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Der postmoderne Systemabsturz. Über die „Critical Whiteness“ und ihre Folgen

The camouflaged parrot he flutters from fear
When something he doesn’t know about suddenly appears
What cannot be imitated perfect must die…

Bob Dylan, Farewell Angelina

 

Was man heutzutage Postmoderne nennt ist eine Haltung zur Welt, die ausschließlich Narrative sieht. Wissenschaft, Kultur oder Politik bestehen zur Gänze aus sprachlichen Operationen, die in Macht und Gegenmacht Konfigurationen politische Master Narrative durch zu setzen versuchen. Das gilt für irgendeinen körperpolitischen Rassismus, der höhere und niedere Rassen behauptet ebenso wie für wissenschaftliche Modelle vom Universum. Alles ist endlose Relativität, in der jede Äußerung neben der anderen steht und vorgeblich nichts existiert, was sich außerhalb befände und damit Sinn und Deutungshoheit beanspruchen könnte. Es gibt keine Äußerung, kein Zeichen und keine politische Form, die nicht in irgendeiner Art und Weise als ein um Macht zentriertes Spiel erscheint, aber in dem es paradoxerweise trotzdem Absoluta gibt: Alles ist Politik und steht im Zeichen einer Macht, die Unterdrücker und Unterdrückte als Subjekte produziert. Dass man die Selbstbeschreibungen derer die sich als Unterdrückte sehen oder als vom Kolonialismus und Imperialismus Subjektivierte ebenfalls bloß als Narrative betrachten kann, denen Deutungshoheit ebenso wenig zukommt wie die deren angebliche oder tatsächliche Deutungshoheit man bekämpft scheint dabei aus dem Blick zu geraten.

1.

In einem Dokument, das von der UCLA (University of California Los Angeles) als Richtlinie für das Diversity and Faculty Development herausgegeben wurde, werden bestimmte Aussagen und Phrasen als „Microaggressions“ identifiziert, die das Zusammenleben auf dem Campus stören könnten und als unangebrachte Äußerung markiert werden sollen. Als „Microaggressions“ gelten Bemerkungen, (blöde) Fragen und Aussagen, die nicht unmittelbar als Aggressionen gemeint sein müssen, aber dazu dienen jemand als „anders“ oder „nicht dazu gehörend“ zu qualifizieren. Neben durchaus vernünftigen und nachvollziehbaren Beispielen, die sich in einem entsprechenden Kontext als rassistische und sexistische Sätze interpretieren lassen findet sich eine ganz Reihe an schlicht blödsinnigen Unterstellungen, die einen gegen-aufklärerischen Geist verraten, den man schon einmal für überwunden geglaubt hat.

Die Aussage „There is only one race, the human race.” etwa wird von dieser Richtlinie als rassistisch qualifiziert, weil sie als „Denying the significance of a person of color’s racial/ethnic experience and history.“ bzw als „Denying the individual as a racial/cultural being.“ betrachtet wird. In den US-amerikanischen Campuskulturen hat sich eine ganze Reihe an „safe spaces“ und „trigger warnings“ gebildet, um der Mikroaggression, dass alle Menschen Teil einer gemeinsamen Gattung sind einen Riegel vorzuschieben.

Obwohl der semantische Unterschied zwischen „Rasse“ und „race“ beträchtlich ist, verweist er doch auf eine gemeinsame ideologische Ressource, die auf derselben Grundlage operiert. Beide Worte repräsentieren einen Blick auf körperliche Eigenschaften, die manche als angeboren bezeichnen andere als sozial konstruiert, aber im Zweifelsfall weiß offenbar jede/r was damit gemeint ist. Menschen sind jedenfalls „racial/cultural beings“, der Querstrich bedeutet in diesem Zusammenhang ein „sowohl als auch“. Ein „racial being“ das auch ein cultural being beinhaltet wird durch die „Whiteness“ und ihre Dominanz erst geschaffen behauptet die „Critical Whiteness“, aber ist trotzdem eine in sich völlige eigenständige Identität, während die „Whiteness“ von sich selbst nichts weiß und colorblind ist. Auf jeden Fall steckt in der Charakterisierung als „racial“ eine positive Dimension. Unsere erste Annäherung an die „Critical Whiteness“ ist es fest zu stellen, dass sie ein Theoriegebäude ist, das die Zuschreibung, die jemanden zu „racial“ macht für rassistisch hält, aber die angebliche oder tatsächliche Substanz hinter der Zuschreibung für authentisch und referenzfähig. Was einmal als Antirassismus die Abschaffung hierarchisierender Zuschreibungen propagiert hat, ist also das genaue Gegenteil geworden: die Zuschreibungen werden zu machtpolitischen Diskursen umgedeutet, die den „people of color“ ermöglichen soll, ihre „racial/ethnic experience“ als Waffe zu tragen. Nicht mehr die universale Gleichheit ist das Ziel, sondern die partikulare Identität wird als Differenz universalisiert. Alles ist verschieden, nur die „Whiteness“ ist colorblind. „Whiteness“ ist Paradigma einer angeblichen oder tatsächlichen kulturellen Dominanz der sich die „people of color“ mit allen Mitteln zu widersetzen haben und sei es um den Preis hinter alle Errungenschaften der Aufklärung zurück zu gehen, die ihrerseits als Ausdruck der „white supremacy“ denunziert wird. Was also zunächst einmal auffällt ist die Tendenz der „Critical Whiteness“ und der mit ihr verbündeten Strömungen der Political Correctness den Antirassismus zu einem Kampfplatz verschiedenster Identitäts Politiken zu machen, in der aufklärerischer Universalismus konsequent abgelehnt wird. Was in antirassistischer Arbeit einmal als Anspruch formuliert wurde, nämlich die Zwänge von Identität, sei es weiß, schwarz, jüdisch oder deutsch zu verlassen und sich auf darauf zu konzentrieren reales Verhalten und Sprechen zu bewerten oder zu kritisieren, wird in der „Critical Whiteness“ zur eigentlichen Aufgabe: unendlich viele Identitäten zu produzieren, die sich in ihrer partikularen Vielfältigkeit nur als subjektive und damit faktisch unkritisierbare Position realisieren lassen. Die Sünde ist also davon zu sprechen, dass es keine Unterschiede zwischen Menschen gibt, die sich auf ihre Identität zurückführen lassen und der Rassismus besteht in dieser Interpretation darin jemanden nicht in seiner „racial/ethnic experience“ wahrzunehmen. Die Konsequenzen dieses politischen Hasardspiels sind fatal. Wo der aus der Mode gekommene Antirassismus von früher die Wahrnehmung von „Rasse“ und „race“ als Antithese zu einem Menschenrechtsuniversalismus in Frage stellte, möchte „Critical Whiteness“ genau diesen Menschenrechtsuniversalismus als „weißes“ Paradigma denunzieren und die Wahrnehmung der phänotypischen Merkmale als positive Realität betonen, um sie bei der nächst besten Gelegenheit als simplen Gegenrassismus zu operationalisieren. Wo der rassistische Blick die Abwertung des Schwarzen vorgenommen hat, will die Critical Whiteness einfach den Blick umkehren und ergeht sich wie die Rassisten von einst in Stereotypen und blindwütigen Tiraden über die von ihr als „Weiße“ konstruierten Menschen und treibt sich selbst in einen wütenden stalinistischen Furor, in dem die einen immer nur Opfer und die anderen immer nur Täter sein können.

Um das Projekt „Critical Whiteness“ oder wie es auf Deutsch heißt, die „Kritische Weißseinsforschung“ besser einzuordnen muss man den in den Richtlinien der UCLA angedeuteten Irrsinn als Ausgangspunkt betrachten: das Ziel ist den Begriff der „Rasse“ als eine Realität bezeichnende Kategorie wieder salonfähig zu machen. Dass dies keineswegs eine böswillige Unterstellung meinerseits ist lässt sich in den Texten der im deutschsprachigen Raum meistzitierten Autorin in Sachen „Kritischer Weißseinsforschung“, der evangelischen Theologin Eske Wollrad nachlesen: „Ich werde das Wort „Rasse“ verwenden.(…) Der Grundpfeiler des Konstrukts „Rasse“ ist die binäre Opposition Schwarzsein – Weißsein.“ Und weiter: „Weißsein als Norm ist untrennbar von Weißem Terror, rassistischer Gewaltausübung und der Inanspruchnahme von Privilegien.“ Dazu führt sie aus: „Den diesem Beitrag zugrunde liegenden Referenzrahmen bildet postkoloniale Kritik. Sie setzt beim „Fehlen einer kontinuierlichen und vor allem kritischen Aufarbeitung der deutschen Kolonialherrschaft“ (Nicola Lauré al-Samarai) an und legt offen, in welchem Maß der deutsche Kolonialismus dazu beitrug, „Rasse“ als grundlegendes Ordnungsprinzip gesellschaftlicher Beziehungen zu etablieren. Postkolonialismus als herrschaftskritischer Diskurs setzt somit voraus, dass Echos kolonialrassistischer Gewalt gegenwärtig und wahrnehmbar sind, also Alltag, Denken, Politik und Kultur zutiefst prägen.“

Es ist auffällig, dass Wollrad, die das Wort „Rasse“ unbedingt benutzen will davon spricht, dass „[d]ie Funktion des Konzepts (….) in der Legitimation von Genoziden, Ausbeutung und Unterdrückung von unzähligen angeblich „nicht-Weißen“ Menschen (besteht)“, sie aber ausschließlich den Kolonialismus und die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents meint. Aus ihrer Sicht scheint das kein Problem darzustellen, aber wenn eine deutschsprachige Autorin den Kontext des Rassebegriffs ausschließlich auf den deutschen Kolonialismus, aber nicht auf die Shoah und den Antisemitismus beziehen will, der den Massenmord an – in ihrer Diktion – „weißen“ Menschen, eben Juden verübte, bleibt das eine unsichtbare um nicht zu sagen verdrängte Dimension der „Critical Whiteness“. Warum der Import eines US amerikanischen Diskurses, der sich aus historischen Gründen auf eine Geschichte der „Schwarzen“ und „Weißen“ bezieht, so unhinterfragt übernommen werden muss, dass er deutsche Geschichte schlicht ausblendet kann der Einfachheit halber vorerst einmal damit erklärt werden den deutschen Alltagsrassismus und seine Opfer in den Vordergrund zu rücken, die damit einen Platz im öffentlichen Diskurs besetzen können. Aber diese Rationalisierung kann nicht erklären, warum sich die „Critical Whiteness“ in den Political Correctness Zirkeln der US-amerikanischen Campuskultur mit einem rabiaten Antizionismus verbunden hat, der mit einer kritischen Theorie des Antisemitismus unvereinbar ist. Juden können in die gegenwärtige Ideologie des „Critical Whiteness“ Diskurses schlicht nicht integriert werden und Wollrads Emphase, dass „Rasse“ als einziges Wort die Gewalttätigkeit der rassistischen Realitäten akkurat beschreibt kann sich nicht nur aus pragmatischen Gründen mit der Realität des Antisemitismus nicht anfreunden. Was in den Dichotomien der Schwarz-Weiß Konstruktionen als Tugend begriffen wird, das Beharren auf einem partikularen Identitätssubjektivismus, der die Position als schwarze, von Rassismus und weißer Dominanz betroffene Person als Ausgangspunkt der persönlichen Erfahrung betont, wird den jüdischen Israelis genau als solche Position übel genommen und als rassistisch denunziert. Dies gilt übrigens für den gesamten Komplex dessen, was als „Whiteness“ begriffen wird. „Whiteness“ ist in diesem Sinn eben keine partikulare Identität, die aus historischen Gründen zur Dominanzkultur wurde, sondern die Repräsentation des Universellen an sich. So wie die Juden in den Abgründen des Antisemitismus als transhistorische wurzellose Antagonisten der partikularen Identität erscheinen, ist „Whiteness“ eine Projektionsfläche, die selbst keine eigenen partikularen Eigenschaften hat, sondern sich nur durch die Konstruktionen des „Anderen“ als Universelles realisiert. Die sprichwörtliche Schwarz-Weiß Malerei der „Critical Whiteness“ kollabiert punktgenau an jener Sollbruchstelle, an der die Juden in ihrem angeblichen oder auch tatsächlichen Bemühen um partikularistische Identität das Paradigma in Frage stellen, dass Gesellschaft an sich die Struktur der weißen Dominanz abbildet. Bei Susanne Dieckmann heißt es: „Um den Begriff ‚Rasse‘ als kritische Analysekategorie nutzbar zu machen, ohne biologistische ‚Rasse-Konstruktionen‘ fortzuführen, schlägt Susan Arndt in Anlehnung an Shankar Raman eine dekonstruierende Bewegung vor, die sie als racial turn bezeichnet. Hierunter fasst sie eine doppelte Bewegung von ‚Rasse‘ weg und auf Rasse zu. Die unterschiedlichen Schreibweisen – Anführungszeichen für die biologistische Kategorie und Kursivsetzung für die kritische Wissens- und Analysekategorie – verdeutlichen die zwei Ebenen, auf denen der racial turn arbeitet.“ (Dieckmann 2011, S. 21)

