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Idioten und Infizierte – 10 Jahre nach 9/11

Die Vernunft ist ebenso listig als mächtig. Die List besteht überhaupt in der vermittelnden Tätigkeit, welche, indem sie die Objekte ihrer eigenen Natur gemäß aufeinander einwirken und sich aneinander abarbeiten läßt, ohne sich unmittelbar in diesen Prozeß einzumischen, gleichwohl nur ihren Zweck zur Ausführung bringt.

Hegel, Wissenschaft der Logik

 

Hegels Begriff von der „List der Vernunft“ ist ein häufig verwendeter Topos, der grob gesagt ausdrücken soll, dass sich Vernunft in der Geschichte niemals als eigenständiges Subjekt realisiert, sondern als abstrakte Vermittlung zwischen Prozessen stattfindet, die „ihrer eigenen Natur gemäß aufeinander einwirken“. Vernunft existiert, weil sich Menschen, Diskurse, Prozesse „aneinander abarbeiten“. Wenn also am Ende des Tages etwas Vernünftiges heraus kommt, dann nicht deswegen, weil nur vernünftige Personen oder Strukturen miteinander interagieren, sondern weil auch (oder vor allem) Dumme sich an der Realität, die sie vorfinden abarbeiten müssen und diese Arbeit an sich, so die Annahme Hegels, bereits das Ergebnis teleologisch determiniert. Vernunft, oder die Verwirklichung des Weltgeists, wie Hegel sagen würde,  findet ganz kurz gesagt durch die Arbeit von Idioten und Idiotien zu sich. Im Folgenden werden die Anschläge des 11. September als Ausdruck einer „List der Vernunft“ interpretiert, einer Logik der Geschichte, in der sich verschiedene Akteure gegenüber stehen, die mit Vernunft rein gar nichts zu tun haben. Die Arbeit des Begriffs und die damit zusammenhängende Arbeit der Idiotien müsste uns also ermöglichen einige wichtige Fragen an die Ereignisse des 11. September zu stellen, um heraus zu finden wie Idioten und Idiotien zusammen Geschichte  machen.

 

1. Was hat sich verändert?

Am 11. September 2001, so erscheint es uns ein Jahrzehnt später, veränderte sich weniger die Welt selbst, als vor allem unsere Wahrnehmung von ihr. Die mörderischen Anschläge eines islamisch inspirierten Terrorismus stimulierten die neuen Sinnesorgane der weltweiten Netzgesellschaft, die damit ins Zeitalter der Information Wars eintrat, in der kriegerische Auseinandersetzungen sowohl auf Schlachtfeldern als auch auf Fernsehschirmen und Computermonitoren gewonnen werden müssen. Das medienbewusste Auftreten der Terroristen, die mit ihrem perfekten Timing beweisen konnten, wie unglaublich verwundbar eine Weltmacht sein kann, stellte also auch eine Art und Weise dar, Krieg ohne eine organisierte Armee  zu führen, indem der Massenmord als ideologischer Kampf der Ideen vermarktet wurde. Terroranschläge repräsentierten von da an nicht einfach nur ein Modell um möglichst viele Menschen eines bestimmten Adressaten umzubringen, sondern wollten von einigen Empfängern vor allem als dezenter Hinweis auf zahlreiche Missstände verstanden werden. Terroranschläge wurden von vielen Augen als Ausdruck eines politischen Protests betrachtet.  Für die allermeisten Beobachter war der Terroranschlag des 11. September eine symbolische Kastration des Anspruchs der USA (oder des Westens) auf weltweite Hegemonie. Ob Terroranschlag oder nicht, die Tat selbst hatte unmittelbar mit dem politischen Einfluss der US Regierung zu tun, war auf sie zurückzuführen, oder sogar Ursache des Anschlags selbst. Die spätere Wahrnehmung der US Feldzüge in Afghanistan und im Irak bestand eben nicht darin, sie als Reaktion auf die Terroranschläge zu sehen, sondern im Gegenteil, die Terroranschläge wurden als Vorwand betrachtet, den die US Regierung benutzt hatte, um einen Krieg nach dem anderen vom Zaun zu brechen. Aber was 20 Jahre vorher nur in begrenztem Umfang in bestimmten Kreisen ein Thema gewesen wäre, traf im jungen 21. Jahrhundert auf eine seit kurzem eng vernetzte Weltöffentlichkeit.

Der 11. September hatte vor allem den Effekt eine neue Öffentlichkeit zu etablieren, die als System sozialer Netzwerke, Blogosphären und alternativer  Websites das Monopol der Mainstreammedien auf Bedeutungshoheit eine Zeit lang in Frage stellte. Der in diesem Zusammenhang auffälligste Aspekt ist der allergisch zu nennende Antiamerikanismus, der in den Wochen nach den Terroranschlägen diese neue Öffentlichkeit überschwemmte, verkörpert im Hass auf den texanischen Präsidenten im Weißen Haus. Der anfangs noch eher als isolationistisch geltende George W. Bush, der 2000 mit tatkräftiger Unterstützung des Establishments seinen stimmenstärkeren Kontrahenten Al Gore durch das Wahlmännersystem noch aus dem Amt gedrängt hatte, wurde zum meist gehassten Außenpolitiker der Welt. Seine biedere Rhetorik, sein enden wollender  intellektueller Horizont und seine Abhängigkeit von seinen politisch übermächtigen Beratern und Stabschefs, eine Generation von Politikern, die als Neocons bekannt wurden, versetzte ganze Bevölkerungen weltweit in Wut und Rage, wenn nur sein Name fiel. Seine „Bushdoktrin“, die mehr eine Doktrin seines Vizepräsidenten Dick Cheney, seines Verteidigungsministers Donald Rumsfeld und seiner Außenministern Condoleezza Rice gewesen sein muss, führten die USA  zuerst in Afghanistan und schließlich im Irak von einem Desaster ins nächste. Bush galt als „Kretin“ (Hermann L. Gremliza), der Kinderbücher verkehrt herum vorlas, als unfähig komplexere Gedanken zu formulieren geschweige denn sie zu verstehen und der Kriege führte, um den Schatten seines Vaters loszuwerden. Zumindest lautet so wohl die gängige Beurteilung seiner Präsidentschaft. Es war jedoch der Idiot George Bush, und seine Idiotie des „War on Terror“, der eine wesentliche Wahrheit aus ihrer Verdrängung befreien konnte: Dass die  Zivilisation den Terror bekämpfen muss und ihn nicht tolerieren darf, unabhängig davon, ob dadurch das pazifistische Selbstbild der westlichen Welt einen narzisstischen Knacks erhält. Die Bushyears konfrontierten die westlichen Moralprediger, die ihre Sätze gerne mit der Kritik der Imperialismus beginnen und mit der Schuld israelischer Siedlungen für den Nahostkonflikt beenden, mit einer unangenehmen Wahrheit: Die Zivilisation muss auch wenn man sie kritisiert und ihre Doppelmoral verurteilt, trotz alledem gegen ihre Feinde verteidigt werden. Auch das ist eine Beurteilung der Amtszeiten des G.W. Bush, die spätere Generationen anerkennen werden.

