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THE MEANING OF THE GANG STARR

„I can’t work at no fast-food joint
I got some talent,…“
Gang Starr, Code of the Streets

„…a greater type of thought,
brought by the things that I’ve been taught…“
Gang Starr, The Meaning of the Name

Mit gerade einmal 43 Jahren verstarb gestern am 20. April 2010  der HipHop Pionier Keith Elam alias The Guru, MC und Mastermind von Gang Starr und Jazzmatazz. Gemeinsam mit seinem genialen Partner DJ Premier produzierte er als Gang Starr 6 Alben und formte ganz wesentlich das musikalische Anlitz von HipHop seit den späten 80ern mit. In einer Abschiedsnotiz verbat er sich allerdings jede Teilnahme von DJ Premier an Gedenk und Erinnerungsprojekten. Warum er sich von seinem kongenialen Partner so stark entfremdet hat, bleibt vorerst unklar. Premier hat künstlerisch ebenso viel Anteil am unverwechselbaren Gang Starr Sound wie Guru selbst, aber dieses Zerwürfnis ist in der Geschichte großer Bands und künstlerischer Unionen keineswegs ein Einzelfall. Ein Beispiel für Gang Starrs großartige Kunst ist dieses Video aus dem 1994er Album „Hard to Earn“, „Code of the Streets“.



Ich bin Guru und DJ Premier 1993 selbst begegnet, nach einem Konzert in der Wiener Arena. Ein Bekannter und ich haben mit unserem Platten vor dem Hinterausgang gewartet (damals ging das noch), um sie signieren zu lassen. Und tatsächlich kamen Guru und Premier hinaus und waren auch noch total freundlich, haben geduldig ein paar Minuten mit uns geplaudert und uns schließlich die Hände geschüttelt. Ich werde niemals vergessen, wie locker und gut gelaunt beide nach einem fast zwei stündigen Konzert sich unter ihre Fans mischten und ganz normal mit den Leuten redeten.
Man kann sich wahrscheinlich kaum vorstellen wie unerträglich Gestalten wie Bushido oder auch 50 Cent sind, wenn man die wirklichen Meister dieses Genres nicht zumindest einmal selbst gesehen hat. Das dreckige Posertum arroganter Idioten, die HipHop mit einem Bordell verwechseln, in dem das Winken mit Geldscheinen jeden Gedanken ersetzt, hat sich zum dominierenden Muster der HipHop Kultur entwickelt, zumindest jenem Teil der die meisten Tonträger verkauft, aber es gab eine Zeit in der das anders war. Und aus dieser Zeit stammen Gang Starr.

 

Gang Starr verstanden sich als Künstler und nicht als geschäftstüchtige Zuhälter. Gemeinsam mit Größen wie Boogie Down Productions, EPMD, Public Enemy, Wu Tang Clan, De La Soul oder A Tribe Called Quest bilden sie das Rückgrat dessen was man „Eastcoast Style“ nennen kann: musikalischer Purismus mit klugen Texten und einem cleveren Gespür für die Bedürfnisse eines globalen Marktes.
Um zu verstehen, was Guru und Gang Starr für die Entwicklung des HipHop bedeutet haben, sollte man einen Blick zurück werfen, wie dieses Genre eigentlich entstanden ist.
Als Grandmaster Flash & The Furious Five 1982 ihre Single „The Message“ veröffentlichten, sorgten sie zwar für einen aufsehen-erregenden Hit, aber zu diesem Zeitpunkt konnte noch kaum jemand etwa mit diesem neuartigen Sound anfangen. Hierzulande erkannte höchstens Falco die Kraft und Ausdrucksfähigkeit dieses Phänomens. Als ich Sommer 1988 in einem Plattengeschäft am Morzinplatz herum stöberte, spielte der DJ des Ladens „Don’t believe the hype“ von Public Enemy. Er kommentierte das Gehörte anschließend mit den Worten, dass dieser HipHop wohl eine vorüber gehende Mode bleiben würde. HipHop war bis Mitte der 90er Jahre ein Minderheitenprogramm, eine Subkultur mit geringer Breitenwirkung, von Ö3 ignoriert, von den Mainstreammedien der USA höchstens als gefährliche neue Jugendkultur argwöhnisch beäugt, so wie man Punk seinerzeit als Störung empfunden hatte.
Aber HipHop, anders als Punk, hatte keinen Malcolm McLaren (R.I.P. übrigens) und konnte marketingtechnisch lange Zeit nicht in den Mainstream integriert werden. Punk lebte Rebellion als vieldeutigen Krieg um Zeichen und Symbole, eine Strategie die mit Pop mehr als nur kompatibel ist, während HipHop die Betonung der Sprache und des gesprochenen Wortes, die Eindeutigkeit des Textes in den Vordergrund stellte. Auf eine ganz ungewöhnliche Weise war HipHop unmissverständlich, wo Punk noch die Ambiguität symbolischer Repräsentation verkörpert hatte. Diese Eindeutigkeit konnte politisch wie bei Public Enemy interpretiert werden, oder als gewalttätig sexistischer Machismo wie bei NWA. Es war jedenfalls mehr als verständlich, was sie sagten und darum hatte das System Pop anfangs große Schwierigkeiten mit HipHop. Man kann sagen, dass HipHop länger als jede andere Kunstform im entwickelten kapitalistischen Markt seiner Integration in den Mainstream widerstand, länger als Punk auf jeden Fall.
Die relativ lange Phase mit der HipHop als Subkultur ein globales Publikum erreichte, sorgte dafür, dass sich HipHop als unabhängige Kunstform entwickeln konnte. Es ist für Nichtfans oftmals nicht verständlich, was die „Kunst“ an HipHop sein soll, obwohl das eigentlich nicht schwer zu erklären ist.
HipHop ist eine Kunstform des elektronischen Zeitalters, seine Bestandteile sind das Sample, der Loop und der Beat, begleitet oder auch konterkariert von einer menschlichen Stimme im Rhythmus des Beats. Der Terminus Rapmusic wie er damals noch häufiger im Umlauf war, reduzierte das Genre auf unzulässiger weise auf den gesprochenen Text, aber wesentlich wichtiger ist der Begriff Music. Wenn man Gang Starr und Guru’s späterem Projekt Jazzmatazz genau zuhört, dann bemerkt man die starke historische Verankerung in einem musikalischen Archiv der Identität und der Erinnerung. Gang Starr sampleten (wie die meisten anderen Größen des Genres) einen spezifischen Kanon afroamerikanischer Musik, vom Jazz der 30er Jahre bis zum Soul der 70er, der in einer Zeit der rassistischen Apartheid entstanden war. Sie taten dies, um einerseits so etwas wie Identität in einem postmodernen Zeitalter zu demonstrieren, andererseits um durch das Zitieren der Tradition ein Archiv der Erinnerung für jene Leute zu schaffen, die den Bezug zu ihrer Geschichte verloren hatten. Der Rapper Ghostface Killah, ein Mitglied des Wu Tang Clan, meinte in einem Interview einmal, dass es die Aufgabe des Wu Tang Clan sei, „to civilize the uncivilized“. Zivilisation und Kultur ist eine Frage der Erinnerung, der Geschichte, des Archivs und Gang Starr taten das ihre, um dieses Archiv verfügbar zu machen.
Gang Starrs Popularität in Fankreisen bis heute machte wohl ihre Fähigkeit aus, als Intellektuelle und Künstler auftreten zu können und trotzdem als „streetwise“ zu gelten, also authentisch soziale Kritik zu formulieren und mit ihrer Musik auch jene Leute repräsentieren zu können, die von Bildung und Intellektualität ausgeschlossen sind. Es gibt nur ganz wenige außer Gang Starr, die diesen Ruf besitzen, vielleicht noch KRS ONE von Boogie Down Productions oder RZA vom Wu Tang Clan.

Mit Guru ist ein großer Künstler unserer Zeit gegangen. Wenn er an einen Himmel geglaubt hat, so möge er dort seinen Frieden finden. Rest in peace, Guru!

Kategorien:Culture and War
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