Startseite > Culture and War > In Memoriam Amy Winehouse

In Memoriam Amy Winehouse

Am 23. Juli jährt sich der Todestag von Amy Winehouse zum zweiten Mal. Ein verspäteter Nachruf.

I thought there’d be fireworks
I expected changes
I thought there’d be trumpets
Sweetest soul sensations

Lightning Seeds, Sweetest soul sensations

1.

In Lara Del Rays Video zu ihrem Song „Born to Die“ brennt die prinzessinnenhafte Sängerin mit einem jungen Mann durch, der aussieht wie ein Heroinsüchtiger: hager, mit Tätowierungen auf den nackten Oberarmen, gepiercten Ohrringen und einer undefinierbaren Frisur. Der Sturm zwischen Prinzessin und Junkie endet natürlich tödlich, in einem Verkehrsunfall, untermauert von Lara Del Rays Bekenntnis, sie wären geboren zu sterben. Die Phantasie, die dahinter steckt ist für mich zumindest sehr rätselhaft, aber wegen des großen Erfolgs dieser Popoper scheinbar weit verbreitet. Die magische Anziehungskraft ausgemergelter Heroinaddicts auf so ausnehmend schöne Frauen wie Lara Del Ray und solche, die sich in diesem System imaginärer Repräsentationen wiederfinden, muss jedenfalls groß sein. Ich musste an dieses Video immer wieder denken, als ich letztens die beiden offiziellen Studioalben von Amy Winehouse, „Frank“ und „Back to Black“ zu Hause und auf meinem I-Pod genauer untersuchte.

Ich habe Amy Winehouse, solange sie lebte nicht wirklich wahr genommen, das muss ich zu meiner Schande gestehen. Obwohl ihre Songs im Radio sehr häufig gespielt wurden, und sie natürlich durch ihren 60er Jahre Sound deutlich heraus stachen, war mir wohl der Celebrity Charakter ihrer Vermarktung zu unangenehm, um mich näher damit zu beschäftigen. Es kann aber auch daran liegen, dass große Kunstwerke zum Zeitpunkt ihrer erstmaligen Erscheinung selten als solche wirklich sichtbar sind. Von machen Dingen muss man sich in jeder Hinsicht entfernen, um ihre tatsächliche Größe wirklich ermessen zu können.

Der Tod von Amy Winehouse selbst war ein Ereignis, das mich kaum berührte. Popstars und Celebrities, die sich zu Tode saufen, durch Überdosen ins Jenseits befördern oder sich mit anderen Mitteln das Leben nehmen, machen das normalerweise unterhalb meines Radars. Michael Jackson war da eine Ausnahme, aber im Allgemeinen ist der Tod eines Menschen, der durch Skandale und Exzesse in der Öffentlichkeit bedeutsam wird, für mich kaum ein Grund ihn wahrzunehmen.

Nimmt man das in veröffentlichten Publikationen gezeichnete Bild ernst, unterscheidet sich die Karriere von Amy Winehouse nicht unbedingt außergewöhnlich von vergleichbaren Künstlern. Aus unauffälligen Verhältnissen der unteren Mittelschicht kommend, der Vater ein Taxifahrer, die Mutter Apothekerin,  fällt sie vor allem als Schulabbrecherin auf. Sie erregt erste Bekanntheit als Jazzsingerin, und gilt bereits vor ihrem 20. Lebensjahr als exzessive Alkoholikerin. R’n’B statt Rock’n’Roll, aber eine Drogenkarriere ist auf jeden Fall bereits in frühen Jahren deutlich vorgezeichnet. Warum, darüber kann man nur spekulieren, aber in einem Song des Soulpoeten Aloe Blacc, „I need a dollar“ heißt es treffend:

“Who can help me take away my sorrow?
Maybe its inside the bottle…”

Amy Winehouse war zwei Jahre lang mit einem gewisser Blake Fielder-Civil verheiratet, der exakt jenem Muster entspricht, das in Lara Del Rays Video „Born to Die“ auftaucht: ein hagerer Mann mit tätowierten Oberarmen, schütterer Frisur und einem Hang zu harten Drogen. Er soll nach eigenen Angaben Amy Winehouse mit Heroin versorgt haben, obwohl sie nach ihrer Trennung 2009 davon los gekommen sein soll. Warum eine so talentierte Frau wie Amy sich in solch selbst zerstörende Beziehungen begab mag mit ihrem schlechten Urteilsvermögen zusammen hängen, aber womöglich war dieser Junkie der einzige Mensch von dem sie glaubte, dass er sie verstand. Whitney Houston war 20 Jahre älter, aber anscheinend nicht klüger, als sie sich immer wieder in die Fänge von Bobby Brown begab und in den Wirren der drogenverseuchten Exzesse in der Badewanne starb: einsam, verzweifelt, hoffnungslos. Möglicherweise ist der Zustand solcher Existenzen auch für niemanden außerhalb nachvollziehbar, umgeben von gierigen Profiteuren und öffentlicher Zurschaustellung der intimsten und privatesten Bedürfnisse. Liebe und Stabilität wird in solchen Momenten nur von den Menschen garantiert, die dieselben Probleme haben, aber natürlich keine Lösung dafür anbieten können.  Es mag geradezu zynisch klingen, aber dennoch ist es wahr: Aus dem Lampenfieber, das wie ein Alpdruck auf der Seele lastet und nur durch exzessiven Alkoholmissbrauch zeitweise überwunden werden kann, aus der Angst vor dem Versagen, der ständigen Furcht nicht gut genug zu sein, den psychischen Krisen nach dem Erfolg, der sich vielleicht nie mehr wiederholen lässt, dem schlechten Selbstwert, der aus gescheiterten Beziehungen folgt, dem Gefühl einsam zu sein und niemals richtig geliebt werden zu können, daraus entstand bei Amy Winehouse große Kunst. Kunst, das sollte man hier festhalten, große Kunst entsteht fast nur aus Konflikten, tödlichen Widersprüchen und innerer Unruhe, kaum aus einem satten Leben und zufriedener Selbstsicherheit. Nur so lässt sich verstehen, dass eine Amy Winehouse früh sterben musste, aber ein Langeweiler wie Mick Hucknall alias Simply Red ein langes Leben in uninteressanter Soundbehübschung führt.

Soul Music im Speziellen ist ein Medium der Negativität.  Den Sängerinnen und Sängern des Soul ist es beschieden, in Schönheit zu sterben, am Leben selbst zu Grunde zu gehen, born to die. Was bei Genres wie dem Punk oder Metal, ein Schreien und ein Kotzen ist, das Wälzen in den eigenen Exkrementen bei ohrenbetäubender Kakophonie, muss im Soul zu unerträglicher Schönheit transzendiert werden. Die Schilderung von Tod, Rassismus, Gewalt und Demütigung, wird gekleidet in ein Meer aus Harmonien, Grooves und Geigen, das uns dazu zwingt Gefühle nicht einfach auszudrücken, sondern aktiv zu bearbeiten. Sam Cooke’s Klassiker „A Change is Gonna Come“, schildert das lebenslange Davon laufen des Erzählers vor Rassismus, Gewalt und Demütigung, einzig und allein getröstet von der Sicherheit, dass sich irgendwann alles ändern wird. In „Right on for the darkness“ verarbeitete Curtis Mayfield 1973 seine traumatischen Erfahrungen als Soldat im Vietnamkrieg als sublim-düstere Sinfonie der Gedanken eines Sterbenden, der zwischen Leichen liegend auf den Tod wartet. Ein  rhythmisches Funkgitarrenriff bildet den harmonischen Träger der Falsettstimme von Curtis Mayfield, bis ein düsterer Orchestersound übernimmt und das Sterben des Erzählers musikalisch zu Ende bringt. Das Seufzen der bedrängten Kreatur ist durch den Soul eine eigene Kunstform geworden. Worum es dabei geht ist jedoch nicht Soundbehübschung des Unerträglichen, nicht Ästhetisierung des Schrecklichen, sondern die Wiedergewinnung des eigenen Menschseins im Angesicht des Unmenschlichen. Soulmusic war selten rebellisch oder revolutionär, sondern stellte die Reflexion vor den Willen zur Macht. Der Widerstand gegen den allgegenwärtigen Rassismus wurde  als spirituelle Ressource zur Verfügung gestellt, die den Hass durch eine universalistische Ästhetik überwinden wollte. Im Soul wurde etwas benannt, durchlebt und musikalisch verarbeitet. Alle ästhetischen Mittel, die den Soundproduzenten zur Verfügung standen, wurden dafür aufgewendet, für jede Emotion eine musikalische Ausdrucksform zu suchen, die sich harmonisch und kontrapunktisch einsetzen ließ. Marlena Shaw beschrieb 1969 in „Woman of the Ghetto“ die unerträglichen Kreisläufe von Gewalt, Prostitution und Drogensucht, den Nöten von Frauen, die mit ihren Kindern allein gelassen werden und sang gleichzeitig von Stolz und Überlebenswillen. Eine ähnliche Thematik bearbeiteten Rose Royce 1976 in „Keep on Keepin‘ on“, einem Song, den Motown Legende Norman Whitfield für die Band geschrieben hatte. Sängerin Gwen Dickey erzählt von den Widrigkeiten des Lebens, den Selbstzweifeln und Niederlagen, aber getragen vom Willen irgendwie weiter zu machen, begleitet von einem brillanten Gitarrenpart, der gegen das Orchester mit Staccato und Wahwah Effekten arbeitet. Das Arrangement  bildet ein harmonisches Äquivalent zur dominanten Stimme. Soulmusic ist darum ebenso viel Arrangement wie Songwriting. Form und Inhalt sind immer im Gleichgewicht, die Stimme ein besonderes Instrument, das durch eine entsprechende Soundkulisse ideal zur Geltung gebracht werden will. Soul ist die große ästhetische Vollendung der afroamerikanischen Musiktradition, die sich in die Archive der westlichen Kultur hinein geschrieben hat. Soul ist die Seele der populären Musik.

2.

„Frank“, das Debutalbum von Amy Winehouse aus dem Jahre 2003 ist noch sehr in ihren Wurzeln als Jazzsängerin verhaftet. Die Arrangements sind von Produzent Salaam Remi danach ausgerichtet worden, ihrer Stimme ein festes Fundament zu geben, man merkt den Charakter des Ausprobierens. Es ist eine Sammlung von Versuchen über die Fusion von Jazz und an HipHop und House orientierten Grooves, die Amy die Gelegenheit gab ihre eigene Ausdrucksform zu suchen. Es ist noch nicht Soul, sondern die Platte einer jungen Künstlerin, die nach ihren Möglichkeiten sucht (und diese findet).

Das von Mark Ronson und Salaam Remi produzierte Album „Back to Black“ erschien 2006 und darf heute schon als Klassiker gelten. Mark Ronson ist ein Produzent, der damit bekannt wurde, ästhetisch fest verankerten Popsongs eine neue Soundgestalt zu geben. Herausragend gelang ihm dies wohl mit Bob Dylans „You’ll go your way and I‘ll go mine“. Seine Vorliebe für Bläserarrangements verweist auf eine intensive Auseinandersetzung mit dem New Orleans Jazz, die er immer wieder geschickt in seine Soundteppiche einwebt. Die Zusammenarbeit für „Back to Black“ zwischen Ronson und Winehouse ist ein klassischer Glücksfall. Während Ronson endlich eine Künstlerin an seinen Soundteppichen entlang führen konnte, um das Potential ihrer Stimme ganz auszuschöpfen, war für Winehouse der richtige Moment gekommen, von der Phase der Experimente zu einem eigenständigen Stil zu finden. Amy Winehouse hatte an Selbstsicherheit gewonnen, ihre Stimme klang voll und souverän. Mit ihrer Beehive Frisur stellte sie auch optisch einen Bezug zu den Look and Feel Designs des Souls der 60er Jahre her. Aus den Einflüssen von Dinah Washington und Billie Holiday war endgültig Amy Winehouse geworden.

Back to Black“ ist das Zentrum des Albums. Es ist eine bittere Reflexion über die Einsamkeit nach dem Verlassen werden. Ronsons Arrangement achtet sorgsam darauf, dass ihre Stimme deutlich isoliert wird, die Instrumente, das Piano, die Gitarre und die Streicher antworten mit den Background Vocals abwechselnd auf die sich langsam steigernden Schmerzen der allein gelassenen. Von der Bitterkeit, dass er sich keine Zeit gelassen hätte Bedauern zu äußern bis zur völligen Verzweiflung darüber, dass sie sich nur noch ins Dunkel der eigenen Einsamkeit zurück ziehen kann, dauert es ganze vier Minuten. Aber die seelische Qual der Depression ist nichtsdestotrotz irreversibel.

Der gigantische Erfolg von „Back to Black“ kam möglicherweise zu früh. Was folgte war die desaströse Ehe mit dem Junkie, der unaufhaltbare Druck dieses Meisterwerk nochmals toppen zu müssen, der Absturz in die Alkoholsucht und schließlich die Überdosis und der Tod. Amy Winehouse war an sich selbst zerbrochen. In ihrer Musik wird etwas von diesem Schmerz transzendiert, nicht die Hoffnung auf etwas Besseres, sondern nur die ästhetische Lösung für die Unerträglichkeit des Seins. Kunst überlebt nicht immer den Künstler, aber das gilt nicht für Amy Winehouse. Ihr Beitrag zum Archiv der großen Bibliothek des Soul wird uns darüber Auskunft erteilen, dass ein Mensch wie sie zu schwach war nur um ihrer selbst willen zu leben. Vielleicht ist es gerade deshalb eine so bittere Ironie, dass ihre Unfähigkeit einfach nur um ihrer selbst willen zu leben und der Schmerz, den sie darüber in ihrer Musik ausdrückte, sie unsterblich gemacht hat.

Kategorien:Culture and War
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: