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Europa, Islam und Islamophobie, Teil 3

Das Beispiel von Fethullah Gülen bestätigt uns, dass es eine immanente Krise des islamischen Denkens gibt, die sich darin zeigt, keine intellektuellen Mittel zu haben, das Eigene und das Andere analytisch zu durchdringen. Wo Differenz gefragt ist, regiert ein Zwang zur Vereinheitlichung, der das Denkgebäude gewaltsam zusammen hält und keinen Spielraum für philosophische und politische Erneuerung zulässt. Wenn Fethullah Gülen, aber auch andere Autoren islamischen Schrifttums, ihr Verhältnis zur modernen Wissenschaft definieren müssen, dann erzeugen sie keinesfalls Widersprüche. Moderne Wissenschaft, Demokratie und Menschenrechte sind wie schon angedeutet ganz sicher nicht inkompatibel zum Islam, ganz im Gegenteil. Die islamische Tradition muss stattdessen erklären und ideologisch absichern, dass moderne Wissenschaftskultur oder die Menschenrechte islamisches Eigentum darstellen und die Entdeckungen westlicher Wissenschaft nur die empirische Bestätigung der koranischen Offenbarung sind. Die Probleme sie sich daraus ergeben sind ausschließlich politischer Natur. Warum es nur so möglich ist zu vermeiden, den anderen (in diesem Fall eben die europäische Geschichte) als anderen wahrzunehmen, ist eine Frage, die sich darum diesem Denken nicht stellt. Das Studium eines Autors wie Tariq Ramadan, der in Europa weitaus bekannter und populärer ist, würde uns kein prinzipiell anderes Bild zeigen. Die Krise ist daher eher ein philosophisches Problem, als ein religiöses.

Ein tatsächlich anderes Bild zeigt uns jedoch ein in diesem Zusammenhang bisher kaum beachteter muslimisch geprägter Autor, der nicht in Europa, sondern in den USA gelebt hat: Malcolm X. Malcolm X wurde und wird eher als Bürgerrechtsaktivist und Politiker wahrgenommen, und bedauerlicherweise viel weniger als interessanter Denker. Es mag daran liegen, dass sein Vermächtnis bis auf seine von Alex Haley kompilierte Autobiographie kaum in schriftlicher Form zur Verfügung steht, sondern eher in seinen Reden erhalten geblieben ist, die er als Aktivist der Nation Of Islam und nach seiner Trennung von dieser Organisation als Bürgerrechtskämpfer hielt. Neben der Verfilmung seiner Biographie durch Spike Lee 1992, ist der von Arnold Perl 1971 produzierte Dokumentarfilm unbedingt zu empfehlen, der Malcolm X‘ Leben und Denken durch einen äußerst intelligenten Zusammenschnitt seiner Reden, Interviews und öffentlichen Auftritte kohärent zusammen fasst. Malcolms Werk ist mittlerweile sehr gut dokumentiert, aber die wichtigste Quelle für sein Denken ist nach wie vor seine 1965 erschienene Biographie, die Alex Haley in vielen Gesprächen mit Malcolm erarbeitete. Es enthält nicht nur seine Lebensgeschichte, sondern schildert mit erstaunlicher Selbstreflexion die Brüche und Wendungen seines Denkens und offenbart die enormen intellektuellen Fähigkeiten eines Mannes, der sich seine Bildung fast ausschließlich autodidaktisch angeeignet hat.

El Hajj Malik el-Shabbaz, wie er sich zum Zeitpunkt seines Todes nannte, wurde 1925 als Malcolm Little in Nebraska geboren. Sein Vater war ein christlicher Prediger und Anhänger Marcus Garveys, dem Vordenker eines afrikanischen Nationalismus und Verfechter einer Rückkehr aller Afroamerikaner nach Afrika. Garveys Separatismus und der Integrationismus seines Konterparts in jener Zeit W.E.B. DuBois, werden sich beinahe spiegelbildlich im Konflikt zwischen Malcolm X und Martin Luther King wiederholen, diesmal allerdings mit anderen Folgen für die Gesellschaft in der beide lebten. Nach der Ermordung des Vaters wurde die Familie Little getrennt, die Kinder wurden in Pflegefamilien untergebracht, die Mutter Louise Little nach mehreren Zusammenbrüchen in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. In der Schule fällt Malcolm durch gute Leistungen auf, aber als er seinem Lehrer von seinem Wunsch erzählt einmal Rechtsanwalt zu werden, reagiert dieser mit der Bemerkung: „You got to be realistic Malcolm. You’re a nigger.“

