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Die Schlacht um Jerusalem

The Hebrew seers announce in time
The return of Judah to her prime;
Some Christians deemed it then at hand.
Here was an object: Up and do!
With seed and tillage help renew–
Help reinstate the Holy Land.
Some zealous Jews on alien soil
Who still from Gentile ways recoil,
And loyally maintain the dream,
Salute upon the Paschal day
With Next year in Jerusalem!

Herman Melville, Clarel (Part 1, Canto XVII)

 

Jerusalem

 

1.

In Ridley Scotts „Kingdom of Heaven“ (Königreich der Himmel, USA 2005) spielt Orlando Bloom den Kreuzritter Balian von Ibelin, der im späten 12. Jahrhundert das Ende des christlichen Königreichs Jerusalem als Verteidiger der Stadt gegen Salah Ad-Din mit erlebt. Als er die Stadt dem Eroberer Salah Ad-Din übergibt, um ein Blutbad unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden, fragt Balian ihn: „Was ist Jerusalem wert?“

Salah Ad-Din antwortet zunächst trocken: „Nichts!“, und verlässt den Baldachin. Nach einigen Schritten jedoch dreht er sich um, wendet die Arme gen Himmel und sagt: „Alles!“. Zwischen diesen Extremen scheint es keinerlei Zwischenraum zu geben, wenn man über Jerusalem redet. Und doch erzählt „Kingdom of Heaven“ mit dieser kleinen Szene mehr über die Geschichte Jerusalems als mit all seinen aufwändigen Schlechtszenen, Tableaus und wundervollen Lichtspielen, die den kalten und dunklen Himmel des Okzidents mit der wundervollen Sonne des Nahen Ostens erleuchten.

Die meisten historischen Hintergründe des Films haben reale Vorbilder, was die auftretenden Personen betrifft und sind in ihrer generellen Verortung in den Konflikten der Zeit durchaus gut getroffen, aber sie haben im Einzelnen und vielen Details wenig bis gar keine Entsprechung in den realen Geschehnissen des zu Ende gehenden 12. Jahrhunderts im Heiligen Land.

Eine sehr interessante Fehlleistung des Films ist, dass der Konflikt um Jerusalem ausschließlich als Auseinandersetzung zwischen Moslems und Christen geschildert wird. Juden kommen praktisch nicht vor. Während die muslimische Seite, allen voran der in der christlichen Geschichtsschreibung zum Inbegriff des edlen Ritters hoch stilisierte Salah Ad-Din als halbwegs rational und prinzipiell an Frieden interessiert geschildert wird, verortet Scotts Film das Böse in einer Kritik kreuzritterlicher Gewaltexzesse. Die fanatischen Christen, die entweder skrupellose Verbrecher oder opportunistische Kleriker sind, bringen sich selbst den Untergang, weil sie in ihrer blinden und tollwütigen Arroganz Salah Ad-Dins Heer in offener Schlacht bei den Hörnern von Hattin entgegen treten und eine furchtbare Niederlage erleiden. Alles in allem dürfte diese Sicht der Dinge nicht ganz falsch sein. Die Kreuzritter und ihr Königreich erschienen in der muslimischen Geschichte bis ins 19. Jahrhundert als wenig beachtete Episode, mit der sich die Historiker und Gelehrten des Orients kaum beschäftigten. Bernard Lewis notiert, dass das Wort Kreuzzug bis in die Mitte der 1820er Jahre nicht einmal als arabisches Wort existierte. In der klassischen Historie der muslimischen Welt drangen fränkische Barbaren bis nach Jerusalem, ehe sie nach einiger Zeit wieder vertrieben wurden und das zivilisierte Leben erneut seinem Gang nahm. Warum sie überhaupt gekommen sind und wer sie tatsächlich waren, dafür haben muslimische Historiker, zeitgenössische wie zeitlich weiter entfernte niemals das geringste Interesse aufgebracht. (Siehe dazu: http://wwwg.uni-klu.ac.at/eeo/Lewis_Islam)

