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Europa, Islam und Islamophobie, Teil 1

Seit Edward Said 1978 seine große Studie über den „Orientalismus“ veröffentlichte, gibt es eine große Diskussion über die Wahrnehmung des Islam in Europa. Eine seltener gestellte Frage ist, wie die Bewohner der muslimischen Welt eigentlich den „Westen“ sehen, und welche Rolle diese Wahrnehmung in ihrer Geschichte gespielt hat. Eine Auseinandersetzung mit dem Werk von Bernard Lewis fördert dazu überraschende Aspekte zutage.

Der britische Historiker Bernard Lewis gehört zu den kompetentesten Nahostexperten und der Geschichte des Islam. Außerdem hat er das Verhältnis zwischen islamischer und europäisch/westlicher Kultur wie kein zweiter sorgfältig studiert. Seine Texte sind einerseits von einer sehr akribischen Kenntnis der Quellen geprägt, von einer spürbaren Sympathie für seinen Gegenstand durchdrungen und zeichnen sich doch durch eine sorgfältige intellektuelle Distanz aus. In einer neueren Veröffentlichung aus dem Jahre 2002 „What went wrong“ geht er der Frage nach, warum die islamische Welt ihren einstigen Glanz und jene Bedeutung verloren hat, die sie zumindest in den Augen der muslimischen Bevölkerungen des Nahen und Mittleren Ostens für lange Zeit inne hatte.

Geschrieben unter dem Eindruck der Terroranschläge des 11. September 2001, wiederholt „What went wrong“ eine Reihe von Hypothesen, die Lewis schon 1982 in „The muslim discovery of Europe“ (dt.: Die Welt der Ungläubigen. Wie der Islam Europa entdeckte. Ullstein Verlag 1983) entwickelt hatte. Er entfaltet darin das Bild einer mächtigen Zivilisation, die vom 8. bis etwa ins 13. Jahrhundert von Erfolg zu Erfolg eilte, weite Teile Asiens und große Teile Süd und Osteuropas unterwarf und bis tief in den afrikanischen Kontinent hinein das Maß aller Dinge war. Die Größe des islamischen Einflussgebiets entsprach dem Ausmaß des eigenen Selbstbewusstseins. In der Selbstwahrnehmung der muslimischen Eliten und ihrer Bevölkerungen war es bloß eine Frage der Zeit bis die ganze Welt bekehrt und Teil des Hauses des Islam werden sollte. Man war das Zentrum der Welt, intellektueller Höhepunkt und unüberschreitbarer kultureller Horizont zugleich, der aus seinen eigenen Ressourcen unerschöpfliche Reichtümer materieller wie geistiger Art erzeugen konnte. Eine erste Unterbrechung dieses Erfolgslaufs war daher die Vernichtung des Kalifats von Bagdad durch die mongolischen Reiterheere 1258, ein entsetzliches Massaker mit katastrophalen Spätfolgen für den gesamten arabischen Raum. Im Lauf der nächsten drei Jahrhunderte verschob sich das Machtzentrum im Islam von der arabischen Halbinsel nach Kleinasien und begünstigte so den Aufstieg des osmanischen Reiches zum größten Imperium der islamischen Welt. Obwohl die Eindringlinge aus den asiatischen Steppen bereits zwei Jahre später, 1260 in der Schlacht bei Ain Djalut, wieder zurück geschlagen werden konnten, scheint sich die muslimische Kultur des Nahen Ostens davon nie richtig erholt zu haben. Genauer gesagt ist die Vernichtung Bagdads in der muslimischen Geschichtsschreibung bis heute ein weitaus wichtigeres Ereignis als jene Episode, die im europäisch/christlichen Sprachraum als Ära der Kreuzzüge bekannt ist. Die islamische Zivilisation hatte knapp zwei Jahrhunderte vor der Vernichtung Bagdads den Einfall der Kreuzfahrer überstanden und das christliche Königreich Jerusalem wieder aus dem Nahen Osten vertrieben. Europa war für sie ein kalter barbarischer Landstrich im Norden, der keine interessante Kultur anbot und von so geringem Interesse war, dass man erst im 19. Jahrhundert den Begriff „Kreuzzug“ für die arabisch/muslimische Diskussion über diese kaum beachtete Episode der Geschichte adaptierte. Das interessante Detail dieses damals sicher begründeten Desinteresses an europäischer Innenpolitik ist nun, dass dieses Desinteresse wie Lewis mehrmals bekräftigt auch bis weit ins 19.Jahrhundert dauerte.

