Startseite > Common Interest > Anmerkungen zur weltweiten Verfolgung der Christen

Anmerkungen zur weltweiten Verfolgung der Christen

„Das Abendland wird gestorben sein, wenn es nicht mehr die Gegenwart Griechenlands in einer christlichen Seele ist.“ (Nicólas Gómez Dávila)[1]

„Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Römer 12, 20-21)

1.

Warum wird die weltweite Verfolgung der Christen in den Metropolen des Westens so konsequent ignoriert? Der Widerstand sich mit dem Thema zu beschäftigen ist enorm und verweist auf die ganz prinzipielle Unfähigkeit der zeitgenössischen westlichen Bevölkerungen sich in irgendeiner Weise positiv auf sich selbst zu beziehen. Die These von Freud, dass der Antisemitismus eine absurde Verdrängung des Hasses auf das Christentum ist, erweist sich heute als Wahrheit über die nur verschämt geschwiegen werden kann. Die Ablehnung und der Hass auf die Religion, der von unaufgeklärten Gegenaufklärern gegen jede Empirie als Wesen der Aufklärung propagiert wird, betrifft nur eine einzige Religion und wird von einer linken Hegemonie im Gewand eines postliberalen Atheismus nur gegen das Christentum in Stellung gebracht. Dass es ohne das Christentum gar keine Aufklärung gegeben hätte wird konsequent geleugnet, und dadurch zu einer Art Grundbedingung des gesellschaftlichen Konsenses hypostasiert, in der sich die atheistische Menschenfeindlichkeit gemütlich einrichten kann. Die Verteidigung verfolgter Christen gegen ihre Verfolger wird heute von der linken Hegemonie so intensiv verdrängt, dass sich nur noch politische Reaktionäre mit diesem Thema beschäftigen wollen.[2] Jordan Peterson rief in seinen „12 rules for life“ eine fast schon banale Tatsache zurück in das Bewusstsein von Millionen LeserInnen und ZuhörerInnen seiner Vorträge:  „The Bible is, for better or worse, the foundational document of Western civilization…“[3] und wurde – auch dafür – von Slovoj Zizek als „alt-right scientist“ denunziert.

Die kaltblütige Verleumdung einer einzigen Kultur und einer einzigen Religion als Quelle allen Übels, die heute als modischer Opportunismus den Zeitgeist beherrscht, beruht auf einem Ressentiment, das weit über die angebliche Kritik der Religion hinaus geht. Es ist das Ressentiment gegen die Einrichtung Zivilisation an sich, das sich in der Verfolgung der Christen äußert. Sein Verschweigen ist die Komplizenschaft mit einer massiven Gewalt, die unfähig geworden ist neben der (notwendigen) Kritik an der eigenen Geschichte auch die historischen Leistungen zu würdigen, die überhaupt erst zur Entstehung einer Gesellschaft führte, die an den Verwerfungen ihrer eigenen Geschichte Kritik üben konnte.  Es ist sehr wichtig fest zu halten, dass diese Ignoranz keineswegs eine Erscheinung jüngeren Datums ist, sondern sehr weit zurück reicht. In einem Text über die „türkische Frage“ vermutete Friedrich Engels bereits 1853, dass die imperiale Politik der europäischen Großmächte darauf aus sei, „alle Türken über den Bosporus zu jagen und das Sankt-Andreas-Kreuz auf die Minarette der Hagia Sophia zu pflanzen“[4].  Auch Karl Marx äußerte sich ganz ähnlich. 1854, in einem Text über den „griechischen Aufstand“ (gegen die osmanische Gewaltherrschaft) hielt er das Ansinnen „daß es das große Ziel der Westmächte sei, die Rechte der christlichen Religion in der Türkei auf gleichen Fuß mit denen der mohammedanischen Religion zu stellen“[5] für bloße Propaganda, die zu entlarven ihm offenbar ein großes Anliegen gewesen sein muss. Damals wie heute sind es die Christen in den Ländern der „mohammedanischen Religion“, die den Preis dafür bezahlen müssen.

 

2.

In dem auf Deutsch erst kürzlich erschienenen Band „Die Juden der arabischen Welt. Die verbotene Frage“[6] schreibt der französische Historiker Georges Bensoussan: „Warum hat sich die arabische Welt in kaum einer Generation (1945-1970) ihrer Juden entledigt? (…) Die jüdischen Gesellschaften des Orients seien mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt versunken, sagt man uns im Allgemeinen, und der arabische Antijudaismus sei nur eine Folge des Palästinakonflikts. Nun wird das aber massiv durch die westlichen Zeugen der Jahre  1890-1940 entkräftet, (…). Alle sprechen von der Heftigkeit einer antijüdischen Stimmung, die offensichtlich je nach Region und Zeitraum variabel und vom Palästinaproblem abgekoppelt ist.“ (S. 95)

Die Vertreibung der Juden aus den muslimischen Ländern des Nahen Osten nach der Gründung Israels 1948 war lange Zeit ein völlig unterrepräsentiertes Thema, das nicht nur durch die Propaganda der Palästina Solidarität über die „Nakba“ aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt wurde, sondern auch von unerhörten historischen Fälschungen[7] und einer ungerechtfertigten Idealisierung der muslimisch-jüdischen Beziehungen in den muslimisch geprägten Ländern des Maghreb gekennzeichnet ist.[8] Mit der Vertreibung der Juden nach 1948 wurde auch die Geschichte ihrer zuvor in allen muslimischen Ländern praktizierten Demütigung, Rechtlosigkeit und Unterdrückung mit entsorgt, gegossen in Mythen[9], die auch von den politischen Eliten des Westens mit getragen werden. Das Resultat ist dadurch scheinbar endgültig: es gibt in den Ländern des Halbmonds und außerhalb Israels so gut wie keine Juden mehr, und die Allianzen der Reste des Panarabismus die sich mit den Armeen des islamischen Djihad verbündet haben, kennen kein anderes Ziel als die Juden Israels zu vernichten oder zumindest großflächig zu vertreiben, und zwar endgültig. Mehr als 70 Jahre nach der Auswanderung der Juden aus den muslimischen Ländern des Nahen Ostens scheint sich die Geschichte – ob als Tragödie oder Farce sei dahin gestellt – neuerlich zu wiederholen. Weil es Israel seit mehr als 70 Jahren erfolgreich gelingt die offene militärische Bedrohung für seine Existenz gering zu halten, auch wenn die iranische Propaganda und ihre Proxies im Libanon und im Gazastreifen gerne etwas anderes behaupten[10], richtet sich der gewalttätige Hass islamischer Gekränktheit nun auf jene religiösen und ethnischen Minderheiten, die noch übrig geblieben sind.

