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Slavoj Žižek und die Ideologie des Avatars

Die Ideologie ist eine »Vorstellung« des imaginären Verhältnisses der Individuen zu ihren realen Existenzbedingungen.

Louis Althusser, Ideologie und ideologische Staatsapparate


Der slowenische Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Žižek, der sich als Lacaninterpret seinen Namen gemacht hat, veröffentlichte im April dieses Jahres im Onlinemagazin In These Times einen Beitrag in dem er den Oscargewinner „The Hurt Locker“ einer kritischen Betrachtung unterzog und mit James Camerons „Avatar“ verglich. Der Text erschien deutsch auf der Plattform www.antikrieg.com, dem Ableger der englischsprachigen Website www.antiwar.com, die sich in ihrer Selbstbeschreibung als Zusammenschluss und Medium von „libertarians, pacifists, leftists, ‚greens‘,and independents alike, as well as many on the Right who agree with our opposition to imperialism“ versteht.

Mir persönlich ist antiwar.com aufgefallen, als die Seite lange und verbissen nach möglichen Involvierungen des israelischen Geheimdienstes in die 9/11 Anschläge suchte. Obwohl auch 9/11 Truthers und andere Verschwörungstheoretiker regelmäßig auf antiwar.com publizieren, kann man sie nicht als durchgängig verschwörungstheoretisches Organ qualifizieren. Einer der Protagonisten dieses Scoops, Eric Margolis, schrieb zum Beispiel in einem Beitrag mit dem Titel „9/11 – Die Mutter aller Zufälle“: „Aber ich habe bis zum heutigen Tag auch keine überzeugenden Beweise dafür gesehen, dass 9/11 eine Verschwörung von Amerikas Rechtsextremen oder Israels oder eine gewaltige Vertuschungsaktion  ist.“ Er fand allerdings auch keine dagegen und so firmiert dieses wirre Zeug als denkbare Variante in den paranoiden Universen derer die sich ihrer Opposition zum Imperialismus gewiss sind.  Das redaktionelle Augenmerk liegt eher auf einer  klassisch linken Antiimperialismusdoktrin, deren Hauptverdächtige die USA und Israel sind. Die üblichen Israelkritiker John Pilger oder Uri Avnery sind regelmäßige Kolumnisten. Aber zurück zum Anfang.

Žižek widerspricht in seinem Text einer gängigen Auffassung wonach der Gewinn des Oscars für den Besten Film für Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“ eine Trendwende Hollywoods darstelle kreative Einzelleistungen und unabhängige Produktionen besser zu würdigen, und kritisiert, dass der Film „die Schrecken des Krieges kaschiert“ und einen „weichgezeichneten Krieg“ zeige. „Avatar“ lobt Žižek hingegen sehr:  „Mit allen seinen Mystifikationen ergreift Avatar klar Partei für diejenigen, die gegen den globalen militärisch-industriellen Komplex auftreten, indem es die Armee der Supermacht als eine Kraft der brutalen Zerstörung porträtiert, die den Interessen der großen Konzerne dient. Auf der anderen Seite präsentiert The Hurt Locker die Armee der Vereinigten Staaten von Amerika auf eine Weise, die viel feiner auf deren öffentliches Image in unserer Zeit der humanitären Interventionen und des militaristischen Pazifismus abgestimmt ist.“

Als zusätzliche Böswichte treten in Žižeks Aufführung auch noch die israelischen Filme „Waltz with Bashir“ von Ari Folman und „Lebanon“ von Samuel Maoz auf denen er vorwirft: „Der Rückblick auf die traumatischen Erfahrungen des Täters ermöglicht uns, den gesamten ethisch-politischen Hintergrund des Konflikts auszublenden: Was hat die israelische Armee tief im Libanon gemacht? Eine derartige „Vermenschlichung“ dient der Vernebelung des entscheidenden Punkts: Die Notwendigkeit der rücksichtslosen Analyse, was wir bei unserer politisch-militärischen Tätigkeit betreiben und worum es dabei geht. Unsere politisch-militärischen Kämpfe sind nicht eine undurchsichtige Geschichte, die brutal unsere intimen persönlichen Lebensläufe unterbricht – sie sind etwas, an dem wir voll und ganz beteiligt sind. “

Ich erwähne dies nur deshalb, weil es an den beiden Filmen einiges zu kritisieren gibt, nur nicht dass sie nicht leisten würden zu beschreiben, was die „die israelische Armee tief im Libanon gemacht“ hat. Das ist nämlich genau ihr Thema. Sie beschreiben aus der Sicht israelischer Soldaten deren Beteiligung an einem Krieg und statt einer „Vermenschlichung“ untersuchen sie das  exakte Gegenteil, die „Entmenschlichung“ junger Männer in einem Vorgang dessen ethisch-politischen Hintergrund sie weder verstehen noch zu reflektieren imstande sind. Beide Filme machen genau das, was Žižek an Kubricks „Full Metal Jacket“ noch so gut fand, nämlich die Entsubjektivierung der Soldaten in einem Krieg zu zeigen, der Situationen produziert auf die sie ihre Ausbildung niemals vorbereiten konnte.

Interessant an seiner Kritik an „The Hurt Locker“  ist darum nicht so sehr seine Ablehnung des Films als kriegsverherrlichendes Pamphlet (was ebenfalls falsch ist), sondern seine positive Bewertung von „Avatar“, dem er wie oben schon erwähnt konstatiert, „klar Partei für diejenigen, die gegen den globalen militärisch-industriellen Komplex auftreten“ zu ergreifen.  Dieser Behauptung wollen wir im Folgenden nachgehen.

Zuvor allerdings noch ein paar Worte zu Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“. Die Schwierigkeit, die manche mit dem Film haben, scheint vor allem darin zu liegen, dass sich aus ihm keine moralische Botschaft ableiten lässt. Krieg und Soldaten sind weder gut noch böse, sondern vor allem professionelle Subjekte in funktionaler Abhängigkeit von Aufgaben und Befehlshierarchien. Alle Figuren, die versuchen eine emotionale Dimension in ihrer Tätigkeit aufzubauen scheitern oder sterben. Ein Militärpsychiater etwa, der einen Einsatz mitmacht und Zivilisten erklären will, was die Armee hier macht wird von einem Sprengsatz getötet, den ein vermeintlicher Schafthirte in einem Sack auf der Straße liegen lässt. Die Hauptfigur, ein Experte für Bombenentschärfung involviert sich in das Schicksal eines irakischen Jungen, der für die Armee arbeitet und findet sich in feindlichen Umgebungen wieder, die ihn umbringen wollen. Menschliche Involvierung ist unmöglich oder hat den Tod zur Folge. Das Motto des Films „War is a drug“ bezieht sich auf Soldaten wie die Hauptfigur, die sich trotz oder gerade wegen der Unmöglichkeit einen „menschlichen“ Aspekt in der Existenz als Soldat zu entdecken, als Junkies ihrer professionellen Tätigkeit wiederfinden. Ihr einziger emotionaler Halt ist die Struktur des militärischen Apparates selbst.  Der Titel des Films geht auf einen umgangssprachlichen Ausdruck unter Soldaten zurück, die ihre Emotionen in einem „Schmerzkasten“ wegsperren. Bigelow zeigt also  entgegen Žižeks Behauptung keine „Vermenschlichung“, sondern das genaue Gegenteil. Man identifiziert sich zwar mit den Figuren, erlebt aber vor allem deren innere Leere und Unfähigkeit außerhalb des Krieges ein normales Leben zu führen. Als der Protagonist heim zu Frau und Kind kommt, steht er in einem Supermarkt vor einem Regal mit Cornflakes Packungen und ist offenbar überfordert aus dem Angebot eine Auswahl zu treffen. Das letzte Bild zeigt ihn wieder bei einem Einsatz im Irak: Er wird sich solange zu weiteren Einsätzen melden, bis er stirbt. Bigelows kompromisslose Darstellung zeigt Soldat sein als permanentes Scheitern außerhalb eines militärischen Apparates zu existieren und weil sie eben darauf verzichtet dem Scheitern einen Sinn geben zu wollen, bewegt sich der Film jenseits einer „ideologischen“ Sichtweise des Krieges. Er zeigt die Notwenigkeit für Soldaten innerhalb der Ideologie des militärischen Apparates funktionieren zu müssen, aber nicht um zu überleben, sondern buchstäblich um zu funktionieren. Funktionalität ist bei Bigelow selbst eine (Über)lebensweise, die den Tod schon transzendiert. Soldaten, wenn sie effektiv sein wollen, müssen funktionieren und nicht unbedingt überleben.

Aber zurück zu  Žižeks Bewertung von „Avatar“. In „Avatar“ wird ein Exoplanet namens Pandora auf dem überdimensional große Ureinwohner in blauer Farbe (die Na’vi) in einem esoterisch aufgeladenen Verhältnis zu ihrer natürlichen Umgebung leben von einem militärisch-industriellen Komplex von der Erde als Rohstofflieferant ausgebeutet. Geklonte Körper von Na’vi Lebewesen können mittels einer Biotechnologie von menschlichen Trägern gesteuert werden. Ein querschnittsgelähmter Soldat erlebt auf diese Weise das Gefühl wieder auf eigenen Beinen laufen zu können. Diese sogenannten Avatare sollen die Na’vi infiltrieren um die industrielle Ausbeutung des Planeten reibungsloser zu gewährleisten, aber der Held schlägt sich mit der Wissenschaftlerin auf die Seite der Unterdrückten. Er verliebt sich in ein Na’vi Mädchen wie John Smith in Pocahontas, die Militärmaschine wird besiegt, die ökologische Katastrophe verhindert und die Na’vi können weiter im Einklang mit ihrer Natur leben.

Was hat Slavoj Žižek hier gesehen? Zunächst die unleugbare Tatsache, dass sich ein großer Hollywoodfilm ganz eindeutig auf die Seite der Ureinwohner stellt, ihre Kultur als Opfer einer bösen menschlichen Macht identifiziert, die ihre Motive aus kapitalistischer Profitgier und militärischer Zerstörungswut schöpft. Und hier beginnt auch schon das Problem. Die Rolle der Na‘vi in dieser Geschichte bleibt nämlich völlig unhinterfragt. Ihre Schilderung als naive Naturburschen und Mädchen, die ihre Rituale im Einklang mit der Natur leben weckt Assoziationen mit den edlen Wilden aus diversen Wolftanzderivaten. Welche internen Probleme diese Gesellschaft (wie jede Gesellschaft) mit den eigenen Lebensbedingungen hat, kommt natürlich nicht vor, weil es das simple Gut-Böse Schema suspendieren würde. Zurück bleibt immer der Geschmack, dass Gesellschaften nur schützenswert sind, wenn man sie als Kultur in einem Spiritusglas archivieren kann, damit sie sich auch ja nicht ändern. Durch die größtenteils animierte und mit Computertechnologie erzeugte äußere Erscheinung der Na‘vi geht auch deren Individualität verloren und die Story erzählt die Geschichte eines Helden, der sich aus metaphysischen Moralbewegungen heraus gegen den zerstörerischen Charakter seiner eigenen Gesellschaft  wendet. So viel Individualität können weder Na’vi noch Indianer jemals entwickeln, sie ist Privileg und Vorrecht genau jener Kultur, die als zerstörerisch, profitorientiert und grausam beschrieben wird. Die Na‘vi bleiben ein individuell verwechselbares Völkchen, deren bloßes Erscheinungsbild schon unmöglich macht aus dem Schatten des kulturalistischen Blicks zu treten.  Einmal Na‘vi, immer Na‘vi. Wenn das nicht Ideologie in Reinkultur und perfekte Mystifikation ist, was dann? Die von Žižek angesprochene „Vermenschlichung“ findet also ausgerechnet in „Avatar“ statt. Während in „The Hurt Locker“, „Waltz with Bashir“ und „Lebanon“ die Konfrontation der Soldaten mit ihrer Wirklichkeit erst möglich macht Ideologie und ideologische Strukturen sichtbar zu machen, weil wie Althusser schreibt „Ideologie (…) das imaginäre Verhältnis der Individuen zu ihren realen Existenzbedingungen repräsentiert“ und alle diese Filme das Imaginäre der Figuren zum Ausgangspunkt ihrer ästhetischen Konzeption machen, findet Žižek in „Avatar“ keinen Grund nach Ideologie zu forschen, weil es ihm politisch zufällig in den Kram passt.

Žižek reduziert seinen eigenen Ideologiebegriff, den er bei anderen Gelegenheiten schon wesentlich intelligenter entwickelt hat, auf eine simple inhaltliche Komponente, nämlich die Tatsache, dass in „Avatar“ Partei ergriffen wird gegen den militärisch-industriellen Komplex und die großen Konzerne. Das merkwürdigste Detail an dieser Beobachtung ist, dass diese massive Kritik an der ökologischen Zerstörung und der Vernichtung von Lebensgrundlagen diverser Bewohner industriell ausgebeuteter Regionen mit den Mittel und den Strukturen eines anderen großen Konzerns realisiert wird. Dieser Umstand verweist uns darauf, dass Ideologie im Sinne Lacans oder Althussers  nicht in inhaltlichen Details steckt, sondern sich in der Form realisiert die eine solche Disposition verarbeitet. Was Žižek an „The Hurt Locker“ so vermisst, nämlich die für eine unabhängige Produktion deutlich leichtere Aufgabe kritische politische Inhalte anzubieten, liefert erstaunlicherweise ausgerechnet der Mainstream Hollywoods. Was passt hier nicht zusammen?

Versuchen wir den wesentlichen Aspekt nochmals genauer zu beschreiben: Der Held in „Avatar“, der gelähmte Soldat Jack Sully entscheidet sich aus moralischen Gründen dafür, seiner bisherigen Welt den Rücken zu kehren und sich für die Sache der Na’vi zu engagieren. (Zum Schluss wird sein Bewusstsein vollständig in den Körper seines Avatars transferiert.) Diese Wandlung eines Helden, der seine eigene Welt verlässt um sich als Anderer wieder zu finden ist natürlich nicht neu und wird in vielen Varianten aller möglichen Genres durch gespielt. Der Schritt aus der eigenen Kultur in eine andere aus  einem Ethos individueller Gewissensentscheidung heraus ist eine typisch westliche Grenzüberschreitung. Es geht also letztendlich darum, dass die Ethik eines westlichen Diskurses, der Entscheidungsfreiheit und Kampf gegen Unterdrückung als wesentliche Motivation formuliert in seiner Konsequenz nur von einem westlichen Individuum realisiert werden kann. Nur die Kultur des Westens, die den Imperialismus und die kapitalistische Ausbeutung hervor gebracht hat, liefert  die philosophischen Instrumentarien für einen solchen Übergang. Ein Na’vi kann diesen Schritt nicht machen, weil die ideologische Konstellation in „Avatar“ wie wir oben schon festgestellt haben, ihrer Form nach in den Unterdrückten keine Individuen sehen kann. Was Žižek also bei „The Hurt Locker“, „Waltz With Bashir“ und „Lebanon“ so vermisst ist genau jene Ideologie der einseitigen Vereinnahmung des Anderen, die von den genannten Filmen so konsequent zurück gewiesen wird. In „The Hurt Locker“ geht es genau darum, dass seine Figur diesen Übergang nicht zustande bringen kann, ebenso wenig wie der Soldat Ari in „Waltz With Bashir“ und die Soldaten in „Lebanon“, die den Krieg fast ausschließlich durch die Zielfernrohre ihrer Geschütze im Panzer erleben. Und nicht zuletzt weil es israelische Filme sind und keine Produkte Hollywoods schwingt in ihren sehr pessimistischen Stimmungen die Ethik Emmanuel Levinas nach, der von der unüberbrückbaren Distanz zum Anderen  spricht, die notwendig erscheint um ihn überhaupt wahrzunehmen.

Soldaten sind Soldaten, weil ihnen der Zugang zu so einer ethischen Handlung durch die Struktur des Kriegs und der militärischen Apparate verwehrt wird. Das ist Realität und Ideologie ist es  das zu leugnen, indem man einem Märchen aufsitzt, in dem das Gute gewinnt, weil die Bäume leben und die Umwelt etwas Schönes ist. „Avatar“ ist also ein schönes Märchen (und ein sehr uninteressanter Film) der genau jene Ideologien verkörpert, die Slavoj Žižek so gerne kritisiert, solange sie nicht von israelischen Filmen in Frage gestellt werden. Es soll sich jeder selber einen Reim darauf machen, was man von diesem wechselhaften Gemütszustand halten soll.

Kategorien:Culture and War
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