Die durch das Internet kursierenden Reaktionen der globalen Netzgesellschaft machten sehr bald nach den Anschlägen angebliche Verschwörungen rund um 9/11 zu einem bizarren kulturellen Ereignis, sprachen von einem „Inside Job“ der US Regierung und ergingen sich in einem obskuren Kult um gefälschte Bilder, unterdrückte Wahrheiten, die Allmacht der Geheimdienste und verborgene Zeichen für die sich rasch esoterisch anmutende Netzbewegungen wie die 9/11 Truther als Sprachrohr anboten. Im bescheuert schönen „Zeitgeist – The Movie“, einem Film der ausschließlich für das Netz produziert worden war, trafen sich die bizarrsten Verschwörungstheorien mit liebevoll ausgearbeiteten Animationen, die nicht nur 9/11, sondern auch gleich den Ursprung der Religionen, das System der Finanzmärkte, die Entstehung des Geldes als eine populistisch Kritik am Zinssystem und die Außenpolitik der USA seit 1900 erklärten (oder glaubten das zu tun) und Millionen Menschen, die bislang keine Ahnung von Geschichte, Wirtschaft oder Politik gehabt hatten, zu Teilnehmern eines globalen Diskurses machten, unterstützt von esoterischer Blauäugigkeit, Antisemitismus und antikapitalistischer linker Rhetorik. Es obliegt den nächsten Generationen, die merkwürdigen Phänomene rund um 9/11 kulturtheoretisch zu verorten.

 

2. Was wollte eigentlich al-Qaida?

Was wollten die Männer, die mehrere Passagierflugzeuge kaperten und in die Zwillingstürme flogen, eigentlich erreichen? Was war das strategische Ziel der Gruppe um Bin Laden, als sie mit einem fürchterlichen Terroranschlag die größte Militärmacht der Geschichte herausforderten? Es liegt auf der Hand, dass es auf diese Frage keine eindeutige Antwort geben kann, vor allem nachdem Osama Bin Laden in seinem Refugium in Pakistan liquidiert wurde. Allerdings lassen sich in groben Zügen einige Erklärungsmuster ausmachen, die jedes für sich oder auch alle gemeinsam der Wahrheit nahe kommen könnten.

In „Europe and Islam“ (2007) kommentiert der große englische Historiker und Islamwissenschaftler Bernhard Lewis das Geschichtsverständnis Bin Ladens, das in seinen Videoadressen an die Weltöffentlichkeit zum Ausdruck kommt. Es ist allgemein bekannt, dass der afghanische Bürgerkrieg gegen die sowjetische Besatzung von amerikanischen Geheimdiensten finanziert wurde, die Waffen, Logistik und Rekrutierungsmaßnahmen über die pakistanische Connection organisierten. Bin Laden war ein wichtiges Scharnier dieser Operationen, der sogar eigenes Geld und jede Menge spirituelle Unterstützung einbrachte. Nach dem Sieg der Taliban und dem Rückzug der Sowjetunion aus Afghanistan war Bin Laden, so Lewis, (durchaus nicht unberechtigt) der Auffassung, nicht die gewaltigen Investitionen der amerikanischen Geheimdienste, sondern er und seine Kumpane wären hauptverantwortlich für die Niederlage der hochgerüsteten Sowjetmacht. Wenn eine Handvoll Mujaheddin in der Lage gewesen sind, die übermächtige Sowjetarmee in die Knie zu zwingen, sollte es ein leichtes sein, die USA, die er wesentlich schwächer einschätzte, zu besiegen. Bin Ladens Gruppe hatte bereits in den 90ern begonnen Anschläge auf Flugzeugträger, Botschaften und Einrichtungen der US Armee zu verüben, und war wohl zum Schluss gekommen, dass sich die amerikanische Reaktion auf einige hilflose militärische Demonstrationen und im Zweifelsfall auf militärischen Rückzug so wie in Somalia reduzieren ließ. Am Beginn von Bin Ladens Krieg gegen den Westen stand also eine, wie sich im Lauf der Zeit heraus stellen sollte,  katastrophale Fehleinschätzung eigener Stärke und der vermeintlichen Schwäche des Gegners. Bin Laden hielt die USA für eine „Soft Power“, weil er Stärke offensichtlich mit Brutalität verwechselte, ein Fehler, der für Menschen aus so extrem hierarchischen und autoritären Gesellschaften typisch ist. Die USA nach dem Untergang der Sowjetunion als „schwächer“ zu betrachten enthüllt nicht nur mangelnde Urteilsfähigkeit, sondern offenbart auch die zentrale Schwachstelle des terroristischen Kalküls. Schon die Nazis hatten ja ihre Verachtung für die Demokratie und die Ideen der Gleichheit mit ihrer Niederlage bezahlt und Bin Ladens Fehleinschätzung setzt die Reihe totalitärer Ideologen fort, die offene Gesellschaften bekämpft haben. Die Stärke der Demokratie, von ihren griechischen Ursprüngen bis zu ihrer kapitalistischen Form, ist es ein System von Konsens entwickelt zu haben, mit der sich flexiblere Politik machen lässt, und optimierbare Entscheidungskalküle seine Richtung bestimmen. (Victor Davis Hansons „Carnage and Culture“ und Phillip Bobbitts „Terror and Consent“ sind zwei Bücher, die in diesem Zusammenhang ausdrücklich erwähnt werden sollten.) Bin Laden, das kann man im Nachhinein recht deutlich feststellen, hatte von der politischen Struktur des Westens, den Entscheidungsprozessen in demokratischen Gesellschaften und den konstitutionellen Vereinbarungen, die sie tragen, nicht die geringste Ahnung. Er knüpfte damit an das weit verbreitete Desinteresse der islamischen Gesellschaften an, was außerislamische Zivilisationen und Kulturen betrifft. Kurz gesagt: Osama Bin Laden war ein Idiot von welthistorischen Dimensionen. Nicht auszudenken, was passiert wäre hätte ein halbwegs intelligenter Mann ein weltweites Terrornetz organisiert.

