KIMJONGILIA

North Korea is one of the world’s most isolated nations. For sixty years, North Koreans have been governed by a totalitarian regime that controls all information entering and leaving the country. A cult of personality surrounds its two recent leaders: first, Kim Il Sung, and now his son, Kim Jong Il. For Kim Jong Il’s 46th birthday, a hybrid red begonia named kimjongilia was created, symbolizing wisdom, love, justice, and peace.

So beginnt die Dokumentation „Komjongilia“ der amerikanischen Filmemacherin N.C. Heikin aus dem Jahre 2009. Anlässlich des Todes des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il empfehle ich allen Interessierten sich diesen Film anzusehen. Kompetentere Einschätzungen zum politischen Erbe Kim Jong Ils, als ich sie leisten könnte,  findet man z.B. hier, hier oder hier. Nordkorea ist nach außen derart isoliert, dass selbst anerkannte Experten nicht genau sagen können, ob das Regime tatsächlich in der Hand eines einzelnen Herrschers ist, so wie man sich die Regime Saddam Husseins im Irak oder das Libyen Ghaddafis vorstellen musste oder ob es von einem größeren Gremium kontrolliert wird. Wenn man die völlige Intransparenz nach außen als Indiz nimmt, muss man wohl davon ausgehen, dass Nordkorea von einer kleinen Elite regiert wird, die durch das dynastische System der Kims an der Spitze ungestört im Hintergrund agieren kann. Nordkoreas politischer Apparat ist derart undurchsichtig, dass sogar Diplomaten des engsten Verbündeten China nur anhand der Aufstellungen der Mächtigen bei öffentlichen Propagandaveranstaltungen vermuten können, ob die Macht eher bei der Partei oder eher bei der Armee liegt. Die verstörenden Bilder der letzten Tage, die trauernde und weinende Menschen an öffentlichen Plätzen in Nordkoreas Hauptstadt Pyöngyang zeigen, vermitteln das Bild eines nach innen völlig stabilen Regimes, das seine Bevölkerung so perfekt manipuliert, dass innerer Widerstand nicht zu existieren scheint. Trotz der Hungersnöte, die seit den 80ern das Land zu einem Schauplatz humanitärer Tragödien macht, die höchstens mit den Katastrophengebieten der Sahelzone und Westafrikas verglichen werden können, erscheint Nordkorea von außen als monolithische Gesellschaft gleich geschalteter Existenzen ohne Individualität und Bedürfnisse. Während sich das Regime nach außen durch farbenprächtige Massenkundgebungen präsentiert, in dem tausende Tänzerinnen und Tänzer in großen Stadien komplexe Figuren bilden, betreibt es im Inneren einen immens aufwändigen Propagandaapparat in dessen Mittelpunkt die Lobpreisung des „geliebten Führers“ steht, der wie der ebenfalls vor kurzem verstorbene Christopher Hitchens anmerkte als Fusion des verstorbenen Vaters, des „großen Führers“  Kim Il Sung mit seinem Sohn Kim Jong Il funktioniert. Der 1994 verstorbene Kim Il Sung ist immer noch offiziell der Präsident Nordkoreas, darum wurde Kim Jong Il von ausländischen Gästen als „Herr Generalsekretär“ (der Arbeiterpartei Nordkoreas) angesprochen. Die gesamte kulturelle Produktion steht im Zeichen der Lobpreisung des „geliebten Führers“. Das Bild, das nach außen vermittelt werden soll ist die völlig Deckungsgleichheit der Bevölkerung mit der Propaganda.

Der Film „Kimjongilia“ widerspricht diesem Bild, indem er verschiedene Menschen zu Wort kommen lässt, die in den letzten zwei Jahrzehnten aus Nordkorea flüchten konnten und seither in Südkorea leben. Was sie zu erzählen haben ist derart schockierend, dass man vieles nicht sofort realisiert. Auf der „Kimjongilia“ Website äußerst sich Frau Heikin darum auch zu Vorwürfen, der Film würde Propaganda betreiben. Sie schreibt: „Only when the dictator in question is of the communist persuasion do these questions even arise.“ Wenn  der Diktator Reputationen im antiimperialistischen Milieu hat ebenfalls. Aber Heikin verfolgt mit ihrem Film nicht die Absicht, aus abstrakten politischen Interessen heraus ein Portrait des politischen Systems Nordkoreas zu destillieren. In „Kimjongilia“ geht es vor allem darum, emotional nachvollziehbare Menschen zu zeigen, die nicht wie jene unverständlichen roboterähnlichen Wesen funktionieren, die an öffentlichen Plätzen um den „geliebten Führer“ weinen. Dass die Menschen Nordkoreas keineswegs widerstandslos der massiven Propaganda begegnen zeigt allein schon die Brutalität und Unmenschlichkeit mit der der gewaltige Terrorapparat vorgehen muss, um Rebellion und Insubordination zu ersticken. Würde die zweifelsohne mächtige Propaganda tatsächlich den Geist und den Verstand der Menschen so vollständig benebeln, wie manche Beobachter vermuten, wäre das Ausmaß an Repression nicht notwendig, das dieser Unrechtsstaat braucht, um am Leben zu bleiben.