Mitte April 2019 veröffentlichte der britische Außenminister Jeremy Hunt eine von ihm in Auftrag gegebene Untersuchung[11] seines Amts, in der festgestellt wurde, dass die Verfolgung der Christen, nicht bloß im Nahen Osten sondern weltweit bereits „Genozid ähnliche Züge“[12] angenommen habe. 2018 hatte bereits der Deutsche Bundestag ein ganz ähnliches Dokument veröffentlicht, das zur gleichen Schlussfolgerung kam.[13] Das Dokument, das vom britischen Außenminister veröffentlicht wurde, ist die Vorbereitung einer umfassenderen Darstellung, die empirisch genauer und detaillierter darstellen wird, was seit einigen Jahren ein offenes Geheimnis und eine verdrängte Wahrheit der westlichen Wahrnehmung ist: dass Christen die heute am meisten verfolgte Gruppe der Welt sind, deren Verfolgung, Diskriminierung, Vertreibung, Ermordung und Unterdrückung[14] in fast 50 Staaten der Welt zum Alltag gehört. Obwohl an erster Stelle meist Nordkorea genannt wird und auch in China, Indien oder Myanmar Verfolgung und Diskriminierung stattfindet[15], sind die schlimmsten Verfolger von christlichen Bevölkerungen muslimische Mehrheitsgesellschaften in jenen Gegenden in denen das Christentum entstanden ist und in denen Christen eine autochthone Gruppe darstellen, deren Wurzeln weit älter sind als jene des Islam.[16] Die Denunziation der syrischen und irakischen Christen als „Fünfte Kolonne“ einer angeblich kolonialen Expansion war äußerst erfolgreich und hat mit dazu beigetragen, dass der Genozid an den Christen im Nahen Osten vom politischen Establishment und der Linken insgesamt ignoriert wird. In diesem Verhalten spiegelt sich ein Muster wieder, das in jüngerer Zeit von palästinensischen Solidaritätskomitees auf der ganzen Welt vorexerziert wurde. Die Schilderung Israels als fremde „Kolonialmacht“ und die Dämonisierung des Zionismus beschränken sich eben keineswegs auf Israel und den Zionismus, sondern ist darauf aus die Geschichte der Juden im Heiligen Land gänzlich auszuradieren. Nach aktueller Deutung der Palästinensischen Autonomiebehörde und ihrer islamischen Kleriker gab es in Palästina niemals Juden, keine Klagemauer und keinen Tempel.[17] Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Christen, die jetzt noch in Jerusalem und Israel leben und sich von den Propaganda Abteilungen des islamischen Judenhasses für anti-zionistische Agitation instrumentalisieren lassen, nicht das gleiche Schicksal zu erwarten haben[18]. Nachdem die Zionisten als raumfremde Aliens identifiziert wurden, die 1948 Palästina überfallen haben sollen, werden auch die Christen, die seit fast 2000 Jahren eine Geschichte in der ganzen Region haben als koloniale Fremdkörper wahr genommen, an denen sich eine ganze Generation muslimischer Terroristen angeführt von Klerikern und Djihadisten ausagieren darf. Stellvertretend dafür sei an die hunderten Opfer des Terroranschlags auf Sri Lanka erinnert, von denen viele während der Ostermessen in ihren Kirchen von islamischen Selbstmordattentätern zerfetzt wurden. Die Christen auf Sri Lanka sind eine Minderheit, die selbst hin und wieder von Diskriminierungen durch die buddhistische Mehrheit betroffen ist. Ihr Verhältnis zur muslimischen Minderheit, mit der sie das gleiche Schicksal teilt war in der Vergangenheit jedenfalls nicht von größeren Spannungen geprägt gewesen. Trotzdem entschlossen sich die von internationalen Djihadisten angeleiteten Attentäter mit ihren Sprengstoffgürteln auf eine schlecht geschützte und vor allem weitgehend friedliche Minderheit zu zielen, die mit den Konflikten im Nahen Osten nicht einmal im Ansatz etwas zu tun hat.[19] Die folgenschwere Konsequenz die aus Sri Lanka gezogen werden muss ist, dass gerade ein Weltkrieg im Gange ist, in dem die am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Islam auf die Vernichtung der mittlerweile ohnehin nur noch aus Bruchstücken bestehenden Reste einer alten Zivilisation aus sind, wo sie Bedingungen dafür vorfinden, die ihnen das ermöglichen.[20] Die Verfolgung christlicher Gemeinden findet vor allem dort statt wo diese schutzlos und auf das Wohlwollen ihrer muslimischen Nachbarn angewiesen sind. Der Krieg, den der Islam gegen Christen und Juden führt stößt dort an seine Grenzen, wo diese sich zur Wehr setzen oder auf die Unterstützung eines säkularen Staates hoffen können, also z.B. im Libanon oder eben in Israel.

