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Der humanistische Antisemitismus des Jostein Gaarder

 

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern,
sing’ nicht ihre Lieder.“

Franz Josef Degenhardt, Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

 

„I heard of two generations being murdered
In a Europe that was shrouded in black
I witnessed the birth pains of new nations
When the chosen people finally went back.“

The Stranglers, North Winds

 

„Wer dem Planeten und damit der gesamten Menschheit durch das Verbrennen von Öl, Kohle und Gas Schaden zugefügt hatte, war dafür endlich zur Verantwortung gezogen worden.“

Jostein Gaarder, 2084 – Noras Welt

 

 

1.

Der norwegische Schriftsteller Jostein Gaarder veröffentlichte Mitte 2013 ein Buch, das wohl an den Erfolg von „Sofies Welt“ anknüpfen soll. In „2084 – Noras Welt“ geht es um Umwelt Aktivismus und die Gefahren des Klimawandels. Der Erfolg von „Sofies Welt“, auch 20 Jahre nach seinem Erscheinen ist Grund genug noch einmal zu rekapitulieren, was mich bei Gaarder immer schon maßlos irritiert hat.

Einer der verstörendsten Aspekte von „Sofies Welt“ ist die kleine Tatsache des Settings mit dem dieses Buch beginnt. Ein 14 jähriges Mädchen namens Sophie erhält Briefe von einem älteren Mann namens Alberto Knox, der sie zur Philosophin erziehen will, indem er ihr Vorträge über traditionelle Fragestellungen und berühmte Persönlichkeiten der Philosophiegeschichte hält. Ein junges Mädchen und ein älterer Mann, die sich über Philosophie unterhalten, das klingt eigentlich nach dem Beginn eines schmutzigen Herrenwitzes. Der Erfolg des Buches mit der bildungsbeflissene Eltern ihren Sprösslingen pädagogisch wertvolle Literatur ans Herz legten, lässt sich eigentlich nur schwer erklären, wenn man bedenkt, dass alle verantwortungsvollen Erwachsenen die Polizei rufen würden, wenn ihre minderjährige Tochter Briefe von ihnen unbekannten älteren Herrn erhält. Es hat mich immer gewundert warum Literatur beflissene Leserinnen und Leser, die selbst Kinder haben, solche merkwürdigen Ausgangspositionen bedenkenlos akzeptieren, wenn ein Label wie Philosophie und „große Fragen der Menschheit“ drauf stehen. Das Buch beginnt mit einem Brief an Sofie, der die Frage enthält: „Wer bist du?“

Dass sich junge Menschen hin und wieder Fragen über ihre Identität stellen ist nicht ungewöhnlich. Dass sie dafür kaum Zusammenfassungen über Aristoteles oder Plato als Antwort wählen, liegt aber nicht daran, dass ihnen niemand Vorträge darüber hält, sondern dass Pubertierende mit solchen Fragen etwas völlig anderes wissen wollen. Der Lehrer Jostein Gaarder hat kein Interesse an der Frage selbst, sondern ist vor allem damit beschäftigt sich selbst als Autorität zu etablieren. Dazu passt eine typische kleine Gaarder’sche Fehlleistung. Im Kapitel über Socrates bekommt Sofie ein paar sokratische Maximen auf den Weg, die wie folgt lauten: Weise ist diejenige die weiß, dass sie nichts weiß und Derjenige, der weiß was richtig ist wird das Richtige tun. Das steht ganz einfach so da, als ob ihm das niemals aufgefallen ist. Sie weiß nicht, er natürlich schon. Das ist so dumm, dass es nicht Absicht sein kann. Das ist ihm einfach passiert. Die Bemerkung des Sokrates, ich weiß, dass ich nichts weiß ist keine Koketterie eines Gebildeten (obwohl Gaarder sie vermutlich so versteht), sondern beschreibt was einen Philosophen ausmacht, nämlich die Fähigkeit den eigenen Ort des Sprechens mit zu reflektieren. Eine Tugend, die Gaarder nicht einmal ansatzweise als solche wahrnimmt. Seine strikte Auffassung einer hierarchischen Lehrer Schüler Beziehung zieht sich durchs ganze Buch. Ist es nicht auch verwunderlich, dass es kaum eine feministische Kritik an solch offensichtlich sexistischer Weltdeutung gibt, in der ein junges Mädchen zum Objekt eines Erziehungsprojektes gemacht wird, als ob Philosophie eben, weil sie als Ahnengalerie daher kommt, keine Reflexionsebene über sich selbst als Form mehr besitzt? Es erscheint außerdem höchst seltsam, dass sich 14 jährige Mädchen so bereit willig und ohne Widerstand von alten Männern zu Tode langweilen lassen. Die merkwürdige Phantasie, dass ein reifer Mann einem Teenager seine Vorträge angedeihen lässt und das Mädchen so bereit willig mitmacht, ohne eine einzige spätpubertäre Reaktion antiautoritärer Subversion zu zeigen ist nicht nur unglaublich weltfremd, sondern sagt auch einiges über Gaarders Frauenbild aus. Junge Mädchen, die brav und willig sind, reife Männer, die weise und verständnisvoll diese zu führen wissen. Ist das niemandem auch nur irgendwie komisch vorgekommen? Selbst wenn man die Unterstellung sexueller Wünsche, die in solchen Phantasien liegen, als völlig absurd zurück weist, müsste eine kritische Betrachtung zumindest die doch recht konservativen Geschlechterrollen ein wenig seltsam finden. Die Verfügungsgewalt über die geistige Entwicklung junger Mädchen wird ohne Reflexion in die Hände von erwachsenen Männern gelegt, die als unhinterfragbare Lehrer Weltdeutung für sich beanspruchen. Es ist nicht unbedingt anspruchsvolle Psychoanalyse, wenn man Gaarders Selbstbild als Ursprung solchen Possenreißertums vermutet. Gaarder träumt sich da als ehrwürdiger Meister seine perfekte Schülerin herbei: sie widerspricht niemals, hört immer zu und bestätigt das Ego ihres Meisters auf subtile und unauffällige Weise. Dazu passt auch diese Passage gegen Ende des Buches: Während eines Gartenfestes sitzen Sofies Mutter und Alberto Knox auf einer Gartenschaukel, nachdem Sofie sie einander vorgestellt hat.

„Und du hattest wirklich recht“, sagte ihre Mutter fröhlich. „Alberto ist ein großartiger Mensch. Ich überlasse dich seinen starken Armen.“ (sic!)

Es verwundert nicht, dass sich Jostein Gaarder damit selbst meint, sondern, dass Millionen Leserinnern und Leser das einfach ignorieren. Der humanistische Kitsch, den der gelernte Lehrer Jostein Gaarder mit „Sofies Welt“ zu einem sensationellen Bestseller machte, ist Philosophie, die sich keiner Selbstreflexion mehr zugänglich macht. Eine Form also, die selbst zutiefst unphilosophisch ist, wird zum Träger eines pädagogischen Auftrags, der den Gegenstand durch seinen eigenen Vortrag vernichtet. Das Geschwätz von den „großen Fragen“ ist die Projektion eines männlichen Egos, das zur Unterwerfung von Frauen intellektuelle Autorität für sich beansprucht. Dass zur philosophischen Tätigkeit dazu gehört nicht bloß Gedanken und Argumente an einer Kette aufzureihen, sondern auch die Position des Sprechers selbst kritisch zu verorten, das hat in dieser intellektuellen Onanieübung natürlich keinen Platz. Es ist interessant, dass der sich als links verstehende Gymnasiallehrer Gaarder seine Philosophiegeschichte als Aneinanderreihung bestimmter Namen inszeniert, aber natürlich ganz organisch übergeht, dass darin keine einzige Frau vorkommt. Die völlige Unfähigkeit das auch nur zu thematisieren und in einer adäquaten Begrifflichkeit mitzudenken ist sprichwörtlich. Der einzige Hinweis darauf, dass ihm das irgendwann einmal aufgefallen sein muss, ist ein Kapitel mit der Überschrift „Ansichten über Frauen“, das kurz fest hält, dass Aristoteles Frauen für minderwertig hielt, aber ansonsten beschreibt wie Sofie ihre Haustiere füttert, um anschließend ihre Mutter im Geiste Gaarders klugscheißerisch zu belehren. Überflüssig zu erwähnen, dass Mutter von ihrer Tochter ganz begeistert ist.

 

2.

