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Nachtrag 2: Bob Dylans Nobel Price Speech

“Glory is like a circle in the water, 
 Which never ceaseth to enlarge itself 
 Till by broad spreading it disperse to nought.”
Ein Zirkel nur im Wasser ist der Ruhm,
der niemals aufhört, selbst sich zu erweitern,
Bis die Verbreitung ihn in nichts zerstreut.”

William Shakespeare, Henry VI

(Übersetzung von August Wilhelm Schlegel)

 

Die am 10. Dezember gehaltene Zeremonie zu Verleihung des Literatur Nobelpreises 2016 fand zu unser aller Bedauern leider ohne Dylan selbst statt, aber in seiner grenzenlosen Weisheit schickte er Patti Smith als seine Emissärin, die eine wundervolle Interpretation von „A Hard Rain’s A Gonna Fall“ auf die Bühne zauberte. Es sei an dieser Stelle erinnert, dass Patti Smith wohl zu den wenigen Singer/Songwritern gehört, die man gemeinsam mit Bob Dylan in einem Atemzug nennen muss. In einem anderen Universum existiert eine Erde, in der Patti Smith den Nobelpreis bekommt und statt ihrer selbst Bob Dylan nach Stockholm schickt, dessen bin ich mir sicher. Wir verbeugen uns daher in aller Ehrfurcht und mit Tränen in den Augen vor dieser großen Künstlerin, die einem anderen großen Künstler die Ehre erweist.

 

 

Die amerikanische Botschafterin in Schweden, Azita Raji, las im Rahmen der Zeremonie eine von Dylan verfasste Dankesrede vor, die ich hier der Einfachheit halber ins Deutsche übersetzt habe. Das Original findet sich hier, wie es auf der Website der Schwedischen Akademie veröffentlicht wurde. Dylan sagt also das:

 

Guten Abend allerseits!

Ich möchte meine freundlichsten Grüße an die Mitglieder der Schwedischen Akademie übermitteln, sowie an alle anderen erlauchten Gäste dieser Zeremonie.

Es tut mir leid, dass ich nicht persönlich bei ihnen sein kann, aber bitte seien sie versichert, dass ich im Geiste bei ihnen bin und nur schwer ausdrücken kann sehr ich mich geehrt fühle diesen renommierten Preis zu empfangen. Den Nobelpreis für Literatur zu erhalten ist etwas, das ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt hätte.

Seit meiner Kindheit bin ich vertraut mit den Werken jener, die man einer solchen Würde für wert befunden hat und las begeistert die Bücher von Kipling,  Shaw, Thomas Mann, Pearl Buck, Albert Camus, Hemingway. Diese Giganten deren Literatur in den Klassenzimmern unterrichtet, den Bibliotheken auf der ganzen Welt gesammelt und über die in ehrfurchtsvollem Ton gesprochen wird, haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Dass ich nun auf derselben Liste wie sie stehe raubt mir die Worte.

Ich weiß nicht ob diese Männer und Frauen sich jemals selbst bei der Verleihung des Nobelpreises bei diesem Gedanken ertappt haben, aber ich glaube, dass jeder, der ein Buch schreibt, ein Gedicht oder ein Theaterstück diesen geheimen niemals laut ausgesprochenen Traum tief in sich trägt, so tief begraben, dass es den meisten vermutlich nicht einmal bewusst ist.

Wenn mir jemand erzählt hätte, dass ich auch nur die leiseste Chance hätte den Nobelpreis zu gewinnen, müsste ich daran denken, dass es mir genauso wahrscheinlich vorgekommen wäre auf dem Mond zu stehen. Dazu kommt die bemerkenswerte Tatsache, dass ich in einem Jahr geboren wurde, indem wie in den kommenden Jahren danach niemand auf der ganzen Welt für gut genug empfunden wurde, den Nobelpreis zu erhalten. Darum denke ich das Mindeste, was ich dazu sagen kann ist, dass ich mich wohl in sehr illustrer Gesellschaft aufhalte.