Da die Dokumentation der schwer zu ertragenden Details[21] dieser Verfolgung bisher nur von explizit christlichen Organisationen wie etwa „Open Doors“[22] geleistet wurde, wurde sie ins Reich der Fantasie verwiesen.[23] Was in bestimmten Kreisen bisher einfach verschwiegen, verdrängt oder ignoriert wurde, kann jedoch jetzt nicht mehr einfach geleugnet werden und wird darum entweder verharmlost oder bis ins Unkenntliche relativiert. Diese Relativierung nimmt verschiedene Formen an. Einmal indem das Faktum der Verfolgung der Christen gegen das Schicksal anderer Verfolgter ausgespielt wird, damit es den Kontext des Besonderen verliert. In anderen Varianten wird sie mit historischen Verbrechen des Christentums (Inquisition, Kreuzzüge, Hexenverfolgungen) gerechtfertigt, die aus welchem Grund auch immer, die Klagen über Verfolgung als solche wertlos macht. Was syrische und chaldäische Christen des Nahen Ostens mit der Inquisition, den Kreuzzügen und den Hexenverfolgungen zu tun haben, bleibt dabei ungeklärt. Das Bemühen die Verfolgung der Christen aus der Wahrnehmung zu verbannen, hat zur Folge, dass die zentrale Propagandaidee von Islamisten, dass Muslime Opfer des Imperialismus seien, zur Gänze übernommen wird. Die Vernichtung der christlichen Minderheit des Irak[24] wird, wenn sie denn überhaupt wahrgenommen wird, als Folge des Irakkriegs von 2003 interpretiert, weil sich die Legende eines harmonischen Zusammenlebens davor von Muslimen mit ihren Minderheiten hartnäckig hält. Aber die Zahlen sprechen für sich: seit 2003 sind etwa eine Million Christen aus dem Irak verschwunden. Viele wurden getötet, die meisten sind vertrieben worden oder flüchteten rechtzeitig davor und in den Medien der westlichen Welt war das bis vor kurzem nicht einmal eine Glosse in den hinteren Spalten des Chronikteils wert.[25] Was man bei der Vertreibung der Juden noch mit dem „Palästinakonflikt“ weg diskutiert hat, nimmt bei der Auslöschung der Christen des Irak eine ganz allgemein anti-westliche und anti-christliche Ideologie ein, die Gewalt an und gegen Christen ganz prinzipiell ausblendet und dort wo sie das nicht mehr kann, primitive Ausflüchte erfindet, diese zu relativieren. Ein Grund, warum diese Relativierungen so erfolgreich sind, liegt nicht daran, dass es zu wenig verlässliche Empirie gibt.[26] Das wesentlichste Element ist die allgemeine Geringschätzung der christlichen Religion in den säkularen Gesellschaften des Westens, die mit „Islamophobie“ beschäftigt sind, wenn es um Menschenrechte gehen sollte. Wo die Dokumentation stattfindet ist sie Denunziationen ausgesetzt und steht unter einem permanenten Rechtfertigungszwang. „Open Doors“ etwa, ein von evangelikalen Christen betriebenes Hilfswerk, macht sich viel Mühe einzelne Schicksale in den Fokus zu stellen, die Verfolgung von Konvertiten ist ein häufiges Thema, und kommt auf eine Zahl von über 200 Millionen Betroffenen. Es wird bei solchen Zahlen nicht immer deutlich, ob es sich um gewalttätige Übergriffe und gezielte Verfolgungen handelt oder institutionelle Diskriminierungen im öffentlichen Recht und/oder kulturelle und politische Ausgrenzung verantwortlich sind und dies ist eine Schwäche, die von denen, die darüber nicht reden wollen, gnadenlos ausgebeutet wird. Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive wird argumentiert, dass es höchst problematisch sei verschiedene Diskriminierungsmuster, die sich in relevanten Parametern voneinander unterscheiden, als einen großen Gesamtzusammenhang zu betrachten, damit eine große, beeindruckende Zahl heraus kommt. Dieselbe Kritik wurde vor mehr als zwei Jahrzehnten am „Schwarzbuch des Kommunismus“ geübt, das mit einer großen Zahl von 100 Millionen Toten von sich reden machte, obwohl die Empirie, die das Buch selbst zur Verfügung stellt, eine Zahl von knapp über 80 Millionen nahe legte, die jedoch nach heutigem Stand empirisch zweifelsfrei nachweisbar ist. Die simple Addition der Opfer erregte die Gemüter ebenfalls, obwohl es keinen Zweifel daran geben konnte, dass alle Regime, die angeführt wurden, einen marxistischen Ton pflegten und ihre Politik mit marxistischer Terminologie begründeten.[27] Und auch im Fall der Christen lässt sich durchaus sinnvoll argumentieren, dass die Diskriminierung der ägyptischen Kopten, die Vertreibung der Christen aus dem Irak, die Anschläge von Sri Lanka und die Angriffe auf Christen in Nigeria und dem Sudan etwas mit ihrer brutalen Unterdrückung in Nordkorea oder den in letzter Zeit häufiger zu beobachtenden Spannungen zwischen Hindunationalisten und Indiens religiösen Minderheiten gemeinsam haben.[28]

Die Verfolgung von Christen hat zudem ein Profil, das über alle Arten der Verfolgung hinweg gleich ist: sie werden an jenen Orten am meisten bedroht und schikaniert, in denen sie nicht nur eine Minderheit sind, sondern auch keinerlei Gefahr für die politischen Machtverhältnisse darstellen. Die maronitischen Christen des Libanon sind ein fester Bestandteil der konfessionellen Dreiteilung des Staates, die sich durch grauenhafte Kriegsverbrechen im libanesischen Bürgerkrieg Respekt verschafften. Die Konsequenz ist, dass der Libanon ein für die dort lebenden Christen ein (relativ) sicherer Ort ist. Dies ist jedoch nicht die Regel und im Falle der Maroniten auch eine seltene Ausnahme. Die Verfolgung von Christen ist überall anderswo dort eine häufige Erscheinung, wo die christliche Minderheit eher friedlich und bildungsorientiert ist. Christliche Missionierung unter Unberührbaren in Indien oder unter den Bauern Myanmars erregt den Zorn von Hinduextremisten oder buddhistischen Scharfmachern, sodass diese häufig ihre Diskriminierungspraxis damit rechtfertigen können, das Christentum sei eine fremde Kultur. Diese Argumentation fruchtet besonders bei jenen Linken, die so etwas als Ausländerfeindlichkeit, Rassismus oder Xenophobie betrachten, solange es nur ein europäisches Gesicht hat. Die Verfolgung der Christen ist jedenfalls dort am stärksten und brutalsten, wo diese die verwundbarste Bevölkerungsgruppe sind, als ob sich der zeitgenössische Weltgeist als großer Schulhof Bully inkarniert hätte, der inmitten einem Meer von Gleichgültigkeit seinen Hass auf Schwächere ungehindert auslebt. Die Christen Sri Lankas sind für niemanden eine Gefahr, aber genau deswegen wurden sie von Terroristen zum Ziel gemacht. Die Geringschätzung für die Opfer der Christenverfolgung entspringt dem gewohnheitsrechtlichen Hass auf die christlichen Kirchen, die sich in den letzten Jahrzehnten darauf konzentrierten die sozial Schwächeren zu unterstützen, Flüchtlingen zu helfen und die den Versuch rechtsextremer Kräfte die Flüchtlingsproblematik mit der Verfolgung der Christen zu instrumentalisieren stets zurück wiesen. Obwohl die Kirchen und ihre Bischöfe politisch auf der Seite der linken Hegemonie stehen, werden sie von genau jenen linken hegemonialen Kräften aus purer Verachtung für das Christentum und seine Leistungen im Stich gelassen.

 

3.

In einem Sammelband, den eine Gruppe katholischer Theologen, Juristen und Journalisten zusammen gestellt hat, „The Persecution and Genocide of Christians in the Middle East”[29] [PGCME] wird dieser Weltkrieg in einem breiteren Zusammenhang diskutiert und über rechtliche und politische Rahmenbedingungen nachgedacht, mit denen sich die schlimmsten Auswüchse der Verfolgung mildern lassen. Dokumentiert werden vor allem die schockierenden Gräueltaten der Terroristenbande, die sich in unterschiedlichen Versionen „Islamischer Staat“ nennt und deren angeblicher Staat sogar durch die Verletzung historischer Sitten der lokalen und regionalen Kulturen aufgefallen ist.[30] Die ortsansässige Bevölkerung, die sich den djihadistischen Milizen anschloss beteiligte sich an den Pogromen gegen die christliche Bevölkerung, die zuerst ausgeraubt und dann vertrieben oder auch einfach ermordet wurde. Kirchen wurden rücksichtslos zerstört, Priester entführt, gefoltert und umgebracht, Wehrlose mit Einschüchterungen und Demütigungen dem Mob preisgegeben. Das Bedürfnis seinen unbarmherzigen Hass an komplett Wehrlosen auszuagieren gehört zu den verabscheuungswürdigsten Charaktereigenschaften im Spektrum menschlicher Grausamkeit und sie realisiert sich heute an den Orten der Christenverfolgung, um deren Schicksal es umso stiller wird je ungefährlicher sie selbst und je wehrloser sie ihrer Vertreibung, Verfolgung und Ermordung ausgesetzt sind.[31] Die Christusgläubigen haben keine Hilfe zu erwarten, und dennoch bleibt ihr Martyrium eines, das nicht von Rache spricht.[32] Die Autorinnen und Autoren des Buches bleiben nüchtern und sachlich. Sie konzentrieren sich ausdrücklich darauf, die Verbrechen des „islamischen Staates“ als menschenrechtliches Problem zu betrachten und – selbstverständlich – versuchen sie keine Gefühle muslimischer Zeitgenossen zu verletzen. Eine kritische Sichtweise auf den Islam gibt es in diesem Buch nicht. Diplomatische Formulierungen ersetzen die Kritik der islamischen Ablehnung alles Nicht-Identischen. Die Verfolgung und Diskriminierung der Juden, Christen und anderer religiöser Minderheiten gehört zum festen Bestandteil islamischer Geschichte, eben weil die religiöse und theologische Doktrin des Islam jede säkulare Trennung, die Toleranz und Religionsfreiheit erst garantieren kann, denkunmöglich gemacht hat. Diese Schlussfolgerung, die eigentlich fast schon banal erscheint, wollen die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes daher nicht treffen. Was man dem Buch daher anmerkt ist die allgemeine Verzweiflung darüber, dass es auf Seiten der muslimischen Gemeinschaften keinen Adressaten gibt, der sich mit den Vorgängen im Irak oder anderswo überhaupt aus einer kritischen Perspektive beschäftigen würde. Es gibt innerhalb der islamischen Doktrin keinem Platz für Kritik, schon gar keine Selbstkritik und auch keine Reflexion darüber, warum die Gewalt des islamischen Terrorismus der eigenen islamischen Tradition entspringt. Die wenigen Intellektuellen der muslimischen Welt, die heutzutage als kritische Geister zählen können, kommen gar nicht bis zur Kritik der religiösen Praxis, die die Verfolgung selbst generiert, weil sie zunächst einmal die Voraussetzungen für jene Kritik entwickeln müssen, auf der sich eine Auseinandersetzung damit formulieren lassen könnte.[33] Bevor man dies jedoch als Alleinerkennungsmerkmal muslimischer Gesellschaften verschreit, sollte man sich vor Augen halten, dass die Selbstkritik der europäischen und westlichen Diskurse, die heute unhinterfragt voraus gesetzt wird vor 1968 keinesfalls selbstverständlich war. Uns sollte im Gegenteil die historische Einmaligkeit dieses Vorgangs viel stärker bewusst werden. Keine andere Zivilisation als die europäische-westliche hat so intensiv ihre eigene Unterwanderung betrieben und ihre eigenen Grundlagen so sehr ins Wanken gebracht. Allerdings, und dies sollte hier nochmals fest gehalten werden, ist der post 1968 Zeitgeist einer permanenten Kritik an der eigenen Kultur selbst ein Erbe des Christentums (und des Judentums) und keine originäre Erfindung der postmodernen Linken. Der evangelische Theologe Thomas Schirrmacher schreibt:

„The holy books of no other religion depict their followers so negatively as the Bible does the Jews and the Christians. Scripture describes very graphically the doctrine that Jews and Christians are also sinners and capable of the most dreadful sins, and denounces not only the atrocities carried out by of the Gentiles, but also those of the supposed (or true) people of God. This pitiless self-criticism is integral to Judaism and Christianity, in contrast to other religions. No other faith criticizes itself so severely as Old Testament Judaism or New Testament Christianity. Scripture exposes the errors of the leaders very clearly, and God often employs outsiders to recall His people to obedience.”[34]