Malcolms Beschreibung des Rassismus und der allgegenwärtigen Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung gehört zu den intensivsten und präzisesten Schilderungen seiner Art. Neben der ständigen Gewalt, den Bedrohungen und Erniedrigungen erlebt der junge Malcolm das apartheidartige System der Rassentrennung als persönliche Degradierung, die danach trachtet ihm vor allem die Selbstachtung zu nehmen. Gefühle der Scham und der Minderwertigkeit sind seiner Erfahrung nach die stärksten psychologischen Waffen der „white supremacy“. Weil ihm trotz seiner Intelligenz der Besuch höherer Schulen verwehrt bleibt, zieht er nach New York und wird ein Krimineller, der sich als Zuhälter, Einbrecher und Drogendealer betätigt. Wegen Einbrüchen und dem Verhältnis zu einer kaukasischen Frau wird er zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt, wo er zum ersten Mal mit Aktivisten der Nation Of Islam in Berührung kommt. Er konvertiert zum Islam und predigt von nun an die mitunter recht zweifelhafte Islamversion ihres Gründers Elijah Muhammad. Die Nation Of Islam ist bis heute eine sektiererische Bewegung, die isoliert von der übrigen islamischen Welt einen äußerst kruden Mix aus schwarzem Nationalismus mit separatistischen Einschlägen, antisemitischen Weltverschwörungstheorien und Erlösungspathos lehrt. Die Rolle Elijah Muhammads war für den traditionellen Islam sehr zweifelhaft und problematisch, da die Betonung seiner Führerschaft zumindest andeutungsweise einen schweren Konflikt enthält. Elijah Muhammad betrachtete sich vermutlich selbst als einen von Gott gesandten Propheten, was in unüberwindlichem Gegensatz zur orthodoxen Lehre steht, dass Mohammed der letzte und damit das Siegel der Prophetie gewesen ist. In den meisten Ansprachen der NOI jener Zeit ist konsequenterweise nur von Elijah Muhammad als Anführer und Stichwortgeber die Rede, aber so gut wie niemals hört man eine Erwähnung des arabischen Propheten Muhammed. (Manchmal wird er auch als Apostel Allahs bezeichnet, offenbar ein Zugeständnis an die christliche Bildung der afroamerikanischen Bevölkerung.)

Es verwundert also nicht, dass der NOI bis heute die Anerkennung durch die islamische Orthodoxie verwehrt wird. Aber gegen Mitte der 50er Jahre, als sich Malcolm als wortgewaltiger Prediger etablierte, ist von solchen theologischen Problemen nichts zu spüren. Angetrieben von der offiziellen Ideologie der NOI, dass alle Weißen Teufel seien, die nicht anders handeln könnten als rassistisch, auch wenn sie sich liberal geben, entwickelt Malcolm einen unnachahmlich präzisen Begriff von rassistischer Diskriminierung, der in seinen besten Ausprägungen eine geradezu materialistische Analyse darstellt. Schon früh macht sich ein Konflikt auf, der ihn im Gegensatz zum inneren Kreis der NOI bringt. Eifersüchtig auf seine Popularität, aber vor allem beunruhigt durch die Sprengkraft seiner politischen Ideen, legt man ihm Beschränkungen auf, die jedoch seiner Wortgewalt keinen Abbruch tun. Einer der berühmtesten Zeile, die er jemals gesprochen hat, ist die „By any means necessary“ Rede aus dem Jahr 1964. Darin heißt es:

„We declare our right on this earth, to be a man, to be a human being, to be respected as a human being, to be given the rights of a human being, in this society, on this earth, in this day, which we intend to bring into existence by any means necessary.”

In diesen kurzen Worten findet sich alles, was Malcolm X Denken ausmacht. Das Beharren auf einer kämpferischen Erlangung der Grundrechte, die alle Versprechen der Aufklärung und der Demokratie als politische Aktion formuliert, wird jenseits eines spirituellen oder religiösen Diskurses ins Werk gesetzt. Malcolm X entwickelt nicht wie die meisten zeitgenössischen islamischen Gelehrten das Konzept eines politischen Islam als Universalismus, sondern einen politischen Universalismus innerhalb des Islam. Um den Unterschied zwischen beiden Wegen genauer zu verstehen, gehen wir zurück zu seinen Anfängen. Als Malcolm im Gefängnis sitzt lädt ihn einer der inhaftierten NOI Aktivisten dazu ein, in einem großen Wörterbuch die Einträge zu „schwarz“ und „weiß“ nachzulesen. In Spike Lee’s Verfilmung wird diesem Ereignis große Bedeutung beigemessen. Lange vor Political Correctness erkennt Malcolm durch das genaue Studium von quasi neutralen Wissensbeständen den ideologischen Charakter der Sprache und wie sie funktional für rassistische Stereotype sind. Bücher über Geschichte, Kultur und Philosophie folgen, die den bis dahin kaum gebildeten Mann mit dem Feuer intellektueller Kraft erfüllen. Als Prediger der NOI reproduziert er deren fragwürdige Ideologie, aber immer wieder durchbricht er die geistigen Schranken eines „White man is the devil“ Sermons und verwirft die spirituelle Heilsbotschaft eines dominant christlichen Rassismus.

„When you have a philosophy or a gospel, I don’t care what it is, a religious gospel, a political gospel, an economic gospel or a social gospel, if it is not going to do something for you and me right now and right here, to hell with that gospel.”

Malcolm erkennt wohl als erster die enorme Sprengkraft eines islamischen Selbstverständnisses als dissidenten politischen Diskurs in einem von christlich geprägten Sklavenhaltern dominierten Land. Was er anbietet ist die Vision einer Politik der Menschenrechte, die nicht länger von Anbiederungsversuchen oder Kompromissen geprägt wird, sondern in der sich die Masse der Unterdrückten selbstkritisch konfrontiert.

Weiter heißt es:

„So we have to have a new approach, a new appraisal, and this new appraisal und this new approach has to be in tune with the reality of the conditions that we are in…”(1963)

Sein Islam ist bis 1964 noch die rassistische Antwort auf den gewalttätigen Rassismus der amerikanischen Mehrheitsbevölkerung, eine rhetorisch brillante Spiegelung der Demütigungen und Verfolgungspraxen, die die amerikanische Gesellschaft jener Zeit (und auch später noch) an den Tag legt. Er trennt sich von der NOI, weil er die intellektuelle Kritik auch nach innen trägt. Offiziell soll er Elijah Muhammad dafür kritisiert haben uneheliche Kinder gezeugt zu haben, aber der Graben geht über eine moralische Verurteilung des NOI Führers weit hinaus. Er beschließt eine Pilgerreise nach Mekka zu machen, die einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlässt. Die Anwesenheit so vieler unterschiedlicher Hautfarben, Sprachen und Kulturen bringt ihn dazu, seinen Separatismus aufzugeben und politische Bündnisse zu suchen, die er in der Vergangenheit stets abgelehnt hatte. Es kommt zu einer Annäherung mit Martin Luther King, dessen christlich inspirierten demokratischen Integrationismus er noch wenige Jahre zuvor als „Uncle Tom“ Ideologie verhöhnt hatte.

Von nun an würde er mit jedem Partner zusammen arbeiten, der dieselben Ziele verfolgen würde, Engagement gegen den Rassismus und die direkte Verbesserung der Lebensverhältnisse aller Benachteiligten in den USA. Was daraus hätte werden können, wissen wir nicht. Malcolm wird 1965 in Manhattan durch mehrere Gewehrschüsse ermordet. Wer den Mord in Auftrag gegeben hat ist nach wie vor reine Spekulation, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass er aus dem inneren Führungskreis der NOI kam. Falls die NOI tatsächlich dafür verantwortlich ist, hat sie nicht nur Malcolm X auf dem Gewissen, sondern sie besiegelte damit auch ihre politische Bedeutungslosigkeit. Unter Elijah Muhammad Nachfolger Louis Farrakhan wurde die NOI zu einer noch extremeren Sekte, die ihre Separatismusideologie mit jeder Menge Antisemitismus und Bündnissen mit amerikanischen Neonazis verschmolz. Obwohl auch Malcolm wie man in seiner Autobiographie nachlesen kann, nicht frei von antijüdischen Ressentiments war, so beschuldigte er die amerikanischen Juden den Rassismus gegen die afroamerikanische Bevölkerung als Schutzschild zu benützen, um nicht selbst Ziel von antisemitischen Angriffen zu werden, hatte er keine Probleme das Existenzrecht Israels anzuerkennen. In einer bemerkenswerten Passage schreibt er:

„If Hitler had conquered the world, as he meant to – that is a shuddery thought for every Jew alive today. The Jews never will forget that lesson. Jewish intelligence eyes watch every neo-Nazi organization. Right after the war, the Jews‘ Haganah mediating body stepped up the longtime negotiations with the British. But this time, the Stern gang was shooting the British. And this time the British acquiesced and helped them to wrest Palestine away from the Arabs, the rightful owners, and then the Jews set up Israel, their own country – the one thing that every race of man in the world respects, and understands.“

Obwohl man schwer behaupten kann, das hier bedingungslose Sympathie für die israelische Sache an den Tag gelegt wird, hat Malcolm mit den späteren Entwicklungen der NOI, die Holocaustleugnung und antisemitische Verschwörungen propagiert nichts gemeinsam.

Malcolms Leben und Wirken ist das eines in sich zerrissenen Mannes, der enorme intellektuelle Anstrengungen unternahm, um einen Blick auf die Verhältnisse zu werfen, wie sie tatsächlich waren. Sein Blick war ein politischer, der in der Religion eine Ressource fand, mit der sich die Dinge sagen ließen, die auch den von jeder Art Bildung getrennten Massen einen Blick auf die Wahrheit gestatteten. Malcolms Autobiographie ist darum nach wie vor eine inspirierende Quelle. In dem großartigen Text, der durch Alex Haleys kluge Redaktion das einzig schriftliche Zeugnis Malcolms geblieben ist, beschreibt ein Mann seine vielen Wandlungen mit einem unnachgiebigen Hang zur Reflexion und Selbstkritik. Wie er sich selbst sah wird durch eine kleine Passage deutlich, die sein (unvollständig) gebliebenes Studium philosophischer Werke beschreibt. Ein kleiner Absatz ist bemerkenswert:

„Spinoza impressed me for a while when I found out that he was black. A black Spanish Jew. The Jews excommunicated him because he advocated a pantheistic doctrine, something like the „allness of God,“ or „God in everything.“ The Jews read their burial services for Spinoza, meaning that he was dead as far as they were concerned; his family was run out of Spain, they ended up in Holland, I think.“

Obwohl er über die genauen Umstände von Spinozas Leben nicht Bescheid weiß, ist es bemerkenswert, dass er ihn überhaupt erwähnt. Spinoza, der Zeit seines Lebens ein Dissident gewesen ist, von seiner eigenen Gemeinde ausgestoßen, a „black spanish jew“, ist dies nicht das perfekte Bild für Malcolm X selbst? Ausgestoßen von der eigenen Community, damit man sich in einer „allness of God“, dem Universalismus der Vernunft wieder findet, das ist das Vermächtnis von Malcolm X. Wir wollen es in Ehre halten und ihm einen Platz im Paradies wünschen. (Fortsetzung folgt)

  1. Ogan
    Februar 21, 2012 um 16:23

    Danke für den Kommentar über den Islam und Malcom -X sehr interessant

    Ogan

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