Die Figur Balians, die leider sehr wenig mit dem historischen Vorbild zu tun hat, ist in Ridelys Scotts Film kein Kreuzfahrer sondern eine Art Aufklärer, der die Verteidigung der Stadt eben nicht zu einem religiösen Konflikt machen will, sondern die humanitäre Mission in den Vordergrund stellt, die BewohnerInnen Jerusalems vor einem Massaker zu retten. In seinem Dialog mit Salah Ad-Din vergisst Balian nicht zu erwähnen, dass die Christen bei ihrer Eroberung der Stadt ein gutes Jahrhundert zuvor ein entsetzliches Blutbad angerichtet haben. Salah Ad-Din, ganz Edelmann in der Tradition ritterlicher Großmut sagt nur: „Ich bin keiner von diesen Männern.“

Die Botschaft Scotts, dass es der Frieden zwischen den Zivilisationen erfordert die religiösen Ansprüche aus den politischen Notwendigkeiten zu entfernen, ist interessanterweise nur um den Preis zu haben, dass die Juden, deren religiöses Zentrum nun einmal Jerusalem ist, aus dem Diskurs verschwinden. Da es nicht der Anspruch des Films ist, eine historisch korrekte Darstellung der Ereignisse des Dritten Kreuzzugs zu liefern, ist er wohl als Kommentar zu aktuellen Problemen der politischen Auseinandersetzung zu verstehen und genau darum ist dieses Detail so brisant. Juden spielten in den Kreuzzügen tatsächlich kaum eine Rolle, außer der als Opfer von Übergriffen und Massakern, aber sie waren wichtige Vermittler, Übersetzer und Schnittstellen im Handel und im Verkehr zwischen christlichen und muslimischen Territorien. Es gehört zu den tragisch wie ironischen Seiten von „Kingdom of Heaven“, dass er natürlich nirgendwo antijüdischen oder gar antisemitischen Invektiven anheimfällt, aber durch das konsequente Ignorieren jüdischer Präsenz im Nahen Osten auch in Zeiten muslimischer oder christlicher Herrschaft, mehr als jeder andere Film das zeitgenössische Paradigma europäisch-westlicher Unbehagen an der israelischen Staatlichkeit ausdrückt. In diesem Sinne erscheint Israel, erscheinen die Juden bloß als Störung, die es entweder zu ignorieren gilt oder als Ganzes ungeschehen zu machen. Israel soll verschwinden, da seine Anwesenheit nur Probleme verursacht, so stellen sich die europäischen Bürokraten wohl das Problem vor, das sie politisch mit verzweifelter Sturheit zu behandeln suchen. Da die Europäische Union natürlich über jeden Verdacht des Antisemitismus erhaben ist, kann man ihre Nahost Politik vor allem als eine permanente Weigerung betrachten, sich mit bestimmten Realitäten anzufreunden und lieb gewordene Illusionen aufzugeben. Da die Christen keine Ansprüche an Jerusalem stellen, und kein Interesse haben über den Status der Stadt und wer sie kontrollieren soll, Konflikte an zu fangen, verstehen die christlich sozialisierten Europäer auch nicht, warum die Juden, die doch wie sie selbst aufgeklärte und gebildete Menschen sind, so hartnäckig ihre Kontrolle über die Heilige Stadt nicht aufgeben wollen oder sich sogar weigern sie zumindest zu teilen. Es schadet darum nicht, ein wenig in der Geschichte zu stöbern, um heraus zu finden, warum das überhaupt wichtig ist.

 

2.

Die zurzeit in Israel stattfindenden Terroranschläge auf Zivilisten und betende Juden erschüttern nicht nur weiter die brüchigen Hoffnungen auf eine Zweistaatenlösung, sie lassen auch alle Vermittler und Verhandler mehr oder weniger ratlos zurück. Einfach gesagt ist das Bemühen um eine Zweistaatlenlösung zurzeit rhetorisch nicht mehr als eine Übung und politisch eine Farce. Es gibt keine Zweistaatenlösung, geschweige denn eine „Lösung“, für was auch immer. Es gibt zwar ein Set an bekannten Problemen, aber seit Jahrzehnten keine konkreten Lösungen, die in irgendeiner Weise einen Konsens darstellen würden. Das bekannteste Beispiel dafür ist der vom damaligen (und inzwischen verstorbenem) Ministerpräsidenten Ariel Scharon durch gesetzte einseitige Rückzug der Israelis aus Gaza.