Ob der Grund dafür Dekadenz ist oder bloß die letzten Zuckungen eines toten Körpers, an dessen Leichnam sich von Spengler inspirierte Geister gerne versammeln, oder die alles durchdringende Kraft des christlichen Logos, der so sehr an Wissen und Erkenntnis interessiert ist, dass alles andere dafür aufgegeben wird, soll uns nicht weiter beschäftigen. Für die Muslime insgesamt scheint der Genozid an den Christen jedenfalls keine Rolle zu spielen. Es gibt keine NGOs, die sich damit beschäftigen, keine Kritik an der Religion, die innerhalb legaler, sozialer und politischer Grenzen möglich wäre, keine Intellektuellen, die ein „J’accuse“ schreiben. Es gibt keine Tradition der Selbstkritik und die meisten Muslime betrachten die Vorwürfe, wenn man sie damit konfrontiert, als „Islamophobie“. Da Kritik am Islam an sich schon blasphemisch ist, stehen Muslime, die solche Kritik äußern könnten bereits von vornherein unter einem starken sozialen Druck, dies zu unterlassen. Aber selbst wenn man die repressiven Dynamiken tribalistischer Organisation einkalkuliert, ist das Ausmaß an Ignoranz, das eine ganze Weltreligion angesichts ihrer eigenen Verfolgungspraktiken an den Tag legt mehr als nur verstörend. Die ganze Konzentration, die man in westlichen linken Milieus auf die Palästina Solidarität verschwendet, um Israel jener Verbrechen anzuklagen, die in Syrien und dem Irak begangen werden, ist ein mächtiger Bündnispartner jener Kräfte, die ihren Judenhass mit islamischer Identitätspolitik verbinden, um in anti-imperialistischen und anti-rassistischen Critical Whiteness Sprechakten jene Verbrechen verschweigen zu können, die ausgerechnet den Opfern der anti-christlichen Gewalt zugeschrieben werden.[35] All diese Dinge werden elegant aus der Diskursanalyse postmodernder Literaturkritik ausgeblendet, um eine politische Agenda voranzutreiben, die Gleichheit begrifflich mit dem Kältetod der Entropie verwechselt.

Das Bestürzende an diesem Schweigen ist, dass man es von den Christen, den christlichen Kirchen und den christlichen Organisationen ganz prinzipiell geteilt wird. Rupert Shortt schreibt: „One reason why Western audiences hear so little about religious oppression in the Muslim world is straightforward: young Christians in Europe and America do not become ‘radicalised’, and persecuted Christians tend not to respond with terrorist violence.“[36] Rene Girard verortete die große zivilisatorische Leistung des jüdisch-christlichen Komplexes darin, die Gewalt gegen Unschuldige, die in den Opferritualen der archaischen Mythologie als notwendige Konsolidierung der gesellschaftlichen Ordnung inszeniert wird, als solche sichtbar gemacht zu haben.[37] Was in der griechischen Mythologie (etwa in der Geschichte des Ödipus) noch als gerechte Strafe für ein unverzeihliches Vergehen erscheint, wird mit der biblischen Erzählung als Willkürakt gegen Unschuldige aufgedeckt, der die endlosen Kreisläufe „mimetischer Gewalt“, wie Girard das nennt unterbricht.[38] Wenn Sarastro in der „Zauberflöte“ singt: „In diesen heil’gen Hallen kennt man die Rache nicht“, fasst er zusammen, was die Botschaft des Christentums seit Jesus von jeher ausgemacht hat: die Aufgabe des Rachegedankens, die Unterbrechung der „mimetischen Gewalt“ und die Abschaffung des Opfers zur Konsolidierung der Gemeinschaft. Die verfolgten Christen die weltweit zu Märtyrern ihres Glaubens gemacht werden, wollen keine Rache und streben nicht nach Vergeltung. Kein Bischof, Kardinal oder Papst predigt Gegengewalt, ruft sie zu den Waffen oder fordert sie auf mit Akten der Zerstörung zu antworten. Die klassische linke Ignoranz, die bei jeder Gelegenheit von den Kreuzzügen schwafelt, blendet völlig aus, dass der islamische Mainstream keinen Hehl daraus macht, dass der Islam heute vor allem eine Religion des Friedhofs ist.[39] Es macht aus Sicht einer christlichen Perspektive allerdings keinen Sinn der Gewalt mit aufgehetzter Rhetorik zu antworten, aber das Dilemma genau deswegen schutzlos das Ziel von Aggression und Gewalt zu werden wird dadurch umso erdrückender. Auch einen Aufruf christlicher Migration aus dem Nahen Osten den Vorzug zu geben, sucht man in den Beiträgen von „The Persecution and Genocide of Christians in the Middle East” vergebens. Zum einen ist es der erklärte Wunsch der meisten geflohenen Christen aus dem Irak und aus Syrien wieder in ihre Heimat zurück zu kehren, ein Wunsch der von chaldäischen Patriarchen immer wieder deutlich formuliert wird und zum anderen widerspricht es der diplomatischen Linie des Vatikan als Zündholzschachtelbesitzer in heißen Konflikten zu agieren. Es finden sich stattdessen Überlegungen zum Stand des internationalen Rechts, eine philosophische Auseinandersetzung über die „Theorie der Religionsfreiheit“, die einen säkularen Staat mit bürgerlichem Recht und demokratischer Verfassung unbedingt voraussetzt. Ein erschütternder Beitrag behandelt das Schicksal der Frauen unter dem Terror einer fundamentalistischen Ideologie von Rechtlosigkeit, die zynischer weise auch noch als altes traditionelles Recht auftritt. Wie verzweifelt die Lage der Verfolgten im Irak ist, zeigt sich auch daran, dass ein Autor in seinem Beitrag darauf verweist, dass selbst die restriktiven Regeln der alten Zeit, als Christen im Irak unter dem Dhimmistatus wenigstens das Kopfgeld bezahlen konnten, ohne Leben und Existenz zu verlieren, unter der Herrschaft des Islamischen Staats nicht mehr gelten. Die mühsamen Exegesen, wo und wie im Koran die Unterdrückung der Minderheiten kodifiziert ist und welche jämmerlichen „Rechte“ außer am Leben zu bleiben und eine enge, eingeschränkte Existenz zu führen für jene Minderheiten übrig bleiben, sollen die Autorinnen und Autoren davor bewahren wenigstens auf geduldigem Papier etwas Kritisches zu sagen. Es gibt keine dringendere menschenrechtliche Angelegenheit, die so sträflich vernachlässigt wird, wie die Verfolgung der Christen. Die Märtyrer in der Nachfolge Christi haben von den modernen atheistischen ZeitgenossInnen nichts zu erwarten, außer Verachtung und kalten Zynismus, der sie als Untermenschen betrachtet, deren Leben wertlos ist. Den wenigen unter uns, die sich ihrem Schicksal nicht vollständig verschließen, sollte immer bewusst sein, dass die Gefühllosigkeit der passiv aggressiven Gutmenschen nicht der Maßstab sein darf, an dem sich Moral zu messen hat. Die Kirche Christi, die das Gebot Jesu dem Prinzip der Vergeltung zu entsagen ernst nimmt, darf den eigenen ethischen Auftrag niemals vergessen, den Zirkel der Gewalt zu unterbrechen. Oder wie es in der Bergpredigt heißt: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5, 43-45)

 

[1] Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text (S. 81)

[2] Der britische Rechts-außen Politiker Tommy Robinson veröffentlichte 2017 auf seinem Youtube Kanal ein Interview mit dem Konvertiten Nissar Hussain, dessen Schicksal niemanden kalt lassen sollte: https://www.youtube.com/watch?v=R0zA0DT7fN8

[3] Peterson 2018 (S. 112)

[4] MEW 9 (S. 24) Die Tatsache, dass die Minarette der Hagia Sophia bereits selbst das Ergebnis einer Eroberung gewesen sind, die zahlreiche Byzantiner über den Bosporus vertrieben hat, wird Engels selbst durchaus bewusst gewesen sein. Dass ihm das keine Erwähnung wert ist, spricht allerdings für sich.

[5] MEW 10 (S. 133)

[6] Bensoussan 2019

[7] Siehe: https://respvblica.com/2017/09/15/palestinian-authority-news-site-uses-holocaust-era-photograph-to-incriminate-israel/ oder auch

https://www.algemeiner.com/2013/04/15/college-professor-tries-to-pass-off-photo-from-buchenwald-as-deir-yassin/

[8] https://www.audiatur-online.ch/2018/11/21/die-juden-nordafrikas-unter-muslimischer-herrschaft/

[9] Siehe auch: Moreira, The Myth of the Andalusian Paradise (2015)

[10] https://www.memri.org/tv/iranian-%20revolution-council-rahimpour-azghadi-destroy-israel-25-years-fought-alongside-hamas-islamic-jihad-gaza

[11] https://christianpersecutionreview.org.uk/storage/2019/07/final-report-and-recommendations.pdf bzw. https://christianpersecutionreview.org.uk

[12] https://www.bbc.com/news/uk-48146305

[13] https://www.bundestag.de/resource/blob/551672/fbca6aa2a541f4734212b59f9c0aef79/wd-1-005-18-pdf-data.pdf

[14] https://acnuk.org/wp-content/uploads/2017/08/PF2017-Exec-Summ-WEB-VERSION.pdf

[15] https://www.dw.com/de/christenverfolgung-in-asien-das-leid-schreit-zum-himmel/a-48464817 oder https://www.dw.com/de/studie-gewalt-gegen-christen-nimmt-weltweit-zu/a-47095967

[16] Shortt, Christianophobia (2012) bzw. Brown, Persecution of Christians in Muslim-Majority Countries (2016) in: https://muse.jhu.edu/article/627331/pdf

[17] http://palwatch.org/main.aspx?fi=605

[18] https://www.audiatur-online.ch/2019/05/27/die-verfolgung-von-christen-in-den-palaestinensischen-autonomiegebieten bzw https://www.gatestoneinstitute.org/14358/palestinian-christians-persecution

[19] Siehe: https://www.memri.org/tv/algerian-egyptian-tv-hosts-fayrouz-halim-sara-boukabouya-west-created-isis-sri-lanka-bombings-injustice

In diesem Video, das auf MEMRI publiziert wurde, diskutieren eine ägyptische und algerische Journalistin auf einem Sender der Muslimbruderschaft den Anschlag auf Sri Lanka und erwähnen die Opfer kein einziges Mal. Stattdessen machen sie sich Gedanken darüber, dass die Attentäter eigentlich social justice warriors gewesen sind, denen das Ausmaß an muslimischen Opfern durch imperialistische Kriege so nahe gegangen sein muss, dass sie beschlossen sich in einer Ostermesse auf Sri Lanka in die Luft zu sprengen.

[20] Siehe: Ibrahim, Crucified Again (2013) bzw. Ibrahim, Sword and Scimitar (2018)

[21] https://acnuk.org/faces-of-persecution/

[22] https://www.opendoors.org

[23] https://www.heise.de/tp/features/Sind-Christen-die-meistverfolgte-Religionsgemeinschaft-der-Welt-3751346.html

[24] https://www.audiatur-online.ch/2018/10/31/die-ausloeschung-der-christlichen-minderheit-im-irak

[25] “[a] large development is the displacement of long-established Christians and Christian churches from core Islamic countries in the Islamic world. The Islamic world has in the meantime – with the exception of Southeast Asia – become almost completely devoid of Judaism; if the developments seen over the prior years continue, it will perhaps soon be Christian-free (…)” schreibt Thomas Schirrmacher. Siehe: The Persecution of Christians Concerns Us All (2018) (S. 144)

[26] https://www.pewresearch.org/fact-tank/2015/02/26/qa-how-pew-research-measures-global-restrictions-on-religion/ oder auch: https://pdfs.semanticscholar.org/1d69/0a52275ce36175ebb1583eb178c4fd8ba6f9.pdf?_ga=2.186227049.1357516859.1584882376-938890742.1584882376

[27] Ein weiterer kaum beachteter Aspekt ist, dass alle diese Regime auch westliche marxistische Apologeten für sich werben ließen, von den Enver Hodxa Experten zu den Mao-Bibeltreuen über die Ghaddafi-Friedenspreisträger und jede Menge trotzkistisches Universitätspersonal, die genau in jene Milieus bis heute einwirken, die über solche Dinge nicht reden wollen. Ihre Marxismen waren zweifelsfrei alle sehr unterschiedlich, aber ihre politische Charakteristik staatsmonopolistische Diktaturen unter der Herrschaft einer einzigen Partei zu sein ist es nicht.

[28] Es sei hier nicht auf das grauenhafte Attentat in der Kirche Saint-Étienne-du-Rouvray im Juli 2016 vergessen, bei dem zwei islamistische Terroristen dem Priester Jaques Hamel vor seiner winzigen Gemeinde am Altar die Kehle durchschnitten. Die Tatsache, dass diese Tatsache in der Fußnote steht, soll ein kleiner Hinweis darauf sein, wie wenig diesem schockierenden Einzelereignis Aufmerksamkeit zuteil wurde und sich selbst die Frage zu stellen, warum das Thema eben kein Thema ist. https://de.wikipedia.org/wiki/Anschlag_in_Saint-%C3%89tienne-du-Rouvray

[29] Rychlak & Adolphe (Ed.) (2017)

[30] [PGCME] S. 25ff

[31] Siehe auch: Stepkowski & Banasiuk (Ed.): Persecutions of Christians (2017)

[32] Siehe auch: Mosebach, Die 21. Reise ins Land der koptischen Märtyrer (2018)

[33] Siehe auch: Adel Mtimet, Die falsche Revolution in: https://www.ipg-journal.de/kommentar/artikel/die-falsche-revolution-1594/ bzw. https://www.ibn-rushd.org/typo3/cms/de/events/ibn-rushd-lectures/democracy-and-the-right-of-the-individuals/

[34] Schirrmacher: The Persecution of Christians Concerns Us All (2018) (S. 44)

[35] https://www.memri.org/reports/jordanian-journalist-muslims-are-true-victims-911-%E2%80%93-then-six-million-muslims-have-been

[36] Shortt, Christianophobia (2012)

[37] Siehe: Girard, Das Heilige und die Gewalt (1972) bzw. Girard, Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz (1999)

[38] Siehe: https://www.evangelisch.de/inhalte/105806/01-08-2011/rache-und-vergeltung-aus-biblischer-sicht

[39] Siehe auch: Stamatiou, The Global Genocide of Christians https://www.academia.edu/15353883/The_Global_Genocide_of_Christians

 

Kategorien:Common Interest
  1. Mai 12, 2020 um 18:26

    Ein sehr interessanter und überfälliger Beitrag, Jurek. Die Verfolgungen der Christen sind tatsächlich kaum ein Thema bei uns in Zentraleuropa. Eigenartig dass auch von katholischer oder evangelischer Seite kaum etwas darüber zu hören ist. Vermutlich haben die Kirchen Angst vor dem Rassismus-Vvorwurf oder davor es könnte ihnen so ergehen wie dem Bene nach seiner Regensburger Rede. Soweit ich weiß wurden die Christen rund um das Mittelmeer vor allem von islamischen Eroberern ermordet, vertrieben oder zwangsmissioniert. Der Krieg gegen Ungläubige, Juden und Christen wurde bereits vom Gründer des Islams verherrlicht und wurde zur heiligen Mission.

    Beispielsweise während des Massakers von Chios im April 1822 durch die Osmanen an der griechischen Bevölkerung wurden alle Männer, die älter als zwölf Jahre waren, alle Frauen über vierzig Jahren und alle Kinder unter zwei Jahren ermordet. Die restlichen griechischen Einwohner wurden versklavt. Insgesamt wurden 25.000 christliche Griechen ermordet, 45.000 Griechen als Sklaven verkauft und rund 10.000 Einwohner konnten fliehen. Zwei Jahre später richteten die Osmanen auf der griechischen Nachbarinsel Psara ein ähnliches Massaker unter den rund zwanzigtausend griechischen Einwohnern an.

    Die Massaker an den christlichen Armeniern von 1894 bis 1896 wurden von Sultan Abdülhamid II. befohlen und forderten rund 300.000 Todesopfer. Mit Hilfe der lokalen muslimischen Bevölkerung wurden die Deportationen und Plünderungen durchgeführt. Teilweise wurde versucht die christliche Bevölkerung zur Konversion zum Islam zu zwingen. Im Jahr 1914 zwangen Teşkilat-ı-Mahsusa-Dschihadisten griechische Männer im wehrfähigen Alter aus Thrakien und Westanatolien in Arbeitsbataillone, in denen Hunderttausende starben. Die Zwangsarbeit von griechischen Männern wurde begleitet von Deportationen der allgemeinen Bevölkerung, die den Charakter von Todesmärschen annahmen. Während 1914 und 1923 kam es alleine in der Pontos-Region von Anatolien zu rund 360.000 Todesopfern nach Massakern, Vertreibungsaktionen und Todesmärschen.

    Henry Morgenthau, der Botschafter der Vereinigten Staaten im Osmanischen Reich von 1913 bis 1916, bezichtigte das osmanische Reich einer Kampagne von „abscheulicher Terrorisierung, grausamer Folter, Treiben von Frauen in Harems, Vergewaltigung von Mädchen, den Verkauf vieler von ihnen für jeweils 80 Cent, dem Deportieren und Ermorden Hunderttausender und dem Verhungern lassen weiterer Hunderttausend nach der Vertreibung in die Wüste, sowie die Zerstörung tausender Dörfer und vieler Städte, alles Teil einer vorsätzlichen Ausführung eines Schemas zur Vernichtung der armenischen, griechischen und syrischen Christen der Türkei.

    Der eigentliche Völkermord an den Armeniern geschah während des 1. Weltkrieges, zwischen 1915 und 1918. Die türkisch-islamische Regierung löschte in Todesmärschen, Gefangenenlagern und bei örtlichen Massakern ungefähr 1,5 Millionen armenische Menschenleben aus. Später, während des Massakers von Izmir im Jahr 1922 werden 25.000 armenische Christen und christliche Griechen ermordet und rund 200.000 vertrieben. Weitere unzählige Beispiele könnten aufgeführt werden weit über den Mittelmeerraum hinaus bis nach Asien.

    Inwieweit es ohne das Christentum gar keine Aufklärung gegeben hätte ist mir allerdings nicht ganz klar. Hast du handfeste Belege für deine These?

  2. Mai 26, 2020 um 07:42

    Hallo Manfred!

    Ich hab nicht darauf vergessen, sondern war nur beschäftigt mit anderen Dingen. Vielen Dank für deinen Kommentar und ich werde versuchen nochmals auf den letzten Punkt (bzw. die Frage) einzugehen.

    Die Feststellung, dass es das ohne Christentum keine Aufklärung gegeben hätte ist missverständlich, weil es zwischen beiden Begriffen eine Differenz setzt, die nicht existiert. Man sollte besser sagen, dass das Christentum bereits die Aufklärung ist, die das 17. und 18. Jahrhundert für sich beansprucht.