Der gigantische Erfolg von „Sofies Welt“, laut Wikipedia wurde das Buch 40 Millionen mal verkauft und in fast 60 Sprachen übersetzt, ermöglichte Gaarder die Finanzierung einer Stiftung, die er für sein Umweltengagement nützen kann. In seinem 20 Jahre nach „Sofies Welt“ erschienenem Roman „2084 –Noras Welt“ trägt er den neuen Bedingungen Rechnung. Nachdem er als Lehrer den jungen Mädchen Philosophieunterricht gegeben hat, kann er ihnen nun ein neues Ressentiment mit auf den Weg geben. „Noras Welt“ handelt von einem Mädchen namens Nora, das mit ihrem Alter Ego Nova im Jahre 2084 kommuniziert, eine Welt die bereits gigantische Veränderungen durch den Klimawandel erlebt hat. Nova ist wütend auf die Generation Noras, weil diese zu untätig war, die Katastrophen der Umweltverschmutzung aufzuhalten. In einer Rezension auf FM4 wird das so zusammengefasst:

„Durch das Norwegen von 2084 ziehen in seinem neuen Roman Karawanen auf Dromedaren – Klimaflüchtlinge, die im Norden Europas nach menschenfreundlicheren Lebensbedingungen suchen, weil ihre Länder nur mehr Wüste sind. In Den Haag urteilt ein internationaler Klimagerichtshof über Unternehmen und ganze Länder, die die Klimakatastrophe vorangetrieben oder auch nicht verhindert haben.“

Obwohl die vordergründige Absicht des Buches sein soll, junge Menschen zum Umwelt Aktivismus zu bewegen, liegt sein Kern in jenem als zukünftig phantasiertem Strafgericht, das als Tribunal jene verurteilen soll, die für die Katastrophe verantwortlich sind. Oder wie Gaarder selbst schreibt:

„Wer dem Planeten und damit der gesamten Menschheit durch das Verbrennen von Öl, Kohle und Gas Schaden zugefügt hatte, war dafür endlich zur Verantwortung gezogen worden.“

Die Idee hinter solchen Sätzen ist eine totalitäre Phantasie, in der sich eine zur Raserei mutierte Subjektivität als natürliches Ressentiment ausbreiten kann. Das Wichtige daran ist, die Schuldigen zu bestrafen, und nicht wie behauptet den Klimawandel aufzuhalten. Was Gaarders mühsame Prosa nicht verbergen kann ist sein totales Desinteresse an der Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen Begründungen für den Klimawandel selbst, stattdessen richten sich seine Bemühungen darauf Aktivismus als Ressentiment gegen die Schuldigen zu kanalisieren. Wiederum bleibt die Position desjenigen, der bestimmt wer schuldig ist und wer nicht, völlig unhinterfragt. Gaarder, der humanistische Gymnasiallehrer, weiß ganz genau wen sein Zorn treffen soll und er möchte seinen Jüngerinnen diesen Auftrag mit auf den Weg geben. Das Ressentiment ist ein völlig übersteigertes und größenwahnsinniges Selbstbild, in dem Gaarder sich zum Rächer imaginiert, der über jene Gericht hält, die er für schuldig hält. Und wir müssen uns nicht ausdenken, wer das sein soll, Gaarder liefert uns die Antwort in einem früheren Text, einem Leitartikel in der norwegischen Tageszeitung „Aftenposten“ vom August 2006, der „Gottes auserwähltes Volk“ heißt und in dem er seinen ganzen Hass auf die Juden als „Israelkritik“ auslebt. Es sollte hier unbedingt fest gehalten werden, dass Gaarders reaktionäre Rachephantasien eben nicht auf diese Invektive gegen Israel zu reduzieren sind, sondern der Ausdruck eines in „Sofies Welt“ und „Noras Welt“ angelegten Dispositivs ist, das in Wirklichkeit einen zutiefst faschistischen Impuls verbergen soll, indem er sich als linker Humanismuskitsch tarnt. Es gehört zu den leicht zu übersehenden Details von „Sofies Welt“, dass unter den Namen der Philosophiegeschichte, die referiert werden, bis auf zwei Erwähnungen der Name Nietzsche nicht vorkommt. Es ist kein Zufall, dass der Kritiker des Ressentiments bei einem Ressentiment geladenen Antisemiten nicht auf Gegenliebe stößt, aber es ist bezeichnend wie stark bei Gaarder die Macht des Unbewussten selbst minimale Entscheidungen leitet.

 

3.

Die bündigste und treffendste Beschreibung was Antisemitismus eigentlich ist, findet sich in einer kleinen Szene in Monty Python’s „Der Sinn des Lebens“. Eine Putzfrau (gespielt von Terry Jones) räumt die Sauerei in einem komplett verwüsteten Restaurant auf, in dem sie Eimer voller Kotze entsorgen muss. Sie erzählt darüber, dass sie in den großen Orten des Wissens überall auf der Welt nach dem Sinn des Lebens gesucht hätte, ohne ihn zu finden. Wegen ihrer Arthritis sei sie nun gezwungen als Putzfrau zu arbeiten, dann fügt sie verschwörerisch hinzu: „And though I may be down right now, at least I don’t work for Jews.“ (In der deutschen Synchronisation heißt es: „Wenigstens arbeite ich nicht für einen Juden.“) Der entsetzte Kellner (Eric Idle) wirft ihr den Eimer mit der Kotze über den Kopf und entschuldigt sich dafür, dass jemand etwas Rassistisches gesagt hat.

Das Genie der Monty Pythons liegt in solchen kleinen Szenen, in denen sie das Ritual hinter dem Witz freilegen. Die Putzfrau, die im Restaurant Kotze vom Boden wischen muss, enthüllt in ihrem philosophisch tiefsten Augenblick ihre hässlichste Fratze. Der Ausdruck puren Ressentiments im Angesicht des eigenen miserablen Zustands enthüllt die Bösartigkeit desselben als reine Projektion, die das „Gerücht über den Juden“ (Adorno) als reinen Selbstzweck bestimmt. Als Antisemit hat man nichts vom Antisemitismus außer dem Ressentiment. Es erfüllt keinen Zweck außer dem überhaupt ein Ressentiment zu haben, das sich wie Lacan sagen würde als „Mehr-Genießen“ realisiert, als sinnloser Überschuss, als Rest, der die eigene Existenz abstrahiert. Das Ressentiment schafft keinen Grund jemanden zu verfolgen, es ist bereits der Akt der Diskriminierung, der nur als Verfolgungspraxis gelebt werden kann.

Da Gaarders Auslassungen schon vor 8 Jahren von vielen Leuten kritisiert worden sind, hier etwa bei Lizas Welt nach zu lesen, oder hier beim geschätzten Blogger Nichtidentisches, erscheint mir die Beschäftigung mit seinem neuesten Kitsch, „2084 – Noras Welt“ wesentlicher zu sein, als seine direkten antisemitischen Verbalinjurien.

In seinem Text, der während des Krieges zwischen Israel und der Hizbollah 2006 erschien, macht Gaarder die merkwürdige Behauptung, dass Israel, seine Kriege führe, weil es sich als „auserwähltes Volk“ betrachten würde. Es zeigt sich hier, dass Antisemiten den Begriff des „auserwählten Volkes“ als persönliche Kränkung erfahren. Die Kritik selbst jedoch, dass sich Juden als „auserwähltes Volk“ betrachten hat nicht nur keinerlei Beziehung zur Realität von Israels Kriegen, sondern es ist vor allem das absichtliche Missverständnis fast aller Antisemiten, wenn sie ihren Hass auf die Juden ausleben. Der Begriff des „auserwählten Volkes“ beschreibt nicht, dass die Juden vor allen anderen Menschen und Völkern privilegiert würden, sondern besagt, dass Gott die Juden als jenes Volk auserwählt hat, das er für dessen eigene Fehler und die aller anderen zur Rechenschaft ziehen wird. Die Juden müssen den Bund Israels mit Jahwe eingehen, weil nur dies den Bestand der Welt garantiert. Die Juden sind das „auserwählte Volk“, obwohl oder auch weil sie sich diese Bürde nicht ausgesucht haben. Mit dem Titel ist auch kein besonderer Platz im Jenseits verbunden, wie spätere Monotheismen das für sich beanspruchen und dies projektiv als persönliche Kränkung gegen die Juden wenden. Gaarder schreibt: „Es gibt Grenzen unserer Geduld, und es gibt Grenzen unserer Toleranz. (…) Der Staat Israel hat jedoch, mit seiner skrupellosen Kriegführung und seinen abscheulichen Waffen, seine eigene Legitimität massakriert.“ Damit setzt er sich selbst als rächender Jahwe, der den Juden seine Gunst zu entziehen gedenkt. Mit anderen Worten: er behauptet einen Gedanken der Rache zu kritisieren, den er angeblich als jüdisches Alleinerkennungsmerkmal identifiziert, aber selbst nochmals ins Extrem verschärft. Und als Kritiker des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ Prinzips macht er aus der Mördergrube seines Herzens kein Hehl:

„Wir anerkennen nicht den Staat Israel. Nicht heute, nicht im Moment, da wir dieses schreiben, nicht in der Stunde von Trauer und Zorn. Wenn die gesamte israelische Nation ihrem eigenen Handeln erliegen sollte und Teile der Bevölkerung aus den besetzten Gebieten in eine neue Diaspora fliehen müssen, dann sagen wir: Mögen die Umgebenden gelassen bleiben und ihnen Gnade erweisen.“

Der Größenwahn, der in solchen Worten steckt ist pure nazistische Mordlust, die als linker Humanismus daher kommt und den Juden das projektiv unterstellt, was er selbst ganz frei heraus als persönliches legitimes Recht betrachtet: zu richten und zu strafen. Die grenzenlos paranoide Unfähigkeit zur Selbstreflexion, die er den Juden paradoxer weise unterstellt,  ist natürlich die wichtigste Eigenschaft Jostein Gaarders selbst. So wie Gaarder sich als Rächer der Umweltverschmutzung betrachtet, der über die Umweltsünder zu Gericht sitzt, so möchte er auch über die Juden und ihre Untaten urteilen, als Richter über die von Gott abgefallenen, als ein Gott für den er sich anscheinend selbst hält. Dass dies kaum jemandem aufgefallen ist, sagt einiges aus über den Stand der Dinge in Sachen „Israelkritik“.

 

4.

Jostein Gaarders totalitäre Ideologie und sein von Ressentiments geleitetes Politikverständnis ist mitnichten kontextlos. Auch der norwegische Friedensforscher Johann Galtung hat vor einigen Jahren mit antisemitischen Absurditäten auf sich aufmerksam gemacht, als er hinter Anders Breiviks Massenmord den Mossad vermutete und in den „Protokollen der Weisen von Zion“ eine akkurate Beschreibung der jüdischen Dominanz von US Medien verortete. Der österreichische Publizist Manfred Gerstenfeld hat in der von ihm heraus gegeben Aufsatzsammlung Behind the Humanitarian Mask: The Nordic Countries, Israel and the Jews (Jerusalem 2008) den in Norwegen offenbar breit akzeptierten Antisemitismus sehr genau dar gestellt.

Jostein Gaarders Literatur, die als harmloser Kitsch und humanistisches Bildungsbürgergeschwätz Millionen Exemplare verkauft, lässt sich, wenn es ohne deutliche Invektiven und Verbalinjurien auskommt anscheinend schwer als jener Faschismus mit freundlichem Antlitz begreifen, der er tatsächlich ist. Es ist notwendig zu verstehen, dass der politische Ausdruck, der sich dahinter verbirgt eben keine rechtsextreme Variante ist, die mit Nazisymbolen hantieren würde, sondern eben aus einem traditionell linken Politikmilieu kommt, das von seinem Selbstverständnis her sich als antifaschistisch begreift, auch wenn es den Faschismus gerne in Israel verortet. Der Antisemitismus ist nicht Ursache, sondern logische Konsequenz einer Politik des Ressentiments. Die kraftlose Ideologie der linksradikalen und kommunistischen Parteien, die in den 70ern Pol Pot, Enver Hodxha, Mao oder Stalin huldigten, hat sich nach ihrer historischen Niederlage 1989 als Ressentiment gegen die mühsamen und oft frustrierenden Mechanismen der Demokratie und des Rechtsstaats nieder geschlagen, die heutzutage ein breites Spektrum des Unbehagens an Finanzindustrien, Bankenrettungen, Geld, Zins oder schlicht der EU Bürokratie bedient. Gaarders Idee in „Noras Welt“, dass diese oder jene Sünder vor ein Tribunal gestellt und verurteilt würden entspringt einem völlig abstrakten und undifferenziertem ideologischen Konzept der Gerechtigkeit, das hinter den schwerfälligen Mechanismen des Rechtsstaats Klassenjustiz und elitäre Korruption vermutet. Weil politische Arbeit gegen diese Korruption selten erfolgreich ist und mit den Mitteln des Rechtsstaats meistens zahnlos wirkt, springt das Ressentiment in die Bresche, das stattdessen Erschießungskommandos phantasiert mit denen Gerechtigkeit wieder her gestellt wird. Es ist kein Zufall, dass Gaarder den Hass auf die langsamen und komplexen Mechanismen der Politik als Hass auf die Juden lebt, aber der Antisemitismus ist wie erwähnt nicht seine primäre Motivation, sondern das Ressentiment gegen die Demokratie der Eliten an sich. In der postmodernen Gesellschaft sind die Utopien nur noch eine Farce. Im Rechtsstaat der modernen Weltgesellschaft gibt es keine Gerechtigkeit, sondern nur noch Kompromisse (viele faule noch dazu), Trade-Offs, politische Korruption und einen minimalen Konsens der Akteure, die mächtig genug sind, diesen zu erzwingen. Es gibt keine teleologische und utopische Vision der Endzeit oder des Kommunismus als Endstadium des Sozialismus mehr, sondern nur noch kapitalistische Märkte und demokratische Repräsentation. Keine Abschaffung des Geldes oder des Zinses, keine Begleichung der Schulden, sondern die kurzfristige Bereinigung der Märkte. Dies unerträglich zu finden, mag manche zu aufrechten Linken werden lassen, die Mehrheit wird sich im Hass auf Israel wieder finden, alles andere ist pure Illusion. Der Verlust der Utopie und das Ende der messianischen Botschaft des Kommunismus bringt nur mehr Jostein Gaarders hervor, die im Ressentiment ihr natürliches Biotop finden. Politische Impotenz, das primäre Erkennungsmerkmal des Ressentiments wird, einmal an die Macht gelassen, Massaker und Massenmorde begehen um Gerechtigkeit ganz abstrakt zu implementieren.

Wir sollten uns nicht täuschen lassen: das humanistische Ressentiment selbst ist es, das den nächsten Gulag oder das nächste KZ errichten wird. Wer diesem widerstehen und dabei auch noch überleben will, sollte aufhören, vom sozialistischen Paradies zu träumen und endlich ankommen in der imperfekten Welt kapitalistischer Vergesellschaftung. Wenn uns irgendetwas retten wird, dann der schwerfällige und korrupte Rechtsstaat einer von den USA dominierten Weltgesellschaft. Nur in einer solchen Welt wird es auch Israel geben können. Jostein Gaarder weiß das ganz genau.

 

Kategorien:Common Interest
  1. Fritz Wunderlich
    Oktober 16, 2015 um 20:41

    Interessant, auch wenn ich mit einigem nicht übereinstimme..

  2. Fritz Wunderlich
    Oktober 16, 2015 um 20:46

    Interessant, auch wenn ich nicht mit allem übereinstimmen kann. Zum Beispiel mit der Psychologisierung, die von der Leere des Antisemiten, die sie postuliert, selbst verschlungen wird.
    Der Ausdruck puren Ressentiments im Angesicht des eigenen miserablen Zustands enthüllt die Bösartigkeit desselben als reine Projektion, die das „Gerücht über den Juden“ (Adorno) als reinen Selbstzweck bestimmt. Als Antisemit hat man nichts vom Antisemitismus außer dem Ressentiment. Es erfüllt keinen Zweck außer dem überhaupt ein Ressentiment zu haben, das sich wie Lacan sagen würde als „Mehr-Genießen“ realisiert, als sinnloser Überschuss, als Rest, der die eigene Existenz abstrahiert. Das Ressentiment schafft keinen Grund jemanden zu verfolgen, es ist bereits der Akt der Diskriminierung, der nur als Verfolgungspraxis gelebt werden kann.
    Mal von dem Heideggerianer Lacan und seinen Phantasmen abgesehen.

    • Oktober 17, 2015 um 07:45

      Lieber Fritz!

      Vielen Dank für deine Anmerkung. Es sei hier nur darauf hingewiesen, dass Lacan Hegel näher steht als Heidegger und die von dir kritisierte Passage mehr als Anspielung auf Hegel zu verstehen ist. Lacan war sicher ein unsympathischer Zeitgenosse, eine Heideggerianer war er nicht.

      Grüße, Jurek

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