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Yusuf Islam und das Problem der Freiheit

„Der freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod; und seine Weisheit ist kein Nachsinnen über den Tod, sondern über das Leben.“

Spinoza, Die Ethik  IV Lehrsatz 67

„Be straight. Think right.
But I might die tonight.“

Cat Stevens, But I Might Die Tonight

1.

Im 1971 von Hal Ashby inszenierten Klassiker Harold and Maude geht es um die ungewöhnliche Freundschaft zweier sehr unterschiedlicher Menschen. Harold, ein zutiefst gelangweilter junger Mann aus reichem Haus versucht seine emotional völlig gleichgültige Mutter mit außerordentlich einfallsreich vorgetäuschten Selbstmordversuchen erfolglos zu beeindrucken. Seine Mutter wiederum ist nur damit beschäftigt ihn mit jungen Frauen, die sie für ihn aussucht, zu verkuppeln, die er mit seinen Suizidspektakeln allerdings erfolgreich wieder vertreiben kann. Sein Leben ändert sich, als er Maude trifft, eine höchst agile ältere Frau, die wie er gerne auf Begräbnisse fremder Leute geht, Autos klaut, und ganz nebenbei durch die tätowierte Ziffernkombination auf ihrem Arm als Überlebende der Shoah kenntlich gemacht wird. Maude lehrt Harold seine antiautoritären Impulse nicht bloß passiv als Reaktion auf den Anpassungsdruck seiner Mutter auszuleben, sondern sie in lebensbejahende Selbstbestimmung umzusetzen. Er verliebt sich sogar in sie, doch für Maude sind die gemeinsamen Augenblicke des Glücks nur das Vorspiel für ihren Freitod, mit dem sie Harold in sein eigenes Leben entlässt.

Der Soundtrack des Films wurde aus Songs von Cat Stevens zusammen gestellt, der zu jener Zeit sehr eng mit Hal Ashby befreundet war und viele kreative Inputs für den Film geleistet haben soll. Es ist sehr bemerkenswert, dass der Soundtrack von „Harold and Maude“ trotz des enormen Erfolgs des Films niemals offiziell erschien (bis auf eine limitierte Vinylpressung 2007) und die meisten der Songs erst viele Jahre später auf Alben von Cat Stevens veröffentlicht wurden, darunter auch derjenige, der uns vor allem jetzt interessieren soll. Einer der zentralen Titel in „Harold and Maude“ und im Schaffen von Cat Stevens ist „If you want to sing out, sing out“. Hier zunächst der vollständige Text:

http://en.wikipedia.org/wiki/If_You_Want_to_Sing_Out,_Sing_Out

If you want to sing out, sing out
And if you want to be free, be free
‚Cause there’s a million things to be
You know that there are

And if you want to live high, live high
And if you want to live low, live low
‚Cause there’s a million ways to go
You know that there are

You can do what you want
The opportunity’s on
And if you can find a new way
You can do it today
You can make it all true
And you can make it undo
You see ah ah ah
Its easy ah ah ah
You only need to know

Well if you want to say yes, say yes
And if you want to say no, say no
‚Cause there’s a million ways to go
You know that there are

And if you want to be me, be me
And if you want to be you, be you
‚Cause there’s a million things to do
You know that there are

Well, if you want to sing out, sing out
And if you want to be free, be free
‚Cause there’s a million things to be

You know that there are

2.

1977 konvertierte der griechisch stämmige Cat Stevens zum Islam und nannte sich einige Zeit später Yusuf Islam, ein für Konvertiten durchaus üblicher Identitätswechsel. Er zog sich für mindestens ein Jahrzehnt völlig aus dem Musikgeschäft zurück, heiratete eine muslimische Frau, bekam Kinder und widmete sich ganz seiner Religion. Die einzige öffentliche Äußerung, die größeres Aufsehen erregte, war seine Stellungnahme zur Affäre um Salman Rushdies Buch „Die satanischen Verse“. Einerseits erklärte er in einem Interview fürs Fernsehen, dass er keinen Mord an Rushdie zur Vollstreckung des Urteils von Khomenei befürwortete, aber in einer Presseerklärung teilte er der Öffentlichkeit mit, er würde die nach islamischem Recht vorgesehene Strafe für Blasphemie für Rushdie unterstützen. Warum das zwei unterschiedliche Dinge sein sollen, nachdem die für Blasphemie geforderte Strafe im Koran die Todesstrafe ist, erklärte er nicht.

