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Leben und Sterben in Abbottabad – Über Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“

„I don‘ t think people believe in the devil. (…) And so therefore they don’t believe in a punishment after they’re dead. So my question was for me what are people really believing? Or better: What are people really fearing?  And that is: physical pain.”

Fritz Lang

„I was surprised to learn women were at the centre of this hunt. And I was sort of surprised that I was surprised.”

Kathryn Bigelow

Ein Mann betritt das Zimmer seines Vorgesetzten, eines hochrangigen CIA Beamten, der gerade in seinem Büro auf einem Teppich kniet und das Mittagsgebet spricht, so wie das hunderte Millionen praktizierende Moslems auch tun. Bevor man als Zuschauer dieses interessante Detail realisiert hat, ein hoher Beamter des amerikanischen Geheimdienstapparates ist praktizierender Moslem,  geht die Handlung bereits weiter, ohne dass nachher jemals wieder darauf Bezug genommen wird.  Es sind kleine Szenen wie diese, die „Zero Dark Thirty“ zu einem großen Film machen, der uns mehr über den inneren Zustand der westlichen Zivilisation erzählen wird, als über einen ominösen Bösewicht, der am Ende des Films erschossen wird. „Zero Dark Thirty“ gliedert sich in drei etwa gleich lange Teile, die formal betrachtet jeder für sich einen eigenen Film ergeben, und den War on Terror aus drei unterschiedlichen Perspektiven schildern, die durch die Hauptfigur zusammen gehalten werden.

In den ersten 30 Minuten schildert Bigelow die Hölle: Ein Mann namens Ammar, der verdächtigt wird mit Al Quaeda in Verbindung zu stehen, wird mittels Waterboarding gefoltert, in eine enge Kiste gesperrt, mit Schlafentzug gequält, in dem man in unregelmäßigen Abständen Heavy Metal Musik in unerträglicher Lautstärke spielt, während er an Armen aufgehängt, nackt in seinen eigenen Exkrementen liegt.

Die Heldin des Films, die CIA Agentin Maya (Jessica Chastain) muss sich in dieser Umgebung erst zu Recht finden. Ihr Kollege Dan (Jason Clarke), geübt in den „enhanced interrogation techniques“  verspricht ihr (und Ammar) zwar: „Everbody breaks. That’s biology, man!“, aber selbst unter Folter brechen nicht alle sofort zusammen. Ammar schreit und bettelt, so lange, bis es für uns Zuschauer schlicht unerträglich wird, aber er redet nicht. Erst durch einen simplen Trick, den Maya sich ausdenkt, bringt sie Ammar dazu ohne Folter oder Androhung von Gewalt zu kooperieren und ihr ein wichtiges Stück Information preis zu geben, das ihr helfen wird auf die Spur Bin Ladens zu kommen. Viele, auch amerikanische Kommentatoren haben diese Passage des Films schlicht übersehen, als sie sich in absurde Debatten verwickelten, ob Regisseurin Kathryn Bigelow in ihrem Film eigentlich für die Anwendung von Folter plädiere. Es gehört zu den Stärken des Films, dass er die Szenen der Folter und Erniedrigung weder beschönigt, noch rechtfertigt. Als Zuschauer sind wir damit konfrontiert, dass Folter eine Praxis der Strafverfolgung ist, die sich außerhalb des Rechtstaats bewegt. Bigelow führt uns durch mehrere solcher „CIA Black Sites“ in Pakistan, Afghanistan und einem Schiff in einem polnischen Hafen, in dem Gefangene des Antiterrorkriegs zur Preisgabe von Informationen festgehalten werden. Viele Offizielle, auch solche, die für die CIA und die amerikanischen Regierung arbeiten, bezweifeln übrigens, dass die Erpressung von Information durch Folter und Androhung von Gewalt tatsächlich brauchbare Ergebnisse für den War on Terror gebracht haben. Was dem Zuschauer jedenfalls in Erinnerung bleibt sind die Bilder von misshandelten Menschen, die man so lieber nicht gesehen hätte. Dan, der Folterer, wird in der Mitte des Films aus diesem Teil der Arbeit aussteigen, weil er es selbst nicht mehr erträgt. „I have seen too many men naked.“ sagt er zu Maya.

Im zweiten Teil erleben wir wie sich aus der kleinen Information, die Maya aus Ammar heraus getrickst hat, eine komplizierte Spurensuche entwickelt, die zeigt, dass die Jagd nach Terroristen in erster Linie Polizeiarbeit ist. Intelligence wie die Amerikaner dazu sagen ist professionelle Informationsverarbeitung. Es werden Telefone abgehört, Verwandtschaftsbeziehungen durch leuchtet, Geldflüsse zurück verfolgt, Akten durchsucht, Protokolle geschrieben und mit Vorgesetzten gestritten. Drehbuchautor Mark Boal soll von CIA Seite ein enorm tiefer Einblick in die Geschichte der Verfolgung Bin Ladens gewährt worden sein und was vor allem verblüfft ist, wie viele Frauen in diesen Prozess eingebunden waren. Maya, die CIA Agentin soll ein reales Vorbild haben und Bigelow inszeniert es so, dass der zweite wichtige Hinweis im Film, der Maya zurück auf die Spur Bin Ladens bringt, nachdem sie ihn fast schon wieder verloren hatte, von einer anderen ehrgeizigen Agentin kommt, die – wie Maya – dort sucht, wo alle anderen etwas übersehen haben.

Bigelow inszeniert ihre Hauptfigur als Professional, über die man nichts Persönliches erfährt, vermutlich auch deshalb, weil es nichts Persönliches zu erfahren gibt. Maya ist eine Einzelgängerin, sie hat kein erkennbares Privat oder Sexualleben und die einzige Art von persönlicher Beziehung die sie im Film eingeht, ist die Freundschaft mit ihrer Kollegin Jessica (Jennifer Ehle), einer weiteren ehrgeizigen Frau im CIA Establishment Pakistans. Jessica und mit ihr sechs andere CIA Offizielle sterben durch ein Selbstmordattentat auf einem CIA Stützpunkt in Afghanistan, eine Falle, die ihnen ein angeblicher Informant über den Verbleib Bin Ladens stellt.

Maya findet schließlich ein Haus in Abbotabad, das mitten im Herz der Militärelite Pakistans liegt. In unmittelbarer Nähe werden die Offiziere der pakistanischen Armee ausgebildet. „It’s their Westpoint, sir!“,  erklärt ein Analytiker dem Chef der CIA. Mayas entscheidende Entdeckung ist das Netz der Kuriere, mit dem sich der innere Zirkel Al-Quaidas nach seiner Vertreibung aus Afghanistan miteinander verständigt hat und das Osama Bin Laden anders als von vielen vermutet nach wie vor kontrolliert. Sie muss ihre Vorgesetzten allerdings erst mühsam davon überzeugen, dass das Haus in Abbotabad tatsächlich der Aufenthaltsort Bin Ladens ist. Es gibt keine konkreten Fotos von Personen oder Gesichtern und die Vorsichtsmaßnahmen der Hausbewohner verhindern Aufnahmen aus der Luft oder durch Satelliten. Es ist einzig allein die Indizienkette, die durch Mayas unermüdliche Arbeit zusammengetragen wurde, die auf den Mastermind Al-Quaidas verweist.

Im dritten Teil des Films wird die Kommandoaktion bis ins Detail geschildert, in der eine Einheit Elitesoldaten, sogenannte Navy Seals, das Gebäude in Abbotabad in der Nacht überfallen und neben Osama Bin Laden noch drei weitere Männer töten. Wieder geht es nicht wie oft in unseriösen Kommentaren behauptet um einen Hurrapatriotismus, sondern um die Schilderung eines Vorgangs durch die sprichwörtlichen Augen der Beteiligten, die mittels Nachsichtgeräten Teil für Teil des Hauses durchkämmen. Bin Laden wird ohne dass man ihn genauer sieht von einem Navy Seal erschossen, in einem Leichensack weggebracht und von Maya endgültig identifiziert. Warum ein Terrorist von Bin Ladens Rang vor den Augen der pakistanischen Elite in Militär und Geheimdienst Jahre lang unbemerkt bleiben konnte, bleibt unbeantwortet. Bigelows Film ist nicht an politischen Fragen interessiert, sondern an Menschen.

Als Maya schließlich erschöpft in das Frachtflugzeug steigt, das sie zu einem Treffen mit ihren Vorgesetzten bringen soll, ist sie wieder ganz allein. Sie ist die einzige Passagierin, als das Flugzeug abhebt und was sie gerade fühlt, weiß niemand, nicht einmal sie selbst.

Was man in den 2 Stunden und 40 Minuten zuvor mit und durch ihre Augen gesehen und erlebt hat ist atemberaubend. Die Faszination des Films geht von ebenso von der Hauptfigur Maya aus, wie von der Konzeption Bigelows auf Filmtechniken weitgehend zu verzichten, die manipulativ sind. Statt Identifikation stiftet sie räumliche Erfahrung, in der alle Figuren deutlich verortet sind. Dass die wichtige Information, die Maya auf die Spur Bin Ladens bringt nicht durch Folter, sondern geschickte Manipulation zustande kommt ist ein weiterer Hinweis von Bigelow, was von den Folterpraktiken der US Regierung im War on Terror zu halten ist. Dass der Gefangene Ammar, dessen brutale Misshandlung wir miterleben, nicht aus Versehen dort einsitzt, wird durch seine schlussendliche Kooperation zwar deutlich, ist aber für die Bewertung der Folterpraktiken unerheblich. Bigelow zeigt uns, was wir wissen müssen, gibt dem Gezeigten aber keinen Spin, was wir davon zu halten haben. Weil sie bei allen Figuren auf eine Schilderung der Person dahinter verzichtet, entsteht Identifikation durch die Handlungen der Figuren selbst und nicht durch eine manipulative Psychologisierung ihrer möglichen Beweggründe. Es gibt keinen Hinweis darauf, warum Maya so besessen und manchmal als einzige auf der Jagd nach Bin Laden ist, und warum sie einem Navy Seal mit auf dem Weg gibt: „You will kill him for me!“ .

Als Zuschauer sind wir dadurch gezwungen uns selbst zu den politischen Prozessen zu verhalten, die psychologischen Beweggründe durch Fragen zu ersetzen, wie wir selbst in solchen Situationen handeln würden, und welchen Sinn der Einsatz von Folter im War on Terror tatsächlich hat. Politischen Geistern, die den Film kritisieren, er wäre unkritisch oder betreibe Propaganda,  sei gesagt, was der amerikanische Journalist und Nahost Reisende Michael Totten in seiner Rezension über Aktivisten schrieb, die vor Kinos Flugblätter verteilten, dass der Film Folter befürworten würde:

„Zero Dark Thirty doesn’t tell anyone what to think. Its shows us what we should think about. (…) Activists, and those with an activist way of thinking, are the ones who have a problem with the neutral and balanced approach—not because they want to be lectured themselves, but because they want to sit in a room where everyone else is being lectured.“

Kategorien:Culture and War
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