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Writings on the wall. Reflexionen zum Terroranschlag in Wien

 

“You can’t depend on the goodly hearted
The goodly hearted are made lamp-shades and soap…”

Lou Reed, Busload of Faith

 

In seinem auf MEMRI veröffentlichten Bekennervideo fuchtelt der junge Mann mit seiner Handfeuerwaffe in der rechten Hand ein wenig herum, während er mit der Linken eine Machete und den Lauf der AK-47 eng an sich drückt. Er murmelt in schlechtem Arabisch die traditionellen Formeln des islamischen Glaubensbekenntnisses herunter und schwört dem derzeitigen Anführer der Terrorbande „Islamischer Staat“ (Daesh) seine Gefolgschaft. Wenig später wird er in der Wiener Innenstadt fünf Menschen mit Schüssen aus seiner AK-47 ermorden, um wenig später selbst durch die Waffe eines Polizisten tödlich getroffen zu werden.

Der Täter, ein 20-jähriger Mann und österreichischer Staatsbürger, der ursprünglich aus dem albanisch sprechenden Teil Nordmazedoniens stammt, ist behördlich bekannt gewesen, hat bereits eine Haftstrafe verbüßt, weil er versucht hat, sich in Syrien dem IS anzuschließen und wurde sogar von slowakischen Behörden dabei erwischt, wie er sich Munition für die AK-47 verschaffen wollte. Die österreichischen Autoritäten sollen die Warnung der Slowaken mehr oder weniger ignoriert haben. Anscheinend hatte man volles Vertrauen in das Deradikalisierungsprogramm[1], das den jungen Mann unter seine Fittiche genommen hatte und durch das er die 22 Monate lange Haftstrafe auf einen 7-monatigen Aufenthalt im Gefängnis reduzieren konnte.

Die Farce des österreichischen Behördenversagens soll uns hier jedoch nicht weiter beschäftigen. Die Details dieser Posse werden in den nächsten Monaten ohnehin genauer untersucht und hoffentlich zu Verbesserungen im Umgang mit Terrorverdächtigen führen, auch wenn der Glaube daran nicht besonders groß ist, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Zwei Moscheen in denen sich der Täter radikalisiert haben soll wurden bereits geschlossen und einige Verdächtige, denen man Komplizenschaft, Beihilfe oder Anstiftung vorwirft, sitzen in Untersuchungshaft. Die Umstände der Tat, das Ausmaß der Planung und die kriminellen Energien dahinter sind Gegenstand umfangreicher Ermittlungen, die zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen sind und über die ich noch nichts Vernünftiges sagen kann. Fest steht, dass die österreichische Politik nicht behaupten kann, von den Ereignissen am letzten Montag überrascht worden zu sein. Der erneute (und gescheiterte) Versuch die Redaktion von Charlie Hebdo anzugreifen, die Ermordung des französischen Lehrers Samuel Paty oder die Messerattacken, die Großbritannien erschütterten, hätten Anlass genug sein können, die bisherigen Annahmen zumindest zu hinterfragen. Was die Reaktion der Politik und vor allem die Reaktion der Medien jedoch verrät ist, dass mit demselben Ausmaß an Realitätsverweigerung weiter gemacht werden soll. Es gibt kein Interesse und vor allem keine intellektuellen Potentiale, die Herausforderungen zu begreifen, die sich nach diesem Attentat stellen. Die Duldung und sogar Förderung islamischer Extremisten ist keine österreichische Besonderheit, sondern das Ergebnis von Ignoranz und Leichtgläubigkeit in fast allen europäischen Ländern, die von den „Islamophobie“ ExpertInnen linker Hegemonie durch die Diskreditierung der Islamkritik normativ institutionalisiert wurde.[2]