Ich war gerade unterwegs, als ich die überraschende Nachricht bekam und es brauchte mehr als ein paar Minuten diese Entscheidung in ihrer ganzen Tragweite zur Kenntnis zu nehmen. Ich begann über William Shakespeare nachzudenken, diese überragende literarische Gestalt. Ich würde vermuten, dass er sich selbst vor allem als Dramatiker betrachtete. Der Gedanke, dass er Literatur verfassen würde, dürfte ihm kaum jemals gekommen sein. Seine Worte wurden für die Bühne geschrieben. Sie sollten gesprochen werden, nicht still für sich gelesen. Als er Hamlet schrieb, bin ich mir sicher dachte er an ganz andere Dinge. „Wer sind die richtigen Schauspieler für diese Rollen?“ „Wie soll es inszeniert werden?“ „Möchte ich wirklich, dass es in Dänemark spielt?“

Seine schöpferischen Visionen und sein Ehrgeiz waren ohne Zweifel mit diesen Fragen beschäftigt, aber es gab auch ganz andere, praktische Dinge zu bedenken und zu organisieren. „Kann ich es finanzieren?“ „Gibt es genug Sitze für meine Gönner?“ „Wo bekomm ich einen menschlichen Schädel her?“ Ich wette jedoch, dass Shakespeares Geist am allerwenigsten mit der Frage beschäftigt war: „Ist das Literatur?“

Als ich als Teenager begann Songs zu schreiben, und auch später noch, als ich bekannter wurde, gingen meine Ansprüche was diese Songs betrifft nicht sehr weit. Ich dachte man würde sie vielleicht in Kaffeehäusern oder Bars hören und später vielleicht an Orten wie der Carnegie Hall oder dem Londoner Palladium. Meine kühnsten Träume drehten sich darum, vielleicht einmal eine Platte zu machen und mit zu erleben wie meine Songs im Radio gespielt werden. Das war für mich der größte Erfolg, den ich mir vorzustellen wagte. Platten zu machen und die eigenen Songs im Radio zu hören bedeutet ein großes Publikum zu haben, und dass ich vielleicht wirklich genau das für den Rest meines Lebens würde tun können. Nun, ich habe das tatsächlich getan, seit einer sehr langen Zeit schon. Ich habe dutzende Platten veröffentlicht und tausende Konzerte auf der ganzen Welt gespielt. Aber es sind vor allem und zu allererst meine Songs, die im Mittelpunkt meines Werkes stehen. Sie scheinen einen Platz im Leben von so vielen Menschen über so viele Kulturen hinweg gefunden zu haben, dass ich nicht anders als dankbar dafür sein kann.

Aber ich muss dazu noch etwas sagen: Als Bühnenkünstler bin ich vor 50000 und vor 50 Leuten aufgetreten und ich kann ihnen aus eigener Erfahrung versichern, dass es schwieriger ist vor 50 Leuten zu spielen. 50000 Menschen sind eine einzige Person, aber das nicht so bei 50. Jede Person hat eine eigene, erkennbare Identität, die eine ganze Welt für sich darstellt. Sie können wesentliche Details viel besser beurteilen und sehen viel klarer. Die eigene Ehrlichkeit und wie sie mit den Tiefen des vorhandenen Talents in Beziehung steht wird vor so einem Publikum auf die Probe gestellt. Die Tatsache, dass das Komitee des Nobelpreises nur aus wenigen Menschen besteht ist mir darum keineswegs verborgen geblieben.

Aber wie Shakespeare bin ich zu oft damit beschäftigt meinen eigenen kreativen Impulsen zu folgen und auch die ganz praktischen Aspekte des täglichen Lebens zu meistern. „Wer sind die besten Musiker für diesen Song?“ „Habe ich das richtige Studio ausgesucht?“ „Hat dieser Song die richtige Tonart?“ Manche Dinge ändern sich nie, auch nicht in 400 Jahren.

Nicht einmal während meiner ganzen Karriere habe ich mich jedoch gefragt: „Sind meine Songs Literatur?“.

Darum danke ich der Schwedischen Akademie sich dieser Frage so intensiv gewidmet und schließlich eine solch wundervolle Antwort gefunden zu haben.

Meine besten Wünsche an sie alle, Bob Dylan

(© The Nobel Foundation 2016)

Ich hatte gehofft, dass Dylan bei seiner Dankesrede etwas über seinen Zugang zu Literatur verraten würde und wenn auch auf Umwegen hat er das mit dieser Rede getan. So kurz und locker im Tonfall sie auch sein mag, sie enthält einige sehr interessante Blitzlichter. Die Namen, die er nennt, und in deren Ahnenreihe er sich jetzt stellen kann sind interessant in ihrer Unterschiedlichkeit. Die englischen Klassiker Kipling und Shaw, der „bigger than life“ Schriftsteller Hemingway , der für die Bohèmien Szenen der 60er Jahre so wichtige Existentialist Camus, der wortgewaltige Thomas Mann und schließlich Pearl S. Buck, Preisträgerin des Jahres 1938, die mit ihrem Buch „Die gute Erde“ offenbar nicht nur mir eine wundervolle Leseerfahrung geschenkt hat.

Und dann ist da auf einmal der Bezug zu Shakespeare, mit dem er sich zwar nicht vergleicht, aber in dem er offenbar einen wesensverwandten Künstler sieht. Shakespeare so betont er, habe genau wie er selbst niemals darüber nach gedacht, ob das Literatur sei, sondern hätte ganz praktische Probleme bewältigen müssen. Kunst so will uns Dylan sagen ist in erster Linie Arbeit und Disziplin. Oder wie Musil einmal geschrieben hat, dass Genie eine Frage der Beharrlichkeit sei. Er verwendet dafür den Begriff „mundane“ („all aspects of life’s mundane matters“), der weltlich, alltäglich, profan und auf jeden Fall das Gegenteil von heilig und sakral bedeutet, aber in seinem Wortstamm bereits die Welt beinhaltet. Dass das Leben einer einzelnen Person eine ganze Welt für sich ist erwähnt er an einer anderen Stelle nicht ganz zufällig. Dylan ist ein religiöser Mensch. In seiner Art und Weise die Dinge zu sehen ist sicher eine protestantische Arbeitsethik erkennbar, aber seine Auffassung von Kunst geht weit darüber hinaus. Das Sakrale der Kunst kann nicht vom profanen Charakter der Arbeit an ihr und mit ihr getrennt werden. Diese Unschärfe erfordert weniger Abstraktion („Ist das Literatur?“), sondern in jedem Fall die Hingabe an die Arbeit des Schöpferischen.

Und eben auch die Tatsache, dass Dylan nicht nur schreibt, sondern auch performt, aufführt, spielt. Genau wie Shakespeare stellt er sich Problemen von Inszenierung und Präsentation, oder besser: der Form. Kunst ist in erster Linie eine Frage des Wie, und dann erst des Was. Was Dylan macht ist auch Literatur, geht aber noch darüber hinaus in den Komplex dessen was Kunst überhaupt bedeutet. Niemals, während seiner ganzen Karriere, habe er sich die Frage gestellt, ob seine Songs Literatur seien. Er richtet diesen Satz an die Akademie, deren Entscheidung er damit sehr intelligent unterstützt. Aber er wendet er sich damit auch an jene, die sich der mühsamen Debatte angeschlossen haben, ob Dylans Songs eigentlich als Literatur betrachtet werden können. Diese Frage richtet er ihnen aus, ist irrelevant. Literatur besteht darin sie zu machen und sie aufzuführen, in  eine sinnliche Erfahrung um zu gestalten, deren Wesen nicht ist, sondern geschieht. Diese Erfahrung muss von jeder einzelnen Person zu dem gemacht werden, was ihre Welt ist, aber eben als Bewegung und Reise gedacht. Literatur ist und steht nicht, sie passiert. Der Künstler Dylan weiß diese Wertschätzung durch jeden einzelnen Zuhörer und jeder einzelnen Zuhörerin zu schätzen. Seine Einschätzung, dass es sich vor 50000 Menschen leichter spielen würde, als vor 50 ist keine leichtfertige Behauptung. Anders als viele glauben, ist ihm sehr bewusst, dass die hohe Wertschätzung für sein Werk auch das Ergebnis intellektueller Debatten ist, in der die einzelnen mit aller Schärfe ihres individuellen Verstandes seine Stärke als Künstler heraus fordern. „The fact that the Nobel committee is so small is not lost on me.”

Eleganter und präziser habe ich das noch nie gehört. Die selbstbewusste Demut Dylans wurde mit diesem Preis auf die Probe gestellt, und er hat sie souverän gemeistert. Wir verbeugen uns.

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Kategorien:Allgemein
  1. Dezember 14, 2016 um 22:09

    „Wir verbeugen uns daher in aller Ehrfurcht und mit Tränen in den Augen vor dieser großen Künstlerin, die einem anderen großen Künstler die Ehre erweist.“

    Tränen hatte auch ich in den Augen als ich Patti Smith und „A Hard Rain’s A Gonna Fall“ hörte. Patti Smith habe ich zweimal live erlebt, einmal in Salzburg und einmal in München. War jedes Mal ein wunderbares Erlebnis.

    Schönen Dank für den „Nachtrag2“ zu Dylan.

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