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Francis Fukuyama, die Zukunft der Geschichte und das Ende der Linken

„We live in a political world
Under the microscope
You can travel anywhere and hang yourself there
You always got more than enough rope. “

Bob Dylan, Political World

 

„We got a thousand points of light
For the homeless man
We got a kinder, gentler,
Machine gun hand
We got department stores
and toilet paper
Got styrofoam boxes
for the ozone layer
Got a man of the people,
says keep hope alive
Got fuel to burn,
got roads to drive.

Keep on rockin‘ in the free world,
Keep on rockin‘ in the free world
Keep on rockin‘ in the free world,
Keep on rockin‘ in the free world. “

Neil Young, Rockin‘ in the Free World

 

Im September 1989 veröffentlichte Bob Dylan sein Album Oh Mercy, einen Monat später folgte Neil Young mit dem Release von Freedom. Mehr als ein Vierteljahrhundert später sind beide Alben machtvolle Demonstrationen zweier Künstler, die einer damals gerade noch nicht sichtbaren Befindlichkeit einen visionären Ausdruck verliehen, der das kommende Jahrzehnt schärfer und hellsichtiger charakterisieren sollte, als es irgendjemand sonst hätte tun können. Dylan, seiner Zeit wie immer weit voraus, brachte es in Political World, dem Eröffnungstrack von Oh Mercy, auf den Punkt: Wir leben in einer politischen Welt, aber was sie ausmacht, was noch von Bedeutung ist und wo wir dabei stehen, wissen wir nicht. Politische Aktivität ist weder sinnlos, noch überflüssig, aber sie kann sich weder auf die großen Erzählungen berufen, noch ist sie sich sicher wem sie tatsächlich nützen soll. Im Video von Political World (damals war dies noch eine relativ neue Form) erscheint Dylan als Sänger, der eine Partyorgie musikalisch begleitet, in der reiche und mächtige Gäste, Politiker, Generäle, Geschäftsleute, hemmungslos ihren Begierden freien Lauf lassen. Der Künstler, der die Notwendigkeit politischer Kunst beschwört ist selbst nur ein Clown, der für die tatsächliche Elite die Staffage abgibt. Was war Kunst in der politischen Welt anderes, als die Ideologie mit der ihre Kritik als Konsum verdrängt werden konnte? Dylans pessimistische Grundhaltung und sein Misstrauen gegen den Zeitgeist hatten ihn recht beraten: Statt aus dem Gefühl der Unsicherheit in die Sicherheit einer Antwort zu flüchten, gab er dem Gefühl eine Form, in der es sich misstrauisch nach allen Seiten blickend darauf beschränkte deutlich zu machen, dass es keine (einfachen) Antworten mehr geben würde.

„We live in a political world
In the cities of lonesome fear
Little by little you turn in the middle
But you’re never sure why you’re here.”

Die in Political World geäußerte Unsicherheit, wie das Neue zu benennen war, drückte jenes Misstrauen Dylans gegen Utopien und ihre Apologeten aus, das ihn schon 1965 dazu veranlasst hatte, der Folkszene den Rücken zu kehren. Deutlicher als jedem anderen war Dylan bewusst, dass 1989 die große Unübersichtlichkeit angebrochen war.

Im Gegensatz zu Dylan wollte sich Neil Young keineswegs mit dem Ende der Utopien abfinden. Seine trotzige Hymne gegen die postmoderne Verzweiflung, Rockin‘ in the Free World, sah deutlich, dass es gerade in der großen Unübersichtlichkeit Leute wie ihn brauchte, die dagegen ansangen. Mochte man auch ein Clown sein, der den Mächtigen zur Belustigung diente, es gab immer noch Obdachlose, Hungernde und Kinder, die niemals geliebt werden würden. Der Rockstar Neil Young wollte nicht aufgeben zu glauben, dass auch eine „free world“ Dissens und Widerspruch braucht. Youngs Blick richtete sich darauf, die Notwendigkeiten der neuen Zeit mit den essentiellen Mitteln der Vergangenheit zu begegnen. Es waren nicht die Utopien, die ihn interessierten, sondern die Zwänge der gegenwärtigen Verfasstheit dieser Gesellschaft.

Obwohl Dylan klarer als Young gesehen hatte, was die neue Zeit bringen würde, erscheint der trotzige Widerstand der kanadischen Rockikone als die – kulturell und moralisch betrachtet – bessere Antwort. Aber auf einer ästhetischen Ebene gibt es keinen Grund eine der beiden Varianten zu bevorzugen und die misstrauische Ambivalenz Dylans gegen die performative Kraft Youngs auszuspielen. Sie sind beide notwendig, soll Kultur nicht affirmative Verschönerungstechnologie sein.