Wer die Berichterstattung an jenem Montagabend bis in die Nacht aufmerksam verfolgt hat wird bemerkt haben, dass man bis zum nächsten Tag nicht einmal wusste, ob es einer oder mehrere Täter gewesen sind. Angaben über mehrere Tatorte, die räumlich innerhalb weniger hundert Meter liegen, veränderten sich mit Fortdauer der Berichterstattung, verschwanden wieder ohne genauere Erklärung und vermittelten das Bild einer großen prinzipiellen Verwirrung der eigentlichen Sachlage. Die Unsicherheit der medialen Repräsentation gipfelte darin, dass die Reporterinnen und Reporter bei jeder Gelegenheit versicherten, nichts bestätigen zu wollen und Stunde um Stunde die Zeit mit Details verschwendeten, über die es nichts zu wissen gab und für die keine gesicherten Angaben gemacht werden konnten. Die Coverage des ORF, die zuerst von Armin Wolf und später von Tarek Leitner die Sendezeit füllte, band das Publikum mit einer atemlosen Langeweile an sich, in der nichts mehr offen gesagt oder gedacht werden konnte. Anstatt die Übertragung einfach zu beenden und darauf zu warten, bis es mehr zu wissen gab, übten sich die Anchormen über Stunden darin den Mangel an Information zum Inhalt der Sendung zu machen. Gerüchte über Geiselnahmen, Männer mit Sprengstoffgürteln oder Attentäter auf der Flucht, die lang und breit nicht bestätigt, konjunktivisch verneint und schließlich ganz fallen gelassen wurden, bildeten die Tragödie als Farce ab, in der Medien ihr Geschäftsmodell permanenter Verunsicherung und Nicht-Wissens abspulten. Während man auf den Plattformen von weniger Skrupel geplagten Medien wie der Kronenzeitung bereits Videobilder des Täters, aufgenommen von Smartphone Kameras sehen konnte, übten sich Polizei, Medien und Establishment darin, die Verunsicherung als Show zu inszenieren, weil es keinen Moment der Berichterstattung geben darf, in der sich die Akteure wie Menschen verhalten, die Meinungen haben die falsch oder unkorrekt sein können. In den Tagen danach, als die bereits wenige Stunden nach dem Anschlag völlig eindeutige Tatsache einer unbestätigten Verschwiegenheit preis gegeben wurde, dass es erneut ein islamistischer Terroranschlag gewesen ist, der eine europäische Metropole heimgesucht hat, bemühten sich eben jene Medien und ihr Establishment zu betonen, dass dies alles natürlich nichts mit dem Islam zu tun haben könne. Zumindest diese eine sichere Tatsache wurde mit einer Bestimmtheit vorgetragen, als hätte es tatsächlich eine Möglichkeit gegeben, eine solche Meinung überhaupt nur zu äußern oder gegen die Definitionsmacht medialer Selbstvergewisserung hörbar in den Raum zu stellen. Der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs, Ümit Vural, konnte ohne Einspruch durch Tarek Leitner festhalten, dass seine „Institution den meisten Schaden durch derartige Terroranschläge“ erleiden würde.[3] Die IGGÖ ist jedoch nicht das Problem, auch der Islam als solcher ist es nicht, auch wenn manche das glauben mögen. Das wirkliche Problem ist die politische Isolation derer, die in der Lage wären, die Dogmen der linken Hegemonie in Frage zu stellen. Solange die Medien und das Establishment sich weigern, in einen Dialog mit jenen zu treten, die sich von dieser Politik nicht vertreten fühlen, und die Praxis der ideologischen Gleichschaltung jede Opposition zur linken Hegemonie für prinzipiell illegitim erklärt, wird die Gesellschaft als Ganzes für terroristische Gewalt verwundbar bleiben. Obwohl das Bekennervideo des Täters bereits in der Nacht vom zweiten zum dritten November auf MEMRI veröffentlicht wurde, erwähnte der ORF es in seiner Berichterstattung nicht, sondern interviewte stattdessen eine Terrorexpertin, die von der NSU sprach und dem Gruppengefühl, das Terroristen offenbar suchen würden und die kein einziges Mal den islamischen Hintergrund erwähnte, der solche Anschläge überhaupt erst möglich macht. Die Denunziation der Islamkritik, die Leute wie Ednan Aslan oder Hamed Abdel-Samad zu personae non gratae im öffentlichen Diskurs gemacht hat, hat jedoch nicht nur politische Brüche zur Folge, die kaum zu kitten sind, sondern auch nachhaltige psychologische Konsequenzen, die sich in westlichen Gesellschaften als pathologischer Krieg gegen die Realität der menschlichen Natur äußert. Die Verunsicherung der westlichen Gesellschaften hat viele Ursachen, aber eine der wichtigsten ist die Idee, dass sich radikale Selbstkritik nur auf einen einzigen Akteur beziehen kann und alle anderen, die sich als Opfer des weißen, heterosexuellen Cis-Patriarchats fühlen von einer solchen völlig ausgenommen sind. Die Bürde sich für alle Arten von Ungerechtigkeit, den Klimawandel und den ökonomischen Erfolg kapitalistischer Globalisierung verantwortlich fühlen zu müssen, hat ein Establishment von Wahnsinnigen geschaffen, das nicht nur Islamkritik denunziert, sondern mit der Geisteshaltung stalinistischer Politkommissare jeden Dissens kriminalisiert und aus dem normativen Diskurs ausschließt. Die prinzipielle Unsicherheit westlicher Menschen über ihre eigene Identität und ihre Rolle in der Welt ist geprägt von einem statischen Absolutheitsanspruch eigener Schuldhaftigkeit, der als säkulare Erbsünde gelebt wird, während man andererseits dem dogmatischen Glauben anhängt, dass menschliche Natur beliebig manipulierbar sei. Alles ist soziale Konstruktion, die den weißen hetero-cis-patriarchalen Weltgeist zur absolutistischen Macht erklärt, eine unveränderbare Größe, von der alle Relativismen gegen jede philosophische Konsistenz logisch abgeleitet werden. Die Abwertung der christlichen Religion, der man jede Verhöhnung und Lächerlichmachung zumutet, verbindet sich mit einer kritiklosen Haltung zum Islam, die das säkulare Gleichgewicht selbst bedroht. Während man die christliche Religion historisch entsorgt hat, üben sich die intellektuellen Eliten des Westens in einer religiös anmutenden, wenngleich in ihrer Struktur völlig materialistischen Denunziationsethik, in der „weiß“ zu sein bereits ein Vorwurf und die Nichtteilnahme an apokalyptischer Eschatologie ein Ausschließungsgrund aus der öffentlichen Wahrnehmung ist. Therapeutische Entmündigung ist die neue Utopie, deren höherer Zweck die Einordnung in Reih und Glied ist und einen Opportunismus als Lebenszweck verfolgt, dem die Auslöschung des Anderen unweigerlich folgen muss.

