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Die Livingston Formel

Von heimischen Medien bis auf wenige Ausnahmen unbeachtet, hat sich die in Opposition befindliche Labour Party Großbritanniens gerade an den Rand des politischen Bankrotts geredet.

Der ehemalige Bürgermeister von London und Politpensionär Ken Livingston, der bis vor kurzem immer noch im Executive Board der Partei saß und nun ausgeschlossen wurde, gab in einem Interview zu Protokoll: „When Hitler won his election in 1932, his policy then was that Jews should be moved to Israel. He was supporting Zionism before he went mad and ended up killing six million Jews.“ Dass Hitlers NSDAP keineswegs die Wahlen von 1932 gewonnen hat ist nur ein Detail, das uns vorerst nicht zu kümmern braucht. Auch Livingstons Auffassung von Hitlers Geisteszustand, nämlich dass es einen gab, „before he went mad“ ist nicht unser Thema. Der für uns relevante Hintergrund dieser Aussage ist eine Welle von Ausschlüssen aus der Labour Party, bei der Funktionäre und Mitglieder auf ihren Facebook und Twitter Accounts oder anderen sozialen Medien durch haarsträubende antisemitische Aussagen aufgefallen waren.

Livingston wollte mit seinem bizarren Auftritt eine mittlerweile ebenfalls ausgeschlossene Parteikollegin, die Angeordnete von Bradford Naz Shah verteidigen, die nach Bekanntwerden von nicht weniger problematischen Vorschlägen zum Transfer des israelischen Staates auf das Territorium der USA auf ihrer Facebook Seite vor rund einem Jahr in den Mittelpunkt medialen Interesses geraten war. Naz Shah hat sich mittlerweile sehr ausführlich und durchaus glaubhaft entschuldigt, konnte ihren Ausschluss aber nicht mehr verhindern. Parteichef Jeremy Corbyn, der nach seiner überraschend deutlichen Wahl zum Vorsitzenden Mitte 2015 eine linke Wende in Großbritannien einleiten wollte, kann sich genau jene Leute, die durch seinen Amtsantritt massenhaft in seine Partei eingetreten sind politisch nicht mehr leisten. Corbyn, der selbst niemals durch antisemitische Aussagen aufgefallen ist, war vor allem deshalb ins Zwielicht geraten, weil er zum einen seine ideologische Nähe zum antiimperialistischen und antizionistischen Lager der Linken Großbritanniens nie verheimlicht hat und zum anderen bei diversen Gelegenheiten Hamas und Hisbollah Vertreter ins britische Unterhaus einlud und sie dort als seine „Freunde“ bezeichnete. Corbyns Projekt, eine politische Wende im Gewand eines linken sozialdemokratischen Reformprogramms einzuleiten ist deshalb nicht nur ernsthaft in Gefahr, sondern könnte durch den anhaltenden Druck von Presse und politischen Gegnern an sein Ende gelangt sein, bevor es überhaupt angefangen hat. Labours Chancen bei Wahlen überhaupt nur in die Nähe einer ernsthaften Konkurrenz zu den regierenden Konservativen zu gelangen sind nicht nur sehr gering, seine zögerliche und widerwillige Haltung sich mit dem Problem näher zu beschäftigen könnte die Labour Party auf Jahre hinaus nachhaltig desavouiert haben.

Anders als in Österreich wo dutzende Einzelfälle in der FPÖ zu Ausschlüssen aus der Partei führten, die als rechtsextrem gilt und der viel eher eine Nähe zu faschistischen Traditionen attestiert werden kann, findet die extreme Rechte in Großbritannien kaum Potential vor, weil der Antifaschismus eine Art patriotische Pflicht darstellt. Robert Rotifers Beitrag auf FM4 hält fest, dass man in England „das Gefühl (hat), dass man als jene westeuropäische Nation, die den Nazis die Stirn bot, auf der richtigen Seite der Geschichte steht.“

Während sich die deutsche und österreichische Linke zwar keineswegs eines weniger rabiatem Anti-Zionismus enthält, aber durch gewisse historische Ereignisse stärker an einen Common Sense gebunden fühlt, der manche Absurdität von vornherein verhindert, gibt es – oder gab es – bis vor kurzem einen solchen Druck innerhalb der englischen Linken nicht. Eine der prominenten trotzkistischen Gruppen Großbritanniens, die „Socialist Unity“ postete zur Verteidigung Ken Livingstons in Person eines ihrer Anführer, John Wight, etwa: Israel betreibe „the most sustained oppression of any people in modern history.“ Nicht Nordkorea oder Syrien, sondern Israel. Der notorische Diskurs einer von Palästinasolidarität, BDS Kampagnen und Antiimp Rhetorik getragenen Anti-Israel Politik, die vor keiner noch so absurden Verbalinjurie zurück schreckt, hat sich in Großbritannien vor allem auf Seiten der Linken zu einer Pandemie entwickelt, der Livingston mit seiner Behauptung der Zionismus sei so etwas wie das wichtigste Anliegen Hitlers gewesen nur einen weiteren Höhepunkt hinzugefügt hat, jedoch keineswegs neu ist.

Wer sich über die antisemitischen Ausfälle in den Reihen der Labour Party informieren will, sollte sich bei der als konservativ oder rechts populistisch angesehenen Website von Guido Fawkes kundig machen. Die Aufmachung ist zwar furchtbar, aber die Fakten sind größtenteils korrekt und der populistische Stil entspricht dem Niveau der enthüllten Skandale.

Interessanter erscheint es für mich Ken Livingstons Bemerkungen über die Verbindungen von Zionisten und Nazis etwas näher auf den Grund zu gehen. In einer seiner daran anschließenden verzweifelten Verteidigungen nannte Livingston als Quelle für seine Ansichten das Buch „Zionism in the age of dictators“ des amerikanischen Trotzkisten Lenny Brenner aus dem Jahre 1983. Die deutsche Ausgabe erschien 2007 unter dem Titel „Zionismus und Faschismus. Über die unheimliche Zusammenarbeit von Faschisten und Zionisten“ im Kai Homilius Verlag. Kai Homilius gehört übrigens gemeinsam mit Jürgen Elsässer zu den Gründungsmitgliedern des COMPACT Verlages, der den Österreich Launch seines Magazins mit der aus der FPÖ ausgeschlossenen Susanne Winter bestreiten will. Ob Brenner, der als militanter Trotzkist politisch eigentlich ganz woanders steht (oder stehen sollte) sich der Umgebung bewusst ist in der seine Arbeit erscheint, ist unbekannt. Jedenfalls hat sein Buch weite Verbreitung gefunden, unter anderem bei den Holocaust Leugnern des „Institute for Historical Review“ und wurde im deutschsprachigen Raum von notorischen linken Antisemiten wie Ludwig Watzal begeistert rezensiert. Die grundsätzliche These Brenners ist, dass Hitler’s Regime und zionistische Aktivisten zwischen 1933 und 1937 zusammenarbeiteten, um die Entstehung eines israelischen Staates zu verwirklichen. Eine etwas ausführlichere Beschäftigung mit Brenners Buch, die seine mutwilligen Verfälschungen und böswilligen Unterstellungen in einen adäquaten Kontext stellt, findet sich hier und hier. Eine weiter radikalisierte Form dieses obszönen Humbugs wird heute von der iranischen Regierung vertreten, die sich durch westliche Sanktionen und internationalem Druck gezwungen sah ihre ursprüngliche Idee, dass die Shoah eine zionistische Erfindung sei, aufzugeben und durch das Narrativ ersetzte, dass die Shoah ein gemeinsames Projekt von Zionisten und Nazis (in dieser Reihenfolge) gewesen ist, und dass vor allem jene Juden Osteuropas, die nicht nach Palästina auswandern wollten in den Vernichtungslagern ermordet wurden. Das Motiv hinter beiden Versionen ist dasselbe und hat nichts mit Geschichte zu tun, sondern mit dem politischen Ziel die Legitimation Israels als jüdischen Staat nachhaltig zu untergraben. Wie es aussieht hat sie das in der westlichen Linken teilweise geschafft. Um sich all die Mühe zu ersparen hätte es gereicht Hitlers Deutung des Zionismus in „Mein Kampf“ von 1925 zu lesen. Auf Seite 356 liest man dort unter der Überschrift „Palästina als Organisationszentrale“:

„Denn indem der Zionismus der anderen Welt weiszumachen versucht, daß die völkische Selbstbesinnung des Juden in der Schaffung eines palästinensischen Staates seine Befriedigung fände, betölpeln die Juden abermals die dummen Gojim auf das gerissenste. Sie denken gar nicht daran, in Palästina einen jüdischen Staat aufzubauen, um ihn etwa zu bewohnen, sondern sie wünschen nur eine mit eigenen Hoheitsrechten ausgestattete, dem Zugriff anderer Staaten entzogene Organisationszentrale ihrer internationalen Weltbegaunerei; einen Zufluchtsort überführter Lumpen und eine Hochschule werdender Gauner.“

Hitler hielt den Zionismus und sein Ziel einen eigenen Staat zu gründen für einen weiteren jüdischen Trick die Weltherrschaft zu erobern. Hitlers Weggefährte Alfred Rosenberg veröffentlichte bereits 1922 seine Schrift „Der staatsfeindliche Zionismus“, die 1938 nochmals in einer aktualisierten Ausgabe erschien. Der Russland Deutsche Rosenberg wiederholte darin die Verschwörungstheorien russischer Antisemiten aus den „Protokollen der Weisen von Zion“, die er selbst seit 1923 in Deutschland verbreitet hatte und nahm Hitlers Invektive vorweg (oder beeinflusste sie maßgeblich), dass „Zionismus […] ein Mittel für ehrgeizige Spekulanten (ist), sich ein neues Aufmarschgebiet für Weltbewucherung zu schaffen.“ Die Nazis waren also bereits lange vor 1933 nicht nur Antisemiten, sondern auch dezidierte Antizionisten und verheimlichten das keineswegs.

Der amerikanische Historiker Francis Nicosia hat in seinem Buch „Zionism and Anti-Semitism in Nazi Germany“ eine gut recherchierte und wissenschaftliche fundierte Arbeit geleistet mit der die Versuche zionistischer Politiker gewürdigt werden, eine Ausreise von Juden aus Nazideutschland zu ermöglichen, die durch die Nürnberger Gesetze allen Eigentums beraubt sonst in den Vernichtungslagern ermordet worden wären. In seinem auf Deutsch verfügbarem Beitrag für die „Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte“ aus dem Jahre 1989 schreibt Nicosia: „Für Rosenberg ergab sich die Verbindung zwischen der angeblichen jüdischen Weltverschwörung und dem Zionismus ganz natürlich aus den sogenannten Protokollen der Weisen von Zion, die er 1917 als Student in Moskau kennengelernt hatte.“

Es steht also ganz eindeutig fest, dass die angebliche Verbindung zwischen Zionisten und Nazis nicht nur eine historisch unhaltbare Idiotie, sondern der Anti-Zionismus von Anfang an ein Bestandteil der Naziideologie gewesen ist. Der Versuch linker und rechter Antizionisten Israels Delegitimation zu betreiben ist also nichts weiter als die Verdrängung dieses Erbes, das die unhaltbare Behauptung desavouiert, dass Anti-Zionismus nichts mit Antisemitismus zu tun hätte. Doch! Hat er!

Das wehleidige Gejammer anti-zionistischer Agitation, dass jede Kritik an Israel als Antisemitismus denunziert werden würde, verrät sich vor allem als die Unfähigkeit genauer hinzusehen, warum „Kritik an Israel“ so häufig und so ungehindert mit dem ganzen Arsenal antisemitischer Verbalinjurien arbeiten kann. Die ehrbaren Kritiker Israels scheinen sich niemals in der Lage gefühlt zu haben dieser Welle des Hasses und der Gewalt etwas entgegen zu setzen, weil sie entweder zu einer einflusslosen Minderheit gehören oder Antizionisten sich noch niemals dafür interessiert zu haben scheinen ihre Verdrängungsmechanismen genauer zu untersuchen. Es sollte jedenfalls klar sein, dass der Versuch Livingstons sich durch den Verweis auf Lenny Brenner aus dem Scheißhaufen heraus zu reden, in dem er steckt, die eigentlichen Verwerfungen in eben diesem noch viel deutlicher sichtbar gemacht hat. Nicht Israel und der Zionismus, sondern die Antizionisten sind die Rechtsnachfolger der Nazis. Ich hätte diese Bestätigung nicht gebraucht, aber die antizionistischen Linken sollten sich vielleicht ein paar Gedanken machen wofür sie letztendlich stehen wollen. In einem zivilisierten Land wie Großbritannien könnte dies tatsächlich passieren, im Falle von Österreich und Deutschland habe ich so meine Zweifel. Aber wer weiß.

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