Im Sommer 1989 erschien im Magazin „The National Interest“ der Aufsatz The End of History? des amerikanischen Politologen Francis Fukuyama. Der Autor, ein Schüler des konservativen Philosophen Allan Bloom, der seinerseits wiederum zu den bekanntesten Schülern von Leo Strauss zählte, gehört wohl (auch dank dieser Traditionslinie) zu den politisch einflussreichsten Intellektuellen der Gegenwart. Das 1992 publizierte Buch The End of History and the Last Man (ganz ohne Fragezeichen) machte ihn weltbekannt und sorgte vor allem in Europa für Polemik, Kopfzerbrechen und emotionale Abwehrreaktionen. Linke Rezensionen waren zu dieser Zeit damit beschäftigt, Argumente zu finden, warum der Kapitalismus nur scheinbar vollständig gesiegt hatte und viele Marxisten waren außerordentlich wütend, dass Fukuyama das Ende der sowjetischen Etappe mit Argumenten marxistischer Hegellektüre begründet hatte. Deutsche Philosophen machten sich lustig über Fukuyamas „liberale Eschatologie“ und waren vor allem verärgert, dass ein amerikanischer Kollege es wagte Hegel aus einer amerikanischen Sicht zu interpretieren. Im deutschsprachigen Raum waren sich die meisten Kommentatoren zudem sicher, dass Fukuyama billige Propaganda für das amerikanische Demokratiemodell betreiben wollte und nahmen vorsorglich schon die Verteidigungshaltung für den europäischen Wohlfahrtsstaat ein, bevor sie das Buch gelesen hatten. Sogar der große Jacques Derrida sah sich genötigt Fukuyama jede philosophische Relevanz abzusprechen, als er in Marx Gespenster (1996) darauf hinwies, dass bereits in den 50er Jahren das „Ende der Geschichte“ sein „tägliches Brot“ gewesen wäre.

Fukuyama wurde nicht ganz zu Unrecht als neoliberaler Vordenker betrachtet, obwohl der Term „neoliberal“ Anfang der 90er Jahre noch kaum gebräuchlich war. Es soll seine Expertise gewesen sein, die das amerikanische State Departement dazu bewog die Taliban in Afghanistan gegen die sowjetische Besatzung zu unterstützen. Anders jedoch als die später so verhassten „Neocons“, also Strauss Schüler wie Irving Kristol, William Galston oder Stanley Rosen, war Fukuyama tatsächlich ein Liberaler, der den politischen Bündnissen der Bushadministration mit der religiösen Rechten nichts abgewinnen konnte und der die Begleitumstände des Irakkriegs 2003 äußerst kritisch kommentierte.

Um Fukuyamas Begriff vom „Ende der Geschichte“ besser zu verstehen und was er genau bedeutet, muss man etwa 200 Jahre in der Geistesgeschichte zurück gehen. 1806 besiegten die Truppen Napoleons bei Jena die preußische Armee und brachten weite Teile Deutschlands unter die Kontrolle des Code Civile. Für den damals 36 jährigen Hegel, einem begeisterten Anhänger der Französischen Revolution und der bürgerlichen Emanzipation von Joch feudaler Kleinstaaterei war das „Ende der Geschichte“ angebrochen, als er den „Weltgeist zu Pferde“, er meinte Napoleon, gesehen hatte. Deutschland sollte sich endlich zu einem demokratischen Gemeinwesen entwickeln, der preußische Staat zur Verkörperung des Weltgeistes werden. In der „Phänomenologie des Geistes“, erstmals 1807 erschienen, legt Hegel ein philosophisches Programm vor, das diesem Begriff eine vollständig ausgebarbeitete Form gab. In diesem komplexen und vielschichtigen Werk entwickelt Hegel (unter vielen anderen) die Idee, dass die Geschichte eine innere Logik hat. Sie ist eine durch abstrakte Vernunft schrittweise fortschreitende Struktur, in der der Weltgeist als positive Kraft zu sich kommt und sich durch Widersprüche als „List der Vernunft“ realisiert. Geschichte, Religion, Politik, Alltagsleben, Sexualität, Verkehrsformen und soziale Interaktion, schlicht jeder Ausdruck menschlichen Daseins ist eine Bewegung des Geistes zum absoluten Wissen, das sich politisch in einem vollständig von Wissenschaft, Ästhetik und Humanität dominierten Gemeinwesen erfüllt. Das Ende der Geschichte ist das Ende der Kämpfe um dieses Gemeinwesen, das nach seiner Etablierung nur noch die Geschicke der Menschen zu verwalten hat.