Lewis beschreibt Bin Ladens theologische Interpretation des Krieges gegen den Westen als Konflikt historischen Ausmaßes, der mindestens seit dem Untergang des Osmanischen Reiches 1921 wütete und einen neuen Höhepunkt durch die Stationierung amerikanischer Truppen im Königreich Saudi-Arabien 1991 erreicht hatte. Die eschatologische Richtung von Bin Ladens Denken wollte es, dass dieser Krieg die historische Mission des Islam erfüllen sollte, nach Jahrhunderten der Demütigung wieder die erste Weltmacht des Planeten zu werden. Der Islam ist wie Tariq Ramadan einmal schrieb eine „Kultur der Erinnerung“, die ihr Selbstbewusstsein aus der historischen Tatsache schöpft einmal ein Weltreich gewesen zu sein. Diese Erinnerung ist so dominant und prägend, dass das Auftauchen Osama Bin Ladens nur aus dieser historischen Dimension verstanden werden kann. Bin Laden hielt sich für einen devoten Nachfolger des Propheten, der wie sein Vorbild die muslimischen Massen in einen großen Krieg zu führen gedachte, mit dem ein weltweites Kalifat errichtet werden sollte. Inwieweit Bin Ladens Version tatsächliche Autorität in Fragen der Koraninterpretation erreichen konnte oder wie authentisch sein Islam wirklich gewesen ist, soll uns nicht weiter interessieren. Sie war wirkungsmächtig genug, um so viele Franchisenehmer des Terrors zu rekrutieren dass die amerikanische und europäische Öffentlichkeit für kurze Zeit zumindest diese Bedrohung sehr ernst nahm. Ein weiterer Aspekt, der mit dem ersten in Zusammenhang steht und ihm keinesfalls widerspricht, ist, dass Bin Ladens Vision eines weltweiten Kalifats sehr eng mit einer spezifischen Selbstwahrnehmung der muslimischen Gesellschaften in der Moderne verknüpft ist. Bernard Lewis betont an mehreren Stellen seines Werkes das tief verankerte Geschichtsbewusstsein der  muslimischen Bevölkerungen, für die wenige Andeutungen genügen, um lebendige historische Bilder und Ereignisse wach zu rufen, die mehr als ein 1300 Jahre zurück liegen, ohne an Relevanz für die eigene Wahrnehmung eingebüßt zu haben. Das muslimische Bewusstsein denkt sich immer noch in imperialen Ausdehnungen und hält jene historische Epochen sehr lebendig, in denen man (zumindest in der eigenen Wahrnehmung) die erste Macht des Planeten gewesen ist. Extremistische Varianten, wie Bin Laden eine darstellt, unterscheiden sich vom Mainstream Islam hauptsächlich dadurch, dass sie die Wiederherstellung dieser einstigen Größe mit messianischem Feuer als allumfassenden Krieg begreifen, während der Mainstream eher eine nostalgische Verklärung der guten alten Zeit daraus macht, aber die Popularität, die Bin Laden und Al-Qaida mit religiösem Fanatismus und antikolonialistischer Rhetorik zeitweise genossen, beweist, dass sie mit ihren prinzipiellen Vorstellungen von Geschichte und Eschatologie an kollektiv vorhandene Narrative andocken konnten. Der Mainstream der muslimischen Bevölkerungen hat weder Lust noch Zeit sich in einem großen historischen Krieg verheizen zu lassen, aber es gibt kollektive Vorstellungen und Narrative, die Bin Laden erfolgreich mobilisieren konnte und mit denen sich in sowohl in moslemischen Ländern wie auch unter moslemischen Migranten im Westen trefflich Politik machen ließ.

Welchem konkreten Ziel der 9/11 Anschlag dienen sollte, kann nur aus den taktischen Überlegungen Bin Ladens abgeleitet werden. In seinen Adressen an die US Regierung, in denen er dem Westen den heiligen Krieg erklärte, gab Bin Laden genau Auskunft wen er alles für einen Feind hielt. Nicht bloß die USA und ihre Regierung, sondern auch das Rote Kreuz, die UNO, Israel und die Juden, große Konzerne und überhaupt Politik oder Organisationen die universelle Menschenrechte und Demokratie zum Ziel hatten. Mit den Anschlägen auf New York wollte Bin Laden nicht nur ein Zeichen setzen, und dem Westen seine Macht demonstrieren, er erwartet sich auch ein ganz konkretes Ergebnis. Die USA und alle westlichen Staaten sollten auf den Terror mit Angst reagieren und ihre Gesellschaften zu Polizeistaaten umrüsten. Das Bild, das er und seine Gefolgsleute vor Augen hatten, muss durch die fürchterlichen Erfahrungen geprägt worden sein, die Leute wie Ayman Al-Zawahiri, in ägyptischen Gefängnissen gemacht hatten. Folter, Repression und Mord waren seit Nasser die Mittel der Wahl um unliebsame Konkurrenten um die Macht auszuschalten. Wenn man sich wundert, welchen Sinn ein Bombenanschlag in zivilem Territorium politisch haben soll, muss man nur nach Israel schauen. Kollektive Angst soll den Staat zu Gegenschlägen bewegen, die ihrerseits zwangsläufig zivile Opfer fordern müssen, die man zu weiteren  Aggressionseinzahlungen in die „Zornbanken“  (Peter Sloterdijk) benutzen kann. Würden nur genug Anschläge in amerikanischen und europäischen Städten stattfinden, würde es – so das Kalkül – zu Pogromen gegen Muslime kommen, das Potential für einen Krieg weiter erhöhen  und das sichere Leben der westlichen Demokratien würde durch Polizei und Überwachung in eine unerträgliche Dimension geschleudert. Der Terror der Al-Qaida diente niemals einem reformistischen Ziel, sondern er sollte als Strategie der Spannung dazu dienen die Entrechtung und Unterdrückung der Muslime im Westen (oder was man als solche wahrnahm) weiter zu erhöhen. Was sich die djihadistischen Strategen erwarteten, war ein innerer Bürgerkrieg der westlichen Staatsapparate gegen die muslimischen Migranten, Angriffe auf Moscheen, willkürliche Morde, Folter, Diskriminierung, Deportierung und Ghettoisierung muslimischer Bevölkerung durch einen wild gewordenen Polizeistaat, ganz ähnlich wie die Reaktion der staatlichen Apparate die arabische Terroristen aus eigener Erfahrung kannten. Doch weder in den USA, noch in Großbritannien noch in Spanien und schon gar nicht in Deutschland fanden diese  Ereignisse statt. Auch oder gerade die Einrichtung von Guantanamo als Lager und Verhörlaboratorium bestätigt dies, weil die Bushregierung eben keine Möglichkeiten hatte, die Verfassung innerhalb der USA außer Kraft zu setzen. Sie musste einen Raum außerhalb des Rechtsstaates finden, in dem sie Foltermethoden wie Waterboarding zur Anwendung bringen konnte. Guantanamo ist bei allem Schrecken, den dieser Ort verbreitet hat, der deutliche Hinweis darauf, dass die Bushregierung trotz des Homeland Security Acts nicht den Rechtsstaat außer Kraft setzen konnte. Nicht anders die Situation in Europa: Statt Repressionsmaßnahmen kamen Islamkonferenzen und staatliche Programme gegen „Islamophobie“, antirassistische Demonstrationen und eine Volksabstimmung gegen zu hohe Minarette, und als Ausgleich dafür Moscheebauten in architektonisch günstigen urbanen Räumen. Wenn die djihadistischen Masterplaner das tatsächlich wahrgenommen haben, muss es eine katastrophale Entwicklung für sie gewesen sein, die nur noch durch bestimmte Entwicklungen des „arabischen Frühlings“ übertroffen wurden. Obwohl die Entwicklungen in den USA und den europäischen Ländern, die von Anschlägen erschüttert wurden, eine Zeitlang Besorgnis erregend gewesen sind, wenn man den Ausbau des Überwachungsapparates, die Befugnisse der Polizei und Geheimdienste und die Einschränkung der Bürgerrechte in den Blick nimmt, kann man ein Jahrzehnt nach 9/11 sagen, dass die befürchteten Entwicklungen nicht stattgefunden haben oder durch aufmerksamen Aktivismus zumindest in Grenzen gehalten worden sind.