Zwar wird der israelische Siedlungsbau im Westjordanland als größtes politisches Hindernis betrachtet, aber ideologisch scheinen sich die Palästinenser gerade auf die Frage wer Jerusalem kontrollieren soll warm zu schießen. (Man soll das ruhig wörtlich nehmen.) Zur Zerfahrenheit der aktuellen Lage passt es auch, dass die Friedensinitiative Saudi Arabiens aus dem Jahre 2002 wieder aufgewärmt wird, die eine Anerkennung Israels durch die arabischen Staaten an die Bedingung knüpft, sich aus allen 1967 besetzten Gebieten wieder zurück zu ziehen. Dieser an sich nicht unvernünftig klingende Vorschlag bezieht sich jedoch auch die vor 1967 unter jordanischer Kontrolle stehenden Teile Jerusalems, zu denen auch der Tempelberg gehört. Dieses Detail wird gerne übersehen oder schlicht ignoriert. Als Forderung an die israelische Regierung ist dieser Plan aus deren Sicht schlicht unannehmbar und es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Saudis sich dessen nicht bewusst waren. Aus den schon angesprochenen Ereignissen der letzten Wochen lässt sich also ableiten, dass sich der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern auf eine religiös aufgeladene Auseinandersetzung um die Kontrolle Jerusalems zu gespitzt hat und damit ein worst case Szenario eingetreten ist, in der sich jede noch so raffinierte politische Lösung in Luft auflöst. (Siehe dazu auch Jonathan Spyers Beitrag in http://www.meforum.org/4896/sunni-political-islam-engine-of-israeli)

Religiöse Konflikte sind mit rationalen Kalkülen nicht zu bezwingen, sie drehen sich um Symboliken und Narrative, die Alleinanspruch auf Definitionsmacht haben und in der Regel nicht verhandelbar sind. Im Falle Jerusalems besteht das Narrativ der muslimischen Fanatiker und ihrer Unterstützer darin, dass ganz Jerusalem und die darin befindlichen muslimischen Stätten, der Felsendom und die Al-Aqusa Moschee aus der Zeit der Umayyadendynastie Eigentum des Islam sind und Juden darin nichts zu suchen hätten. Weder sollen sie an der Klagemauer sich versammeln dürfen, noch soll ihnen erlaubt sein, den Tempelberg auch nur zu betreten. Im Wesentlichen hätte der Saudi arabische Friedensplan also das zur Folge, was in Ostjerusalem bereits zwischen 1945 und 1967 Alltag gewesen ist. Bernard Lewis schreibt über diese Zeit, als die jordanischen Behörden Ostjerusalem kontrollierten: „(…) they would not admit Israelis of any religion to their territories, which meant that not only Israeli Jews but also Israeli Muslims and Christians were not allowed into East Jerusalem. Catholic and Protestant Christians were permitted to enter once a year on Christmas Day for a few hours, but otherwise there was no admittance to the holy places in Jerusalem for Jews or Christians. Worse than that, Muslims in Israel were unable to go on the pilgrimage to Mecca and Medina.“ (The End of Modern History in the Middle East, S. 172f)

Seit die israelische Offensive 1967 Jerusalem unter ihre Herrschaft gebracht hat, werden die muslimischen Stätten von einer Selbstverwaltung regiert, die einen Versuch darstellt, die Pilgerziele der drei monotheistischen Religionen möglichst sensibel zu teilen. Die jüdische Verwaltung Jerusalems brachte tatsächliche Religionsfreiheit und Autonomie. Christen und Moslems haben das Recht ihre Stätten aufzusuchen und sich um ihre Erhaltung zu kümmern. Dieses Gleichgewicht empfindlich zu stören scheint das neueste Kriegsziel palästinensischer Fanatiker zu sein. In ihrer Darstellung ist der Tempelberg und damit Jerusalem das alleinige Eigentum des Islam und Religionsfreiheit wie sie unter israelischer Oberhoheit möglich ist, schlicht nicht Gegenstand irgendeiner Überlegung. Die Unverschämtheit mit der Islamisten jeder Art den jüdischen Charakter von Jerusalem anzweifeln, verrät, dass es ihnen ganz sicher nicht um eine Zweistaatenlösung geht. Überhaupt sollte man bei Beurteilung des komplizierten Konfliktes auch hin und wieder fragen, wie ernst es allen Akteuren mit ihren Vorschlägen ist. Auch die Regierung Netanyahu hat sich in dieser Frage nicht immer konstruktiv verhalten, aber das in sich zerrissene Lager der Palästinenser scheint weder an eine Lösung mit Israel zu glauben, noch kann man aus ihrem Verhalten schließen, dass sie eine anstreben. Während in den Bürgerkriegen in Syrien und dem Irak islamische Extremisten vor allem die letzten Christen vertreiben oder ermorden, lässt sich die Hamas Regierung dafür feiern, ihre Zivilbevölkerung schutzlos den modernen Waffen der israelischen Armee ausgeliefert zu haben. Je mehr sich die politische Rolle der palästinensischen Führungen ins Absurde wandelt, desto stärker werden die religiösen Fanatiker, die politische Lösungen ablehnen, sondern Israel als Ganzes zerstören wollen, um ihren immer mehr bedrohten Anspruch aufrecht zu erhalten.

Neben dem äußerst selektiven Umgang mit der religiösen Vielfalt des Heiligen Landes, kommt in den letzten Jahrzehnten eine aggressive Propaganda hinzu, die nicht nur den Anspruch der Juden auf den Tempelberg bestreitet, sondern auch die historische Präsenz der Juden im Heiligen Land an sich leugnet. Bereits unter Arafat begann die Formulierung eines palästinensischen Narrativs, nach der Israel eine von außen kommende zionistische Kolonialisierung Palästina sei, in der Aliens namens Juden den Arabern ihr Land weg genommen haben. Nicht nur soll Israel ausgelöscht werden, auch die ganze jüdische Geschichte Palästinas wird durch Islamisten in eine muslimische Totalübernahme verwandelt, in der Abraham als erster Muslim erscheint und jede Eigenständigkeit jüdischen Lebens ins Undenkbare verbannt werden muss. Jerusalem soll eben nicht geteilt, sondern als jüdische Stadt verschwinden, damit gekränkte Seelen ihren Suprematismus ausleben können. Das religiöse Moment, das diese absurde Invektive unterstützt ist deshalb so brisant, weil sich darunter die konfliktbehafteten Todfeinde Saudi Arabien und Iran, die Sunniten der Hamas und die Schiiten der Hisbollah sammeln können, ohne um ihre Reputation fürchten zu müssen. Der vom iranischen Regime 1979 ins Leben gerufenen Al-Quds Tag inszeniert sich als antisemitischer Mob, ganz egal ob in Gaza Kinder sterben oder nicht. Die Klagemauer etwa, das letzte Relikt des sagenhaften zweiten jüdischen Tempels, die unterhalb der Al-Aqusa Moschee aufragt ist nach Darstellung der islamischen Reaktionäre kein jüdisches Heiligtum, sondern Teil der muslimischen Geschichte. Juden, die versuchen den Tempelberg zu betreten, um zur Klagemauer zu gelangen, lösen regelmäßig Unruhen aus, die von verständnisvollen Kommentaren westlicher Expertinnen und Experten begleitet wird. Immer wieder aufgewärmte Verschwörungstheorien, dass Israel versuchen würde, das Fundament des Tempelbergs entlang der Klagemauer zu sprengen, um auf den Trümmern Al-Aqusas den zweiten Tempel neu zu errichten, befeuern zusätzlich den Fanatismus von verhetzten Massen weltweit, die für solch bösartige Propaganda empfänglich ist. Dass Israel den Muslimen niemals prinzipiell das Betreten ihrer heiligen Stätten untersagen würde und dies auch rein rechtlich aufgrund internationaler Verträge gar nicht könnte, steht dem muslimischen Begehren gegenüber, die Abschaffung der Religionsfreiheit als Bedingung zu verankern. Europäische Kommentare lesen sich in solchen Fragen als schulterzuckende Resignation, die sich darin eingerichtet hat, die Araber und Muslime als nicht zurechnungsfähige Verrückte zu betrachten, die von jüdischen Provokationen verschont werden müssen. Zusammen gefasst heißt das: die Juden sollen verschwinden.

Daniel Pipes hat in einem sehr lesenswerten Beitrag aus dem Jahre 2001 zusammen gefasst, wie sich das muslimische Verhältnis zu Jerusalem historisch entwickelt hat. Ganz kurz gesagt attestiert Pipes, dass die Bedeutung Jerusalems für islamische Politik immer dann besonders hoch war, wenn die Stadt nicht von einem islamischen Herrscher regiert wurde, während die Stadt unter muslimischer Hoheit in die Bedeutungslosigkeit verfiel. Bernard Lewis merkt an, dass in der Zeit jordanischer Kontrolle das Freitagsgebet aus einer Moschee in Amman im Radio übertragen wurden und nicht aus der Al-Aqusa Moschee. Erst als die Israelis den Tempelberg zurück erobert hatten, wurde die Freitagspredigt wieder aus Jerusalem gesendet.

Anders als die klassischen Übersetzungen des Koran nahe legen, etwa jene von Rudi Paret aus den 60er Jahren, gibt es im Koran keine Erwähnung Jerusalems, genau genommen auch keine Mekkas. In der Koransure, die für gewöhnlich als Begründung für die Bedeutung Jerusalems im Islam heran gezogen wird, heißt es: „Gepriesen sei der, der mit seinem Diener (d. h. Mohammed) bei Nacht von der heiligen Kultstätte (in Mekka) nach der fernen Kultstätte (in Jerusalem), deren Umgebung wir gesegnet haben, reiste, um ihm etwas von unseren Zeichen sehen zu lassen…“ (Koran Sure 17, Vers 1)

Die in Klammern gesetzten Satzteile sind theologische Interpretationen späterer Zeiten, die angenommen haben oder aus politischen Gründen bewusst in diese Richtung interpretierten, dass die entfernteste Kultstätte Jerusalem sein müsse. Die komplizierten historischen Details, warum Jerusalem der Ort gewesen sein soll, an dem Mohammed gen Himmel gefahren ist, sind auch in der Islamischen Theologie sehr umstritten. In der schiitischen Auslegungstradition ist die „fernste Kultstätte“ ein Verweis auf den Himmel und nicht auf Jerusalem. Die westlichen Koranübersetzungen orientieren sich zudem strikt am Mainstream islamischer Theologie und ihres umfangreichen Korpus an Kommentarliteratur, dessen Faktizität mit strikt wissenschaftlichen Methoden moderner Quellenforschung und Archäologie kaum bis gar nicht beweisbar ist. Es verwundert also nicht, dass die konsequente Vermischung politischer Ziele mit religiösen Begründungszusammenhängen die abenteuerlichsten Theorien produziert. Erst in den letzten Tagen etwa bekräftigte die islamische Selbstverwaltung der Al-Aqusa Moschee in einem vor ihr veröffentlichten Dokument, dass die Klagemauer kein jüdisches Heiligtum sei und forderte das völlige Zutrittsverbot für Juden. Niemand, der ernsthaft an einer Koexistenz interessiert ist, würde solche Dinge fordern. Der Einsatz islamischer Fanatiker ist total: die Juden müssen raus, eine jüdische Geschichte im nahen Osten gibt es nicht und gab es nie. Die Herrschaft über Jerusalem bedeutet für islamische Suprematisten auch die Hoheit über Judentum und Christentum und ist damit ein Symbol für die Herrschaft des Islam über die ganze Welt. Im islamischen Verständnis sind Christentum und Judentum keine anderen Religionen, sondern Vorläufer und veraltete Visionen, die selbst keinerlei Wert besitzen. Das Problem des Islam, einen Begriff des anderen aus sich selbst zu entwickeln, konnte ich beispielhaft an Tariq Ramadans Buch „The Quest for Meaning“ zeigen. Religiöse Toleranz hat es im Islam gegeben, und gibt es wohl immer noch, aber mit den verhetzten und fanatisierten Extremismen, die aller Ortens ihre hässliche Fratze zeigen soll auch damit Schluss sein.

3.

In Jerusalem konzentrieren sich die religiösen Glutkerne einer Auseinandersetzung, die nicht mit den bisher benutzten Strategien lösbar sind. Der deutsche Außenminister Frank Walter Steinmaier hat vor kurzem gewarnt, dass der Konflikt nicht ins Religiöse abgleiten dürfe. Diese Intervention ist typisch für die europäische Politik im Nahen Osten: sie benennt Realitäten, indem sie sie verkennt. Der Konflikt im Nahen Osten ist längst und war immer schon ein religiöser Konflikt. Nur religiös motivierte Ressentiments sind in der Lage über so lange Zeit hinweg einen strategisch und politisch nahezu völlig unbedeutenden Winkel der Erde zu einem möglichen Auslöser für einen Dritten Weltkrieg zu machen. Die Weigerung der muslimischen Fanatiker, von Riad bis Teheran, sich mit dem israelischen Staat abzufinden, hat ein schwer zu lösendes politisches Problem in einen nicht mehr mit friedlichen Mitteln lösbaren religiösen Krieg transformiert. Dieser Krieg kann nur zwei mögliche Ausgänge haben: entweder Israel wird vernichtet, oder die muslimischen Extremisten, von ISIS über Hamas zum Regime im Iran erleiden eine deutliche und endgültige Niederlage. Alles andere ist eine Illusion, der sich europäische Schöngeister gerne hingeben mögen, Realität besitzt sie keine. Dies alles kristallisiert sich im Status von Jerusalem als Hauptstadt Israels. Im Online Magazin „Die Jüdische“ wird der palästinensische Politiker Mahmoud Habbash zitiert:

„Das geschichtliche Jerusalem fassen wir unserem Glauben gemäß – und es ist unser Narrativ – versuchen Sie nicht unser Narrativ zu berühren, Sie sollten unser Narrativ respektieren, wir respektieren ja auch Ihr Narrativ. Als Moslem betrachte ich die gesamte Al-Aqsa-Moschee inklusive der Al Buraq Mauer (der Klagemauer, Anm. der Red.) als Teil meiner Religion, als Teil meines Glaubens.“

Die Unsinnigkeit eines solchen Statements, das versucht einen absoluten Wahrheitsanspruch als postmodernes „Narrativ“ zu verkaufen, hat mit rationalen Argumenten nichts zu tun und weigert sich auch solche als Grundlage irgendeiner Kommunikation zu akzeptieren. Mit solchen Leuten wird es keinen Frieden geben, sondern nur den nächsten Krieg. Jeder, der in solchen Momenten von „zwei Seiten“ spricht hat das totalitäre Kalkül der einen Seite bereits als Bedingung integriert.

Für alle israelischen Regierungen, dieser und der Zukunft wird es unmöglich sein, Jerusalem aufzugeben, obwohl dies eine der zentralen Bedingungen der palästinensischen Seite ist, die genau weiß, dass sie damit eine nicht einlösbare Forderung stellt. Die Schlacht um Jerusalem hat erneut begonnen und wie viele Opfer sie fordern wird weiß niemand. Warum und wieso dieser Krieg notwendig ist und ob Jerusalem das wirklich wert ist, ist als Frage kaum noch von Belang.  Mit Salah Ad-Din kann man nur sagen, dass Jerusalem „Nichts“ oder „Alles“ wert ist, beides zugleich und nebeneinander.

Kategorien:Culture and War
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