Wie sehr sich diese Verunsicherung in den Köpfen der modernen westlichen Bevölkerungen im Angesicht der Gefahr festgesetzt hat, kann man an dem offenem Brief demonstrieren, den die Angehörige eines der Opfer von Wien in der Tageszeitung Der Standard publizierte. Irmgard P. erinnert sich darin an ihre Schwester Gudrun, die sich „zur falschen Zeit am falschen Ort, […] in einer gut gelaunten Runde von Kollegen auf ein After-Work-Bier“ befunden hat. „Neben all den vielen anderen Menschen war auch ein junger Mann in der Nähe, der offensichtlich für sich nur noch den Weg als einzig möglichen gesehen hat, schwer bewaffnet und um sich schießend möglichst viele Menschen zu töten, bevor er selbst getötet wird.“

Es erscheint im Bewusstsein einer solchen Tragödie unstatthaft zu sein, Frau Irmgard P. widersprechen zu wollen, aber die Rationalisierung dieser grausamen Tat, dass der Täter „nur noch den Weg als einzig möglichen gesehen hat, […] möglichst viele Menschen zu töten“ ist Ausdruck einer psychologischen Krise, die über den Mord an fünf Menschen weit hinaus geht. Die Beschreibung ihrer Schwester abstrahiert das Persönliche und gerät zu einem ideologischen Pamphlet:

„Sie war eine große Verfechterin von Toleranz, sie war Betriebsrätin, sie war Mediatorin und wollte immer vermitteln. Für sie war ein Mensch in erster Linie ein Mensch, Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, gesellschaftlicher Stand, Aussehen, Glaube, Ansichten, Vorlieben waren nebensächlich und alles okay, solange kein anderer Mensch dadurch verletzt, gekränkt oder herabgewürdigt wurde.“

Das Selbstbild der linken, aufgeklärten Eliten, die sich darüber Sorgen machen, dass „kein anderer Mensch […] verletzt, gekränkt oder herabgewürdigt“ würde, ist geprägt davon Gewalttäter als solche zu infantilisieren. Irmgard P. schreibt:

„Hätte meine Schwester die Macht gehabt, sich auszusuchen, wie sie in dieser Situation handeln könnte, hätte sie sich gewünscht, diesem jungen Menschen sicher vor Kugeln gegenübertreten zu können. Sie hätte ihn sicher ziemlich forsch angesprochen und gesagt: Hör sofort auf mit dem Scheiß, das ist doch Blödsinn. Leg die Waffen weg und setz dich her zu mir. Erzähl mir, was dich so wütend macht. Und ich weiß, sie hätte so lange mit ihm geredet, diskutiert und gestritten, bis er gesehen hätte, es gibt viele Wege für ihn und nicht nur diesen einen. Aber niemals hätte sie gesagt Schleich di, Oaschloch.“

Es ist nicht unerheblich zu erwähnen, dass in diesem Brief weder das Substantiv „Trauer“ vorkommt[4], noch das Wort „Vergebung“ erwähnt wird. Die Aufforderung „nicht mit Hass auf den Menschen [zu] reagieren, der sie mit in den Tod genommen hat“ richtet sich an alle anderen, ihre eigenen Gefühle bleiben in einer seelischen Vereisung eingeschlossen und sind für uns unerreichbar. Da sie nicht über ihre Trauer reden kann, und das einzige formulierbare Ziel ist „nicht mit Hass und Ausgrenzung zu reagieren“ gibt es keinen Adressaten mehr, der sich für das Geschehene zu verantworten hat. Die einzige Strategie, die sie zur Verfügung stellt ist innere Leere und die Verleugnung des eigenen Schmerzes. Wer sich selbst das Privileg verweigert, nach dem Verlust eines geliebten Menschen wenigstens seine Wut und Verzweiflung öffentlich zu äußern, wird – anders als die Ideologie es für sich selbst in Anspruch nimmt, die diesen Brief mitgeschrieben hat – niemals vergeben und über die Tragödie hinweg kommen können. Die umweglose Entsorgung der natürlichsten Reaktion auf einen menschlichen Verlust gehört zu den erschütterndsten Begleitumständen dieses Textes. Die Subjekte, die sich solch einem geistigen Umerziehungsprogramm unterziehen, bleiben als wehrlose Seelen ohne innere Substanz zurück. Es ist kein Wunder, dass islamische Terroristen weltweit für die Aufforderung nicht mit „Hass und Ausgrenzung“ zu reagieren, nichts als Verachtung empfinden und westliche Gesellschaften für schwach halten, die leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen sind. Wie sollen solche Menschen für sich selbst kämpfen, geschweige denn für andere, wenn sie nicht einmal in der Lage sind, Wut und Schmerz auszudrücken, sondern sich feige hinter einem zahnlosen Humanismus verstecken, der bloß eine Ausrede für die Unfähigkeit ist die eigene Kultur für etwas zu halten, das wert ist verteidigt zu werden?

Wenn sich Irmgard P. davon selbst überzeugt, ihre Schwester wäre in der Lage gewesen den Attentäter dazu zu bringen von seinem Vorhaben abzulassen wenn sie mit ihm „geredet, diskutiert und gestritten“ hätte, dann offenbart sie, dass die Verdrängung der Wut vor allem die eigene Machtlosigkeit und das Nichtverstehen gegenüber der Gewalt verschleiern soll. Vieles ist vorstellbar, aber dass ein mordbereiter Verbrecher durch kommunikative und therapeutische Intervention davon abgehalten werden könnte, macht vor allem die Gewalterfahrungen all jener lächerlich, die wissen, dass wer traumatisierender Gewalt ausgesetzt gewesen sie nicht durch Reden oder Diskussion hätte verhindern können. Der Täter musste erschossen werden, um ihn aufzuhalten, denn er hätte sonst weiter gemacht. Linke Hegemonie versteht nicht was Gewalt ist, weil sie Gewalt zum bloßen Ausdruck einer instabilen work life balance verniedlicht. Die Gewalt von Neonazis oder Islamisten ist keine Reaktion auf eine schlechte Kindheit, oder die Abwesenheit von Bildung, wie therapeutische Mythologie behauptet, sondern eine Agenda, die kalkuliert handelt und nicht einfach infantilisiert werden kann, ohne ihr schutzlos ausgeliefert zu sein. Das Faktum, dass islamistische Terroranschläge nicht weniger werden und immer wieder vorkommen, obwohl westliche Gesellschaften kaum etwas anderes tun als eine therapeutische Maßnahme nach der anderen zu setzen, die sozialen Netze auszubauen und das Mantra von der kommunikativen Bearbeitung der Konflikte zu pflegen, hätte eigentlich zu denken geben können. Ebenso, dass der britische Messerattentäter Usman K. 2019 in London zwei junge Menschen erstach, die im Rahmen eines Deradikalisierungs und Sozialprogrammes arbeiteten, das ihm erst die Freilassung aus dem Gefängnis ermöglichte.[5] Gewalt ist keine Lösung, wie es heißt, aber sie kann nur durch Gegengewalt wirksam begrenzt werden. Aggression und Gewalt sind Bestandteil menschlichen Sozialverhaltens, dem linke Hegemonie durch social engineering die biologischen Zähne ausreißen will. Das ahistorische und bewusstlose Selbstbild linker Hegemonie, das die stalinistische Idee eines „neuen und besseren Menschen“ in ein hochtechnologisches Zeitalter übertragen hat, hat keine Begrifflichkeit für die eigene gewaltförmige Praxis. „Der reißende Strom wird gewalttätig genannt/ Aber das Flußbett, das ihn einengt/ Nennt keiner gewalttätig“, schreibt Brecht. Menschliche Natur ist nicht beliebig manipulierbar, auch wenn das narzisstische Selbstbild therapeutischer Vergesellschaftung dies so gerne herbei phantasiert.

