questions even arise.“ Wenn  der Diktator Reputationen im antiimperialistischen Milieu hat ebenfalls. Aber Heikin verfolgt mit ihrem Film nicht die Absicht, aus abstrakten politischen Interessen heraus ein Portrait des politischen Systems Nordkoreas zu destillieren. In „Kimjongilia“ geht es vor allem darum, emotional nachvollziehbare Menschen zu zeigen, die nicht wie jene unverständlichen roboterähnlichen Wesen funktionieren, die an öffentlichen Plätzen um den „geliebten Führer“ weinen. Dass die Menschen Nordkoreas keineswegs widerstandslos der massiven Propaganda begegnen zeigt allein schon die Brutalität und Unmenschlichkeit mit der der gewaltige Terrorapparat vorgehen muss, um Rebellion und Insubordination zu ersticken. Würde die zweifelsohne mächtige Propaganda tatsächlich den Geist und den Verstand der Menschen so vollständig benebeln, wie manche Beobachter vermuten, wäre das Ausmaß an Repression nicht notwendig, das dieser Unrechtsstaat braucht, um am Leben zu bleiben.

Nordkorea entstand als eigenständiger Staat 1948, als der von der Sowjetunion unterstützte Kim Il Sung die Niederlage der Japaner im zweiten Weltkrieg nutzte, die zuvor Kolonialmacht auf der Halbinsel gewesen war. Nach einem Bürgerkrieg mit dem von den USA unterstützten Süden, bei der keine Seite einen entscheidenden Vorteil erringen konnte, einigte man sich ohne Friedensvertrag auf eine Teilung des Landes am berühmten 38. Breitengrad. Der als „demilitarisierte Zone“ bezeichnete Grenzstreifen ist in Wirklichkeit einer der militärisch intensivsten Regionen der Erde. Die Armeen Nord und Südkoreas stehen sich hier in ständiger Alarmbereitschaft gegen über. Diese Grenze ist dank Mauern, elektrischer Zäune, Landminen und Armeepräsenz für Flüchtlinge aus Nordkorea unpassierbar. Die nördliche Grenze zu China ist weniger gesichert, aber China schickt Flüchtlinge aus Nordkorea, die an seiner Grenze aufgegriffen werden wieder zurück. Trotzdem flüchteten in den letzten zwei Jahrzehnten knapp 300.000 Menschen aus Nordkorea über die chinesische Grenze oder den Seeweg im Westen an der koreanischen Bucht vorbei durchs Gelbe Meer nach Südkorea.

Die ungünstigen klimatischen Bedingungen des Landes, niedrige Temperaturen und geringer Niederschlag, dazu die unruhige und stürmische See von Osten und Westen, die Sturm und Flutkatastrophen an den Küsten  verursachen, machen die Landwirtschaft Nordkoreas für Missernten äußerst verwundbar. Aber während Südkorea, das mit den gleichen Voraussetzungen zu recht kommen muss, zu den wohlhabendsten Volkswirtschaften der Welt zählt, wurde Nordkorea seit den 80er Jahren von katastrophalen Hungersnöten und Lebensmittelknappheit heim gesucht. Die für derart isolierte Zonen typische Schwäche an technischer Infrastruktur, der Mangel an Entsalzungsanlagen, Pumpsystemen und modernen Gerätschaften, kombiniert mit bürokratischer Ineffizienz und politischen Fehlentscheidungen verwandelte Nordkorea in eine Diktatur, die seine Bevölkerung mit brutaler Repression, Gedankenkontrolle und Zwangsarbeit unterdrückt und dazu auch noch völlig unfähig ist, die Bevölkerung, die sie von der Welt abschnitt zu ernähren. Dies unterscheidet die Diktatur der Kims sogar noch von den Regimen Gaddafis oder Saddam Husseins. Es erscheint auch nicht völlig unvorstellbar, dass das Regime ab einem bestimmten Zeitpunkt den Hunger bewusst als Waffe einsetzte, um unbotmäßige Regionen wieder unter ihre Gewalt zu bringen, aber dies ist nur eine Vermutung meinerseits, die man mit besseren Informationen über die internen Machtstrukturen belegen müsste.