Nordkorea entstand als eigenständiger Staat 1948, als der von der Sowjetunion unterstützte Kim Il Sung die Niederlage der Japaner im zweiten Weltkrieg nutzte, die zuvor Kolonialmacht auf der Halbinsel gewesen war. Nach einem Bürgerkrieg mit dem von den USA unterstützten Süden, bei der keine Seite einen entscheidenden Vorteil erringen konnte, einigte man sich ohne Friedensvertrag auf eine Teilung des Landes am berühmten 38. Breitengrad. Der als „demilitarisierte Zone“ bezeichnete Grenzstreifen ist in Wirklichkeit einer der militärisch intensivsten Regionen der Erde. Die Armeen Nord und Südkoreas stehen sich hier in ständiger Alarmbereitschaft gegen über. Diese Grenze ist dank Mauern, elektrischer Zäune, Landminen und Armeepräsenz für Flüchtlinge aus Nordkorea unpassierbar. Die nördliche Grenze zu China ist weniger gesichert, aber China schickt Flüchtlinge aus Nordkorea, die an seiner Grenze aufgegriffen werden wieder zurück. Trotzdem flüchteten in den letzten zwei Jahrzehnten knapp 300.000 Menschen aus Nordkorea über die chinesische Grenze oder den Seeweg im Westen an der koreanischen Bucht vorbei durchs Gelbe Meer nach Südkorea.

Die ungünstigen klimatischen Bedingungen des Landes, niedrige Temperaturen und geringer Niederschlag, dazu die unruhige und stürmische See von Osten und Westen, die Sturm und Flutkatastrophen an den Küsten  verursachen, machen die Landwirtschaft Nordkoreas für Missernten äußerst verwundbar. Aber während Südkorea, das mit den gleichen Voraussetzungen zu recht kommen muss, zu den wohlhabendsten Volkswirtschaften der Welt zählt, wurde Nordkorea seit den 80er Jahren von katastrophalen Hungersnöten und Lebensmittelknappheit heim gesucht. Die für derart isolierte Zonen typische Schwäche an technischer Infrastruktur, der Mangel an Entsalzungsanlagen, Pumpsystemen und modernen Gerätschaften, kombiniert mit bürokratischer Ineffizienz und politischen Fehlentscheidungen verwandelte Nordkorea in eine Diktatur, die seine Bevölkerung mit brutaler Repression, Gedankenkontrolle und Zwangsarbeit unterdrückt und dazu auch noch völlig unfähig ist, die Bevölkerung, die sie von der Welt abschnitt zu ernähren. Dies unterscheidet die Diktatur der Kims sogar noch von den Regimen Gaddafis oder Saddam Husseins. Es erscheint auch nicht völlig unvorstellbar, dass das Regime ab einem bestimmten Zeitpunkt den Hunger bewusst als Waffe einsetzte, um unbotmäßige Regionen wieder unter ihre Gewalt zu bringen, aber dies ist nur eine Vermutung meinerseits, die man mit besseren Informationen über die internen Machtstrukturen belegen müsste.

1995 suchte die Regierung Nordkoreas schließlich um Hilfe bei der UNO an, nachdem die Situation offenbar außer Kontrolle geraten war. Niemand kennt eine halbwegs verlässliche Zahl, wie viele Menschen in Nordkorea verhungert sind, vermutlich wissen es nicht einmal die nordkoreanischen Behörden selbst, aber UNO Stellen soll 1995 von nordkoreanischer Seite mitgeteilt worden sein, dass etwa 350.000  direkt oder indirekt an den Folgen der Hungerkrise gestorben sind. Man kann annehmen, dass diese Zahl eine untere Grenze darstellt, ab der man  – mit ein wenig mehr Informationen – zu schätzen beginnen kann. Alle Versuche der UNO die Verteilung der Hilfsgüter zu kontrollieren, um eine Versorgung der am meisten Not leidenden Menschen zu garantieren wurden vom Regime verhindert. Hilfsgüter im Wert von 2.5 Milliarden Dollar wurden von Nordkoreas Regierung entgegen genommen, aber wer sie bekam und wie sie verteilt wurden, darüber ist nichts bekannt. Worüber man ein wenig mehr weiß, sind die Zwangarbeitslager, die im ganzen Land verteilt politische Gefangene beherbergen. Nach Schätzungen von Beobachtern und Menschenrechtsaktivisten, genaue Zahlen sind auch hier unmöglich zu bestimmen, sollen bis zu 200.000 Menschen in solchen Lagern festgehalten werden.

Die Menschen, die in „Kimjongilia“ ihre Geschichte erzählen sind sehr unterschiedlich, aber alle sind erschütternd und tragisch.

Kang Chol-hwan etwa kam mit 9 Jahren in ein Arbeitslager, wurde mit 19 entlassen und flüchtete ein paar Jahre später. Er war der erste, der mit seiner Geschichte 1992 in die Öffentlichkeit ging und die Existenz des Lagersystems in Nordkorea bestätigte. Er wurde deshalb so jung eingesperrt, weil sein Großvater wegen eines unbekannten Verbrechens verhaftet wurde und die gängige Praxis der politischen Verfolgung in Nordkorea drei Generationen des Delinquenten zur Verantwortung zieht.

Shin Dong-hyuk wurde in einem Gefangenlager geboren und kannte die Außenwelt nur aus den Schilderungen von Mitgefangenen. Er entkam 2006 mit einem Freund, der bei der Überquerung der Grenze durch einen elektrischen Zaun starb.

Byeon Ok-soon, eine junge Frau vom Land erzählt von den großen Hungersnöten in den 90er Jahren, bei der sie fast an Unterernährung und mangelnder medizinischer Versorgung starb. Ihr Bruder trug sie nach China, wollte Medikamente zu seiner Familie zurück bringen, wurde gefasst und öffentlich exekutiert.

Lee Shin, eine Tänzerin und Sängerin wollte Nordkorea verlassen, weil sie aus politischen Gründen keine Karrierechancen hatte, wurde von Schleppern nach China gebracht und als Sexsklavin verkauft, bis sie 5 Jahre später durch die Hilfe christlicher Missionare nach Südkorea flüchten konnte.

Mrs. Kim, eine ehemalige Tänzerin, verlor ihre gesamte Familie, weil sie als mutmaßliche Mitwisserin einer Affäre Kim Jong Ils mit ihrer Freundin anscheinend ein Sicherheitsrisiko darstellte.

Kim Cheol-woong entstammt einer Familie aus der nordkoreanischen Elite und wurde zum Konzertpianisten ausgebildet. Er floh nach China, weil ihn ein Kollege bei den Behörden anzeigte, westliche Musik zu hören. (Es handelte sich um eine CD von Richard Claydermann.) Durch christliche Missionare gelang es auch ihm, sich nach Südkorea abzusetzen.

Park Myung-ho war 20 Jahre lang Offizier der nordkoreanischen Armee, der mit vor Wut zusammen gebissenen Zähnen von bürokratischen Unfähigkeiten, plündernden Soldaten und Bergen von verhungerten Toten erzählt, die von der Armee entsorgt werden mussten. Weil der Landweg nicht passierbar war, floh Park mit seiner gesamten Familie durch Nebel und Untiefen des Gelben Meeres.

„Kimjongilia“ ist ein Film über die Unzerstörbarkeit menschlicher Würde. Das Entsetzen, das einen erfasst, wenn man Menschen zuhört, die solch unvorstellbaren Zuständen entkommen sind, wird nur durch die Hoffnung in seine Schranken gewiesen, dass die totalitäre Diktatur nicht das letzte Wort haben wird. Die Unterdrückung kann beendet und die Unfreiheit überwunden werden. Der im Lager geborene Shin Dong-hyuk  berichtet, dass Bücher ins Lager geschmuggelt wurden, unter anderem eine koreanische Readers Digest Version des „Grafen von Monte Christo“. Diese Geschichte, so berichtet er, habe ihm zum ersten Mal die Idee der Flucht als echte Möglichkeit nahe gelegt. Wenn an den unwahrscheinlichsten Orten unter den furchtbarsten Bedingungen Menschen beginnen können, sich gegen den Terrorapparat aufzulehnen, ist dies nirgends unmöglich. Wir wollen den Menschen Nordkoreas wünschen, dass sie dieses entsetzliche Regime selbst besiegen können, selbst wenn diese Hoffnung schwach ist und wir nichts anderes dazu beitragen können, als das Andenken jener aufrecht zu erhalten, die für diese Hoffnung gestorben sind.

  1. Dezember 29, 2012 um 01:33

    Hi just wanted to give you a brief heads up and let you know a few of the pictures aren’t loading correctly. I’m not sure why but I
    think its a linking issue. I’ve tried it in two different internet browsers and both show the same outcome.

  1. No trackbacks yet.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: