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Wie man dabei ist, aber nicht mitmacht: Eine Art Programm

Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde
Voll Leben und voll Tod ist diese Erde
In Armut und in Reichtum grenzenlos.
Gesegnet und verdammt ist diese Erde
Von Schönheit hell umflammt ist diese Erde
Und ihre Zukunft ist herrlich und groß.

Jura Soyfer, Lied von der Erde

Die Kunst dabei zu sein ohne mit zu machen ist der vorläufige Arbeitstitel eines Projekts das sich mit ethischen Fragen befasst, die nicht auf einer moralphilosophischen Problematik beruhen. Ethik, darunter verstehe ich die Frage nach dem richtigen Handeln, aber nicht in Form eines „Du sollst “, sondern eines „Was ist möglich?“. Philosophie wie ich sie verstehe muss sich heutzutage mit den Grenzen der naturwissenschaftlichen Disziplinen beschäftigen, mit Biologie, Evolution, Informatik, Physik, Chemie und all ihren Verwandten und interdisziplinären Mischehen. Der normative Diskurs naiver religiöser Fragen wie „Wer bin ich?“, „Wohin gehe ich?“ etc gehören einer Vergangenheit an, der wir zwar nichts weniger als die humanistische Erziehung verdanken, aber auch nicht mehr als einen Katalog von Tugenden, an die sich kaum jemand gehalten hat, als es darauf ankam. Die Kunst dabei zu sein ohne mitzumachen ist daher eine Perspektive, die sich am besten mit der des Kartographen oder nautischen Navigators vergleichen lässt.
Man kann auch sagen, dass es darum geht einen Blick zu haben, der die Welt von außen oder von ganz weit weg beobachtet. Ich mag die Vorstellung, dass ich die einsame Perspektive Jurij Gagarins einnehmen könnte, wie er in seiner kleinen Kapsel sitzt, wahrscheinlich verrückt vor Angst dass er das möglicherweise nicht überleben wird, und dann entfaltet sich auf einmal vor seinen Augen ein völlig neues Bild der Erde. Und von weit weg kann er etwas beobachten, das er so gut zu kennen glaubt und das sich jetzt in einem völlig neuen Licht zeigt. Das kleine bisschen Zeit, das sich die raumfahrenden Nationen durch unglaublichen Aufwand erkauft haben, macht Jurij Gagarin und alle Astro-, Austro-, Kosmo und Taikonauten zu meinen ganz persönlichen Helden, in denen der Geist des Prometheus und auch der des Ikarus weiter lebt. Man kann nur einen ganz kurzen Augenblick mit der eigenen Abwesenheit von allem, was sich da unten abspielt, allein sein. Da draußen im Orbit um den Planeten ist man dabei, macht aber nicht mit. Was für ein wunderbarer Ausblick muss das sein.
Die Idee dazu leitet sich aus der Lektüre eines sehr ungewöhnlichen Buches ab. „Die Welt ohne uns“ des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Alan Weisman ist eine Arbeit, die auf der Grundlage biologischer, physikalischer, chemischer und geologischer Daten und Interpretationen zeigt, was mit diesem Planeten passierte, würden alle Menschen von einem Augenblick zum anderen verschwinden. Nicht durch eine Katastrophe, wie einem außerirdischen Meteoriteneinschlag oder einem selbst verursachten nuklearen Doomsday, sondern eher durch das Fingerschnippen eines zornigen Gottes: Husch! Und weg sind sie! Was würde dann passieren? Kraftwerke arbeiten nicht mehr, Öltanker laufen auf Riffe, Müllhalden mit Schadstoffen würden ins Grundwasser eindringen und der plötzliche Stopp aller CO2 Emissionen würde zum Global Dimming führen und eine neue Eiszeit herauf beschwören. Ob sich jemand nach dem ökologischen Totalschaden noch gern an uns erinnern wird?
Weisman behauptet nicht frei von Ironie, dass die einzigen Lebewesen, die uns Menschen wirklich vermissen würden, Läuse und Kakerlaken wären. Läuse, weil ihre biologische Reproduktion sehr eng mit den besten menschlichen Köpfen verknüpft ist, Kakerlaken, weil sie im nächsten Winter erfrieren würden, da die Kraftwerke und Stromgeneratoren irgendwann einfach aufhören werden Wärme zu produzieren. Stattdessen würden große Raubtiere, endlich befreit von ihrem schärfsten Rivalen eine große Renaissance erleben und einmal mehr würden Bakterien das tun, was sie immer schon getan haben: Wege finden auch noch den hartnäckigsten Stahl und den gröbsten Beton zu zersetzen, um den Weg für neue Evolutionen frei zu machen. Ob es tatsächlich wünschenswert ist, dass die menschliche Gattung von diesem Planeten verschwinden möge, ist eine Frage, die sich Weisman wohlweislich nicht stellt. Weisman zeigt uns aber sehr anschaulich, welch enormen Einfluss wir auf das Ökosystem der Erde haben und zugleich wie unwichtig wir in Wirklichkeit sind. Aus Sicht der modernen Evolutionsbiologie sind Menschen ein ebenso vorüber gehendes Phänomen wie Ammoniten oder Säbelzahntiger. Nach Schätzungen der Paläoanthropologie gibt es aufrecht gehende Primaten je nach Klassifizierungsart seit vier bis sechs Millionen Jahren. Einer anderen Schätzung zufolge liegt die durchschnittliche Lebensdauer einer Spezies von ihrem Auftreten bis zu ihrem Aussterben bei etwa vier Millionen Jahren. Man wird den Menschen nicht nachsagen können, sie hätten nicht versucht sich an den Durchschnitt zu halten. Aber abseits aller Weltuntergangstimmungen ist doch die viel interessantere Frage, warum es sich trotz allem wirklich lohnt hier gewesen zu sein.