1995 suchte die Regierung Nordkoreas schließlich um Hilfe bei der UNO an, nachdem die Situation offenbar außer Kontrolle geraten war. Niemand kennt eine halbwegs verlässliche Zahl, wie viele Menschen in Nordkorea verhungert sind, vermutlich wissen es nicht einmal die nordkoreanischen Behörden selbst, aber UNO Stellen soll 1995 von nordkoreanischer Seite mitgeteilt worden sein, dass etwa 350.000  direkt oder indirekt an den Folgen der Hungerkrise gestorben sind. Man kann annehmen, dass diese Zahl eine untere Grenze darstellt, ab der man  – mit ein wenig mehr Informationen – zu schätzen beginnen kann. Alle Versuche der UNO die Verteilung der Hilfsgüter zu kontrollieren, um eine Versorgung der am meisten Not leidenden Menschen zu garantieren wurden vom Regime verhindert. Hilfsgüter im Wert von 2.5 Milliarden Dollar wurden von Nordkoreas Regierung entgegen genommen, aber wer sie bekam und wie sie verteilt wurden, darüber ist nichts bekannt. Worüber man ein wenig mehr weiß, sind die Zwangarbeitslager, die im ganzen Land verteilt politische Gefangene beherbergen. Nach Schätzungen von Beobachtern und Menschenrechtsaktivisten, genaue Zahlen sind auch hier unmöglich zu bestimmen, sollen bis zu 200.000 Menschen in solchen Lagern festgehalten werden.

Die Menschen, die in „Kimjongilia“ ihre Geschichte erzählen sind sehr unterschiedlich, aber alle sind erschütternd und tragisch.

Kang Chol-hwan etwa kam mit 9 Jahren in ein Arbeitslager, wurde mit 19 entlassen und flüchtete ein paar Jahre später. Er war der erste, der mit seiner Geschichte 1992 in die Öffentlichkeit ging und die Existenz des Lagersystems in Nordkorea bestätigte. Er wurde deshalb so jung eingesperrt, weil sein Großvater wegen eines unbekannten Verbrechens verhaftet wurde und die gängige Praxis der politischen Verfolgung in Nordkorea drei Generationen des Delinquenten zur Verantwortung zieht.

Shin Dong-hyuk wurde in einem Gefangenlager geboren und kannte die Außenwelt nur aus den Schilderungen von Mitgefangenen. Er entkam 2006 mit einem Freund, der bei der Überquerung der Grenze durch einen elektrischen Zaun starb.

Byeon Ok-soon, eine junge Frau vom Land erzählt von den großen Hungersnöten in den 90er Jahren, bei der sie fast an Unterernährung und mangelnder medizinischer Versorgung starb. Ihr Bruder trug sie nach China, wollte Medikamente zu seiner Familie zurück bringen, wurde gefasst und öffentlich exekutiert.

Lee Shin, eine Tänzerin und Sängerin wollte Nordkorea verlassen, weil sie aus politischen Gründen keine Karrierechancen hatte, wurde von Schleppern nach China gebracht und als Sexsklavin verkauft, bis sie 5 Jahre später durch die Hilfe christlicher Missionare nach Südkorea flüchten konnte.

Mrs. Kim, eine ehemalige Tänzerin, verlor ihre gesamte Familie, weil sie als mutmaßliche Mitwisserin einer Affäre Kim Jong Ils mit ihrer Freundin anscheinend ein Sicherheitsrisiko darstellte.

Kim Cheol-woong entstammt einer Familie aus der nordkoreanischen Elite und wurde zum Konzertpianisten ausgebildet. Er floh nach China, weil ihn ein Kollege bei den Behörden anzeigte, westliche Musik zu hören. (Es handelte sich um eine CD von Richard Claydermann.) Durch christliche Missionare gelang es auch ihm, sich nach Südkorea abzusetzen.

Park Myung-ho war 20 Jahre lang Offizier der nordkoreanischen Armee, der mit vor Wut zusammen gebissenen Zähnen von bürokratischen Unfähigkeiten, plündernden Soldaten und Bergen von verhungerten Toten erzählt, die von der Armee entsorgt werden mussten. Weil der Landweg nicht passierbar war, floh Park mit seiner gesamten Familie durch Nebel und Untiefen des Gelben Meeres.

„Kimjongilia“ ist ein Film über die Unzerstörbarkeit menschlicher Würde. Das Entsetzen, das einen erfasst, wenn man Menschen zuhört, die solch unvorstellbaren Zuständen entkommen sind, wird nur durch die Hoffnung in seine Schranken gewiesen, dass die totalitäre Diktatur nicht das letzte Wort haben wird. Die Unterdrückung kann beendet und die Unfreiheit überwunden werden. Der im Lager geborene Shin Dong-hyuk  berichtet, dass Bücher ins Lager geschmuggelt wurden, unter anderem eine koreanische Readers Digest Version des „Grafen von Monte Christo“. Diese Geschichte, so berichtet er, habe ihm zum ersten Mal die Idee der Flucht als echte Möglichkeit nahe gelegt. Wenn an den unwahrscheinlichsten Orten unter den furchtbarsten Bedingungen Menschen beginnen können, sich gegen den Terrorapparat aufzulehnen, ist dies nirgends unmöglich. Wir wollen den Menschen Nordkoreas wünschen, dass sie dieses entsetzliche Regime selbst besiegen können, selbst wenn diese Hoffnung schwach ist und wir nichts anderes dazu beitragen können, als das Andenken jener aufrecht zu erhalten, die für diese Hoffnung gestorben sind.

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