Bernard Lewis hat sich einen Namen damit gemacht, vor allem die Archive der osmanischen Geschichte durchstöbert und untersucht zu haben, dem größten Imperium der islamischen Geschichte nach dem 13. Jahrhundert. Die osmanische Herrschaft war bis zu ihrem Ende 1923, der Abschaffung des Kalifats in der kemalistischen Türkei, einer der Big Player der Neuzeit, als eigenständiger Raum in Allianzen, Kriege oder kulturellem Austausch mit den europäischen Großmächten verwickelt. Was Lewis in „The muslim discovery of Europe“ entfaltet ist ein Panorama der Wahrnehmung der islamischen und christlich/europäischen Welten voneinander, das asymmetrischer nicht sein kann.

Lewis definiert einige sehr interessante Unterschiede in den Ausgangsbedingungen dieser Konfrontation. Das Interesse der Europäer an dieser Region war zunächst religiöser Natur. Die heiligen Stätten des Christentums liegen in Jerusalem, genau wie die der Juden und einige der Muslime, und der Nahe Osten war bis zur Geburt des Islams noch von sehr vielen christlichen Gemeinden bewohnt, ehe der südliche Mittelmeerraum zum Kerngebiet der islamischen Welt wurde. Europäische Pilger und später die Kreuzfahrer hatten also ein enormes Interesse daran, einerseits die Kultstätten zu bewahren, andererseits den politischen Einfluss wieder zu gewinnen, den sie durch den Vormarsch des Islam verloren hatten. Ganz anders die muslimische Bevölkerung des Nahen und Mittleren Ostens: Es gab keine heiligen Stätten in Europa und es lebten dort auch im Gegensatz zu heute keine muslimischen Minderheiten, die Verbindungen notwendig und Austausch attraktiv gemacht hätten.

Diese Disparität der Wahrnehmung ist ein ganz wesentlicher Aspekt der sagen wir mal kulturellen Missverständnisse, die sich in unserer Gesellschaft über Islam, Integration, Rassismus und den Begriff der Islamophobie breit gemacht haben. Die Betrachtungsweise des „Anderen“ erfolgt durch komplett unterschiedliche Dispositive der Wahrnehmung und bestimmt den Fokus auf die Gestalt dieses anderen auf sehr unterschiedliche Weise. Eine weitere Ausgangsbedingung des Verhältnisses zwischen dem Islam und Europa bezieht sich auf die Rolle der Sprache. Während der islamische Raum neben sehr vielen Dialekten auf eine einzige Hochsprache, arabisch, komprimierbar gewesen ist, war den Europäern immer schon die Notwendigkeit bewusst gewesen, dass man in mehreren Sprachen kommunizieren muss. Zwar gab es auch mit Latein eine Hochsprache, aber dem christlichen Glauben wohnt das Erbe vieler anderer Sprachen vom Hebräischen zum Aramäischen über das Griechische bis zum Arabischen inne. Übersetzung und Übersetzungsarbeit gehören zu den wichtigsten kulturellen Leistungen der mönchischen Arbeit des Christentums. Während sich die christliche Ausbreitung langsam vollzog und in feindlichen Umgebungen erst daran arbeiten musste anerkannt zu werden, breitete sich der Islam enorm schnell aus, und kam als siegreicher Eroberer, der allen Unterworfenen seine Sprache, seine Kultur und sein Rechtssystem anzubieten imstande war. Der gebildete Muslim konnte sich vom 9. Jahrhundert an zwischen dem westlichen Nordafrika über Kleinasien und dem nördlichen Kaukasus bis zu den Rändern des Himalaja in praktisch einem Idiom bewegen, das einen universalen kulturellen Kanon anbot. Übersetzungen oder gar das Erlernen fremder Sprachen erschienen überflüssig und wurden nicht gefördert. Lewis betont mehrmals, dass im gesamten Mittelalter bis weit nach 1300 kein einziges Buch aus dem Lateinischen ins Arabische übersetzt worden ist. Die islamische Philosophie dieser Epoche kannte weder Augustinus noch Thomas von Aquin und schon gar nicht Duns Scotus. Diese Feststellung muss zunächst nicht viel mehr heißen, als bis zur Neuzeit wenig Literatur von der einen Seite zur anderen kam, aber Lewis betont, dass dies auch für spätere Jahrhunderte galt, als die osmanischen Heere schwere Niederlagen erlitten und der Aufstieg der europäischen Mächte zu den bestimmenden Kräften zwischen den Weltmeeren auch für die islamische Welt eine sichtbare Tatsache geworden sein muss. Die Ignoranz anderer Kulturen gegenüber ist selbstverständlich kein islamisches Spezifikum und Lewis merkt ironisch an, dass ein Muslim des 18. Jahrhunderts von Europa ebenso viel wusste, wie ein durchschnittlicher Europäer des 19. Jahrhunderts vom Inneren Afrikas. Das schlichtweg Erstaunliche daran ist, dass diese Verweigerung einer intensiveren Auseinandersetzung selbst dann noch anhielt, als die negativen Konsequenzen für die eigenen Gesellschaften bereits unübersehbar geworden waren. Selbst im 19. Jahrhundert, als das osmanische Reich einen akuten Reformbedarf in Fragen der Verwaltung, der Infrastruktur und natürlich der militärischen Schlagkraft ortete und zum ersten Mal in größerem Umfang osmanische Beamte zum Studieren in den Westen schickte, beschränkte sich dieses Engagement vor allem auf militärische Fragen, den Import von Waffen oder waffenfähiger Technologie und das Know-how für die Ausbildung der Armee. Zwar wurde das Ausmaß der industriellen Revolution von Strategen und Beamten als Faktor wahrgenommen, aber ihre Empfehlungen wurden nicht umgesetzt oder verworfen. Das wie gesagt Erstaunliche daran ist nicht, dass es diese Ignoranz gab und manchmal heute noch gibt, oder dass sie etwas spezifisch Muslimisches wäre, sondern dass diese Ignoranz selbst dann nicht aufgegeben wurde, als sie schwere Konsequenzen für die eigene Gesellschaft hatten. Was in der Politik modus operandi war, galt natürlich auch für die Wissenschaften und die intellektuelle Kultur. Obwohl die muslimisch-arabische Tradition Aristoteles bewahrte und große Teile der griechischen Tradition erst für Europa zugänglich machte, ignorierte sie Homer völlig und schenkte der dramatischen Kunst eines Aischylos, Sophokles, Euripides keinerlei Aufmerksamkeit. Dieses System einer äußerst selektiven Wahrnehmung zieht sich durch die gesamte islamische Geschichte, wenn es um die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen geht.

Lewis erwähnt einen großen osmanischen Historiker vor 1700, Katib Celebi, der in seiner Universalgeschichte der bekannten Welt den europäischen Entwicklungen nur ein paar Seiten einräumt. Das Christentum beschreibt er ausschließlich durch das frühes Schisma der Nestorianer im 5. Jahrhundert und von den wenige Jahrzehnte zurück liegenden Auswirkungen der Reformation, die eine komplette Neuordnung der europäischen Politik auslösten schweigt er und interessiert sich offenbar auch nicht dafür. Obwohl das osmanische Reich in unmittelbarer Gegenwart 1683 vor Wien eine schwere Niederlage erlitten hatte, blieb selbst eine eingehende Einschätzung des Feindes durch eine Analyse etwa des 30 jährigen Krieges, der Auswirkungen der Reformation auf die politische Struktur der europäischen Monarchien, ihre Spaltung in katholische und protestantische Schismen vollständig aus. Literatur von Shakespeare, Cervantes oder gar Rabelais fand keinen Eingang in die islamische Kultur, gleiches gilt für die Enzyklopädisten, die Physiker und die Philosophen der europäischen Aufklärung. Glaubt man Bernard Lewis gab es dafür auf islamischer Seite schlicht kein Interesse. Es gab keine Übersetzer, keine Wörterbücher und keine Neugier auf die Entwicklungen jenseits des Mittelmeers. Das verwundert nicht nur, sondern wird durch die noch merkwürdigere Tatsache konterkariert, dass es auf europäischer Seite ein enormes Interesse an arabischer Sprache gab, das dazu führte, dass vom 16. Jahrhundert an fast alle europäischen Universitäten Lehrstühle für arabische Sprache einrichteten, Wörterbücher und Grammatiken veröffentlichten und arabische Bücher sammelten, um sie wissenschaftlich zugänglich zu machen. In der Medizin lasen die Europäer Bücher von Abu Bekr Mohammed ibn Zakariya al-Razi (880–932), einem Perser der bei uns Rhazes genannt wurde, von dem u.a. die erste klinische Beschreibung der Pocken, ihren möglichen Ursachen und Heilungsmethoden stammte, aber es gab erheblichen Widerstand dagegen Paracelsus in die islamische Wissenschaft einzuführen. Wie konnte es zu einem solchen Ungleichgewicht kommen, das auch noch anhielt, als die Folgen und Konsequenzen dieser Ignoranz bereits überall sichtbar waren?