Yusuf Islam, der sich auf seiner Webseite als Philanthrop und Humanist präsentiert, lebt einen – für Konvertiten typisch – sehr rigiden Islam. Seine gesamte Lebensauffassung steht in einem völligen Gegensatz zu der in „If you want to sing out, sing out“ ausgedrückten Freizügigkeit, aber Yusuf Islam, das sei hier nachdrücklich betont ist nicht der Gegensatz von Cat Stevens.

Anders als man vermuten möchte setzt sich in Yusuf Islam nur eine konservative Variante von Cat Stevens durch, die bereits vor seiner Konversion deutlich zutage getreten war.

Sein vermutlich bekanntester Titel „Father and Son“ trägt schon den Keim des Reaktionären in sich. Oberflächlich betrachtet ist „Father and Son“ ein Song über den Loslösungsprozess eines jungen Mannes von seinem Vater, der ihn davon überzeugen will, seine Flausen aufzugeben und sich auf ein bürgerliches Leben mit Familie einzustellen. Verstörend daran ist nur, dass der Song abwechselnd die jeweilige Perspektive von Vater und Sohn einnimmt, und der Dialog zwischen beiden quasi zu einem monologischen Diskurs verschmilzt. „Father and Son“ beschreibt eben nicht wie sich der Sohn vom Vater löst, sondern wie er im Über-Ich des Vaters aufgeht. Das symbolische Überleben des Vaters in der Revolte, die Unmöglichkeit des erfolgreichen Aufbegehrens gegen seine Macht hat Freud eng mit dem Begriff des Todestriebs verknüpft.

Cat Stevens verkörpert darum wie kaum jemand sonst die unvollendete Rebellion gegen die Vaterfiguren jener Zeit, die ihren langen Schatten über die Hippieära warf. Aus Rebellion wurde eine Flucht in Esoterik, Drogen oder organisierte Religion. Es verwundert nicht, dass Punks und die ganze Kultur des Punk nichts so sehr hassten, wie den in Blümchen verliebten Opportunismus der Hippies. Als die Sex Pistols 1977 „No Future“ zur Parole machten, konvertierte Cat Stevens zum Islam. Die lange Suche nach Geborgenheit war endlich vorbei, das Ende der Angst ein einsames Individuum sein zu müssen in Reichweite.

Bis dahin war der Großteil des veröffentlichten Werkes von Cat Stevens von einer tiefen Todessehnsucht erfüllt gewesen, einer tiefsitzenden Angst vor Einsamkeit, die das Sterben als Erlösung betrachtet, weil es der völligen Einsamkeit und der Verantwortung dafür entkommen will. Dass einem Künstler wie Cat Stevens genau deswegen unglaublich berührende Momente gelangen, in denen eine Aufforderung wie „Don’t be shy“ wie ein melancholisches Loslassen zum Tod klingt („Don’t wear fear or nobody will know you’re there“), ist darum kein Widerspruch. In „Peace Train“, einem Song, den er auch als Yusuf Islam noch gerne singt, heißt es:

Cause out on the edge of darkness,
There rides a peace train.
Oh, peace train take this country.
Come take me home again.

Die Sehnsucht nach dem Tod wird durch einen „Peace Train“ sublimiert, der einen wieder heim bringt,  in der Beschwörung eines „there“, „where all of us belong“. Es erstaunt, dass jemand mit so einer Schlagseite ausgerechnet eine beinahe vitalistische Hymne wie „If you want sing out, sing out“ erschaffen kann, aber allein die komplizierte Veröffentlichungsgeschichte dieses Songs spricht Bände darüber, dass Cat Stevens von der ideologischen Konsequenz, die er in „If you want to sing out, sing out“ ausbuchstabiert, zu Tode erschrocken gewesen sein muss. Das kann durch die Tatsache belegt werden, dass der Song jahrzehntelang nicht auf einem seiner eigenen Tonträger zu finden war. Cat Stevens verweigert bis heute eine offizielle Veröffentlichung des „Harold and Maude“ Materials in Form eines Original Soundtracks.

3.

Was ist Freiheit?

In einem sehr strikten Sinn gibt es auf diese Frage keine Antwort. Banale Erklärungsversuche würden darauf hinaus laufen zu sagen, das sei deshalb so, weil jeder etwas anderes darunter versteht, aber das trägt nichts dazu bei zu verstehen warum das so sein muss. Der Begriff der Freiheit gehört zu jenen Termini, die der französische Philosoph Etienne Balibar einmal als „Maitre Mots“ bezeichnet hat, als Herrenwörter, angelehnt an den Term des Herrensignifikanten bei Lacan in der Tradition de Saussures. „Maitre Mots“ sind Wörter wie Glück, Wahrheit, Gott, Mensch, Frieden, Schönheit, Wissen, Vernunft oder Liebe. (Die Liste ist selbstverständlich unvollständig und kann beliebig erweitert werden.) Allen diesen Begriffen ist gemeinsam, dass wie man sagt „jeder etwas anderes darunter versteht“. Ein „Maitre Mot“ ist ein Wort, das nichts Konkretes bezeichnet, sondern eine ideologische Voraussetzung dafür ist,  dass seine universale Bedeutung vollkommen individuell interpretiert werden kann. Anders gesagt: Die Tatsache, dass jeder etwas anderes unter dem Wort verstehen kann ist selbst das Phänomen, das es beschreiben will. Freiheit ist der Prozess, der Individuen ermöglicht Differenz zu leben ohne von den Notwendigkeiten des sozialen Netzwerks entbunden zu sein. Wenn wir also wissen wollen, was Freiheit ist, nützt es weniger irgendeine Definition von Freiheit zu liefern, sondern sich darüber im Klaren zu werden, welches Problem der Begriff der Freiheit induziert.

Im Fall von Cat Stevens lässt sich dieses Problem in genau einem Satz ausdrücken:

There’s a million ways to go.”

Spinoza wird der Satz zugeschrieben, dass jede Bestimmung eine Verneinung ist. Die schiere Anzahl einer Million Wege macht keinen Unterschied, wenn ich genau einen gehen muss.

Welchen gehe ich? Welcher ist richtig? Gibt es überhaupt einen, der richtig ist? Das Problem der Freiheit ist, dass wir nicht wissen, ob wir richtige Entscheidungen treffen, bis wir sie getroffen haben. Das Drama der modernen menschlichen Existenz besteht letztlich darin, in der Epoche exakter Wissenschaft und präziser Algorithmen keine tatsächliche Gewissheit zu besitzen. Je genauer wir messen, je präziser wir berechnen, je desto weniger wissen wir wirklich etwas und es sind Zweifel, Skepsis und (Un)Wahrscheinlichkeit die so etwas wie die Paradigmen der „Million ways“ bilden. Freiheit bedeutet in einer technisierten, kapitalistischen Welt Entscheidung unter Unsicherheit.

Wenn ich mich für einen Weg unter Millionen entscheiden muss, muss ich alle anderen aufgeben und werde nie erfahren, was sie für mich bedeutet hätten. Etwa zur gleichen Zeit als Cat Stevens Moslem wurde, schloss sich Bob Dylan einer evangelikalen Sekte an. Aber anders als Cat hatte Dylan 15 Jahre früher auf die Frage „How many roads must a man walk down“ mit Ambivalenz geantwortet. Cat Stevens wollte eine definitive Antwort und fand sie. Ich fand seine Musik schöner, als er sie noch suchte.

Kategorien:Culture and War
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