Etwas mehr als ein halbes Jahrhundert später sollte Karl Marx ebenfalls vom Ende der Geschichte reden, allerdings als messianisches Versprechen (wie Derrida in Anspielung auf Benjamin es interpretiert hat), wenn die Überwindung kapitalistischer Verhältnisse in die kommunistische Gesellschaft führen würde. Das Ende der Geschichte verstanden Hegel und Marx als jenen Zustand, in dem die Gesellschaft in ihrer Existenz nicht mehr von unlösbaren Konflikten und Widersprüchen bedroht sein sollte, obwohl beide unterschiedliche Konflikte im Auge hatten. Hegels großer Widerspruch war die feudale Usurpation bürgerlicher Freiheit, während Marx an seinem Platz in der großen Londoner Bibliothek im Herzen einer voll entwickelten bürgerlichen Welt die Kämpfe der Arbeiterklasse in Europa und dem Rest der Welt als größte Herausforderung kapitalistischer Ausbeutung herbei schrieb. Marx Ende der Geschichte war eine Revolution, die das Zeitalter der Klassenkämpfe beenden und stattdessen das Zeitalter der Humanität einer klassenlosen Gesellschaft in kommunistischer Produktionsweise einläuten sollte. Zumindest ist das die Version der meisten Marxisten.

Fukuyama stellt sich in seinem Text von 1989 nun ganz auf die Seite Hegels und gegen Marx, in dem er der Hegelinterpretation des französisch-russischen Philosophen Alexandre Kojéve folgt, für den das Ende der Geschichte bereits stattgefunden hat und der es sich als Beamter der Europäischen Union darin nur noch gemütlich einrichten musste. Es ist eben jenes Ende, das Hegel auf das Jahr 1806 mit dem Sieg Napoleons bei Jena datiert. Fukuyama interpretiert den Zusammenbruch des Sozialismus 1989, (interessanterweise greift er mit seinem im Sommer veröffentlichten Text den tatsächlichen Ereignissen im Herbst und Winter desselben Jahres vor) nicht als für sich stehendes Ereignis, sondern als Vollendung des 1806 begonnenen Prozesses. Das Ende der Geschichte ist der Sieg der Verbindung des modernen demokratischen Rechtsstaats mit der kapitalistischen Marktwirtschaft gegen die totalitären Bedrohungen des Nazifaschismus und der stalinistischen Sowjetunion. Die bürgerliche Demokratie mit ihrer institutionell verankerten Form der Gewaltentrennung, mit ihrem System der Presse und Meinungsfreiheit, mit ihrem Korpus der Menschenrechte und ihrer subjektorientierten Rechtsphilosophie, sie ist der unhintergehbare Horizont der (politischen) Geschichte. Jede nachfolgende Generation, jedes nachfolgende Jahrhundert wird nur noch innerhalb dieses Modells seiner Arbeit nachgehen, geprägt von „economic calculation, the endless solving of technical problems, environmental concerns, and the satisfaction of sophisticated consumer demands“, wie Fukuyama schreibt. Der Sieg des westlichen Modells kapitalistischer Marktwirtschaft und seiner demokratischen Institutionen ist irreversibel und global. Ob das auch heißt, dass Gesellschaften darum keine sie bedrohenden Konflikte mehr in sich tragen, ist eine völlige andere Frage. Marx hatte ja gehofft, dass die kapitalistische Produktionsweise den Glutkern ihrer eigenen Zerstörung aus sich selbst hervor bringen würde, indem sie durch die stetige Ausdehnung der Ausbeutung proletarischer Massen und den gleichzeitigen natürlichen Grenzen dieser Ausbeutung (dem berühmten tendenziellen Fall der Profitrate) derart in Krisen geraten würde, dass die Revolution (und der Erfolg) der Arbeiterklassen weltweit unausweichlich sein sollte. Dass dies mit einem kurzen Blick in die Welt da draußen offenbar falsch ist, sieht jeder, der Augen im Kopf hat. Weder sind die inneren Grenzen der kapitalistischen Transformation erreicht, noch haben sozialistische oder kommunistische Ordnungen alternative Methoden entwickeln zu können, genau so effizient und innovativ zu sein. Kommunistische Parteien und Regime haben auf die Konkurrenz durch marktwirtschaftliche Demokratien immer mir politischer Repression reagiert, während die kapitalistischen Gesellschaften immer mehr an Freiheit und Kritik an sich selbst hervor gebracht haben. Der gesamte Kontext postmoderner Gesellschaftskritik, von der LGBT Bewegung zur Critical Whiteness ist nur in der westlichen und demokratisch-kapitalistischen Atmosphäre möglich gewesen, und natürlich nicht innerhalb der kommunistischen Regime Osteuropas. Die aggressivsten antiwestlichen Ressentiments hört man auf dem Campus, auf amerikanischen oder westeuropäischen Universitäten, während die politische Kritik in Russland oder China nach wie vor lebensgefährlich ist. Dies ist kein Zeichen für den bevor stehenden Zerfall des Westens oder das Ende des Kapitalismus, sondern das genaue Gegenteil. Der kapitalistische Westen wird werden, was er ist: das dominierende Modell politischer Ordnung und die den gesamten Planeten prägende Kraft der Veränderung und der beständigen Transformation von Arbeit in Wert.

Alle Gesellschaften und politischen Ordnungen sind krisenanfällig. Es muss nicht heißen, dass das Ende der Geschichte bedeutet, es gibt keine fundamentalen Konflikte mehr, die den gesamten Zusammenhang bedrohen. Warnungen vor dem nächsten Weltkrieg sind überall zu hören, und die Abschaffung der Demokratie wird überall angekündigt, trotzdem ist die kapitalistische Ordnung stabiler und krisenfester als alle seine Kritiker und Kontrahenten angenommen und gehofft haben.

Es besteht darum kein Zweifel daran, dass Fukuyama prinzipiell damit recht hat, dass zukünftige Gesellschaften im Wesentlichen darum streiten werden, wie umfassend die politische Repräsentation sein muss, um als demokratisch gelten zu können, aber sie wird ganz sicher demokratisch sein. Es besteht auch kein Zweifel, dass die Zukunft der Menschen in kapitalistischen Märkten mit mehr oder weniger Regulierung stattfinden wird, die Utopie des Sozialismus hat keinen Referenten in der Realität mehr. Fukuyamas Rückgriff auf Hegel und sein hegelianischer Angriff auf Marx zielen darauf ab deutlich zu machen, dass sich durch das Ende der Sowjetunion alle sozialistischen und kommunistischen Utopien erledigt haben. Das Ende der Geschichte ist auch das Ende der Utopien, die den Kapitalismus aufheben oder überwinden wollen. (Beide Begriffe stehen übrigens der Tradition des hegelianischen Marxismus Lenins nahe. Schon Althusser formulierte eine gegen Hegel gerichtete Kritik, und warnte davor den Marx’schen Worten des „Umstülpens“ und des „auf den Kopf stellens“ wortwörtlich zu trauen.) Das unrühmliche Ausscheiden der Sowjetunion aus dem Wettrennen der politischen Systeme zeigt uns, wie heimtückisch die „List der Vernunft“ ist, als sie den kommunistischen Terrorstaat implodieren ließ. Die von vielen beklagte und als Ideologie denunzierte Alternativlosigkeit, die die Sinnleere der Linken ausmacht, stellt nichts anderes als die schlichte Realität dar, dass keine Alternativen im Angebot sind. Statt „Eine andere Welt ist möglich“ sollte es heißen „Nur diese Welt ist real“. Der Sozialismus als Paradigma einer politischen Ordnung hat keinerlei Relevanz mehr.

Noch einmal Francis Fukuyama: „The end of history will be a very sad time. The struggle for recognition, the willingness to risk one’s life for a purely abstract goal, the worldwide ideological struggle that called forth daring, courage, imagination, and idealism, will be replaced by economic calculation, the endless solving of technical problems, environmental concerns, and the satisfaction of sophisticated consumer demands. In the post-historical period there will be neither art nor philosophy, just the perpetual caretaking of the museum of human history“.

Es wird wohl selten vorkommen, dass man sich auf so viel Langeweile direkt freuen mag.

Kategorien:Allgemein
  1. juergen Schierholz
    April 8, 2015 um 16:20

    Verführerisches Softeis aus der Küche der Bilderberger….“es ist alles alternativlos“ Amen.

    • April 9, 2015 um 06:30

      Wenn sie mir jetzt noch erklären worin die Verführung besteht, hätte ich vielleicht auch was zum Lachen.

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