Es gibt radikale Umweltschützer und misanthrope Aktivisten, die das Auftreten der Menschheit als Krebsgeschwür deuten, das den Planeten befallen hat und ihn zerstören wird. Solche Auffassungen sind mir zutiefst zuwider und haben nichts mit den Zielen und Absichten zu tun, die in diesem Blog verfolgt werden. Weismans Buch ist ein wissenschaftliches Fernrohr, das einen Zustand schildert, der uns allen sehr unangenehm wäre, über den aber lohnt sich nachzudenken. Was ist denkbar, prognostizierbar, extrapolierbar aus dem Wissen das wir haben, ohne in fruchtlose Spekulationen zu fallen? Worauf verlassen wir uns überhaupt wirklich? Welche Art von Metaphysik ist eigentlich noch sinnvoll, aus einer Perspektive evolutionsbiologischen Faktenreichtums, die sagt, dass wir nichts sind, in einer unendlichen Weite von Nichts, das uns in keiner Phase auch nur geringste Aufmerksamkeit schenkt? Dieser Blog möchte ein paar Gedanken dazu beitragen, wie man mit diesen Fragen praktisch und sinnvoll umgehen kann.
Politik ist nicht das Geschäft des Beobachters. Es behagt viel mehr von weit oben auf die Dinge zu blicken und durch Brillen der Evolutionsbiologie, der Geschichte, der Geographie, der Geologie auf die Erde hinab zu sehen. Aber Geschäft oder nicht, politische Schlussfolgerungen können deswegen nicht ausbleiben. Aus einem globalen Kontext betrachtet ist die Welt heute ein einziger Krisenherd. Konflikt reiht sich an Konflikt, Kriege an Scharmützel und das brutale Ergebnis imperialer Herrschaft und korrupter Geschäftemacherei lässt weitere Gemetzel unausweichlich folgen. Ist der Kapitalismus an allem schuld? Oder der Imperialismus? Oder der Westen? Sind Europa und die USA in ökologischer Sprache gesprochen das eigentliche Krebsgeschwür, das diesen Planeten befallen hat? Es gibt sicherlich viele politische Aktivisten weltweit, die einen solchen Standpunkt einnehmen. Könnte diese Welt besser werden, wenn es Europa oder die USA nicht mehr gäbe? Wäre die Welt ohne uns wirklich besser dran? Die ethischen, politischen und sozialen Konsequenzen, die sich aus dieser Frage ergeben, werden in den verschiedensten Gewändern und Verkleidungen Gegenstand dieses Blogs sein.
Das Selbstbewusstsein der europäischen Menschen ist in den letzten Jahrzehnten etwas in Unordnung geraten. Hat auf der einen Seite eine gewaltige Veränderung stattgefunden, die durch intensive Arbeit und bemühte Aufklärung eine gewisse Sensibilität für die furchtbaren Konsequenzen der europäischen Expansion, des Kolonialismus und der kapitalistischen Ausbeutung schaffen konnte, flüchten sich zu viele von uns in rechtsextreme Heimatparteien und rassistische Identitätsstiftungen. Die Verklemmungen und Erstarrungen der europäischen Politik, die sich nicht nur in der katastrophalen Asyl und Einwanderungspolitik kristallisieren, äußern sich vor allem im Auftreten von inkompetenten Staatsdienern, korrupten Profiteuren, beinahe unantastbarer Medienmacht, unendlich langweiligen Politikern und einer allgegenwärtigen Vertrauenskrise der Bevölkerungen. Die provinzielle Diktatur der heimatverbundenen Faschisten, deren Rassismus nur noch durch ihre fast unschlagbare Korruptheit überboten wird, scheint auf dem besten Weg zu sein, die dominierende Herrschaftsform des europäischen Festlandes zu werden. Obwohl also der Aufstieg der populistischen Rechten höchst peinliche Konsequenzen zu haben droht, ist der Auslöser ihres Erfolges keine spezifisch rechte Fragestellung, sondern sie berührt einen wesentlichen Teil dessen, was durch humanistische Moralkataloge zu offensichtlich verdrängt wird. Gibt es eine zufrieden stellende Antwort darauf, was die Nachfahren der europäischen Kolonisten, Expansionisten und Konquistadoren mit sich und ihrer Geschichte anfangen sollen? Die Frage könnte auch lauten: Wer sind wir Europäer eigentlich und was können wir zum Fortkommen dieser Welt beitragen?
Wir Europäer sind die einflussreichste Kultur dieses Planeten. Die gesamte moderne Welt, wie wir sie kennen wurde durch, mit und auch gegen die europäische Expansion seit dem 15. Jahrhundert geprägt, geformt und verändert. Keine andere Zivilisation der Geschichte hat derart tief greifende und irreversible Einschnitte in das Antlitz der Erde getrieben. Dem Ausmaß der kulturellen, politischen und technischen Leistungen und Errungenschaften der europäischen Geschichte stehen die grauenhaften Konsequenzen des Kolonialismus und seiner genozidalen Massaker gegenüber. Die Geschichte der europäischen Zivilisation zeigt deutlich wie eng verwoben Hochkultur und Massenmord sind und wie wenig das eine das andere verhindert oder gar beeinflusst. Sich dieser Dialektik bewusst zu stellen und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen ist ein wesentlicher Auftrag an uns zeitgenössische Europäer.

Kategorien:Programm
  1. Januar 3, 2010 um 16:50

    Nur mal so als erster Kommentar:

    Ist einer, der dabei ist, aber nicht mitmacht, nicht schlicht ein Zuschauer? Das mag man literarisch als Flaneur oder intellektuell als Kartograph behübschen, andere Bezeichnungen wären Schaulustiger oder Gaffer: Ein Unfall ist passiert, man steht daneben und schaut neugierig hin, hilft aber nicht … Der teilnahmslose Beobachter ist vielleicht tatsächlich die emblematische Figur unserer Zeit. Der Konsument in seiner halbwegs intellektuellen Erscheinungsform sozusagen.

    Und was hat Gagarin schon groß gesehen, als er auf die Erde sah? Und was wusste er wirklich von dem, was sich ihm da erwartungsgemäß als Hälfte einer Kugel darstellte? Als Bürger des Vaterlandes aller Werktätigen hatte er die Sowjetunion ja nie verlassen dürfen. Falls er also wirklich der Meinug war, die Erde gut zu kennen, täuschte er sich gewaltig. Wahrscheinlich hatte er nicht einmal von Russland viel gesehen. Nur das Bild von der Erde, auf das er schaute, dürfte ihm nicht neu gewesen sein. Noch heute bevorzugt die Weltraumfahrt bei ihrer publikumswirksamen Selbstdarstellung gemalte Bilder und Trickfilme. Und solche Kunst-Bilder gab es schon, bevor tatsächlich in den Weltraum geflogen wurde. (Wie es ja auch schon Darstellungen der Erde aus der Vogelperspektive gab, bevor auch nur der erste Fesselballon in die Lüfte gestiegen war.)

    Die hilflos in ihren etwas popeligen Geschossen eingeklemmten Kosmo-, Astro- und Sonstwasnauten zu Helden zu küren, scheint mir also etwas seltsam. Auch weiß man doch, wie es Prometheus und Ikarus ergangen sein soll. Dieser stürzte ins Meer, weil das Wachs seiner Flügel schmolz, als er entgegen allen Warnungen der Sonne zu nahe kam; jener wurde an den Kaukasus geschmiedet, wo ihm täglich ein Adler die stets nachwachsende Leber aus dem lebendigen Leib hackte. Traurige Helden.

    Mit all dem sei freilich nichts gegen Ethik gesagt. Wie diese freilich ohne Humanität möglich und sinnvoll sein soll, verstehe ich nicht. Mag sein, dass sich (fast) niemand an die altbekannten Tugenden gehalten hat. Aber das ist so wenig ein Argument gegen sie, wie es ein Argument gegen die Straßenverkehrsordnung wäre, wenn jemand im Suff Auto fährt, einen Unfall verursacht und dabei Menschen zu Schaden oder gar zu Tode bringt. Womit ich wieder beim Gaffer wäre …

    Gutes Gelingen mit diesem Blog!

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