Das antike Wissen der Griechen, ihre Texte und das sprachliche Erbe wurden wie allgemein bekannt ist, durch die arabische Übersetzungen in Europa eingeführt. Aber wie der französische Religionswissenschaftler Remi Brague einmal bemerkt hat, stammten diese Übersetzungen aus dem Griechischen ausschließlich von christlichen oder jüdischen Autoren, also Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen und Know-how in Übersetzungsarbeit. Da diese christlichen und jüdischen Gemeinden in der frühen Zeit des Islam noch sehr gut behandelt wurden, konnten sie ihr Fremdsprachen Know-how in die islamische Renaissance einbringen. Es erstaunt dennoch, dass gerade diese Fähigkeit insgesamt sehr unterschätzt wurde und das bis weit in die Neuzeit. Solange sich die islamische Welt in dem Gefühl baden konnte, die erste Zivilisation des Planeten zu sein, erwies sie sich als erstaunlich weltoffen und tolerant. Aber diesem totalen Überlegenheitsgefühl wohnte auch die Nachlässigkeit inne, selbst aktiver zu werden. Fremde Sprachen, gar Auseinandersetzung mit einem als unbedeutend empfundenen Feind galten als überflüssig, waren sozial nicht anerkannt und wurde den Nichtmuslimen überlassen, die im Herrschaftsbereich des Islam einen anerkannten Rechtsstatus genossen. Nach dem 13. Jahrhundert, wurden wie es hieß die „Tore des Idschtihād“ geschlossen. „Idschtihād“ bezeichnet die selbstständige Interpretation der Rechtsquellen, also Koran und Hadith. Wie Tilman Nagel in der „Geschichte der islamischen Theologie“ beschreibt, wurde die offizielle Auslegung der heiligen Schriften nach dem 13. Jahrhundert danach beurteilt, wie eng sie sich an die Interpretationen der klassischen Rechtsschulen anlehnte. Neuerungen waren nicht mehr erwünscht und galten als wertlos oder sogar ketzerisch. Mit der Schließung der Tore des „Idschtihād“, die dazu gedacht war die Rechtsprechung eindeutig zu standardisieren, wurden jedoch vor allem intellektuelle Neuerungen verhindert und die große Wissenschaftskultur des Islam verfiel.

Es ist keineswegs eine Eigenheit des Islam, sich ausschließlich auf die eigenen Geschichten zu beziehen, aber während seit einigen Jahrzehnten „Eurozentrismus“ ein gewichtiger (und zumeist nicht unberechtigter) Vorwurf in akademischen Debatten ist, habe ich noch nie irgendwo gehört, dass der Islam möglicherweise sehr islamozentrisch ist. Das heißt nicht, dass die muslimischen Schüler und Schülerinnen der arabischen Halbinsel sich unbedingt mit Shakespeare und Newton befassen sollen (obwohl auch dagegen nichts einzuwenden wäre) oder plötzlich Daten aus dem 30 jährigen Krieg zu memorieren haben. Was jedoch verwundert ist die eigenartige Tatsache, dass muslimische Autoren auch unserer Gegenwart, die sehr viel Wert darauf legen, dass man sich mit dem Islam nicht bloß als Kultur, sondern als authentischen Ausdruck eines religiösen Universalismus beschäftigt, kaum Auseinandersetzung mit z.B. christlicher Theologie führen. Wenn ein sehr prominenter Gegenwartsautor wie Tariq Ramadan, dessen Hauptaufgabe wohl darin besteht den Islam einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, behauptet, dass es im Islam gar keine Theologie gäbe, wird die Sache noch schwieriger. Ein sehr bedeutender Unterschied zwischen Europa und der islamischen Welt liegt daher in der Tatsache, die Remi Brague in mehreren seiner Texte verarbeitet hat. Europa hat sich immer schon mit außerhalb liegenden Horizonten beschäftigt. Allein das antike Erbe der griechischen Tradition fand ja mehr in Kleinasien statt als auf dem europäischen Festland, das Christentum kommt aus dem Nahen Osten und die Expansionen der Neuzeit verweisen wie Peter Sloterdijk in „Der Weltinnenraum des Kapitals“ gezeigt hat, auf ein spezifisches Framework der Wahrnehmung, das seinen Blick ständig auf Neues, Unbekanntes werfen muss. Europa ist der Blick über den Horizont, während das islamische Imperium  fast vollständig aus sich selbst heraus entstand. Die im Koran offenbarte Wahrheit, eine Einheit aus Religion, Politik, Kultur und Recht ermöglichte einer bis dahin unbedeutenden und zerstrittenen Stammesgesellschaft den Aufstieg zur Weltmacht innerhalb eines Jahrhunderts, schneller als das bis dahin irgendeine vergleichbare Kraft zustande gebracht hatte. Aus welchen Gründen, äußeren und inneren Ursachen, sie sich entschloss den Antrieb zur Weiterentwicklung fast völlig aufzugeben ist keine leicht zu beantwortende Frage.

Es gehört zu den am meisten gehörten rhetorischen Floskeln muslimischer Vermittler in unseren Breiten, dass der Islam nicht verstanden, missverstanden, und falsche Auffassungen darüber verbreitet würden. Es ist natürlich unübersehbar, dass es Wissenslücken über den Islam gibt und manches davon in rassistischer Form geäußert wird, aber auf dem akademischen Niveau gibt es in Europa eine reiche Tradition an Islamwissenschaft, Koranübersetzungen und sprachwissenschaftlicher Arbeit über das Arabische. Wenngleich der vor kurzem verstorbene Edward Said genau diesen Umstand in durchaus berechtigter Weise als „Orientalismus“ kritisiert hat, ist erstaunlich, dass er genau das Fehlen einer äquivalenten Disziplin in der islamischen Geschichte so außerordentlich auffällig ignoriert hat. Es gibt keinerlei Entsprechung in der muslimischen Kulturgeschichte, die sich mit Europa, dem Christentum und seinen Wurzeln beschäftigt hätte, um vielleicht einmal die Vielfalt der Sprachen mit den enormen Unterschieden in den ethnischen und linguistischen Diversifikationen zu untersuchen. Und es entstand keine Kultur, die einen „Okzidentalismus“ hervorgebracht und eine Auseinandersetzung oder gar Wettstreit um das antike Erbe von Platon und Aristoteles gesucht hätte. Die großen Philosophen der islamischen Renaissance blieben die einzigen Quellen dieses Raums, und so wurden Kant, Rousseau oder Spinoza einfach ignoriert. Man kann nur Bedauern über diese Tatsache zum Ausdruck bringen.

Wenn also von muslimischer Seite (zu Recht) eingefordert wird, dass man sich mit dem Islam beschäftigen soll, bevor man ihn kritisiert, sollte man auch einbeziehen, dass der Dialog darüber schon deshalb schwierig ist, weil man aus islamischer Sicht sehr wenig über Europa und seine Geschichte weiß. Selbst wenn sich dies mittlerweile sehr verändert haben mag, ist die prinzipielle Kultur, die den Islam eigentlich für überlegen, vollständig und abgeschlossen hält immer noch dominierend. Es muss niemanden verwundern, dass eine Religion ihre Wahrheit für absolut hält, es erstaunt, dass sie das als Grund sieht, sich mit den anderen nicht zu beschäftigen. Vermutlich lernen muslimische Jugendliche in ihrem Religionsunterricht kaum etwas über das Christentum, außer rhetorischen Ehrbezeugungen vor den Völkern des Buches. Was in einer Messe passiert, was Beichte im katholischen Christentum ist und warum es im Evangelischen Kontext keine Beichte gibt, darüber erfahren muslimische Schüler nichts.

Neben Großbritannien, Frankreich und Russland zählt der deutschsprachige Raum zu den Zentren der Islamstudien außerhalb islamischer Länder. Die reiche Tradition der deutschen Arabistik hat bedeutende Beiträge zur Entstehung des Korans, die linguistische Durchdringung der arabischen Sprache und die kritische Historisierung der islamischen Frühgeschichte geliefert. Typisch für Edward Saids politische Absichten ist, dass er den Rang der deutschen Arabistik für die Islamstudien in den islamischen Ländern selbst praktisch völlig negiert, weil er nachweisen muss, dass Orientalistik hauptsächlich der ideologische Vorwand für den englischen und französischen Imperialismus ist. Arabische Studien und Auseinandersetzung über den Islam haben sich aber schon mindestens drei Jahrhunderte vor dieser Zeit an den europäischen Universitäten etabliert.

Die gegenseitige Wahrnehmung von Christentum und Islam ist ebenfalls ein Brennpunkt zahlloser Missverständnisse. Für den christlichen Europäer ist der Islam vor allem eine andere Religion. Das Bild des Fremden und des Anderen, das sich in den Kritiken am Orientalismus manifestiert, hat also mit der Distanz zu tun, die das christliche Erbe im europäischen Denken hinterlassen hat, wenn es zu Begegnungen mit dem Islam kam. Der Islam ist ein Platzhalter für das Fremde und darum eine beliebte Andockstelle für rassistische Agitation. Aber dieselbe Fremdheit und Distanz, die rechtsextreme Politiken zu befördern trachten, ist auch Grund für eine intensive akademische Auseinandersetzung. Etwas, das fremd ist, kann man mit geeigneten Methoden untersuchen und studieren. Die Tradition der Arabistik hat in der Dimension des Fremden, das der Islam darstellt, sicher eine seiner Ursachen.

Aber wie sieht es aus der anderen Perspektive aus? Für den Islam ist das Christentum (und das Judentum) nichts Fremdes. Der Islam wurde in einem regionalen Kontext geboren, in dem viele Christen und Juden lebten und schon Jahrhunderte lang gelebt hatten. Zum einen benutzt der Koran Altes und Neues Testament (in unterschiedlicher Gewichtung) als Quellen und zum anderen wird die Offenbarung des Propheten als direkte Fortsetzung und Abschluss christlichen und jüdischen Schrifttums gesehen. Aus muslimischer Sicht sind Christen und Juden also direkte Vorläufer des Islam, die es aber aus bestimmten Gründen nicht über die Ziellinie geschafft haben oder besser: Judentum und Christentum sind sozusagen Betaversionen des Islam. Wo der europäische Blick also vor allem etwas fremdartig Rätselhaftes sieht, sieht der Muslim mit respektvoller Langeweile etwas längst Vertrautes, das hoffnungslos veraltet ist und sich durch Übernahme heidnischer Riten vom rechten Weg entfernt hat. Der Blick des Islam auf das Christentum kann durch einen bemerkenswerten Satz Hegels aus der Phänomenologie beschrieben werden: „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“ Von einem strikt religiösen Standpunkt ist es für einen Muslim also völlig sinnlos sich irgendwie auf das Christentum zu beziehen, weil der Islam das letztgültige Upgrade darstellt. Ein muslimischer Gelehrter, der sich ernsthaft mit dem Christentum beschäftigen würde, wäre nicht nur ein Apostat, sondern im kulturellen Kontext gesehen mit einem CEO von Microsoft vergleichbar, der Windows 95 noch einmal weltweit vermarkten will. Es sind vor allem Muslime, die die Ähnlichkeiten der monotheistischen Religionen betonen, aber in ihrer striktesten Auffassung sind diese Ähnlichkeiten keine Betonung von Differenz, sondern Blaupausen. Anders gesagt: Wenn der gläubige Muslim von Christentum und Judentum spricht, hat er keine eigenständigen Entitäten vor Augen, sondern er sieht Islam, Islam und nochmals Islam. Die Bemühungen des 2005 verstorbenen Papstes Johannes Paul II. um den Dialog der Religionen werden überall in der Welt anerkannt, auch im islamischen Raum. Aber die Geschichten, die man sich dort um Karel Woytila erzählt drehen sich darum, dass der Respekt des Pontifex für den Islam so groß gewesen sein soll, dass er jeden Tag vor dem Schlafengehen den Koran geküsst hätte. Mit anderen Worten: Selbst der Papst ist ein Muslim. Ein weiteres Beispiel dafür ist eine Transparentaufschrift, die man häufig auf Demonstrationszügen muslimischer Aktivisten in England sieht: Jesus was a Muslim! Der Monotheismus des Islam ist wirklich ernst gemeint und suspendiert alle anderen religiösen Erfahrungen als religiöse Erfahrungen und nicht bloß als andere. Oder wie Levi-Strauss in den „Traurigen Tropen“ schrieb: „Die islamische Brüderlichkeit ist die Umkehrung des ausschließenden Banns gegen die Ungläubigen, die nicht eingestanden werden kann, denn wollte man sie als solche erkennen, so liefe das darauf hinaus, die Ungläubigen selbst als Existierende zu erkennen.“

Eine der wesentlichsten Unterschiede, den ein Muslim zwischen Islam und Christentum festmachen kann, liegt im Gebetsritual. Der Christ hat seine Hände gefaltet, während der Muslim mit den offenen Handflächen vor dem Gesicht betet. Aus islamischer Perspektive hat diese simple Geste große Symbolkraft: Die gefalteten Hände des Christen signalisieren ein Geheimnis, eine geschlossene Form, während die offenen Handflächen des Muslims das geöffnete Buch der Offenbarung repräsentieren, das keine Geheimnisse mehr kennt. (Die gefalteten Hände des betenden Christen haben übrigens eine andere historische Bedeutung, als die islamische Deutung nahe legt, aber das soll uns nicht weiter beschäftigen.) Der Muslim verfügt über die letztgültige Offenbarung Gottes, die durch Koran und Hadith die Summe allen Wissens enthält. Sie vollendet, was Christentum und Judentum nicht geschafft haben und fordert letztere dazu auf, ihre veraltete Version endlich aufzugeben. Hans Küng berichtet in seiner großen Monografie über den Islam, dass sich nach der ersten Auflage ein in Deutschland lebender Islamlehrer aus Ägypten bei ihm gemeldet hätte, um ihn zur Konversion zu bewegen. Die Anstrengung Küngs dem Islam als Weltreligion Rechnung zu tragen und ihn in all seiner Vielfalt zu beschreiben löste also genau gar kein gegenteiliges Interesse aus. Wir können jetzt besser verstehen warum.

Welche Schlussfolgerungen sind daraus zu ziehen?

Zunächst einmal: Es gibt ganz sicher keine Gefahr der „Islamisierung“ Europas, wie sie von Faschisten und manchen fehlgeleiteten „Aufklärern“ gerne beschworen wird. Es wird muslimische Gemeinden in Europa geben, überall und sie werden auch weiter wachsen, aber sie werden Minderheiten bleiben. Daran kann es keinen Zweifel geben. Der Islam wird in Europa zu einem religiösen Bekenntnis unter vielen werden, mit eigenen lokal geprägten Auslegungen und Bräuchen. Die schwierigere Frage ist, was mit dem Islam in islamischen Ländern passieren wird. Seine internen Mechanismen verhindern wie wir gesehen haben eine islamische Reformation oder Renaissance. Die Gründe dafür liegen aber nicht in einer angeblichen Inkompatibilität des Islams mit Demokratie, Menschenrechten oder Wissenschaft. Solche Behauptungen sind Unsinn und pure Spekulation. Die islamischen Doktrine sind ja der Meinung, dass der Islam mit allem und jedem kompatibel ist und natürlich auch mit Demokratie, Menschenrechten und Wissenschaft. Aber wo die modernen Gesellschaften Distanz zwischen verschiedenen Sphären etablieren, will der Islam alle möglichen Sphären unter der Aufsicht der Religion vereinen und ihre Kompatibilität erzwingen. Die wichtige Trennung in der westlichen Kultur ist nicht die zwischen Staat und Kirche, sondern dass es überhaupt eine voneinander unterscheidbare Gestalt von Religion, Wissenschaft etc. schlechthin Differenz, also überhaupt eine Trennung zwischen gesellschaftlichen Sphären gibt. Der Islam sieht keine Differenz, sondern wie oben gezeigt nur Islam, Islam und nochmals Islam. Die Last der Religion auf die gesellschaftliche Entwicklung ist so groß, dass sich keine moderne Gesellschaft auf Dauer darin entwickeln kann. Den Muslimen kann man daher nur raten: Weniger Islam ist vielleicht mehr. (Fortsetzung folgt)

  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. März 11, 2011 um 13:50

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