Im Film „Ausnahmezustand“ (The Siege, 1998) verwandelt sich New York nach einem islamistischen Terroranschlag in ein militärisches Gefängnis, in dem der böse General (dargestellt von Bruce Willis) eine Diktatur aus Folter, Inhaftierungslager und Spitzelwesen errichtet, bis ihm Denzel Washington das Handwerk legt. Die vorausschauende Warnung, was im Fall des Falles passieren würde, wenn die zivile Gesellschaft sich nicht auf ihre innersten Tugenden besinnen würde, war wohl auch 2001 noch deutlich in Erinnerung geblieben. Die USA und ihre Verbündeten haben Kriege geführt, aber sie haben es dennoch vermieden zu Polizeistaaten zu werden. Wenn es einen Sieg im War on Terror gibt, dann besteht er genau darin, denn die Vernunft „ist ebenso listig als mächtig“.

 

3. Was wollten eigentlich die 9/11 Truther?

Die zahlreichen Verschwörungstheorien, die es um 9/11 gibt haben im Prinzip zwei große Themen gemeinsam. Das eine ist, dass die Bushregierung oder mit ihr verbündete Institutionen den Anschlag selbst geplant, organisiert und durch geführt haben und das andere, dass die Türme nicht durch die Flugzeugeinschläge selbst eingestürzt sein können, sondern durch Sprengungen der Fundamente nachgeholfen werden musste. Diese zwei Prämissen ziehen sich als roter Faden durch unzählige manchmal kompetentere zumeist jedoch idiotische Spekulationen über Baustatik, politische Verwicklungen und Geheimniskrämerei der Behörden. Von 9/11 Verschwörungstheorien Infizierte müssen als unheilbar betrachtet werden, denn es gibt kein Argument mit dem der Zusammenhang einer Verschwörung widerlegt werden kann. Selbst die Abwesenheit von Beweisen wird als Beweis einer Verschwörung interpretiert. Als die unzähligen Dokumente der Wikileaks Veröffentlichungen keinen einzigen Hinweis auf eine Beteiligung der US Regierung an 9/11 zu Tage brachten, reagierte die 9/11 Truth Community mit einem altbewährten Muster: Julian Assange und sein Wikileaks Projekt mussten eine False Flag Operation der CIA und der US Regierung sein, mit der die  Beweise für die 9/11 Verschwörung verborgen werden sollten. Dabei ist es wichtig, immer im Kopf zu behalten, dass einzelne Fakten, die von den 9/11 Truthern gesammelt und ausgebeutet werden durchaus nicht erfunden sein müssen. Die Schwierigkeit und unmögliche Aufgabe intellektueller Kritik ist die Melange zu durchschauen, mit der tatsächliche Fakten und frei erfundene  Geschichten kombiniert werden, um den verschwörungstheoretischen Spin zu erzeugen. Die niemals verstummten und immer wieder neu aufgekochten Stories, waren in den Monaten danach nichts weiter als intensiv recherchierte Hintergründe zum Teil bekannter Fakten. Die ersten Beiträge von Mathias Bröckers etwa, dem deutschen Parade 9/11 Truther, die auf Telepolis erschienen, lieferten neben gewagten Spekulationen auch durchaus wertvolle Beiträge zur Geschichte der Neocons und ihrer geostrategischen Fokussierung auf den Nahen Osten. Dass US Regierungen die Taliban gegen die Sowjets unterstützten, hatten aufmerksame Zeitgenossen bereits an Filmen wie „Rambo 3“ bemerken können, der John Rambo nach Afghanistan schickt, um den Mujaheddin gegen die Rote Armee beizustehen und in dessen Abspann zu lesen war, der Film sei „dem tapferen Volk der Afghanen gewidmet“. Es gehört zu den Merkmalen der 9/11 Verschwörungstheoretiker, dass sie viele richtige Fakten sammelten, aber den Kontext mutwillig und aus reinen Propagandazwecken veränderten, in dem diese Fakten gelesen werden mussten. Man muss nur die entsprechenden Texte von Bröckers oder Andreas von Bülow lesen. Die populistischen Tricks mit der 9/11 Truther sich ihre Wahrheit zu Recht biegen ist der Ausdruck einer opportunistischen Pseudokritik, die dazu dient ihre Verfasser in genau jenem Medienmainstream zu etablieren, der angeblich kritisiert werden soll. Aber es geht bei der „Wahrheit“ selten um bestimmte Fakten, sondern um Kontexte, in denen diese Fakten eingebettet sind. Viele Vertreter der Neocons verdrängen bis heute gezielt den Zusammenhang zwischen ihrem Engagement in Afghanistan während der sowjetischen Besatzung und dem Entstehen einer globalen terroristischen Bedrohung,  zuletzt etwa Abe Greenwald im Commentary Magazine. Aber all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass 9/11 Verschwörungstheoretiker zuallererst Idioten sind. Die beste und treffendste Beschreibung  9/11 Truther Idiotie, liefert wie könnte es anders sein, eine Folge der von Trey Parker und Matt Stone erfundenen Zeichentrickserie South Park, Folge 9 der 10. Staffel (die deutsche Version mit dem Titel „Scheiß Paranoia“ findet man hier).

Ihr Clou besteht ganz kurz gesagt darin, dass die 9/11 Verschwörungstheorien eine Verschwörung der US Regierung sind, die von dieser in Umlauf gebracht wurden, um sich als allmächtig und unbesiegbar darzustellen, weil die Wahrheit darin besteht, dass sie in Wirklichkeit unfähig, nachlässig und korrupt ist. Über diesen Kunstgriff gelingt es Trey Parker und Matt Stone den inhärenten Wahnsinn der 9/11 Truther treffend zu beschreiben, und den antisemitischen Grundton der in Phantasien über das Attentat vom 11. September immer schon anwesend war als unbedingte Voraussetzung  kenntlich zu machen. Wer behauptet, dass die Türme nach den Flugzeugunglücken gesprengt worden sein müssen, obwohl kein Fernsehbild jemals einen solchen Beweis erbracht hatte, sieht auch den „Fiddler on the roof“ schemenhaft in den Rauschschwaden über dem World Trade Center.

Einer der erstaunlichsten Aspekte an den Verschwörungstheorien ist ihr Effekt an Depolitisierung, den sie bei Infizierten auslösen. Man hätte erwarten können dass aus der Aufdeckung der größten Verschwörung der Geschichte eine Art Wutbürgerbewegung entsteht, die das politische Kräftegleichgewicht gefährdet, aber stattdessen entstand das Gegenteil. Verschwörungstheoretiker sind die ruhigste und manipulierbarste Form des Staatsbürgers, die es gibt. Jeder Staat kann sich nur möglichst viele solcher paranoiden Individuen wünschen, denn das Bild einer allmächtigen Verschwörung suspendiert politischen Handlungsdruck. Warum das so ist demonstriert eine Dialogzeile aus dem Film „The International“ (2009) des deutschen Regisseurs Tom Tykwer. Dort heißt es: „That’s the difference between truth and fiction. Fiction ist to make sense.“ Dieser Satz allein erklärt warum Verschwörungstheorien, wie sie die 9/11 Truther verbreiten das Gegenteil von Aufklärung sind. Aufklärung (und damit auch Wahrheit)  bedeutet aushalten zu können, dass man die Lücken des Narrativs nicht vollständig  füllen kann. Aufklärung und Wahrheit sind Begriffe, die nicht die ganze Geschichte erzählen können. Manipulierbare Idioten brauchen aber die ganze Geschichte, den „sense“ des Narrativs, und eben nicht die unvollständig bleibende Wahrheit. Oder wie es in Johannes 8, 31-32 heißt: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“

Die Wahrheit, die im Logos, dem Wort steckt, ist die Freiheit auch dort Wahrheit zu erkennen, wo die Vernunft es vermeidet „sich unmittelbar in diesen Prozeß einzumischen.

Kategorien:Culture and War
  1. Ogan
    März 12, 2012 um 11:28

    Halt, kann ich nur sagen. Die sogenannten Verschwörungstheorien sind keine Theorien sondern ein Bündel wissenschaftlich nicht geklärterFragen einmal von den beiden Türmen abgesehen fehlen die Flugzeugteile eines Flugzeuges das über Land abgestürzt ist.

    Es fehlen die Flugzeugteile die zum Flugzeug des Pentagon gehören, oder haben sie schon einen Flugzeugmotor vor dem Pentagon gesehen. Diese sollen angeblich im Gebäude verschwunden sein. ?!

    Das ist doch keine Infektion das ist geistige Verarschung durch die US Regierung diese Dinge kaum erklären zu können.

    Drei Monate vor dem Anschlag wurden die Protokolle der Luftraumverteidigung geändert zuvor wäre so ein Anschlag gar nicht möglich gewesen

    usw usw usw

    Das ist doch keine Theorie mehr

    • Nacer
      November 29, 2012 um 01:09

      There is nothing left to be added!!!

      Und an den Veranlasser:

      Passeggiare col cane è un ottimo diversivo.

  2. Nacer
    November 29, 2012 um 01:03

    Danke!

    Ich frage mich ernsthaft, was diesen Menschen bewogen hat, die Dinge so zu sehen.

    Er startet ja mit einem schönen Zitat, wirklich verstanden hat er es nicht, denn für ihn kann nicht sein, was nicht sein dar, daher sei ihm folgendes ans Herz gelegt.

    „“Aufgeklärt sein heißt: Sich vor sich selbst nicht ängstigen.“

    • Nacer
      November 29, 2012 um 01:05

      es war eine qual diesen „Beitrag“ zu lesen, er hätte nach dem Zitat aufhören sollen.

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