Die maßlose Selbstüberschätzung, durch Reden und Empathie jede Gewalt beherrschbar zu machen ist jedenfalls erstaunlich. Die Phantasie dahinter, einerseits niemanden verletzen, kränken und herabwürdigen zu wollen, wird durch das Gefühl konterkariert moralisch derartig überlegen zu sein, dass man einem mehrfachen Mörder durch Reden und Zuhören beikommen könnte, ihn sogar davon überzeugen es gäbe „viele Wege für ihn und nicht nur diesen einen“. Dass der Attentäter von Wien (und alle anderen) diesen Weg wählte hat nichts mit Ausweglosigkeit zu tun, sondern ist im Gegenteil die Rückeroberung jener Handlungsfähigkeit, die linke Hegemonie psychologisch aus den Männlichkeitsphantasien therapieresistenter Subjekte heraus kastrieren will. Was den KritikerInnen des Films „Joker“ noch der Beweis für die Unheilbarkeit der toxischen Männlichkeit gewesen ist, und als eine moralische Rechtfertigung für die Untaten der Hauptfigur Arthur Fleck verstanden wurde, kommt in der Realität islamistischer Attentate ganz zu sich. Der Attentäter von Wien bezog Mindestsicherung, wurde von einem fürsorglichen Sozialstaat bis zum Schluss betreut und war Objekt jener Ideologie, die ihre Legitimation daraus bezieht angeblich „nicht mit Hass und Ausgrenzung“ zu reagieren. Aber dies ist natürlich eine Lüge. Die psychische Energie kann zwar verdrängt werden, aber sie verschwindet deshalb nicht. Der Hass und die Ausgrenzung richten sich deshalb nicht gegen den Attentäter, sondern gegen die Leute, die vor ihm und seinesgleichen gewarnt haben. Hinter der Aufforderung nicht mit „Hass und Ausgrenzung“ zu reagieren, steht die Drohung, dass wer sich nicht diesem Gebot fügt mit sozialen Konsequenzen zu rechnen hat. Weil der Zorn nicht dem Täter gelten darf, richtet sich die psychische Energie darauf die eigene Wut zu verdrängen, und die subjektive Erfahrung seelischer Qual ganz den Notwendigkeiten sozial erwünschten Verhaltens unterzuordnen. Der normative Zwang wird ganz auf die narzisstische Bestätigung eines hypermoralischen Selbstbilds abgestellt, das von sich behauptet nicht auszugrenzen, sondern zu integrieren, während die Tat und das Bekenntnis des Täters ganz genau das Gegenteil sagen, nämlich sich der Integration in therapeutische Entmündigung zu verweigern, um sich der Integration in die islamische Ummah als würdig zu erweisen. Irmgard P. appelliert an uns und vor allem an sich, nicht mit „Hass und Ausgrenzung“ zu reagieren, weil dies die Anforderung linker Hegemonie an ihre KirchgängerInnen ist. Es darf keine Wut und keinen Zorn geben, weil die linke Disziplinargesellschaft ihre Subjekte konsequent dehumanisiert, indem es ihnen sogar die primitivsten emotionalen Ausdrucksformen verweigert. Die Verdrängung, die sich über „Hass und Ausgrenzung“ erhaben dünkt, ist moralisches Gebot, das die Opfer zu Projektionsflächen eines moralischen Zwangs macht, der gleichzeitig den Täter zu einem bloßen Objekt von Umständen degradiert, der nicht mehr für seine Taten verantwortlich gemacht werden kann. All dies ist Bestandteil der ideologischen Operation, die ihm zugesteht „nur noch den Weg als einzig möglichen gesehen [zu haben], […] möglichst viele Menschen zu töten“. Kein Subjekt mehr, nirgends. Die Infantilisierung der Gewalt ist eine eigene Form der Gewalt, die sich ihrer selbst nicht mehr bewusst ist. Der Täter lehnte genau deshalb die Kultur, die Irmgard P. für sich geltend macht, so grundlegend ab, weil seine Integration in ein langweiliges Leben ohne höheren Zweck und sinnstiftende Gemeinschaft gescheitert ist, eben jener Gesellschaft die mit ihm im Rahmen seines Deradikaliserungsprogramms „geredet, diskutiert und gestritten“ hat. Aus seiner Sicht wiederstand er dem Bestechungsversuch durch Sozialstaat und therapeutische Entmündigung und entschied sich für ein Handeln, das ihm Bedeutung, Macht und Kontrolle über ein verlorenes und verschwendetes Leben zurückgab. Wer nicht versteht, dass Gewalt die subjektive Erfahrung des Gewalt Ausübenden unterstützt, während die therapeutische Entmündigung diese zerstört, wird beim nächsten Attentat mit derselben Hilflosigkeit reagieren.