Der „racial turn“ soll also „’Rasse‘ als kritische Analysekategorie nutzbar“ machen und die Critical Whiteness Theorie glaubt tatsächlich, dass das Wort ohne „biologistische ‚Rasse-Konstruktionen’“ zu haben ist. Die Naivität dieser postmodernen Pseudohermeneutik, die einerseits dem „Weißsein“ eine universelle Unveränderbarkeit zuschreibt, aber andererseits glaubt ein Wort wie „Rasse“ ohne Probleme diskurstechnisch umprogrammieren zu können, indem man „unterschiedliche Schreibweisen“ verwendet, ist erstaunlich. Der Verlust an Sensibilität für die historische Schwere des Wortes dürfte auch daran liegen, dass zwischen „Rasse“ und „race“ hin und her gesprungen wird und die semantischen Unterschiede dadurch verwischt werden. In Englisch verfasste Texte sind jedoch genau so problematisch, auch wenn sich der Kontext verschiebt. Die portugiesische Autorin Grada Kilomba etwa schreibt: „And in this sense racism is white supremacy. Other racial groups can neither be racist nor perform racism, as they do not possess this power. The conflicts between them or between them and the white dominant group have to be organized under other definitions, such as prejudice.“ (zit. nach Dieckmann 2011, S. 18)

So elegant diese These auch sein mag, sie scheint den rassistisch motivierten Antisemitismus nicht für einen solchen zu halten, sondern für ein „innerweißes“ Vorurteil. Es versteht sich von selbst, dass Kilomba zudem die tausend jährige Geschichte des Islamischen Sklavenhandels ignoriert denn außerhalb der europäisch-westlichen Kultur kann es augenscheinlich weder Rassismus noch Gewalt geben. Selbst wenn man der Analyse zustimmt, dass die „Weißen“ allesamt privilegiert seien und qua ihrer „Rasse“, die halt jetzt eine soziale Konstruktion ist, von vornherein rassistisch sein müssen, braucht man einen Begriff der Gleichheit will man den Zustand überhaupt überwinden. Es steht in Frage, ob „Critical Whiteness“ das tatsächlich will.

Immer wieder zeigt sich, dass Rassismustheorien – nicht erst heute – beständig daran scheitern den Antisemitismus als Bestandteil ihres Konzeptes zu sehen, geschweige denn ihn zu integrieren. (Katharina Röggla, von der noch zu sprechen sein wird, ist hierin eine löbliche Ausnahme.) An Kilombas Definition fällt außerdem auf, dass die Differenz zwischen denen die Macht besitzen und den „other racial groups“ naturalisiert wird. Sie können weder rassistisch sein, noch Rassismus ausüben, es scheint ihnen geradezu physisch unmöglich, da sie konditional nicht die Macht besitzen. Das Besitzen von Macht ist Bedingung für die Ausübung der Macht und damit die Legitimation sie zu besitzen und mit ihr den „Anderen“ zu definieren. Hier geht es darum zu zeigen, dass diese Essentialisierung der sozialen Konflikte zu naturalisieren etwas ist, woran sich seit Generationen antirassistische Theorie abarbeitet und das sie für die Sünde schlechthin hält. Die kurzsichtigen taktischen Formulierungen mit denen die „Critical Whiteness“ operiert, bedeuten also im Wesentlichen die Renaissance des Rassegedankens von links. Ein überraschendes erstes Fazit ist also, dass mit „Critical Whiteness“ ausschließlich die Gegenmacht gedacht wird, aber nicht das Konzept der Macht selbst in irgendeiner Weise kritisiert, obwohl genau das die ganze Bandbreite der postmodernen Theorieproduktionen, die als Epigonen von Derrida, Deleuze und Foucault ihre Kreise ziehen, behauptet hat. Mit „Critical Whiteness“ will man Politik machen, Fakten setzen und Gegenmacht ausüben. Es geht um Definitionshoheit. Es ist zweitrangig wer das wie beurteilt, aber es sollte auch so benannt werden. Immerhin verbünden sich linksradikale und kritische Geister sehr bereitwillig mit Islamisten, die sich nur zu gern in die Gesellschaft der globalen Linken als Unterdrückte und Subalterne einreihen. Der „racial turn“ wird nicht zufällig als Instrument zu diesem Zweck betrachtet: er ist genau jene Schnittstelle die antizionistischer Agitation ein breites und politisch sehr profitables Geschäftsfeld eröffnet hat.

Das Gerede von Diversität und Multikulturalismus erweist sich schließlich als Unfähigkeit Ambivalenz und Ambiguität, mit der sozialwissenschaftliche Theorieansätze üblicherweise gewohnt sind zu denken, umzugehen: Wenn sich Politik nicht mehr als Schwarz Weiß Gegensatz repräsentieren lässt wird die „Whiteness“ als das universell „Andere“ gesetzt, die dieses Problem zu verantworten hat. Es ist erstaunlich wie wenig Reflexion in „Critical Whiteness“ Theorien darüber existiert, dass ein Großteil des Gebäudes nur damit beschäftigt ist die Projektion seiner Feindbilder zu spiegeln. Dazu passt auch, dass Eske Wollrad im deutschen Sprachraum vor allem damit bekannt wurde, dass sie dafür warb „Pippi Langstrumpf“ von seinen rassistischen Tönen zu säubern. Nachdem sie also „Rasse“ für das geeignete Wort hielt die Gewalttätigkeit der rassistischen Realität zu beschreiben wollte sie der Darstellung dieser Gewalttätigkeit keinen Raum mehr geben, weil sich das Werk von Astrid Lindgren wohl nicht als Ganzes denunzieren ließ. Der Vorteil von Ambivalenz hört dort auf, wo man sich selbst ernst nehmen muss.

2.

Obwohl das Ausmaß der Literatur, das auf akademischer Ebene zum Thema „Critical Whiteness“ produziert wird, beträchtlich ist und das Spektrum höchst unterschiedliche Themenbereiche umfasst, gibt es bestimmte grundsätzliche Übereinkünfte, die sich überall wieder finden lassen. Eine davon ist, dass bestimmte Aspekte der rassistischen und kolonialistischen Sichtweise als schlichte Umkehrrelation bestimmt werden. In ihrer ansonsten sehr lesenswerten Diplomarbeit schreibt die österreichische Schriftstellerin Katharina Röggla: „NeoRassismen in Europa fokussieren im Besonderen auf die muslimische Bevölkerung Europas. Im Diskurs um die Anschläge von 9/11 ist ein ’neoorientalistisches Phantasma‘ entstanden, dass OrientalInnen als potentielle TerroristInnen imaginiert.“ (Röggla 2011, S. 40) Es sei hier ausdrücklich fest gehalten, dass Röggla anders als Wollrad die Verwendung von „Rasse“ als operativen Begriff ausdrücklich ablehnt und auch der Geschichte des rassistischen Antisemitismus ausführlich Platz einräumt. Das ist keineswegs selbstverständlich, wie wir gesehen haben.

Dass die terroristische Gefahr jedoch bloß imaginiert sei noch dazu als „neoorientalistisches Phantasma“ und als Ausdruck eines „NeoRassismus“ denunziert wird, ist eine immer wieder kehrende rhetorische Figur, die das philosophische Grundproblem der „Critical Whiteness“ sehr treffend beschreibt: Man sieht ausschließlich Narrative, wo es darum ginge Realitäten zu analysieren, und sieht ausschließlich Realität, wo man seinem eigenen Narrativ faktische Wirklichkeit zuschreibt.

Obwohl sich die postkolonialen Theorien zwar sehr oft auf Derrida beziehen, der z.B. in „Die Schrift und die Differenz“ festhielt, dass binäre Oppositionen nicht neutral sind, sondern durch einen „Herrensignifikanten“ organisiert werden, in dem ein Begriff des Gegensatzpaares den anderen quasi erst hervor bringt, hat Derrida niemals angedeutet, dass eine einfache Umkehrung der Pole irgendein Problem löst, das durch die Identifikation des Herrensignifikanten beschrieben wird. Was „Critical Whiteness“ jedoch in erster Linie tut ist genau die Umkehrung des rassistischen Blicks als Lösung für das Problem des Rassismus zu propagieren. Weil die als „Weißen“ identifizierten Bewohnerinnen und Bewohner der westlichen Welt eine historische Verantwortung für den Kolonialismus und seine Folgen haben, scheinen sie ihr Recht verwirkt zu haben, die Realität und ihre Konstruktion mit bestimmen zu können. Sie „imaginieren“ bloß und in jedem Versuch die terroristische Gefahr als solche zu benennen „zeigt sich, dass diese Rassismen konstitutive Funktion für die europäischen Gesellschaften haben.“ (Röggla 2011, S. 41)

So sehr es sich auch anbietet, die „Weißen“ nicht allzu sehr zu bemitleiden und nicht unterstellen zu wollen, sie bedürfen eines besonderen Schutzes vor wild gewordenen Critical Whiteness TheoretikerInnen, verrät die Argumentation, dass hinter „Critical Whiteness“ ein Angriff auf das Prinzip der Gleichheit selbst steckt. Das postmoderne Bedürfnis ist also der „Wille zur Differenz“, der die Gleichheit verneint und damit Differenz als solche in eine völlig unverhältnismäßige Inflation treibt. Die Ablehnung der Gleichheit liegt in der philosophischen Annahme, dass es unter lauter gleich berechtigten Narrativen keine gemeinsame Abstraktion geben kann, die „Sinn“ produziert und die Narrative gemeinsam organisieren könnte. Durch ihre unüberwindliche Differenz gibt es gar keine gemeinsame operative Dimension. Die „Whiteness“ in ihrer imperialistischen Ausdehnung beansprucht für sich jedoch eine solche gemeinsam funktionale Abstraktion. Hält man diesen universalistischen Anspruch für gleichbedeutend mit kultureller Dominanz, kann es auch keine Vergleichsoperatoren geben, die partikulare Identitäten zu Ausdruck eines Ganzen machen könnten, das von außen zugänglich ist. Es gibt keinen Universalismus, sondern nur das Narrativ es gäbe einen. Die „Kritische Weißseinsforschung“ kann sich nicht vorstellen, dass eine Überwindung der rassistischen Ideologien in einer Kritik der Partikularismen stattfinden muss, stattdessen will sie jedem Partikularismus, der nicht „white“ ist, einen eigenen Ort zuweisen, der unabhängig von anderen gedacht werden soll. Wenn die universelle Gleichheit als solche negiert wird, weil es Privilegien und Vorteile gibt, die als gruppenspezifische Reproduktionsmechanismen aufgefasst werden, erübrigt es sich auch darüber nachzudenken wie zwischen ihnen einfach normal gelebt werden könnte. Weil der Universalismus der Aufklärung selbst als Ausdruck der „Whiteness“ betrachtet wird, bleibt nur noch der Rückzug in eine Identität, die als geschütztes Biotop innerhalb von „safe spaces“ und „trigger warnings“ existieren soll. Die als „Weißen“ konstruierten Menschen können oder dürfen keine Gleichen sein, weil sie sich vor allem mit ihren Privilegien beschäftigen sollen, und die „Schwarzen“, die immerhin eine Identität besitzen, können ebenfalls keine Gleichen sein, weil sie sich durch das Nicht-Besitzen der Macht immer als Opfer dieser Privilegien definieren müssen. Die Naturalisierung der Konflikte ersetzt ihre Kritik. Dies ist eine weitere Übereinkunft, die in fast allen Schriften zum Thema zu finden ist. Röggla gibt hier ein weiteres Beispiel:

„Eske Wollrad erzählt unter dem Titel ‚Schweigen statt Dialog‘ (Wollrad 2005:178) die Geschichte einer gescheiterten politischen Zusammenarbeit zwischen Schwarzen und Weißen Frauen. Es ging dabei darum, eine gemeinsame Konferenz zu organisieren. Während die Schwarzen Frauen diskutierten, Vorschläge machten, sich engagierten, nahmen die Weißen Frauen sich zurück – und schwiegen – aus Respekt, Vorsicht oder Angst. Bündnisse erfordern Beteiligung, trotzdem entscheiden die Weißen Frauen in Wollrads Beispiel sich innerhalb der Bündnisarbeit zurückzunehmen um rassistische Dominanz nicht zu reproduzieren. Wollrad bestreitet nicht die antirassistische Intention dieses Schweigens, fügt aber einige Punkte hinzu, die in der Bestrebung rassistische Hierarchien zu stürzen nicht übergangen werden dürfen: Erstens stellt sich die Frage, ob und mit wem dieses Schweigen abgesprochen wird. Meistens herrscht Schweigen über das Schweigen. Die Wirksamkeit dieser Strategie kann also nicht diskutiert werden, sondern fußt allein auf Weißen Annahmen. Schweigen als Machtverzicht re­konstruiert gleichzeitig die Macht auf die verzichtet werden soll – denn nur wenn ich davon ausgehe dass ich die Macht besitze jederzeit zu sprechen, kann ich zugunsten von anderen auf diese Macht verzichten. Zurückhaltung kann laut Wollrad also ein „herablassender Dominanzgestus“ sein“ (Röggla 2011)

Die stille Übereinkunft, die den „Critical Whiteness“ Theorien gemeinsam ist, scheint zu sein, dass sie ihre Umkehrrelation in einen Automatismus übersetzen müssen, in dem die „Weißen“ stets an irgendetwas schuld sind oder sich in einem permanenten Dilemma befinden nicht als Gleiche in Frage zu kommen. Auf die Idee, dass die Kommunikation vielleicht deshalb nicht funktioniert, weil sich eine Seite immer in einem selbstreferentiellen Schuldparadigma befindet, kommt sie nicht, sondern auch das Schweigen ist eine Dominanzgeste, die die versteckten Privilegien erst enthüllt. „Zuhören ist notwendig, wenn Inputs jedoch nicht aufgegriffen werden, sondern das Zuhören ein rein passives bleibt, spricht Wollrad von einem Ausnützen Schwarzer Ressourcen.“ (Röggla 2011, S. 29)

Manchmal fällt einem nur noch Nietzsche ein: „Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als Verächter.“ (Jenseits von Gut und Böse  IV, 78)

Sie sind eben keine Gleichen, deren Meinung gefragt ist, sondern Privilegierte im Schuldmodus. Es ist sehr auffällig, dass „Weißsein“ zwar eine soziale Konstruktion ist, aber als natürliche, physische und psychisch unüberwindbare Tatsache erscheint. In einem Flugblatt der mittlerweile aufgelösten Gruppe „Reclaim Society“ heißt es darum auch folgerichtig: „It is impossible to stop being white – whites internalise (subtil) mechanisms of excercising white supremacy. Consequently whites cannot be antiracist, but only racism-critical.“ Die „Critical Whiteness“ kann sich nur als stalinistisches Geständnisregime realisieren, in der die Gegenmacht mittels Blockwarten die Einhaltung der Norm überwacht und deviantes Verhalten bestraft. So geschehen beim „No Border“ Camp in Köln 2012, das zwar auch von AnhängerInnen der Theorie kritisiert wurde und wie der Autor Kien Nghi Ha schreibt „nicht als Weiße Verleumdung abgetan werden kann“, aber statt die Schwächen der Theorie zu hinterfragen, werden die Übergriffe den extremistischen Elementen angelastet.

„Critical Whiteness“ ist, das sollte nicht überraschen, eine Rassentheorie, die Macht durch Gegenmacht und den Rassismus durch eine akademisch gespülten Gegenrassismus ersetzen will. Oder wie es bei Buckendahl heißt: „Das einfache Postulat, dass alle Menschen gleich sind, hilft hier nicht weiter.“ (Buckendahl 2012, S. 52) Ob ein Postulat von der Ungleichheit der Menschen stattdessen weiter hilft bleibt ungesagt. Gleichheit würde voraussetzen, dass „Weiß“ oder „Schwarz“ veränderliche Zustände sind, was in ihrer Beschreibung als „soziale Konstruktionen“ ja irgendwie enthalten sein sollte, aber genau das will „Critical Whiteness“ unbedingt als nicht möglich festschreiben. Das Problem dabei ist, dass es schon rein sprachlich unmöglich ist auf Abstraktionen zu verzichten und daher schon der Versuch eine allgemeine Abstraktion für das Partikulare zu denken als „weiß“ denunziert werden muss. Mit dem Attribut „weiß“ wird so ziemlich jedes Verhalten und jede Regung bezeichnet, die man kritisieren will. Es wäre den „Critical Whiteness“ TheoretikerInnen nun zu unterstellen, dass sie einen anderen Universalismus vorschlagen würden, aber interessanterweise spielt Spinoza und seine Idee, dass sich die Multitudo der Differenz der Abstraktion einer einzigen Ursache, Gott oder die Natur, unterordnen müsste, keine Rolle. Es gibt zwar einen Gegenrassismus, aber keinen Gegenuniversalismus. Die postmoderne Differenz ist unendlich selbstreplizierend, ohne auf eine übergeordnete Struktur angewiesen zu sein. Narrative können ihrer Form nach beurteilt werden, aber nicht von außen verstanden. Jede Idee über eine gemeinsame Sprache ist Illusion und dem Zugang zur Sprache die im Inneren gesprochen wird steht außerhalb ein kulturalistischer Blick im Weg, der ihm das Verständnis der partikularen Identität verwehrt. Verstehen im Sinne der „Critical Whiteness“ bedeutet also aufhören verstehen zu wollen, sondern sich stattdessen zu identifizieren, in der vollen Bedeutung des Wortes.

Wollrad: „Diese Kollektivierung der Geanderten bedeutet, dass Menschen of Color immer als Repräsentantinnen und Repräsentanten ihrer Gruppe wahrgenommen werden, Weiße hingegen nie.“ Offenbar ist „Critical Whiteness“ das Projekt, das dieses Verhältnis umkehren soll, denn so wie im rassistischen Blick die „Menschen of Color immer als Repräsentantinnen und Repräsentanten ihrer Gruppe wahrgenommen werden“, kehrt die „Critical Whiteness“ dieses Verhältnis um und macht alle, die sie als „Weiße“ konstruiert zu einer schicksalhaften Tätergemeinschaft. Es ist jetzt vielleicht besser verständlich, warum Wollrad so darauf beharrt das Wort „Rasse“ zu verwenden. Obwohl es sich ja ihrem Verständnis nach nur um eine „soziale Konstruktion“ handelt, stellt das Wort „Rasse“ jene Schicksalshaftigkeit und Unüberwindbarkeit zur Verfügung, die die „Critical Whiteness“ braucht um sich überhaupt als Theoriegebäude konstituieren zu können. Röggla fragt sich:

„Wie kann ich als Weiße Studentin über Weißsein schreiben? Alle Versuche die ich unternehme, mit meiner Arbeit niemanden zu übersehen, mir meiner Weißen Position bewusst zu sein, diese zu reflektieren können mir – mit gutem Grund – als Versuche der moralischen Selbstentlastung vorgeworfen werden. Ich kann noch so sehr versuchen mein Weißsein zu hinterfragen, versuchen mir meiner Privilegien bewusst zu sein und diese abzulegen oder zu teilen – all diese Versuche finden immer von einem privilegierten Standpunkt aus statt.“ (Röggla 2011, S. 27ff)

Worauf sie nicht kommt ist, dass es sich nicht um ein persönliches Defizit handelt, sondern um die Schwäche der Theorie selbst mit dieser Frage konstruktiv umzugehen. „Critical Whiteness“ ist als Theorie darauf ausgelegt genau diesen Aspekt als persönliche Schuld zu privatisieren. Es mag nicht falsch sein, aber es ist in erster Linie sinnlos sich so mit einem politischen Problem zu beschäftigen. Die Umkehrung der Machtpole löst das Problem der Macht und ihrer Anwendung nicht. Der Effekt ist, dass sich eine intelligente und gebildete Frau wie Röggla ständig klein macht und ausgerechnet durch ihr Fragen nach der Auflösung ihrer Privilegien in ein allzu bekanntes Muster zurück zieht, bei dem sie nichts anderes tut, als die Abstraktionsschwäche ihrer Disziplin als persönliche Unfähigkeit zu erleben. Was die Kritische Psychologie noch als Anleitung zur Handlungsfähigkeit verstand, wird in der „Kritischen Weißseinsforschung“ als totalitäres Unterwerfungsritual inszeniert. Obwohl die Theorien der „Critical Whiteness“ sich ständig auf Foucault beziehen und ihn überall zitieren, scheinen die meisten einen seiner wesentlichsten Gedanken niemals verstanden zu haben. In „Der Wille zum Wissen“ oder auch in „Überwachen und Strafen“ schreibt Foucault, dass sich die öffentliche politische Macht ihrer Herrschaft stets über das Geständnis versichere. Subjekte werden dadurch konstituiert, dass sie einer Autorität gegenüber stehen, der sie berichten müssen. Das kann eine Folterkammer sein, eine psychotherapeutische Sitzung, eine Gerichtsverhandlung, ein Job Interview oder ein Verhör bei der Polizei. Stets müssen die Subjekte sich durch das Geständnis als solche erkennbar machen und was ist Rögglas Frage sonst, wie sie als „weiße Studentin“ mit ihren Privilegien umgehen könne, als der Kniefall vor dem Großen Anderen, das Geständnis der eigenen Schuldhaftigkeit, die niemals vergeben werden kann? Die „Critical Whiteness“ erwartet von ihren „weißen“ AnhängerInnen Geständnisse wie sie Foucault als elementaren Reproduktionsdiskurs der Macht beschrieben hat und wie sie den Delinquenten der stalinistischen Terrorwellen abverlangt wurden. Das Bestreiten von Schuld ist Ausweis der Schuld selbst, durch das Gestehen der Sünden stimmt man seiner eigenen Unterwerfung unter die Subjektbeschreibung „Weiße/r“ zu. Dass den postkolonialen Foucault LeserInnen das niemals aufgefallen ist zeigt nur, dass zitieren und verstehen zwei verschiedene Dinge sind.

Pascal Bruckner hat bereits 1984 in seinem Buch „Das Schluchzen des weißen Mannes“ darauf hingewiesen, dass die antiimperialistischen Strömungen der Linken in ihrer politischen Rhetorik sich zutiefst auf ein christliches Schuldbewusstsein verlassen, aber wegen ihres Atheismus darauf verzichten müssten, was die christliche Religion als wesentlich für das Bekenntnis der Schuld sieht: Vergebung. Die kritischen „Weißen“ sind, so sehr sie sich auch bemühen dazu verdammt in der Diskurshölle für immer ihre Privilegien zu überprüfen, inklusive einem unterschriebenen Geständnis und einer öffentlichen Selbstkritik.

3.

Eine weitere Übereinkunft der „Critical Whiteness“ ist die Reduktion der Geschichte des Westens auf eine reine Unterdrücker und Kolonialhistorie. Diese Auffassung geht auf Edward Said zurück, der bereits bei Herodot und seinen Berichten von den Perserkriegen den Orientalismus am Werk sah. Wie wir bereits gesehen haben ist „Weißsein“ ein universales ahistorisches Prinzip, das als Herrensignikant stets darauf aus ist den „Anderen“ zu produzieren, weil es nur über die „Geanderten“ (Wollrad) sich selbst erblicken kann.

Eske Wollrad again: „Was Weißsein bedeutet, hängt davon ab, wie Schwarzsein als Gegenpol konzipiert ist. Weißsein steht in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Schwarzsein: Erst über die Fabrikation angeblicher „Schwarzer Wildheit“ kann sich der Mythos Weißer Zivilisation entfalten, erst die Erfindung der Geschichtslosigkeit des Trikonts ermöglicht die Konzipierung westlicher Narrative als Universalgeschichte. Weißsein existiert also nicht „an sich“, sondern konstituiert sich im Gegenüber zu und abhängig von Konstruktionen von Schwarzsein.“

Wie widersprüchlich diese Definition ist, lässt sich nur daran erkennen, dass Wollrad unausgesprochen die Geschichte der europäischen Zivilisation als eine Geschichte des „Mythos Weißer Zivilisation“ betrachtet. Das letztere ist kein Sonderfall des ersteren, sondern eine transhistorische Realität, die keinen anderen Sinn und Zweck hat, als die Abwertung der Schwarzen für sich selbst konstitutiv zu machen. Vor der Konstruktion von „Whiteness“, die sich als Abhängigkeitsverhältnis zu Schwarzsein gebildet hat, scheint es keine eigenständige europäische Zivilisation gegeben zu haben, sondern nur den „Mythos“ davon. Oder anders gesagt: aus der Kritik an reduktionistischer Geschichtsschreibung wird selbst eine reduktionistische Geschichtsschreibung und Ideologie, die ihr Feindbild mit bemerkenswerter Schlichtheit spiegelt, ohne ein einziges Mal jenes Ausmaß an Selbstreflexion zeigen zu wollen, dessen Abwesenheit sie an den „Weißen“ bemängelt. Bei Gabriele Dietze, einer deutschen Akademikerin findet sich diese Beschreibung: „Nach Foucault werden neue Diskurse durch Ausgrenzung hervorgebracht. (…) In seinen Schriften zur Mikrophysik der Macht fragt er, “durch welches Ausschließungssystem, durch wessen Ausmerzung, durch die Ziehung welcher Scheidelinie, durch welches Spiel der Negativität und Ausgrenzung kann eine Gesellschaft beginnen zu funktionieren?” Für die hier entfaltete Frage wäre darauf zu antworten, dass die Produktion des christlichen Abendlandes ein ‘orientalisches Anderes’ zunächst erfindet, um sich an ihm als okzidental überlegen zu konstruieren, und dann die nun markierten ‘Anderen’ ausgrenzt.“ (Dietze 2008, S. 13)

„Critical Whiteness“ ist neben vielem anderen auch eine Verschwörungstheorie. Warum das christliche Abendland sich ein ‘orientalisches Anderes’ erfinden soll, nachdem es seit dem Auftauchen des Islam im 7. Jahrhundert in Kriege, Eroberungen und kulturellen Austausch mit diesem stand und der Islam bis ins 17. Jahrhundert eine veritable kriegerische Bedrohung darstellte, ist schlicht Unkenntnis der historischen Fakten. Der Orientalismusbegriff Edward Saids ist von verschiedensten Seiten scharf kritisiert worden, vor allem die Arbeit von Daniel Varisco „Reading Orientalism“ ist hier zu nennen. (Siehe auch meine Besprechung von Ibn Warraqs „Defending the West“.) Das totale Desinteresse der arabisch-muslimischen Kultur an einem „Anderen“ außerhalb seiner selbst, wird in dieser Lesart zu einem Vorwurf, der auch die historischen Tatsachen umkehrt. Die muslimischen Eroberungen fanden zuerst statt und zwangen die Europäer dazu sich mit dem Feind zu beschäftigen, indem man seine Sprachen lernte und seine Kultur studierte. Bevor man sich ein ‘orientalisches Anderes’ erfinden kann, braucht man daher einen Begriffskorpus, mit dem sich die „Anderen“ methodologisch abstrahieren lassen. Man benötigt ganz kurz gesprochen einen Universalismus, der das Partikulare in die Abstraktion zu führen imstande ist. Es war das Christentum mit seiner impliziten Mehrsprachigkeit, das diesen Universalismus ermöglichte, und anders als der Islam von einem „Anderen“ ganz prinzipiell ausging. Es ist und bleibt nämlich nach wie vor sehr erstaunlich, dass die europäischen Invasionen des Nahen Ostens im Rahmen der Kreuzzüge, die für fast 200 Jahre ein christliches Königreich von Jerusalem etablierten keinerlei Bemühungen im islamischen Raum auslösten Europa und das Christentum für den Islam zum Gegenstand eines politischen oder wissenschaftlichen Interesses zu machen. Die Tatsache, dass es keinen „Okzidentalismus“ gibt, liegt nicht daran dass der „Orientalismus“ sich einen „Anderen“ konstruiert, sondern daran dass es im arabisch -muslimischen Raum niemals einen säkularen Wissenschaftsbegriff gab, der ermöglicht hätte einen „Anderen“ überhaupt als solchen wahrzunehmen.

Der Begriff des „Anderen“ verdient in diesem Zusammenhang noch eine weitere Betrachtung. „Othering“ gehört zu den durch Political Correctness Intervention geächteten Begriffen und ist mehr als eine „Microaggression“. Die Praxis sich einen „Anderen“ zu konstruieren wird aber deswegen konsequent abgelehnt, weil das Konzept des „Anderen“ bereits auf einen universellen Abstraktionszusammenhang hinweist. Um überhaupt einen Begriff des „Anderen“ zu haben, brauche ich ein kompliziertes Framework an nützlichen operativen Verknüpfungen, die das Spezielle und das Allgemeine meiner begrifflichen Abstraktionen organisieren. Besser gesagt: nur durch einen „Anderen“ gibt es Nähe und Distanz. Ohne das Konzept des „Anderen“ ist es gar nicht denkbar, Menschen überhaupt sinnvoll wahrzunehmen. Trotzdem meint die „Critical Whiteness“, dass es ausschließlich die „Whiteness“ sei, die „othering“ wie eine Waffe benutzt. Die „Geanderten“ können augenscheinlich nur solche werden, wenn sie zuvor rassistisch konstruiert wurden. Zwar ist der Rassismus eine bestimmte Dimension des „Othering“, aber viel grundlegender ist „Othering“ eine Bedingung menschlichen Sozialverhaltens, und das scheint der „Kritischen Weißseinsforschung“ völlig zu entgehen. Sie kritisiert sich stattdessen in ein weit schlimmeres Problem hinein. Es muss ein Framework geben, das erlaubt den „Anderen“ zu kategorisieren. Aber wenn man Kilombas These ernst nimmt, dass Rassismus sich ausschließlich als „white supremacy“ ausdrücken kann, heißt das auch, dass es außerhalb der „whiteness“ keine Konzeption des „Anderen“ gibt. Den „other racial groups“ fehlt also nicht nur die Macht, sie haben in diesem Sinne auch keine begrifflichen Kategorisierungsmodelle mit denen sich die „Weißen“ selbst als „Andere“ erfassen lassen. Ist das wirklich die Antwort, die „Critical Whiteness“ geben will? In einem postmodernen Kontext muss klar sein, dass Macht und Sprache ident sind. Macht bedeutet sprachlich konzeptualisieren zu können. Dazu passt auch diese Stelle bei Dieckmann: „Mit Bezugnahme auf Foucaults Diskurs-und Machtanalysen, Derridas Konzept der différance und Deleuzes Heterogenitätsbegriff werden hegemoniale westliche Wissensproduktionen und essentialistische Identitätskategorien in Frage gestellt…“ (Dieckmann 2011, S. 35) Die westlichen Wissensproduktionen lassen sich nur durch andere westliche Wissensproduktionen in Frage stellen, einen „Okzidentalismus“, der von „schwarzer“ oder „subalterner“ Seite dieses Projekt leisten könnte gibt es schlicht nicht.

Der Westen und seine Universitäten sind der einzige Ort, an denen sich eine Theorie wie „Critical Whiteness“ nachhaltig etablieren konnte. Der Westen konstruiert nicht nur den „Anderen“, seine Präferenz für einen aufklärerischen Universalismus ist auch die einzige intellektuelle Ressource die Konstruktion des „Anderen“ zu hinterfragen.  Darum finden sich Gender Studies, postkoloniale Theorie und „Critical Whiteness“ auch nur auf europäischen oder US-amerikanischen Campusumgebungen und nicht in Moskau oder Teheran. In einem außer europäischen Kontext, das scheint die „Kritische Weißseinsforschung“ tatsächlich sagen zu wollen, gibt es keinen „Anderen“, der sich als solcher operativ rationalisieren ließe.

Die feindselige Charakterisierung der „Whiteness“ als universalem Ausschluss Prinzip entspricht also einer Wahrheit, die die „Critical Whiteness“ nicht anerkennen will und gegen die sie verzweifelt ankämpft. Der westliche Universalismus und die europäische Aufklärung sind die einzig verlässlichen Konzeptualisierungen mit der eine Zukunft in einer globalisierten Welt überhaupt möglich ist. Die rassistische Gegenmacht ist allein schon deshalb zum Scheitern verurteilt, weil sie genau jene Elemente braucht, die sie angeblich kritisiert. Die alles beherrschende Bio-Macht der „Whiteness“ lässt sich darum auch nur als Verschwörung begreifen. Bei Buckendahl heißt es:

„Diskurse, also die Anhäufung von Wissen und dessen Anwendung, produzieren den Orient, stellen diesen her. Wobei dieses diskursive Produkt insbesondere aus Projektionen, Lügen und Mythen besteht und keiner exakten Wirklichkeit entspricht (vgl. 1981). Dieses diskursive Konstrukt der Aufklärung entstand durch einen Willen zur Ordnung, den Drang alles erklären zu können sowie dem Versuch Machtverhältnisse zu konsolidieren und zu stärken. Durch diesen „Erkenntnisfundamentalismus“ wurde im Laufe der Aufklärung eine Wissenschaft etabliert, die obendrein beanspruchte objektiv und universalistisch zu sein (vgl. Hoppe 2002: 26). Stuart Hall zeigt auf, dass dieser Epistemologiewahn der Aufklärung dazu geführt hat, dass sich die heutigen ‚Wissenschaften’ und Denkweisen auf Dichotomien, Kategorisierungen und Bewertungen stützen (vgl. 1994: 139 ff.). Er manifestiert, dass die Aufklärung aus Phantasien, dem klassischen Wissen aus Altertum und Mittelalter, religiösen Quellen, der Mythologie und aus zum Teil fiktiven Reiseberichten bestand. Dies diente der Einschreibung von einer (Welt)Ordnung, Sinnhaftigkeit und Struktur.“ (Buckendahl 2012, S.40)

Die postkolonialen Theorien können sich gar nicht vorstellen, dass ihr Feindbild zu etwas anderem fähig ist als zu „Projektionen, Lügen und Mythen“. Wer Wissenschaft ausschließlich als Narrativ betrachtet, sieht nur einen „Erkenntnisfundamentalismus“ und einen „Epistemologiewahn“, in dem der Anspruch objektiv und universalistisch zu sein das Problem darstellt und nicht wo er ihn verfehlt, was auch bedeuten würde zu sagen, dass der Universalismus etwas richtig gemacht hat und spätestens jetzt wird die Hermeneutik zu einem Pseudomaterialismus in der Tradition von Bucharin. Von einem hermeneutischem Blickwinkel aus betrachtet besteht jedes kulturelle Artefakt „aus Phantasien, (…), religiösen Quellen, der Mythologie und aus zum Teil fiktiven Reiseberichten“, weil schlicht jede Erzählung der „Einschreibung von (…) (Welt)Ordnung, Sinnhaftigkeit und Struktur“ dient. Was Aufklärung jedoch auch propagiert sind empirisch begründbare Vergleichsoperatoren, in der jedes Glied der Kette einem bestimmbaren abstrakten Begriff untergeordnet werden können muss. Dass die Produktion des Orients nur aus „Projektionen, Lügen und Mythen besteht“, die „keiner exakten Wirklichkeit entspricht“ ist nicht nur falsch, sondern sie verfehlt auch die politische Dimension der „Crititical Whiteness“ selbst, dass Realität nur ein Sprachspiel ist, das durch Hegemonie oder subversive Intervention gesteuert wird. Das Problem wurde bereits oben erwähnt: Man sieht Narrative, wo Realität ist und sieht nur dort Realität, wo man seine eigenen Narrative ins Feld führt. Obwohl also objektive Wahrheit als westliche Anmaßung bezweifelt wird, kommt sie dort ins Spiel zurück, wo sie politisch nützlich ist. Der Vorwurf der Lüge sagt ja, dass es eine objektive Wahrheit geben muss, die empirisch nachvollziehbar sein sollte. Die Ablehnung des aufklärerischen Universalismus ist also nur ein Zirkelschluss, auf den die Theorie hinein fällt, weil sie die Dekonstruktion durch das Differenz Paradigma nicht auf sich selbst anwenden will. Eine kritische Perspektive würde danach fragen, wobei der aufklärerische Universalismus erfolgreich war und welche unhintergehbaren Paradigmen er geschaffen hat, in denen zwar auch „Erkenntnisfundamentalismus“ und „Epistemologiewahn“ möglich sind, aber auch Universitäten in denen neben Teilchenphysik, Evolutionsbiologie und Soziologie auch „Critical Whiteness“ Forschung mit gut dotierten Lehrstühlen betrieben wird. Der Marsch durch die Institutionen ist zumindest gelungen. Ob man sich an die Theorien der „Critical Whiteness“ noch erinnern wird, wenn ebenjener Lange Marsch vollendet ist, wird ein weiterer unbedeutender Eintrag in der großen Beliebigkeit der Narrative sein.

Verwendete Literatur:

Dietze 2008: https://www.uni-klu.ac.at/gender/downloads/Vorlesung7.kla7.CritWhit.pdf

Röggla 2011: http://othes.univie.ac.at/14962/1/2011-05-24_0101864.pdf

Buckendahl 2012: http://www.ehrenamtsbibliothek.de/literatur/pdf_456.pdf#page=1&zoom=auto,-274,658

Dieckmann 2011: http://othes.univie.ac.at/14965/1/2011-05-31_0407640.pdf

Bendix: https://www.iz3w.org/zeitschrift/ausgaben/293_sicherheitspolitik/rez

Wollrad: http://streit-wert.boellblog.org/2011/10/05/eske-wollrad/

http://www.conne-island.de/whenworst/01.html

 

Kategorien:Culture and War
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