    Ich könnte natürlich jetzt jede Menge Buchtitel aufzählen, von denen ich glaube, dass sie meine These unterstützen, aber ich halte das für nicht sinnvoll, weil man für jedes Buch auch ein anderes finden kann, das das Gegenteil behauptet. Es ist zielführender zu beschreiben, wie ich zu dieser Idee kam und welche Parameter ich für interessant halte. Wenn man ein Buch wie „Die Wende: Wie die Renaissance begann“ (2012) von Stephen Greenblatt liest, in dem es um die Entdeckung eines bestimmten Manuskripts geht (Lukrez, „De rerum Naturum“), das die Renaissance prägte oder eigentlich einleitete, ist man schon auf einem guten Weg.

    Man fängt mit der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts an und fragt sich, wie sie entstanden ist und welche Wurzeln sie hat und landet zumindest im 16. oder auch 15. Jahrhundert. Mit jedem Schritt, den man geht, geht man einen zurück, entdeckt die Ursprünge gewisser Ideen in den Werken und Philosophien von Vorgängern und wundert sich, dass die meisten der Ideen um die es geht, keineswegs im 17. und 18. Jahrhundert entstanden sind, sondern eigentlich schon viel früher gedacht und ausgearbeitet wurden. 1486 veröffentlicht Pico della Mirandola (1463–1494) „Über die Würde des Menschen“, ein Buch über all jene Themen, die von der sogenannten Aufklärung für sich beansprucht wurden. Die Freiheit wird von Pico als wesentlichstes Element menschlicher Existenz betrachtet, Gewissensfreiheit ganz besonders, und Menschen sind durch ihren freien Willen ausgezeichnet. Sie wurden, so Pico, von Gott geschaffen, um die Größe seiner Schöpfung zu demonstrieren.

    Er ist nicht der einzige, der das so sieht. Petrarca (1304 – 1374) wird historisch als Begründer des Renaissance Humanismus betrachtet, ein Priester, der in seinen Briefen und Bibelkommentaren viele der Gedanken vorwegnimmt, die Pico ein Jahrhundert später ausformulieren wird. Und so geht es weiter, immer weiter zurück. Für jede Idee und jedes Thema gibt es Vorfahren: die grundsätzliche Bestimmung, dessen was wir als Aufklärung bezeichnen, also Vernunft, wissenschaftliches Denken, ein Begriff von menschlicher Freiheit, die Idee menschlicher Würde und unantastbarer Rechte, die Betonung eines Individualismus als Voraussetzung humanistischer Philosophie, das alles existiert in Europa unter intellektuellen Eliten zumindest seit dem 12. Jahrhundert. Nicht alles ist ausgearbeitet und hat eine Form, die wir heute erkennen würden, und politisch und gesellschaftlich sind wir noch weit entfernt davon eine praktische gesellschaftliche Realität auszumachen, aber die Ideen sind da und sie sind virulent. Sie wirken über die Jahrhunderte trotz einer völlig anders gearteten gesellschaftlichen Realität in den Köpfen der Menschen, und vor allem in denen gebildeter Priester und Adeliger.

    Die Renaissance ist mit dem Mythos der Wiederentdeckung der Antike verbunden, weil viele Manuskripte, die in Klöstern und Klosterbibliotheken aufbewahrt worden sind veröffentlicht und neu aufgelegt wurden, aber all diese Manuskripte und Ideen waren im christlichen Mittelalter bekannt, wurden in den Zirkeln mönchischer Klosterlebens oder den theologischen Fakultäten diskutiert und sind intellektuell seit dem 12. Jahrhundert Bestandteil des Registers intellektueller Eliten. Frank Rexroths „Fröhliche Scholastik“ (2019) ist ein guter Überblick über die Themen und Diskussionen dieser von uns so schändlich missachteten Epoche.

    Die scholastische Theologie des späteren Mittelalters, vor allem Thomas von Aquin (1225 – 1274) und Duns Scotus (1266 – 1308) beziehen ihre wesentliche Inspiration von Aristoteles, aus lateinischen und arabischen Übersetzungen seiner Werke. Auch Platon, Cicero und Plotin sind im Mittelalter verfügbar, eingeschränkt natürlich, aber trotzdem in das intellektuelle Gewebe des Mittelalters eingebunden. Warum also die Renaissance die Antike wieder entdeckt haben soll, oder die Aufklärung den Humanismus, erschließt sich mir nicht. Wer sich mit den Ideen und der Geschichte dieser Ideen beschäftigt, wird bemerken, dass die sogenannte Aufklärung lediglich Ideen anderer für sich in Anspruch nimmt und das christliche Mittelalter denunziert, weil Aufklärer die Macht der Kirche und nicht die Religion an sich beschränken wollten. Nur die Denunziation, dass ein rückständiges Mittelalter den Fortschritt aufgehalten haben soll, während die mutigen Aufklärer diesen vorantrieben, konnte das anscheinend bewerkstelligen. Es hat sicherlich politisch nachvollziehbare Gründe dafür gegeben, aber es ist schlicht gelogen.

    Thomas von Aquin, etwa schließt aus seiner Lektüre des Aristoteles, dass die Begründung für die Wahrheit des christlichen Glaubens nicht aus der Heiligen Schrift selber kommen kann, wenn Andersgläubige mit ihren eigenen Traditionen diese ablehnen müssen. Die Wahrheit kann nur in einer universalen Vernunft liegen, die jede partikulare Interpretation suspendiert. Also sagt Thomas muss die Christliche Offenbarung selbst Teil einer größeren Wahrheit betrachtet werden, die alle Menschen, auch Nichtchristen betrifft. Thomas ist ein „Kirchenlehrer“, der höchste Titel, den die Kirche an ihre Philosophen zu vergeben hat. Er wurde nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder als Ketzer denunziert, obwohl er die Vernunft mit Aristoteles als universal und unteilbar begründet. Wie erklären sich die Feinde der Kirche und der Religion das, außer es einfach zu ignorieren?

    Warum lassen wir uns den Unsinn einreden, dass christliche Religion im Gegensatz zur Aufklärung stünde, wenn christliche Religion die Ideen und Philosophien erst hervor gebracht hat, die Aufklärung für sich beansprucht. Ich bin diesen Bullshit einfach leid.

    Der Krieg gegen die Christen ist ein Krieg gegen diese historische Tatsache und wird auch deswegen geführt. Wir sollten uns hier nichts vormachen.

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: