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Nachtrag: Dylan in Concert

Nachdem sich Dylan also endlich beim Literaturnobelpreis Komitee gemeldet und seinen Wunsch geäußert hat, den Preis persönlich entgegen zu nehmen, scheinen sich die Wogen geglättet zu haben. Dylans Schweigen war wie er sagt, Ausdruck seiner eigenen Überraschung und nicht wie manche angenommen haben Zeichen für eine Geringschätzung oder Ablehnung des Nobelpreises. Ich bin neugierig, ob er in Stockholm die Gelegenheit nutzen wird, ausführlicher über seine Vorstellungen von Literatur zu sprechen.

Dies ist ein willkommener Anlass Höhepunkte aus einigen Konzerten die Dylan in den letzten Jahrzehnten auf aller Welt gegeben hat und wie sie von Besuchern mitgeschnitten und veröffentlicht wurden den interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern zur Kenntnis zu bringen. Die offizielle Website Dylans bietet nicht nur die Lyrics und Hörbeispiele an, sondern stellt auch sämtliche Setlists aller Konzerte zur Verfügung, die Dylan seit 1960 (!) gespielt hat. Dazu bietet die Plattform auch eine genaue Zählung, wann er welchen Titel zum erstem bzw. zum letzten Mal auf einer Konzertbühne aufgeführt hat. Wie ich bereits im vorherigen Beitrag geschrieben habe sind die Neuinterpretationen seines eigenen Werks jene Momente, in denen sich der Künstler Bob Dylan wohl am aller nächsten ist. Die folgenden 15 Beispiele sind willkürlich gewählte Aufnahmen, wie sie mir in den letzten Monaten zufällig unter gekommen sind. Die Soundqualität ist nicht immer die Beste, aber es ist trotzdem erstaunlich, was Smartphones und Digitalkameras im letzten Jahrzehnt zustande gebracht haben.

Bei seinem Aufritt auf der Burg Clam im Jahre 2014 schließt er wie ein Jahr später in Wiesen mit „Blowing in the wind“ ab. Man beachte die wundervolle Melodieführung mit elektrischer Violine und sein Pianospiel, das der alten Bürgerrechtshymne ein völliges neues Gewand gibt.

 

 

2004 in St. Louis spielte Dylan diese außergewöhnliche Fassung von “Love Minus Zero/No Limit”. Christopher Ricks, einer der bedeutendsten englischen Literaturwissenschaftler überhaupt, hat sich hier und hier mit diesem Song auch während eines Interviews beschäftigt, das anlässlich des Erstausgabe seines Buches „Dylans Vision of Sin“ entstanden ist.

 

 

“Visions of Johanna” hat über die Jahre hinweg viele Interpretationen erfahren. Diese hier, gespielt 2000 im englischen Portsmouth ist zweifelsohne ein Höhepunkt. Obwohl man zu diesem Titel noch viel mehr sagen müsste, ist für Dylanologen vielleicht interessant, dass er in den Text am Ende einen Satz hinzufügt, den ich noch bei keiner anderen Version gehört habe. „Words…And nothing is said.“ Die komplexe sprachliche Bearbeitung, die er mit den Worten „How can I explain, it’s so hard to get on!“ an die verlorene Liebe richtet, wird mit dieser lakonischen Bemerkung dadurch nochmals unterstrichen.

 

 

Einen Song, den Dylan selbst lange Jahre liegen gelassen hat ist „Blind Willie McTell“. Unsicherheit darüber ob er dem Geist des legendären Bluesmusikers damit auch gerecht wird, führte zunächst dazu, dass „Blind Willie McTell“ nicht auf „Infidels“ 1984 erschien und erst auf den Bootleg Series 1-3 1991 veröffentlicht wurde. Erst ab 1997 wurde „Blind Willie McTell“ in Dylans Konzert Repertoire aufgenommen. Hier ist sie in Manchester 2002 zu sehen und zu hören.

 

 

Von “Modern Times” (2006) stammt der denkwürdige Song “Working Man Blues #2”, hier live in Birmingham, 2007 zu sehen. „Working Man Blues #2“ ist ein poetischer sozialer Kommentar („The buying power of the proletariat is gone, Money’s gettin‘ shallow and weak…”), der an den “Workin Man Blues” der Country Legende Merle Haggard anknüpft.

 

 

„Slow Train“ vom Album „Slow Train Coming“ hat Dylan unter anderem mit den Grateful Dead  auf einer bemerkenswerten Tour gespielt. Hier ist eine der aufregendsten Versionen zu hören, bei einem Konzert 1987 in Rotterdam, das die ganze seelische Qual und Verzweifelung des Erzählers mit einem stampfenden Groove kombiniert.

 

 

Die christliche Phase Dylans wird heutzutage (auch von ihm selbst) eher verschwiegen und ignoriert. Dabei hatte sie einige außergewöhnliche Momente. Das spezifisch christliche „In the Garden“ vom Album „Saved“, das die letzten Tage von Jesus behandelt, wurde in den 80ern sehr häufig aufgeführt, heute ist es praktisch vergessen. Zu Unrecht, wie ich meine.

 

 

Mit “Things have changed” hat Dylan 2000 einen Oscar für den Besten Song (für den Film “The Wonder Boys”) gewonnen. Üblicherweise beginnt er damit seit einiger Zeit jedes Konzert, wie auch hier in Manchester 2002.

 

 

In Stockholm 2007 überraschte Dylan sein Publikum mit einer wundervollen Performance von „Girl from the North Country“, einem Klassiker aus seinem Folkrepertoire, das durch die charmante Jazz Behandlung nicht wieder zu erkennen ist.

 

 

„Ain’t Talkin“ vom Album „Modern Times“ ist einer dieser Dylan Songs, die man beim ersten Mal vielleicht überhört, aber der sich mit ungeheurer Kraft entwickelt, wenn Dylan eine musikalische Form findet, die seiner Stimmung und Intensität gerecht wird, so wie hier in New York 2006.

 

 

Und weil wir gerade bei Klassikern sind: „Don’t think twice it’s allright“, gespielt bei einem Konzert in Cardiff 2002 gehört zu den wirklich populären Titeln Dylans. Das Publikum ist jedenfalls begeistert.

 

 

Ein weiterer Klassiker ist “It‘s allright, Ma“, das hier in einer Aufnahme aus dem Madison Sqaure Garden 2002 zu hören ist.

 

 

 

Natürlich darf in dieser Sammlung “Shelter from the storm” nicht fehlen. In dieser undatierten Aufnahme, vermutlich Mitte der 90er Jahre, dominieren die Gitarren, die Dylans Stimme wunderbar konterkarieren.

 

 

„Simple Twist of Fate“ spielt Dylan in den letzten Jahren wieder häufiger.  Diese Aufnahme wurde in Oslo 2013 gemacht und ihre Mischung aus Traurigkeit und Leichtigkeit ist von bezaubernder Schönheit.

 

 

„Stay With Me“ ist ein Frank Sinatra Klassiker, geschrieben von Jerome Moross and Carolyn Leigh, den Dylan für „Shadows in the Night“ 2015 aufgenommen hat und mit dem er ein Konzert in New York City November 2014 beendet. Man sieht, dass ihm der Applaus keineswegs egal ist.

 

 

Enjoy and keep listening.

Kategorien:Allgemein
  1. November 1, 2016 um 20:24

    Danke für die Links. Sehr feine „Tour“.

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