Der Krieg gegen die menschliche Natur, den die linke Hegemonie führt, um ihre Herrschaft auf eine Weise abzusichern, sodass Dissens und Widerspruch dazu nicht mehr möglich sind, kann sich nicht mit der Tatsache abfinden, dass der Täter und mit ihm viele andere, die ähnliche Aggressionen hegen, genau das nicht will, was ihm diese Gesellschaft anbieten kann. Das Bestürzende an diesem Brief ist, dass den Opfern des Terrors nicht einmal mehr Wut und Zorn („Hass und Ausgrenzung“) zugestanden wird. Irmgard P. muss sich und ihren Schmerz komplett verleugnen, weil die toxische Ideologie der linken Hegemonie ihre Subjekte in seelenlose Maschinen verwandelt, die sich selbst beliebig manipulierbar machen. Die darin eingeforderte Loyalität die eigenen Gefühle in die totale Bewusstlosigkeit zu unterdrücken ist Vorbereitung darauf, dass die unterdrückte Wut irgendwann gegen die „Richtigen“ gewendet werden kann. Die Zeichen dafür stehen schon an der Wand. Man muss sie nur lesen können.

 


 

[1] https://www.profil.at/oesterreich/wie-das-deradikalisierungsprogramm-den-wien-attentaeter-einstufte/401090010

[2] Siehe: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-11/islamismus-oesterreich-wien-dokumentationsstelle-politischer-islam bzw.

https://kurier.at/politik/inland/studie-warnt-vor-einfluss-der-muslimbruderschaft-in-oesterreich/286.215.846 bzw.

https://kurier.at/politik/ausland/us-ermittler-steven-merley-ueber-das-globale-netzwerk-der-muslimbruderschaft-muslimbrueder-bauen-keine-bomben-aber/202.488.796 

[3] https://tvthek.orf.at/profile/ZIB-Spezial-Anschlag-in-der-Wiener-Innenstadt/13892213/ZIB-Spezial-Anschlag-in-der-Wiener-Innenstadt/14070324/IGGOe-Praesident-Vural-im-Gespraech/14789429

[4] Die Distanz zur Trauer wird durch eine indirekte Perspektive kenntlich gemacht, wenn sie schreibt: „Die beiden sind aufeinandergetroffen – und jetzt trauern wir, um eine „ältere Dame“.“ Wir trauern, nicht sie selbst. In der Distanzierung von der Trauer der anderen macht sich der Schock darüber bemerkbar, dass es in einer Welt ohne Religion keine Instrumentarien zur Bewältigung des Verlustes mehr gibt.

[5] https://www.tagesschau.de/ausland/london-angriff-103.html bzw.

https://www.bbc.com/news/uk-50594810

Kategorien:Culture and War
  1. Dezember 7, 2020 um 16:48

    Liebber Jurek, HP ist online mit .net statt org. Oder über HP Twitter. Alle warten schon, bis auf ein, zwei. 🙂

  2. Dezember 7, 2020 um 18:06

    Danke für die Info!
    Ich schau gleich vorbei.

  3. Dezember 7, 2020 um 19:21

    Hat dies auf fritzwunderlich rebloggt.

  4. tom
    Januar 22, 2021 um 10:52

    Man bemerke auch die bei angepassten Konformistinnen vorhandene Rachsucht.

    • Februar 24, 2021 um 10:57

      Schlimmer ist die Rachsucht jener KonformistInnen, die sich selbst als Rebellen begreifen und ihre eigenen Beteiligung verdrängen müssen.

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